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Das Haus der Grimaldi

Richard Voß: Das Haus der Grimaldi - Kapitel 12
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typefiction
authorRichard Voß
titleDas Haus der Grimaldi
publisherJ. Engelhorns Nachf. in Stuttgart
year1923
firstpub1917
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12

In den Gemächern des mittelalterlichen Schlosses mit den Gemälden des Annibale Carracci und den Fresken des Michelangelo Caravaggio in den Arkaden entwickelte sich mehr und mehr das Leben der großen Welt. Die Neuvermählten hatten ihren Honigmond beendet, waren der zärtlichen Zweisamkeit überdrüssig geworden, freuten sich der beginnenden Hochsaison an der Azurküste, stürzten sich in den Strom fashionablen Lebens, der ihr Lebenselement war. Sie rissen ihren deutschen Gast, dessen lichte Schönheit allgemeines Aufsehen erregte, mit hinein.

Schon zum Frühstück waren Freunde und Bekannte geladen. Nachmittags sauste man im Auto dahin auf den schönsten Straßen der Welt, über dem azurblauen Meer, durch ein Gartenland, darin die Worte: Jammer und Elend, Armut und Not, keinen Klang hatten, sondern nur Reichtum und Glück, vereinigt mit allen Freuden, allen Genüssen des Daseins, den unauskostbaren, überschwenglichen.

Auf Kap Martin wurde in ihrer weißen Villa die greise Kaiserin Eugenie besucht, in Cannes die junge Großherzogin Anastasia von Mecklenburg-Schwerin, Großfürst Michael mit seiner schönen Gemahlin und die Schwester des deutschen Kaisers, die immer noch jugendlich-anmutige Charlotte von Meiningen. Vornehmen Russen und Engländern in Nizza, Villefranche und Mentone wurden Besuche abgestattet. Die Herrschaften wohnten in den großen Hotels oder in Landhäusern, in wahren Märchenschlössern.

An Scholastikas Ohr rauschten die glänzenden Namen, zogen die eleganten Gestalten vorüber. Unheimliche Geschöpfe blieben ihr die Frauen, mit der souveränen kühlen Haltung, die heiße Leidenschaften verbergen sollte; noch unheimlicher die Männer mit den fahlen Gesichtern, den fahlen Zügen, den aufgepeitschten Nerven. Und wie diese Männer mit den Frauen verkehrten! Freilich durchaus im Ton der guten Gesellschaft; vielmehr im Ton der großen kosmopolitischen Welt. Aber unheimlich blieben sie Scholastika darum doch. Über diese Frauen und diese Männer mit Yvonne zu reden, scheute sie sich. Doch gewöhnte sie sich auch daran. Woran sie sich jedoch nicht gewöhnte, das war Monte Carlo, das hesperisch schöne. Aus allen Teilen der Welt strömten die Menschen herbei. Die Expreßzüge brachten die Scharen heran, Tag und Nacht streckte das Spielhaus seine Fangarme aus, die Menge umklammernd und in die Wirbel seines goldenen Schlundes ziehend. So mochte der Moloch seine Opfer umfangen, mochte der Tanz um das goldene Kalb gerast haben, eine Orgie des göttlichen gelben Metalls ...

Als Scholastika zum erstenmal die glanzvollen Säle betrat, fiel es ihr gleich beim Eintritt beklemmend auf Brust und Seele. Eine Stille herrschte wie in einem Gotteshaus, nur unterbrochen von dem eintönigen Ruf des Croupiers, der Stimme des Priesters in diesem Tempel, dem Rollen des Goldes und Silbers, des Opfergeldes für die Gottheit. Als das junge Mädchen in den Hallen des Mammons die ersten Weihen empfangen sollte, faßte sie Grausen. Die schwüle Luft der Säle, der Weihrauch des Heiligtums, benahm ihr den Atem. Widerlich erschienen ihr die Scharen, die um die Tische sich drängten wie eine Gemeinde von Gläubigen um den Altar; schrecklich die aufgehäuften Banknoten und Goldrollen, die, gleichgültig hingeworfen und verloren – gleichgültig empfangen und zu den übrigen gelegt wurden. Damen der Gesellschaft standen neben Hetären, die einen wie die andern geschminkt und in den auffallendsten Kostümen. Beide, Damen und Dirnen, erfüllte der nämliche Gedanke: zu gewinnen; beseelte das nämliche gierige Verlangen nach der Erregung des Spiels. Aber auch das sollte ja wohl Lebensfreude sein?

»Liebe Yvonne!«

»Liebling?«

»Du wirst doch nicht auch spielen?«

»Ganz gewiß. Und du?«

»Ganz gewiß nicht.«

»Wie dir's beliebt. Wenn du nicht spielst, so stelle dich wenigstens hinter meinen Mann, du wirst ihm Glück bringen ... Charles, gib mir meine tausend Franken.«

»Du hast sie in deinem Täschchen.«

»Richtig. Siehst du wohl, wie verständig ich bin.«

»Verständig, weil du tausend Franken verspielen willst?«

»Weil ich niemals mehr mit mir nehme als tausend Franken. Sind sie verspielt, so höre ich auf. Charles dagegen ist unverständig wie ein Kind und spielt wild darauf los... Ich bitte dich, Liebling, geh zu Charles. Er soll heute einmal Glück haben.«

Heute einmal Glück haben durch sie! In diesen Sälen, an diesen Tischen! Unter diesen Menschen! Dennoch trat sie hinter ihn. Als fühlte er ihre Nähe, wendete er sich zu ihr. Sein Blick grüßte sie. Tief sah er ihr in die Augen. Es war ein andrer Blick als jener gewesen, der ihr damals die Röte der Scham ins Gesicht getrieben hatte.

Der Graf spielte und verlor. Trotz ihrer Nähe verlor er beständig. Das vor ihm aufgehäufte Gold schmolz dahin. Er holte sein Portefeuille aus der Tasche, riß Banknoten heraus: zehntausend Franken und mehr! Scholastika erbleichte. Unwillkürlich streckte sie die Hand aus und rührte leise an des Spielers Arm. Er wandte sich zu ihr, lachte sie an und fuhr fort zu spielen.

Er verlor auch jetzt, verlor beständig.

Als er alles verloren hatte, trat er von dem Unglückstische zurück und raunte Scholastika zu: »Unglück im Spiel und Glück – Ich denke an das alte Sprichwort. Es ist zwar banal, ich denke jedoch trotzdem daran. Vergessen Sie nicht, daß ich daran denke.«

Scholastika erwiderte mit Haltung: »Ich werde es nicht vergessen. Denn hier kommt Yvonne. Sie hatten freilich Glück in der Liebe.«

Da in den Sälen nur leise gesprochen werden durfte, mußte sie mit unterdrückter Stimme antworten.

Yvonne hatte an einem andern Tisch gespielt. Schon von fern hielt sie den beiden ihr Täschchen hin: durch die goldenen Maschen schimmerte das Gold. Die kleine Anmut strahlte über das ganze Gesicht. Ihr Gatte flüsterte Scholastika zu, wiederum mit einem tiefen Blick in ihre Augen: »Arme Yvonne! Sie hatte Glück im Spiel.«

Scholastika ließ den Grafen stehen und ging der Freundin entgegen. »Ich bitte dich, komm fort! Das ist ein schrecklicher Ort!«

»Du vergissest, daß dieser schreckliche Ort in Monaco liegt, und daß der Fürst von Monaco meines Mannes Oheim ist.«

»Wie kann der Fürst es nur ertragen? Er soll ein edler Mensch sein und dann –«

»Was meinst du mit deinem: Und dann?«

»Ich meine den Fluch, der auf seinem Lande ruht. Er muß den Fluch an seinem Hause, an seinem Leben, seiner eigenen Seele empfinden; muß an dem Fluch zugrunde gehen, treffen ihn doch die Verwünschungen aller derer, die in diese Hölle sich stürzen.«

»Weshalb tun sie es? Sie tun es mit Wonne. Für Tausende ist dieser schreckliche Ort die Stätte aller Seligkeiten. Der Segen dieser Tausende hebt die Verwünschungen der andern auf.«

Sie waren aus der erstickenden Luft der Spielsäle herausgetreten in die ambrosische Luft des Winterfrühlings; aus der überladenen Pracht von Marmor und Stuck, von Vergoldungen und Seidentapeten in die Herrlichkeit der Rivieralandschaft. Vor der Palmenallee glühte ein Riesenbeet purpurfarbener Zyklamen; der weite Platz wimmelte von einer festlich bewegten Menge; Auto auf Auto fuhr vor; aus dem Café de Paris tönte leidenschaftliches Geigenspiel; vor dem Hotel de Paris bewegte sich das Leben einer Großstadt, und die Sonne, die über Gerechte und Ungerechte scheint, umfloß alles mit ihrem Glanz. An diesen Meeresgestaden ward er zur Glorie.

Scholastika atmete auf. Der Stätte häßlicher Leidenschaften entfliehend, glaubte sie der Stimme entfliehen zu können, die ihr zugeflüstert hatte: »Ich denke an das alte Sprichwort. Vergessen Sie nicht, daß ich daran denke!«

Und weiter: »Sie hatte Glück im Spiel... Arme Yvonne!«

Gewiß würde sie vergessen und zwar schon in der nächsten Stunde. Aber – »Arme Yvonne!«

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