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Das Haus der Grimaldi

Richard Voß: Das Haus der Grimaldi - Kapitel 16
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typefiction
authorRichard Voß
titleDas Haus der Grimaldi
publisherJ. Engelhorns Nachf. in Stuttgart
year1923
firstpub1917
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16

Die Provence, die sonnendurchglühte Heimat der Troubadoure, der Sänger todbereiten Heldentums und ausschweifender Liebesromantik, das Vaterland des edeln Bertrand de Born und Mistrals, des Dichters der »Mireïo« – Es war dieser hohe Geist, dessen Bann Scholastikas erregtes Empfinden verfiel. Der Graf war des Provenzalischen vollkommen mächtig und las das Hohelied keuscher Liebe mit seiner weichen, wohllautenden Stimme in französischer Übersetzung. So hingen denn Scholastikas Augen an seinen Lippen und ihre Seele trank die herrlichen Strophen der durch einen Dichter von Gottes Gnaden verklärten Liebe der holden armen Mireïo als süßes Gift. Das war eine andre Lektüre als die, welche die Zöglinge der vornehmen Brüsseler Bildungsanstalt einander zugesteckt und mit heftig pochendem Herzen und heiß pulsierendem Blut heimlich gelesen hatten: die mystische Sinnlichkeit der Dramen Maeterlincks und die den jungen Gemütern unverständlichen Verse Baudelaires und Verlaines, oder gar eine der Novellen Maupassants.

Yvonne war schnell wissend geworden, Scholastika in rührender Naivität unwissend geblieben. Gerade das war ihr Reiz, besonders für einen Mann, wie der Graf es war, der solche Frauen bisher nicht gekannt hatte...

Aus dem einen Leseabend wurden viele. Schon beim Erwachen freute sich Scholastika darauf. Sie träumte von Mireïo, hörte die Stimme des Vorlesers im Traum, lauschte auf ihren Wohllaut. Auch der Graf erwartete die abendliche Stunde voller Ungeduld. Er las vortrefflich und es war ihm etwas ganz Neues, das schöne junge Antlitz zu dem seinen aufgehoben zu sehen, glaubte er doch, seiner Sache sicher zu sein und sich durch die Herrlichkeit des Dichters derjenigen bemächtigen zu können, über deren Seele er Gewalt gewinnen wollte: in den Augen der Reinen konnte ein Mann, der mit solcher Inbrunst einer großen Dichtung sich hingab, kein unedler Mensch sein.

Und Yvonne?

Sie war ausgeruht, blühte in jugendlicher Lieblichkeit und in rosigster Laune, war die Holdseligkeit selbst gegen die Freundin, den Liebling sowohl wie gegen den Gatten. Und immer war sie strahlend wie die Sonne des Südens.

Eines Abends sagte sie den beiden: »Wie gut ihr zueinander paßt! Es ist wonnig, euch zusammenzusehen. Was für eine kleine Hexe du bist! Zu denken, daß Charles selig ist – denn das ist er – stundenlang stillzusitzen und dir vorzulesen. Dieses ganze dicke Buch! Lauter Verse! Nicht einmal moderne Verse! Dumm, wie ich bin, versteh ich nicht, wie man das schön finden kann. Das ist natürlich meine Schuld, weil ich solch unausstehliches modernes Geschöpf bin. Liebling dagegen ist altmodisch, was ihr entzückend steht. Sie sollte sich abends einen Veilchenkranz aufsetzen, was zu eurer holden Mireïo herrlich passen würde. Ihr könntet auch beide provenzalisches Schäferkostüm anlegen: Charles als schmachtender Schäfer zu Füßen seiner Schäferin, ein Bild frommer Unschuld ... Bin ich nicht allerliebst, euch solchen idyllischen Vorschlag zu machen? Lest! Lest! Aber seid nicht böse, wenn ich dabei einschlafe. Charles liest wunderhübsch, für meinen Geschmack etwas zu pathetisch. Es bleibt ein Wunder, daß er dir vorliest, statt nach Monte Carlo zu fahren. Gestern war er sogar ernstlich böse mit mir. Stelle dir vor: ernstlich böse war der schlimme Mann mit seiner armen kleinen Frau, weil ich Gäste haben, er aber allein bleiben wollte, was gewiß reizend, aber doch schauderhaft langweilig ist.«

Sie blieben allein und der Graf las –

Im übrigen blieb es bei dem gewohnten Leben, dem Leben der großen Welt. Es waren Tag für Tag dieselben Zerstreuungen, Vergnügungen genannt, waren Tag für Tag dieselben Besuche und Ausfahrten, Dejeuners und Diners, Konzerte und Bälle in Monte Carlo oder in der Fettée von Nizza. Dazu kamen Regatten in Mentone, Rennen in Nizza, Karnevalumzüge, Spiel im Kasino und sonst allerlei Feste. Das Hauptinteresse galt stets irgend einer gesellschaftlichen Sensation: dem Rennen, dem Spiel, der letzten Mode oder den Verhältnissen des Grafen X. zur Marquise Z.; galt der Liaison des Fürsten Soundso zu einer von »diesen Damen«. Man sprach davon, wie man vom Wetter sprach.

Das alles wurde proklamiert als Lebensfreude und Lebensglück, als jene Freude und jenes Glück, davon Scholastika in der dumpfen Enge des Elternhauses geträumt, danach sie sich gesehnt hatte.

Davon geträumt –

Das war nicht das rechte Wort. Einer Fata Morgana gleich hatte sie das Bild eines solchen Lebens vor sich erblickt als eitel Glorie und Glanz.

Danach sich gesehnt –

Auch das war der falsche Ausdruck. Wonach sie sich gesehnt hatte, das war etwas andres gewesen. Sie hatte dafür nur nicht den Namen gewußt. Jetzt wußte sie ihn. Er lautete: Liebe.

Graf Roquebrune las für sie der Liebe Hoheslied. Was sie dabei fühlte, schien eine Allmacht zu sein, die vom Himmel zu ihr niederstieg. So geschah es, daß sie sich der Leere ihres Lebens nicht bewußt wurde. Auch legte sie in alles, was in diesem Leben rein äußerlich, oberflächlich oder frivol war, von ihrem eigenen Wesen, das von jedem Staube einer solchen Welt unberührt geblieben war. Zu dem Mitleid für die von dem Gatten nicht wiedergeliebte arme kleine Yvonne gesellte sich das Mitleid für den gleichfalls nicht geliebten Ehemann. Es war das Mitleid einer reinen Frauenseele für einen Menschen, der bekannt hatte, er fühle sich schuldig und sehne sich nach Sühne, nach Besserung.

Gerade ihre Liebe hätte an ihm das Besserungswerk vollbringen können, um welches er die Freundin angefleht. Darüber mit Yvonne zu sprechen, scheute sie sich; es wäre ein Vertrauensbruch gegen den Mann gewesen, dem sie eine gute Kameradin sein wollte. Sie hatte sein Bekenntnis empfangen und mußte es als Geheimnis bewahren. An der Wahrheit dieses Bekenntnisses zu zweifeln, kam ihr nicht in den Sinn.

Eine ähnliche starke Wirkung übte auf Scholastika die Natur aus. Wie hätte die Tochter des rauhen Nordens bei der Herrlichkeit dieser elysäischen Landschaft zu dem Bewußtsein der Äußerlichkeit, der Hohlheit und Sittenlosigkeit jener Menschheit gelangen sollen? Mitten im Winter dieser Frühling! Jeder Morgen brachte ein neues Blütenwunder. Konnte dem Schoß von Mutter Erde wirklich solcher Lenz entsprießen? Jede Scholle trug ein Stücklein Eden. Das Blühen an diesen Küsten war ohne Ende, löste doch jede Jahreszeit in immer größerer Üppigkeit die andre ab. Und zu Hause – In den Briefen, die Scholastika aus der Heimat erhielt, wurde ihr mitgeteilt, daß dort noch immer Winter sei. Armes Deutschland! Es war vom Himmel wahrlich nicht begnadet worden. Wenn die Zenz vor Heimweh nach der in Eis und Schnee versunkenen Heimat fast verging und nicht aufhörte, den weißen Tod des Hochgebirgs als etwas unsäglich Herrliches zu preisen, wenn sie den verschneiten Seehof tausendmal schöner fand als die blühende Pracht der Riviera, wenn sie sich sogar gestattete, den Vetter Freiherrn gegen den feinen Herrn Grafen auszuspielen, so konnte Scholastika bitterböse werden.

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