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Das Haus der Grimaldi

Richard Voß: Das Haus der Grimaldi - Kapitel 22
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typefiction
authorRichard Voß
titleDas Haus der Grimaldi
publisherJ. Engelhorns Nachf. in Stuttgart
year1923
firstpub1917
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22

Steif saß der Vetter seiner Base gegenüber, steif und kühl bis ins Herz hinein. Auch seine Begrüßung mit Zenz war so gelassen gewesen, als ob Monaco und Monte Carlo bei Rosenheim lägen. Das heimliche Zunicken und die verständnisvollen Blicke der beiden hatte Scholastika freilich nicht bemerkt.

Eine knappe halbe Stunde vor dem Diner war er gekommen, von Jean Baptiste feierlich angemeldet. Nun saß er ihr im Frack gegenüber. Auch im Frack sah er aus – wie denn gleich? Wirklich erstaunlich anständig, wie seine Base fand, die ihn nur als Landjunker, als Alpenwildling kannte. Sogar einen Ordensstern trug er an der Seite. Er war eben der Freiherr von Wagging aus uraltem vornehmem Geschlecht. Das sah jedermann. Nur seine liebe Base hatte es nicht gesehen. Wenigstens nicht bisher. Er mußte erst nach Monte Carlo kommen, wo es von vornehmen und eleganten Herren wimmelte. Gewiß würde Yvonne ihn wieder »prachtvoll« finden und gewiß würde sie wieder mit ihm kokettieren. Und das während ihres sogenannten Honigmondes in Gegenwart des Gatten. Und der Vetter? Er würde genau ebenso sein, wie alle Männer waren, und von der kleinen Zauberin sich einfangen lassen. Den Hof würde er ihr machen, sich in sie verlieben, hatte er doch ihresgleichen noch nicht gesehen. Auch war sie wirklich bezaubernd, diese arme kleine Yvonne.

Seinetwegen hatte sie heute ihr hübsches weißes Gewand angezogen. Er aber blieb kalt und steif. Hatte er ihr im Seehof gegenüber gesessen, hatte er sie mit Blicken betrachtet, die ihr sagten: »Wie schön bist du! Wie bewundere ich dich! Wie liebe ich dich!«

Und hier? Und jetzt?

Wenn der Steife und Kühle gewußt hätte, wie ihr hier gehuldigt wurde! Und das in dem Lande der berückendsten Frauen, der berühmtesten Lebemänner!

»Lebemänner«. Es war ein häßliches Wort. Der Schloßherr von Wagging war kein Lebemann. Ein Lebensbejaher und Lebensfroher war er, gesund bis ins Mark hinein. Alles an ihm war Frische und Kraft, Wahrhaftigkeit und Tüchtigkeit. Und – prachtvoll war er! Seltsam, daß ihr diese gewiß stark übertriebene Bezeichnung nicht aus dem Sinn kam! Seltsam auch, daß gerade Yvonne ihn so fand! Einen Pariser hätte man allerdings schwerlich prachtvoll finden können ...

Eisig kühl seine Antworten auf ihre eifrigen Fragen. Er antwortete: »Wie es zu Hause geht? Danke. Es geht allen gut. Alle lassen grüßen. Du möchtest nur so lange fortbleiben, wie du willst. Zu Hause ist es ja doch so ganz anders als hier. Der graue Seehof, das dunkle Wasser, die wilden Berge, der trübe Himmel; überhaupt alles und jedes ganz anders. Frühling wird es bei uns erst, wenn hier bereits glühender Sommer ist. Noch Ende April liegt rings um den Seehof hoher Schnee. Gewiß nehmen dich deine Freunde mit nach Paris? Denke doch: Paris! Was ist gegen Paris unser biederes München, gegen Frankreich überhaupt Deutschland? Ein armseliges Land, bewohnt von einem plumpen Volk. Ich wußte auch nicht, wie armselig und plump bei uns alles ist. Erst jetzt weiß ich's; denn erst hier erkannte ich es, hier! Diese Damen, die Französinnen, die Pariserinnen und deine Freundin, die junge Gräfin. Auch der Graf soll unwiderstehlich sein. Ich gratuliere dir übrigens.«

»Wozu?«

»Zu deinem Erfolg in der großen Welt von Monaco und Monte Carlo. Trotz der Damen aus Paris, London und Neuyork soll der Graf dich bewundern. Den Hof soll er dir machen. Wenn ein Graf von Roquebrune einer Deutschen den Hof macht, finde ich es sehr natürlich, wenn diese davon entzückt ist. Ich mache dir mein Kompliment. Du bist hier eine Dame geworden, nicht zum Wiedererkennen.«

Und das alles durchaus ernsthaft, steif und kühl. Mit stärkerem Nachdruck, als nötig war, erklärte Scholastika »Keinesfalls gehe ich nach Paris. Auch habe ich die Gastfreundschaft meiner Freunde schon viel zu sehr in Anspruch genommen. Wie lange gedenkst du in Monte Carlo zu bleiben?«

»Das kann ich heute noch nicht sagen. Ich kam her, um mich zu amüsieren ... Wie meinst du?«

Eigentlich hatte sie gemeint, er sei um ihretwillen gekommen. Das dachte sie indes nur; laut drückte sie ihm möglichst gelassen ihr Erstaunen aus: »Um dich zu amüsieren? Du hättest nötig, dich zu amüsieren? Bei deiner geradezu fanatischen Liebe zu deinen Wäldern und Bergen, deinem Hause und deinen Leuten, mit denen du lebst wie ein ehrwürdiger Patriarch. Und daß du gerade Monte Carlo wähltest?«

Ihr Vetter meinte gleichmütig: »Gerade Monte Carlo reizte mich. In meinem Hotel geht es zu – Diese Damen, diese große Welt. In meinem alten Gemäuer hätte ich mir das nicht träumen lassen. Und erst das Kasino! Ich spiele mit wahrer Wut. Also bleibe ich wohl noch eine Weile. Jedenfalls so lange, bis ich die paar tausend Mark, die ich mitnahm, verloren habe. Schade, daß dir das Spiel nicht Spaß macht. Wie ich von deiner Freundin hörte, findest du es unmoralisch. Weshalb eigentlich? Der Mensch bedarf dergleichen Aufregungen. Deine Freundin am Spieltisch zu sehen, ist ein Schauspiel. Sie setzt einen Tausendfrankenschein, als sei es ein Fetzen Papier, und verliert mit derselben grandiosen Gleichgültigkeit. Es ist eine wundervolle kleine Person, Dame und Elfe zugleich.«

War der Mann, der solche Reden führte, ihr Vetter, Hanns Wolfram von Wagging? Wie ein Franzose sprach er von Dingen, die ihm seiner ganzen Natur nach Widerwillen einflößen mußten. Die Damen im Grandhotel – obgleich sich darunter Großfürstinnen befanden – das Spiel im Kasino, das ganze Leben und Treiben in dieser paradiesischen Hölle, dem großen goldenen Lusthause – Sie mußte ihn sich vorstellen im Schloß seiner Väter oder auf seinem Braunen über die Felder sprengend, und dann sprach er zu ihr in einer Weise – Seine leichtfertige Art zu reden verletzte sie nicht minder wie seine Kühle und Steifheit. Wie hatte sie sich gefreut, ihn so völlig unerwartet wiederzusehen. Wie sehr hatte sie dabei empfunden, daß sie zu ihm gehörte. Und nun?

Es war gut, daß der Gong zum zweitenmal erklang, also gingen sie. Im Salon warteten Graf und Gräfin und es waren verschiedene Gäste anwesend. Scholastika stellte dem Grafen ihren Vetter vor. Der Graf war die Liebenswürdigkeit selbst, der Freiherr die beste Haltung selbst. Scholastika gefiel das gelassene Wesen ihres Verwandten gegenüber dem glänzenden Herrn. Mit der schlanken zierlichen Gestalt des Herrn aus Paris verglichen, wirkte der hochgewachsene breitschultrige Freiherr gerade durch seine kühle Ruhe. Dabei zeigte er in dem fremden Salon eine Sicherheit des Benehmens, als verkehre er in dieser Welt höchster Kultur seit Jahr und Tag. Er führte die Gräfin zu Tisch und saß zur Rechten der Wirtin, die er vorhin eine wundervolle kleine Person, Dame und Elfe zugleich, genannt hatte.

Keiner der Gäste sprach es aus – natürlich nicht! – aber jeder dachte es: »So sieht also ein Bayer aus! Dieser Herr aus Bayern ist einer von jenen, die in Frankreichs Unglücksjahren mit den deutschen Barbaren gegen uns kämpften. Bazeilles haben die Bayern niedergebrannt. Auch in Paris sind sie mit eingezogen, in das besiegte Paris! Auch sie haben Elsaß-Lothringen uns geraubt und ihr König hat dem König von Preußen die Kaiserkrone angeboten. Auch Bayern gegenüber gedenkt Frankreich – nur warten, nur abwarten! Als ob Frankreich vergessen hätte, vergessen könnte! Unsre Zeit wird kommen, unsre Stunde wird schlagen! Und dann – ein zweites Sedan gibt es für Frankreich nicht ... Übrigens sieht der Mann gut aus. Sogar Manieren hat er! Wer hätte das gedacht? Von einem Bayern! Er ißt sogar den Fisch nicht mit dem Messer.«

Von Bayern wußte man in Frankreich, daß München Bayerns Hauptstadt war. Von München aus fuhr man nach Bayreuth. Bayern, München, Richard Wagner, Bayreuth! Dieser Herr kam jedoch aus Oberbayern; saß in Monaco an der Tafel, trug Frack, weiße Krawatte, weiße Weste, hatte einen Ordensstern, sprach Französisch, unterhielt sich durchaus ungezwungen und aß Fisch wie jeder andre Kulturmensch auch.

Man sprach von Bayern und vom König Ludwig dem Zweiten. Dieser König hatte goldene Paläste gebaut, hatte Richard Wagner zum Mitregenten gemacht, hatte aus unglücklicher Liebe zu der schönen Kaiserin Elisabeth von Osterreich den Verstand verloren. Im Wahnsinn hatte er seine ganze Leibgarde erschießen und hängen lassen und war von seinem eigenen Volk ertränkt worden. Jetzt regierte in Bayern der deutsche Kaiser und –

»Verzeihen Sie, mein Herr. Aber Bayern hat seinen eigenen König. Nicht den unglücklichen König Otto, sondern wieder einen König Ludwig, Deutschlands stärksten Bundesfürsten. Sie scheinen in Ihrem schönen Frankreich von uns wenig zu wissen. Wie sollten Sie auch? Frankreich ist viel zu schön und viel zu kultiviert, um sich um uns zu kümmern. Wir leben aber wirklich nicht in Höhlen, tragen keine Bärenfelle, führen jedoch in unserm Wappenschilde ein Tier, einen Löwen: den bayrischen Löwen, mein Herr!«

Und der bayrische Junker hielt diese Rede dem Herrn aus Paris im höflichsten Plauderton. Wer hätte das dem Vetter zugetraut? Seine Base gewiß nicht...

Diese verbrachte eine unruhige Nacht. Ihr Jugendfreund und der Graf – Wenn ihr Vetter gewußt hätte, daß sie von dem Grafen geliebt wurde, daß sie die erste, die einzige Frau war, für welche dieser den Frauen so gefährliche Mann in Leidenschaft entbrannt war –

Und sie? Gott im Himmel, und sie?

Auch über sie hatte er Gewalt gewonnen, eine dämonische, unheilvolle. Sie würde dieser verderblichen Macht widerstehen; aber –

Wenn Vetter Wolf gewußt hätte!

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