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Das Haus der Grimaldi

Richard Voß: Das Haus der Grimaldi - Kapitel 15
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typefiction
authorRichard Voß
titleDas Haus der Grimaldi
publisherJ. Engelhorns Nachf. in Stuttgart
year1923
firstpub1917
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15

Das waren nun wiederum Gegensätze: ein von armseligen Hirten bewohntes armseliges Dorf, und zu Füßen dieses Geierhorsts das hesperische Küstenland. Oben starrende Klippen, unten Palmenhaine, Orangengärten, Olivenwälder, Hecken von Geranien und Rosen, Felder von Nelken und Margheriten, Fruchtbarkeit und Blühen ohne Ende, eine Überfülle des Segens der Scholle, darauf sich bunte Landsitze heiter erhoben.

Von bettelnden Kindern und hexenhaften alten Weibern verfolgt, stiegen die beiden durch die Wüstenei zu den glückseligen Gefilden hinab und erreichten zwischen Monaco und Beaulieu die längs des Meeres hinführende Straße. Unterwegs zitierte Graf von Roquebrune eine Stelle aus Dante, die sich auf diese Stätte bezog. Aber aus Dantes Hölle gingen sie ein in ein Paradies, wo ihnen der Dichter und dessen verklärte Geliebte hätten begegnen können, wie der Graf meinte. Er fügte bedeutsam hinzu: »Beatrice ist bereits gegenwärtig. Doch schreitet sie an der Seite eines armen Sünders, den alle ihre jungfräuliche Reinheit nicht entsündigen kann. Sie müßte denn ihre Seele zu der himmlischen Fürbitterin erheben: Maria, bitte für ihn! ... Santa Scholastika, bitte für mich.«

Mit strengem Ausdruck ward der dantekundige Herr zurechtgewiesen: »Sie lästern, Graf. Sollten Sie sich das noch einmal erlauben, so kann ich Ihre gute Kameradin nicht sein.«

Er wollte ihre Hand ergreifen und sie an seine Lippen führen. Scholastika entzog sie ihm jedoch.

Frau Gräfin lassen bitten, den Tee im Schlafzimmer der Frau Gräfin zu nehmen.«

So meldete Jean Baptiste der Zurückkehrenden. Scholastika wollte sich in aller Eile zurechtmachen; aber der Lakai hatte den Auftrag, zu sagen, sie möge sogleich kommen. Also ging sie, mit einem ganz neuen Gefühl von Befangenheit, als hätte sie gegen die Freundin eine Untreue begangen; und sie war sich doch keiner andern Schuld bewußt, als daß sie des Grafen Bekenntnis angehört hatte: Yvonne wurde von ihrem Gatten nicht geliebt und liebte ihren Gatten nicht. Es mußte dieses Wissen sein, welches sich als schwerer Druck auf sie legte. Oder war es, daß der Graf zu ihr gesprochen hatte mit solcher Stimme, solchem Blick? Daß er ihr gesagt hatte, was sie seiner Frau verheimlichen mußte? Und sie hatte es geduldet!

Von Yvonne auf das Zärtlichste empfangen, mußte sie denken, wie es möglich sei, dieses reizende Frauenwesen nicht zu lieben? Welcher Mann vermochte dem Zauber, der von ihr ausging, zu widerstehen? Als sie Yvonne auf ihrem Kleopatralager in ihrer ganzen Holdseligkeit sah, fiel die Last ihres Schuldbewußtseins von ihr. Unmöglich war, daß der Graf seine Frau nicht liebte!

Die Reizende plauderte: »Habt ihr euch ohne mich gut unterhalten? War mein Herr Gemahl artig gegen dich? Hat er dir den Hof gemacht? Dir seine Liebe erklärt, während ich armes kleines Ding einsam auf dem Krankenbett lag? Denn ich will von euch beiden unaussprechlich bedauert werden. Du bedauerst mich doch?«

So schwatzte sie mit ihrem sonnigen Lächeln und dem Stimmchen wie Vogelgezwitscher. Scholastika setzte sich zu ihr und bedauerte sie von ganzem Herzen. Aber als sie sagen wollte, wie leid ihr täte, daß Yvonne bei der herrlichen Fahrt nicht dabei gewesen, brachte sie kein Wort über die Lippen.

Zwei Lakaien trugen den Tisch mit dem silbernen Teeservice in das Schlafgemach, und Scholastika bereitete den Tee. Es war ein Tag wie im Frühsommer. Durch das geöffnete Fenster schien die Abendsonne ins Zimmer, an dessen Wänden geflügelte Liebesgötter Rosengewinde befestigten, von dessen Decke Genien Rosen herabstreuten. Die Küste erglühte über dem schwarzblauen Meer, daß die Felsen in Flammen zu stehen schienen, und in der Ferne erhob sich in Purpurfarbe das Esterelgebirge gleich einem von dem Brand der Abendsonne erfaßten Gewölk.

Scholastika sollte der Freundin jedes mit dem Grafen gesprochene Wort wiederholen. Sie sagte: »Der Graf bat mich, ihm eine gute Kameradin zu sein, so wie ich dir eine treue Freundin bin. Daraus magst du entnehmen, daß dein Mann dasselbe schöne Vertrauen zu mir hat wie du. Und nun bitte ich dich, mich nicht weiter zu fragen. Ich dachte beständig an dich, fühlte beständig, wie sehr ich dich liebe. Nur das eine möchte ich dir noch sagen: schmerzlich empfand ich die Verschiedenheit unsrer Naturen, eurer französischen und meiner deutschen Art. Ich empfand diese nicht zu vermittelnden Unterschiede heute mit solcher Schärfe, daß ich darüber erschrak. Als wir zusammen im Institut waren, wurde ich mir ihrer nicht bewußt. Ich mußte erst in meine Heimat zurückkehren und dann zu euch kommen, um das Trennende zwischen beiden Nationen zu empfinden. Du und dein Gatte müssen viel Nachsicht mit mir haben; denn das schwerfällige Deutsche in mir kann euch unmöglich sympathisch sein. Ich fühle, wie unliebenswürdig ich im Gegensatz zu euch bin. Das bedrückt mich.«

Höchlichst amüsiert rief Yvonne: »Wie schade, daß Charles dein hübsches Selbstbekenntnis nicht mitanhörte. Du bist einfach rührend! So wonnig deutsch! Du bist allerliebst! Dabei ahnst du es nicht einmal. Wir Pariserinnen können solche reizende Naivität mit aller Kunst nicht fertig bringen. Ich beneide dich aufrichtig. Es wäre eine neue hübsche Rolle in unserm Repertoir ... Jetzt bist du über solche Frivolität gleich wieder sittlich entrüstet.«

Der Gong ertönte. Scholastika mußte sich für das Diner umkleiden. Yvonne rief der Freundin nach: »Mache dich heute für Charles besonders schön. Wie du weißt, liebt er elegante Frauen. Die neue Nizzaer Toilette steht dir ausgezeichnet. Ich lasse dir dazu vom Gärtner Parmaveilchen bringen ... Gutenacht, Liebling. Sage Charles von mir Gutenacht.«

Scholastika machte sich für den Grafen nicht schön. Sie ließ sich von Zenz – was war aus der alten guten Jenz im Schloß von Monaco für eine heimwehkranke Seele geworden – das weiße Seidenkleid bringen, das lächerlich schlicht und unmodern war, und den prachtvollen Strauß Parmaveilchen steckte sie nicht an.

Sie speiste allein mit dem Grafen, bedient von dem großartigen Haushofmeister in schwarzseidenen Kniehosen, schwarzseidenen Strümpfen und Schnallenschuhen, sowie von zwei Lakaien in der dunkelvioletten gräflichen Livree mit reichem Behang von Silberschnüren. Was die Toilette betraf, so erreichte Scholastika ihre Absicht, sich für den Grafen nicht schön zu machen, indes ganz und gar nicht. Das erste, was der Graf, als er sie zu Tsch führte, mit unterdrückter Stimme zu ihr sagte, war: »In diesem Kleide sah ich Sie am ersten Abend. Ich werde es nie vergessen und danke Ihnen, daß Sie das keusche Gewand heute anlegten, gerade heute! Darf ich mir schmeicheln, daß Sie es für mich taten?«

Scholastika fand die Ruhe, ablehnend zu antworten: »Sie irren. Gerade heute wollte ich Ihnen, der Sie nur elegante Frauen bewundern, möglichst unelegant erscheinen, überhaupt würde mir niemals einfallen, für Sie eigens Toilette zu machen. Wie kommen Sie darauf?«

»Jedenfalls bewundere ich Sie, was Sie mir zum Glück nicht verbieten können ... Wie reizend, daß gerade heute keine Gäste anwesend sind und der Kaplan verhindert ist!«

Darauf plauderte er auf das harmloseste über alles mögliche. Schweigend hörte Scholastika zu. Auch jetzt wollte sie sich gegen den Eindruck, den der große Charmeur auf sie machte, wehren, mußte sich jedoch auch heute widerstrebend gestehen, daß er die nationale Eigenschaft der Franzosen, Liebenswürdigkeit, in höchstem Maße besaß; ja daß er in dieser Kunst Meister war.

Dann bot er ihr den Arm und führte sie in den kleinen intimen Raum, in dem der Kaffee eingenommen und eine Zigarette angesteckt wurde. Jetzt erst richtete Scholastika ihre Botschaft aus: »Yvonne ist müde und läßt Ihnen Gutenacht wünschen. Ich glaube, sie würde sich freuen, wenn Sie nach ihr sehen wollten. Sie war heute den ganzen Tag über einsam. Da Sie jedenfalls nach Monaco fahren, sage ich Ihnen jetzt Gutenacht.«

»Ich werde sogleich zu meiner holden Einsamen eilen – da meine Kameradin es wünscht; werde diese jedoch als Lohn für meinen Gehorsam bitten, mich hier zu erwarten; werde sie bitten, mir den Abend zu schenken. Ich möchte Ihnen nämlich aus meinem Lieblingsdichter vorlesen, und Sie würden mich glücklich machen, heute meine Zuhörerin zu sein.«

»Aus Ihrem Lieblingsdichter? Wer ist das?«

»Mistral. Sie müssen seine ›Mireïo‹ kennen lernen. Es ist das Hohelied der Provence, deren Lüfte uns hier schon umwehen, deren Düfte wir hier bereits atmen. Wenn die Deutschen ihren Faust und ihr Gretchen haben, so besitzen wir Südfranzosen unsre Mireïo, das keuscheste, lieblichste, wonnigste Geschöpf, das eines wahrhaft heiligen Liebestodes stirbt ... Würden Sie mir das Glück dieser einen Stunde gewähren? Gerade heute?«

Sie gewährte, »gerade heute!«

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