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Das Haus der Grimaldi

Richard Voß: Das Haus der Grimaldi - Kapitel 19
Quellenangabe
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typefiction
authorRichard Voß
titleDas Haus der Grimaldi
publisherJ. Engelhorns Nachf. in Stuttgart
year1923
firstpub1917
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19

Es war nur ein Augenblick. Aber der Mensch soll ja wohl in einem Augenblick Ewigkeiten erleben können. Als der Graf die aus Todesgefahr Gerettete an seiner Brust hielt, rief er ihr triumphierend zu, daß er wisse, wie auch sie ihn liebe, daß sie also ihm gehöre! Aber schon in der nächsten Sekunde hatte sie sich losgerissen und stand vor ihm mit einem Gesicht, als sei sie in Wahrheit eine vom Tode Erstandene und empfände noch alles Grausen des Mysteriums des Nichtseins.

Totenbleich starrte sie auf den Mann, der gewagt hatte, nach ihr die Hand auszustrecken und von ihrem geheimsten Innern den Schleier zu heben. Ja, sie liebte ihn! Aber ihm angehören – angehören dem Gatten einer andern, die sie Freundin nannte, die ihr vertraute, in deren Haus sie als Gast weilte –

Der Sturm hatte ihr die Hülle vom Kopf gerissen und das Haar gelöst. Mit todblassem Gesicht, umleuchtet von ihrem Haar, starres Entsetzen im Blick, stand sie vor dem Mann, der ihr Versucher sein wollte, als sei sie die Verkörperung des Elements, das die beiden einsamen Gestalten auf der vom Meer umbrausten Klippe umtobte. Jede andre wäre vom Sturm zu Boden geworfen worden. Sie aber stand aufrecht, und als er sie stützen wollte, rief sie ihm gebieterisch zu: »Rühren Sie mich nicht an!«

Sie schritt von ihm fort, mit flatterndem Haar, umbraust vom Mistral, dem schrecklichen Sänger der Lüfte...

Ja, sie liebte diesen Mann, den Gatten der Freundin. Das wußte sie jetzt. Sie wurde von ihm wiedergeliebt. Das wußte sie seit jener Fahrt auf der Felsenstraße hoch über dem Meer.

Damals hatte er ihr gesagt, sie solle seine gute Freundin, sein treuer Kamerad sein, solle ihm helfen, besser zu werden. Weil er sie liebe, würde ihre treue Kameradschaft ihn zu einem andern, besseren Menschen machen. Und sie hatte daran geglaubt und war geblieben. Während eines einzigen Augenblicks war dieser Wahn zerstört worden: während des einen Augenblicks, da sie an seiner Brust gelegen und er ihr jubelnd zugerufen hatte, daß sie ihn liebe und ihm angehöre.

Was nun?

Sie wollte denken, wollte überlegen, wollte einen Entschluß fassen. Im Brausen des Sturmes hörte sie seine Stimme, leise und leidenschaftlich, lockend und zärtlich, und siehe: es war die Stimme des Versuchers. Sie mußte die Stimme in sich erst ersticken, bevor sie auf eine andre hören konnte, auf die Stimme des Gewissens, der Ehre und der Liebe: der Liebe, nicht zu dem Manne, sondern zu dessen Gattin.

»Yvonne, steh mir bei! Hilf mir, rette mich! Rette mich, die ich dich doch liebe, vor dem Versucher, der dein Gatte ist!«

Sie sprach es laut vor sich hin, kaum wissend, daß sie es tat. Es war jedoch, als hätte sie damit unheilvolle Gewalten gebannt. Der böse Geist, der mit der geliebten Stimme ihr zuraunte, daß sie ihm gehöre, wich aus ihr und sie konnte die andre Stimme wieder vernehmen, welche die Sprache ihrer eigenen Seele war. Diese rief ihr zu: ›Du mußt fort! Sogleich mußt du fort! Heute noch mußt du fort! Zurück nach Hause! Dort erheben sich die Alpen, die Altäre der Erde, die deine Heimat sind. Dort leben die Menschen, die deinesgleichen sind. Dort ist für dich die Welt ohne Versuchung, ist eine bessere Welt, als diese Gefilde höchster Erdenschönheit es sind. Also fort von hier! Heute noch fort! Er hat dich gerettet vor der Meereswoge; du aber mußt dich vor ihm retten.‹

Dort lag das blaue Haus. Als sie vor einer Stunde daran vorüberkam, war für sie die Welt noch eine andre gewesen: vor einer Stunde noch! Da hatte sie zu dem einsamen Hause aufgeblickt und davon geträumt, wie es sein müßte, unter den Kronen seiner Palmen, unter seinen Rosen zu leben, das Meer zu Füßen, zwei Liebende, zwei Glückliche. Und nun? Auch dieses Stück Eden erschien ihr plötzlich verwandelt. Wohl war diese Natur ein Paradies, aber in dem Paradiese lauerte die Schlange der Versuchung.

›Ein glückliches Menschenpaar!‹

Von einem solchen hatte er einmal zu ihr gesprochen, gleichsam in tiefer Ergriffenheit. Seine Worte hatten sich in ihr Herz gegraben und jetzt mußte sie seine Worte wieder aus ihrem Herzen reißen. Auch das hatte er ihr gesagt: »Für den Liebenden, den Glücklichen, gibt es kein Unrecht, keine Schuld. Liebe und Glück heiligen, was Menschen Unrecht und Schuld nennen. Der Mensch besitzt auf Liebe und Glück ein göttliches Anrecht und es gibt nur ein einziges Glück: Liebe! Liebe aber ist von der Gottheit. Die Frau, die einen geliebten Mann glücklich macht, ist gebenedeit.«

So hatte er ihr zugesprochen und wider Willen hatte sie darauf gelauscht, als wären es die Worte eines Verkündigers alles Heils. Schon daß sie darauf gehört und die Worte im Herzen bewahrt hatte, war Schuld gewesen.

» Mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa!«

Aber jetzt war die Zeit der Buße gekommen: sie mußte fort!

Was würde sie Yvonne sagen? Eine Lüge. Sie habe einen Brief erhalten. Ihr Vater oder ihre Mutter sei plötzlich erkrankt. Sie müsse sogleich abreisen.

Wie häßlich das war! Ihre schwer erkrankten Eltern als Vorwand zu nehmen – Pfui, o pfui!

Also keine Lüge, also die Wahrheit. Und die Wahrheit war: »Ich muß fort, denn ich liebe deinen Gatten. Ich wußte, daß dein Gatte mich liebt, und blieb trotzdem in deinem Hause und an deinem Herzen. Du mußt mich aus deinem Hause jagen, von deinem Herzen fortstoßen. Denn bleibe ich, so werde ich ihm angehören, verstehst du: ihm angehören!... Du willst mich nicht fortlassen? Sagst, alles wären ja nur Phantasien? Ich liebte deinen Gatten ja doch nur in meiner Einbildung. Und er – es fiele ihm nicht ein, mich zu lieben. Und selbst wenn es so wäre; ich wüßte ja doch, daß du dir die Eifersucht abgewöhnt hättest. Und du sagtest mir, ich wäre nicht wie die andern, ich wäre stark und stolz. Für mich gäbe es daher keine Versuchung. Also solle ich bleiben. Ich solle beweisen, daß ich stark und stolz sei. Ich solle ihm den Triumph nicht gönnen, vor ihm zu fliehen, aus Schwäche zu fliehen ... Yvonne! Yvonne! So würdest du zu mir reden, wenn ich vor dich träte, um dir zu sagen, daß ich fort müßte ... Und du, Yvonne? Darf ich dir antun, zu erfahren, was zwischen mir und deinem Gatten heute geschah? Wenn du ihn auch nicht liebst, wenn du auch weißt, daß es untreue Männer gibt – Du bist ja doch kaum erst seine Frau geworden. Seine Untreue wäre für dich so schrecklich, wie sie für ihn schändlich ist ... So will ich dir denn nur sagen, daß ich ihn liebe; nur mich will ich anklagen... Wie, auch das darf ich nicht... Also muß ich schweigen. Ich muß bleiben, muß stark und stolz sein, muß beweisen, daß nicht alle Frauen, daß keine deutsche Frau –«

Sie sprach dies alles laut vor sich hin, als müßte sie ihren halbverwirrten Gedanken Ausdruck verleihen, als beichtete sie ihre Schuld dem Sturm und dem in Weltuntergangsschwärze über ihr lastenden Himmel, da sie ihre Schuld nicht der Freundin bekennen durfte.

Jeder, der ihr begegnete, starrte sie an, schaute ihr nach. Ihr weißes Gesicht, ihr aufgelöstes helles Haar, ihre weit offenen Augen hatten etwas Schreckenerregendes.

Wer war sie?

Eine Verzweifelte oder eine Verrückte?

Sie erreichte die Stadt, ließ sich vom Sturm die Felsenstraße emportreiben, gelangte auf den Schloßplatz, kam ungesehen ins Haus und in ihr Zimmer. Dort erwartete sie in Todesangst die alte Zenz, die treue Zenz vom Seehof, zu dem sie jetzt nicht zurückkehren durfte, da sie stark und stolz sein mußte.

Die Alte sprach kein Wort, breitete die Arme aus, in welche die Schwankende sich stürzte, welche die Besinnungslose umfingen.

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