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Das Haus der Grimaldi

Richard Voß: Das Haus der Grimaldi - Kapitel 24
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typefiction
authorRichard Voß
titleDas Haus der Grimaldi
publisherJ. Engelhorns Nachf. in Stuttgart
year1923
firstpub1917
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senderwww.gaga.net
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24

Hanns Wolfram kehrte zurück in die Heimat, die noch immer in tiefem Winterschlaf lag und die ihm noch niemals so herrlich erschienen war. Und so wundervoll deutsch! Er war in dem Lande ewigen Blühens und höchster Erdenschönheit gewesen, hatte in dem Fürstentum, dessen Herrscher Freund des deutschen Kaisers sich nannte und der ein bedeutender Gelehrter, ein edler Mensch sein sollte, in dessen Spielpalast sein Glück versucht; hatte im Spiele Glück gehabt, war mit einem kleinen Vermögen zurückgekommen, welches er bis auf das letzte Goldstück seiner Gemeinde übergab.

»Wir werden das Geld vielleicht bald für unsre Witwen und Waisen brauchen können. Der Haß der Franzosen ist unauslöschlich. Ihr Haß wartet nur auf eine Gelegenheit, um sich auf uns zu stürzen wie eine Meute reißender Tiere auf ihr Opfer, welches sie wehrlos glaubt und das sie zerreißen will: lebendigen Leibes, Glied für Glied. Ich sah ihren Haß in ihren Blicken lodern, fühlte ihren Haß in ihren Worten glühen, so gleißend sie waren. Ich sah ihre Soldaten, ihre Alpenjäger und ihre Kavallerie. Wir sollen uns hüten, sie zu unterschätzen. Wäre Frankreich auch nicht ein mächtiges Land, so wäre doch Frankreichs Haß eine furchtbare Gewalt. Um dieser Gewalt zu trotzen, um diese Wut niederzuringen, muß auch unser Haß lohen und lodern, ein himmlisches Feuer, in deutschen Herzen von einer Gottheit entzündet. Unser Haß wider Deutschlands unversöhnlichen Feind – auch' er birgt in sich den Willen zum Sieg, gegründet auf das Recht unsrer Sache. Dieses Recht ist ein höchstes Gut unsres Volkes.«

So hatte der Zurückgekehrte zu guten Freunden gesprochen und in ähnlicher volkstümlicher Weise zu den Männern seiner Gemeinde. In München hatte man ihn ausgelacht. Deutschland wolle den Frieden. Es wolle die Wohlfahrt des Volkes in fleißiger Arbeit sich entwickeln lassen. Die Bauern hatten ihren Herrn Baron vollends nicht verstanden und verwundert die Köpfe geschüttelt. Krieg? Wie und von wo sollte denn Krieg kommen? Der Landmann bestellte in Frieden seinen Acker, auf Wiesen und Almen weidete in Frieden das Vieh, und die Glocken der Herden erklangen gleich einem ewigen Friedensgeläut. Und dann – Krieg? Länderverheerender, völkermordender Krieg? Erst anno 1870 war Krieg gewesen, mit dem Franzmann dort drüben im Westen! Der Franzmann hatte damals vom Krieg genug gehabt; hatte die deutschen Waffen an seinem Leibe gespürt, die Waffen der Preußen und Sachsen, der Württemberger und Badener, die Waffen der Bayern! Der preußische Adler hatte scharfe Fänge, der bayrische Löwe gewaltige Tatzen. Also?

Also, wenn der Franzmann wieder mit den Deutschen anbinden wollte, so sollte er nur kommen! Es gab jetzt ein einiges Deutschland, ein einiges Volk in Waffen ...

Erst eine volle Woche nach seiner Rückkehr aus dem Lande des Goldes und Glanzes begab sich der Freiherr nach dem Seehof, um seinen Verwandten die Grüße der Tochter zu überbringen und um zu berichten, daß Scholastika im Schloß von Monaco in Herrlichkeit und Freude lebe.

Ja aber, was war denn das? Das war ja doch die alte Zenz, die im Schloßhof stand und mit dem Schorschl nach Herzenslust schwatzte. Unmöglich konnte das die Zenz sein! Die befand sich ja doch bei ihrer Komtesse an der Azurküste, im Fürstenschloß von Monaco, aus dem sie dem Vetter Freiherrn wieder Bericht senden wollte gleich jenem, der ihn damals veranlaßt hatte, seine Alpenklause zu verlassen und sich als leichtfertiger Glücksspieler nach Monte Carlo und ins Grandhotel zu begeben. Der Brief der Alten war nicht nur ein Dokument rührender Dienertreue, sondern auch sonst ein gar kostbares Schreiben gewesen. Denn welcher Stil, welche Orthographie!

Und nun hatte er die Halluzination, die Zenz, die ja doch in Monaco war, leibhaftig vor sich zu sehen.

»Zenz! Du bist's? Bist es leibhaftig?«

Sie kam dem Vetter Freiherrn entgegen, über das ganze alte gute Gesicht lachend und leuchtend. Sie erklärte stolz: »Ich und der Schorschl, wir verstehen einander, wie uns auf dem Seehof sonst niemand versteht; denn wir sprechen miteinander Französisch! Der Schorschl sagt, ich könne es fast so gut wie er selber und er war doch länger als ein Jahr bei den Franzosen. Sogar in Paris war der Schorschl... Ach, Herr Baron, wie schön ist es doch bei uns! Etwas Schöneres gibt es nicht auf der Welt. Die Frauenzimmer dort drüben – Maria und Joseph! Und der Mosjö Schan Baptiste! Zu Mittag gibt's heute abgebräunte Kalbshaxeln und Rohrnudeln. Denken der Herr Baron: abgebräunte Kalbshaxeln und Rohrnudeln!«

Der Herr Baron aber sagte nur: »Und deine Komtesse? Du konntest deine Komtesse verlassen?«

Da sah die Zenz den Vetter Freiherrn bitterböse an, war aber gleich darauf wieder gut und meinte so obenhin: »Ich hätte meine Komtesse verlassen? Das Gesicht von dem Herrn Grafen hätte der Herr Baron sehen sollen, als meine Komtesse plötzlich abreiste, gleich den Tag nach dem Herrn Baron.«

»Scholastika abgereist? Gleich nach mir? Also ist sie –«

»Freilich ist sie! Auf dem Seehof ist sie! Und sie ist ganz stumm und still, bleich und elend: aber –«

Aber ohne ein Wort ließ der Herr Baron die Zenz stehen und lief ins Haus. Die Zenz sah ihm nach, das alte Gesicht ganz Lachen und Leuchten. Dann suchte sie ihren Freund wieder auf, den Schorschl, mit dem sie nur mehr Französisch sprach: über die Franzosen und was das für ein Volk sei. Aber sie sollten nur kommen, die Herren Franzosen. Nach Oberbayern sollten sie kommen!

Hanns Wolfram ließ sich bei seinen Verwandten melden, zeigte jedoch nicht das mindeste Erstaunen darüber, daß seine Base das Haus der Grimaldi verlassen und aus dem Blütenlande heimgekehrt war nach dem noch immer winterlichen Seehof, zu dem rauhen Volk ihrer Heimat. Auch nicht das geringste Bedauern, als sie ihm entgegentrat, stumm und still, bleich und elend – wie die Zenz sie geschildert hatte...

Die beiden jungen Leute sprachen von diesem und jenem, nur nicht von dem einen: nur nicht von dem Paradies an der Azurküste, das hinter ihnen lag, weit, weit hinter ihnen! Für Scholastika in unerreichbare Ferne entrückt, für Hanns Wolfram verschwunden, als hätte er das irdische Elysium mit keinem Fuße betreten.

Für Scholastika war es eine Versuchung gewesen, für ihn hätte es niemals eine solche werden können. Nun mußte sie sehen, wie sie damit fertig wurde. Auch fertig mit ihrem gebrochenen Stolz, ihrer seelischen Niederlage, die für sie Demütigung war. Erst wenn sie sich selbst wieder geläutert und erhoben hatte, erst dann –

Dem jungen Manne pochte das Herz in heißen Schlägen, wenn er dachte, was dann kommen würde.

Dann hatte sie die Prüfung bestanden, dann war sie seiner treuen Liebe wert, dann kam für beide das Glück.

Es würde ein Glück sein ohne Ende.

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