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Das Haus der Grimaldi

Richard Voß: Das Haus der Grimaldi - Kapitel 2
Quellenangabe
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typefiction
authorRichard Voß
titleDas Haus der Grimaldi
publisherJ. Engelhorns Nachf. in Stuttgart
year1923
firstpub1917
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2

Der Freiherr ritt durch das Dorf, das zu Füßen des Schloßbergs lag, Hof an Hof, jeder mit Stallung, Obstgarten und fließendem Brunnen, ein gar ansehnlicher Besitz wohlhabender Geschlechter. Kein einziges Haus trug das neumodische Ziegeldach, jeder Hof war, wie er vor Jahrhunderten gewesen. Ebenso die Trachten seiner Bewohner, der Männer sowohl wie der Frauen. Obgleich die Leute von Wagging seit langem nicht mehr die Hörigen der Schloßherrschaft waren, so wäre doch der Junker Freiherr mit heißem Zorn dreingefahren, hätte ein Bäuerlein sich unterfangen, die ehrwürdige Tracht auch nur mit einem Stück neumodischer Häßlichkeit zu vertauschen; und selbst der größte Hofbesitzer hätte ihm ohne weiteres Gehorsam geleistet.

Denn jedermann im Dorf wußte: ihr Hansl-Baron wäre mit dem nämlichen Feuereifer dreingefahren, wenn einem von ihnen ein Unrecht geschehen oder ein Unglück zugestoßen wäre. Er wäre der erste gewesen, der tatkräftige Hilfe gebracht hätte. Durch die lange Dorfgasse ritt der Freiherr seinem Glück entgegen. Der Hufschlag rief die Leute aus den Häusern hervor. In den offenen Fenstern und Türen zeigten sich Gestalten, die dem stattlichen Reitersmann mit einem traulichen »Grüß Gott!« zunickten. Vor jedem Fenster blühten Fuchsien, Geranien und Nelken, so daß jede der vielhundertjährigen Behausungen wie zu einem Fest geschmückt schien. Die Bewohner von Wagging waren echt oberbayrischen Schlags, und die Mädchenköpfe, die zwischen den Blumen an den Fenstern auftauchten, eine Galerie lebendiger »Defregger«. Alle nickten dem Schloßherrn zu, lachten ihn an, und er hatte genug zu tun, wieder zu grüßen und zu lachen. Manch einem blonden, blauäugigen Kind kam bei seinem Anblick in den Sinn: »Bildsauber ist er grad nicht, unser Herr Baron, aber die Frau, die ihn einmal zum Manne bekommt, ist bei ihm für Lebenszeit gut aufgehoben.«

Und die Männer, die alten sowohl wie die jungen, dachten: »Ein Tüchtiger ist unser Herr Baron, ein Mann, so recht nach unsres Herrgotts Herzen! Auf den Mann ist Verlaß!«

Die Frauen aber sprachen untereinander: »Fromm ist er auch und das ist gut in unsrer sündhaften Zeit. Er ehrt die Sakramente nicht nur, weil es so sein muß, sondern weil es ihm aus dem Herzen kommt. Ist er doch auch ein Sankt Georgsritter, wie sein Vater und alle seines Hauses es waren. Auch bayrischer Standesherr! Die lieben Heiligen, behüten ihn! Möge er uns nur bald eine Frau Freiherrin bringen. Eine Prinzessin könnte ihn zum Manne nehmen, so brav ist er. Dabei stark, wie unsre Burschen, diese Hallodri!«

Nicht ahnend das viele Lob, welches der Anblick seiner Person von allen Seiten hervorrief, ritt der junge Sankt Georgsritter seines Weges weiter, so hellen und heiteren Gemüts, wie rings um ihn der Frühling, der leuchtete, daß es eine Lust war. Dem Reiter zur Rechten rauschte der Fluß mit hochgeschwollenen Wassern, ihm zur Linken erstreckten sich hügelan die bunten Fluren, die sprießenden Saaten, die knospenden Wälder und dahinter stieg in aller Majestät das Hochgebirge auf, herrlich und schrecklich zugleich. Da der Tag warm war, mischte sich in das Brausen des Flusses das Donnern der Lawinen, diese Frühlingsmusik des Hochgebirgs, vom Gesange der Amseln und Lerchen begleitet. Und alles, was Hanns Wolfram auf seinem Wege an Erdenschönheit überschaute, war sein Eigentum, welches er durch Arbeit und Fleiß zu seinem wahren Besitz erst machen wollte: »Dies alles ist mein. Dies alles wird auch ihr, der Geliebten, gehören!«

Er wußte nicht, daß er diese Worte laut in die Welt hinausrief. Plötzlich kam ihm der Gedanke: Wie sagte die alte Getreue doch gleich? War es nicht etwas von der Fremde und daß sie in der Fremde die Heimat vergessen haben könnte? Der Heimat entfremdet. Wer? Sie, Scholastika, deren Platz auf der ganzen weiten Welt nur hier war. Der Heimat entfremdet, also auch ihm? Torheit war's! Heute kam sie zurück – endlich nach vollen zwei Jahren! Ihr zu Ehren, ihr zuliebe hatte sich die Welt so geschmückt: so wunderschön, wie sie selber war. Und diese wunderschöne Welt war ihre Heimat, wie dieser nichts weniger als wunderschöne Mann sehr bald ihr Bräutigam sein würde ... Alte dumme Wabei! In der Fremde fremd geworden. Sein Bäschen, sein Bräutchen, das er liebte, wie ein Mann seiner Art ein Mädchen eben liebt: schlicht und treu und stark. Männer seiner Heimat langten sogleich nach dem im Griff stehenden Messer, wenn ihnen ein Nebenbuhler ihr Liebchen abspenstig machen wollte, zu dem sie des Nachts heimlich ins Kammerfenster stiegen. Die Burschen seiner Heimat kämpften um das heißbegehrte Weib, wie der Hirsch um die Hirschin. Von dem König ihrer Wälder hatten sie ihr Liebeswerben gelernt, wie ihren Nationaltanz von dem balzenden Auerhahn. Doch was hatte die Liebe des Junkers mit dem wütenden Werben der Wildlinge zu schaffen? Um sein holdes Bäschen bedurfte es keines Kampfes.

Er hätte jubeln mögen, so wie die Burschen ihre unbändige Lebenslust hinausjauchzten in die wunderschöne Welt bei grauendem Tagesanbruch, wenn sie von ihrem Schatz fortschlichen. Dann ließ es auch den Freiherrn nicht länger ruhen. Beim ersten Dämmerschein sprang er vom Lager auf, eilte aus Zimmer und Haus, sattelte im Stall selbst den Braunen, sprengte davon, das Liebchen im Herzen, ihren Namen auf den Lippen, den Jubelschrei, der sich seiner Brust entringen wollte, gewaltsam unterdrückend: »Bald meine Braut, bald mein Weib!«

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