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Das Haus an der Veronabrücke

Friedrich Halm: Das Haus an der Veronabrücke - Kapitel 12
Quellenangabe
typenovelette
booktitleMerkwürdige Geschichten
authorFriedrich Halm
noteEtwa 1935 erschienen
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft
addressBerlin
titleDas Haus an der Veronabrücke
pages340-448
created19990320
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die nächstfolgenden Tage brachte er teils mit Besuchen bei seinem freiwillig Gefangenen, dessen Leidenschaft er trotz der zwischen ihnen beiden eingetretenen Kälte durch Verheißungen aller Art zur Gluthitze zu steigern verstand, teils in Versuchen hin, sich Ambrosien zu nähern, was ihm auch vollständig glückte, da diese letztere, arglos und gewissenhaft wie sie war, sich für verpflichtet hielt, den Wünschen ihres Gemahls um so willfähriger entgegenzukommen, als ihr Herz unwillkürlich mehr und mehr sich ihm entfremdete. So gelang es Ruggiero, sie zu Spaziergängen auf den Markusplatz, zu einer Fahrt nach Murano zu bewegen, Erfolge, die, so teilnahmlos sich auch Ambrosia neben ihm herbewegte, ihn doch vollkommen befriedigten, weil sie ihn der völligen Nichtahnung seiner Entwürfe von ihrer Seite versicherten. Am Morgen des dritten Tages begab er sich vermummt, wie immer, in das Haus an der Veronabrücke und verkündete Heinrich Ilsung, daß dieser gegen Abend die so lange und heißersehnte Zusammenkunft mit der Geliebten zuversichtlich erwarten dürfe. Mit ruhig unbewegter Miene, obwohl die Zähne übereinandergebissen und im Marke der Seele erzitternd, ließ er die Ausbrüche des Entzückens des jungen Deutschen ungehindert ihren Lauf nehmen. Als aber der erste Sturm seiner Freude sich gelegt hatte, nahm er das Wort und sprach, erst zögernd und mit unsicherer Stimme, aber allmählich immer rascher und nachdrucksvoller: »Wenn Ihr das Mißtrauen, das Ihr vor kurzem mir zeigtet, jetzt beschämt als ein unbegründetes erkennen müßt, so laßt Euch dies zur Warnung dienen, den letzten wichtigsten Rat, den ich Euch jetzt gebe, nicht zu verachten, sondern ihn im entscheidenden Augenblick mit aller Entschlossenheit und aller Tatkraft, deren Ihr fähig seit, zu befolgen und ins Werk zu setzen! Ihr kennt die Weiber nicht; Ihr wißt nicht, wie ihr ganzes Wesen aus Laune und Unentschlossenheit besteht, wie sie ewig zwischen: Ja! und Nein! zwischen Wollen und Nichtwollen, zwischen Scham und Begierde hin und her schwanken! Erwartet also nicht die Geliebte, eines unglücklichen Ehebundes müde, vom Stachel der Leidenschaft getrieben, freiwillig und gewährend Euch entgegenkommend zu sehen; sie wird vielmehr unfreiwillig, durch Zufall oder Zwang Euch zugeführt erscheinen, sie wird Euch, Pflicht und Gewissen entgegensetzend, mit allem Ernst und aller Hoheit der Frauenwürde in die Schranken ferner, stummer, abgöttischer Verehrung zurückweisen wollen! Laßt Euch dadurch nicht irre machen! Seid überzeugt, sie möchte Euch küssen, wenn sie Euch ausschilt, Euch umschlingen, wenn sie Euch zurückstößt, Euch liebkosen, wenn sie Euch mißhandelt! Sie ist ein Weib, und Weiber wollen sich weder hingeben, noch am Wege gefunden und aufgenommen, noch selbst verdient, sie wollen bezwungen, erobert, unterjocht werden! Bezwingt, erobert, unterjocht sie also! Benutzt den Augenblick, der zum zweiten Male nicht wiederkehrt, und seid gewiß, daß der Lohn des scheuen, schüchternen, zaghaften Anbeters nur Geringschätzung und Verachtung, nie aber das Glück und die Seligkeit des Vollgenusses der Liebe sein wird!« – Ilsung, in jenem Augenblicke zu erwartungsvoll, zu glücklich, zu dankbar, um auch nur im mindesten irgendeine Ansicht seines unbekannten Gönners in Zweifel zu ziehen, versprach allen diesen Ratschlägen auf das pünktlichste Folge zu leisten; allein weder seine Dankbarkeit noch seine Willfährigkeit vermochten Ruggiero von dem Entschlusse abzubringen, den er halb aus Haß und Eifersucht, halb aus Sorge für die eigene Sicherheit gefaßt, und zu dessen Ausführung er bereits eine Zusammenkunft mit Beppo und dessen beiden Söhnen verabredet hatte. Zu diesen begab er sich nun unmittelbar nach dem Gespräche mit Heinrich Ilsung und hieß das würdige Kleeblatt von Mitternacht desselben Tages an im Rio menuo einige Klafter oberhalb der Veronabrücke eine Gondel bereithalten, in welcher sie einen jungen Mann, den er im Laufe der Nacht ihnen zuführen würde, nach Hause befördern sollten; dabei reichte er Beppo eine Zechine als Wartegeld, setzte aber mit bedeutungsvollem Lächeln hinzu, wenn der junge Mann etwa auf dieser Fahrt ertrinken sollte, so wolle er dem, der seinen Leichnam wieder auffände, gerne deren hundert geben, eine Bemerkung, die von Beppo mit nicht minder bedeutungsvollem Lächeln und der Bemerkung erwidert wurde: er könne für nichts stehen; die jungen Leute seien so unvorsichtig, und gar mancher, der sich unbedacht auf der Gondel geschaukelt, sei schon frisch und rot in den Kanal gestürzt und bleich und tot wieder zutage gekommen; übrigens würden Eccelenza prompt und nach Wunsch bedient werden.

Nach der Besorgung dieser Angelegenheit begab sich Ruggiero nach Hause, um dort ungeduldig, wie ein gefangener Löwe die Futterstunde, das Hereinbrechen des Abends abzuwarten. Als dieser endlich zu dunkeln begann, begab er sich zu Ambrosia und lud sie ein, an einer Spazierfahrt in den Lagunen teilzunehmen, wozu sich diese auch, weder erfreut noch widerwillig, ohne Bedenken herbeiließ. Die Dämmerung war schon völlig hereingebrochen, als sie gegen S. Lazzaro hinausruderten, Ruggiero mit seinen Plänen beschäftigt, stumm vor sich hinstarrend, Ambrosia teilnahmlos und nicht minder in Gedanken versunken an seiner Seite, als er plötzlich, da es schon Nacht geworden, eine sternlos gewitterschwüle Nacht, die Gondel zu wenden befahl und Ambrosien vorschlug, ein Haus, das er unlängst gekauft und neu eingerichtet habe, zu besehen, eine Einladung, die diese mit wenigen Worten zuvorkommend annahm, worauf beide wieder in ihr voriges dumpfes Schweigen zurücksanken.

Im Rio menuo angelangt, ließ Ruggiero die Gondel anlegen und führte Ambrosia, die weder die Gegend in acht nahm, noch auch nur von ferne des Hauses an der Veronabrücke gedachte, durch ein Seitengäßchen an das Tor dieses Hauses, öffnete es und wandte sich die Vorhalle entlang der Türe des Gemaches zu, in dem er Heinrich Ilsung verschlossen hielt. Ambrosia sah ihn arglos und gleichgültig die Riegel der Türe zurückschieben und das Schloß derselben öffnen, als er sie plötzlich beim Arm faßte und diese Worte zu ihr sprach: »Wißt, Ambrosia, daß ich Euch hierher gebracht habe, damit Ihr den Willen Eures Herrn und Gemahls, wie ich ihn letzthin Euch mitgeteilt, freiwillig oder gezwungen erfüllet. Nur dies vernehmet noch zu Eurer Beruhigung, daß dafür gesorgt ist, daß das Werkzeug meiner Rache das Geheimnis des Geschehenen im Grabe bewahre.« – Mit diesen Worten tat er rasch die Türe auf, schob die betroffene, den Sinn der eben vernommenen Worte kaum fassende Ambrosia in das Gemach, verschloß und verriegelte hinter ihr die Türe und verließ sodann, das Eingangstor nicht minder sorgsam verwahrend, das Haus an der Veronabrücke.

Ambrosia hatte kaum mit einem Schrei der Überraschung die Schwelle des von dem Schimmer einer Lampe nur schwach erleuchteten Gemaches überschritten, als Heinrich Ilsung, der nach stundenlangem Bangen und Harren dem Klappen der Riegel und dem Klange des sich öffnenden Türschlosses mit stürmischem Herzklopfen gehorcht hatte, der bleichen und zitternden Frau zu Füßen stürzte und ihr in den glühendsten Worten für die Gewährung seines heißesten Wunsches, für das Glück einer zeugenlosen Zusammenkunft mit ihr, der Sonne seiner Tage, dem Traumbilde seiner Nächte, seinen Dank darbrachte. »Ihr irrt Euch,« rief Ambrosia zurückweichend und die flehend nach ihr emporgestreckten Hände des Jünglings abwehrend, »Ihr irrt Euch, Messer Enrico; nicht meinem Wunsche, nicht meinem Willen, nur meiner unbegreiflichen Verblendung, nur fremder, unwiderstehlicher Gewalt verdankt Ihr ein Zusammentreffen, das ich Euch nach dem Geständnisse, durch das Ihr mich unser letztes Gespräch abzubrechen zwangt, nie freiwillig und am wenigsten allein und hinter Schloß und Riegel verstattet haben würde!« Diese Worte stimmten zu sehr mit der Art und Weise überein, in welcher Ruggieros Schlauheit dem jungen Manne die erste Begrüßung Ambrosias geschildert hatte, als daß er dadurch im mindesten erschüttert oder abgeschreckt worden wäre; er sprang vielmehr empor und faßte, den Ratschlägen seines unbekannten Führers getreulich nachkommend, die sträubende, jetzt vor Angst erbleichende, jetzt wieder vor Zorn errötende Ambrosia in seine Arme, und beschwor sie, ihren Gefühlen nicht länger Gewalt anzutun, ihm nicht das Glück vorzuenthalten, dessen nur die Liebe ihn teilhaftig machen könne und in seinen Armen des Joches einer ihr aufgedrungenen und verhaßten Verbindung mit einem ihrer Schönheit und Jugend unwürdigen Greise zu vergessen. Ambrosia aber, seiner Umarmung mit dem Aufgebot aller ihrer Kräfte sich entwindend: »Wer sagt Euch,« rief sie, »wer sagt Euch, daß mein Gemahl, ein wohlverdienter, kampfberühmter Kriegsheld, meiner unwürdig sei? Wenn nicht Liebe mich dem Greise verband, so war es Hochachtung und warme Teilnahme, die mich am Altar ihm Treue fürs Leben schwören ließ, und Euretwegen glaubt Ihr, würde ich diese Schwüre brechen? Welchen Grund gab ich Euch, so verwegene, so sinnlose Hoffnungen zu hegen? War mein Betragen so frech, gefallsüchtig, meine Rede so schamlos, mein Blick so herausfordernd? Habe ich nicht vielmehr bei dem ersten Geständnis Eurer verbrecherischen Leidenschaft Euch entrüstet den Rücken gekehrt, Euch gemieden oder mit der Kälte behandelt, die Eure Vermessenheit verdiente? Wer seid Ihr, daß Ihr eine züchtige Frau, die, weiß Gott, nicht ihr freier Wille mit Euch zusammenführte, in Eure Arme zu fassen, ihr Ohr mit den schamlosen Anträgen roher Sinnlichkeit zu entweihen wagt? Habt Ihr keine Mutter daheim, die Ihr als Muster aller weiblichen Tugenden verehrt, keine Schwester, deren jungfräuliche Reinheit Ihr unbefleckt, auch nur von dem Schatten eines Argwohns erhalten und bewahrt zu wissen wünscht, daß Ihr Euch erfrecht, nach mir, der ehrbaren Hausfrau eines ehrbaren Mannes, wie nach Eurem Eigentum die Hand auszustrecken, um mich in den Abgrund der Sünde, der Schmach, des Verderbens hinabzureißen?« – Diese Worte sprechend war es Ambrosia gelungen, sich in eine Ecke des Gemaches zu flüchten, in der sie glühend vor Aufregung, mit fliegender Brust und leuchtenden Augen, zürnend und erhaben wie Pallas Athene dastand, nur daß kein den Gegner versteinerndes Medusenschild ihr zu Gebote stand; denn auf Heinrich Ilsung, dessen ganzes Wesen sich durch die Bilder und Vorstellungen, die ihn während seiner einsamen Gefangenschaft ausschließend beschäftigt hatten, in höchster Spannung und Aufregung befand, und der, auf Ruggieros Andeutungen hin, Ambrosias Widerstand für Heuchelei und Lüge, im besten Falle für eine Art frömmelnder Selbsttäuschung hielt, machte ihr Anblick nicht nur keinen abschreckenden Eindruck, sondern er schien die Glut der Leidenschaft, die aus seinen blauen Augen funkelte, nur zu noch höherer Flamme anzufachen. – »Grausame,« rief er, »du willst nichts meiner Bitte, nichts dem Drange des eigenen Herzens gewähren; selbst die Gunst, die du mir durch diese so heiß ersehnte Zusammenkunft erwiesen, verweigerst du als solche anzuerkennen! Nach allen den Mühen, die ich für dich erduldet, nach allen den Nächten, die ich deinetwegen durchwacht, stoßest du mich nun von dir, wie einen Wahnsinnigen, der Dinge träumt, die nie gewesen! Du meinst wohl, wir Deutsche seinen treuherzige, leichtgläubige Träumer, eine Art bärtiger Kinder oder blondhaariger Greise, mit einem Worte zu befriedigen oder einzuschüchtern? Nun wohlan, so erfahre, daß es deren auch gibt, die Männer sind, die wollen, und die an ihr Wollen ihr Leben setzen! Erfahre, daß du zu weit vorwärts gegangen, um noch zurück zu können, und da du es nicht anders willst, so gewähre der Gewalt, was du der Liebe verweigerst!« – Mit diesen Worten auf sie zustürmend, faßte er neuerdings die Zitternde in seine Arme, die, bald ihm entschlüpfend, bald wieder ereilt, das Gemach mit vergeblichen Hilferufen erfüllte, bis ihre Knie wankten, Atem und Kraft ihr versagten, und sie, von seinen Armen umschlossen, mit letzter Anstrengung ihm zurief: »Ein Wort noch, Enrico! ein einziges Wort noch höre! Bei Gottes Barmherzigkeit, ein Wort noch!« – Einen Augenblick zögerte er, dann ließ er sie fahren und sie sank erschöpft in einen Stuhl und verbarg das Gesicht in den Händen; dann sich aber sammelnd und wie in schwerem, innerem Kampfe nach Atem ringend, erhob sie sich und sprach, ihre dunklen, sanften Augen fest auf den Jüngling geheftet: »Enrico, als Ihr vor wenig Wochen das erstemal vor mich hintratet, jung, schön, treuherzig und unbefangen, voll Begeisterung für alles Gute und Schöne, voll warmer und tiefer Empfindung und regen Pflichtgefühls, da war mir, als hätte Gott Euch mir gesendet, um die Leere meines Herzens mit Eurem Bilde auszufüllen, um durch den Gedanken an Euch wieder Lust und Liebe am Leben zu gewinnen und in der Erinnerung an Euch zugleich Ermutigung zur eifrigeren Erfüllung meiner Pflichten und Erleichterung ihrer mir täglich drückender werdenden Bürde zu finden. Da trübte keine Unruhe, keine Furcht, kein Vorwurf meine Seele, die Eures Anblicks in reinem Wohlwollen und stillem Glücke wie einer schönen Blume sich erfreute. Erst als Ihr Eure Leidenschaft mir zu gestehen wagtet, als Ihr mich mit Euren Huldigungen verfolgtet, als Ihr jenes frevelhafte Schreiben mir in die Hände spieltet, dann erst, als ich mich gewaltsam zum Bewußtsein meiner Pflichten aufraffen, meine Empfindungen beherrschen lernen, Eure Nähe vermeiden, meine Gefühle Euch verbergen mußte, dann wußte ich erst, daß ich Euch liebte! Und als ich es wußte, da warf ich mich auf die Knie und schwur meinem Heiland und mir selbst mit heiligen Eiden, nun und nimmer, um keinen Preis und unter keiner Bedingung das Geheimnis meiner Seele Euch zu verraten. Breche ich heute dennoch diesen Schwur, so wird Gott mir verzeihen; denn ich breche ihn, um Euch bei dieser meiner heiligen und reinen Liebe zu beschwören, nicht nur mich Unglückselige, statt mich in Schmach, Elend und Verderben zu stürzen, um dieser meiner Liebe willen für geweiht und heilig zu achten und meine Ehre zu hüten wie Eure eigene, sondern auch Euer edles Selbst aus den Netzen und Schlingen der Versuchung, aus dem trüben Wirbelschwall der Leidenschaft, aus dem blinden Wahnsinn rasender Begierde zurückzuerobern, und so, statt das Paradies unserer Träume uns in eine Hölle des Entsetzens und der Reue zu verwandeln, mir die Erinnerung an Euch, Euch die Erinnerung ab mich rein und unbefleckt als leuchtenden Stern am Horizont unseres Lebens zu erhalten und zu bewahren!« – Sie war bei diesen Worten auf die Knie vor ihm hingesunken und hob ihre dunklen, sanft leuchtenden Augen flehend zu ihm empor, indessen ihr schwarzes Haar, das sich während ihres Sträubens und Ringens gelöst hatte, wie ein Trauermantel um ihre weißen Schultern flatterte. Heinrich Ilsungs Antlitz aber, bei ihren ersten Worten von immer steigendem Entzücken wie mit Verklärung umstrahlt, hatte allmählich einen immer ernsteren Ausdruck angenommen, bis er es endlich, von der Hoheit ihrer Erscheinung wie von der einfachen Würde ihrer Rede überwältigt und von der ihm angelernten Wüstheit und Wildheit zu der angeborenen Milde und Reinheit seiner Gesinnung zurückgeführt, erblaßt bis in die Lippen, in den Händen verbarg und von übermächtiger Rührung hingerissen in so gewaltsames, seine breite, männliche Brust wie Meereswogen auf und nieder schaukelndes Schluchzen ausbrach, daß er kaum soviel Kraft und Besinnung behielt, Ambrosia vom Estrich aufzuheben und sie ehrerbietig zu einem Stuhle zu geleiten. Als er endlich so viel Fassung und Selbstbeherrschung sich errungen hatte, um seinen überströmenden Tränen Einhalt zu gebieten und Worte zu finden, wendete er sich zu der halb ohnmächtig auf den Stuhl hingesunkenen Geliebten und sprach: »Wäre die Tür dort nicht versperrt, das Fenster hier nicht verschlossen, so würde ich, dessen seid überzeugt, mich meinem wohlverdienten Schicksal zu fügen und Euch augenblicklich von meiner fluchwürdigen Nähe, von meinem hassenswerten Anblicke zu befreien wissen; denn wenn ich auch durch die Worte, die mir eben wie himmlische Musik von Euren Lippen ertönten, die reichste Gabe, die je einem Unverdienten zuteil ward, das schönste Glück, das je einem Sterblichen sich niedersenkte, empfangen und erfahren habe, so bin ich doch von dem Irrwahn der Leidenschaft nicht so verblendet, in den Taumel rasender Begierden nicht so versunken, um nicht einzusehen, daß nach der Fülle beleidigenden Frevels, dessen ich mich heute gegen Euch vermessen, jene reiche Gabe, jenes schöne Glück mir für immer verloren und verscherzt sind, und daß Eure Gefühle für mich sich in ihre Widerspiele verwandelt, Eure Neigung in Ingrimm, Eure Achtung in Abscheu, Eure Liebe in Haß verkehrt haben müssen. Ja, das Geständnis der Neigung, die Ihr für mich Unwürdigen empfandet, hat mich vielmehr, wie ein Sonnenstrahl den Abgrund meiner Seele erschließend, meine Verirrung als so töricht, meine Anmaßung als so sträflich, meinen Frevel als so unverzeihlich erkennen lassen, daß ich, meinen Unwert und Eure Seelenhoheit, meine Nichtigkeit und Eure Größe vollkommen empfindend, begreife, wie ich die Augenblicke, die mir der Zwang der Umstände noch in Eurer Nähe zu verweilen gestattet, nur noch dazu zu benützen habe: vor allem Euch den Frevel meiner ruchlosen Zumutungen abzubitten, dann aber zu meiner Entschuldigung, wenn von einer solchen überhaupt die Rede sein kann, anzuführen, daß meine Seele für sich allein nie so verbrecherische Anschläge gereift haben würde, wenn nicht ein falscher Freund mit vollen Händen ihre Keime in mir ausgestreut, mit verlockenden Ratschlägen sie gepflegt und mich zuletzt als Euer Bote und Willensträger zu dem verbrecherischen Unternehmen aufgestachelt hätte, als dessen einzige Frucht ich für den Rest meines Lebens namenlose Beschämung, unsterbliche Reue und unvergängliche Trauer mit mir hinwegtrage!« – Mit diesen Worten warf er sich schluchzend und stöhnend auf den Estrich vor Ambrosia nieder, die ihrerseits, kaum minder erschüttert als er selbst, sich erschrocken über ihn beugte und dem Zerknirschten mit Trostesworten freundlich zusprechend, ihn allmählich wieder zu beruhigen und aufzurichten wußte. Und nun fand er endlich wieder Worte und vor ihr auf den Knien liegend, aber nur ab und zu die tränenverdunkelten Augen zu ihr emporzuheben wagend, klagte er ihr, wie er gelitten, wie er ihre Zurechtweisung von vornherein als eine gerechte empfunden und wie nur die Ratschläge des schwarzen Dominos mit der Mulattenlarve ihn verleitet hätten, sie mit seinen Huldigungen zu verfolgen und sich endlich sogar hier verschließen zu lassen, um mit ihr, wie er fest geglaubt hätte, auf ihren Wunsch und auf ihre Anordnung zusammenzutreffen. Ambrosia, hochbeglückt, noch mehr aus der Art und Weise, als aus dem Inhalte seines Berichtes zu entnehmen, daß das Gemüt ihres Lieblings trotz aller Verirrungen, zu denen er sich hatte hinreißen lassen, nichts von der Unverdorbenheit und Reinheit verloren habe, die sie von Anfang an für ihn einnahmen, erinnerte sich bei der immer wiederkehrenden Erwähnung des schwarzen Dominos mit der Mulattenlarve, erst kürzlich eine solche gesehen zu haben; und als sie nun plötzlich wie ein Blitzstrahl der Gedanke durchzuckte, daß dies ja eben an dem unvergeßlichen Abend der Fall gewesen wäre, an dem Ruggiero ihr seine wahnsinnigen Rachepläne entdeckt hatte, so konnte sie den Zusammenhang der Umstände, den Ort, an dem sie sich befand, und die Art, wie sie dahin geraten, erwägend, nicht bezweifeln, daß ihr Gatte Ruggiero der schwarze Domino gewesen sei, der Enricos Vertrauen getäuscht und seine Schritte mißgeleitet hatte. Dabei erinnerte sie sich aber auch, wie Ruggiero, als er in dem wahnsinnigen Taumel seines Rachedurstes seine eigene Gattin den Armen des jungen Deutschen zu überliefern im Begriffe war, ihr zugeflüstert hatte, es sei dafür gesorgt, daß das Werkzeug seiner Rache das Geheimnis des Geschehenen im Grabe bewahre und plötzlich mit einem Schrei in die Höhe fahrend, riß sie den vor ihr Knienden empor, umklammerte ihn ängstlich mit den Armen und rief unter hervorbrechenden heißen Tränen: »Unglückseliger! Ihr seid verloren! Es wird Euch ermorden, Enrico, er wird Euch ermorden! Aber der Weg zu deinem Herzen geht nur durch das meine, und erst muß er mich töten, ehe er seine verruchte Hand an dein teures Leben legt!« Und dabei drückte sie ihn fest und fester an ihre hochwogende Brust und blickte ängstlich scheu um sich her, als drohte schon jetzt der Dolch des Mörders über seinem Haupte. Der junge Deutsche, ebenso betroffen bei dem Entsetzen, das in den Zügen der Geliebten sich malte, als entzückt über die Teilnahme, die sie trotz alles Vorgegangenen ihm und seinem Geschicke noch immer bezeigte, bestürmte sie mit Fragen über die Gründe des Schreckens und der Besorgnis, die sie so plötzlich erfaßt hätten, und sie konnte, die Heftigkeit ihrer Gemütsbewegung zu rechtfertigen, nicht umhin, ihn, unter tiefem Erröten manches nur andeutend, vieles gänzlich verschweigend darüber aufzuklären, wer der schwarze Domino mit der Mulattenlarve sei, welche Absichten seinem seltsamen Treiben zugrunde lägen, und wie er sich des Mitwissers seines Geheimnisses zu entledigen gedenke.

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