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Das Haus der Grimaldi

Richard Voß: Das Haus der Grimaldi - Kapitel 18
Quellenangabe
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typefiction
authorRichard Voß
titleDas Haus der Grimaldi
publisherJ. Engelhorns Nachf. in Stuttgart
year1923
firstpub1917
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18

Immer wieder mußte Scholastika aus Yvonnes Munde hören, weshalb die Frau nicht eifersüchtig sein durfte. Besonders die Pariserin nicht.

»Es wäre zu dumm! In Paris – ich spreche nur von Paris – gibt es in der Gesellschaft kaum eine Frau, deren Gatte nicht eine Freundin hätte, die er wechselt wie seine Krawatte. Was sollte bei solchem Leben der Herren Ehegatten aus uns armen Frauen werden, wären wir eifersüchtig? Denke doch! Was bleibt uns also übrig, als zu versuchen, unsrerseits auch andern als unsern Ehemännern zu gefallen; eben damit diese Herren auf die Reize ihrer Gattinnen aufmerksam werden. Wodurch wurde die Pariserin Königin der Mode? Weil sie nicht eifersüchtig sein durfte und auch andern Männern als den eigenen gefallen mußte. Unsre Gatten selbst haben uns zu dem gemacht, was wir sind: reizende, bezaubernde, berückende Geschöpfe. Weniger reizend durch Schönheit als durch Anmut, Eleganz, Verfeinerung. Uns Frauen von Welt sagt man nach, wir wählten als Vorbild die Freundinnen unsrer Männer. Das ist aber doch selbstverständlich. Unsre Männer zwingen uns dazu, indem jene Damen uns zeigen, was unsern Männern an den Frauen gefällt. Und wir wollen ihnen ja doch gefallen. In deinem tugendhaften Deutschland wird es kaum anders sein; denn Mann bleibt Mann und Frau bleibt Frau. Bitte, mache nicht gleich deine wilden Augen, die, wie du recht gut weißt, dann am schönsten sind. Du bist mit diesen wilden Augen eine wahrhafte Circe, wie Charles neulich sagte. Im Grunde deiner Gretchenseele hörst du es ja doch gern, wenn er dich bewundert. Du machst es dir nur nicht klar, es fehlt dir dazu der Mut ... Weshalb errötest du? Siehst du wohl, wie gut ich dich kenne, ein dummes kleines Ding, wie ich bin. Was hülfe mir mein hübsches Gesicht, wäre ich nicht eben auch, wie andre Frauen sind.«

Einen fast noch stärkeren Eindruck als jenes Gespräch mit Yvonne machte auf sie etwas andres. Scholastika sprach zu der Freundin von der Hoffnung auf künftige Mutterfreuden, die gewiß nicht ausbleiben würden. Yvonne starrte sie entsetzt an und rief aus: »Was sagst du? Mutterfreuden? Ich sollte auf Mutterfreuden hoffen? Das wäre furchtbar! Ich brauche keine Mutterfreuden, will keine haben! Was sollte ich mit einem Kinde anfangen? Ich würde eine schlechte Mutter sein! Und Charles? Glaubst du, Charles wünscht sich ein Kind? Gewiß nicht! Und der Arzt? Der Arzt meint – sieh mich doch an! Ich bin für die Mutterschaft ein viel zu zartes Geschöpf. Das mußt du doch einsehen. Jedenfalls sieht Charles es ein. Er soll mich nicht verunstaltet sehen. Es ist so häßlich! Klug, wie du bist, mußt du doch längst gemerkt haben, wie wenig verliebt Charles in mich ist. Eine jede von jenen Damen gefällt ihm besser als ich, seine Frau. Da will ich denn also wenigstens so reizend sein und bleiben, wie ich nur irgend kann ... Jetzt bist du wieder sittlich empört, hältst mich für ein kleines unmoralisches Scheusal. Ich bin es auch. Aber ich bin um nichts besser als tausend andre meiner lieben Landsmänninnen. Ihr deutschen Frauen seid für die Mutterschaft geboren, ein volles Dutzend Kinder wäre euch gerade genug. Eine furchtbare Vorstellung! Aber ob eure Männer euch deshalb treuer sind als uns die unsern? Bildet es euch in Gottesnamen ein, ihr guten Geschöpfe. Ich glaube, eine deutsche Frau, deren Gatte ihr untreu ist, ringt trotz aller ihrer Mutterfreuden verzweifelt die Hände, weint sich die Augen aus, klagt Gott und die Welt an, wimmert: ›Und ich habe dem untreuen Mann doch ein halbes Dutzend Kinder geboren! Es kann auch ein ganzes sein.‹«

Scholastika erfüllte nach solchen Bekenntnissen der schönen Seele einer Pariserin tiefe Traurigkeit. Wiederum ergriff sie schmerzliches Mitleid mit der Freundin, und ein fast noch schmerzlicheres mit dem Manne, dessen Frau derartige Grundsätze als etwas ganz Natürliches aussprach. Und das mit dem Lächeln eines unschuldigen Kindes. Sie konnte nicht länger zweifeln, der Graf mußte in seiner Ehe unglücklich sein. Mehr und mehr verstärkte sich dieser Eindruck durch seinen Vortrag von Mistrals »Hohem Lied«. Gewiß, er sehnte sich nach Liebe und Glück! Nach der Liebe seiner Gattin, dem Glück seiner Ehe, sehnte sich nach einer Familie. Sie wagte nicht auszudenken, in welchem Maße ihr Mitleid mit ihm wuchs. Nicht einmal das machte sie sich klar, selbst dazu gebrach es ihr an Mut. Sie war schwach und feig und litt sehr ...

In einer Nacht erhob sich Sturm: Nordwest! Es war der Mistral. Der wütende Wind, der das Meer aufwühlte und Felsen zersplitterte, führte den Namen des Sängers süßester Liebeslust und bittersten Liebesleids. Das Meer brauste und brüllte. Haushoch schleuderte die empörte See den Schaum ihrer Wogen, die in langer Kette angerollt kamen. Nichts glich der furchtbaren Herrlichkeit dieses Anblicks.

Scholastika erfaßte leidenschaftliches Entzücken über die Pracht der in tosendem Aufruhr begriffenen Natur. Die See bedeckte nächtliche Schwärze und die gischtgekrönten Wogenkämme erschienen wie andrängende Geisterheere. Sie sah sie von weither näher und näher sich wälzen und harrte mit angehaltenem Atem des Augenblicks, wo sie an den Klippen zerschellten. Zu dem Brüllen der See gesellte sich das Heulen des Sturmes. Wie Weltuntergang war's.

Es litt sie nicht länger im Hause. Sie warf einen Mantel um, hüllte den Kopf in einen Schleier und schlich hinaus. Hätte man sie gesehen, wäre sie gewaltsam zurückgehalten worden: »Komtesse dürfen nicht fort. Komtesse kennen nicht den Sturm. Es ist der Mistral!«

Sie ging den gewohnten Weg. Der Sturm raste ihr entgegen, brauste von der Seite auf sie ein. Sie kämpfte mit dem Element. Wie stark sie war, wie jung sie sich fühlte! Ihre starke Jugend bezwang den Feind. Die Höhe von Kap d'Ail war glücklich erreicht; aber hier hätte es sie fast zu Boden gerissen. Sie kämpfte sich jedoch weiter, drang vorwärts, bis zu der sonst so friedlichen Bucht unterhalb von Eze, an der das blaue Haus lag: ihr blaues Haus!

Waren die Felsen noch nicht herabgeschleudert, das Meer noch nicht über das Ufer getreten, die Palmenhaine mit dem Landhaus noch nicht in den Wellengrund hinabgerissen worden? Die Kronen der Palmen schwankten gleich Schilfrohr und viele der riesenhaften Eukalyptusbäume waren geknickt, als wären es Strohhalme.

Immer weiter vorwärts! Unwiderstehlich trieb es sie auch heute zu ihrem Lieblingsplatz, der Klippe von Saint Hospice mit dem ruinenhaften Sarazenenturm und dem kleinen einsamen Heiligtum. Dort mußte der Aufruhr der Elemente herrlich sein! Sie wollte dort das erhabene Schauspiel erleben ...

Als sie dort anlangte, wurden Turm und Kapelle überschüttet von den Wasserstürzen, umhüllt von fahlen flutenden Schleiern. Einem Grabschänder gleich hatte der Sturm von den Grüften die Kreuze gerissen.

Auf dem Felde der namenlosen Toten gab es ein Grab, welches Scholastika stets mit ihren schönsten Blumen geschmückt hatte. Es war das verfallenste von allen. Sie wußte nicht, weshalb sie gerade auf dieses Grab ihre schönsten Blumen niederlegte; aber sie bildete sich ein, es sei das Grab eines Jünglings, auf dessen Heimkehr Tag für Tag die Mutter wartete. Das verlassene Grab erinnerte sie an einige Strophen, die sie irgendwo einmal gehört:

Friedhof am Meer
(Saint Jean sur Mer)

Du kleiner Friedhof auf der steilen Klippe, Den blaue Wogen schmeichlerisch umkosen – Wer dächte an das schreckliche Gerippe Bei deinen Nelken, deinen wilden Rosen? O dürfte bei Zypressen und Agaven Ich hier den letzten langen Schlummer schlafen!, O war' vergönnt mir, daß die müde Seele Sich hier einst dem Unendlichen vermähle.

Noch hatten Sturm und Wogen auf dem Grabe das namenlose Kreuz nicht umgerissen, das einzige, welches noch stand.

Aber jener heranrollende Wellenberg mußte jetzt auch dieses letzte noch aufrechtstehende Kreuz brechen. Er mußte die Gruft aufwühlen und den Toten mit sich davontragen, zurück in den Abgrund der Fluten.

Als gelte es nicht einem Gestorbenen, sondern einem Lebenden, der mit der Vernichtung rang, stürzte Scholastika zu dem Grabe.

Sie warf sich nieder und umklammerte das Kreuz mit beiden Armen.

Die Welle rollte heulend, brüllend heran, gepeitscht von dem Sturm. Sie stürzte sich auf den Friedhof und das Grab und hätte statt des Toten die Lebende mit sich gerissen, als diese sich umschlungen und emporgehoben fühlte.

Umschlungen und emporgehoben von den Armen des Mannes, der sie aus dem Hause hatte schleichen sehen und der ihr gefolgt war; umschlungen und emporgehoben von den Armen des Mannes, der sie an seiner Brust hielt, ihr zujubelnd, daß er sie liebe und sie gerettet hatte.

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