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Das Haus der Grimaldi

Richard Voß: Das Haus der Grimaldi - Kapitel 14
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typefiction
authorRichard Voß
titleDas Haus der Grimaldi
publisherJ. Engelhorns Nachf. in Stuttgart
year1923
firstpub1917
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14

Gleichsam als ein andrer Mensch saß Scholastikas Begleiter an ihrer Seite, gedankenvoll und ernsthaft, so daß sie von seinem so plötzlich verwandelten Wesen eigentümlich berührt ward. An dem elenden Felsennest mit der Burgruine der Grafen von Roquebrune vorübersausend, begann er, seiner schönen Gefährtin von seinen Vorfahren zu sprechen, beständig mit jenem neuen, tiefernsten Ausdruck in Miene und Blick.

Er sagte: »Es taugt nicht, von solchem alten Geschlecht abzustammen. Die Söhne müssen für die Sünden der Väter büßen. Wofür lebten die meinen? Für den Genuß des Lebens. Was vollbrachten sie? Ihre Macht übten sie aus als Gewalt. Jeder von ihnen war ein Wüstling und zugleich ein Despot. Und nun die Söhne mit dem Blut solcher Väter in den Adern, mit ihren Eigenschaften, ihren Lastern im Blut. Sehen Sie mich an, sehen Sie das Leben, das ich führe. Wie ward ich erzogen und wofür? Für ein Leben im Nichtstun, hingebracht im Genuß. Schon als Knabe war ich durch Vätererbe verseucht... Sie sind entsetzt? Ich will mich nicht besser machen, als ich bin. Gerade Ihnen gegenüber will ich das nicht! Ich könnte mich verteidigen, könnte von Versuchung, von Verführung sprechen und das schon in den jüngsten Jahren. Aber wer einen sittlichen Halt besitzt, für den gibt es auch eine Sittlichkeit. Ich besaß diesen Halt nicht. Und dann – die Frauen! Zu Ihnen, der Reinen und Guten, will ich davon nicht sprechen. Sie könnten mir entgegnen: Aber Ihre Frau! Denken Sie an Ihre Frau, die Sie liebt, die Sie wiederlieben. Hören Sie mein Bekenntnis!«

In heftiger Erregung wehrte Scholastika ab: »Sprechen Sie nicht weiter! Sie sagten bereits zu viel. Ich verstehe Sie nicht, verstehe nicht Männer Ihrer Art, will sie nicht verstehen. Wenn Sie einmal so waren, wie Sie sich schilderten, so machte Sie die Liebe zu Ihrer Frau zu einem neuen, einem besseren Menschen. Ihre Heirat mit Yvonne –«

»War keine Liebesheirat.«

»Keine Liebesheirat? Wie können Sie das sagen!«

»Als volle Wahrheit. Yvonne liebt mich genau ebensowenig, wie ich sie liebe. Sie war eine glänzende Partie, also paßten wir zusammen. Nebenbei sollte mich die Heirat mit der Tochter eines vornehmen Hauses aus den Händen einer gewissen Dame befreien. Eine Ehe also wie tausend andre. Auch in Ihrem tugendreichen Deutschland wird es nicht besser sein. Jedenfalls ist es so bei uns.«

Scholastika rief: »Ich glaube Ihnen nicht! Es ist von Ihnen ein trostloser Irrtum, zu glauben, Yonne liebe Sie nicht. Sie sollten die Briefe lesen, die ich schon vor Ihrer Verlobung über Sie erhielt. Jedes ihrer Worte war Liebe zu Ihnen, war Jubel und Seligkeit. Wie können Sie ihr ein solches Unrecht zufügen? Und Sie! Weshalb machen Sie sich schlechter, als Sie sind? Gerade mir gegenüber, die ich zu dem Gatten meiner Freundin aufsehen möchte. Sie sollten das reizende Geschöpf nicht wieder lieben? Niemals glaube ich Ihnen das. Aber Ihre Selbstanklage macht Ihnen Ehre. Wer seine Schuld erkennt, ist bereits auf dem Wege, sie zu bereuen. Erkennen Sie aber auch Yvonne, lieben Sie aber auch Yvonne! Sie können nicht schöner bereuen.«

Yvonnes Gatte wendete von der schönen Sittenpredigerin kein Auge. Im stillen über die Naivität des guten Kindes lächelnd, lauschte er ihren Worten mit scheinbar tiefem Ernst, scheinbar sogar mit großer Ergriffenheit. Er beugte sich über ihre Hand, küßte sie, sagte: »Wie gut Sie sind. Ja, Sie! Sie könnten mich gutmachen. Ihre bloße Gegenwart genügt, um in mir den besseren Menschen zu wecken. Ich danke Ihnen. Ich darf Sie nicht wissen lassen, wie sehr ich Ihnen danke.«

Erbebend lehnte Scholastika ab: »Ich? Wer und was bin ich? Ein unwissendes junges Geschöpf aus dem von Ihnen verspotteten und verachteten Deutschland. Der einzige Wert, den ich für Sie haben kann, ist meine treue Freundschaft für Yvonne. Zu dieser Freundschaft kommt jetzt mein Mitleid. Es ist so groß, daß ich um Yvonne weinen möchte. Sie hatten recht, sie Ihre arme Yvonne zu nennen. Damals verstand ich nicht, was ich heute zu meinem Leidwesen verstehen muß. O du meine liebe, kleine arme Yvonne!«

Wie mit mühsam unterdrückter Bewegung flüsterte der Graf: »Sie fragten, was Sie wären? Ein Engel an Reinheit und Güte! Seien Sie es auch gegen mich. Seien Sie auch mir eine gute Kameradin, eine treue Freundin. Schenken Sie auch mir Ihr Mitleid. Weinen Sie auch über mich. Ihre Tränen werden mich reinwaschen von Schuld.«

»Graf!«

»Versprechen Sie mir, auch mein guter Kamerad, auch meine treue Freundin zu sein. Was Sie versprechen, das halten Sie. Ich kenne Sie. Sie glauben nicht, wie gut ich Sie kenne. Reichen Sie mir Ihre Hand, mein guter Kamerad, meine treue Freundin!«

Sie reichte ihm die Hand nicht. Aber sein guter Kamerad wollte sie sein. Mitleid wollte sie haben: Mitleid mit der armen kleinen Yvonne und auch Mitleid mit ihm ...

Dieses Gespräch fand statt, während das Auto hoch über dem Meer auf der kühnsten Alpenstraße der französischen Küste dahinfuhr. Es sollte zugleich die herrlichste Straße des Landes sein, war vielleicht die herrlichste Straße der Welt.

Scholastika befand sich in solcher Erregung, daß sie für die Wunder der Landschaft kein Auge hatte. Ihr zur Linken öffnete sich der Abgrund; aber ihr war zumute, als hätte sie einen Blick in eine viel grauenvollere Tiefe getan: in den Abgrund einer Menschenseele. Der Mann an ihrer Seite, dessen guter Kamerad sie fortan sein wollte, hatte ihr Bekenntnisse gemacht, die sie empörten. Er hatte zu ihr, der Reinen und Guten, wie er sie nannte, von Eigenschaften gesprochen, denen er selbst den Namen von Lastern gab. Er liebte seine Frau nicht, wurde auch von ihr nicht geliebt. Wie aber hatte Yvonne von ihrem Glück, von ihrer Liebe geschwärmt. Und das sollten nur Worte, sollte nur Lüge gewesen sein? Dabei hatte die Frau die Aufgabe, der Menschheit Würde aufrecht zu erhalten. Und diese Aufgabe der Frau war eine Mission.

Mitleid. Der Mann an Scholastikas Seite hatte das Wort ausgesprochen, hatte sie mit erstickter Stimme angefleht, auch mit ihm Mitleid zu haben. Als ob er des Mitleids würdig wäre? Und dennoch! Das verderbliche Erbe der Väter, die lasterhaften Eigenschaften seines Geschlechts, seine unselige Erziehung für keinen andern Lebenszweck als den einer unersättlichen Genußsucht, die Frauen, von denen er zu ihr nicht sprechen wollte – Durfte sie ihm ihr Mitleid versagen?

Wieder redete er zu ihr und wieder war er ein ganz andrer, als sie ihn noch vor einer Stunde gekannt. Mit der Weichheit in seiner Stimme, welche die schöne Sprache Frankreichs zur Melodie machte, sagte er: »Wie schön, daß ich diese Straße mit Ihnen fahre. Yvonne fühlt nicht die Natur. Das soll kein Vorwurf sein. Für eine Pariserin gibt es nicht Himmel und Erde, nicht Meer, Berge und Täler, nicht Sonne und Schönheit. Für eine Pariserin von der Art meiner armen kleinen Yvonne gibt es auf Erden nur das Leben der großen Welt; nur Zerstreuungen, Aufregungen, Feste; nur Toiletten und was sonst zu dem allem gehört. Ich verlebte meine erste Jugend in diesem Land, liebe es daher, fühle, trotz meiner lästerlichen Reden von vorhin, daß dieses Land schön ist. Wäre ich nur in Paris aufgewachsen, so würde ich wahrscheinlich genau wie alle andern empfinden, und diese ganze Herrlichkeit wäre für mich nur eine Dekoration. Eine bemalte Leinwand in der großen Oper würde alsdann die nämliche Wirkung auf mich ausüben. So aber konnte ich mir wenigstens einen Schimmer von Naturempfindung bewahren. Im übrigen bin ich durchaus nicht anders geartet als meine Herren Kollegen vom Salon. Auch meine Welt ist Paris. Ich anerkenne keine andre: Klubs, Sport und Rennen, liebenswürdige elegante Frauen, ein neuer Roman, brillant geschrieben, eine gesellschaftliche Sensation, und ich und meine Herren Kollegen sind mit unsrem Dasein vollkommen zufrieden.«

Da sie schwieg, fuhr er fort: »Ihr Deutschen seid andre Menschen. Wenn wir eure Sentimentalität bespötteln, so geschieht es in dem dumpfen Bewußtsein, daß ihr etwas besitzt, das uns fehlt. Anstatt zu bespötteln, sollten wir beneiden ... Aber jetzt blicken Sie um sich! Diese nämliche Straße zogen vor Jahrhunderten die Legionen der siegreichen Römer nach dem unterworfenen Gallien. Ihrem großen Kaiser Augustus ward dort oben ein Denkmal gesetzt und Dante hat die Schrecknisse dieses Felsenwegs in ewigen Strophen besungen. Sehen Sie dorthin! Was wie ein Gewölk auf dem Meer liegt, ist eine Insel: Korsika! Bis zu dem Vaterlande Napoleons hinüber schweift der Blick. Schön, nicht wahr? Es ist groß! Ich bin glücklich, die Größe der Schöpfung an Ihrer Seite zu sehen. Mit Ihnen kann ich davon reden; mit Ihnen, die Sie mein guter Kamerad sein wollen. Es gibt Dinge, die man nicht aussprechen kann, sondern nur fühlen.«

Es half ihr nichts, sie mußte auf diese wohllautende Männerstimme hören, mußte sie zu ihrem Herzen reden lassen, mußte sich gestehen, daß der Mann an ihrer Seite zart und fein sein konnte. So tief er sie vorhin durch sein Geständnis verletzt hatte, so sehr schien er jetzt bemüht, sie jene peinvollen Augenblicke vergessen zu machen und ihr zu beweisen, es sei ihm heiliger Ernst damit, sie zu seiner guten Kameradin zu erwerben.

Aber – es gab Dinge, die sich nicht aussprechen, sondern nur fühlen ließen ...

Jenseits des Passes verließen die beiden das Auto. Hoch über ihnen senkrecht aufsteigend nackte Wände – tief unter ihnen steil zum Meer abfallend kahle Klippen. Zwischen Höhe und Tiefe eine Schloßruine und graues Gemäuer, den Trümmern eines Bergsturzes gleich.

Es war Eze, einstmals der unzugängliche Sitz sarazenischer Seeräuber, jetzt eine armselige Wohnstätte. Ein Pfad führte von der Paßstraße hinunter.

Diesen Pfad gingen die beiden. Es war wie ein Schweben zwischen Himmel und Erde.

Was für ein sorgsamer Begleiter er war! Am liebsten hätte er ihr jeden Stein aus dem Wege geräumt, eine Arbeit, die nur ein Zauberer vollbringen konnte. An den abschüssigen Stellen blieb er stehen, um ihr die Hand zu reichen und sie zu stützen. Scholastika lachte ihn aus, was ihrem ernsthaften Gesicht wundersam stand, so daß er sie erstaunt ansah, wie dieses lachende Antlitz sie so völlig veränderte. Unter seinem bewundernden Blick errötend, erklärte sie ihm: »Ich bin ja doch ein Alpenkind; bei uns gibt es noch schlimmere Wege. Wenn ich in den Ferien nach Hause kam, kletterte ich wie eine Gemse die Felsen hinauf; und wenn Vetter Wolf mir helfen wollte, lachte ich ihn aus wie jetzt Sie. Einmal freilich verging mir das Lachen. Ich war übermütig gewesen, war ihm entwischt und hatte mich verstiegen wie ein dummes Zicklein. Endlich fand mich mein Vetter. Stundenlang hatte ich an einer schauervollen Stelle zusammengekauert gesessen, konnte nicht vorwärts, nicht rückwärts, konnte mich nicht regen. Aber ich rief nicht um Hilfe; denn ich wußte, Vetter Wolf würde mich finden. So war es auch. Er mußte mich auf den Armen hinuntertragen, denn mir dummem Ding wurde schwach zum Umsinken. Zu Hause erhoben sie ein großes Geschrei und priesen den Vetter, als hätte er eine Heldentat vollbracht und mir das Leben gerettet. Ich sollte ihm einen Kuß geben.«

»Sie küßten den jungen Helden?«

»Er wollte von mir gar keinen Kuß, war böse, weil ich das ganze Haus in Angst versetzt hatte, und ritt bitterböse fort. Ich aber weinte. Damals war ich zehn Jahre und Vetter Wolf sechzehn.«

»Wer ist denn dieser scharmante Herr, den Sie küssen sollten und über dessen Zorn Sie Tränen vergossen?«

»Wer er ist? Mein Vetter. Ich sagte es Ihnen ja doch!«

»Was ist er? Wer ist er?«

»Was er ist? Unser Nachbar und – ja, und ein prachtvoller Mensch. Wenigstens sagt das jeder, der ihn kennt, und ihn kennt das ganze Land. Wie er ist? Sehr anders als Sie. Sie würden über ihn spotten, obgleich er ein prachtvoller Mensch ist. Freilich ein rechter Oberbayer. Er lebt jahraus, jahrein auf seinem Bergschloß mit seinem Gesinde und den Dorfleuten, die ihn anbeten. Jahraus, jahrein bestellt er seine Felder, beforstet seine Wälder, schießt den Auerhahn, pirscht den Hirsch, jagt die Gems, lebt wie ein Bauer und ist dabei jeder Zoll ein Edelmann. Aber ich kann Vetter Wolf nicht schildern. Nicht Ihnen.«

»Weshalb nicht mir?«

»Weil Sie ihn nicht verstehen können.«

»O wirklich? Natürlich ist der prachtvolle Mensch rasend in Sie verliebt?«

»Mein Vetter ist viel zu stolz, um –«

Sie verstummte. Da sagte der Gatte ihrer Freundin und er sagte es in einem Ton, mit einem Blick: »Ich verstehe, daß Ihr Vetter Sie leidenschaftlich liebt. Ich verstehe es nur zu sehr.«

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