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Das Haus der Grimaldi

Richard Voß: Das Haus der Grimaldi - Kapitel 20
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typefiction
authorRichard Voß
titleDas Haus der Grimaldi
publisherJ. Engelhorns Nachf. in Stuttgart
year1923
firstpub1917
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20

»Stark und stolz.«

Sch stark und stolz zu erweisen, war fortan Scholastikas einziger Gedanke. Wenn noch andre Vorstellungen sie bedrängten, so kämpfte sie mit ihrem Stolz und ihrer Stärke dagegen. Der Frieden ihres jungen Lebens lag hinter ihr, vor ihr lag der Kampf mit dem Leben, lagen des Lebens Leidenschaften und Leiden.

Bald nach ihrer Rückkehr von dem verhängnisvollen Morgenspaziergang hatte sie sich von ihrem Schwächeanfall erholt. Sie gestand Zenz, es sei von ihr unvernünftig gewesen, bei dem Unwetter auszugehen. Aber die Herrlichkeit des Meeres werde sie in ihrem Leben nicht vergessen.

»Bitte, verrate nicht, wie töricht ich mich benahm. Eines Sturmes wegen ohnmächtig zu werden! Als wüßten wir in unsern Bergen nicht, was Sturm ist: Föhnsturm! Ich muß mich schämen, dir wie ein hilfloses Kind in die Arme gefallen zu sein!«

»Als hilfloses Kind lagst du oft genug an meiner Brust.«

Zum mittäglichen Frühstück begegnete Scholastika dem Grafen. Ihr Herz pochte zum Zerspringen; aber sie bewahrte ihre Haltung. Der Graf ging ihr entgegen und sah sie schweigend an. Sie wich seinem Blick nicht aus, überwand sich, ihm die Hand zu reichen, die er ehrerbietig an die Lippen führte. Sie fühlte seinen Kuß, als wäre ihrer Hand ein Brandmal aufgedrückt. Yvonne, die an diesem Sturmtage besonders übernächtig aussah, rief lachend: »Von allen Völkerschaften der Welt bringt nur eine Deutsche es fertig, beim Mistral eine Morgenpromenade zu machen. Charles hat mir alles erzählt. Er sah dich fortgehen, sorgte sich um dich und folgte dir. Du sollst mit dem Sturm wie eine Heldin gekämpft haben; er aber wollte sehen, wie weit dein Heldenmut dich führen würde: bis nach Saint Jean und weiter bis nach Saint Hospice. Selbst er konnte sich kaum aufrecht erhalten, du aber schrittest wie eine Siegerin vor ihm her. Erst auf der Klippe holte er dich ein, von einer Bewunderung für dich erfüllt, daß er dir, vom Mistral umbraust, eine Liebeserklärung machte. Du aber wiesest ihn mit einer Königinmiene zurück. Jetzt ist der Arme ganz gebrochen. Ich bitte dich, ihm gnädig zu sein. Er hatte einen Augenblick völlig vergessen, was du bist: eine Deutsche! Jede andre nämlich würde ihn erhört haben. Mir werden von meinem Herrn Gemahl keine Geständnisse gemacht. Ich beneide dich darum.«

Sie hätte noch weiter fortgeschwatzt; aber der grandiose Haushofmeister meldete, es sei serviert, und die Lakaien rissen die Tür zum Speisesaal auf. Im ganzen Hause ward das Heulen des Mistrals gehört. Sein Brausen bildete an diesem Tage die Tafelmusik ...

Das hatte der feine Herr fein gemacht! Wie ein lustiges Abenteuer hatte er seiner Frau den Vorfall berichtet. Yvonne hatte auch seine Liebeserklärung höchst belustigend gefunden. Was war es weiter als ein Flirt? Ein kleiner hübscher Flirt, um den Yvonne die Freundin beneidete. Nur eine Deutsche konnte die Sache ernst nehmen, wohl gar tragisch. O diese Deutschen! Sie machten bei Sturm weite Morgenpromenaden, fanden das aufgewühlte Meer himmlisch und hielten einen amüsanten Flirt für eine Tragödie. Wenigstens taten dies junge deutsche Damen aus ersten Familien vom Schlage der guten lieben Scholastika, die ein Nönnchen hätte werden sollen. Sie war eben doch nicht sehr bildungsfähig und im Grund genommen recht spießbürgerlich, die Liebe, Gute! Schade um sie; denn sie war wirklich eine vollkommene Schönheit. Dabei so gesund! Geradezu brutal gesund, körperlich wie geistig. Ob es in Deutschland viele solcher Frauen gab? Besonders was die Tugend betraf? Oder war diese lediglich Prüderie und Komödie? Wenn das der Fall war, so würde die deutsche Frau um nichts besser sein als die Frauen andrer Länder; im Gegenteil, um vieles schlechter. Heuchlerinnen wären sie dann! Die Pariserin wäre demnach ein Wesen von höchster Moral im Vergleich zu ihnen: denn sie zeigte der Welt ihr wahres Gesicht, während jene eine Maske trug.

Obgleich der Graf seiner Frau den Vorfall bei Saint Hospice so falsch geschildert hatte, war Scholastika ihm dafür dankbar, durfte sie jetzt doch schweigen. Wie lächerlich ernsthaft sie die Sache nahm, bewies die Auffassung Yvonnes: ein hübscher kleiner Flirt, nichts andres ...

Aber was hatte nur die Zenz? Daß die Alte trotz des Winterfrühlings an der Cote d'Azur und aller Schloßherrlichkeit sich tiefunglücklich fühlte, verstand sie. Es war das berühmte Heimweh der Bewohner des nordischen Alpenlands nach ihren geliebten Bergen. Aber mit welchem sonderbaren Blick betrachtete die Zenz seit jenem Sturmtage ihre junge Herrin? Was bedeutete ihr verstohlenes Kopfschütteln, ihr heimliches Seufzen und Stöhnen? Traf vom Seehof ein Brief ein, von Jean Baptiste auf silberner Platte überreicht, so geriet die Zenz in eine Aufregung, als müßte das Schreiben eine ungeheure Neuigkeit enthalten; zum Beispiel die Verlobung des Vetter Freiherrn mit irgend einer Standesgenossin. Wenn Scholastika ihr dann mitteilte: »Zu Hause ist alles wohl. Der Stigei, der Schorschl und alle die andern lassen dich grüßen und dir sagen, sie hätten noch immer tiefen Winter. Kannst du dir das vorstellen? Immer noch Schnee und Eis!«

Wenn Zenz solche Botschaft hörte, starrte sie ihrer Herrin ins Gesicht und tat mit seltsamer Miene die Frage: »Und der Vetter Freiherr? Kommt denn der Vetter Freiherr gar nicht mehr auf den Seehof? Läßt er mich denn gar nicht grüßen?«

»Meine Mutter schreibt nichts von ihm.«

»Nichts von dem lieben guten Herrn Baron? Einen bessern Herrn gibt es nicht! Vollends nicht in diesem Land. Hier sind alle Männer schlecht. Lügner und Lumpen sind sie! Hätten die Bayern doch auch dieses Land genommen, als der Schorschl in Frankreich war. Was hätten wir freilich damit anfangen sollen? Mit solchem Gesindel! Und die Frauenzimmer! Zu Hause wird mir keine Seele glauben, was hier für Frauenzimmer herumlaufen ...«

»Stolz und stark!«

Scholastika war beides. Er sollte sie nicht lieben, sondern hochhalten. Aber welche Kämpfe kosteten sie ihre Stärke und ihr Stolz. In schlaflosen Nächten rang sie mit sich selbst, um nur für den nächsten Tag ihre Stärke und ihren Stolz aufrechthalten zu können. Seitdem sie zu der Erkenntnis gelangt war, daß sie ihn liebte, seitdem er ihr das Geständnis seiner Liebe gemacht, nagte es an ihrer Seele wie eine gefährliche Krankheit. Ein Todübel war's. Bei ihrem Ringen mit ihrem besseren Selbst fand sie den Mut nicht zu dem Selbstbekenntnis, daß sie nicht aus Stärke und Stolz geblieben war, sondern um in seiner Nähe zu weilen, um das Glück seiner Nähe zu fühlen. Es war freilich ein qualvolles Glück.

Nach wie vor benahm sich der Graf ihr gegenüber tadellos, jeder Zoll Kavalier! Der Vorfall auf der sturmumtosten Klippe schien nur ein Traum gewesen zu sein. Er hatte sie niemals vor der heranbrausenden Woge gerettet, sie niemals umschlungen und an seiner Brust gehalten; hatte ihr niemals zugejubelt, daß auch sie ihn liebe und daß sie ihm angehöre.

»Ich liebe dich, wie ich noch kein Weib geliebt. Du allein bist es, die ich mein Lebenlang gesucht. Jetzt fand ich dich, jetzt halte ich dich, und was ich einmal halte, lasse ich nicht wieder!«

Nur ein Traum wäre es gewesen? Auch das nur ein Traum, daß sie seine Worte angehört hatte und erst dann sich seinen Armen entrissen –

Ihre Schuld wuchs.

Sie aber wollte ihre Schuld büßen.

Nachts lag sie stundenlang in heißem Gebet. Sie rang mit Gott: »Herr, ich lasse dich nicht!« Aber sie blieb bei der Freundin, an der sie zur Verräterin geworden war, blieb in des Geliebten Nähe. Und wenn sie auch durch keinen Blick die Qual ihrer Seele verriet, so war auch das eine Schuld, die gesühnt werden mußte ...

In des Grafen Haltung kam allmählich ein Ton kühler Höflichkeit. Das hatte sie nicht erwartet, auch nicht verdient. Sein Benehmen ihr gegenüber wandelte sich mehr und mehr in kalte Ehrerbietung, die ihr wie Hohn erschien. Häufig beachtete er sie überhaupt nicht oder er machte in ihrer Gegenwart andern Frauen den Hof, Damen der großen Welt, neben denen Scholastika sich unerträglich spießbürgerlich vorkam. Wie diese Frauen mit ihm kokettierten, welche Blicke sie ihm zuwarfen, welche Gespräche sie mit ihm führten! Dann befand er sich in seinem wahren Element, dem des berückenden Weltmannes, des unwiderstehlichen Frauenfreundes, als den ihn seine Gattin dem »Liebling« geschildert. Auch zu solchem Flirt lachte Yvonne, ließ sich ihrerseits den Hof machen in einer Weise, die Scholastika fassungslos machte. Auch ihr selbst wurden Galanterien erwiesen. Man sagte ihr ins Gesicht hinein, wie schön sie sei, von einer Schönheit, die – sie durfte darüber nicht nachdenken. Der Graf schien nichts zu hören, nichts zu sehen; schien vollständig gleichgültig gegen alles zu sein, was sie betraf. Liebte er sie denn nicht? Liebte er nicht in ihr die Frau, die er sein Lebenlang qualvoll gesucht und endlich, endlich gefunden hatte?

Und jetzt?

So kühl, so eisig kalt; so fremd und gleichgültig!

Da begann sie nach einem Wort, einem Blick von ihm sich zu sehnen, und ihre Sehnsucht nach diesem Blick und Wort wuchs und wuchs.

So drohte es denn zu kommen, wie es kommen mußte.

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