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Das Haus der Grimaldi

Richard Voß: Das Haus der Grimaldi - Kapitel 13
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typefiction
authorRichard Voß
titleDas Haus der Grimaldi
publisherJ. Engelhorns Nachf. in Stuttgart
year1923
firstpub1917
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13

Die Männer! Liebling, wüßtest du, was die Männer sind. Sie sind Verführer und Verderber zugleich. Wir müssen sie als unsre Besitzer rasend lieben und als unsre Teufel ebenso rasend hassen.«

So und ähnlich hatte Yvonne schon als Braut an sie geschrieben und lächelnden Mundes immer wieder zu der Freundin gesprochen. Diese hatte auch immer wieder strafend geantwortet: »Was du sagst, ist nicht wahr. So sind die Männer nicht. So sind sie auch nicht in Paris. Du erniedrigst deinen Gatten durch solche Anschauungen, erniedrigst dich selbst. Welche Erfahrung gibt dir dazu ein Recht? Wenn eine Frau ihren Gatten nicht hochhält, gibt sie ihre Frauenwürde auf. Eine Frau muß ihren Mann nicht nur lieben, sie muß ihn auch achten und zu ihm aufblicken ... Lache mich nur aus, finde mich nur deutsch sentimental – wie du's nennst. Die Welt ist besser, als du mir glauben machen willst. Sie ist so gut, wie sie schön ist. Es tut mir weh, daß du die Welt so falsch siehst, du meine kleine holde Yvonne, die so fromm beten kann, so rein und keusch ist, so zärtlich liebt, so leidenschaftlich wiedergeliebt wird.«

»So leidenschaftlich wiedergeliebt –« hatte die kleine Yvonne erwidert und über ihr lächelndes Gesichtchen war ein Schatten gehuscht. Gleich darauf hatte die schöne Sittenrichterin sie ausgelacht und zärtlich in die Arme geschlossen.

Auch dieses Gespräch konnte Scholastika nicht vergessen, ebensowenig wie das »Arme Yvonne« des Grafen, der seine junge reizende Gattin leidenschaftlich lieben sollte. Ach! Leidenschaftlich war der Blick gewesen, mit dem er ihr selbst in die Augen gesehen ...

Dagegen schien der Graf den kleinen Vorfall vollkommen vergessen zu haben. Sein Benehmen gegen Scholastika wurde womöglich noch ritterlicher, geradezu ehrerbietig. Dieses Benehmen hätte sie verwirren müssen, wäre es nicht mit solchem Zartgefühl verbunden gewesen. Eigens für sie schien der Graf bei Tafel die Unterhaltung zu leiten; eigens für sie die Ausflüge zu bestimmen und die Auswahl der Gäste zu treffen. Als Yvonne sehr bald wieder ins Kasino wollte, gestattete er es nicht. Yvonne schmollte wie ein verzärteltes Kind, dem ein Stück Kuchen abgeschlagen ward. Sie rief aus: »Du bist eine Zauberin! Weshalb glaubst du wohl, daß er mich heute nicht nach jenem ›schrecklichen‹ Ort läßt? Weil du ihn schrecklich findest. Aus lauter lächerlicher Rücksicht für dich läßt mich Charles heute nicht meine fünftausend Franken gewinnen; aus Liebe zu dir muß ich heute zu Hause bleiben. Es ist zu arg! Aber ich gönne dir den Triumph und gestehe dir, daß ich meinen Herrn Gemahl gerade wegen seiner Rücksicht für dich bezaubernd finde.«

Eines Tages fühlte sich Yvonne nicht wohl. Sie blieb im Bett und ließ Scholastika zu sich bitten.

»Du mußt Charles unterhalten. Ich bitte dich, Liebling, mache du für einige Tage die Hausfrau. Ich möchte etwas ausruhen, habe in letzter Zeit etwas zu viel mitgemacht, ein bedauernswertes zartes Geschöpflein wie ich bin. Obgleich mir jede Stunde, die ich im Bett bleiben muß, leid tut, will ich vernünftig sein. Es schadet sonst meinem hübschen Gesicht – Charles nämlich findet es hübsch; wenigstens fand er es so vor unsrer Hochzeit. Dich findet er schön, dich bewundert er. Ach, Liebling, ein Bräutigam und ein Gatte sind zwei sehr verschiedene Wesen. Du freilich wirst diese Erfahrung nicht machen; denn ihr deutschen Frauen – Ich aber bin Französin, Pariserin! Deine deutsche Welt muß für eine Pariserin schrecklich sein: Barbarenland. Sei mir nicht böse. Aber alles, was du mir von deiner Heimat erzählst, ist einfach entsetzlich. Auch die Menschen sind es, deine verehrten Eltern natürlich ausgenommen. Schrecklich muß auch jener Bär sein. Ich meine deinen Herrn Vetter mit dem unaussprechlichen Namen. Natürlich ist der arme Junge unsinnig in dich verliebt. Zu dumm von ihm. Denn er und du! Mich freut, daß du ihn abfahren ließest. Eigentlich schriebst du mir viel zu viel von ihm, so daß ich schon fürchtete – Du hast ihn prachtvoll geschildert, ganz als Bär ... Dein Vetter und mein Mann! Für Charles wäre der gute Junge einfach eine komische Figur ... Sage, Liebling, bin ich heute nicht schauderhaft häßlich? Ich muß ganz gelb aussehen! Gib mir doch die Puderdose vom Toilettentisch. Ist er nicht hübsch? Jeder Gegenstand schweres Gold mit Halbedelsteinen ... Danke! Wie steht mir mein Krankenkostüm? Schlecht, nicht wahr? Mattrosa würde mir besser stehen als dieses viel zu scharfe Blau. Aber die Spitzen sind wundervoll. Charles will mich später besuchen. Sei so freundlich und stelle die Vase mit den weißen Lilien neben mich. Das wird sich gut ausnehmen. Lilien sehen so fromm aus, weißt du ... Du bewunderst das Bett? Es stammt aus dem fünfzehnten Jahrhundert. Ich weiß nicht, wie viele junge Paare aus dem Hause der Grimaldi in diesem Zimmer ihren Honigmond feierten. Der Brokat des Betthimmels soll von einem Dogen Grimaldi gestiftet sein ... Also, Liebling, du ersetzest mich bei meinem Tyrannen. Fahre mit ihm aus nach St. Jean oder Nizza oder Antibes; spaziere mit ihm auf Kap Martin unten am Meer; weiche nicht von seiner Seite ... Du willst nicht? Du mußt! Mir zuliebe. Auch ihm zuliebe. Er wird entzückt sein. Denke, wie nett er mit dir ist. So war er noch nie mit einer Dame. Wenigstens nicht, seit ich das Glück habe, die Gräfin von Roquebrune zu sein ... Sei ein gutes Kind und gib mir einen Kuß. Aber nicht auf den Mund. Die Lippen sind etwas gefärbt ... So! Nun will ich schlafen, damit ich nicht gar zu abscheulich aussehe, wenn mein gestrenger Eheherr mir seinen Besuch abstattet. Er kann kränkliche Frauen nicht leiden, du dagegen bist himmlisch gesund und brauchst dich nicht für eine volle Woche ins Bett zu legen, um deine Schönheit zu schonen. Ich beneide dich. Ihr seid eben andre Wesen, ihr Deutschen.«

Scholastika, die während dieser Plauderei gelitten hatte, erkundigte sich besorgt: »Eine volle Woche willst du zu Bett bleiben? So unwohl fühlst du dich? Wann kommt euer Arzt?«

»Ich fühle mich wohl wie ein Fisch im Wasser, will mich nur schonen, will Charles dir überlassen ... Mache nicht gleich wieder ein tragisches Gesicht, obgleich Charles dich gerade dann besonders schön findet. Übrigens werde ich jeden Tag ein neues Kostüm anziehen und jedes wird entzückend sein. Charles freilich ist bei jenen – Damen an andre Kostüme gewöhnt. Doch davon darfst du nichts wissen ... Also du versprichst mir, dich des Einsamen liebevoll anzunehmen? Hörst du wohl: liebevoll! Ich hätte sonst keinen ruhigen Augenblick. Auch würde er sonst Abend für Abend dort unten sein, wo es bisweilen zugehen soll – Ich bin schon still wie ein Mäuslein, ein weißes, mit rosigem Schnäuzchen. Bei dir weiß ich ihn gut aufgehoben, gut und sicher.«

Also vertrat Scholastika bei Tafel die Hausfrau. Der Graf aber sagte sämtlichen Geladenen ab: seine Frau sei nicht ganz wohl. Zufällig war kein andrer Hausgast anwesend. So speisten sie denn zu dreien. Der dritte war der Hauskaplan, jener junge geistliche Herr, bei dem Scholastika um keinen Preis gebeichtet hätte, was ihr höchlichst verübelt wurde. Nur der Graf schien auch dafür Verständnis zu haben. Wie liebenswürdig war er in allen diesen Dingen. Er mußte besser, viel besser sein als sein Ruf. Die Menschen verleumdeten so gern und ein erster Eindruck täuschte so oft. Sie hatte ihm unrecht getan, hatte ihn im geheimen um Verzeihung zu bitten. Was jenen Augenblick im Kasino betraf, so war es eben nur ein Augenblick gewesen. Dagegen bereitete ihr etwas andres Sorge. Das war sein Verhältnis zu seiner Frau. Freilich, die Ehe zwischen Parisern –

Heftige Vorwürfe machte sie sich, Yvonne über ihren Vetter geschrieben zu haben. Sie hatte ihn der Freundin so »prachtvoll« geschildert, daß diese ihn sich vorstellte als Höhlenmenschen mit einem Bärenfell, infolgedessen sie über ihn spottete und behauptete, auch der Graf würde ihn eine komische Figur finden. Bei Yvonnes Spott über den Vetter wurde sie von Scham erfaßt. Er war viel zu gut, um ihn dem Hohn Fremder auszusetzen. Und das hatte sie ihm antun können!

Nach dem Frühstück sagte der Graf: »Der Tag ist heute besonders schön. Wenigstens scheint er mir so, weil Sie heute besonders huldvoll gegen mich sind. Ihr Blick sagt zwar nein. Gestatten Sie mir aber, andrer Meinung zu sein. Yvonne trug mir auf, Sie anzuflehen, meiner Verlassenheit sich anzunehmen. Wollen Sie mir also eine gnadenreiche Himmlische sein und sich von mir im Auto über Roquebrune, dem edlen Felsennest meiner Ahnen, hinauf zur Turbie entführen lassen? Ich möchte die Fahrt gern an Ihrer Seite machen, Sie sind solche köstliche Naturenthusiastin. Vielleicht gelingt mir, in Ihrer Gegenwart diese ewigen Felsen und dieses ewige Meer erträglich zu finden. Verzeihen Sie, ich meinte schön und herrlich.«

Scholastika wies ihn mit erzwungener Kälte zurecht: »Sie spotten über mich, wie Sie über alles deutsche Wesen spotten. Sie werden uns Deutsche nie kennen lernen, werden uns stets unterschätzen. Wie sollten Sie uns auch jemals gerecht werden können, der Sie alles Deutsche nur lächerlich finden.«

Der Graf bat: »Also seien Sie meine gütige Lehrmeisterin. Ich werde mich bemühen, ein gelehriger Schüler zu sein; bin es bereits, seitdem mir das Glück zuteil ward, Sie bei uns zu haben.«

Überhörend fuhr Scholastika fort: »Übrigens brauchen Sie uns gar nicht zu kennen, da Sie uns ja doch barbarisch und verächtlich finden. Aber uns geschieht recht. Weshalb bewundern wir alles, was fremd ist. Vollends Frankreich und Paris. Wir können uns die Welt ohne Paris nicht vorstellen. Paris ist die Welt! Kämen Sie nach Deutschland, so würden Sie bei uns eine knechtische Nachahmung alles dessen finden, was Frankreich, was Paris ist. Alsdann hätten Sie freilich ein Recht, uns lächerlich zu machen und uns zu verachten.«

Sie war in ihrer mühsam unterdrückten Erregung so hinreißend schön, daß er auf ihre Worte gar nicht hörte, sondern sie mit stummer Bewunderung betrachtete ...

Also fuhr am Nachmittag dieses »besonders schönen« Tages – Meer, Erde und Himmel waren seit Wochen genau ebenso glanzvoll gewesen – der Graf an Scholastikas Seite in dem mit dem Wappen der Grimaldi gekrönten Auto über Condamine und das paradiesisch-höllische Monte Carlo in der Richtung von Kap Martin. Wo die Straße sich gabelt, es rechts nach Mentone geht, links steil emporführt, begegnete dem Gefährt ein Trupp Alpenjäger, junge, prachtvolle Gestalten, die eigentümliche dunkelblaue Kopfbedeckung dieses französischen Elitekorps verwegen auf die Seite gerückt. Das Auto hielt, um die Schar vorüberziehen zu lassen. Die Leute kamen von den Befestigungen des Mont Agel, der, ebenso wie sämtliche Grate und Gipfel des benachbarten Felsengebietes, festungsartig ummauert war. Die Kompanie hatte in der Höhe ihre Übungen gemacht und begab sich nach Mentone in ihre Kaserne zurück.

Graf Roquebrune rief aus: »Unsre Alpenjäger, unser Stolz! In Ihrem Vaterland soll man ein Lied haben: Deutschland möge ruhig sein, der deutsche Adler wache über Deutschland und Deutschlands Ruhm. Sehen Sie Frankreichs Alpenjäger! Auch die Franzosen können singen, daß Frankreich ruhig sein möge. Nur wird es nicht von einem Adler gegen einen beutegierigen Feind beschützt, sondern –«

Scholastika fiel dem stolzen Herrn lachend ins Wort: »Sondern von einem Hahn! Auch möchte ich Sie fragen: Haben Sie jemals etwas von dem oberbayrischen Löwen gehört? Sie sollten mit der lieben Yvonne zu uns auf den Seehof kommen und wäre es nur, um unsre oberbayrischen Burschen kennen zu lernen: des Sonntags, wenn sie im Wirtshaus gegeneinander ihre Trutzlieder singen, zu gleicher Zeit Reim und Melodie erfindend. Jeder dieser frischen Bursche führt ein im Griff feststehendes Messer bei sich und jedem sitzt der scharfe Stahl lose in der Scheide ... Jetzt war ich sehr unhöflich. Aber weshalb mußten Sie auch den deutschen Adler an seinem Gefieder zausen? Noch einmal: kommen Sie diesen Sommer zu uns und ich zeige Ihnen unsre bayrischen Löwen.«

Sie wußte selbst nicht recht, wie es geschah; aber bei der hochmütigen Rede des Herrn regte sich in ihr etwas zuvor niemals Gefühltes: das Bewußtsein ihres Deutschtums, der Stolz auf ihr Vaterland, auf ihre bayrische Heimat. In demselben Augenblick mußte sie denken: »Hätte Vetter Wolf dich jetzt gehört, würde er sich über dich gefreut haben. Eigentlich ist er doch –«

Weiter kam sie in ihrem Gedankengang nicht. Der Graf versicherte ihr auf das liebenswürdigste, daß er an dem Heldentum ihrer Landsleute nicht im geringsten zweifle und daß Yvonne und er sich glücklich schätzen würden, ihren Eltern einen Gegenbesuch abzustatten. Aber – »Aber vorher müßten Sie mit uns nach Paris kommen; denn nur in Paris können Sie uns kennen lernen.«

Graf und Gräfin von Roquebrune auf dem Seehof – Scholastika entsetzte sich im Grunde ihrer Seele bei dieser Vorstellung! Wie primitiv und barbarisch würden die beiden alles finden, bespötteln und verachten. Auf dem Seehof der Sepp und der Schorschl, der Loisl und der Stiegei. Ja, und Vetter Wolf!

Vetter Wolf zusammen mit dem Grafen von Roquebrune! Eine komische Figur hatte Yvonne ihn genannt. Für den Grafen von Roquebrune würde der Freiherr von Wagging allerdings eine komische Figur sein. Sie aber hätte das Lächeln, mit dem der Enkel der Grimaldi auf diesen Sohn seiner Väter herabsah, ruhigen Herzens ertragen sollen?

Und Vetter Wolf?

Der Graf von Roquebrune sollte sich nur einfallen lassen, über den Freiherrn von Wagging zu lächeln.

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