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Das Haus der Grimaldi

Richard Voß: Das Haus der Grimaldi - Kapitel 25
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typefiction
authorRichard Voß
titleDas Haus der Grimaldi
publisherJ. Engelhorns Nachf. in Stuttgart
year1923
firstpub1917
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senderwww.gaga.net
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25

Endlich senkte sich der Götterjüngling Frühling auch auf das deutsche Alpenland herab. Vom Himmel her kam der Ewig-Junge, auf Sonnenstrahlen niederfahrend und auf den Schwingen des Südwinds. Die unter der langen Schneelast vergilbten Matten grünten auf wie durch Zauberschlag, wurden zu Gefilden lichtblauer Veilchen, blaßvioletter Krokus und hellgelber Primeln. Von den Bäumen waren die Weiden die ersten, die zartgoldene Schleier an den Rändern der Bäche webten, und über den sprießenden Saaten jubilierten die Lerchen. Ihr Frühlingsgesang tönte aus hohen Lüften herab, während Lawinendonner gleich feierlichem Glockengeläut die Sonntagsstimmung der auferstehenden Natur durchtönte: »Heilig, heilig, der Friede auf Erden, Geist vom Geiste des Herrn!«

Der Freiherr ließ sich selten auf dem Seehof blicken. Er hatte viel zu tun. Arbeit! Auch das ein Evangelium, allen Völkern mit Engelszungen verkündet. Gesegnete Arbeit in heiliger Friedenszeit! Trotz allen Jammers der Menschheit lohnte es sich allein um der Arbeit willen, Mensch zu sein. Des Menschen Arbeit blieb Siegerin über des Menschen Leid.

Niemals hatte der Schloßherr den Segen der Arbeit so eindringlich als Glück empfunden, so recht als Lebensglück. Niemals war er von der Liebe zur Heimat so stark durchdrungen gewesen. Es war seine Heimatliebe, die ihm seine Arbeit, also sein Lebensglück gab. Jedes Gefühl setzte sich für ihn in Tätigkeit um. Also hieß es bei ihm nicht: »Gefühl ist alles,« sondern: »Tätigkeit, Arbeit ist alles!«

Ritt er in diesem Frühling des Jahres 1914 über seine Fluren, schritt er durch seine Wälder, stieg er auf zu seinen Almen und blickte er von hoch droben auf sein Besitztum hinab, so war ihm zumut, als müßte er sich auch die Heimat erst verdienen. Er sah die Fruchtbarkeit des Vaterlands, zu der sich die Majestät der Alpen gesellte, und seine Augen liebkosten die heimatliche Welt. Heimaterde, Heimatscholle! Sie zu hegen und zu pflegen wie eine Mutter ihr Kind, jedes Unheil von ihr abzuwenden, sie vor Schaden zu bewahren, damit sie dem Menschen helfe, das Gebet zu erfüllen: »Unser täglich Brot gib uns heute« – Der Landmann, zu solchem Neil berufen, durfte wohl Hände und Seele aufheben zum Dank, daß er gewürdigt war, ein Sohn von Mutter Erde zu sein.

Und wie liebte Hanns Wolfram das Haus, welches das Haus seiner Väter war; wie segnete er diese in ihr Grab hinein, daß sie ihm solches Haus als Erbe zurückgelassen hatten, zugleich mit der Pflicht, es in ihrem Sinn zu verwalten:

»Was du ererbt von deinen Vätern hast,
Erwirb es, um es zu besitzen.«

Das wollte er. Erwerben wollte er, um zu besitzen! Daß Goethes Wort über der Tür eines jeden Hauses, welches ein Vater dem Sohn zurückließ, tief eingegraben stände als Leitspruch, als Lebensspruch. Nicht nur über des Hauses Tür, sondern auch im Herzen des Sohnes.

Alt war sein Haus, umgrünt von Fluren, umschattet von Wäldern, unter dem von Schnee gekrönten Alpengipfel. Vor Jahrhunderten ward es gebaut. Geschlecht auf Geschlecht hatte dazu Stein auf Stein getragen und jedes Geschlecht war tüchtig gewesen; jedes Geschlecht hatte seine Lebensarbeit getan, so daß es in Frieden ausruhen durfte in der Gruft auf dem kleinen Dorffriedhof, der von freier Höhe niederschaute in das weite, gesegnete Land. Die von den Lieblingsblumen der Ruhenden umblühten schmiedeisernen Kreuze trugen in verlöschender Schrift die Namen der Dorfbewohner, immer die nämlichen Namen. Im Leben hatten sie dem Herrengeschlecht treue Dienste geleistet und sich dadurch ein Recht erworben, auch im Tode bei ihren Gebietern zu sein, um, vereint mit ihnen, das letzte Ostern zu feiern.

Auch im Hause des jungen Freiherrn war alles alt und ehrwürdig. Jedes Gerät hatte durch langen Gebrauch seine Weihe erhalten. Die großblumigen, wenig geschmackvollen Stickereien auf Sesseln und Diwans, auf Vorhängen und Teppichen hatten Großmutter und Urgroßmütter verfertigt und in der gewaltigen Bettstatt unter einem Himmel von verblaßter Seide hatten Generationen geruht, waren Generationen geboren worden und hatten darin ihren letzten Seufzer ausgehaucht, um wiederum neuem Leben Platz zu machen.

Wie würde das alte Haus für eine junge Hausfrau sich eignen?

Es waren die alten Zeiten, waren die alten Menschen nicht mehr. Die junge Zeit forderte andres, als das alte Haus geben konnte. Es mußte umgeschaffen werden, auch das alte Haus mußte sich erneuen ...

Wenn der junge Hausherr, ausruhend von des Tages Arbeit, des Abends seine nachbarlichen Verwandten besuchte, so kam ihm gewöhnlich die Zenz entgegen. Die beiden heimlich Verbündeten sprachen nicht viel; aber die Alte nickte dem Vetter Freiherrn vertraulich zu. Es war diese stumme Sprache, die des Junkers Hoffnung auf ein aufblühendes schönes Glück immer wieder belebte. Trat er dann zu Tante und Oheim, so war's, als erschiene mit ihm nicht nur Jugend und Kraft, sondern auch Helle und Heiterkeit in dem grauen Gemäuer.

Worüber der Junge mit den beiden Alten redete? Stets das nämliche: über den Segen der Scholle, über das Glück, Landmann und Landwirt zu sein. Hanns Wolfram sprach von diesem Segen und von diesem Glück wie ein Abgesandter von seiner Mission: »Besonders wir Deutsche wurden dafür auserwählt, das Feld zu bestellen. Ich kann euch nicht sagen, weshalb ich den Beruf des Landmanns gerade jetzt so tief als die herrlichste aller Pflichten empfinde. Vielleicht ist es der Rückschlag des Lotterlebens in dem großen Lusthaus Seiner Hoheit des Fürsten von Monaco, herbeigeführt durch die schroffen Gegensätze zwischen dort und hier. Gerade unser rauhes nordisches Klima und daß bei uns die Scholle solcher harter Arbeit bedarf, gerade das ist für uns das rechte. Wir können keine Nelken- und Rosenfelder pflanzen, bauen aber dafür Korn und Kartoffeln, Nahrung des Volks. Als ich von jenseit der Alpen über die Grenze kam und den ersten ungeschlachten Deutschen, den ersten bayrischen Eisenbahnschaffner in unserm geliebten bayrischen Blau erblickte, hätte ich dem Manne die Hand schütteln mögen. »Grüß Gott, Landsmann!« Und als der erste mich ansprach in einer Sprache, die durchaus nicht Wohllaut war, nicht einmal sonderlich höflich im Ton – ich sage euch, das Herz schlug mir vor Stolz, ein Sohn dieses Landes zu sein.«

Der Oheim sagte einmal: »Als du zurückkamst, konntest du das französische Militär nicht genug rühmen. Wie steht es also damit?«

»Ich rühme es auch heute noch. Wir unterschätzen es. Möge es uns nicht zum Unheil gereichen.«

»Und die Italiener?«

»Du meinst, das italienische Militär an der französischen Grenze? Beim Ausbruch eines Krieges zwischen Frankreich und Deutschland wird das erste sein, daß Italien sein Militär von der französischen Grenze zurückzieht, damit Frankreich sein Grenzheer gegen uns werfen kann.«

»Wie darfst du das sagen! Etwas so Schändliches von unsern Bundesgenossen?«

»Ich sage es.«

Da ward der alte Herr böse ...

Solche und ähnliche Gespräche hörte Scholastika wortlos mit an. Sie war mit einer ebenso kostbaren wie mühsamen Stickerei beschäftigt, mit einer Altardecke für Altötting. Fromm durfte des Freiherrn von Wagging Hausfrau sein, gut katholisch fromm. Aber das Bleiche und Stille mußte aus Antlitz und Wesen des geliebten Mädchens verschwinden, würde es auch! Dann sollten Antlitz und Wesen leuchten wie ein Maientag.

Daß der Frühling in dieser jetzt noch so stillen und starren Frauenseele bald anbrechen möchte!

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