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Das Haus Bärburg oder der Familienzwist

August Lafontaine: Das Haus Bärburg oder der Familienzwist - Kapitel 4
Quellenangabe
authorAugust Lafontaine
titleDas Haus Bärburg oder der Familienzwist
publisherJohann Daniel Sander
year1805
correctorreuters@abc.de
senderHerbert Niephaus
created20180427
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1.
Hermann an Schmidts.

Grundleben.

Schmidts! eine erstarrende Kälte, o die Kälte des Todes, dringt durch meine Seele. Schrecklich! entsetzlich! Wo ist die Bahn, der ich folgen könnte? wo der Weg, der nicht zum Verderben führte? Ich bin verloren! –

Marie wohnt in meiner Nähe, und – ist nicht verheirathet. O, ergreift nicht auch Ihr Herz Entsetzen? Da steht die schreckliche Nemesis, und fodert den Zoll für die Worte: »es hat keine Eil.«

Marie, die ich liebte, die ich bis zum letzten Athemzuge lieben werde, ist in meiner Nähe! und nicht verheirathet! Schmidts, fühlen Sie den unaussprechlichen, den endlosen Jammer in meinem Innern? Marie blieb mir treu, und ist mir ganz nahe!

Großer Gott! ich zittre, Ihnen mehr zu sagen. »Eilen Sie!« schrieben Sie mir vor einigen Wochen. Ich eilte. An Minettens Geburtsfeste, erst vor ein Paar Tagen, sank ich, berauscht von Liebe, von Freude, von dem frohen Feste – ich Unglücklicher! sank in ihre Arme, und schloß den Bund der Liebe an ihren Lippen.

 

*

 

O Gott! kennen Sie auf der weiten Erde einen Menschen, der gräßlicher elend wäre, als ich?

Da sitze ich, und wende die Augen, die trocknen, erstarrten Augen, gen Himmel, und suche Hülfe, ach! nur einen Gedanken aus meinem todten, versteinerten Gehirn! nur einen Gedanken, nur einen Entschluß, nur eine Thräne! Da sitze ich, wie jener Höfling, und das scharfe Schwert des Schicksals hängt ewig fallend über meinem Haupte. Die dunkle Zukunft dringt immer schwärzer auf mich heran. Meine Vergangenheit ist hin, verschwunden, zerstört; die Gegenwart ist sonst nichts als ein Blick auf die finstre, schreckliche Zukunft – O, ich sitze ohne That, ohne Entschluß; denn was ich thun, was ich wählen kann, ist nur Verderben, – für mich, für alle Menschen, die ich liebe!

 

*

 

Ich sinke auf die Kniee, springe schaudernd wieder auf, und lache so laut, daß es von den Wänden meines Zimmers widerhallt. – Marie ist da! und Minette liebt mich! O Jammer! Ich fürchte, wahnsinnig zu werden, wenn ich noch lange diesen Einen Gedanken immerwährend denke. Es ist mir schon eingefallen, ob ich es nicht bin, ob nicht diese Vorstellungen nur Ideen meines kranken Gehirns sind. Wahnsinnig – das wäre vielleicht das Beste.

 

*

 

Wie dem auch sey! Und träte mir noch mehr als mein Schicksal, träte mir die ganze Hölle in den Weg: ich will hindurch! Ich will, ich muß zu Marien! Machen Sie mir keine Einwendung dagegen, Schmidts! Ich will, ich muß!

Sie sagten: es hat keine Eil. Jetzt sehen Sie, was die Hölle aus diesen Worten geschaffen hat!

O, gränzenloses Elend! Wenn Minette, ach! mit zitternden Tönen, mich fragt: was ist Ihnen? so fahre ich auf, als hätte ein Geist des Schreckens mich ergriffen. Nichts! will ich ihr sanft erwiedern; aber ich rufe es wüthend, und lache hinterher.

Sehen will ich Marien. Kein Mensch, keine Gewalt soll mich daran hindern.

 

*

 

2.
Derselbe an denselben.

Grundleben.

O mein Freund, wäre denn die Tugend nichts als eine Leidenschaft? und das Laster eben das, nur mächtiger? Ich habe mich selbst verloren! Gewaltsam greife ich in die Ketten, die mich fesseln, und – kann sie nicht zerreißen. War denn meine Tugend nichts als der ruhige Umlauf meines Blutes, nichts als die Folge meines Wohlseyns? O, wenn meine Phantasie von Hoffnungen, Begierden, Planen, Zweifeln, Entschlüssen, von den wild auflodernden, verzehrenden Flammen der Leidenschaft, der Liebe ermattet ist: dann wende ich den trüben Blick auf meine Pflicht, auf meine Verlobte, auf ihr blasses Gesicht, auf ihr thränenvolles Auge, auf das ängstliche Schlagen ihres Herzens. Ach, und diese unheiligen, unreinen Opfer werden mir so schwer, wie die reinsten, die ich der Tugend bringen könnte! Doch nichts hält mich fest auf dem Punkte, auf dem ich bleiben sollte, weil da meine Pflicht ist; meine Phantasie, meine Leidenschaft reißt mich fort. Ich bin wie ein Mensch, der, nach langem Umherirren, in sein Vaterland zurückkehrt, und, anstatt der heimischen Hütte, die Zerstörung eines Erdbebens findet.

Von Allem, was ich hatte, ist mir weiter nichts übrig geblieben, als daß ich weiß, was ich thun sollte, daß ich fühle, ich bin ein Opfer der Leidenschaft. Bin ich nun so elend genug?

Und doch – o Schmidts! – Nein, ich will nicht mit dem Himmel rechten, nicht mit Ihrem: »es hat keine Eil!« nicht mit der Tugend. Ich fiel in die Schlinge, die mir das Schicksal legte. O Vorsehung! Ein Sandkorn rollte anders, langsamer, durch das Stundenglas der Zeit; und ich war der glücklichste Mensch, meine Seele blieb rein von einem Verbrechen, rein wie der Thau des Himmels!

Ich will nicht rechten. Aber fragen will ich Sie, die ganze Welt: ist nicht auch meine reine, heilige Liebe zu Marien eine Tugend? ist nicht auch diese alles besiegende Liebe ein Schicksal, das mich unwiderstehlich fortreißt? Welches ist der Wink des Himmels: meine erste, freiwillige, reine, heilige Liebe; oder meine Verbindung mit Minetten, die andre Menschen für mich schlossen? Ich will nicht rechten, nur fragen.

Ich warf mich auf ein Pferd, und sprengte nach Ronnbergen, mit dem Entschlusse, der sich Anfangs nur wie eine leise Ahnung aus meiner Seele empor hob, doch auf dem Wege immer stärker, und endlich unerschütterlich wurde – mit dem festen Entschlusse, sie in meine Arme zu fassen, sie vor den Altar zu führen, mich auf ewig mit ihr zu verbinden, und dann einen unbekannten Winkel der Erde aufzusuchen, wo sie ganz mein seyn könnte. Aber bei den wenigen Schritten zu ihr versank ich wieder in die größte Furchtsamkeit. Als ich die Thür öffnete, flog eine leichte Blässe über ihr Gesicht, und ihre Brust hob sich in langen beklemmenden Athemzügen. Sie wollte reden; doch die Lippen versagten ihr den Dienst. Und ich? o, ich fühlte an dem Erstarren meines ganzen Körpers, daß ich bleicher war, als sie. Auf meiner Brust lag eine drückende Angst, die mir den Athem raubte. So standen wir einander gegenüber, schweigend, bleich, wie zwei Schreckensgestalten. Sie erholte sich zuerst, sagte ein Paar artige Worte, und wurde nun wieder ruhig; auch kehrte ihre Farbe wieder zurück.

Ich setzte mich, auf ihre Einladung, neben sie. Marie! sagte ich endlich mit gewaltsamer Anstrengung meiner Kräfte. Meine ganze Seele war bis jetzt nur in meinen Augen gewesen. Ach, sie stand so schön, so edel, da! Marie! rief ich, und aus meinen Augen drang eine Thräne des tiefsten Schmerzes. Ich sehe Sie wieder; und so! so!

»Und warum nicht so?« fragte sie lächelnd. Noch ehe ich antworten konnte, setzte sie eilig hinzu: »ich erfuhr erst gestern ganz zufällig, daß Sie sich hier in der Nähe aufhalten.« Ihr Ton wurde im Sprechen immer ruhiger, und sie nahm ihre Arbeit in die Hand. »Wissen Sie nicht, was Madame Schulz und ihre Familie macht?«

Ich schüttelte den Kopf. Als ich erfuhr, daß Sie verheirathet wären, hob ich endlich an –

»Verheirathet?« fragte sie erschreckend; doch sie faßte sich wieder. »Ich kann mir leicht vorstellen,« sagte sie ruhiger, »wie Sie zu dieser falschen Nachricht gekommen sind. Die Proklamation mit Herrn Sall von der Kanzel . . .«

Herr Schulz brachte die Nachricht mit von Hamburg, und eine Magd auf dem Landhause Ihrer Tante bestätigte mir, daß Sie getrauet würden, oder schon wären! – Ich floh in Verzweiflung aus Hamburg.

Sie stand auf. Ihr ganzes Gesicht veränderte sich; ein zartes Lächeln, ein Zug von Vertrauen, von Güte, ja ein Zug von Liebe, den sie mir nicht verbergen konnte, ein sanfter Zug von Schwermuth, gab ihrem Gesichte jetzt einen himmlischen Reitz. So trat sie einen Schritt auf mich zu, bot mir die Hand, und sagte mit Tönen – o, womit vergleiche ich die zärtliche Anmuth dieser Töne! –: »seyn Sie mir denn auch jetzt willkommen, Herr von Bärburg, mit Vertrauen, mit reiner Freundschaft willkommen!«

Was sie auf einmal so rührte, weiß ich nicht. Es war, als breche plötzlich die Liebe gewaltsam aus ihrem Herzen, ihren Augen, ihrer Stimme hervor. Ich faßte ihre Hand, und drückte sie an meinen Mund. Sie fuhr in einiger Verwirrung fort: »ich höre, daß Sie mit Ihrer Cousine, dem Fräulein von Sonnenstein, verlobt sind. Jedermann erklärt sie für ein vortreffliches Frauenzimmer, und so nehme ich denn innigen Antheil an dem Glücke meines Freundes.«

Ihr Ton war so fest, daß ich nicht den Muth hatte, ihr etwas zu erwiedern. Ich schlug die Augen zu Boden, und hob an, als wollte ich mich entschuldigen: die Nachricht von Ihrer Verheirathung . . .

». . . hat freilich alle meine Freunde getäuscht. – Ich reiste mit meiner Tante nach Holland. Was Alle wußten, war mir völlig unbekannt; und so blieb ich ganz ruhig. Ich hatte Madame Schulz geschrieben; sie muß aber meinen Brief nicht erhalten haben: sonst hätte sie wenigstens meine Verheirathung nicht glauben können. Man drängte mich auf der ganzen Reise, Herrn Sall meine Hand zu geben. Endlich, erst vor einigen Tagen, auf der Rückreise nach Hamburg, entdeckte mir meine Tante, daß mich in Hamburg Jedermann für Madame Sall halte, und daß ich, um meiner Ehre willen, den allgemeinen Glauben bestätigen müsse. Herr Sall war so unverschämt, mir den Aufgebotsschein zu zeigen, und meine Tante gestand, daß sie um die Sache gewußt hätte. Jetzt sagte mir mein Gefühl, daß ich nicht verpflichtet wäre, länger bei einer Frau zu wohnen, die meinen Nahmen so Preis gegeben hatte. Ich erklärte der Tante, daß ich hier bleiben würde, bei einer Verwandten meines Vaters, die mich herzlich liebt. Das mußte sie zuletzt bewilligen, und man reiste ohne mich nach Hamburg. – Sie nehmen Theil an mir, das weiß ich; darum versichre ich Ihnen, daß ich glücklich bin. Ich erwarte jeden Tag einen Brief von Madame Schulz; und vielleicht kommt sie sogar selbst.«

Diese letzten Worte nahmen mir allen Muth, ihr zu sagen, wie unendlich ich sie liebte. Verlassener hat sich gewiß nie ein Mensch gefühlt, als ich mich in diesem Augenblicke! verlassen von allem, verlassen von mir selbst! Es war mir, als fiele eine stille Verzweiflung auf mein Herz, und zugleich, als würde alle Schande mit Spott über mich ausgegossen. O, konnte ich ihr sagen, daß ich sie liebe? Sie, sie hielt ihr Wort. »Man wird mich nicht zwingen,« hatte sie mir gesagt. Und wer zwang mich? O, mein eigner Wille! Das Zureden meiner Freunde? Nein, nein; mein eigner Wille! Eine begeisterte Minute stieß mich aus dem Zauberkreise der Liebe, des Glückes; der Tugend. Sie war mir treu; und ich? – O Gott! – Schmidts, leben Sie wohl!

 

*

 

Doch Sie müssen ja alles erfahren. Ich stand vor ihr, die Augen fest auf den Boden geheftet, mit dem trostlosen Gefühle der Scham über meine doppelte Schuld gegen Marien und gegen Minetten, einer Schuld, die mich doppelt mit mir selbst entzweiete, und mich der Schande Preis gab. O, ich fühlte mich so vernichtet, daß in dieser Minute selbst meine Liebe zu Marien unter der Last von Scham erstarb. Es war mir sogar lieb, daß sie hinaus ging und mich einige Minuten allein ließ. Ich trat mechanisch an ein Klavier, und spielte den Refrain ihrer Romanze, in tiefen, vergessenden Träumen, aus denen ich nicht eher erwachte, als bis sie mich wieder anredete, um mir ihre Verwandte vorzustellen. Was ich gesprochen, und wie ich Abschied genommen habe, weiß ich selbst nicht. Am späten Abend fand ich mich mitten im Felde wieder, und hatte Mühe, mich nach Ronnbergen zurückzufinden. Mein inneres Leben war ertödtet. Ich ging mechanisch zurück, setzte mich schweigend auf das Pferd, und mein Bedienter mußte mir hundertmal sagen, ich möchte doch im Wege bleiben.

Nein, ich will nicht rechten, mit Niemand. Aber – was ist aus mir geworden! Ich schaudre vor mir selbst; denn dieser gänzliche Tod meines Innern hält an. Ich habe mich selbst verloren! O Schmidts!

 

*

 

Marie an Madame Schulz.

Ronnbergen.

Noch habe ich keine Antwort von Ihnen, liebste Freundin. Aber ich lege mein armes gequältes Herz an Ihre Brust voll Treue und Liebe. Die Hoffnung ist zerronnen wie ein schöner Traum. Er hat sich verlobt, und wohnt in meiner Nähe. Ich muß auch von hier, aus diesem Aufenthalte des Friedens, fliehen; denn er ist in Grundleben, nur drei Stunden weit von hier. Meiner guten Verwandten entfiel von ungefähr der Nahme Bärburg, und es goß sich eine flammende Röthe über mein Gesicht. – Ich habe in Hamburg einen jungen Herrn von Bärburg gekannt, sagte ich, mich tief an meine Arbeit bückend, und mit der größten Anstrengung, meinen Ton ruhig zu halten: den Sohn des Präsidenten von Bärburg.

»Der Vater ist todt,« antwortete sie; »der Sohn hält sich jetzt in Grundleben auf, und hat sich da mit seiner Cousine verlobt. Ja; er ist in Hamburg gewesen.« – O, liebste Sophie, meine Seele erstarrte. Nach einer langen Pause hob ich wieder an: das ist fast nicht möglich; denn man sagte . . .

»Du kannst es mir glauben, Marie. Ich bin mit der Familie sehr gut bekannt, mit Sonnensteins, und mit dem Rittmeister. Der Herr von Bärburg ist mit dem Fräulein Sonnenstein verlobt. O, das sind ein Paar Engel! Und eine Liebe! Man möchte gleich wieder jung werden, wenn man sie beisammen sieht!« Und nun mahlte mir die gute Frau das Bild dieser Liebe mit einer Art von Begeisterung aus. Er war es, von dem sie sprach, was ich noch immer bezweifelte; denn sie nannte auch seinen Vornahmen: Herrmann.

O, gute Sophie! ja, er liebte mich; aber hatte ich denn Ansprüche auf ihn? Ach, Sie werden bald Ihre Marie nicht mehr in mir erkennen wollen; denn in meiner Seele lag etwas so Scharfes, so Bittres. Der Treulose! dachte ich wohl hundertmal. Ich beschuldigte meine Verwandte der Uebertreibung, wenn sie seine Braut das schönste, vortrefflichste Mädchen nannte. Ach, ich liebe ihn! O, Sophie, wie erröthe ich über dieses Geständniß! Von dem Augenblicke an, da ich seine Verlobung erfuhr, hätte ich ja das auch nicht einmal mehr denken sollen! Ach, ich liebe ihn noch immer! O, gute Sophie! darf ich an Ihr Herz fliehen? werden Sie Ihre trauernde Marie aufnehmen? Weg von hier muß ich. Ich höre allzu oft seinen Nahmen nennen, und dieser Nahme zaubert die schöne kurze Vergangenheit wieder in meine Seele. Wenn ich nicht flöhe, so könnte ich ja ihn selbst einmal sehen!

O, wie kindisch bin ich! Betrifft mein Brief nicht ganz allein Ihn? Nein, nie will ich ihn wieder nennen, den Verlobten einer Andern!

 

*

 

Ich habe ihn gesehen, liebe Sophie; und nun ist alles gut, nun bin ich mir selbst zurückgegeben. – Mir grauete vor einem Gespenste; und als es sich näherte, war es das Bild eines Freundes, Zuweilen zittre ich freilich noch vor einem Gedanken, der wohl sonst nichts als die Frucht einer versteckten Eitelkeit ist. Aber zu Ihnen muß ich fliehen!

Er stürzte in mein Zimmer, und wir Beide standen wie erstarrt. Ich weiß nicht, was wir sagten. Es war, als riefe ein Ton des Entsetzens meinen Nahmen aus.

»Als ich erfuhr, daß Sie verheirathet wären ...« sagte er. – O, gebe Gott, daß ich die Nahmen meiner Tante und Salls nur Einmal in meinem Leben wieder mit Ruhe hören kann. Ich sah nun, daß er unschuldig war; und das gab mir die Stärke, ihn, als er meine Hand mit einer zu wilden Heftigkeit ergriff, an seine Braut erinnern zu können. Ich erzählte ihm, wie ich hieher gerathen war, und schloß mit der Versicherung, daß ich mich glücklich fühlte. O Sophie! glücklich fühle ich mich wohl nicht; doch ruhig, in der That so ruhig, als ob gar kein Schmerz im Leben wäre.

Und er? Das finstre Auge an den Boden geheftet, stand er ohne Worte, ohne Empfindung, da. Er hob die eine Hand langsam, in Absätzen, an die Stirn, und sein Mund verzog sich zu einem Lächeln, das mich ängstigte. Ich ging hinaus, um mich zu erholen. Als ich wieder in das Zimmer kam, saß er am Klaviere, und griff einzelne, aber schreckliche, Dissonanzen. Ich stellte ihm meine Verwandte vor. Er sah sie von oben bis unten an, schüttelte den Kopf, als ob er sie nicht erkennte, und antwortete nur ein Paarmal, doch ohne Sinn: ja! ja! Dann legte er die Hand wieder vor die Stirn und vor die Augen, als ob er scharf über etwas nachsönne.

Meine Verwandte sah erst mich an, und dann ihn; sie mußte merken, daß ein ungewöhnliches Verhältniß unter uns Statt fand. Auf einmal wendete er sich von uns ab, verbeugte sich, und ging. Nun hatte ich erst eine Untersuchung von meiner Verwandten auszuhalten. O Gott! wie schwer wurde es mir, ihr zu verschweigen, was ich ihr doch verschweigen mußte: seine ehemalige Liebe zu mir!

Doch nun? – Er war mir ein Räthsel, und ist es noch. Ich fürchtete einige Mal, daß seine alte Leidenschaft erwacht seyn könnte. Das fürchte ich jetzt nicht mehr, obwohl – Bin ich denn wirklich so eitel? Ach, ich muß zu Ihnen; denn nur an Ihrem Herzen werde ich die Ruhe wiederfinden, die ich verloren habe.

 

*

 

Ja, Sophie, wenn ich alles überdenke, so muß ich beinahe fürchten, daß er mich noch liebt. Die Verbindung mit seiner Cousine war der Wunsch seiner Familie, dem er wohl nur darum nachgegeben hat, weil er mich verheirathet glaubte. O, Sie sollten ihn gesehen haben, wie er da stand, mit dem Auge, das langsam hin und her rollte, mit dem bleichen Gesicht, auf dem auch nicht Ein sprechender Zug mehr lag, dem Gesicht eines Todten! Ich muß zu Ihnen. Er hörte, er sah nicht; sein Gang war ein Schwanken, ein unsichres Taumeln, als er von uns die Gasse hinunter ging. Er liebt mich; ach! und er fühlt, so tief wie ich, daß wir auf immer getrennt sind!

 

*

 

2.
Herrmann an Schmidts.

Grundleben.

Ich habe mein Testament gemacht, lieber Schmidts. Wie Minette das erfahren hat, weiß ich nicht. Mein Oheim setzte mich darüber zur Rede. Er fürchtete, daß ich ein Selbstmörder werden wollte. Ich versicherte ihm, daß ich daran mit keinem Gedanken gedacht hatte. »Diese Versicherung,« sagte er, »mit diesem Gesichte!« Ich trat vor den Spiegel, ohne etwas zu sehen. Sie müssen mir glauben, wenn ich versichere! sagte ich empfindlich; denn, Schmidts, ich hatte gewiß nicht an Selbstmord gedacht. Mein Inneres, mein Wesen schien sich mir in gewissen Augenblicken in einen Traum aufzulösen; ich fürchtete das Stillstehen meines Herzens, fürchtete es mit dem Schauder, den jedes lebende Wesen bei dem Gedanken an Nichtseyn fühlt. Da theilte ich mein Vermögen zwischen Marien und Minetten. Mein Oheim hielt mir eine lange Rede über Ergebung in die Zufälle des Lebens. Ich fand das alles recht schön, sogar rührend; denn habe ich mich nicht ergeben in diesen vernichtenden Zufall, in dieses ewige Entbehren meines Himmels? – Er hielt mein Zustimmen für Spott, für Trotz. Guter Gott! ich habe mit der ganzen Welt, mit dem Leben Frieden gemacht. Ich, Spott! ich, Trotz! Er nannte mich einen Fahrlässigen, der die Arzenei von sich stoße. Wo ist denn die Arzenei für den Verlust, den ich erlitten habe? Ich spanne mein Gehirn an, daß sein festestes Gewebe zerreißen möchte, um in dieser Finsterniß einen Weg zu erblicken, in meinem Innern nur eine Bewegung des Lebens wieder herzustellen; und er wirft mit Gemeinplätzen um sich, die ich verspotten dürfte, wenn ich wollte, weil nicht Einer auf meinen Zustand paßt. Was ein Mensch kann, weiß ich; was die Zeit thun wird, habe ich ja, leider, erfahren. Leider, o leider! legte ich ja meine Hand in eine andre, und trennte mich auf ewig von Marien, ehe mein Herz, ehe das Schicksal uns getrennt hatte!

Wenn ich bedenke, wie nahe ich der Seligkeit war; wenn ich bedenke, daß ich nur – was ja die Decenz befahl – mein Trauerjahr um die verlorne Geliebte hätte aushalten dürfen – o, nur sechs Monate! denn so lange ist es her –; wenn ich bedenke, daß ich jetzt triumphirend in ihren Armen, an ihrem Herzen stehen, daß ich die entzückenden Worte: ich liebe dich! von ihren Lippen hören würde, daß sie mein wäre – da haben Sie das Wort: mein! in welches das Schicksal mein Daseyn verschlossen hat: o dann –! Ach, als ich vor ihr stand, sie frei! frei! und mein! mein! und nun meine Thorheit, meine Schuld eine Welt, eine Ewigkeit zwischen uns gestürzt hatte! Ich zittre. An dieses Gespinnst, noch zerreißlicher als die Faden einer Spinne, hatte das Schicksal die Glückseligkeit dreier schuldlosen Menschen gehängt! –

»Was thut es denn?« sagte mein Oheim. »Hast du je etwas gesehen, das sich der Zeit nicht ergeben hätte?«

Das ist es eben! denk' ich. Nach funfzig oder sechzig Jahren ist ja ohnehin alles, was jetzt aus der Erde klagt und jauchzt, jammert und triumphirt, mit der Stille des Grabes bedeckt. O, wenn das Trost seyn soll, so hat der Mensch einen bessern – gerade den, den mein Oheim fürchtet. Warum stürzt denn das Menschengeschlecht sich nicht auf einmal in das stille Grab? Eine Minute früher oder später! Daran dachte er nicht. Er predigte gegen den Selbstmord, und gab mir die tödtlichen Waffen; die er mir entreißen wollte, selbst in die Hände. Gott hat den Schmerz der Zeit zu stillen übergeben, wie er Welten an Sonnenstrahlen hängt. Das darf Er, weil er Er ist! Aber darf es darum auch ich? – Ich soll mich nicht betrüben, weil die Zeit den Schmerz lindert. Das ist eine unsinnige Foderung. Darf ich ein Land voll Menschen lebendig begraben, weil Gott es zuweilen durch ein Erdbeben thut? – Ich fasse alle Kraft meines Innern zusammen, um nicht zu fallen; und er bringt mir ein Paar Tanzschuhe für einen Ball. Frisch angezogen, und getanzt; denn nach Jahr und Tag tanzest du ja doch wieder! Nun möchte er gern eine Relation haben von dem, was mir zugestoßen ist; und was hülf' es, wenn ich sie ihm gäbe! Er würde sagen: sieh, Vetter, so und so wäre es ganz anders gekommen. Ja wohl, so und so, guter Oheim! Nur Schade, daß wir nicht sagen können, ob das so und so besser wäre! »Aber Minette geht zu Grunde.« Das soll sie nicht, Schmidts. Und – wenn mich alle Welt an die Zeit verweis't – ist denn Minettens Schmerz allein ewig? So egoistisch ist der Vater, so egoistisch sind wir Alle. Wir fodern Opfer, wollen aber keine bringen. Doch leben Sie wohl!

 

* * *

 

Diese Briefe unterrichten den Leser von Herrmanns Zustande. Er war in eine kalte Apathie versunken, aus der ihn nichts errettete, da er die Schuld seines Unglücks sich selbst beimaß. Beide Briefe an Schmidts wurden nicht abgeschickt, und blieben unter seinen Papieren, weil er in einem fast gedankenlosen Zustande war. Er saß den ganzen Tag auf seinem Zimmer allein, und heftete die Augen an die Wand. Gegen Niemanden im Hause betrug er sich unfreundlich; und kam Minette, so raffte er sich gewaltsam auf, um sie nicht durch seinen Schmerz zu betrüben. Die Eltern konnten nicht errathen, was ihm fehlte; Minette war die Einzige, welche die Wahrheit ahnte, ob sie gleich die Unthätigkeit des Liebenden nicht begreifen konnte. Er verließ Grundleben nicht; aber das kalte, blasse Gesicht, die verwilderten, starren Blicke zeigten den tiefen Schmerz im Innersten seiner Seele.

Eines Abends, als schon jeder Andre im Hause schlief, ging Minette zu ihm. Sie hatte den Entschluß gefaßt, sich um jeden Preis sein Herz zu öffnen, und sie führte ihn in einem jener stolzen Augenblicke aus, wo die Seele sich über das Leben, über den Schmerz, über das Glück erhoben hat; wo der Mensch sich überirdische Stärke zutrauet, und sie, in dem begeisternden Glauben an sich selbst, auch besitzt. Auf ihrem schönen Gesichte lag eine stolze Ruhe, mitten in der Gluth der tugendhaftesten Begeisterung. – Herrmann stand auf, und sagte: noch so früh? Ich meinte, es müßte schon Mitternacht seyn! –

»Es ist Mitternacht, lieber Herrmann – auch um unsre Seelen her! – Habe Glauben an mich; und es soll heller, froher Tag werden.« – Er bemerkte die Begeisterung in Minettens Gesichte, wurde aufmerksam, riß sich gewaltsam aus der Schwermuth auf, faßte ihre Hand, und lächelte ihr freundlich zu. »Herrmann,« – sie legte ihren Arm um seinen Nacken – »ein Herz voll treuer Liebe schlägt in meiner Brust für dich. Aber was wäre diese· Liebe, wenn sie nur mich, und nicht auch dich beglücken wollte! Es wird mich schmerzen, deine Hand aufzugeben; doch ich werde deine Liebe behalten, und mein Gewinn ist dann größer, als das Opfer. Herrmann, laß uns menschlich gegen einander seyn, nur menschlich! Ich will deinen Schmerz kennen, um ihn zu heilen. Laß diese große Minute nicht ungenutzt, ohne Vertrauen, vorüber gehen! Du liebst mich nicht.«

Herrmann faßte ihre Hand. Ich liebe dich.

»Ja! Warum solltest du auch nicht, da ich dich so zärtlich liebe! Aber du liebst eine Andre mehr, als mich. – Sey offen, lieber Herrmann!«

O, wenn wir nur die Begeisterung eines Augenblicks brauchten, um glücklich zu seyn, und glücklich zu machen: wir wären Alle glücklich! Ich liebe dich, Minette; und hätte ich dich nicht geliebt, so würde ich dich von jetzt an lieben. Ich bitte dich, laß dir daran genügen.

»Ich will Vertrauen von dir. Darf ich das nicht fodern, wenn ich deine Geliebte bin? Ich will Wahrheit; die bist du jedem Menschen schuldig: um wie viel mehr der Geliebten!«

Nun denn! Hier hast du reine, lautre Wahrheit: ich liebe dich, und du sollst glücklich seyn!

»Herrmann! stoß mein volles Herz, das nur für dich und dein Glück schlägt, nicht so mit einer kalten Ausflucht von dir! Glaubst du, ich könne den Schmerz nicht tragen? Ich habe mein Herz geprüft. – Du liebtest in Hamburg Marien: das ist dein Gram. Sieh mich nicht so verwundert an. Ich weiß noch mehr; aber, ich bitte, ehre mich durch ein offnes Vertrauen!«

Ich ehre dich mehr, als du foderst. Mein Gram ist vorüber; die Flamme der Tugend in deiner Brust hat ihn verzehrt. Ich bin dein, Minette.

»Was war dein Gram, Herrmann? . . . Ich bin nicht gekommen, deine Liebe zu stehlen: ich stehe hier, mit dem Vorsatze; gerecht zu seyn; aber ich fodre auch Gerechtigkeit.«

Mein Gram war eine unmännliche Schwäche. An dem Tage, Minette, da du mit stolzer Freude mir sagst, daß ich dich glücklich gemacht habe, frage mich wieder; dann will ich dir antworten. Meine Geliebte, willst du mich beschämen, erniedrigen? Aller Gram, den ich hatte, ist vorüber! –

Er wollte Minetten in seine Arme schließen; doch sie trat einen Schritt zurück. »Wenn in dieser Stunde das Weh über unsre Herzen ausgesprochen wird, Herrmann, so sprachst du es aus; wenn ein feindseliger Dämon uns hassend aus einander reißt, so hast du ihn hervorgerufen!«

Wenn! sagte Herrmann stolz und groß; Friede ist in dieser Stunde über unsre Herzen gerufen; ein guter Geist steht neben uns.

»Soll ich nicht verschmähen, was du von mir verschmähest, das Opfer deiner Liebe? Herrmann, ein vertrauendes Wort, und wir Alle sind glücklich. Treue ohne Liebe, Liebe ohne Vertrauen, sind Dornen für ein weiches Herz. Ich bitte dich, Herrmann!«

Was willst du, Minette? Soll ich denn der Einzige seyn, der alle Opfer bringen muß? Willst du denn, daß dieses Herz mit einer neuen Verzweiflung ringen soll? Ich muß schweigen, Minette. O, soll ich denn alles um mich her betrüben? soll ich nicht Ein Herz glücklich machen? Minette, du, in deren Herzen für mich die Hoffnung, die letzte Hoffnung einer glücklichen Zukunft, ruhet: willst auch du mich verlassen?

Minettens Herz schlug von lauter Wonne; die glücklichste Liebe funkelte in ihren Augen, und sie warf sich in seine Arme. »O, Herrmann! so habe ich mich wohl gar geirrt, und du liebst mich wirklich? O, sage es tausendmal, sage nie etwas anderes! Herrmann, du liebst mich?«

Daran hast du gezweifelt, Minette? Ich liebe dich treu und ewig. –

Minette verließ ihn mit einem Kusse der glücklichen Liebe, und schöne Träume wiederholten ihr tausendmal die Worte; ich liebe dich treu und ewig. –

Herrmann fühlte einen neuen Strom des Lebens in seiner Seele. Er sah wohl, daß Minette zu ihm gekommen war, ihre Ansprüche an sein Herz aufzugeben; und vielleicht würde er selbst dies Opfer von ihr gefodert haben, wenn Marie gewollt hätte: doch jetzt, da sie ihm großmüthig das Opfer brachte, jetzt durfte, jetzt konnte er es nicht annehmen, auch wenn Marie es wünschte; und jetzt trennte er sich von dieser freiwillig und auf ewig. In seiner Brust hatte noch immer eine stille Hoffnung gelegen; doch er zerstörte sie mit kräftiger Hand, und nun fühlte er sich glücklicher, als vorher: das drückende Gefühl der Scham lös'te sich in. Zufriedenheit auf. Endlich hatte er sich selbst wiedergefunden. Er hob noch einmal die Arme gen Himmel, sagte langsam und feierlich: sie ist mein! und sank ruhig in die Arme eines erquickenden Schlafes.

Am folgenden Morgen schrieb er unter seinen zweiten Brief an Schmidts:

»O, liebster Schmidts, hier stehe ich wieder in dem bessern Gefühle des großen Schmerzes, mit dem ich kämpfe, der mich nicht mehr wie ein gefesseltes Opferthier mit sich schleppt. Minettens Edelmuth hat mich mir selbst wiedergegeben. Sie kam zu mir, und opferte mir ihre Ansprüche an mich auf. O, wie war ich gesunken, daß ein Mädchen mich beschämen mußte! Sie wollte mir durch verführerische Großmuth mein Geheimniß entreißen; da erwachte ich, weckte meine Kraft, und gab ihr, was die Gerechtigkeit foderte, mein Herz und meine Hand. Mit der Gewißheit einer treuen Liebe verließ mich die edle Minette. Nein, nun fürchte ich nichts mehr. Ich liebe Marien; doch ich versenke diese Leidenschaft bis in die geheimsten Tiefen meiner Seele. Minette ist mein! Von nun an soll Freude auf meinen Lippen wohnen. Ich werde ja vergessen lernen, vergessen in den Armen des Weibes, das mich lieber verlieren, als mich nicht glücklich sehen wollte.«

»Ja, Schmidts! ich bin wieder ich selbst. Nie sehe ich Marien wieder. Aber diese Wechsel – sagen Sie nicht: wie viel! Mein Herz sagt immer: wie wenig! – diese Wechsel suchen Sie dem edeln Mädchen auf eine gute Weise in die Hände zu spielen. Das wird sie vor Mangels sichern, und vor dem harten Schicksal, etwas von Menschen nehmen zu müssen, die nicht werth sind, ihre Verwandten zu seyn. O, eilen Sie! Aber seyn Sie ja behutsam! Es wird aller ihrer Kunst bedürfen, das bescheidne, genügsame Mädchen zur Annahme dieser Armseligkeit zu bewegen. Schicken Sie mir diese Papiere ja nicht zurück!«

»Ich sehe meinen Oheim im Garten. Ich will ihn bitten, den Tag meiner Verbindung mit Minetten nicht mehr lange hinauszusetzen.«

 

*

 

Herrmann ging hinunter. Minette – o, mit Augen, aus denen der Triumph der glücklichsten Liebe strahlte! – suchte ihn auf seinem Zimmer, fand ihn nicht, und erblickte seinen Brief, den er einzuschließen vergessen hatte. Sie las die letzten Zeilen, und ihr Entzücken wurde immer größer. In dieser Trunkenheit ihrer Empfindungen vergaß sie einen Augenblick, daß der Brief ein fremdes Eigenthum war. Sie las hier ein Wort, dort wieder eins; und bald fesselten sie Erstaunen und Schmerz an den Brief, so daß sie ihn ganz las. Jedes Wort drang wie ein Dolch in ihre Brust: es war ihr, als hätte sie noch nie von seiner früheren Liebe reden hören; es war, als ob er sie jetzt und immer betrogen hätte. Doch der Schluß des Briefes, worin von ihrer Großmuth die Rede war, vertilgte aus ihrer Seele alle Bitterkeit; sie sah ihren Edelmuth durch den seinigen überwunden. Als sie den Brief wieder hinlegte, fand sie auch den ersten, und las ihn. Nun wußte sie Mariens Aufenthalt. – Sie hörte Tritte auf dem Gange, legte die Briefe an die vorige Stelle, und floh durch ein Nebenzimmer in ihre Einsamkeit. Ihr Herz war durch den schnellen Wechsel von Freude und Schmerz so gebrochen, daß sie nicht sogleich einen Entschluß fassen konnte. Sie blieb mehrere Stunden allein, und erst dann zeigte sie sich wieder.

Herrmann hielt sein Wort; Freude, die glücklichste Liebe strahlte aus seinem Gesichte. Doch eben das, was Minetten beglücken sollte, machte sie unglücklich, und bestärkte sie in dem Entschluß, ihm zu entsagen. So wie dieser Entschluß in ihrer Seele fest war, kam sie in eine leidliche Stimmung, selbst gegen Herrmann.

Der Zufall begünstigte sie. Ihre vertrauteste Freundin, die in der Nähe wohnte, lud sie ein, auf ein Paar Tage zu ihr zu kommen, und ihre Mutter wünschte, daß sie die Einladung annehmen möchte. Sie that es mit anscheinendem Unmuthe; und schon nach zwei Stunden war sie unterweges. Mit hellen funkelnden Augen, in die sich aber doch von Zeit zu Zeit eine Thräne drängte, saß sie im Wagen, und übersann den Plan, den sie, ihrem Herzen zum Trotze, gemacht hatte. Wie triumphirend, sank sie in die Arme ihrer Freundin. –

Herrmann schickte noch heute seine Briefe an Schmidts durch eine Stafette; und nach wenigen Tagen bekam er folgende Antwort:

»Ich bin überrascht, lieber Herrmann, wahrlich überrascht von Marien. An ein Mädchen, das sich so rein erhalten könnte, habe ich nicht geglaubt. Ich lächelte über Ihre dringende Empfehlung der größten Behutsamkeit bei der Uebergabe Ihres sehr großmüthigen Geschenkes. Es wird so vieler Umstände nicht bedürfen, dachte ich, wenn ein Mann von meinen Jahren diese Summen anbietet. Indeß, ich wollte Ihren Wunsch erfüllen, und ließ mich daher unter dem Nahmen Korn aus Hamburg bei ihr anmelden. Eine Magd führte mich in ihr Zimmer. Als die Thür geöffnet wurde, hörte ich sie singen, und was sie gesungen hatte, mußte sie innig bewegt haben; denn sie trat mit Zügen der Rührung im Gesichte (die sie indeß sehr schnell verbarg) auf mich zu. Habe ich die Ehre, fing ich in dem trockensten Tone an, mit Mademoiselle Schuygens, der Tochter des Herrn Adrian Schuygens aus Hoorn, zu sprechen? (Sie bejahete.) Und könnten Sie das, fuhr ich fort, allenfalls wohl mit einem Taufschein beweisen? (Sie gerieth in Verlegenheit.) Allenfalls, meine ich nur; oder mit dem Zeugnisse einer angesessenen Person, hier oder in Hamburg? (Das konnte sie.) Ich habe viele Mühe gehabt, Sie, meine wertheste Mlle., auszufragen; bis ich endlich von Hamburg aus erfuhr, daß Sie sich hier aufhielten. (Sie stand erwartend da, in einer edeln Stellung, freundlich wie ein Engel.) Erinnern Sie Sich wohl noch, Mademoiselle, daß Ihr Herr Vater ein großes Kapital verlor, und zwar bei dem Falle des Hauses . . .«

»Schwinden in Amsterdam,« fiel sie ein; »dessen erinnere ich mich sehr wohl.«

Ich sehe schon, Sie sind die rechte Mlle. Schuygens, an die ich Aufträge habe. Ein Handelshaus, dessen Nahmen ich verschweigen soll, war mit in den Fall verwickelt. Gerade dieser Umstand brachte Ihren seligen Vater in seinen Verlust. Das Haus hat sich erholt. Man wünscht, der Tochter des Herrn Schuygens den Verlust zu ersetzen, den der Vater so unschuldig leiden mußte. Ich habe den Auftrag, die Summe, wenn nichts Widriges dabei obwaltet, in Ihre Hände zu liefern. Zugleich, Mlle., habe ich in Hamburg viel Gutes von Ihnen gehört, und von der Härte der Verwandten, bei denen Sie gelebt haben, viel Böses. Jetzt, da ich Sie sehe, und Sie so verständig, so ruhig finde, könnte ich auch den zweiten Theil meines Auftrags wohl ausrichten, nehmlich Ihnen die Summe, wenn es Ihnen so recht wäre, ohne Formalität, bloß gegen eine simple Quittung, zu zahlen.

Sie besann sich einen Augenblick; dann sagte sie: »wenn Ihnen beides gleich wäre, so würde ich Sie bitten; alle Formalitäten zu beobachten. Ich bin nicht mündig; Herr Schulz in Hamburg ist mein Vormund.«

Desto besser; wenn es der Herr Schulz ist, der seine Geschäfte aufgegeben hat, und mit einer liebenswürdigen Frau und zwei Töchtern aus dem Lande lebt.

»Eben der.« – – Bei dem Andenken an ihre Freundin schwebte auf ihren Lippen ein sanftes, holdes Lächeln.

Und Sie, fuhr ich fort, brauchten mir nur etwa ein Couvert von Madame oder Herrn Schulz zu zeigen. (Sie holte einen Brief hervor; ich betrachtete Siegel und Schriftzüge genau.) Das ist mir genug, Mademoiselle; jetzt bedarf es gar keiner Weitläuftigkeiten. Ich zahle, und Sie schreiben mir ein Paar Worte, daß Sie das Geld empfangen haben.

»Es bedarf allerdings einer Formalität; denn, mein Herr, die Summe, die Sie zahlen sollen, gehört mir nicht: ich bin nur Schuygens Stieftochter.«

Ich verlor die Besinnung noch nicht. – Nur das war noch nöthig, um mich vollkommen zu überzeugen, daß es gar keiner Umstände mit Ihnen bedarf; denn eben der Stieftochter des Herrn Schuygens, habe ich Ordre, die Summe zu zahlen. – Ich holte mein Taschenbuch hervor.

»Wie ginge es zu, daß ich, seine Stieftochter . . . Mein Vater hat nähere Verwandten. Wie ginge das zu?«

Sehr natürlich, Mademoiselle. Ihr Vater liebte Sie. Es ist sein Wille, daß Ihnen die Summe bezahlt werden soll.

»Seltsam! Davon weiß ich kein Wort! – Wie könnte ich aber beweisen, daß es sein Wille war, mein Herr?«

Bedarf es dessen?

Sie sah mich ein wenig forschend an. »Allerdings bedarf es dessen. Ich kann doch nicht eine Summe Geldes behalten, auf die andre Menschen gegründete Ansprüche haben? zum Beispiel meine Tante Schuygens in Hamburg.«

Da war ich gefangen, lieber Herrmann. Ich wendete alle meine Beredtsamkeit an, sie zu überreden, daß das Geld ihr Eigenthum sey; doch vergebens.

»Was streiten wir darüber, mein Herr.« sagte sie. »Zahlen Sie mir gerichtlich, was Sie mir zu zahlen den Auftrag haben; und das Andre überlassen Sie mir.«

Das könnte ich freilich thun, liebe Mademoiselle, sagte ich nachsinnend. Aber, so wie die Sachen jetzt stehen, müßte doch erst Ihr Vormund darum wissen.

»Sie zahlen also für meinen Vormund hier an die Gerichte. Ich schreibe meiner Tante über die Sache. Meines Vaters Eigenthum wird ihr Niemand streitig machen können. Ist es Ihnen gefällig, daß es jetzt geschieht?«

Nun war ich gänzlich gefangen. Mein Auftrag ist an Sie; für Sie soll ich zahlen, oder gar nichts. Die Summe war, wie ich mich so eben erinnere, von dem Vermögen Ihrer Mutter genommen.

Sie sah mich lange und durchdringend an. »Meine Mutter war sehr arm, mein Herr!« Ich gerieth in Verwirrung; und sie fragte lächelnd: »Irren Sie Sich vielleicht ganz in dem Nahmen? Es war doch Schwinden in Amsterdam, und in Amsterdam etablirt?«

Derselbe, sagte ich, mich erholend. Ich bin genau unterrichtet; als das Haus brach, war ich Faktor darin.

»Und wann brach es denn?« – Nun war alles vorbei. Ich erröthete, und stammeilte etwas her. Sie sagte: »Ihr Gesicht, mein Herr, verdient Zutrauen; aber Ihre Worte nicht. Das Haus hieß Schwinden in Amsterdam, war aber in Breda etablirt.«

Nun denn, liebes edles Mädchen, so halten Sie Sich an mein Gesicht, an mein Herz, worin nichts als Redlichkeit ist.

»Das will ich,« erwiederte sie mit einer unbeschreiblich holden Freundlichkeit, »sobald Sie mir sagen, wer mir das Geld sendet. Ein Kaufmann aus Holland ist es gewiß nicht; denn das Haus Schwinden brach, ehe ich geboren wurde. O, lassen Sie, mein Herr!« (Ich wollte mein Taschenbuch öffnen.) »So sehr dieser Beweis einer Freundschaft, die unbekannt bleiben will, mich rührt,« ihr Auge benetzte sich mit einer Thräne, als sie das sagte – »so kann ich doch von dieser Güte nicht Gebrauch machen. Ich bin nicht reich, mein Herr, aber auch nicht arm; und eine Wohlthat annehmen – ich lese in Ihrem Gesichte, daß Sie meine Empfindung billigen – ist immer mit Schmerz verbunden, am meisten da, wo die Wohlthat nur Ueberfluß geben kann. Und das ist wirklich mein Fall.«

Ueberfluß in Ihren Händen, Mademoiselle, ist eine reiche Ernte für den Armen. Sie dürfen nicht ausschlagen, was Andre dann entbehren würden. Lesen Sie diese Papiere; Sie werden sehen, daß Sie Recht auf die Summe haben, die ich Ihnen zahlen soll. – Ich wollte ihr auf diese Art die Wechsel in die Hände spielen, und sie dann schnell verlassen.

»Nein, nein!« sagte sie auf einmal mit hervorbrechenden Thränen, mit einer Aengstlichkeit, die mir seltsam vorkam.

Ich drang ihr die Papiere auf; sie sah die Summen und rief: »o, mein Gott!« Ich wollte gehen; sie faßte meine Hand. Ich riß mich los; sie bat mich, die Papiere zurückzunehmen. Nein! sagte ich entschlossen. »O Gott, Gott! so muß ich! Der Herr von Bärburg hat Sie geschickt! Sie sind sein Freund Schmidts. Ersparen Sie mir das Zurücksenden, Herr Schmidts.«

Ich war schon in der Thür, und wendete mich nun wieder um. Ja, theures, edles Mädchen, ich bin Schmidts. Was hat mich verrathen? – Sie zeigte in meinen Hut, den ich jetzt wieder auf den Tisch gelegt hatte, und worin mein Nahme mit großen Buchstaben stand. Ich war sehr betreten über diese Entdeckung. Ja, der Herr von Bärburg schickt Ihnen diese Papiere: nicht ein Geschenk, eine Wohlthat, wie Sie es nennen; er erfüllt nur den innigsten Wunsch seines Herzens, ein edles Mädchen, seine Freundin, gegen die Sorgen des Lebens zu sichern. Würden Sie in seiner Stelle nicht dasselbe thun, wenn Sie einen edlen Menschen kennten, der . . .

». . .der es bedürfte? Ja, dann! Aber das ist mein Fall nicht. Ihr Freund ist großmüthig. Ueberfluß annehmen, von wem es auch sey, ist, das fühle ich, Erniedrigung. Lassen Sie uns nicht über einen Punkt streiten, worin Sie und Ihr Freund mir schon im Voraus Recht gegeben haben. Die Art, wie ich diese Summe erhalten sollte, zeigt ja deutlich, daß Sie Beide fühlten, ich dürfe sie nicht annehmen. Nein, mein Herr, die Theilnahme, die mir Ihr Freund immer gezeigt hat, rührt mich. Sagen Sie ihm, daß ich diesen Augenblick nie vergessen werde, ob ich ihn gleich durch Verweigerung betrüben muß. Ich empfinde das Edle seiner Absicht mit inniger Dankbarkeit Doch annehmen darf ich nicht, gewiß nicht.« (Sie war sehr bewegt; in ihren Augen schimmerte eine sanfte Thräne.) »Es thut mir weh, daß ich seinen Wunsch nicht erfüllen darf. Aber ich leide nicht Mangel, gewiß nicht. Ein Frauenzimmer, und die Genügsamkeit, bedürfen ja wenig.« – Sie drang mir die Papiere auf.

Ich nehme sie zurück. Aber, gutes, edles Mädchen, wenn Ein Wunsch Ihres Herzens unbefriedigt bleiben müßte, wenn – auch nicht die mindeste Sorge müssen Sie durch Mangel an dem armseligen Golde haben – dann – Er oder ich! Seyn Sie meine Tochter, Marie, oder seine Schwester! – In diesem Falle – den die ewige Gerechtigkeit von Ihnen abwehren möge! – kränken Sie Ihre Freunde nicht so bitter, freiwillig eine Sorge zu tragen, die Ihnen so leicht abgenommen werden konnte. (Sie verbeugte sich mit einem himmlischen Lächeln.) Geben Sie mir die Hand darauf; für diesen Fall. Seyn Sie meine Tochter, Marie. Ihr Vater wird Sie nicht weniger lieben, als Ihre anderen Freunde.

Lieber Herrmann, ich weiß nicht, was an diesem Mädchen mich so ergriff, so fest, so innig an sie band. Ihre Schönheit war es nicht; ich habe schönere Mädchen gesehen. Ihre Verlassenheit auch nicht; denn sie trug den Schmerz, wie einen Schmuck, wie eine Krone. Die reine, edle, schöne Seele war es, die mich zu ihr hin zog. Ein unwiderstehliches Gefühl von Wehmuth, von Liebe, von Vertrauen, ergriff mich bei dem Anblicke der auf mich gehefteten schönen großen blauen Augen, die voll Thränen standen. Ich faßte ihre Hand, und hielt sie fest zwischen meinen Händen. Liebe Marie, sagte ich, und meine ganze Seele sprach in den Worten – ich könnte Sie fragen: wo bist du so lange gewesen, meine Tochter? Wie hast du deinen Vater so lange allein lassen können? deinen Vater, der dich so herzlich liebt? (Sie schwieg, und schlug die Augen nieder.) Ihr Herz fühlt nichts, sagt nichts, bei dem Ergusse einer rein menschlichen Liebe? Es muß in Ihrem Herzen etwas seyn, das meine so innige Empfindung rechtfertigt.

Sie hob das Auge wieder zu mir auf, und lächelte, doch ein wenig ungewiß. »Sie waren Bärburgs Lehrer. Ich glaube jetzt, daß ich Sie, auch wenn ich Ihren Nahmen nicht wüßte, erkannt haben würde.«

Ich war Bärburgs Lehrer, und bin sein Freund. Seyn Sie meine Tochter, Marie, in dem ganzen heiligen Sinne dieses Wortes!

Hier sagte sie leise, mit niedergeschlagenen Augen: »mein Vater!« Sie sagte es mit ungewisser Stimme; doch in ihrer Seele – das fühlte ich – war nichts Ungewisses, nichts Zweifelndes. Ich nahm sie an mein Herz, küßte sie auf die Stirn, und sagte: mein Kind, meine liebe, theure Tochter! – Noch immer wurde es ihr schwer, sich in das neue Verhältniß zu finden. Doch als ich mein ganzes Herz vor ihr aufschloß, da öffnete sich auch das ihrige kindlich an meiner Brust: das reine, edle, große Herz eines Engels an der Brust des glücklichen Vaters. Ja, Herrmann, sie ist ein Engel. Wer kann das besser wissen, als ich, dem sie in der unschuldigsten Kindlichkeit ihr Herz eröffnete? Nun ist Ihr Wunsch erfüllt, lieber Herrmann, Marie steht unter dem Schutze eines Mannes, der sie in jedem Falle vor Mangel sichern kann. Ich schicke Ihnen Ihre Wechsel zurück. Nur das Eine kann ich Ihnen noch sagen, daß Marie Sie hochachtet, weil Sie Ihre Pflicht erkannten und thaten!

 

*

 

Herrmann an Schmidts.

Grundleben.

Schmidts, Sie haben alle Wunden meines Herzens wieder aufgerissen! Bei dem Lesen Ihres Briefes wollte ich zu ihr eilen, vor ihr niederfallen, und sie bitten, mein zu seyn. Ihr Vater ist mein Freund, und auch mein Vater, rief ich laut. Doch der Schluß Ihres Briefes erstickte die glühenden Wünsche, die hervorbrechende Flamme, das aufwallende Leben, und ich versank wieder in den finstern Abgrund der Trostlosigkeit, der dumpfen Resignation, des – dessen, was Sie ja meine Pflicht nennen!

Ja, es ist jetzt meine Pflicht; vor drei Monaten noch nicht: da war es meine Pflicht, mir das froheste Leben, die seligste Hoffnung, eine Ewigkeit voll Wonne zu verschaffen. Und warum nicht auch jetzt? O, Schmidts! bindet nicht das Herz mehr, als der Mund? die Liebe mehr, als ein Versprechen? Kann nichts einen Irrthum wieder gut machen, nichts ein flüchtiges Ja zurücknehmen? O, war ich nicht auch Marien Treue schuldig? Warum denn allein meiner Cousine? – Doch, Schmidts, ich erkenne meine Pflicht, und will sie erfüllen. Nur, schreiben Sie mir nicht wieder! Sie gießen Gift in meine Wunden, und vernichten meine Vorsätze.

O, Sie glücklicher Mann! Leben Sie wohl!

 

*

 

In Schmidts Briefe stand nicht die Hälfte von dem, was er wußte; denn Marie hatte dem Manne, aus dessen Augen die ruhigste Weisheit und die gutherzigste Treue hervorleuchteten, wirklich ihr ganzes Herz eröffnet. Selten konnte ein Mensch nur eine Stunde mit Schmidts beisammen seyn, ohne sogleich das größte Zutrauen zu ihm zu fassen. Er verstand die Kunst, sich gleich weit von abstoßender Höflichkeit und erkünstelter Wärme zu erhalten, und erregte irgend ein Mensch seine Theilnahme, so entging ihm dessen Herz gewiß nicht. Bei Marien fing er mit seinem Vertrauen an, und schilderte ihr den ganzen Zustand von Herrmanns Herzen. Sie hörte das mit Ergebung; denn der Gedanke, daß dem Unfalle vielleicht noch abzuhelfen wäre, kam gar nicht in ihre Seele. Sie gestand dem väterlichen Schmidts ihre Liebe, doch nicht eher, als bis er ihr gesagt hatte, daß Herrmanns Verbindung mit Minetten durch nichts zu trennen wäre. Und ihr Geständniß war noch überdies so weiblich schön! Nur heiße Thränen verriethen ihre Liebe; ihr Mund sprach das Wort nicht aus. Noch mehr! Sie gestand, eben so zart, daß sie Herrmannen, von dem ersten Augenblicke an, da sie ihn kennen gelernt, auch geliebt hätte.

Der weise, ruhige, väterliche Schmidts saß neben dem jungen Mädchen, auf ihre Erzählung horchend; und der schöne Ton ihrer Stimme brachte sein Herz nicht minder in Wallung, als die rührende Erzählung selbst. Er folgte mit seinen Blicken der Thräne, die sich langsam unter ihrer Wimper hervordrängte und auf der schönen Wange zerfloß; er bewunderte den leichten Gang, mit dem sie durch das Zimmer schwebte, den kleinen Fuß, dessen Spitze er nur gesehen hatte; er konnte sein Auge nicht von den schönen weißen Fingern abwenden, deren Grübchen in Karmin getaucht waren, und mitten in den rührendsten Erzählungen von ihrer Jugend horchte er doch auf die Athemzüge ihrer sanft wallenden Brust.

Ich bin ein Thor, sagte er zu sich selbst, als er wegging, oder doch auf dem Wege einer zu werden. Habe ich sie nicht betrachtet, wie ein Mahler, dem sie sitzen soll? – Immer hatte er die liebliche Gestalt wieder vor Augen, und sogar seine Träume störte sie. Ich bin, dachte er, beinahe vierzig, und Marie höchstens achtzehn. Könnte ich mich wohl thörichter betragen, wenn ich noch eben so jung wäre, wie sie? Er spottete über sich selbst; doch eine unbekannte Gewalt zog ihn wieder zu Marien hin. Nach einigen Tagen verließ er Ronnbergen; aber nicht auf lange Zeit. Nun machte er sogar Plane, Marien zu seiner Schwester zu bringen, oder sich einige Zeit in Ronnbergen aufzuhalten. Er schrieb an Herrmann, und, ohne daß er selbst es merkte, hatte er beinahe ganz bestimmt gesagt: Mariens Liebe zu Herrmann sey nur ein Wohlwollen, das eine kurze Zeit wieder in die Gränze des Anstandes bringen werde. Als er den Brief überlas, lächelte er über sich selbst, und zerriß ihn; doch ein zweiter, den er schrieb, enthielt wieder eben das. Sollte man nicht glauben, dachte er lächelnd, ich selbst liebe das junge Mädchen, dessen Vater ich bin?

Hätte er Minettens großmüthigen Plan gekannt, er würde nicht gelächelt haben. Sobald sich Minette mit ihrer Freundin allein sah, fiel sie ihr, fast mit lautem Schluchzen, um den Hals. Sie war in großer Bewegung; jetzt, in dem Augenblicke, da ihr Entschluß zur That werden sollte, fühlte sie wieder die Größe ihres Opfers. Es kostete ihrer Freundin Mühe, nur zu verstehen, was sie wollte.

Du? sagte diese. Du kannst ja von deinem seltsamen Plane nicht einmal reden, ohne vor Schmerz zu sterben; und du wolltest ihn ausführen? Arme Minette!

»Ich werde sterben, das weiß ich; aber ich führe ihn aus, und du, du mußt mir helfen.«

Was ist denn dein Plan? Sterben, das hab' ich gehört; deinen Herrmann glücklich machen, und sterben. Wie denn so? Laß doch hören! Aber – du kennst mich. Ich bin die Weisheit selbst, und wenn du bloß ein Schauspiel für deine Eitelkeit aufführen willst, so . . .

»Nein; er soll Marien haben. Ich will ihn ihr abtreten. Er liebt sie, sie ihn; ich bin die Unglückliche!«

Die Freundin machte Einwendungen; doch Minette blieb bei ihrem Vorsatze. Nun denn! sagte jene; ich glaube, du hast nicht Unrecht. Wenn du Stärke genug hättest, deine Liebe und deinen Schmerz für vergänglich zu halten; dann wäre es leicht gethan.

Minette fiel ihr um den Hals: »Wie? o, wie!«

Wie? Auf hundert Arten läßt es sich machen. Zum Exempel, du schreibst an Herrmann: er wäre bei jener Unterredung in der Nacht – die ich übrigens ein wenig unbesonnen finde, mein Kind – da wäre er nicht aufrichtig gewesen . . . Du könntest dich unmöglich entschließen, mit einem Manne zu leben, der dein Vertrauen nicht geehrt hätte.

»Und was weiter?« fragte Minette, ein wenig bestürzt.

Nun, dasselbe schreibst du auch, an deine Mutter, und erklärst gerade heraus, du wollest Herrmannen nicht.

»Sie werden mich eine empfindliche, eigensinnige Närrin schelten, wenn ich seinen Edelmuth für Falschheit erkläre.«

Mögen sie das, liebes Kind; desto besser! Deine Mutter wird dir antworten: Minette, du bist eine Närrin. Dann sagst du: ich will lieber eine Närrin genannt werden, als unglücklich mit einem Manne leben, der meine Achtung, meine Liebe verloren hat. Herrmann wird das nicht glauben, und selbst hierher kommen, wenn er auch wünschet, daß du bei deinem Entschlusse bleiben möchtest. (Hier seufzte Minette tief.) Er wird dir zu Füßen fallen, sich verschwören, verwünschen, kurz, tausend Thorheiten treiben. Dann, liebe Minette, werde ich ja sehen, ob es dein Ernst ist, deine Nebenbuhlerin und deinen Liebhaber glücklich zu machen. So wie er auf die Kniee fällt, schlägst du ein lautes Gelächter auf. Dann sagst du ernsthaft: mein Herr, Sie hätten sich diese Scene ersparen können; ich liebe keine Theater-Auftritte im wirklichen Leben. Fängt er an zu fluchen (denn, Minette, die jungen Herren können sogar ihr Glück übel nehmen, wenn ihre Eitelkeit dabei beleidigt wird); – fängt er an, wie der Held in einem Trauerspiel zu schreien und zu toben – so sagst du trocken: das hat noch gefehlt, mein Herr! Sie werden noch machen, daß ich meine ehemalige Liebe zu Ihnen lächerlich finde. Nun wird dein stolzer Vetter böse, das weiß ich; und dann hast du ihn. In der Hitze wird er seine Worte nicht abwägen, und etwas von Wankelmuth, von übler Laune oder Eitelkeit sagen. Dann stehst du auf – sitzen mußt du vorher in der ganzen Scene, weil man sitzend viel kälter bleibt, als stehend - also, dann stehst du auf, und sagst, über die Schulter weg, und die Nase rümpfend: jetzt, mein Herr, sind Sie mir verächtlich. Nun beklagst du dich bei deinen Eltern über seine Grobheit, und, wenn du kannst, in einem derben Tone. Man wird ihm den Brief zeigen. Vielleicht macht er noch einen Versuch; dann aber sagst du: jetzt, mein Herr, kann doch wohl sonst nichts, als das Vermögen, das ich zu hoffen habe, Sie anreitzen, meine Hand noch ferner zu wünschen! Und damit ist das Spiel zu Ende. Er wird gehen, schmollen, in vier Wochen seine Verbindung mit der Mamsell Marie, oder, wie sie heißt, erklären, und glücklich seyn. Sieh, das ist ein Plan, der gar nicht mißlingen kann.

»O, du kennst diese Marie nicht; sie wird ihn ausschlagen!« sagte Minette mit finstern Blicken.

Sey du nur erst von ihm los; für das Uebrige laß dann die Natur und ihn sorgen. Ich stehe dir dafür, sie werden ein Paar.

Minette schwieg, erröthend, ein wenig schmollend, ohne daß sie wußte, ob mit ihrem Schicksal, oder mit ihrer Freundin. Endlich fragte diese: was ist denn dein Plan?

»Der war zum mindesten ein wenig feiner, schöner, – menschlicher, möchte ich sagen.«

Laß doch hören! Sicherheit ist die Hauptsache bei einem Plan. Nun, laß doch hören!

»Wir sind hier nahe bei Ronnbergen. Wenn wir nun Marien besuchten? Ich wollte ihr sagen, daß ich ihrer früheren Liebe mein Glück zum Opfer bringe. O, wenn ich es ihr nur so sagen könnte, wie ich es geträumt habe! Aber du lachst schon, und so schweige ich lieber.«

Du sagst also: »Marie, nehmen Sie ihn; ich will sterben!« Sie sagt: »nehmen Sie ihn, edle Seele! lassen Sie mich sterben!« Dann sagst du das wieder, dann sie wieder, wie zwei Hähne, die den langen Hals mit den gesträubten Federn gegen einander ausstrecken, eine Stunde so stehen, und endlich einander verlassen, ohne daß man weiß, was sie gethan oder gewollt haben. Dann kommt Herrmann, und ruft: »o, ihr großmüthigen Seelen! mich laßt sterben!« Und am Ende wirst du denn wohl, da deine Verlobung öffentlich erklärt ist, den Sieg davon tragen. Du möchtest gern, daß Herrmann sagte: »wie großmüthig ist Minette!« Aufgeben willst du ihn nicht, aber doch so thun, als wolltest du es: nicht wahr? Kind, dazu biete ich meine Hände nicht; das läuft auf eine hübsche Scene hinaus, deren Ihr euch alle drei im Herzen schämen müßt. Nein, wie ich gesagt habe: ein Brief, ein Zank, eine tüchtige Beleidigung, und ein Bruch; die Heirath wird sich dann von selbst finden. – Aber, liebste Minette, weine nicht! Auch du kannst ja Herrmanns Frau werden; und – glaube mir, Kind, er hat es gerade eben so gemacht, von Marien los zu kommen, wie ich dir rathe, daß du es machen sollst. Trotz deinen Bitten, deinem rührenden Flehen, bleibt er dabei, daß er dich liebt. Sieh, es ist sein Ernst, dir nicht unrecht zu thun, und dich glücklich zu machen. Du kannst mit ihm glücklich seyn, wenn du nur willst.

Minette verbarg ihren Unmuth und ihren Schmerz an der Brust ihrer Freundin; denn ob sie gleich entschlossen war, ihre Ansprüche an Herrmann aufzugeben, so wollte sie doch nicht auch das Anrecht auf seine Bewunderung verlieren. Sie trug nun Lucien (so hieß die Freundin) ihren Plan, Herrmannen ihrer Nebenbuhlerin selbst zu geben, noch einmal vor.

Lucie schüttelte den Kopf. Wenn die Marie das ist, wofür du sie hältst, so giebt es, wie gesagt, eine hübsche Scene für einen Mahler, für einen Dichter: aber eine Hochzeit kommt nicht heraus; oder das Mädchen müßte viel, viel schlechter seyn, als du sie beschreibst: und da wäre es denn doch um den guten Herrmann Schade!

»Ueberhaupt,« sagte Minette, »sollten wir doch das Mädchen kennen lernen, für das ich so viel zu thun entschlossen bin.«

Das könnten wir wohl. Nur muß – Lucie pochte Minetten auf die Brust – das Herzchen hier nicht mit dem Kopfe davon laufen, wenn wir ein Mädchen finden, das nicht ganz gewöhnlich ist. Ich muß dir nur sagen: sie macht in Ronnbergen schon Aufsehen. »Die schöne Fremde!« so heißt sie dort allgemein. Ihre Bekanntschaft wäre ganz leicht zu machen, wenn ich mich hier auf dieses Köpfchen verlassen dürfte. So viel ich merke, hat Marie (was auch ganz natürlich war) deinen Herrmann aufgegeben, und zwar recht in aller Form: denn Herrmann, der gar nicht übel Lust hatte, den Faden wieder anzuknüpfen, verlor alle Hoffnung; und das will von einem Mädchen viel sagen! Aber, Minette, eben dieses Mädchen lasse ich nun auch nicht necken.

»Wer will das! O, mein Gott! wer?«

Du, mein Kind. Sie hat alle Hoffnung auf den Mann, den sie liebt, rein hingegeben, weil er verlobt ist. Nun willst du ihr entgegentreten – allerdings wie ein guter Geist – und ihr ankündigen, daß sie glücklich seyn soll. Eine Hoffnung gar nicht fassen, ist leicht; doch eine gefaßte Hoffnung aufgeben, schwer. Du willst ihr seyn, was die Hexen für Macbeth waren: seine Verderberinnen. Nein, das Spiel einer gutmüthigen Schwärmerei soll und muß sie nicht werden.

»Liebe, beste Lucie, das soll sie auch nicht! Ich schwöre es dir bei diesem wunden Herzen! Ja, du hast Recht. Aber versprich mir, daß ich sie sehen soll. Dann, dann – o, wenn du es billigst, so werde sie sein, und kenne die Hand nicht, die sie glücklich machte!« – Beide Mädchen waren jetzt in der edelsten Begeisterung der Tugend, und warfen sich einander in die Arme. Minette erhielt das Versprechen, daß sie ihre Nebenbuhlerin sehen sollte.

Lucie war ein Mädchen von festem, großem Charakter, anscheinend hart, doch von weichem Herzen und der schönsten Menschlichkeit. Sie kannte Marien schon, da ihr Wohnort ganz nahe bei Ronnbergen lag, und hatte mit ihr sogar eine Art von Freundschaft geschlossen. Jetzt sagte sie: ich kenne Marien; sie ist ein sehr edles Mädchen. – Nun erzählte sie, wie sie mit Marien bekannt geworden, und daß sie Beide schon Freundinnen wären.

»O Gott! und sie hat dir ihre Liebe gestanden?«

Nein, Minette. Ein edles Mädchen redet nicht von einer Liebe, die unrecht ist. Sie hat mir nicht einmal gesagt, daß sie Bärburgen kennt. Das habe ich erst jetzt von dir erfahren. Aber von dir hat sie gesprochen, und – hu! wie roth du wirst! – mit einem Interesse, das ich mir jetzt wohl erklären kann. Wenn ich bedenke, Minchen, wie sie von dir sprach, auf welche Weise – sie ist gewiß ein sehr edles Mädchen!

»O, erzähle! erzähle!«

Lucie erzählte sehr ausführlich. Da war aber auch nicht die mindeste Anspielung auf Liebe, keine Spur von Tadel oder Neid. Minette zerfloß in Thränen, und verlangte nun um so dringender, Marien kennen zu lernen. Die beiden Freundinnen fuhren schon am folgenden Tage zu ihr, nachdem Minette noch einmal versprochen hatte, daß sie sich durch nichts verrathen wollte. Minette hieß Hannchen, und war Luciens Cousine. Als sie sich dem Hause näherten, worin Marie wohnte, pochte Minettens Herz in heftigen Schlägen; ihre Wangen glüheten, ihre Augen brannten, ihre Hände zitterten, ihre Sprache stockte. Siehst du, sagte Lucie, wie gut es ist, daß ich dich einen Schleier nehmen ließ? Dein Gesicht glühet ja durch den Flor! –

Marie empfing die beiden Mädchen mit holder Freundlichkeit, und Minette konnte den Blick nicht wieder von dem lieblichen Gesichte abwenden. Die Verwandte schlug einen Spaziergang in ein nahes Wäldchen vor. Lucie ging mit ihr; Minette blieb mit Marien ein wenig zurück. Sie wollte sich Muth machen; doch das war nicht möglich, da ihr Herz in Wehmuth und Sehnsucht zerfloß. Sie hielt Mariens Hand in der ihrigen, und drückte sie von Zeit zu Zeit. Marie, die bisher von gleichgültigen Sachen geredet hatte, wurde endlich aufmerksam. Sie sah ihre Begleiterin an, und bemerkte, daß der Schleier vor dem Gesichte derselben ganz feucht war. »Was ist Ihnen?« fragte sie, mit einer Stimme, die ganz Liebe und schon ein freundlicher Trost war.

Lucie hatte auf diesen Fall gedacht, und eine kleine Fabel erfunden, die Minette erzählen sollte. Diese hob ihr Mährchen an; Lucie hörte es, mischte sich nun in das Gespräch, und bestätigte, was Minette sagte. Jetzt umfaßte Marie Minetten mit neuer, noch schönerer Liebe, und zeigte ihr Mitleiden so fein, so zart, daß die Letztere ihr nicht länger widerstehen konnte, und ihr, mit Scham und Sehnsucht, mit liebevoller Begeisterung und inniger Betrübniß an das Herz fiel. Marie schlug in dem Wäldchen einen Seitenweg ein. So kamen beide Mädchen an ein geheimes Plätzchen, das drei große Buchen beschatteten, und wilde Rosen umgaben.

Als sie sich hier gesetzt hatten, sagte Marie sanft: »lassen Sie Ihre Thränen fließen. Auch mein Auge hat Thränen!«

O, wer könnte einen solchen Engel betrüben wollen? (Minette drückte die heiße Wange an Mariens Busen.)

»Wer Sie betrübt hat,« antwortete Marie wehmüthig lächelnd und gen Himmel blickend: »das Schicksal.«

Und welcher Kummer . . .? fragte Minette, gegen die Abrede, weil sie mit Gewalt in Mariens Herz dringen wollte.

Marie antwortete sanft: »Sie dürfen guten Menschen sagen, was Ihr Kummer ist; ich aber – und das ist hart! – habe nicht einmal das Recht, von meiner Betrübniß zu reden.« Sie brach ab, versank aber nun in eine so stille, geduldige Schwermuth, daß Minette ihre Augen nicht von ihr abwenden konnte.

Ihr Unglück wird nicht ewig dauern, hob Minette nach einer Pause wieder an. Marie schlug die Augen wieder auf, und lächelte dankbar, doch ohne zu antworten. Nun drang Minette mit den rührendsten Liebkosungen immer näher an ihr Herz. Marie fand das befremdend; doch rührte sie so viele Innigkeit, und sie betrachtete Minetten mit den Blicken der herzlichsten Liebe. Da legte Minette die Arme um ihren Hals, und sagte mit Tönen der innigsten Zärtlichkeit: o, willst du mich lieben, wie ich dich liebe? treu, fest, ewig, bis zum Tode, mehr als das Leben? – Wie konnte Marie diesen Tönen, diesen Blicken, dieser Umarmung widerstehen! Ihr Herz pochte dem Herzen der neuen Freundin entgegen. »Ja, treu, fest, ewig will ich dich lieben, du gutes, weiches, unglückliches Mädchen!«

Beide umarmten sich, und ihre Lippen brannten auf einander. –

Soll ich dein guter Engel seyn? fragte Minette weiter.

Marie sah sie verwundert an; denn es war etwas so Feierliches in dieser Frage, wie in dem ganzen Wesen des Mädchens, »Sey es, meine Freundin!«

Willst du bei jedem Glücke, das dir begegnen wird, dieses Augenblickes, dieses Kusses, dieser Thränen, dieses Herzens gedenken?

»Ich will!« sagte Marie.

So nimm, fuhr Minette in hoher Begeisterung fort, nimm, meine Geliebte, das Beste, das Liebste, was ich habe. (Sie zog einen goldnen Ring vom Finger, den ihr Herrmann bei ihrer Verlobung geschenkt hatte.) Und will dir einst Jemand, wer es auch sey, einen Ring geben, so sag: ich habe diesen! Nimm ihn und schenke ihn mir! Er bedeutet Schmerz und Glück, Liebe und Liebe; nichts als Liebe! Willst du so sagen?

Marie trat befremdet, erstaunt, zurück. »Soll ich nicht erst erfahren, was das alles bedeutet? Deine Schwärmerei erschreckt mich!«

Es bedeutet nichts, als daß ich dich liebe. O, zittre nicht vor einem Mädchen, das dich so innig liebt! Könntest du in mein Herz sehen: auch du würdest mich lieben!

Marie umarmte sie. »Ich will so sagen.«

Der Ring band mich einen Augenblick an ein unaussprechliches Glück. Ich gebe ihn dir, und unsre Liebe sey ewig! Gott verleihe dir das Glück, das ich an jenem Tage empfand, und verleihe es dir auf immer! Und nun, Marie, meine Marie, bin ich fertig. Ich bin dein guter Geist, und wenn du glücklich bist, erscheine ich dir wieder. Denk an diese Stunde!

Jetzt kamen die beiden Andern, die sie gesucht hatten. Lucie sah an Minettens und an Mariens Blicken, daß hier etwas vorgegangen seyn mußte; doch hörte sie bald an Beider Gespräch, daß es keine Entdeckung war, wie sie Anfangs fürchtete. Sie ging einen Augenblick mit Marien bei Seite, und diese sagte: »Hannchen ist eine liebe, holde Schwärmerin!« Am Abend nahm Minette, zu Luciens Erstaunen, auf immer Abschied. »Dich aber sehe ich wieder,« flisterte sie Marien zu; und diese lächelte.

Nun? fragte Lucie neugierig, als sie mit Minetten im Wagen saß.

»Sie ist das werth, was ich für sie gethan habe.«

Habe? habe? Was thatst du denn?

»Sie ist sein! Ich habe sie auf ewig mit ihm vereinigt. Sie hat seinen Ring.«

Du bist eine kleine Schwärmerin! Was beweis't ein Ring? Sie kann einen Schrecken davon haben, wenn sie die Buchstaben bemerkt und ihre Bedeutung erräth. Da ist dein Herz doch mit dem Kopfe davon gelaufen!

»Nun, Lucie, nun sag' mir, was ich ihm schreiben soll. Du hattest Recht; aber auch ich hatte Recht. Jetzt thue ich, was du willst.«

Nun ist ja alles verdorben! Herrmann wird den Ring erkennen, wenn auch Marie die Buchstaben nicht erräth.

»Es ist ein einfacher Goldring mit einem H., und dem Tage unsrer Verlobung. Ich habe dafür gesorgt, daß Herrmann ihn erkennen soll, doch nicht eher, als bis es Zeit ist.«

Lucie wollte nun Minetten den Plan, den sie im Herzen billigte, ausreden, weil sie ihrer Freundin die Stärke nicht zutrauete, die dazu gehörte, das Opfer mit Anstand und Festigkeit zu bringen.

Minette lächelte. »Das Schwerste ist überstanden. Ich liebe Marien, ich liebe sie wahrhaftig. Jetzt sage, was ich schreiben soll.« Lucie wollte nicht; doch da sie Minettens Ernst sah, gab sie endlich nach; und Minette schrieb nun ihrer Mutter: nach reiflicher Ueberlegung sey sie entschlossen, ihre Verbindung mit Herrmann abzubrechen. Sie könne unmöglich ihre Hand einem Manne geben, der sie bei den dringendsten Auffoderungen zu Offenheit habe täuschen können. »Theure Mutter,« setzte sie hinzu, »ich habe alles Mögliche versucht, das ertragen zu wollen, weil diese Verbindung Ihr und meines guten Vaters Wunsch ist; aber ich kann nicht. Ich liebte ihn, doch jetzt nicht mehr. Es wäre mein Unglück, wenn ich seine Gattin werden müßte.«

An Herrmann schrieb sie dasselbe; doch bei diesem Briefe stritt sie sich mit Lucien fast über jeden Ausdruck, weil ihr jeder zu hart schien. Bedenke doch nur, Minette, sagte Lucie, daß du mit jedem harten Worte ein Glied der Kette zerschlägst, womit er an dich gefesselt ist! Dann aber traten immer Thränen in Minettens Augen. Sie brachte lange an dem Briefe zu; doch endlich wurden beide gesiegelt. Der Bote war bestellt, und stand schon draußen vor dem Zimmer. Lucie hielt die Briefe hoch, und sagte ernst: noch ist es Zeit! Wenn du fühlst . . .

»Ich fühle, daß du mich für ein Kind hältst. Er liebt Marien; sie liebt ihn. Ich versprach Marien, ihr guter Geist zu seyn; soll ich nun wie ein böser Dämon zwischen die Herzen der Liebenden treten? soll ich, ich! die Hand eines Mannes stehlen, der mich nicht liebt?«

Lucie küßte Minetten, gab die Briefe dem Boten, und sagte dann: dein Schicksal ist nun entschieden.

»Es war schon vorher entschieden – in dem Herzen jedes besseren Menschen!« erwiederte Minette mit frohem, stolzem Muthe. –

Als die Briefe in Grundleben angekommen waren, ging Frau von Sonnenstein zu Herrmann, und fand ihn sehr bestürzt, mit Minettens Briefe in der Hand.

»Was ist das!« sagte er. »Das ist ein Geheimniß, dessen Quelle ich nicht kenne. Ich wollte tausendmal darauf schwören, das habe Minette nicht geschrieben.«

Die Mutter war so erstaunt, wie Herrmann selbst. Aber der Ton! sagte sie; der feste sichere Ton, mit dem sie die Verbindung zerreißt!

»Eben der, Mutter, eben der! Die Worte schrieb Minettens Hand; doch, glauben Sie mir, nicht Eins kam aus ihrem Herzen. Ich will hinüber; und Sie sollen sehen, daß ich sie an meiner Hand mitbringe. Gewiß ist es nichts als ein Anfall von übler Laune.«

Aber sie beruft sich auf ein Hintergehen ihres Vertrauens. Was ist denn das?

»Nichts, als eine Laune, nicht einmal Eifersucht. Oder – vielleicht soll es wohl gar nur ein Scherz seyn.«

Ein Scherz? In der That, den würde ich nicht gut heißen. Ich begreife das Mädchen nicht. Aber reisen Sie hinüber, und bringen Sie Minetten mit.

Der Wagen wurde angespannt, und Herrmann fuhr, mit dem aufrichtigsten Wunsche, Minetten zu beruhigen, zu ihr hin.

Die beiden Mädchen sahen von weitem den Wagen. Lucie erkannte durch das Fernrohr Herrmannen, und sagte lächelnd: da ist der Versucher!

Minette ward blaß. »Verleugne mich!«

Du mußt ihn sprechen, um sein, um dein selbstwillen, erwiederte Lucie ernst. Bist du entschlossen, dein Opfer zu bringen, so bringe es mit Anstand. Können dich seine Bitten, seine Liebkosungen erschüttern, so hätte dich früher oder später dein eigenes Herz beredet.

»Ich will! – Denn muß ich nicht, Lucie? . . . Ihm entsagen! auf ewig ihm entsagen! O! – Doch, ich will.«

Sie spielte die schwere Rolle, weiche ihr Lucie vorgeschrieben, Anfangs mit starkem Muthe, mit mehr Standhaftigkeit, als sie sich selbst zugetrauet hatte. Doch länger hätte auch der gewaltsame Kampf mit seinen Liebkosungen und Betheuerungen, sogar mit seinen Vorwürfen, und mit ihrem eigenen Herzen, nicht dauern müssen; ja, sie würde erlegen seyn, wenn nicht der ruhige Blick, den ihre Freundin unablässig auf sie heftete, sie kräftig unterstützt hätte.

»Ich will nicht untersuchen, Cousin,« sagte sie ihm mit einer sehr gut erkünstelten Kälte, »woher die Täuschung floß, in der Sie mich in jener Nacht erhielten, als ich Sie so rührend um Vertrauen bat. Es mag Mitleiden mit mir, Großmuth von Ihnen gewesen seyn; genug, mir scheint es Verachtung. Ich weiß sehr wohl, Cousin, daß sich Ihr Herz wieder zu mir wenden könnte: doch Ihre Achtung hätte ich jetzt unwiederbringlich verloren; und wehe einem Mädchen, das dem Mitleiden des Mannes, der Gewohnheit, der Zeit die Liebe abbetteln soll, die nur Achtung, Vertrauen dem Herzen als Gerechtigkeit abfodern müssen!«

Ich schwöre Ihnen, Minette –

»Schwören Sie nicht, Herrmann; denn Sie würden dadurch meine Achtung verlieren. Nicht ich hatte Ihre Liebe, sondern jene Marie. Ich rang um Ihr Vertrauen; und Ihr Mitleiden versagte es mir. Sie sprachen Ihr eigenes Urtheil. Es wird mir gar nicht schwer, Ihre Hand aufzugeben, da ich Ihre Liebe und Ihr Vertrauen nicht habe. Die Achtung des Mannes, den ich einmal liebte, blieb das Einzige, was Werth für mich hatte. Ich bitte Sie, seyn Sie ein Mann, damit mir Ihre Achtung werth bleibe.«

Sie gebrauchte die stärksten Waffen gegen ihn; doch Herrmann kämpfte mit eben so starken. Auf Erörterungen ließ er sich nicht ein; er wollte sie nicht überzeugen, sondern riß ihr Herz mit der süßen Gewalt seines Flehens, seiner Zärtlichkeit, seiner gerührten Stimme an sich, heftete wehmüthige Blicke auf sie, beschwor sie, nannte sie mit den zärtlichsten Nahmen, die er ihr in den Stunden der süßesten Schwärmerei gegeben, erinnerte sie an alle die schönen Augenblicke der Vergangenheit, an alle die schönen Bilder, die sie sich von ihrer Zukunft gemahlt hatten. Minette fühlte die steigende Gewalt, die er nach und nach über sie gewann. Schon wurden die Schläge ihres Herzens leiser, und ihre Stimme milder; schon zerfloß ihr Auge in sanfteren Thränen. Nun warf sie ängstlich einen Blick auf ihren Freundin, um in deren Augen zu lesen, ob sie wohl nachgeben dürfe. Bewegungslos stand diese da; den ruhigen ernsten Blick auf Minetten geheftet; ihr Auge schien zu fragen: wie? du wankst? Minette, warf sich ihr in die Arme, und sagte schluchzend: »entscheide du!«

Ich? erwiederte Lucie. Der Herr von Bärburg muß selbst entscheiden. Doch nur Vertrauen kann sein und dein Herz retten. Nur das höchste Vertrauen, Herr von Bärburg; das höchste von beiden Seiten.

Lucie fühlte das innigste Mitleiden mit ihrer Freundin. Sie sah, daß diese nach und nach in dem Kampfe ermattete, und daß die Liebe siegte. Nun wünschte sie, daß Beide sich wieder vereinigen möchten, und, sie glaubte in Ernst, daß nur das höchste Vertrauen von beiden Seiten das könnte. Minettens Brust flog vor Entzücken, als sie Lucien wehmüthig lächeln sah, und die neue Hoffnung aus ihrem Munde hörte. Herrmann streckte ihr, wie seinem Schutzgeiste, die Arme entgegen. O, rief er: retten Sie mir meine Minette! Ich will alles, alles!

Nun denn, sagte Lucie eifrig: Sie täuschten in jener Nacht Minetten; Sie liebten Marien, und – lieben Sie noch? (Herrmann stand an; er fühlte, das dürfe er nicht gestehen.) –

»Vertrauen, Herrmann; Vertrauen!« rief Minette, ängstlich und freudig zu gleicher Zeit.

Herrmann sagte stockend: ja, ich liebte sie, und – ich liebe sie noch.

»Er hat entschieden!« sagte Minette stolz, sich abwendend.

Entschieden? riefen zu gleicher Zeit Herrmann und Lucie, mit einer Bewegung nach Minetten. Diese wendete das glühende Gesicht zu ihnen. »Ich hoffe, Cousin, Sie achten, wenn auch nicht mich, doch mein Geschlecht genug, um zu wissen, daß von diesem Augenblicke an alle Verbindung unter uns abgebrochen seyn muß. Sie lieben mich nicht. Nach diesem Geständnisse kann ich unmöglich noch ein Wort von einer Verbindung mit Ihnen anhören. Wenn Sie mich nicht genug achten, um nunmehr ganz zu schweigen, so achte ich mich doch genug, um nichts mehr zu hören!« – Mit diesen Worten ging sie aus dem Zimmer.

Herrmann und Lucie sahen einander erstaunt an; doch begriffen sie in demselben Augenblicke, daß jetzt alles vorbei war. Minette ließ Herrmannen ersuchen, Grundleben bald zu verlassen. Er fuhr wie betäubt zurück. Aus dem Gemische von Hoffnungen, Schmerz und Scham konnte er nichts deutlich entwickeln. Das Einzige, was er dachte, war der Entschluß, seiner Tante Sonnenstein den ganzen Vorfall unverhohlen zu entdecken. Sie lächelte. »Lieber Neffe, Alles durften Sie sagen, nur das nicht.« – Er bat um Rath. – »Ich bin Minettens Mutter, und – eine Frau; ich kann Ihnen nicht rathen.«

Herrmann verließ Grundleben, bezog aber ein Landhaus in der Nachbarschaft, mit dem Entschlusse, ruhig den Ausgang abzuwarten.

Minettens jungfräulicher Stolz war in seiner vollen Stärke erwacht; den größten Schmerz hatte sie überwunden: was noch zu thun übrig blieb, war nur ein Spiel. Sie hatte sogar in manchen bittern Stunden Herrmannen halb in Verdacht, daß sein ganzes Benehmen nur Ziererei gewesen sey, und selbst gegen Marien war sie mißtrauisch. Um Gewißheit zu bekommen, ging sie nach Ronnbergen; doch sobald sie nur Mariens reines Auge sah, verschwand ihr Argwohn gänzlich. – Bei einem Spaziergange in das Wäldchen brachte sie durch eine sehr natürliche Wendung das Gespräch auf Bärburgen. Marie wurde schnell bewegt; doch nur einen Augenblick: dann setzte sie die Unterredung mit der vorigen Ruhe fort. Minette nannte ihren eigenen Nahmen. Ohne alle Anstrengung fiel Marie lobend ein; doch wurde sie immer bewegter, als Minette bei diesem Gegenstande blieb.

»Wie ist mir denn?« sagte Minette, mit dem Entschlusse, den Augenblick der Entdeckung herbeizuführen: »es scheint mir ja, als bewegte Sie dies Gespräch, liebe Marie?«

So darf ich Sie desto zuversichtlicher bitten, es zu endigen. Die letzten Augenblicke, die ich mit Ihnen habe, sind mir zu theuer, als daß ich sie an einen unnützen Schmerz verschwenden möchte. Die letzten sind es; denn übermorgen reise ich nach Holland ab.

»Uebermorgen?« fragte Minette bestürzt, und faßte Mariens Hand. »Uebermorgen? Ich glaube, von Ihnen selbst gehört zu haben. . . .«

Daß ich länger hier bleiben würde? Ja, das war meine Absicht; aber eine strenge Nothwendigkeit drängt mich. – Sie sagte das ruhig und fest.

»Und ist nichts im Stande, Sie hier zu halten, Marie? nicht meine Liebe, nicht dieses Herz voll Vertrauens?« – Sie warf sich an ihre Brust.

Ich muß! Nichts darf mich halten; ich muß.

»Und Bärburg,« hob Minette auf einmal an, »ist der Verlobte des Fräuleins Sonnenstein!« (Marie verbarg ihre Bewegung in einer Umarmung.) »Und was pocht denn dieses Herz so schmerzlich, liebe Marie? Es pochen mehr Herzen so! Diese Braut – bin ich!«

Sie? rief Marie, und trat einen Schritt zurück; dann aber sagte sie zärtlich: Bärburgs Verlobte muß nur von der Wonne ihrer Liebe reden.

»Auch an diesem Herzen, das so laut bei seinem Nahmen pocht? an diesem Herzen, auf das die Entzückungen der seligsten Liebe warten?«

Fräulein, das ist grausam! sehr grausam! O, wenn ich von nun an nie einem Menschen wieder traute: wer wäre daran Schuld?

»Ich nicht, Marie; Herrmann ist dein!«

O, das ist grausam! rief Marie, die Arme emporstreckend. Aber, hob sie auf einmal mit ganz verändertem Tone an: mein Fräulein, was giebt Ihnen das Recht, alles, was Sie wollen, von mir zu glauben? Nun ja, der Herr von Bärburg lernte mich kennen, und zeigte einige Neigung zu mir.

»Er liebt dich noch, theure Marie, er liebt dich noch. Ich weiß das aus seinem eigenen Munde.«

Von ihm selbst? Sie haben mich so grausam, so vielfach getäuscht, mein Fräulein, daß es mir wohl erlaubt ist, das zu bezweifeln. Er hat die Achtung jedes Mädchens verloren, wenn er Ihnen das sagen konnte. Ich bitte Sie flehentlich, lassen Sie uns abbrechen. Und hat er es Ihnen gesagt, so giebt Ihnen das kein Recht, mich in Ihre Sache zu verflechten. Mit Einem Worte, Fräulein: ich liebe den Herrn von Bärburg nicht.

»O Marie, verzögere den Augenblick des Glückes für uns Alle nicht! Ich habe ihn verloren, Marie; und du . . .«

Und ich? und ich? Fräulein, wenn Sie ihn so verloren haben, so müßte er auch mich verlieren, selbst, wenn ich ihn geliebt hätte. Aber ich habe ihn nicht geliebt, und ich reise.

Hier näherte sich Jemand, und Marie stand auf. Es war Schmidts, der Marien aufsuchte, und der, als er Minetten erblickte, in solche Bestürzung gerieth, daß er kein Wort hervorbringen konnte.

»Sie wundern sich,« sagte Minette kalt, »Bärburgs Braut in der Gesellschaft seiner Geliebten zu finden. Ich bitte Sie, Herr Schmidts, und Sie, Marie: hören Sie mich an. Was ich zu sagen habe, sind nur wenige Worte.«

Marie wollte nicht; doch Schmidts beredete sie, zu hören. Minette erzählte die Begebenheit mit Herrmann ganz ruhig. Sie berief sich auf dessen Briefe an Schmidts, verschwieg nicht, daß sie Herrmannen geliebt hätte, und erzählte dann, wie er dahin gebracht worden wäre, ihr zu gestehen, daß er Marien noch liebe. »Und nun, Herr Schmidts, frage ich Sie, habe ich ihn nicht verloren?«

Ich sehe das noch nicht, Fräulein. Warum könnten Sie, die Sie so viel verzeihen wollten, nicht auch das noch verzeihen?

»Herr Schmidts, Sie verstehen sich auf das weibliche Herz nicht. Marie, Sie sind ein Mädchen, wie ich. Er sagte mir, daß er Sie liebt. Habe ich ihn nun nicht auf immer verloren? O, sagen Sie: dürfte ich je meine Augen zu ihm aufschlagen?« – (Marie schwieg, und sah bebend zu Boden.) »Also ich habe ihn verloren. Und nun, Marie, wende ich mich zu dir. Willst du mir die einzige Freude, die mir noch übrig bleibt, deine Hand in Herrmanns Hand zu legen – willst du mir die nicht gönnen? Er wies mich ab; er erniedrigte mich. Soll ich mich nicht wieder aufrichten dürfen? Stolz darf ich wieder vor ihn hintreten, wenn ich ihm sagen kann: nimm aus meiner Hand Marien; sie liebt dich! Marie, willst auch du mich verstoßen, wie er?«

Nein, gewiß nicht! sagte Marie herzlich, und sie umfassend. Aber Vertrauen gegen Vertrauen: ich liebe ihn nicht.

»Nicht?« rief Minette aufspringend. »Großer Gott! du liebst ihn nicht? O, entsetzlich! Marie! Herr Schmidts! Wie! du liebst ihn nicht?«

Ich liebe ihn nicht; und dadurch wird alles ganz anders. Meinen Sie nicht, Herr Schmidts? Jetzt haben Sie ihn nicht verloren, Fräulein!

»Gott Lob, Marie, daß du das hinzusetzest! Ich habe ihn verloren; auf immer verloren. Du zwingst mich, Marie! Ich will dir das größere Opfer bringen; In drei Tagen bin ich mit einem Manne verlobt, den ich nicht liebe. Ich habe ihn verloren; denn ich will es so. Vielleicht würde ich noch glücklich, Marie; du verlangst aber, daß ich unglücklich seyn soll, und ich will es seyn. Dann schlage seine Hand aus, dann sey er unglücklich, du und ich, wir alle! Du willst es so.«

Fräulein, sagte Marie ruhig, muß ich Ihre Sklavin seyn, weil Sie großmüthig sind? Ich liebe ihn nicht. Habe ich nicht dasselbe Recht, wie Sie, meine Hand einem Manne zu verweigern, den ich nicht liebe? Ich bitte Sie, edles, großmüthiges Mädchen, mir zu glauben.

»Es wäre schrecklich, wenn ich Ihnen glaubte: nicht wahr, Schmidts? Aber warum hätte ich denn das Gegentheil geglaubt? warum Herrmann selbst? und warum Sie, Herr Schmidts? Nein, Sie lieben ihn. Doch – mein Entschluß ist gefaßt. Ich bin in drei Tagen mit einem Manne verlobt, den ich nicht liebe. Dann reisen Sie, Marie, und seyn Sie stolz auf eine Tugend, die uns Alle unglücklich machte! Ich bin so fest entschlossen, wie Sie. – Geben Sie mir Ihren Arm, Herr Schmidts.«

Fräulein, sagte Schmidts; und das ist Ihr fester Entschluß?

»Fest, wie der Sinn dieses kalten Mädchens. Schrieb nicht einmal Herrmann etwas Aehnliches von ihr? Ja, jetzt erinnere ich mich. Sie bestraft ihn, weil er einmal nicht an ihr Wort geglaubt hat. Mir brach er sein Wort; und ich wollte ihn glücklich machen! – Kommen Sie!«

Fräulein, wenn das Ihr fester Entschluß ist, so . . . Marie, Sie lieben Herrmannen, und – ich kenne das Fräulein. Es ist unbarmherzig, das Schicksal eines Menschen auf das eitle Spiel einer zu strengen Tugend zu setzen. Ich glaube, Marie, das Fräulein hat Recht, und Sie . . .

O Gott! rief Marie, wie begeistert; lassen Sie mein Herz brechen, wenn denn eins brechen muß, und erhalten Sie das schöne Herz dieses Engels! Ich bin gefaßt, ich war es schon vorher; gewiß, ich war es. Wird er nicht das Herz lieben, das für ihn brechen wollte! O, kann er mich lieben, wenn er hört, was sie für ihn that?

»O, du liebst Ihn! du liebst ihn!« rief Minette, und warf sich in ihre Arme. »Marie, meine Marie! bist du nun seine Braut?«

Ich bin es, sagte Marie, in Thränen zerfließend. Aber, Minette, diese Wonne ist ein tödtlicher Schmerz! O, was thue ich! was sage ich! –

»Nun habe ich den schönen Augenblick erreicht, wo ich ihn glücklich machen kann! An deinem Herzen, Marie, wird er meinen Nahmen mit Freude nennen. Und nun eile! Die Stunden fliegen. Ich zittre, daß ein feindliches Schicksal noch einmal zwischen euch treten könnte.«

Minette sagte, wo Herrmann zu finden wäre, und bat Herrn Schmidts, daß er ihn herschaffen möchte.

Schmidts zuckte die Achseln »Heute? in Ihrer Gegenwart? Fräulein, Sie machen ihn glücklich; aber Sie wollen ihn auch erniedrigen.«

»Bin ich erniedrigt?« fragte Minette edel; »ist Marie erniedrigt? Nein, ich fühle mich stolzer, als je. Ich will seine Hand in diese Hand legen, und wenn er sich erniedrigt fühlt, so ist er das nicht werth, was wir für ihn thaten. Sagen Sie ihm nichts! O, sehen Sie, wie jetzt Mariens Gesicht wieder die Gluth der glücklichen Liebe färbt, und die ängstliche Hoffnung der alles entscheidenden Minute! Eilen Sie! Wir gehen nach Hause.«

Minette riß den todtenbleichen Schmidts und die ängstlich zitternde Marie mit ihrer Begeisterung fort; sie wollte, und die Andern gehorchten.

Schmidts fuhr zu Herrmannen, und fand ihn auf seinem Zimmer in tiefen, melancholischen Gedanken. Kommen Sie, wie Sie sind, lieber Herrmann! sagte er.

Herrmann runzelte die Stirn, und hob an: »ich will Ihnen erzählen . . .«

Im Wagen; nicht eher! –

Unterweges erzählte Herrmann, doch fast in einer starren Betäubung, die Augen auf den Boden geheftet, ohne auf den Weg zu achten. Schmidts hörte kaum; denn er war mit der seligen Minute beschäftigt, der er seinen Freund entgegen führte, und mit einem stillen Schmerze, der sich im Innersten seines Herzens regte.

Als der Wagen in Ronnbergen hielt, und Schmidts ausstieg, war es Herrmannen, als ob er das Haus erkennte; doch er dachte sich dies nicht deutlicher, als bis er auf einmal vor Marien und Minetten stand.

Minette ging ihm rasch entgegen, und umarmte ihn. »Herrmann,« sagte sie, »ich liebe dich dennoch; und auch du sollst mich lieben.« Sie nahm Mariens Hand, und legte sie in die seinige. »Nimm sie, Herrmann; nimm die Geliebte aus den Händen der Liebe.«

Er hielt Mariens Hand, ohne etwas zu begreifen; es schien ihm alles nur ein Traum. Marie stand schweigend da, mit schneeweißem Gesicht, mit ängstlich pochender Brust.

»Herrmann!« sagte Minette; »Marie ist dein! sie liebt dich!«

Jetzt begriff er endlich. Er sank vor Minetten auf die Kniee, sagte: o, du . . .; und nun verbarg er das bleiche Gesicht an ihrem Knie. Sie hob ihn auf, führte ihn zu Marien, und sagte: »Marie, was hast du mir versprochen!« Marie hob die zitternden Arme, legte sie um Herrmanns Schulter, drückte dann die Lippen sanft auf seinen Mund, und sank nun ohnmächtig in seine Arme. Das belebte ihn wieder. Er drückte Marien an seine Brust, an seine Lippen. Seine heißen Thränen, seine heißen Küsse erweckten auch Marien; und nun erfüllte ein allgemeines, begeistertes Entzücken alle Herzen. Alle waren glücklich, alle fühlten sich erhaben. »Bist du nun glücklich, Herrmann?« fragte Minette. –

Glücklich! selig! antwortete er: glücklich, weil sie mein ist, glücklich, weil du sie mir gabst; stolz auf den Besitz ihres Herzens, stolz auf den Besitz des deinigen, Minette! O, welch ein Augenblick! der schönste, der größte meines Lebens!

»So wollt' ich dich, Herrmann! Ich bin deiner werth, und habe dich nicht verloren. Du liebst mich, wie deine Marie.«

Minette, du bist die Glücklichste von uns allen. O Marie! und du? du?

Marie hob die schönen blauen Augen in Thränen zu ihm auf, und es brach ein tiefer Seufzer aus ihrem Herzen, aus ihren Lippen. Mit diesem Seufzer war ihr Bund auf ewig geschlossen.

Minette verließ mit Schmidts das Zimmer. Die Liebenden waren nun allein, und hefteten die trunkenen Blicke auf einander. Es ist kein Traum! sagte Herrmann, und riß Marien an sein Herz. Sie hängte sich noch fester an ihn, als wollte das Schicksal sie wieder von ihm reißen.

Erst nach Stunden legte sich der wilde Tumult des schnellen, hohen Entzückens. Man erzählte, fand nun alles ganz natürlich, und wußte nicht zu begreifen, wie es anders hätte kommen können. Aber dennoch warf sich bald Herrmann, bald Marie mit heißer Dankbarkeit in Minettens Arme.

Endlich kam Mariens Muhme, und erfuhr das Glück ihrer Verwandten. Ihr sehr umständlicher Glückwunsch kühlte die Gluth der Entzückten. Die Muhme wurde abgerufen, weil Jemand sie zu sprechen verlangte. Man war nun ruhiger, und sprach von der Zukunft, von Minettens Eltern.

Mitten im Gespräch öffnete sich die Thür, und die Muhme trat mit dem Rittmeister Bärburg in das Zimmer. Sie zeigte auf Marien, und sagte: das ist meine Verwandte, Mamsell Schuygens.

Und Ihre Nichte, lieber Oheim! setzte Minette freundlich hinzu.

»Hm!« sagte der Rittmeister, heftig erschreckend, und Minetten betrachtend: »was wissen Sie denn davon? Ich frage: was wissen Sie davon, Nichte Minchen? Und – was macht Ihr denn hier? wie seyd Ihr hierher gekommen? Was . . . – Hört, ich hätte mit der Mamsell wohl ein Paar Worte allein zu reden.«

Lieber Oheim, erwiederte Minette; etwas Wichtigeres wohl schwerlich, als was wir mit ihr zu reden haben. Aber, Sie fragen ja nicht einmal, wie sie Ihre Nichte ist?

Der Rittmeister öffnete den Mund, schwieg aber wieder, und sein Blick wurde immer ängstlicher. »Nichte! Nichte!« sagte er endlich, und stieß sein Rohr fest an den Boden. »Das ist nicht wahr! Das muß ich wissen. Die Mamsell hat geplaudert; und das ist nicht recht!«

Alle sahen den Rittmeister verwundert an, der sogleich wieder mit Blicken voll Liebe und Rührung vor Marien stand, eine Thräne in den Augen zerdrückte, und dann sagte: »ja, ich habe mit der Mamsell noch etwas zu reden. Aber damit Sie, liebes Minchen, nicht glauben, daß ich mich scheue, so will ich es lieber gleich hier abthun. Ihre selige Mutter hieß – nicht wahr? – hieß Reichhelm, und heirathete nachher Herrn Schuygens?«

So ist es, antwortete Marie.

Er heftete einen Blick voll Liebe auf Marien. Dann wendete er sich schnell an Minetten: »aber darum kann man sich doch irren, Nichtchen!«

Mein Vater . . . – hob Marie an.

Der Rittmeister unterbrach sie schnell: »still, still, liebes Kind! Ihr Vater, glauben Sie mir, er war mein Herzensfreund; und daß ich seine Tochter endlich aufgefunden habe – denn sehen Sie, liebes Kind, ich bin in Hamburg gewesen, und seit vier Wochen suche ich Sie überall. Ihre Tante in Hamburg hat mich endlich hierher gewiesen. Daraus aber, Nichte Minchen – merken Sie Sich das! – folgt nichts, ganz und gar nichts.«

Folgt, lieber Oheim? sagte Minette. Daraus soll auch nichts folgen; aber . . .

»Nichts, gar nichts.« Nun wendete er sich wieder zu Marien. »Wie gesagt, Ihr Vater, mein Herzenskind, war mein Freund, und, sehen Sie, mir stehen die Thränen in den alten Augen. Ich habe in Hamburg viel Gutes von Ihnen gehört; und . . .« – er wischte sich einmal über das andre die Augen – »ich hoffe, noch rechte Freude an Ihnen zu erleben: denn wenn ich die klaren Augen ansehe, so ist es, als könnte ich Ihnen in's Herz hinein blicken; und da glaube ich denn . . .«

Sie ist das edelste Mädchen, das die Erde trägt, sagte Schmidts.

Der Rittmeister blickte auf Schmidts hin, und erkannte ihn nach einem kurzen Besinnen. »Ah, lieber Herr Schmidts, nun erst kenne ich Sie. Es ist betrübt, daß ich mich auf Ihr Gesicht besinnen mußte; denn mein seliger Bruder sagte auf seinem Todbette ein großes Wort von Ihnen: daß Herrmann Ihnen alles, was er wüßte und werden könnte, schuldig wäre. Ich habe Ihnen das noch nicht verdankt. Ja, es ist betrübt, daß ich es noch nicht thun konnte.« Seine Augen schwammen in Thränen; und alle Andern fanden sich seltsam gerührt. »Nun, wir wollen einmal so thun, als ob . . .« – Er reichte Herrmannen und Minetten die Hand; dann nahm er Marien in die Arme. »An deinem Herzen, mein Kind,« sagte er äußerst gerührt: »nein, du sollst mir nicht entgehen; du nicht, wie die Andern! Aber, wie seyd Ihr denn mit der Mamsell bekannt geworden?«

Lieber Oheim, wir wundern uns über Ihre Bekanntschaft mit ihr. Die Mamsell ist Herrmanns Braut.

»Herrmanns Braut? Nichte, Sie wollen mich alten Mann zum Besten haben, das seh' ich. Aber, in ernsthaften Dingen lasse ich nicht mit mir spaßen.«

Nein, Herr Rittmeister, sagte Schmidts: es ist so. Herrmann und Mamsell Schuygens sind Verlobte. Der Rittmeister blieb starr vor ihm stehen.

Ich sagte Ihnen ja gleich, fiel Minette ein, sie wäre Ihre Nichte. Der Rittmeister suchte sich zu fassen; doch man sah, daß er sich vergebens anstrengte. »Dabei habe auch ich ein Wort mitzureden!« brachte er endlich mit gebrochenen Tönen hervor. »Das ist nichts, das kann in alle Ewigkeit nicht seyn!« Seine Stellung wurde drohend, sein Gesicht glühete, sein Auge funkelte. Herrmann trat, mit der Ruhe eines Mannes, an Mariens Seite. Der Rittmeister sah ihn an. »Ich weiß, was du damit sagen willst. Du willst den sehen, der dir das Mädchen nehmen soll. Aber, mein Sohn – o, Gott gebe dieses Mal meinem Munde Ueberredung! Was könnte ich dagegen haben, Herrmann? Aber Gott, Gott, hat etwas dagegen. Sie wird deine Frau nicht. Ich alter Mann stehe hier mit zitternden Händen, und muß erst hindern, was nimmermehr geschehen darf. Glaube mir, sie wird deine Frau nicht!« – Schmidts, Minette und Marie standen zitternd bei diesen prophetischen Tönen; doch Herrmann hielt lächelnd und ruhig Mariens Hand. »Heiliger Gott!« rief der Rittmeister: »ich darf nicht reden; er muß mir glauben. Herrmann, glaube mir, sie kann deine Frau nicht werden!«

Sie wird es, sagte Herrmann fest; und wenn sie mich liebt, so wird sie es noch heute, so wird sie es diesen Augenblick. – Er nahm seinen Hut.

Bebend rief der Rittmeister, mit aufgehobenen Armen: »Herr, deine Gerichte sind gerecht! Herrmann, Herrmann!« – Herrmann ergriff Mariens Hand, und wollte sie aus dem Zimmer führen. »Sie ist deine Schwester!« sagte der Rittmeister nun mit Tönen der leisesten Wehmuth, der tiefsten Trostlosigkeit.

Alle ergriff ein starres Schrecken. Der Rittmeister streckte seine Arme nach Herrmannen aus, und dieser sah ihn grollend von der Seite an. Ich will deutlich sehen, Herr Rittmeister, sagte er heftig: ganz deutlich sehen, was mir bis jetzt eine Fabel scheint.

»Unmensch, glaube diesen Thränen, diesem Zittern! glaube dem Tode auf meinen Lippen, in meinem Gesichte! Meinst du denn, ich könnte deine Eltern beschuldigen . . .?«

Ich muß deutlich sehen; deutlich! sage ich Ihnen. – Marie lag, kaum noch athmend, in Schmidts Armen. Der Rittmeister zog mit zitternder Hand ein Papier hervor, und gab es Herrmannen. Dieser las, erblaßte immer stärker, und hauchte dann leise hervor: o, meine Schwester!

Ist er mein Bruder? fragte Marie; und ein schöner Purpur färbte ihre bleichen Wangen. Sie breitete die Arme aus, den Bruder zu umfangen; doch die Arme sanken kraftlos nieder, und sie verdeckte das Gesicht, das sich mit Schamröthe übergoß.

Sie nehmen mir, sagte Herrmann; und Sie geben mir! O Marie, meine Schwester! – Sie gab ihm die Hand, und sagte zärtlich: mein Bruder! Nun warf sie die leuchtenden Blicke auf den Rittmeister. O, Sie geben mir! denn ist es nicht das, warum ich noch heute betete? Mein Bruder, erkenne die Hand der ewigen Liebe, und den geheimen Wunsch unsrer Herzen. Mein Bruder! Ja, ich habe dich früher erkannt, mein Bruder!

Meine Schwester! sagte jetzt Herrmann, das lächelnde Gesicht zu ihr hin wendend. Beide öffneten die Arme, und drückten Herz an Herz, nicht Lippe an Lippe.

Jetzt warf sich Marie an Minettens Brust. Auch du, meine Schwester! meine Schwester! Schweigend und hocherröthend stand Minette in ihren Armen. Herrmann warf einen Blick auf Minetten, und hob ein Gespräch mit dem Rittmeister an, um ihn zu fragen, ob die Begebenheit bekannt werden dürfe; doch der Rittmeister konnte bei seiner großen Bewegung, ihn nicht einmal hören, viel weniger ihm antworten.

Die beiden Mädchen verließen das Zimmer. – Minette, hob Marie an, darf ich etwas sagen?

Minette drückte den Mund auf ihre Lippen. O Marie, ich bitte dich, schweig!

Aber, Minette, versprich mir, wie ich dir versprach: wenn die Zeit . . . wenn die Liebe . . .

O, Schwester! sagte Minette; schweig! Ich erröthe, ich glühe, daß ich nicht Nein sagen kann. Ueberlaß es der Zeit! –

Sie kamen wieder in das Zimmer. Der Rittmeister umfaßte Marien, auf deren Tugenden Schmidts ihm eine Lobrede gehalten hatte, mit großer Zärtlichkeit. »Ich muß fort,« sagte er dann. Er umarmte Herrmannen, und flisterte ihm dabei zu: »was du gelesen hast, ist unser heiligstes Geheimniß.« Herrmann und Schmidts nahmen ihre Hüte. Minette, die verlegen da stand, foderte ihren Wagen. Man ging still, anscheinend kalt, aus einander, jeder mit geheimen Hoffnungen, und der Rittmeister mit tiefer Wehmuth im Herzen. Marie sollte fürs erste noch bei ihrer Verwandten bleiben, und Minette mußte dem Rittmeister versprechen, von dem, was heute vorgegangen sey, zu Hause nichts zu erzählen.

Im Wagen sagte der Rittmeister vor sich: das war der betrübteste Tag meines Lebens! O, mein Bruder, mein Bruder! ich habe dir nicht Wort gehalten! Aber konnte ich es? Gott Lob! du hast nicht erlebt, daß dein Sohn der Zeuge deiner – Schwachheit wurde!

Als der Rittmeister in jener Nacht, da er die Tante aus dem Hause schickte, den Brief seines Bruders las, übermannte ihn der Zorn so gänzlich, daß er ein versiegeltes Papier übersah, welches mit in dem Couverte lag. Er wollte das Geständniß seines Bruders nicht zum zweiten Male lesen. So oft er das Papier wieder erblickte, sagte er immer: o, mein Bruder! und schob es auf die Seite. Doch endlich nahm er es einmal wieder in die Hände, und fand nun ein versiegeltes Blatt. Er erbrach es. Sein Bruder bat ihn darin, für seine Tochter zu sorgen, und gab ihm auch Anweisungen, auf welche Weise sie vielleicht zu finden wäre. Noch stand in dem Blatte die Bitte, daß er Sonnensteins und seinem Sohne die ganze Begebenheit verschweigen möchte.

O, mein Bruder! sagte er; sie soll meine Tochter seyn. Schnell überfiel ihn nun der Gedanke, in welchem Elende die Tochter seines Bruders vielleicht leben könnte. Er klingelte, ließ packen und anspannen. Als vorgefahren war, traten so eben Rohr und sein Sohn in das Zimmer.

Sieh da, Bruder Bärburg! sagte Rohr; da ist mein Junge wieder – ein wenig von der Sonne verbrannt; aber – brav hat er gethan! Hier hängt der Beweis davon: der Orden. Philippine erblaßte. Des Rittmeisters Gesicht erheiterte sich, und er umarmte den jungen Mann mit großer Zärtlichkeit. »Bruder Rohr,« sagte er nun, den Orden doch mit einem triumphirenden Lächeln betrachtend: »ich hoffe, dein Sohn hat auch über der Seele einen Orden hangen, den kein König geben kann, sondern nur das eigne Gewissen! Indeß auch dieser ist mir lieb; den andern, denk' ich, hat meine Tochter.«

Der junge Mensch beugte sich tief vor Philippinen, die in reiner Unschuld vor ihm stand. Er fing an, dem Rittmeister den Vorfall zu erzählen, bei welchem er den Orden bekommen hatte. Der Rittmeister hörte mit Vergnügen zu; doch, als der Wagen vorfuhr, sagte er: »ich muß fort, Bruder Rohr, auf ein acht Tage, denk' ich. Ich muß! – Philippine! Du könntest mir vorher noch deine Liebe beweisen.« (Er heftete die zärtlichsten Blicke auf seine fromme Tochter, die bleich und zitternd da stand.) »Ich reise, mein Kind, um eine Tochter aufzusuchen. Laß mich noch vorher einen Sohn gefunden haben! Philippine, laß mich mit Freudenthränen reisen!« Er faßte die Hand des jungen Mannes, und führte ihn auf seine Tochter zu. Unter Philippinen schwankte der Boden. Der Vater legte Beider Hände zusammen, und sagte sehr bewegt: »Gott segne euch, meine Kinder!« Philippine schwieg; der junge Rohr machte eine tiefe Verbeugung, halb dem Vater, halb der Verlobten. »Ich muß!« sagte der Rittmeister. »Bruder Rohr, laß die jungen Leute zusammen, daß sie einander erst näher kennen lernen. Nach einigen Tagen komme ich zurück.«

Was Teufels! Freund, Bruder, ist denn die Reise so nothwendig? Ich dächte, deine Tochter ginge vor.

»Die ich suche, ist auch meine Tochter. Ich bin in ein Paar Tagen wieder hier,. – Sohn, ich habe dir viel gegeben! Ein Vater sollte das wohl nicht von seiner Tochter sagen. Aber warum nicht? Viel habe ich dir gegeben, mit der Hand hier: ein Engelherz, eine Seele, auf der nicht Eine Schuld liegt. Geld? daran laßt mich jetzt nicht denken; das steht in der Gewalt jedes Spitzbuben. Aber reich ist mein Mädchen, und wenn sie ihr Vermögen auch mit zehn Geschwistern theilen müßte. Nun, ich muß fort!«

Nur noch Einen Tag, Bruder Bärburg; Einen Tag, um Schwarz auf Weiß zu haben.

»Mein Wort ist Schwarz auf Weiß. Ich kann nicht länger warten. Die Tochter da ist glücklich, hoffe ich zu Gott; die andre, die ich suche, weint vielleicht die bittersten Thränen.«

Was du nur redest! Tochter suchen! . . . Einen Tag noch, sag' ich, um Lebens und Sterbens willen. Die Geldsachen wollen doch abgemacht seyn.

»Nimm es mir nicht übel, Bruder, in diesem Augenblicke, da ich deinem Sohne meine Tochter gegeben habe, scheint mir alles Geld der Erde eine elende Armseligkeit. Gott gebe ihnen etwas Besseres: Frieden, Liebe, Vertrauen! Wenn wir einmal eine langweilige Stunde haben, dann wollen wir schreiben und handeln. Laß das!«

Hier gab der junge Rohr seinem Vater unbemerkt einen Wink; und dieser schwieg.

Der Rittmeister fuhr ab. In der Stadt, wo Adele als Madame Reichborn gelebt hatte, erfuhr er nichts weiter, als daß ein Holländer, der späterhin nach Hamburg gezogen sey, sie geheirathet habe. Nun reiste er nach Hamburg, wo er aber Madame Schuygens nicht antraf. Als sie endlich zurückkam, erfuhr er nach vielen Fragen Mariens Aufenthalt in Ronnbergen. Er überzeugte sich schon in Hamburg, daß diese Marie die Tochter seines Bruders wäre. Bei der ersten Zusammenkunft mit ihr mußte er das theure Geheimniß seines Bruders Preis geben; und das hatte ihn sehr weich gemacht. So weich, so still, so mit einer leisen, alles Harte in seinem Wesen auflösenden Wehmuth, kam er nach Grundleben, und fand – die Tante Isabelle. Diese Nachricht gab ihm seine Tochter, welche ihm, so wie sie den Wagen von fern erblickte, entgegen eilte.

»Gott vergebe mir!« sagte er, ohne eine Bewegung zum Aussteigen zu machen. »Weiß sie, daß ich komme?« – Nein – »Nun, so sag ihr nichts. Ich will ganz leise auf mein Zimmer gehen und mich besinnen. – Das ist,« sagte er, doch nicht in seinem gewöhnlichen rauhen Tone, »das ist der Teufel, dem wir alle die schöne Wirthschafts zu danken haben! Doch wer weiß,« setzte er, die Hand auf seine Brust legend, hinzu, »ob sie so böse ist, oder ob sie nicht Buße gethan hat, oder, in welchem Elende sie steckt. Nun, Gott vergebe ihr; ich will ihr vergeben. Vergieb auch du mir, Bruder, daß ich deine letzte Bitte nicht erfüllen konnte!«

Er ging nun in das Gesellschaftszimmer, und fand da die Tante in dem prächtigsten Anzuge, von Brillanten und Perlen übersäet. Mit einem Gesichte voll triumphirender Bosheit kam sie ihm entgegen. Gott hat sich meiner angenommen, mon neveu. Ich hoffe, Sie werden Theil an meinem Glücke nehmen. Der junge Reichborn starb, und schnell hinterher auch sein Vater. Ich bin die Erbin des ganzen, beinahe fürstlichen Vermögens. Jetzt, hoffe ich, werden meine Verwandten mich besser behandeln; denn ich kann mit meinem Vermögen thun, was ich will.

»Lassen Sie uns vergessen, Tante!« sagte der Rittmeister in seiner jetzigen weichen Stimmung. »Also die Reichborns sind hin? Das bedaure ich.«

Die Tante warf ihm einen fürchterlichen Blick zu, weil sie in dieser Aeußerung Neid sah. Es verhielt sich so, wie sie sagte. Sie war eine Stiefschwester von des Rittmeisters Mutter, und so fiel die unermeßlich reiche Erbschaft nur an sie. So wie sie die Nachricht von Reichborns Tode erfuhr, entstand in ihrer Seele auch der Wunsch, Rache an dem Rittmeister zu nehmen, und vorzüglich an Philippinen, die ihr vielleicht noch verhaßter war, als der Vater. Wie das ja oft so geht – im Besitze eines sehr großen Vermögens, wurde sie auf einmal geitzig. Sie fuhr nach Grundleben, um dort zu glänzen, zu triumphiren, sich zu rächen, aber zugleich auch, um zu sparen. Mit ihr kam ein Fräulein Reichborn, ein armes, verlassenes Geschöpf, das in dem Reichbornschen Hause erzogen war, und das sie, nach dem Testamente des Verstorbenen, bis zur Verheirathung bei sich behalten mußte. Durch Winke, sie werde das Mädchen zu ihrer Erbin einsetzen, hatte sie die Unglückliche zu einer Sklavin aller ihrer Launen gemacht, und nahm sie nun mit nach Grundleben, um durch sie den Rittmeister schrecken zu können. Rache war ihr Wunsch; doch einen Plan hatte sie noch nicht.

Philippine nahm sie freundlich auf, ob sie gleich vor ihr zitterte. Isabelle ärgerte sich schon in der ersten Minute, daß sich Philippine ihr und ihrem großen Reichthume nicht zu Füßen legte; und noch erbitterter wurde sie, da Philippine sich mit so vieler Festigkeit ihrer Tyrannei entzog, auf ihre Erzählungen von ihrem Reichthum, auf alle Drohungen, sie zu enterben, gar nicht achtete. Philippine wußte kaum, was die Tante eigentlich von ihr wollte. Sie hatte mit einem tiefen Schmerze zu kämpfen. Rohr war ihr Verlobter, und sie fühlte ihr Herz nicht allein kalt gegen ihn, sondern, seitdem sie Braut war, hatten die jugendlichen Empfindungen für den Gespielen ihrer Kindheit sogar neue Stärke bekommen. Sie konnte sich nicht enthalten zu vergleichen: den artigen, höflichen, unterthänigen, und doch dabei so kalten Rohr, gegen den begeisterten, kraftvollen, festen, männlichen Erhard. Daß sie das that, hielt sie selbst für unrecht; denn sie konnte nicht Einen Fehler an Rohr finden, der ihre Empfindungen gerechtfertiget hätte. Sie war nicht glücklich; doch nur die einsame Nacht sah ihre Thränen, hörte die Seufzer ihres wunden Herzens. Sobald sie, auch nur mit ihrer theuren Mutter, in Gesellschaft war, hatte sie Kraft genug, den Schmerz in ihre Brust zu verschließen, ja Ruhe in ihrem Gesichte und sogar ein Lächeln zu erzwingen; und mehr foderte zum Glück Niemand von ihr.

Rohr, als ihr Verlobter, brachte mehrere Tage hinter einander in ihrem Hause zu, und nannte sie meine theure Philippine, oft auch noch vertraulicher; in seinem Betragen war aber immer etwas Fremdes, wisse er, daß Philippine ihn nicht liebe, oder als fühle er, daß er ihrer nicht werth sey. Die Haltung zwischen beiden Verlobten war recht anständig: Rohr sprach mit jedem Dritten sehr feurig von den Vollkommenheiten seiner Braut, von seinem unaussprechlichen Glücke; Philippine von ihm mit der zarten Achtung, die sie ihrem künftigen Ehemanne schuldig zu seyn glaubte. Auch die Tante hielt Beide für glücklich; und wenn ihr nun Philippine auch nicht verhaßt gewesen wäre: wie hätte sie Glückliche sehen können, ohne das Glück derselben von sich abhängig machen, oder es stören zu wollen!

In Rohrs Betragen gegen die reiche Tante war augenscheinlich das Bestreben, ihr seine Ehrfurcht zu bezeigen. Er machte sich zum Sklaven aller ihrer Launen, und wurde, wenn er es insgeheim konnte, ihr Schmeichler. Die Tante gab ihm nun von fern einige Hoffnungen zu ihrem Vermögen. Sie schimpfte auf Herrmannen, sagte sehr bestimmt, daß sie ihn enterben würde, wenn er Minetten heirathete, und schalt auf Philippinen wegen ihrer wenigen Ehrerbietung gegen sie. So brachte sie heraus, was noch niemand gemerkt hatte, daß Rohr nur Philippinens Vermögen liebte. Schlechte Menschen erkennen einander ja leicht!

Sobald sie das wußte, woran sie eigentlich nie gezweifelt hatte, sah sie eine Gelegenheit zur Befriedigung ihrer Rache, die durch Philippinens Gleichgültigkeit gegen sie immer brennender geworden war. Sie fing an zweideutig von des Rittmeisters Vermögen zu sprechen, besonders gegen den alten Rohr, der ihr nun noch viel unverschämter schmeichelte, als sein Sohn. Genug, die Tante hatte an allen Beiden Menschen gefunden, die sich, um ihres Reichthums willen, völlig von ihr abhängig machten. Das bemerkte endlich sogar auch die gute Philippine, besonders da der alte Rohr unter dem Schein eines väterlichen Vertrauens, unaufhörlich in sie drang, sich um die Liebe der Tante zu bewerben.

Sie haben Recht, mein liebstes, schönstes Kind, sagte er: es ist an der Tante Isabelle nicht ein gutes Haar; und wäre sie nicht so reich – aus dem Hause mit ihr! Aber, goldnes Pinchen, Sie sind ja so tugendhaft, so sanft und so klug, daß Sie leicht einsehen werden, wir müssen den alten Drachen streicheln, bis er einschläft und wir sein Geld haben. Nicht wahr, mein goldnes Kind? – Von dem alten Rohr konnte Philippine so etwas wohl lächelnd, mit einem leichten Nichtachten, anhören; doch anders war es, wenn ihr Verlobter fast aus eben dem Tone redete. Es schmerzte sie, daß der Mann, dem sie ganz angehören sollte, so verächtlich dachte. Sie schwieg zwar; doch sie vergalt ihr unangenehmes Gefühl mit einer verdoppelten Geringschätzung des Reichthums ihrer Tante. Diese verdoppelte denn dafür auch ihren Haß. Sie sagte ganz laut, daß sie Philippinen enterben würde, doch nur zu Rohr dem Vater und seinem Sohne, nicht mehr zu Philippinen selbst, weil diese ihr jedes Mal mit einem sehr gleichgültigen Lächeln erwiederte: Tante, Sie sind vollkommen Herr über Ihr Vermögen; und das Fräulein Reichborn hat auch viel nähere Ansprüche, als wir. – Die Rohrs warfen sich ihr beinahe zu Füßen; und nun setzte sie boshaft hinzu: des Rittmeisters Vermögen sey durch tolle Verschwendung an Arme, Nothleidende und Freunde schon sehr zusammengeschmolzen. Sie führte Details an, die den alten Rohr aufmerksam machten, und sprach in räthselhaften Ausdrücken, die ihn ängsteten, zumal da ihm auch die Tochter einfiel, die der Rittmeister suchte.

»Tausend Sapperment!« rief er: »meine Gnädigste, meine Allergnädigste! Sie setzen mir da einen Floh in's Ohr. Ein lustiger Cumpan war der Rittmeister sein Lebetage: ernsthaft wohl, und edel; aber insgeheim mochte doch zuweilen etwas passiren. Auch theilte er immer den letzten Groschen mit jedem. Tausend Sapperment! Sie helfen mir auf etwas. Er hatte da so einen Liebeshandel. Und jetzt sucht er eine Tochter. Das ist mir aufgefallen.«

Eine Tochter? und er sucht sie? Hahaha! – Ja, mein lieber Rohr! Wie war es denn? wo sucht er sie? Eine Tochter?

»Der Teufel! ich habe ihn gar nicht weiter gefragt; denn, sehen Sie, meine Gnädigste, man muß sich mit ihm in Acht nehmen.«

Die Tante fragte weiter, sann nach, setzte zusammen, und behauptete endlich: der Rittmeister habe eine natürliche Tochter, und werde gewiß sein Vermögen theilen.

»Den Teufel auch! Was gehen einen Vater die natürlichen Töchter an! Nein, das fürchte ich nicht. Er weiß ja, so etwas hat wenig oder nichts zu bedeuten.«

Hahaha! O, trauen Sie dem nur! Den gehen alle Menschen an. Sie kennen ihn noch nicht, lieber Rohr; ganz und gar nicht.

»So schlag der Teufel d'rein! – Aber Schulden, meine Gnädigste, hat das Gut hier nicht, auch nicht einen Pfennig: das weiß ich ganz bestimmt.«

Da wissen Sie mehr als ich. Hm! ja, Sie können Recht haben. Hahaha! Ich will nichts sagen, gar nichts. Mein Neveu hat immer die Kunst verstanden, reich zu scheinen. Wenn indeß einmal Sonnenstein und der Sohn des Präsidenten wollen, so werden Sie wohl anders reden.

»So schlag der Teufel d'rein!« rief Rohr wieder; und eine Stunde nachher ging er mit seinem Sohne, in einem sehr lebhaften Gespräche, die Allee auf und ab.

Vater und Sohn machten Philippinen sehr nachdrückliche Vorstellungen in Betreff der Tante. Philippine wurde ernst, und erwiederte: nicht für alle Schätze der Welt werde ich je ein Wort sagen, das ich nicht so meine. –

Das Mädchen ist eine Närrin, mein Sohn! sagte der alte Rohr nachher. Aber Schulden hat der Rittmeister nicht, das soll mir die Tante nicht weis machen. Hast du das Mädchen erst, so laß ihn nur mit Töchtern kommen! Dann haben wir auch ein Wort mit zu reden.

Noch in der schmerzlichen Empfindung über Rohrs Eigennutz traf Philippine auf ihre Tante. Diese warf ihr Gleichgültigkeit vor, und drohete: lieber will ich mein Vermögen Kirchen und Schulen vermachen, als Euch, Ihr undankbaren Seelen!

»Ich wollte, Sie hätten das schon gethan, gnädige Tante, damit Sie endlich einmal aufhörten zu drohen.« Das sagte Philippine mit einem stolzen Blicke, und ließ die Tante stehen. Jetzt war die Tante wüthend, und sagte ganz öffentlich, daß Fräulein Reichborn ihre Erbin seyn sollte. Rohr wollte sie besänftigen; doch vergebens. Sie blieb bei dem, was sie gesagt hatte, zeigte aber dem jungen Manne, mitten in dem Zorne über seine Braut, viel Wohlwollen, und ließ ihn deutlich merken, daß sie ihm ihr Vermögen gönne.

Wenn die Alte, sagte der Vater, das gewiß machen wollte, dann, mein Sohn . . . dann – Die Reichborn ist hübsch, und die Alte ein Geitzteufel; sie wird gewiß noch mehr zusammen scharren! Und – die Tochter, die der Rittmeister sucht, liegt mir schwer auf dem Herzen. Noch Eins, mein Sohn, kann ich dir jetzt wohl sagen: Philippine liebt dich nicht; das seh' ich offenbar. Und wer weiß, ob die Sache mit dem jungen Sonnenstein so ganz vorbei ist. Die alte Isabelle sagt Nein; und ihre Jungfer auch. Der Vater hat an dem Mädchen einen Narren gefressen. Die Pastor-Witwe, die bei ihm so viel gilt, paßt uns auf die Finger, wie falschen Spielern. Wie man eine Hand umdrehe, kannst du um deine Braut, um deine Fortune seyn. Auf allen Fall – was kosten dir ein Paar Schmeicheleien, die du der Reichborn sagst!

Der Sohn fand diesen hingeworfenen Gedanken so übel nicht. Er wendete sich ganz heimlich, verstohlen, an die Reichborn. Die Tante merkte es, und befahl nun dem Fräulein, dem jungen Rohr freundlich zu begegnen. »Wer weiß,« sagte sie, »was noch geschehen kann! Ich würde dich recht gut, recht warm setzen!« –

So stand es, als der Rittmeister wieder zu Hause kam. Die Tante hatte es in ihrer Gewalt, sich an Philippinen zu rächen, sie eifersüchtig zu machen, oder sie ganz um ihren Geliebten zu bringen, wenn sie fortführe, sich gleichgültig gegen sie zu betragen.

So wie der alte Rohr den Rittmeister nur sah, fragte er auch schon: nun, Herzens-Bärburg, hast du gefunden, was du suchtest? die Tochter, oder – wie soll ich sagen?

»Tochter!« antwortete der Rittmeister im wehmüthigen Andenken an seinen Bruder. »Tochter, so gut, wie hier diese! Ich habe sie gefunden, und hätte sie beinahe gleich mitgebracht; doch jetzt . . .« – Er sah die Tante an.

Wessen Tochter denn? fragte diese lächelnd. Das klingt ja sehr räthselhaft. Wessen Tochter?

»Eines Mannes, den ich liebte, wie mich selbst. Eine Mamsell Schuygens aus Holland.« Er bemerkte die lauernden Blicke der Tante, und setzte daher ganz kalt hinzu: Rohr, du mußt dich des Schuygens noch erinnern; er war Capitain unter dem Holländischen Freicorps.

Einerlei, Bruder, wenn's nur so ist. Schuygens? Hatten sie nicht Hellblau und Gelb? Bei Dings da standen wir . . .

»Recht!« sagte der Rittmeister abbrechend, und begrüßte nun Augusten. Es schien ihm, als hätte diese ihm etwas zu sagen; er gab ihr daher einen Wink, und führte sie auf sein Zimmer. Hier fragte Auguste ängstlich: lieber Herr Rittmeister, kann die Heirath Ihrer Philippine gar nicht wieder zurückgehen?

Der Rittmeister erschrak, und war verlegen. »Nein,« sagte er endlich; »Rohr hat mein Wort, meinen Handschlag, und auch das Wort meiner Tochter.« (Auguste zuckte die Achseln, mit einer sehr betrübten Miene.) »Nun?« fragte der Rittmeister.

Jetzt habe ich nichts zu sagen.

»Den Teufel auch, liebste Frau! Auf Ihrem Gesichte steht ein ganzes Register von Unglücksfällen. Ehe mein Kind unglücklich werden soll – denn wenn Sie ein Laster wüßten von dem Bräutigam, oder einen Schurkenstreich – einen Jugendstreich verzeihe ich – Nur heraus mit dem, was Sie wissen! Lassen Sie mich nicht länger auf der Folter!«

Ich weiß nichts, lieber Herr Rittmeister, gar nichts. Aber – Vater und Sohn wollen mir nicht gefallen.

»Paperlapap! Der Vater ist ein jovialischer Mann, und freilich wohl geradezu, aber dafür auch grundehrlich.«

Herr Rittmeister, wenn Sie nur nicht das Schicksal Ihrer guten Philippine in böse Hände legen! – Sie erzählte ihm, was sie bemerkt hatte.

Er seufzte. »Aber,« sagte er, »so etwas könnte man am Ende von jedem Menschen sagen. Ich habe mich bei dem Regimente erkundigt. Rohr hat überall das beste Zeugniß; er ist brav und rechtschaffen. Das Uebrige steht in Gottes Hand. Mein Wort hat er; und er ist der Sohn meines Freundes, meines Retters.«

Er ist ein Schmeichler, Herr Rittmeister; und – kann ein Schmeichler ein guter Mensch seyn?

»Das ist ein Satz aus Büchern, liebe Auguste; aus dem wirklichen Leben nicht. Der junge Mensch hat sich durch die Welt drängen müssen. Das macht höflich; und Höflichkeit sieht in hundert Fällen aus, wie Schmeichelei. Ich hoffe, er wird nicht um seines Vortheils willen schmeicheln.« So sagte der Rittmeister, um sich selbst zu beruhigen; denn Augustens sichtbare Aengstlichkeit erfüllte sein Herz mit Furcht, mit Ahnungen von Unglück. Er faßte seinen künftigen Schwiegersohn näher ins Auge, und nun schien es ihm selbst so, als wäre dessen Charakter zweideutig. Unter der Hand erkundigte er sich wieder bei dem Regimente nach ihm; doch er hörte nur Lob. Rohr hatte nie eine Strafe erlitten, war pünktlich im Dienst, bescheiden, höchst sparsam, höflich, aller Menschen Freund. Das Einzige, was man ihm vorwarf, war rauhe Härte gegen seine Untergebenen.

»Das ist schlimm,« sagte der Rittmeister; »unterthänig gegen die Obern, hart gegen die Untern! Sparsamkeit in der Jugend mag auch wohl nur selten eine Tugend seyn. Nun, Gott wird ja helfen! Ich kann nichts weiter thun.« Aber doch zog er noch andre Nachrichten ein, durch die er ängstlich wurde: man hielt den jungen Rohr für hochmüthig, falsch, habsüchtig. »Stille nur, liebe Auguste!« sagte er; »Philippine muß davon nichts erfahren!«

Ueber Philippinen selbst und ihre Vermuthungen von ihr, sagte Auguste kein Wort; der Rittmeister glaubte daher ganz treuherzig, daß der junge Rohr die Neigung seiner Tochter gewonnen hätte. Rohr versicherte das, und Philippine widersprach nicht. »Er liebt sie!« sagte der Rittmeister; »und wenn sie ihn nun nicht zu einem guten Manne macht, so ist es ihre eigne Schuld.« Das alles konnte aber doch eine geheime Angst in seinem Herzen nicht unterdrücken; vielmehr wurde diese immer größer, je öfter er mit beiden Rohrs zusammen war. Der Alte brachte das Gespräch so oft, ohne alle Veranlassung, auf des Rittmeisters Vermögensumstände, und wollte sie so gern recht genau kennen lernen, daß diesem ganz angst dabei wurde. »Aber,« sagte er, »es ist ja nur der Vater; der Sohn liebt das Mädchen, und denkt anders.«

Allein nun hörte er die Schmeicheleien, mit denen der Sohn die Tante fast betäubte. Seine Angst wurde immer drückender; doch er verbarg sie jedem, und besonders seiner Tochter. Auch Philippine verbarg dem Vater ihre schmerzlichen Empfindungen, die immer zunahmen, je näher sie ihren künftigen Gatten kennen lernte.

Die Tante hielt jetzt den Rittmeister und Philippinen für so glücklich, und Beide waren so weit davon entfernt sich vor ihr zu demüthigen, daß ihr Haß gegen sie sich immer mehr vergrößerte. Fürchterlich wurde er aber, als endlich eine vollkommne Versöhnung zwischen allen Mitgliedern der Familie erfolgte.

Hierzu gab Herrmann die Veranlassung. Er besuchte eines Tages den Rittmeister, und bat ihn um ausführliche Nachrichten von Marien. Niemand wußte, mit wem der Rittmeister sich eingeschlossen hatte. »Da lies!« sagte dieser, mit Thränen in den Augen, und gab dem jungen Manne seines Vaters Brief. Herrmann las, und die Augen gingen ihm über. Der Rittmeister trat zu ihm hin, und küßte ihm die Thränen von den Wangen.

Jetzt erkannte Herrmann die Unschuld seines Oheims. Er sprang auf, beugte sich auf seine Hand, und sagte: o, mein Vater!

»Mein Sohn! rief der Rittmeister: o, mein Sohn! So habe ich dich wieder? Nein, nein! sage nichts weiter! Wir verkannten einander Beide. Aber, glaube mir, ich habe dich immer geliebt.«

Und Sonnensteins verkennen Sie noch, mein edler Oheim. Darf ich aufrichtig reden? Man wirft Ihnen Härte vor.

»Da hat man Recht, Herrmann. Ich bin rauh, eigensinnig, und, fürchte ich, zuweilen hart. Habe ich nicht die Tante mitten in der Nacht zum Hause hinaus geworfen?«

Lieber Oheim, sie ist ein Ungeheuer; ich könnte sie in diesem Augenblicke erwürgen!

»Nun, siehst du? Gerade so ging es mir. Ich las in der Nacht deines Vaters Brief; und in eben der Nacht mußte sie fort. Es war aber doch hart! Kein Mensch wird das begriffen haben, und reden durfte ich nicht.«

Lieber Oheim, Sie sind vollkommen gerechtfertigt! sagte Herrmann; und nun gingen Beide Arm in Arm zu den Uebrigen. »Hier,« sagte der Rittmeister mit Augen, in denen Freude funkelte: »Philippine, das ist mein Sohn Herrmann, meines Bruders Sohn.«

Cousine, sagte Herrmann, mit Entzücken das schöne Mädchen betrachtend – daß ich Sie so spät kennen lerne, ist eine Schuld, die ich mir nie verzeihen werde. Ihr edler Vater . . .

»Was hast du mir versprochen, Herrmann!« unterbrach ihn der Rittmeister. »Der da ist der Bräutigam meiner Philippine.« Herrmann verbeugte sich mit Anstand; Rohr fast bis zur Erde. Und ich, rief Isabelle, bin deines Vaters Tante und Wohlthäterin, die sein Glück gegründet hat; und du, du bist ein Ungeschliffener, daß du dich so wenig um deine nächsten Verwandten bekümmerst. – Herrmann sah ihr so kalt und so verachtend in die Augen, daß ihr die letzten Worte auf der Zunge erstarben.

Cousine – so wendete sich Herrmann lächelnd an Philippinen; Sie haben noch eine Jugendfreundin, Minetten, die mir wohl tausendmal gesagt hat: sie sollten Philippinen nur kennen! Jetzt kenne ich Sie; und der fremde Blick, mit dem Sie mich, einen so nahen Verwandten, betrachten, ist meine Strafe!

»Nun fort, fort!« sagte der Rittmeister; »schaffe mir Marien!« –

Herrmann ging, und schickte aus Sonnensteins Hause, wo er schon einige Male wieder gewesen war, einen Wagen nach Ronnbergen. Die Eltern wußten gar nicht, was sie aus ihm und Minetten machen sollten. Diese war, mehr beschämt, als betrübt, zurückgekommen, und hatte ihre Mutter, die mit Fragen in sie drang, gebeten, die Entwickelung ihres Schicksals der Zeit zu überlassen. Sie blieb bei ihrem Schweigen, und die Mutter drang nicht weiter in sie. Herrmann kam in einer Geschäftsangelegenheit, und behandelte Minetten mit der zarten Achtung eines Freundes. Sie war in seiner Gegenwart ängstlich, und auch Herrmann zeigte sich nicht so freimüthig und offen, wie sonst; aber bei dem allen merkte man an Beiden keine Spur von Unwillen oder Reue. Er suchte sie nicht auf, und sie floh ihn nicht. Ihre Herzen waren augenscheinlich in Bewegung; doch in welcher? das blieb den Eltern ein Räthsel. Auch heute kam Herrmann, nach seinem Besuche im Bärburgischen Hause, und sagte sogleich: »Lieber Oheim, der Rittmeister ist ein sehr edler, sehr humaner Mann, von dem zartesten Herzen. Seine Rauhheit wohnt nur auf seiner Zunge.«

Es ist gut, erwiederte Sonnenstein, daß du so von ihm denkst. Auch ich habe ihn nie für böse gehalten.

»Böse? Sein Herz ist voll der sanftesten Humanität. Mein Vater hatte Unrecht; der Rittmeister war unschuldig.«

Es wäre doch seltsam, wenn wir ihn so gänzlich verkannt hätten!

»Und doch ist es so; denn . . . Wenn ich nur reden dürfte!« – Er erröthete, und Minette mit ihm.

Ihr Beiden müßt ein sonderbares Geheimniß mit einander haben, das Euch so freundlich und so feindlich gegen einander macht.

»Feindlich?« fragten Beide; »feindlich gewiß nicht!«

Darf ich denn, fragte Sonnenstein, wohl erfahren, was dein Vater seinem Bruder zu leide gethan hatte, das einen so langen Haß verdiente?

»Haß? O, der sanfte, gütige Oheim! Nur ein langer zärtlicher Schmerz war es, was ihn von meinem Vater trennte. Ich, ich sage Ihnen, lieber Oheim, der Rittmeister hatte gar keine Schuld; mein Vater war der Schuldige, oder – das Opfer einer höllischen Bosheit. Mir, dem Sohne, können Sie glauben.«

Gewiß, Herrmann, dir glaube ich. Aber – des Rittmeisters mannigfaltige Rohheiten; z. B., daß er die Tante mitten in der Nacht zum Hause hinausgeworfen hat.

In eben der Nacht, lieber Oheim, hätte ich, in des Rittmeisters Stelle, die Tante erwürgt, wie eine Klapperschlange, die mir Weib und Kind getödtet hätte. – In eben der Nacht erfuhr der Rittmeister aus einem Briefe meines Vaters die höllische Bosheit des abscheulichen Weibes. Ja, ich hätte sie in dieser Nacht mit den Zähnen zerreißen können, wie ein Kannibal. (Sein Gesicht glühete.)

Pfui, Herrmann! sagte die Frau von Sonnenstein.

Tante, Sie wissen nur nicht . . . Dieser Teufel war auf dem Wege, uns Alle zu verderben! Mich hat die Furie an den Rand des entsetzlichsten Elendes geführt; unser Aller Herzen hat sie durch ihre Bosheit zerrissen! O, wäre mein Oheim nicht, so stände ich jetzt vielleicht verzweifelnd vor Ihnen; und Minette . . . – (Minette zerfloß in Thränen) – »Minette,« fuhr er schneller fort, sich ihr zu Füßen werfend – »theure Minette: habe ich dich ewig verloren?« Es lag etwas Gräßliches in Herrmanns Tone. Beide Eltern waren, von diesem Tone ergriffen, aufgesprungen; und auf einmal endigte er so zärtlich zu Minettens Füßen. Minette blickte ihn an, schlug die Augen nieder, blickte ihn wieder an, und – sank in seine Arme.

Der Wechsel war so schnell, daß beide Eltern unwillkührlich lachten. Die Liebenden versicherten aber ganz ernsthaft, daß sie dem Rittmeister ihr Glück zu verdanken hätten, und daß er der edelste Mann sey.

Mehr, sagte Sonnenstein, kann ich ihm nicht zu verdanken haben; und so wollen wir uns auf morgen bei ihm anmelden lassen. –

Er schrieb dem Rittmeister ein Billet; und schon eine Stunde nachher kam dieser mit Philippinen. In seinem weichen, herzlichen Tone lag Versöhnung. Er klagte sich selbst an; zugleich bat er aber Sonnensteins, nicht zu ihm zu kommen, so lange die Tante bei ihm wäre. »Sie muß bald fort,« setzte er hinzu, »und wenn sie so reich wäre, wie Salomon.« Er stellte seine Tochter als Braut vor, und Sonnenstein that eben das mit seiner Minette.

»Von wem? von wem?« – Sonnenstein zeigte auf Herrmann; und der Rittmeister blickte sehr bedenklich auf diesen.

Herrmann sagte: lieber Oheim, Sie kennen die Geschichte meines Herzens nicht. Ich bin glücklich und schuldlos.

Auf dem Rückwege entspannen sich in Philippinens Seele Gedanken, die eben nicht vortheilhaft für ihren Bräutigam waren. Guter Gott! dachte sie; warum kam diese Stunde nicht ein Jahr früher! Dann war ich gerettet. Jetzt erst überfiel ein bittrer Schmerz ihre Seele, jetzt, da sie sah, wie leicht es gewesen wäre, eine Versöhnung zwischen beiden Familien zu bewirken, jetzt, da sie ihren Vater und Sonnensteins sagen gehört, wie weh ihnen die Feindschaft gethan, und wie oft sie gewünscht hätten, daß sich ein Vermittler finden möchte. Ihr Vater hatte sogar die Mißhandlung erwähnt, die er dem jungen Sonnenstein zugefügt; und Sonnensteins Antwort war gewesen: eine Kleinigkeit, lieber Schwager. Es war Ihnen etwas durch den Kopf gegangen, irgend eine Laune; der Junge kam Ihnen zu unrechter Zeit in den Weg. Was bedarf es da erst noch einer Entschuldigung!

»Es war mehr als das, lieber Sonnenstein. Ich hatte den Himmel in meiner Seele; und Erhard warf mir – freilich unschuldig, wie ich Sünder dergleichen so oft erst hinterher merke – er warf mir einen Feuerbrand aus der Hölle in diesen Himmel. Das machte mich ungestüm. Ich kann die Sache nicht erzählen; denn sehen Sie nur, wie roth die da wird! Es war eine Kinderei, die ich zu hoch nahm. Nun, lassen Sie Ihren Sohn nur kommen; ich gebe ihm noch Genugthuung. Sie sollen wissen, daß ich mich immer nach ihm erkundigt habe, und die da auch. Er hat brav gethan, habe ich mit Vergnügen gehört.« –

Dieses Gespräch drang tief in Philippinens Seele; ihre ganze schöne Kindheit mit allen den begeisterten Träumen trat aus dem Dunkel der Vergessenheit hell hervor. Als sie zu Hause war, ging sie, trotz dem rauhen Wetter, in den Garten und an das Grab ihrer Mutter, um der Kinderei – wie ihr Vater die Scene am Tage ihrer ersten Communion genannt hatte – nachzudenken. Sie zerfloß in Wehmuth und Thränen, weil sie sich so unglücklich fühlte. Ihr Herz sagte ihr, daß sie Erharden noch liebte, doch jetzt anders, inniger, heißer, als ehemals. O, warum kam dieser Tag nicht ein Jahr früher! dachte sie diesen Abend fast unaufhörlich. – Auguste, die sich nach ihr umsah, überraschte sie in Thränen, die sie jetzt nicht mehr zu verbergen suchte. Beide sahen einander wehmüthig an, und schwiegen.

Die Tante wurde immer erbitterter, als sie die Versöhnung der beiden Familien erfuhr, und als sie sah, daß nur sie von dem Umgange mit Sonnensteins ausgeschlossen wurde. Sie hätte jetzt durch ihren prächtigen Schmuck so gern den Verdruß, den Neid der Frau von Sonnenstein rege gemacht, und drang daher bei ihrem Neffen darauf, daß die Familie eingeladen werden sollte. Er schlug das förmlich ab; und nun schrie sie: das geschieht meinetwegen! – »Ihretwegen!« erwiederte der Rittmeister kalt.

Sie fuhr bei Sonnensteins vor, und Herrmann sagte ihr am Schlage der Kutsche sehr trocken: Sonnensteins verbäten sich ihre Besuche. Für diesen Schimpf foderte sie von dem Rittmeister mit furchtbarem Grimme Genugthuung. Er sagte kalt: »was geht das mich an!«

Ich verlasse Ihr Haus, und mein Vermögen bekommt die Reichborn; wenn Sie nicht mit dem Volke brechen.

»Fräulein!« sagte der Rittmeister mit dem alten Tone, den sie fürchtete: »geben Sie Ihr Vermögen der Hölle zu einem Teufels-Philanthropin. Mir gilt es gleich!«

Sie verließ sein Haus nicht; denn erst mußte sie die Rache ausüben, die in ihrem Herzen kochte. Der Rittmeister war in seiner geliebten Tochter am schmerzlichsten zu verwunden. Philippine liebte den jungen Rohr; also mußte ihre Verheirathung mit ihm gehindert werden; und dazu brauchte sie den alten Rohr als Werkzeug.

Marie war bei dem Rittmeister angekommen, und er nannte sie Tochter, sie ihn Vater. Nun? sagte die Tante: sehen Sie wohl, Herr von Rohr? sehen Sie? Vergleichen Sie doch nur Philippinens Gesicht mit dieser Mamsell Marie. Daß sie seine Tochter ist, muß ja ein Blinder sehen! (Marie hatte wirklich auffallende Aehnlichkeit mit Philippinen.) Da geht die Hälfte des Vermögens hin! Und die andre Hälfte? Herr von Rohr, bringen Sie doch einmal den Rittmeister auf Mitgabe oder Erbschaft. Was sagt er denn da? Nichts, ganz und gar nichts. (Das war wieder richtig. So oft auch Rohr von der Mitgabe anhob, nie ließ sich der Rittmeister darauf ein; denn je deutlicher er nach und nach mit zunehmender Betrübnis merkte, daß die beiden Rohrs wirklich sein Vermögen im Auge hatten: desto verschwiegener war er über seine Umstände. Es sollte wenigstens den Schein behalten, daß Rohr seine Tochter aus Liebe geheirathet hätte.) Schuldenfrei, sagen Sie? Hahaha! O, über den leichtgläubigen Herrn von Rohr! Fragen Sie nur Sonnensteins, oder den jungen Bärburg! Die Versöhnung kommt nicht von ungefähr. Schon längst hätte Sonnenstein des Rittmeisters Gut sehr gern gehabt; und wir werden ja sehen, ob er es am Ende nicht bekommt.

Tausend Sapperment! rief Rohr; wenn das wäre! Aber, mein gnädigstes Fräulein, Philippine ist doch Ihre nächste Verwandte!

Auf mich darf sie nicht rechnen, Herr von Rohr; denn Sie sehen ja, wie man mich hier behandelt! Freilich, Ihr Sohn ist ein artiger junger Mensch, dem ich sehr wohl will, und mit dem ich auch Anfangs gute Absichten hatte; aber – so ist es nichts. Da ist die Reichborn; die liebt mich, und Eine Liebe ist der andern werth. An einem Manne wird es ihr nicht fehlen; denn eine Schenkung unter Lebendigen soll ihr mein Vermögen sichern.

Tausend Sapperment, meine Gnädigste! Eine Schenkung? Und gegen meinen Sohn hätten Sie nichts?

Nichts, gar nichts! Vielmehr würde es mir recht lieb gewesen seyn, wenn die Sache sich hätte anders drehen und wenden lassen.

Meine Gnädigste, Sie sind, bei meiner Seele, die edelste Dame auf dem ganzen Erdboden. Aber mein Sohn ist gebunden: da sitzt der Teufel!

Fährt dem Rittmeister einmal eine Grille durch den Kopf, so bricht er ohne Umstände. Philippine, so verliebt sie auch in Ihren Sohn zu seyn scheint – ich wollte dafür stehen, daß bei ihr das Sprichwort eintrifft: alte Liebe rostet nicht. Ich habe Ihnen ja erzählt. Der junge Sonnenstein quittirt, wie ich höre. Seine Eltern haben die erste Hand zur Versöhnung geboten, und Philippine geht oft zu ihnen; Ihr Sohn aber wird nicht mit hingenommen. Nun frage ich: warum nicht? Der Rittmeister schiebt die Hochzeit seiner Tochter auf. Ich frage wieder: warum? Die Pfarrersfrau, die im Grunde den Rittmeister und das ganze Haus regiert, hat etwas gegen Sie und Ihren Sohn: das, dächte ich, wäre mit Händen zu greifen! Und, Herr von Rohr, Sie sind blind, wenn Sie nicht sehen, daß der Rittmeister jetzt ganz anders gegen Sie gesinnt ist, als im Anfange.

Das sieht mir selbst so aus. Tausend Sapperment! Ich glaube, Ew. Gnaden können den Leuten in's Herz blicken.

Nun kommt der junge Sonnenstein; dann braucht man den ersten besten Vorwand, mit Ihnen zu brechen. Aber, Herr von Rohr, das Fräulein Reichborn ist zu gut, um das pis-aller zu seyn. Ich habe sie gewarnt; und nun wasche ich meine Hände in Unschuld. –

Das alles war so augenscheinlich, daß Rohr gar nicht daran zweifeln konnte; und er wußte noch etwas Andres, was der Tante ganz unbekannt war. Philippine liebte seinen Sohn nicht. Daß sie mit dem jungen Sonnenstein ein geheimes Verständniß hätte, schien ihm ausgemacht. Die Versöhnung, und der Umstand, daß der junge Sonnenstein gerade jetzt den Dienst verließ - alles traf, wie verabredet, zusammen. Du bist um deine Braut geprellt, mein Sohn, sagte der Vater. Wenn nur dem alten Drachen mit der Schenkung zu trauen wäre, so machtest du Linksum. Auf allen Fall – man kann doch nicht wissen – mach dich ein wenig an die Reichborn, ein wenig mehr, als bisher. Die Alte ist dir gewogen. Am Ende sagen wir: du hättest Philippinens Abneigung gegen dich gemerkt, und es für unrecht gehalten, ihr Herz zu zwingen.

Rohr machte sich an das Fräulein Reichborn, und die Tante ließ in Philippinens Gegenwart einige Anmerkungen darüber fliegen. Diese dachte lächelnd: ach, wenn das doch wäre! Die Tante hielt dieses Lächeln für einen Triumph ihrer Sicherheit, für Spott. Nun bekamen das Fräulein Reichborn und der junge Rohr ihre Rollen.

Unter diesen Umständen herrschte denn fast bei Jedem im Hause Mißtrauen und Verdruß. Der Rittmeister war in sich gekehrt. Philippine, die das bemerkte, zeigte ihm eine stille Heiterkeit; so hielt er denn doch wenigstens seine Tochter für glücklich, ob er gleich von ihrer Verbindung mit dem eigennützigem geldsüchtigen Rohr nicht viel Gutes mehr hoffte. Er beschloß, sie sehr reich auszustatten, und bestimmte den nahen ersten Pfingsttag zu ihrer Hochzeit.

O, nur nicht diesen Tag! sagte Philippine im Ausbruch ihres Schmerzes, sobald sie allein war; nur nicht diesen Tag! Doch sie konnte sich nicht überwinden, ihren Vater durch die Bitte um Aufschub zu betrüben. Rohr hatte nun keine Besorgniß mehr vor dem jungen Sonnenstein; auch erfuhr er zu seiner Freude halb und halb, wie der Rittmeister seine Tochter ausstatten, und was er ihr mitgeben wollte. Die Tante sah ihre Rache vereitelt, da Rohr sich nun sogleich von dem Fräulein Reichborn zurückzog. Sie stampfte mit den Füßen, und schlug bei jeder Veranlassung ihrer Jungfer ins Gesicht; denn der verhaßte Rittmeister und die verhaßte Philippine erreichten ja nun doch ihre Wünsche. –

Während dessen saß die arme Philippine einsam, in tiefen Schmerz verloren. Auguste, die finster neben ihr saß, und lange geschwiegen hatte, sagte endlich: ach, Philippine! – Nun ging die Unglückliche zu dem Grabmahl ihrer Mutter, und rief mit Tönen des Jammers: nur nicht diesen Tag! nur nicht diesen Tag!

Dann aber, Philippine, bist du entschlossen? fragte Auguste traurig.

Zu allem; nur nicht diesen Tag! –

Auguste ging zu dem Rittmeister, und bat ihn um Aufschub. »Hm! hm! warum?« fragte er; »das geht nicht!«

Nur diesen Tag nicht, Herr Rittmeister, bittet Ihre Tochter.

»Warum nicht diesen Tag? warum nicht? Eben diesen Tag habe ich aus guten Ursachen gewählt. Es muß ihr lieb seyn, an diesem Tage den Mann, den sie liebt . . .«

Den sie liebt? fragte Auguste, und hielt die nassen Augen auf dem Rittmeister fest: den sie liebt? O, daß Sie wahr redeten!

Der Rittmeister runzelte die Stirn. »Liebe Frau, Sie machen mir das Herz schwer, sehr schwer. Aber – sie liebt ihn. Ich habe ja Augen!«

Sie irren sich schrecklich, Herr Rittmeister. Doch – nur nicht diesen Tag! Er erinnert Philippinen an einen zu schönen Traum ihrer Jugend, der nun auf immer verschwunden ist! . . . Nur diesen Tag nicht; bittet Ihre unglückliche Tochter.

»Unglückliche?« sagte er, die Hände faltend, und sich abwendend. »Nun, so erbarme sich Gott! – – Ich will die Hochzeit aufschieben. Sagen Sie ihr das.«

Unglückliche! Unglückliche! wiederholte er zehnmal hinter einander, und immer wurde sein Gram noch stärker. Jetzt kamen der Unglücksboten mehr. Marie sah ihn traurig an, und sagte: ich fürchte, lieber Vater, Philippine ist nicht glücklich! – Schmidts, der sich schon seit mehreren Wochen meistens in Grundleben aufhielt, sagte dasselbe. Der Rittmeister war ganz trostlos; doch, er wußte nicht los zu kommen, da die Verbindung förmlich erklärt war.

Er kündigte dem jungen Rohr den Aufschub der Hochzeit an. Dieser bat ihn mit erkünstelter Wärme, den Tag seines Glückes nicht weiter hinaus zu setzen; und der Rittmeister gerieth in die höchste Verlegenheit, da er keinen Grund für sein Zögern angeben konnte. Er wollte seinen künftigen Schwiegersohn nicht beleidigen; deshalb redete er so höchst räthselhaft, daß Rohr alles verloren glaubte, besonders da der Rittmeister nicht zu bewegen war, einen andern Tag zu bestimmen, und da Philippine sich mit Ernst und Kälte gegen ihn betrug. Der Rittmeister ging, um sich zu zerstreuen, oft zu Sonnensteins. Was war in Rohrs Augen natürlicher, als daß man auf Mittel sann, seine Verbindung rückgängig zu machen?

Vater und Sohn überlegte; denn die Tante, die ihren Plan, sich zu rächen, noch nicht aufgab, hatte ihnen wieder einige Winke gegeben. Rohr wendete sich aufs neue an sie; doch jetzt sagte sie stolz: das Fräulein Reichborn ist beleidigt. Allerdings habe ich diese Verbindung gewünscht; aber ein Opfer sollen Sie mir und meiner Universal-Erbin nicht bringen!

O, wer redet von Opfer! Sie, großmüthigste, edelste Dame, Sie bringen ein Opfer, wenn Sie mir die Hoffnung geben, mit Ihnen in eine so nahe Verbindung zu kommen. Sobald ich Ihrer Güte gewiß bin, werde ich nicht anstehen, dem Rittmeister zu erklären, daß . . .

Auf meine Güte können Sie rechnen. Schreiben Sie an das Fräulein Reichborn. Einen entscheidenden Schritt müssen Sie thun.

Rohr überlegte; die Tante ließ aber einige Mal das Zauberwort: Schenkung unter Lebendigen, fallen. Nun küßte er ihr die Hände, und schrieb sogleich einen artigen Brief an das Fräulein. Die Tante übernahm es, ihn zu bestellen, und sagte lächelnd: davon braucht nicht eher etwas bekannt zu werden, als bis ich es wünsche. Und hiermit verspreche ich Ihnen das Fräulein und mein Vermögen. –

Nun habe ich meine Rache! dachte sie triumphirend, als sie wieder allein war. Jetzt verachtet meinen Reichthum, und mich! Nein, unbestraft durfte dieser Uebermuth nicht bleiben! Jetzt habe ich Vater und Tochter! –

Der Pfingsttag kam näher. Minette hatte unterdessen an ihren Bruder geschrieben, daß sie Herrmanns Braut wäre, und daß Philippine am ersten Pfingsttage den jungen Rohr heirathen würde. Erhard sagte, als er den Brief gelesen hatte: ist das die Treue, die sie mir geschworen hat? O, diesen Tag, gerade diesen, der unsre Liebe heiligte, diesen wählt die Treulose! – Er wollte sich beruhigen; doch es war ihm unmöglich, da in seinem Herzen die erste Leidenschaft noch immer glühete. Nach einigen Tagen nahm er Urlaub, und sprengte nach Grundleben, nicht um Philippinens Heirath zu stören, sondern nur, um die Treulose noch einmal zu sehen, und ihr an dem Tage, da sie das Eigenthum eines Andern würde, vor die Augen zu treten.

Er kam am ersten Pfingsttage in Grundleben an, und schlich, in seinen Mantel gehüllt, ohne von Jemand bemerkt zu werden, an des Rittmeisters Gartenpforte. Sie wird sich heute nicht im Garten sehen lassen, dachte er; aber desto besser! Niemand soll erfahren; wie unglücklich ich bin; und sie am wenigsten. – So eben wollte er umkehren und seinen Bedienten aufsuchen, der sein Pferd hielt; da erblickte er das Dach des Häuschens, worin Philippine mit ihrer Pflegemutter, an dem Grabmahl ihrer Mutter, gelebt hatte. O, sagte er jetzt, dort wohnte sie! dort saß sie an dem Grabe ihrer Mutter, und dachte an mich!

Er sah umher, und da alles todtenstill war, so schlich er durch das Gebüsch dem Hause näher. Die Thür stand offen. Er trat leise hinein, und hörte Philippinens Stimme, aus dem Gewölbe, worin der Leichnam ihrer Mutter ruhete. Ihn durchfuhr ein Todesschauer, und zugleich das Gefühl einer süßen Hoffnung. Er ging näher, und sah Philippinen, gerade eben so gekleidet, wie an dem Tage ihrer Einsegnung, an dem Grabe ihrer Mutter knieen. Meine theure Mutter! jammerte sie: du siehst den Schmerz deiner unglücklichen Tochter. An diesem Tage schenkte ich ihm, o ihm! die Lilie, als ein Pfand meiner ewigen Liebe. Ach, ich habe ihn geliebt, ich liebe ihn noch! Doch, Mutter, mein Vater will, und ich lege diese Lilie auf dein Grab; ich weihe meine Liebe und mein Leben dem Tode.

Erhard hörte das mit dem höchsten Entzücken, und zugleich mit der trostlosesten Verzweiflung. »Philippine!« sagte er sanft. (Sie hörte nicht.) »Philippine!« rief er lauter. Sie wendete den Kopf, und sah in dem Dämmerlichte des Gewölbes den Geliebten in seinem weißen Mantel, der wie ein lichter Schein um ihn schwebte. – Mit Entsetzen sprang sie auf, und rief: o, der Geist meines geliebten Erhards!

»Ich bin es selbst,« sagte Erhard mit sanfter Stimme. »Du liebst mich. Nun, Philippine, laß mich sterben! Ich bin glücklich!«

Philippine konnte sich nicht fassen; sie begriff nicht, wie er hierher kam, und blieb von weitem, ihm die Hände entgegenstreckend, stehen. O Gott! rief sie, wohin soll ich fliehen! Sind Sie es, Erhard? O, ich bitte Sie mit Thränen, verlassen Sie dieses Gewölbe.

Ich gehe, Philippine. Aber gieb mir die Lilie – zum Andenken an unsre unglückliche Liebe. Dann will ich gehen.

Sie reichte ihm die Blume mit zitternden Händen. Er nahm sie, faßte ihre Hand; und drückte sanft die Lippen darauf. Philippine sank, von Schmerz überwältigt, und ohnmächtig, an seine Brust. Er setzte sie auf das Grabmahl, und sagte: o du, die ich mehr liebe, als mich selbst! So bist du jetzt noch einmal auf einen Augenblick mein! jetzt, da dein Herz nicht schlägt! Ich drücke den Kuß des Abschieds auf deine kalten Lippen – den Kuß des Abschiedes, und den Schwur einer ewigen Treue! – Sie fing wieder an zu athmen. Dein harter Vater, fuhr er leise fort, macht mich unglücklich. Nun, du sollst mich nicht wiedersehen. Leb ewig wohl. Er legte sie sanft an eine Säule auf dem Grabmahl zurück, und ging, das bleiche Gesicht mit den Händen bedeckend. Nach einigen Minuten war er zu Pferde, und sprengte davon.

Nach ihm ging der Rittmeister, der unglückliche Vater, unentschlossen, ob er nicht den Liebenden und Geliebten zurückrufen sollte. Er war Zeuge der ganzen Scene gewesen. Mitleidig folgte er seiner Tochter, als er sie zu dem Grabmahl ihrer Mutter gehen sah, und verbarg sich hinter einem Schirme, wo er alles sah und hörte. Er bewunderte den edeln Jüngling, und ging finster zurück auf sein Zimmer. Hier sann er auf Mittel, seine Tochter zu retten; aber – konnte er sein Wort brechen? konnte es Philippine?

Als er in das Haus trat, kam ihm Rohr entgegen, und bat ihn, den Tag der Hochzeit zu bestimmen. Schweigend schüttelte der Rittmeister den Kopf; und auch Rohr schwieg nun mit einem zweideutigen Lächeln. Schmidts kam, und bat den Rittmeister um einige Augenblicke Gehör. Der Rittmeister schüttelte betrübt den Kopf. Schmidts redete von Marien, von seiner Liebe zu ihr, von ihrem Wohlwollen für ihn; und der Rittmeister sagte: »alle Welt ist glücklich; nur ich nicht!«

Oben auf dem Saale kam ihm die Tante mit einem wilden, tobenden Geschrei entgegen; sie verlangte Genugthuung, ohne daß er hörte, wofür. »Ach,« sagte er, mit ungewöhnlicher Weichheit, »wenn es nur so etwas wäre; das ließe sich ertragen.« Die Tante fuhr fort zu toben; er ließ sie stehen, und ging. –

Philippine erwachte, und wußte nicht, ob sie den geliebten Erhard wirklich, oder nur im Traum gesehen hatte. Als sie endlich ihre Lilie vermißte, konnte sie nicht mehr zweifeln. Ach, rief sie, die Arme emporhebend: er liebt mich; aber nun ist keine Rettung mehr! Zu spät, zu spät! Ich bin die Verlobte, die Braut eines Mannes, der meinem Herzen ewig fremd bleiben wird. Keine Rettung! Ja, ich will den langen, ewigen Schmerz geduldig ertragen!

Sie ging nach dem Zimmer ihres Vaters. Er nahm sie schweigend in seine Arme, und sagte mit bebenden Tönen: »Philippine, du bist unglücklich; und auch ich bin es. Laß uns muthig ertragen, was sich nicht ändern läßt!« Diese jammernden Töne erschütterten das gute Mädchen, und füllten ihr Herz mit einem Muthe, den der Mensch nur dann hat, wenn er das Leben für nichts mehr achtet. Ich bin entschlossen, mein Vater, sagte sie; setzen Sie nun einen Tag an, welchen Sie wollen!

Das jammerte den Vater noch mehr. »Mein Kind,« sagte er: »ich weiß alles; der junge Sonnenstein . . .! Jetzt ist es unmöglich! O, warum hast du nicht früher geredet!« Beider Schmerz wurde immer trostloser. Sie hielten einander still umarmt. »Fasse dich!« sagte der Vater. »Wenn er käme! Ich habe Sonnensteins einladen lassen; die Tante will ja auf ein Paar Tage verreisen. Fasse dich, mein gutes Kind! Du siehst, es ist nicht zu ändern.«

Ich bin gefaßt, mein Vater! sagte Philippine groß und edel. Aber wenn nur die Tante wirklich reist! –

Die Tante hatte herausgebracht, daß heute Sonnensteins kommen wurden, und nun blieb sie, obgleich der Wagen schon vor der Thüre hielt. Sonnensteins kamen, und mit ihnen Erhard, dem Herrmann und Minette bei einem Spaziergange begegnet waren. Seine sonderbare Heftigkeit hatte Minetten aufmerksam gemacht, daher fing sie an, zu ahnen, zu rathen, zu fragen. Erhard mußte, um sein Geheimniß zu bewahren, mit nach Hause, und dann zu dem Rittmeister.

Die Tante glänzte, als sie nach einer halben Stunde in das Besuchzimmer trat, von Edelgesteinen, wie der Thron des großen Moguls. Der junge Rohr ging ihr mit Unterthänigkeit entgegen, und trat mit dem Fräulein Reichborn in ein Fenster. Philippine stand bleich, erschüttert, neben Minetten, die ihr mit Fragen zusetzte. Erhard wurde von dem Rittmeister mit Liebe, mit Zeichen großer Bewegung empfangen. Rohr schrieb Philippinens augenscheinliche Bewegung dem Wiedersehen des alten Geliebten zu, die Tante der Eifersucht auf das Fräulein Reichborn: sie nahm es sehr übel, daß der Rittmeister Sonnensteins so freundschaftlich behandelte, und stichelte sehr boshaft. Er konnte aus seiner jetzigen Weichheit nur in den allerheftigsten Zorn übergehen. Philippine fürchtete, daß dies der Fall seyn möchte, und bat ihn daher leise, sich nicht zu ärgern. Er versprach es, lächelte seiner Tochter zu, und fing nun an, (was er noch nie gethan hatte) die Tante zu necken. Das kam sehr drollig heraus, so daß mehr als Einmal ein lautes Gelächter entstand.

Endlich sprang die Tante auf, und trat triumphirend in das Zimmer. Nun denn! rief sie; Neveu, ich desavouire Sie, da Sie es nicht besser wollen. Das Fräulein Reichborn wird meine Erbin; und zugleich erkläre ich Ihnen, daß sie Ansprüche auf die Hand des Herrn von Rohr hat.

Der Rittmeister und Philippine erblaßten Beide. Erhard zitterte, und hielt sich an Herrmann. Die Tante triumphirte noch lauter, als sie die bleichen Gesichter sah. Reden Sie! sagte sie zu dem jungen Rohr, der sehr verlegen dastand. Du hast es nicht besser gewollt! so wendete sie sich, boshaft lächelnd, zu Philippinen, die ihr Gesicht auf Minettens Schulter gelegt hatte: ich habe dich gewarnt! Reden Sie, Herr von Rohr!

Rohr stammelte erröthend einige Worte, und schwieg bestürzt, als Jeder die Augen auf ihn heftete. Die Tante warf ihm einen wüthenden Blick zu; und nun sagte er: Herr Rittmeister, meine Lage war hier so ungewiß, Fräulein Philippine schien so wenig Neigung für mich zu haben, – (Hahaha! lachte die Tante spöttisch dazwischen) – daß ich es für das Beste hielt . . .

Für das Beste hielt? fiel die Tante ein. Man hat mich hier so oft und so schwer beleidigt, daß ich dem Herrn von Rohr mein Vermögen und die Hand des Fräuleins von Reichborn angetragen habe.

»Und, Rohr, Sie nahmen an?« fragte der Rittmeister mit bebender Stimme.

Ich war Ihrer Tochter so wenig gewiß, und meine Lage wurde so kritisch, daß ich . . . Sie werden verzeihen . . . daß ich . . .

». . . daß Sie die Hand des Fräuleins annahmen?« fragte der Rittmeister dringend.

Ich konnte nicht anders! stammelte Rohr.

Jetzt warf sich Philippine vor der Tante auf die Kniee, und rief: o, liebe Tante!

Nichts, nichts! schrie diese. Es ist zu spät! Ich habe dich lange genug gewarnt!

»Tante, Tante!« rief der Rittmeister; und im Uebermaß seiner Freude knieete er neben seiner Tochter vor ihr nieder.

Die Tante rief, im Genuß ihres Triumphes: nichts, nichts! Warum haben Sie Sich nicht warnen lassen!

O, welches Glück! rief Erhard; und auch er knieete auf der andern Seite neben Philippinen nieder.

Es ist richtig! sagte Minette. Er liebt sie! ja, er liebt sie! Und nun stürzte sie auf die Tante zu.

Philippine! rief Auguste mit Freudenthränen; o, mein gutes Kind, so wirst du dennoch glücklich!

»Er ist dein!« rief der Rittmeister; »du liebst ihn. O, Erhard, mein Sohn!« Erhard legte den Arm um die Geliebte, und Philippine rief mit Entzücken: Erhard! so bist du mein? Sonnensteins riefen: Gott segne Euch, Kinder! Nun sind alle unsre Wünsche erfüllt!

Rohr näherte sich, und sagte: das wußte ich wohl. Der Himmel beglückt Sie! Ich nehme meine Ansprüche zurück.

Das wußten Sie? rief die Tante. Das wußten Sie? Und Sie, Sie Geck, verschwiegen es mir? Reichborn, ich verbiete dir, jemals wieder ein Wort mit dem Menschen zu reden!

Rohr stand wie eine Bildsäule da. Endlich stammelte er: Sie haben mir versprochen, mein gnädiges Fräulein . . . – Aber sie hörte nicht, und warf nur Blicke des heftigsten Zornes auf die seligen Menschen, die einander umarmten, und süße Thränen der höchsten Freude weinten. Auch sie brach nun in Thränen aus, doch nicht in Freudenthränen. Ihr Gesicht flammte; sie ballte die Hände, schluchzte, stampfte den Boden, und fluchte wüthend auf die glücklichen Menschen. Herrmann nahm sie kräftig bei der Hand, und sagte: Ihr Kutscher wird ungeduldig. Das ist kein Anblick für Sie.

Sie hängte sich in seinen Arm, und rief mit erstickter Stimme: Fräulein Reichborn!

Das arme Mädchen warf sich vor dem Rittmeister nieder, und bat ihn, sie aus den Händen der Tante, und von den Bewerbungen Rohrs, den sie verachte, zu retten. Der Rittmeister faßte ihre Hand, und sagte: »kommen Sie, liebes Kind; Sie gehören in diesen Kreis der Liebe!«

Geh, du Schlange! rief die Tante; ich enterbe dich! Rohr eilte ihr nach, bot ihr den Arm, und erinnerte sie an ihre Versprechungen. Begleiten Sie mich! befahl sie ihm; und er setzte sich zu ihr in den Wagen. Herrmann kehrte zurück in Minettens Arme.

»Holt den Pfarrer!« rief der Rittmeister. »Drei Paare! und alle meine Kinder! Philippine, siehst du, daß ich den rechten Tag gewählt hatte? Holt den Pfarrer!« – Holt den Pfarrer! rief jetzt auch Sonnenstein. – »Ordnet euch!« fuhr der Rittmeister fort. »Marie und Schmidts! Philippine und Erhard! Herrmann und Minette! O, Gott sey Dank! Wer hätte glauben sollen, daß ein Teufel der Schutzgeist der Tugend, der Liebe und des Glückes werden würde!«

Ende.

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