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Guy de Maupassant: Das Haus - Kapitel 6
Quellenangabe
typenovelette
authorGuy de Maupassant
titleDas Haus
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
seriesGesammelte Werke
volume4
printrun10. Tausend
year1921
firstpub1911
translatorGeorg Freiherr von Ompteda
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20051214
projectidfe7b1b20
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Daheim

Die Dampfbahn nach Neuilly war eben unter der Porte Maillot durchgefahren und glitt nun die große Avenue entlang, die auf die Seine mündet. Die kleine Maschine vor dem Wagen pfiff fortwährend, um die Bahn frei zu halten, ließ Dampf aus und stöhnte wie jemand, der außer Atem ist vom Laufen, dabei verursachten die Dampfkolben einen Lärm wie ein Paar eiserne Beine.

Auf der Straße brütete die dumpfe Hitze eines Sommernachmittags. Kein Lüftchen regte sich. Ein weißer kreidiger, undurchsichtiger, erstickender warmer Staub setzte sich auf die feuchte Haut, wehte einem in die Augen und drang in die Lunge. Ueberall traten die Leute aus ihren Häusern, um Luft zu schöpfen.

Die Fensterscheiben des Wagens waren niedergelassen und bei der schnellen Fahrt flatterten die Vorhänge in der Luft. Im Innern saßen nur wenige Menschen, denn an solch heißen Tagen nahm man lieber auf dem Verdeck oder vorn und hinten auf der Plattform Platz. Es waren ein paar dicke, lächerlich angezogene Damen, Bürgersfrauen aus der Vorstadt, die die fehlende Vornehmheit durch eine unangebrachte Würde ersetzten. Dann ein paar Herren, die müde aus dem Bureau kamen, mit gelblicher Gesichtsfarbe, krummem Rücken, eine Schulter etwas höher als die andere, eine Folge der langen Bureauarbeit, bei der sie sich immer auf den Tisch beugen mußten. Ihre traurigen, kummervollen Gesichter erzählten von häuslichen Sorgen, von fortwährender Geldnot, von längst begrabenen Hoffnungen, denn alle gehörten zu jener Menge heruntergekommener armer Teufel, die sparsam in einem kümmerlichen Fachwerkhause dahin leben, mit einem kleinen Beet statt eines Gartens mitten auf dem großen Ablagerungsplatz, der Paris umgiebt.

An der Thüre des Wagens saß ein kleiner, dicker Mann mit aufgedunsenem Gesicht und einem Hängebauch, ganz schwarz gekleidet, ein Ordensband im Knopfloch. Er sprach mit einem großen, mageren Herrn. Der andere hatte etwas Verwahrlostes, er trug einen schmutzigen, weißen Leinwandanzug sowie einen alten Strohhut. Der erste sprach langsam und stockend, als stotterte er. Es war Herr Caravan, Hauptregistrator im Marineministerium. Der andere war ein ehemaliger Arzt von einem Handelsschiff, der sich schließlich in Courbevoie niedergelassen, wo er die arme Bevölkerung der Gegend mit den ziemlich oberflächlichen, ärztlichen Kenntnissen beglückte, die er aus seinem Abenteurerdasein gerettet. Er hieß Chenet und ließ sich Doktor nennen. Er stand in keinem besonderen Rufe.

Herr Caravan hatte immer wie der normale Bureaumensch gelebt. Seit dreißig Jahren kam er regelmäßig auf sein Bureau, traf jeden Morgen auf demselben Wege, zur selben Stunde, am selben Fleck die selben Menschen, die ihren Geschäften nachgingen. Und jeden Abend kehrte er auf dem gleichen Wege zurück und begegnete den gleichen Gesichtern, die er um sich herum hatte alt werden sehen.

Täglich kaufte er an der Ecke des Faubourg Saint-Honoré sein Pfennig-Blättchen. Dann holte er sich zwei kleine Brötchen und darauf ging er in sein Ministerium wie ein Verbrecher, der sich in Gefangenschaft begiebt. Schnellen Schrittes eilte er in sein Bureau, stets eine gewisse Besorgnis im Herzen, denn immer fühlte er einen Verweis über sich schweben für irgend eine Nachlässigkeit, die er etwa begangen hätte.

Niemals hatte sich der ewig gleiche Lauf seines Daseins verändert. Außerhalb seiner Bureaugeschäfte, der Beförderungen und Gratifikationen interessierte ihn nichts. Er sprach auch, sei es im Ministerium, sei es daheim, (er hatte die vermögenslose Tochter eines Kollegen geheiratet) nie über etwas Anderes als den Dienst. Nie hatte sein durch die stumpfsinnige, tägliche Arbeit beengter Geist einen anderen Gedanken fassen können, andere Hoffnungen, andere Träume als solche, die mit seinem Ministerium zusammenhingen. Aber eine gewisse Bitterkeit verdarb ihm alle Freude am Dienste, nämlich der Einschub von Marine-Kommissaren, der »Klempner«, wie man sie wegen ihres silbernen Streifens nannte, Leuten, die Unterchefs und sogar Chef wurden. Und jeden Abend bei Tisch bewies er mit entschiedenen Worten seiner Frau, die vom gleichen Haß erfüllt war wie er, daß es in jeder Beziehung unangebracht sei, Leuten, die für die Flotte bestimmt sind, in Paris Stellen zu geben.

Jetzt war er alt geworden. Er hatte gar nicht gemerkt, daß sein Leben dahin gegangen. Denn nach dem Gymnasium war direkt ohne Zwischenzeit das Bureau gefolgt. Und die »Pauker«, vor denen er früher gezittert, waren heute durch »Chefs« ersetzt, vor denen er ebenso große Angst hatte. Er bebte jedesmal vom Fuß bis zum Kopf, wenn er die Schwelle dieser Allmächtigen überschreiten sollte. Die fortwährende Angst hatte ihm eine linkische Manier, sich zu benehmen, gegeben, ein demütiges Wesen und ein gewisses, nervöses Stammeln, wenn er sprach.

Er kannte Paris nicht mehr als ein Blinder, der von seinem Hunde täglich denselben Weg geführt wird. Und wenn er in seinem Käse-Blatt die Tagesereignisse und Skandale las, erschienen sie ihm wie phantastische Märchen, die nur zur Unterhaltung der kleinen Beamten erfunden worden. Er war ein Mann der Ordnung, reaktionär gesinnt, ohne einer bestimmten Partei anzugehören; Feind aller Neuerungen, überschlug er immer die politischen Ereignisse, die sein Blatt übrigens entstellt wiedergab, je nachdem es von diesem oder von jenem dafür bezahlt worden. Jeden Abend wenn er die Avenue des Champs-Elysées hinauf ging, betrachtete er die wogende Menge der Spaziergänger und die Flut der dahin rollenden Equipagen wie ein fremder Reisender, der unbekannte Länder durchzieht.

Da er in diesem Jahr die dreißig erforderlichen Dienstjahre zurückgelegt hatte, so war ihm am ersten Januar das Kreuz der Ehrenlegion verliehen worden, das in den militarisierten Verwaltungen die lange elende Knechtschaft (man nennt sie treue Dienste) dieser an ihre Schreibmappe genagelten traurigen Sträflinge belohnt. Die Auszeichnung gab ihm ein neues erhöhtes Bewußtsein von seinen Fähigkeiten und seitdem hatte er vollkommen seine Gewohnheiten geändert. Er zog keine helle Hose und keine bunten Westen mehr an, sondern nur noch schwarze Beinkleider und einen langen schwarzen Gehrock, auf dem sich sein rotes Band, das er sehr breit trug, besser machte. Jetzt war er jeden Morgen rasiert, reinigte sich mit mehr Sorgfalt die Nägel, zog alle zwei Tage ein anderes Hemd an, alles in dem berechtigten Gefühl, daß er es dem Nationalorden, dessen er nun teilhaftig war, schuldig sei. So war er in einem Tage ein ganz anderer, reinlicherer, ästhetischerer und nachgiebigerer Caravan geworden.

Er sprach zu Hause von seinem Orden bei jeder Gelegenheit und ein solcher Ehrgeiz hatte ihn überkommen, daß ihn der Anblick irgend eines andern Bandes im Knopfloch geradezu beleidigte. Er war immer empört, wenn er ausländische sah. Man dürfte in Frankreich, meinte er, gar nicht erlauben, sie zu tragen, und er verdachte es ganz besonders dem Doktor Chenet, dem er jeden Abend auf der Dampfbahn begegnete, wenn er mit irgend einem weißen, blauen, orangefarbenen oder grünen Bande erschien.

Die Unterhaltung der beiden Männer auf der Strecke Arc de Triomphe – Neuilly war stets die gleiche. Auch an diesem Tage sprachen sie wie gewöhnlich zuerst von den lokalen Mißbräuchen, die einen oder den anderen ärgerten und dann, wie immer, wenn man mit einem Arzt zusammen kommt, fing Caravan an von verschiedenen Krankheiten zu reden, in der Hoffnung, dabei umsonst irgend einen Ratschlag aufschnappen zu können, sogar, wenn er es geschickt zu drehen wußte eine regelrechte Konsultation, ohne daß der andere irgend etwas davon merkte. Übrigens war er seit einiger Zeit wegen des Zustandes seiner Mutter in Besorgnis. Sie fiel öfters in langanhaltende Ohnmachten, und obgleich die alte Dame neunzig Jahre zählte, war sie nicht dazu zu bringen, sich etwas zu pflegen.

Der Gedanke an ihr hohes Alter versetzte Caravan immer in eine weiche Stimmung, und er sagte dann regelmäßig zum »Doktor« Chenet:

– Das kommt doch nicht häufig vor! – Dabei rieb er sich vergnügt die Hände, weniger, weil ihm daran lag, die gute Frau aus dieser Erde ein ewiges Leben führen zu sehen, als weil die lange Lebensdauer seiner Mutter ihm wie eine Art Verheißung für sein eigenes Dasein erschien.

Er fuhr fort:

– O, in meiner Familie wird man alt. Ich glaube ganz bestimmt, daß wenn mich nicht gerade irgend ein Unfall trifft, ich auch sehr alt werde!

Der Doktor warf einen mitleidigen Blick auf ihn, betrachtete einen Augenblick das rote Gesicht seines Nachbarn, seinen fetten Hals, den Wulst der zwischen den beiden schlaffen dicken Beinen hing, seine ganze offenbar für Schlaganfälle disponierte, alten struppierten Beamten eigene Wohlbeleibtheit. Und indem er plötzlich seinen grauen Strohhut lüftete, sagte er lächelnd:

– Na, seien Sie man nicht zu sicher. Ihre Mutter ist ein Gerippe und Sie bloß 'n Fettwanst!

Caravan schwieg etwas verwirrt.

Aber die Straßenbahn hielt gerade an der Station. Die beiden Männer stiegen aus und Herr Chenet bot ihm gegenüber im Café du Globe, wo sie Stammgäste waren, ein Glas Wermut an. Der Wirt war mit ihnen bekannt, und streckte ihnen über den Büffettisch hinüber zwei Finger entgegen. Dann nahmen sie Platz neben drei Dominospieler, die schon seit Mittag dort festsaßen. Sie wechselten ein paar freundschaftliche Worte mit der unvermeidlichen Frage:

– Was giebt's Neues?

Dann machten sich die Spieler wieder an ihre Partie. Und nach einer Weile brachen Caravan und der Doktor wieder auf und wünschten denen am Nebentisch »Guten Abend!« Sie reichten sich, ohne aufzublicken, die Hand, und beide gingen essen.

Caravan bewohnte in Courbevoie ein kleines zweistöckiges Haus, dessen Erdgeschoß ein Friseur inne hatte.

Die ganze Wohnung bestand aus zwei Schlafzimmern, dem Eßzimmer und einer Küche. Ein paar schon oft zusammen geleimte Möbel wurden je nach Bedarf hierhin und dorthin geschoben. Frau Caravan wischte sie fortwährend ab, während ihre zwölfjährige Tochter Marie Louise und ihr Sohn Philipp August, der neun Jahre alt war, sich mit allen Straßenjungen der Gegend auf der Gasse herumtrieben.

Caravan hatte im Stockwerke über sich seine Mutter untergebracht, deren Geiz in der ganzen Gegend bekannt war und von deren Magerkeit behauptet wurde, der liebe Gott habe ihre eigenen Grundsätze der Sparsamkeit an ihr selbst angewendet. Sie war fortwährend schlechter Laune und kein Tag verstrich, ohne daß es fürchterlichen Streit und entsetzliche Wutausbrüche gegeben hätte. Von ihrem Fenster aus schimpfte sie die Nachbarn, die in ihren Hausthüren standen, die Gemüseweiber, die Straßenkehrer und Straßenjungen, die ihr dafür, wenn sie ausging, nachliefen und sie mit Schimpfworten bedachten.

Ein kleines normannisches Dienstmädchen, das unglaublich dösig war, besorgte das Hauswesen und schlief im zweiten Stock bei der Alten, für den Fall, daß ihr etwas zustoßen sollte.

Als Caravan nach Hause kam, rieb gerade seine Frau, von chronischer Reinigungswut besessen, mit einem Stück Flanell die Mahagoni-Möbel ab, die in dem öden Zimmer herumstanden. Sie trug stets gestrickte Zwirnhandschuhe und auf dem Kopf eine Haube mit Bändern in allen Farben, die ihr immerfort auf einem Ohr saß. Jedesmal, wenn man Frau Caravan dabei traf, daß sie wichste, bürstete, polierte oder wusch, sagte sie:

– Ich bin nicht reich, bei mir ist alles einfach, aber die Reinlichkeit ist mein Luxus und der ist ebensoviel wert wie jeder andere.

Sie war ganz versessen auf das Praktische. Und ihr Mann stand furchtbar unter dem Pantoffel. Jeden Abend sprach sie bei Tisch und dann noch im Bett lange Zeit von den Bureauangelegenheiten, und obgleich sie zwanzig Jahre jünger war als er, vertraute er ihr alles an wie einem Beichtvater und folgte in allem ihren Ratschlägen.

Hübsch war sie nie gewesen, jetzt war sie sehr mager und klein. Ihre kargen Reize, die ein netter Anzug hätte zur Geltung bringen können, hatte ihre ungeschickte Art sich anzuziehen stets verborgen. Ihre Kleider saßen immer schief auf einer Seite. Dabei kratzte sie sich oft, ganz gleich wo, vor allen Menschen, in einer Art und Weise, die zur Gewohnheit geworden war. Der einzige Schmuck, den sie sich erlaubte, war ein Überfluß von Seidenbändern auf den Hauben, die sie zu Hause trug.

Sobald sie ihren Mann sah, stand sie auf, küßte lhn auf beide Wangen und fragte:

– Lieber Freund, hast Du an Potin gedacht?

Das war nämlich eine Besorgung, die er hatte machen sollen. Aber er sank erschrocken in einen Stuhl. Zum vierten Male hatte er es vergessen:

– 's ist wirklich ein Verhängnis, ein Verhängnis geradezu! Den ganzen Tag denke ich dran und abends, wenn ich nach Hause komme, habe ich's vergessen.

Aber da er verzweifelt zu sein schien, so tröstete sie ihn:

– O, Du wirst schon morgen daran denken. Ist im Ministerium was Neues passiert?

– Ja, eine große Neuigkeit. Es ist wieder mal 'n »Klempner« Unterchef geworden.

Sie nahm eine sehr ernste Miene an:

– In welcher Abteilung?

– In der Abteilung für ausländische Einkäufe.

Sie ward wütend:

– Da ist der also an Ramons Stelle gekommen, die ich gerade für Dich haben wollte. Und Ramon hat den Abschied?

Er stotterte:

– Den Abschied.

Da ward sie wütend und die Haube sank ihr ganz auf die Schulter hinab:

– Nu ist er's! Siehst Du, in der verdammten Bude ist nu nichts mehr zu machen. Und wie heißt denn der Kommissär?

– Bonassot.

Sie nahm die Marinerangliste, die sie immer bei der Hand hatte, und suchte:

– Bonassot – Toulon – geboren 1851 – Kommissäraspirant 1871, Unterkommissär 1875. – Ist der Kerl auf See gewesen?

Bei dieser Frage entwölkte sich Caravans Stirn, er ward heiter und schüttelte sich vor Lachen:

– Genau wie Balin sein Chef.

Und er fügte mit noch stärkerem Lachen einen alten Scherz hinzu, den das ganze Ministerium köstlich fand:

– Den dürfte man nicht auf der Seine herumgondeln lassen, wenn er nicht die Seekrankheit kriegen soll.

Aber sie blieb ernst, als hätte sie gar nichts gehört und brummte, indem sie sich das Kinn kratzte:

– Wenn man nur einen Abgeordneten an der Strippe hätte. Wenn die Kammer wüßte, was da vorgeht, würde der Minister sofort rausfliegen.

Sie ward unterbrochen durch ein furchtbares Geschrei auf der Treppe. Marie Louise und Philipp August, die von ihrem Spiel in der Gosse wiederkamen, hauten sich auf jeder Stufe ein paar herunter und stießen sich mit den Füßen. Die Mutter lief ihnen wütend entgegen, Packte jeden bei einem Arm, schüttelte sie und schubste sie beide in die Stube hinein.

Sobald sie ihren Vater sahen, stürzten sie auf ihn zu und küßten ihn lange Zeit zärtlich, dann setzte er sich, nahm sie auf die Kniee und fing an mit ihnen zu schwatzen.

Philipp August war ein widerwärtiger Bengel mit struppigem Haar, schmutzig von oben bis unten und mit einem Zwergengesicht. Marie Louise sah ihrer Mutter schon ähnlich, sprach wie sie, ahmte ihre Redensarten und Bewegungen nach. Sie fragte auch sofort:

– Giebt's was Neues im Ministerium?

Und er antwortete heiter:

– Dein Freund Ramon, der jeden Monat mal bei uns ißt, geht fort, Kleine. Ein neuer Unterchef kommt an seine Stelle.

Sie blickte ihren Vater an und sagte mit dem mitleidigen Ton eines frühreifen Kindes:

– Dann bist Du also schon wieder mal übergangen worden?

Er lachte nicht mehr und antwortete nicht. Dann wollte er auf etwas Anderes kommen und fragte seine Frau, die jetzt die Fensterscheiben putzte:

– Geht's der Mutter oben gut?

Frau Caravan hörte auf zu reiben, drehte sich um, rückte ihre Haube, die jetzt ganz im Nacken saß, wieder zurecht und antwortete mit erregt bebender Stimme:

– Na, von Deiner Mutter wollen wir mal lieber gar nicht reden. Die hat mich schön blamiert. Denk Dir mal, da kommt vorhin Frau Lebaudin, die Frau des Friseurs, zu mir herauf, um mir ein Packet Stärkemehl zu borgen, und da ich ausgegangen war, geht sie zu Deiner Mutter. Die schmeißt sie raus und behandelt sie als wär' sie die reine Bagage. Ich hab der Alten aber den Kopp zurecht gesetzt! Sie hat zwar so gethan, als hörte sie nichts, wie sie's immer macht, wenn man ihr die Wahrheit geigt. Aber die hört nicht schlechter als ich, weißt Du, die thut immer bloß so. Und ich hab auch gleich den Beweis gehabt; sie hat kein Wort gesagt und ist sofort auf ihr Zimmer gegangen.

Caravan schwieg verlegen, als das Dienstmädchen eintrat, um zu melden, daß angerichtet sei. Da nahm er einen Besenstiel, der immer in einer Ecke versteckt lehnte und stieß damit, um seine Mutter zu rufen, dreimal gegen die Decke. Dann ging man ins Eßzimmer hinüber, und die junge Frau Caravan teilte die Suppe aus, die Alte erwartend. Sie kam nicht und die Suppe wurde kalt. Sie fingen also langsam an zu essen. Als dann die Teller leer waren, wartete man noch eine Weile. Frau Caravan sagte wütend zu ihrem Mann:

– Weißt Du, das, thut sie aus reiner Bosheit, aber Du bist immer auf ihrer Seite!

Er, der zwischen den beiden hin und her gestoßen ward, schickte Marie Louise hinauf, um die Großmutter zu holen und blieb unbeweglich, mit gesenkten Blicken sitzen, wählend seine Frau unausgesetzt wütend mit dem Messer an den Fuß ihres Glases schlug.

Plötzlich ging die Thür auf und das Kind erschien außer Atem, bleich und rief schnell:

– Großmama ist hingeflogen!

Caravan sprang mit einem Satz auf, warf seine Serviette auf den Tisch, stürmte zur Treppe und man hörte seinen schweren, eiligen Tritt, während Frau Caravan, die nur an eine neue Bosheit der Schwiegermutter glaubte, die Achsel zuckend, langsamer folgte. Die Alte lag auf dem Gesicht der Länge nach mitten im Zimmer. Als sie ihr Sohn herumgedreht hatte, blieb sie unbeweglich mit ihrer gelben runzligen Haut, ihren geschlossenen Augen, zusammengepreßten Zähnen, ihrem mageren steifen Leib liegen.

Caravan kniete neben ihr nieder und stöhnte:

– Meine arme Mutter! Meine arme Mutter!

Aber die andere Frau Caravan blickte sie nur einen Augenblick an und erklärte:

– Ach was, die ist bloß ohnmächtig. Das hat sie nur gemacht, damit wir nicht zum Essen kommen sollen.

Man trug den Körper auf das Bett und zog ihn vollkommen aus. Und alle, Caravan, seine Frau und das Mädchen, fingen an, sie zu reiben. Aber trotz ihrer Bemühungen kam sie nicht wieder zur Besinnung. Da schickte man Rosalie zum Doktor Chenet. Er wohnte am nach Suresnes gelegenen Quai. Es war ziemlich weit und sie mußten lange warten. Endlich kam er an, betrachtete, befühlte, behorchte die alte Frau und sagte:

– 's ist aus.

Caravan warf sich über den Körper, weinte bitterlich, küßte das starre Antlitz seiner Mutter, und seine Thränen rannen wie Bäche auf das Gesicht der Toten nieder.

Die junge Frau Caravan hatte einen ganz angemessenen Anfall von Kummer, stieß ein leises Stöhnen aus und rieb sich beharrlich die Augen.

Caravan sah mit seinem spärlichen unordentlichen Haar und dem aufgedunsenen Gesicht in seinem wahren Schmerz sehr häßlich aus. Er richtete sich plötzlich auf:

– Aber Doktor, sind Sie Ihrer Sache auch ganz sicher?

Der Doktor trat schnell hinzu und befühlte den Leichnam mit professionsmäßiger Gewandtheit wie ein Kaufmann, der seine Ware ins rechte Licht setzen will:

– Lieber Freund, sehen Sie mal bloß die Augen an!

Er klappte das Augenlid auf und unter seinem Finger erschien das Auge der alten Frau, durchaus nicht verändert, nur die Pupille war vielleicht etwas größer. Caravan traf es ins Herz und fürchterliches Entsetzen überfiel ihn. Herr Chenet nahm den zusammengekrampften Arm, zwängte die Finger auseinander und sagte, als hätte jemand das Gegenteil behauptet, mit wütendem Ausdruck:

– Aber, da sehen Sie doch diese Hand an, ich irre mich nie, Sie können ganz beruhigt sein.

Caravan wälzte sich auf dem Bett und brüllte fast, während seine Frau noch immer ein bißchen weinend die notwendigsten Dinge vornahm. Sie rückte den Nachttisch heran, über den sie eine Serviette breitete, stellte vier Lichter darauf und steckte sie an. Dann nahm sie einen Buchsbaumzweig, der hinter dem Spiegel im Kamin gesteckt, legte ihn zwischen den Lichtern auf einen Teller, den sie in Ermangelung von Weihwasser mit frischem Wasser gefüllt. Nach kurzer Überlegung warf sie einfach eine Fingerspitze voll Salz ins Wasser, wahrscheinlich in der Meinung, seine Art von Weihung damit vorzunehmen.

Als sie diese ersten Vorsorgen beim Tode eines Menschen getroffen, blieb sie unbeweglich stehen. Da sagte der Doktor, der ihr geholfen, leise:

– Sie müssen Caravan wegbringen.

Sie nickte zum Zeichen des Einverständnisses und näherte sich ihrem Mann, der noch immer kniete, zog ihn an einem Arm in die Höhe, während Herr Chenel den andern nahm.

Zuerst setzte man ihn in einen Stuhl; seine Frau küßte ihn auf die Stirn und tröstete ihn. Der Doktor unterstützte sie dabei, redete ihm Haltung, Mut, Ergebenheit ein, alles, was man bei solchen Schicksalsschlägen gebrauchen kann. Dann faßten ihn beide unter den Arm und führten ihn davon.

Er heulte wie ein Kind, schluchzte laut, seine Arme hingen herab, die Kniee drohten ihm zusammen zu brechen. So kam er die Treppe hinunter, ohne daß er wußte wie ihm geschah, indem er die Füße mechanisch einen vor den anderen setzte.

Man ließ ihn in den Stuhl nieder, den er gewöhnlich bei Tisch einnahm, vor seinem halb geleerten Teller, in dem noch der Löffel in einem Suppenrest lag. Dort blieb er bewegungslos sitzen, starrte auf sein Glas, so niedergedonnert, daß er keinen Gedanken fassen konnte.

Frau Caravan schwatzte in einer Ecke mit dem Doktor, besprach die nötigen Formalitäten, und bat um eine Anzahl praktischer Ratschläge. Endlich nahm Herr Chenet, der irgend etwas zu erwarten schien, seinen Hut und erklärte, während er sich empfehlen wollte, er hätte noch nicht gegessen. Sie rief:

– Was, Sie haben noch nicht gegessen? Aber Doktor, dann bleiben Sie doch hier! Sie können ja mitessen, was wir zu essen haben, aber mehr nicht, denn wissen Sie, wir führen keinen sehr großartigen Haushalt.

Er dankte und entschuldigte sich. Aber sie ließ nicht locker:

– Ach was, so bleiben Sie doch, in solchen Augenblicken freut man sich, einen Freund bei sich zu haben, und dann wird das vielleicht meinen Mann dazu bewegen, daß er sich auch ein wenig stärkt! Er hat's wirklich nötig.

Der Doktor verbeugte sich und legte seinen Hut auf einen Stuhl:

– Gnädige Frau, in diesem Falle will ich gern annehmen.

Sie gab der verstörten Rosalie einige Befehle, dann setzte sie sich selbst zu Tisch, »um so zu thun. als äße sie, und um dem Doktor Gesellschaft zu leisten,« wie sie sagte.

Die kalte Suppe wurde wieder vorgenommen. Herr Chenet bat um einen zweiten Teller. Dann erschien eine Schüssel Lyonnaiser Fettdarm, der einen starken Zwiebelgeruch verbreitete. Frau Caravan entschloß sich, ein bißchen zu kosten. Der Doktor sagte:

– Er ist ausgezeichnet.

Sie meinte lächelnd:

– Nicht wahr?

Dann wandte sie sich zu ihrem Mann:

– Mein armer Alfred, da versuch doch ein ganz kleines bißchen davon, nur damit du irgend etwas im Magen hast. Denk doch daran, daß Dir noch die Nachtwache bevorsteht!

Folgsam hielt er ihr seinen Teller hin, ebenso gut wie er sich, wenn sie es befohlen, ins Bett gelegt hätte, denn er gehorchte ohne Widerrede und Nachdenken. Er aß.

Der Doktor nahm sich selbst dreimal aus der Schüssel, während Frau Caravan ab und zu mit ihrer Gabel ein dickes Stück Brot aufspießte und es mit einer Art absichtlicher Aufmerksamkeit in den Mund schob.

Als eine Salatschüssel voll Maccaroni erschien, brummte der Doktor:

– Donnerwetter, das ist aber fein!

Und diesmal legte Frau Caravan allen etwas vor, sie that sogar etwas in die Untertassen, aus denen die Kinder zu essen bekamen, die heute machen durften, was sie wollten, den Wein ungemischt tranken und schon anfingen, sich unter dem Tisch Fußtritte zu versetzen.

Herr Chenet erinnerte daran, wie gern Rossini dieses italienische Gericht gegessen und sagte plötzlich:

– Nee, so was, das reimt sich ja, so könnte ein Gedicht ganz gut anfangen:

Meister Rossini
Liebte Maccaroni.«

Man hörte ihm gar nicht zu, und Frau Caravan, die plötzlich nachdenklich geworden war, überlegte sich alle Folgen, die das Ereignis haben würde, während ihr Mann Brotkügelchen machte, auf das Tischtuch legte und mit irrem Ausdruck betrachtete. Da er plötzlich brennenden Durst verspürte, leerte er fortwährend sein Weinglas, und weil sein Verstand bereits unter dem Kummer gelitten hatte, so war es ihm, als drehte sich alles um ihn herum.

Der Doktor aber soff wie ein Loch und seine Betrunkenheit stieg merklich. Sogar Frau Caravan, bei der der Rückschlag eintrat, der sich immer nach allen Nervenerschütterungen einzustellen pflegt, wurde ganz aufgekratzt. Obgleich sie nur Wasser trank, ward auch ihr der Kopf schwer.

Herr Chenet hatte allerhand Geschichten vom Sterben erzählt, die ihm komisch erschienen. Denn in diesen Vororten von Paris, in denen eine Art Provinzbevölkerung wohnt, findet man jene Gleichgültigkeit des Bauern gegen den Toten wieder, sei er nun Vater oder Mutter, jene Respektlosigkeit, jene unbewußte Rohheit, die auf dem Lande allgemein ist, in Paris aber doch selten. Er sagte:

– Denken Sie mal, da ruft man mich letzte Woche in die Rue de Puteaux: Ich komme, finde den Kranken tot, und neben seinem Bett sitzt die ganze Familie und trinkt ganz gemütlich eine Flasche Sekt aus, die sie am Tage vorher, gekauft hatten, um den letzten Wunsch des Sterbenden zu erfüllen.

Aber Frau Caravan hörte nicht zu, sie dachte immerfort an die Erbschaft und Caravan, dem der Verstand ganz entflogen war, begriff kein Wort.

Der Kaffee wurde aufgetragen, der zur Stärkung außerordentlich kräftig gemacht worden. Jede Tasse, in die sie immer ein Glas Cognac gossen, trieb den Leuten noch mehr Röte in die Wangen, und ihre Gedanken, die schon vorher nicht mehr beieinander gewesen, verwirrten sich ganz.

Dann nahm der Doktor plötzlich die Schnapsflasche und goß allen noch ein letztes Glas zur Beförderung der Verdauung ein. Niemand sprach ein Wort. Alle überkam jenes tierische Wohlgefühl, das der Alkohol nach Tisch hervorbringt. Langsam kosteten sie den süßen Cognac, der zäh wie gelber Syrup auf dem Boden der Tassen floß.

Die Kinder waren eingeschlafen und Rosalie brachte sie zu Bett. Da gehorchte Caravan mechanisch dem Bedürfnisse, sich zu betäuben, das alle Unglücklichen empfinden und goß sich mehrmals Schnaps ein. Sein stumpfsinnig gewordenes Auge fing wieder an zu leuchten.

Endlich stand der Doktor auf, um fort zu gehen und nahm den Arm seines Freundes mit den Worten:

– Wissen Sie was, kommen Sie mal mit. Ein bißchen Luft wird Ihnen gut thun. Wenn einem so was passiert ist, muß man sich Bewegung machen.

Der andere gehorchte sofort, und nahm Hut und Stock. Beide hakten sich unter und gingen so der Seine zu, beim hellen Lichte der Sterne. Durch die warme Nacht zogen Blumengerüche, denn zu dieser Zeit des Jahres standen die Gärten der ganzen Gegend im Blumenflor. Ihr Duft, den man tagsüber kaum spürte, schien beim Nahen der Nacht zu erwachen und ward vom leisen Nachtwind, der durch das Dunkel strich, nach allen Seiten getragen.

Die breite Straße lag verlassen und stumm da mit ihren zwei Laternenreihen, die sich bis zum Arc de Triomphe zogen. Aber von drüben, von Paris her, tönte das Leben der Riesenstadt wie fortwährendes Rollen, dem ab und zu in der Ebene draußen der Pfiff eines Zuges antwortete, der mit vollem Dampf dem Meere zueilte.

Die frische Luft machte den Doktor noch betrunkener, und Caravan, der seit dem Essen etwas wie Schwindel empfand, ward übel. Er ging wie im Traum dahin, ohne eigentlichen Schmerz, denn er fühlte sich wie betäubt und die warmen Dünste der Nacht bereiteten ihm jetzt sogar eine Art von Behagen.

An der Brücke wandten sie sich nach rechts. Vom Strome her wehte ihnen eine frische Brise entgegen. Feiner, weißer Nebel lag auf dem jenseitigen Ufer, und führte ihren Lungen feuchte Luft zu. Plötzlich blieb Caravan stehen: dieser Flußdunst weckte in seiner Seele alte Erinnerungen.

Er träumte von seiner Kindheit, wie seine Mutter drüben, fern in der Picardie vor ihrer Thüre gekniet und im schmalen Wasserlauf, der durch den Garten floß, die Wäsche gewaschen, die in einem großen Haufen neben ihr lag. Er hörte, wie sie die Wäsche schlug und in der großen Stille der Landschaft klang ihre Stimme:

– Alfred, hol' mir doch mal Seife!

Und er fühlte denselben Wassergeruch, denselben Dunst, der unvergeßlich in seinem Gedächtnis geblieben war und der ihn gerade heute abend wieder traf, wo seine Mutter gestorben.

Und während er so stand, überfiel ihn von neuem eine fürchterliche Verzweiflung, als ob ein jähes Licht ihm mit einem Strahl die ganze Tragweite seines Unglückes enthüllt. Dieser plötzliche Hauch vom Wasser, der ihn angeweht, warf ihn in den dunklen Abgrund unheilbaren Kummers zurück. Er fühlte sein Herz zerrissen durch diese Trennung auf ewig; sein Leben war ihm wie mitten entzwei geschnitten, ihm schien seine Jugend durch diesen Tod unwiderruflich dahin, die Vergangenheit für immer versunken, jede Erinnerung an die Kindheit verlöscht. Niemand würde mehr mit ihm sprechen können von Dingen, die einst gewesen, von Leuten, die er früher gekannt, von seiner Heimat, von ihm selbst, von den kleinen Dingen seines früheren Lebens. Ein Teil seiner selbst hatte aufgehört zu sein, der andere würde jetzt auch sterben.

Und allerlei Erinnerungen kamen ihm von neuem. Er sah die Mutter wieder, jünger, in den Kleidern, die sie immer getragen, und die sie so lange angehabt, daß sie ihm geradezu mit ihr verwachsen schienen.

Er erinnerte sich ihrer bei tausend Gelegenheiten, an die er bis heute nicht wieder gedacht. Er sah ihr Gesicht vor sich, ihre Bewegungen, ihre Art, zu sprechen, ihre Gewohnheiten, ihre Ideen, ihren Zorn, die Fältchen ihres Antlitzes, die Bewegungen ihrer mageren Finger, alles was zu ihr gehörte und was nun verschwunden war.

Da klammerte er sich an den Doktor und stöhnte laut. Die Beine versagten ihm den Dienst, sein mächtiger Leib zuckte zusammen unter heftigem Schluchzen, und er stammelte:

– Meine Mutter! Meine arme Mutter! Meine arme Mutter!

Aber sein betrunkener Gefährte, der davon träumte, den Abend dort zu beenden, wohin er manchmal heimlich ging, ward ungeduldig durch diese fürchterlichen Schmerzanfälle, ließ ihn sich im Grase am Fluß niedersetzen und verabschiedete sich gleich darauf unter dem Vorwande, einen Kranken aufsuchen zu müssen.

Caravan weinte lange Zeit. Als er keine Thränen mehr hatte, als sein ganzes Leid ihm entströmt war, empfand er wieder eine süße Erleichterung; Erholung und plötzliche Ruhe kam über ihn.

Der Mond war aufgegangen und übergoß alles mit seinem stillen Licht. Die großen Pappeln ragten silberbespiegelt in die Luft, und der Nebel, der auf der Ebene lag, sah aus wie leise nieder sinkender Schnee. Der Fluß, in dem sich keine Sterne mehr spiegelten, floß ruhig, wie Perlmutter schimmernd dahin; ein leiser Windhauch kräuselte seine Wellen. Die Luft war milde, der Wind trug Wohlgerüche herüber; besänftigend, wonnig war die Ruhe der Nacht. Und Caravan sog die Stille in seine Seele ein. Er atmete lange und tief und es war ihm, als ob ihn eine große Frische, Ruhe, ein göttlicher Trost durchdränge.

Das Gefühl blieb. Und er wiederholte ab und zu:

– Meine Mutter! Meine arme Mutter!

Er wollte weinen aus Pflichtgefühl. Aber er konnte es nicht mehr. Er war nicht mehr imstande, traurig zu sein. Die Gedanken, die ihm vorhin Thränen entlockt, rührten ihn nicht mehr.

Da stand er auf, um heimzukehren und ging langsam nach Hause durch die stille, schweigende Landschaft, Ruhe und Frieden im Herzen.

Als er an die Brücke kam, sah er die Laterne des letzten Straßenbahnwagens, der zur Abfahrt bereit stand, und dahinter die erleuchteten Fenster des »Café zur Weltkugel«.

Da überfiel ihn das Bedürfnis, jemandem sein Leid zu klagen, Mitleid zu erregen und sich interessant zu machen. Er nahm eine traurige Miene an, öffnete die Thür des Cafés und ging zum Schanktisch, hinter dem noch immer der Wirt stand. Er hoffte, Eindruck zu machen. Er meinte, alle würden aufstehen, auf ihn zukommen, ihm die Hand entgegenstrecken und fragen:

– Was fehlt Ihnen denn?

Aber niemand bemerkte seine Trauer. Da lehnte er sich auf das Büffet, verbarg sein Gesicht in den Händen und stammelte:

– Mein Gott! Mein Gott!

Der Wirt betrachtete ihn:

– Sind Sie krank, Herr Caravan?

Er antwortete:

– Nein, lieber Freund, aber meine Mutter ist eben gestorben.

Der andere sagte zerstreut:

–Ach!

Und da ein Gast auf der anderen Seite eben rief:

– Bitte ein Bier! – antwortete er sofort mit lauter Stimme:

– Bitt' schön, einen Augenblick:

Dann ging er, um das Bier zu holen und ließ Caravan verdutzt stehen.

Am selben Tisch, wo vor dem Essen die drei Dominospieler gesessen, saßen sie noch, unbeweglich in ihre Partie vertieft. Caravan näherte sich ihnen in der Hoffnung, ihr Mitleid zu erregen. Aber da ihn niemand zu sehen schien, so begann er von selbst:

– Seit ich Sie vorhin verlassen habe, ist mir ein furchtbares Unglück passiert!

Alle drei blickten zu gleicher Zeit auf, behielten aber doch immer ihre Steine im Auge:

– Nun, was ist denn?

– Meine Mutter ist gestorben.

Einer von ihnen brummte mit jener verstellt traurigen Miene, die gleichgültige Menschen anzunehmen pflegen:

– Ach, verflucht!

Ein anderer wußte nicht, was er sagen sollte und hob die Stirne, während er ein bedauerndes Pfeifen hören ließ. Der dritte spielte weiter, als ob er gedacht hätte: »Wenn's weiter nichts ist.«

Caravan erwartete irgend ein von Herzen kommendes Wort. Da er aber so empfangen ward, ging er wieder davon, empört über ihre Gleichgültigkeit angesichts des Kummers eines Freundes, obgleich dieser Kummer in diesem Augenblick bei ihm selbst derartig eingeschlafen war, daß er kaum noch etwas davon bemerkte.

Und er ging heim.

Seine Frau erwartete ihn. Sie saß im Nachthemd auf einem niedrigen Stuhl, nahe am offenen Fenster, und dachte immerfort an die Erbschaft. Sie sprach:

– Zieh Dich doch aus, wir wollen noch etwas plaudern, wenn wir zu Bett liegen.

Er hob den Kopf und sagte, indem er an die Decke blickte:

– Aber ... da oben ... ist niemand!

– Bitte sehr, Rosalie ist bei ihr. Und um drei Uhr morgens kannst Du ja, wenn Du ein bißchen geschlafen hast, hinaufgehen, um sie abzulösen.

Trotzdem behielt er die Unterhose an, um für jeden Fall bereit zu sein, setzte seine Nachtmütze auf und ging dann gleichfalls zu Bett.

Einige Zeit blieben sie Seite an Seite sitzen. Sie dachte nach.

Ihre Haartracht war sogar nachts durch eine rosa Schleife verschönt, die ein bißchen auf dem Ohr hing, als ob die Neigung ihrer sämtlichen Hauben auch auf sie übergegangen wäre.

Plötzlich wandte sie den Kopf gegen ihn:

– Weißt Du, ob Deine Mutter ein Testament gemacht hat?

Er antwortete zögernd:

– Sie wird wohl keins gemacht haben.

Frau Caravan sah ihrem Mann gerade ins Gesicht und sagte mit leiser wutbebender Stimme:

– Siehst Du, das ist nu 'ne Gemeinheit! Jetzt schinden wir uns zehn Jahre ab, sie zu pflegen, sie wohnt bei uns, wir füttern sie. Deine Schwester hätte das sicher nicht gemacht und ich auch nicht, wenn ich gewußt hätte, daß man nicht mal dafür belohnt wird. Ja, das ist 'ne Schande für ihr Andenken. Du meinst, sie bezahlte uns ja Pension. Das ist ja allerdings wahr, aber die Pflege seiner Kinder läßt sich nicht mit Geld aufwiegen, die muß man nach dem Tode durch 'n Testament anerkennen. Das thun eben anständige Leute. Das hab' ich also für meine Schinderei gehabt. Das ist ja recht nett, das ist wirklich recht nett!

Caravan sagte erschrocken nochmals:

– Liebes Kind! Liebes Kind, ich bitte Dich, ich bitte Dich.

Endlich beruhigte sie sich und nahm ihren gewöhnlichen Ton wieder an:

– Morgen früh müssen wir Deine Schwester benachrichtigen!

Er fuhr auf:

– Das ist ja wahr, daran habe ich noch gar nicht gedacht! Sobald es Morgen ist, werde ich ihr telegraphieren.

Aber sie unterbrach ihn; sie hatte alles schon vorgesehen:

– Nein, Du darfst erst zwischen zehn und elf telegraphieren, damit wir noch Zeit haben, uns ein bißchen auf ihre Ankunft einzurichten. Von Charenton braucht man höchstens zwei Stunden bis hierher Wir sagen einfach, daß Du ganz den Kopf verloren hättest.

Aber Caravan schlug sich vor die Stirn und sagte mit jenem bescheidenen Ton, den er annahm, sobald er von seinem Chef sprach, weil schon der Gedanke an diesen Mann ihn zittern machte:

– Wir müssen in's Ministerium Nachricht senden.

Sie antwortete:

– Wozu denn? Bei solchen Gelegenheiten ist man immer entschuldigt, wenn man's vergißt. Weißt Du, wir wollen lieber nicht schicken, Dein Chef wird doch nichts sagen und Du setzt ihn bloß in Verlegenheit.

– Ja, das ist wahr, – erwiderte er, – er wird höllisch wütend werden, wenn ich nicht komme. Ja, da hast Du ganz recht, das ist eine wundervolle Idee! Wenn ich ihm dann später sage, daß meine Mutter gestorben ist, wird er wohl ruhig sein müssen.

Und der Beamte, dem das besonders Spaß verursachte, dachte an die Miene seines Chefs, und rieb sich vergnügt die Hände, während über ihm der Leichnam der Alten neben dem eingeschlafenen Mädchen lag.

Frau Caravan wurde nachdenklich, als ginge ihr fortwährend etwas im Kopfe herum. Endlich entschloß sie sich zu sprechen:

– Deine Mutter hatte Dir doch die Stutzuhr geschenkt, weißt Du, das Mädchen mit dem Fangbecher!

Er dachte nach und antwortete:

– Ja, ja, sie hatte mir's gesagt, aber es ist schon lange her. Als sie zu uns zog, hat sie mir gesagt, diese Uhr ist für Dich, wenn Du mich gut pflegst.

Frau Caravans Züge klärten sich auf und sie antwortete beruhigt:

– Siehst Du! Da werden wir sie also einfach herunter holen. Weißt Du, wenn erst Deine Schwester hier ist, kräht kein Hahn mehr darnach, da gehört es eben uns, genau so wie die Kommode in ihrem Zimmer, weißt Du, die mit der Marmorplatte, die hat sie mir mal versprochen, als sie guter Laune war! Die wer'n wir gleich mit 'runter bringen.

Caravan schien nicht recht dran zu wollen:

– Aber liebes Kind, wir laden da eine große Verantwortlichkeit auf uns!

Wütend drehte sie sich nach ihm um.

– Wirklich? Du bist doch immer derselbe. Deine Kinder läßt Du Hungers sterben, ehe Du Dich rührst. Von dem Augenblick ab, wo sie mir mal gesagt hat, daß die Kommode später mir gehören soll, gehört sie auch mir! Nicht wahr? Und wenn das Deiner Schwester nicht paßt, mag sie mir's nur sagen ... mir ... Deine Schwester, die kann mir überhaupt den Buckel rauflaufen. Nu vorwärts, steh mal auf und da werden wir alles, was uns Deine Mutter geschenkt hat, gleich mal runter holen.

Zitternd stieg er aus dem Bett. Als er die Hose anziehen wollte, hinderte sie ihn daran:

– Es ist nicht der Mühe wert, daß Du Dich erst anziehest. Behalte nur deine Unterhose an. Das genügt. Ich gehe auch so hinauf.

Und beide schlichen im Nachtgewand leise die Stufen hinauf, öffneten die Thüre, traten in das Zimmer, wo die vier Lichter um den Teller mit dem Zweige brannten und wie es schien, allein die Totenwache bei der Alten hielten, denn Rosalie lag in einem Lehnstuhl mit weit ausgestreckten Beinen, die Hände über dem Schoß gefaltet, den Kopf zur Seite herabgesunken, unbeweglich, mit offenem Munde, schlief und schnarchte ein wenig.

Caravan nahm die Stutzuhr. Es war einer jener Scherzartikel, wie er zur Zeit des Kaiserreichs oft angefertigt wurde: ein junges Mädchen in vergoldeter Bronce, einen Kranz im Haar, hielt in der Hand einen Fangbecher, dessen Kugel als Pendel diente.

– Gieb mal das Ding her, – sagte seine Frau, – und nimm die Marmorplatte von der Kommode.

Keuchend gehorchte er, und lud die Platte mit größter Anstrengung auf die Schultern. Dann ging das Ehepaar hinab. Caravan bückte sich unter der Thür und stieg mit zitternden Knieen die Treppe hinab, während seine Frau rückwärts schreitend ihm mit dem Lichte leuchtete, die Stutzuhr unter dem anderen Arm. Als sie unten bei sich waren, stieß sie einen Seufzer der Erleichterung ans und sagte:

– So, nun ist die Hauptsache gethan, jetzt wollen wir mal das andere holen.

Aber die Fächer der Kommode hatte die Alte ganz voll alte Lappen gepfropft. Die mußten erst irgendwo versteckt werden.

Frau Caravan hatte einen Einfall:

– Weißt Du was, wir wollen mal die Holztruhe aus Tannenholz, die im Flur steht, holen. Die hat absolut keinen Wert und die können wir hierher stellen.

Sobald die Truhe dastand, begannen sie umzupacken.

Nacheinander nahmen sie die Manschetten, Kragen, Hemden, Hauben, all die armseligen Habseligkeiten der guten Frau, die da hinter ihnen ausgestreckt lag, und brachten sie peinlich ordentlich in der Holztruhe unter, um Frau Braux, das andere Kind der Verstorbenen, das am nächsten Tage kommen sollte, zu täuschen.

Als sie damit fertig waren, schleppten sie zuerst die Schubladen hinunter, dann das ganze Möbel. Einer trug vorn, einer hinten, und lange überlegten sie sich, wo es wohl am besten stehen würde.

Man entschied sich für das Schlafzimmer, wo es zwischen den beiden Fenstern dem Bett gegenüber Platz finden sollte.

Als die Kommode einmal stand, füllte sie Frau Caravan mit ihrer eigenen Wäsche. Die Stutzuhr wurde auf dem Kamin im Eßzimmer aufgestellt und das Ehepaar prüfte, wie sie wohl aussähe. Sie fanden, sie mache sich sehr gut. Sie meinte:

– Das sieht famos aus.

Er antwortete:

– Ja, famos!

Dann gingen sie zu Bett und sie löschte das Licht aus. Darauf sanken alle Bewohner beider Etagen des Hauses in friedlichen Schlummer.

Als Caravan die Augen aufschlug, war es schon längst Tag. Er wußte zuerst beim Erwachen gar nicht recht, wo er sei und brauchte einige Minuten, um sich wieder zu vergegenwärtigen, was alles geschehen war. Aber als dann die Erinnerung kam, stand er wieder sehr bewegt auf und war nahe am Weinen.

Schnell ging er in das Zimmer oben hinauf, wo Rosalie noch immer schlief, genau in derselben Stellung wie am Abend. Sie war noch nicht wieder aufgewacht. Er schickte sie an die Arbeit, erneuerte die heruntergebrannten Lichter, betrachtete seine Mutter, und allerlei vermeintlich sehr tiefsinnige Ideen gingen ihm im Kopfe herum, jene halb religiösen, halb philosophischen Banalitäten, auf die mittelmäßige Geister kommen, wenn sie dem Tode gegenüberstehen.

Aber da rief ihn seine Frau und er ging hinunter.

Sie hatte eine Liste alles dessen aufgesetzt, was an dem Morgen zu thun sei; die übergab sie ihm. Er las entsetzt:

  1. Anzeige auf dem Standesamt.
  2. Totenschein beim Arzte besorgen.
  3. Sarg bestellen.
  4. Zum Geistlichen gehen.
  5. Zur Beerdigungsgesellschaft.
  6. Zur Druckerei wegen der Anzeigen.
  7. Zum Notar.
  8. Telegramme an die Verwandten.

Dann kam noch eine Menge kleiner Aufträge und er nahm seinen Hut und ging.

Als sich nun die Neuigkeit verbreitet hatte, fingen die Nachbarinnen an zu kommen, um die Tote zu sehen.

Unten im Erdgeschoß beim Barbier hatte sogar zwischen Mann und Frau darüber eine Szene stattgefunden. Der Mann rasierte gerade einen Kunden, als die Frau, während sie ihren Strumpf strickte, sagte:

– Da ist schon wieder eine weniger, und so 'n alter Geizkragen wie die da. Was Geizigeres gab's überhaupt nich. Ich hab' se nich gemocht, das muß wahr sein, aber ansehen muß ich se doch mal.

Der Mann brummte, wahrend er das Kinn seines Kunden mit Seife einrieb:

– Das ist nu mal wieder 'ne Idee! So was kann nur 'n Frauenzimmer reden. Als ob's nicht gerade genug wäre, daß se Dich geärgert hat, solange se lebte! Nu muß se Dich auch noch stören, wenn se tot ist.

Aber die Frau antwortete, ohne aus dem Text zu geraten:

– Na, da kann ich nu mal nich anders! Ich muß hingehen, das is mir schon den ganzen Morgen im Koppe rumgegangen. Wenn ich se jetzt nich sehe, ich glaube, ich müßte mein ganzes Leben an se denken. Aber wenn ich se mir gut angesehen hab', daß ich so weiß, wie se aussieht, dann hätt'ch Ruhe.

Der Barbier zuckte die Achseln und vertraute dem Herrn an, dem er den Bart kratzte:

– Sehen Sie bloß mal an, was dieses Weibszeug für Ideen hat, mir würd's doch keinen Spaß machen, die Leiche anzugucken.

Aber seine Frau hatte es gehört und antwortete unentwegt:

– Das is nu mal so, das is nu mal so.

Dann legte sie ihren Strickstrumpf auf den Tisch und ging in den ersten Stock hinauf.

Zwei Nachbarinnen waren schon gekommen und schwatzten mit Frau Caravan, die die Einzelheiten erzählte über das ganze Ereignis.

Sie gingen zum Sterbezimmer. Auf den Fußspitzen schlichen sich die vier Weiber hinein, bespritzten das Bett, eine nach der anderen, mit dem Salzwasser, knieten nieder, schlugen ein Kreuz, murmelten ein Gebet. Dann standen sie auf und betrachteten mit halb offenem Munde und aufgerissenen Augen lange die Leiche, während die Schwiegertochter der Toten sich das Taschentuch an die Augen drückte und that, als müßte sie fürchterlich schluchzen. Als sie sich umdrehte, um hinauszugehen, bemerkte sie an der Thür Marie Louise und Philipp August. Beide waren im Hemd und starrten neugierig hin. Da vergaß sie vollkommen ihren geheuchelten Schmerz, stürzte sich mit erhobener Hand auf die Kinder und brüllte sie an:

– Wollt ihr gleich machen, daß ihr 'naus kommt, ihr ungezogenen Rangen!

Als sie zehn Minuten später mit einem neuen Haufen anderer Nachbarinnen hinaufkam, wieder das Totenlager bespritzt hatte, gebetet, gebarmt und geheult und ihre Pflicht gethan, sah sie zum zweitenmal die Kinder hinter sich stehen. Da gab sie ihnen aus Erziehungsgrundsätzen noch einmal einen Klaps. Aber das dritte Mal achtete sie nicht weiter auf die beiden. Und jedesmal, wenn wieder neue Besucher erschienen, liefen die beiden Würmer mit, knieten in einer Ecke und machten genau alles nach, was sie ihre Mutter thun sahen. Als es Nachmittag wurde, nahm die Menge der Neugierigen etwas ab, und dann kam bald niemand mehr. Frau Caravan ging wieder herunter in ihre Wohnung und traf die Vorbereitungen für das Leichenbegängnis. Die Tote blieb allein.

Das Fenster ihres Zimmers stand offen, eine erstickende Hitze strömte herein, und ab und zu wehte eine Staubwolke von der Straße. Die Flammen der Lichter neben der Toten flackerten hin und her, und auf dem Betttuch, auf dem Gesicht, auf den geschlossenen Augen, auf den beiden ausgestreckten Händen spazierten kleine Fliegen umher, kamen und gingen, rannten geschäftig hin und her, bekrochen die Alte und erwarteten die Stunde der Verwesung, wo sie ihnen zufiel.

Aber Marie Louise und Philipp August waren wieder auf die Straße hinab gelaufen. Bald hatten sie eine Menge Spielkameraden gefunden, besonders kleine Mädchen, die noch gerissener sind als Knaben und schneller alle Rätsel des Lebens aufspüren. Diese fragten wie Erwachsene:

– Deine Großmama ist gestorben?

– Ja, gestern abend.

– Wie ist denn das so 'n Toter?

Und Marie Louise fing an, von den Lichtern, von dem Weihwasser und von dem Gesicht zu erzählen. Da erwachte in allen Kindern eine große Neugierde, und sie wollten auch hinauf gehen, um die Leiche zu sehen.

Und sofort veranstaltete Marie Louise eine erste Entdeckungsreise, fünf Mädchen und zwei Jungen, die beiden größten und tapfersten. Sie mußten ihre Stiefel ausziehen, damit man sie nicht hörte. Dann schlich sich die ganze Gesellschaft ins Haus und huschte wie eine Schar Mäuse die Treppe hinauf. Als sie erst einmal im Zimmer standen, bestimmte das kleine Mädchen genau nach der Art ihrer Mutter, wie sie sich zu benehmen hätten. Feierlich führte sie ihre Kameraden herein, kniete hin, schlug ein Kreuz, bewegte die Lippen, stand wieder auf, bespritzte das Bett, und während sich die Kinder zu einem Haufen zusammengedrängt näherten und erschrocken, neugierig und doch glückselig das Gesicht und die Hände der Toten betrachteten, that sie, als schluchzte sie, und verbarg die Augen in ihrem kleinen Taschentuch. Dann ward sie plötzlich wieder gefaßt, denn sie dachte an die, die noch unten warteten, und führte so schnell als möglich die ganze Bande hinunter, um eine zweite Abteilung und schließlich eine dritte hinauf zu schleppen. Denn alles, was in der Gegend herumbummelte, sogar die zerlumpten Bettelkinder, liefen herbei zu diesem neuen Spiel, und jedesmal äffte sie genau mit vorzüglicher Schauspielkunst ihrer Mutter nach.

Aber auf die Dauer fing sie das an zu langweilen und ein anderes Spiel führte die Kinder davon. Nun blieb die alte Großmutter allein. Alle Welt hatte sie vergessen.

Es war dunkel im Zimmer und auf dem eingefallenen runzeligen Gesicht flackerte der Schein der Lichter.

Gegen acht ging Caravan hinauf, schloß das Fenster und erneuerte die Lichter. Jetzt trat er ganz ruhig ein. Er war schon daran gewöhnt, die Leiche zu betrachten, als ob sie seit Monaten da läge. Er konnte sogar feststellen, daß sie sich nicht im Geringsten verändert hatte. Das sagte er zu seiner Frau, als sie sich gerade zu Tisch setzten.

Sie antwortete:

– Siehst Du, die ist wie aus Holz, die könnte ein Jahr lang frisch bleiben.

Ohne ein Wort zu sprechen, wurde die Suppe gegessen. Die Kinder, den ganzen Tag sich selbst überlassen geblieben, waren sehr müde und schliefen fast auf ihren Stühlen ein. Alle Welt schwieg.

Plötzlich ward die Öllampe dunkel.

Frau Caravan zog sofort die Lampe auf, aber die Vorrichtung knarrte blos, ein langer Ton kam heraus und das Licht erlosch. Sie hatten vergessen, Öl zu kaufen. Wenn sie erst noch zum Krämer hätten schicken sollen, wären sie mit dem Essen gar nicht fertig geworden. Sie wollten also Lichter anstecken, es gab aber keine mehr, als die oben auf dem Nachttisch neben der Alten.

Frau Caravan schickte schnell entschlossen Marie Louise hinauf, um zwei zu holen. Und man wartete in der Dunkelheit.

Deutlich hörte man oben den Schritt des Mädchens, das die Treppe hinauf stieg, dann war einige Sekunden alles still, darauf kam das Kind wieder herunter gelaufen, riß die Thür auf und rief noch erschrockener als den Tag vorher, wo sie die Katastrophe angekündigt:

– Um Gottes willen, Papa, Großmama zieht sich an!

Caravan fuhr so jäh in die Höhe, daß sein Stuhl gegen die Wand flog und stammelte:

– Was sagst Du? Was sagst Du da?

Aber Marie Louise konnte vor Schreck kaum sprechen und wiederholte nur:

– Groß-Groß-Groß-Großmama zieht sich an. Sie wird gleich herunter kommen.

Als sei er toll geworden, raste er zur Treppe, von seiner Frau gefolgt, die wie vor den Kopf geschlagen war. Aber an der Eingangsthür zum zweiten Stock blieb er stehen und wagte nicht einzutreten, so packte ihn das Entsetzen. Was würde er sehen? Frau Caravan war tapferer, drückte die Klinke herunter und trat ins Zimmer.

Es war dunkel, und mitten im Raume bewegte sich ein großes mageres Wesen hin und her. Die Alte stand aufrecht da. Als sie aus ihrem lethargischen Schlaf erwacht, hatte sie sich, ehe sie noch recht wieder zur Besinnung gekommen, zur Seite gewandt, und die drei Lichter, die neben ihrem Totenbett standen, ausgeblasen. Dann war sie wieder zu Kräften gekommen und war aufgestanden, um in ihren alten Lappen zu kramen. Als sie die Kommode nicht sah, war sie zuerst erschrocken. Aber allmählich hatte sie ihre Sachen in der Holztruhe wieder gefunden und sich ganz ruhig angezogen. Dann hatte sie das Weihwasser aus dem Teller fortgeschüttet, den Zweig wieder hinter den Spiegel gesteckt, die Stühle an ihren Platz gesetzt und war nun bereit, hinunter zu gehen, gerade als Sohn und Schwiegertochter eintraten.

Caravan stürzte sich auf sie, packte ihre Hände, küßte sie mit thränennassen Augen, während seine Frau hinter ihm sagte:

– Nein, so ein Glück! So ein Glück!

Aber die Alte war gar nicht weich, schien sogar nichts von alledem zu verstehen, blieb starr und steif wie eine Bildsäule und fragte mit eisigem Blick:

– Nun, ist das Essen bald fertig?'

Da verlor Caravan den Kopf und stammelte:

– Na ja, Mama, wir haben ja auf Dich gewartet.

Dann beeilte er sich mehr als es sonst seine Gewohnheit war, ihren Arm zu nehmen, während die junge Frau Caravan ihnen zu leuchten, das Licht ergriff und die Treppe hinabstieg, rückwärts Stufe um Stufe, wie sie es die Nacht vorher mit ihrem Mann gethan, als er die Marmorplatte getragen.

Am ersten Stock wären sie beinahe an Leute gestoßen, die die Treppe heraufkamen. Es waren die Verwandten aus Charenton: Frau Braux und ihr Mann.

Die Frau war groß, mit einem Fett-Bauche, als hätte sie die Wassersucht, sodaß sie sich ganz hinten übergelehnt hielt. Mit erschrockenen Blicken, wie zur Flucht bereit, starrte sie sie an. Der Mann, ein sozialistischer Schuster, ein kleiner im ganzen Gesicht behaarter Mensch, der wie ein Affe aussah, murmelte scheinbar ohne Gemütsbewegung:

– Was, sie ist auferstanden!

Sobald Frau Caravan sie gesehen hatte, machte sie ihm mit verzweifelter Miene Zeichen. Dann sagte sie laut:

– Nein, so was, da seid ihr ja, das ist aber eine Überraschung!

Aber Frau Braux verstand nichts davon und antwortete halblaut:

– Wir sind auf eure Depesche gekommen! Wir glaubten, es wäre aus.

Ihr Mann, der hinter ihr stand, gab ihr einen Puff, daß sie ruhig sein sollte. Mit tückischem Lächeln brummte er in den Bart:

– Es ist sehr liebenswürdig von euch, uns einzuladen. Wir sind natürlich sofort gekommen.

Dadurch spielte er auf die Feindschaft an, die seit langer Zeit zwischen den beiden Paaren herrschte. Als dann die Alte an die letzte Stufe kam, trat er schnell vor, rieb sein haariges Gesicht an ihrer Wange und brüllte ihr wegen ihrer Taubheit ins Ohr:

– Na, Mutter, geht's gut? Immer noch auf den Beinen?

Frau Braux war so erschrocken, die Mutter, die sie tot gewähnt, lebendig vor sich zu sehen, daß sie es nicht wagte, sie zu küssen. Wie angewurzelt blieb sie stehen, und ihre enorme Figur versperrte die ganze Treppe, sodaß die anderen nicht vorbei konnten.

Die Alte sprach kein Wort, blickte aber mit leisem Verdacht und unruhig geworden die ganze Gesellschaft an. Ihr kleines, graues, forschendes, hartes Auge ruhte bald auf diesem, bald auf jenem und schien allerlei auszudrücken, das ihren Kindern peinlich war.

Da sagte Caravan zur Erklärung:

– Sie ist nicht ganz wohl gewesen, aber jetzt geht ihr's wieder ganz gut, nicht wahr, Mutter, ganz gut?

Da setzte sich die gute Frau wieder in Bewegung und antwortete mit ihrer hohlen, zerbrochen klingenden Stimme:

– Es war nur eine Ohnmacht! Ich habe genau alles gehört, was ihr gethan habt!

Alle schwiegen verlegen. Sie gingen ins Eßzimmer. Man setzte sich zu einem schnell hergerichteten Mahl.

Herr Braux hatte seine ganze Ruhe bewahrt; er grinste boshaft und sprach allerlei doppelsinnige Dinge, die die andern in Verlegenheit setzten.

Aber jeden Augenblick klingelte es an der Vorsaalthür, und Rosalie rief jedesmal erschrocken Caravan, der seine Serviette beiseite warf und hinausstürzte. Sein Schwager fragte ihn sogar, ob er Empfangstag habe. Er stammelte:

– Nein, es sind nur Besorgungen, weiter nichts.

Als man dann ein Packet herein brachte, öffnete er es in seiner Zerstreutheit und die schwarzgeränderten Todesanzeigen kamen zum Vorschein. Da ward er dunkelrot, schlug das Papier wieder zusammen und steckte es ein.

Seine Mutter hatte nichts davon gesehen, sie starrte beharrlich auf ihre Stutzuhr, deren Figur mit dem Fangbecher vom Kamin herüberglänzte und unter eisigem Stillschweigen wuchs die allgemeine Verlegenheit.

Da glitt ein boshafter Zug über das runzlige Hexengesicht der Alten und sie sagte zu ihrer Tochter:

– Du wirst mir Montag Deine Kleine bringen, ich möchte sie sehen.

Frau Braux' Gesicht hellte sich auf:

– Jawohl, Mama!

Die junge Frau Caravan aber war bleich geworden und vor Schreck einer Ohnmacht nahe.

Während dessen fingen die beiden Männer allmählich an, zu schwatzen, und kamen auf die Politik. Braux stellte allerlei revolutionäre und kommunistische Behauptungen auf und ereiferte sich, wobei in seinem behaarten Gesicht die Augen leuchteten:

– Eigentum ist Diebstahl am Arbeiter! Die Erde gehört allen. Erbschaft ist eine Gemeinheit und Schmach!

Aber da blieb er plötzlich stecken, etwas aus dem Text gebracht, wie jemand, der eben eine Dummheit gesagt hat, und fügte in etwas milderer Tonart hinzu:

– Aber es ist jetzt nicht der Augenblick, so etwas zu sprechen.

Die Thür ging auf. Doktor Chenet erschien. Er war einen Augenblick erschrocken, dann faßte er sich und trat auf die alte Frau zu:

– Ah, sieh mal einer an! Geht's gut heute? Ah, das habe ich mir gedacht, und noch vorhin, als ich die Treppe heraufkam, habe ich mir gesagt, ich will doch wetten, daß sie wieder wohl und munter ist.

Dann klopfte er ihr leise auf den Rücken und fuhr fort:

– Sie sind doch wahrhaftig wie aus Stein gemacht, Sie überleben uns noch alle, passen Sie mal auf!

Er setzte sich und nahm die Tasse Kaffee, die man ihm anbot. Dann beteiligte er sich an der Unterhaltung der beiden Männer, indem er Braux beistimmte, da er selber einst an der Kommune teilgenommen.

Die Alte aber fühlte sich müde und wollte hinauf gehen. Caravan bemühte sich um sie. Da sah sie ihn starr an und sagte:

– Du wirst mir augenblicklich meine Kommode und meine Uhr wieder heraufbringen.

Als er dann stammelte:

– Jawohl, Mama! – nahm sie den Arm ihrer Tochter und ging mit ihr davon.

Die beiden Caravans blieben verdutzt, erschrocken, stumm, niedergeschmettert stehen, während sich Braux die Hände rieb und seinen Kaffee trank.

Plötzlich stürzte sich Frau Caravan in einem Wutanfall auf ihn und brüllte:

– Du bist ein alter Dieb! ein Lump! eine Kanaille! Ich spucke Dich an, ich, ich ... Sie rang nach Worten, er aber lachte sie aus und trank ruhig seinen Kaffee.

Da seine Frau gerade wiederkam, so warf sie sich auf ihre Schwägerin. Und beide standen einander gegenüber, die eine drohend mit ihrem mächtigen Leib, die andere epileptisch und mager, mit zitternden Händen, und sie warfen sich mit vor Wut entstellter Stimme Schimpfworte an den Kopf.

Chenet und Braux legten sich ins Mittel. Der letztere packte seine Ehehälfte bei den Schultern und schmiß sie hinaus, indem er rief:

– Drück' Dich doch, Alte! und brüll' nicht so!

Und man hörte, wie sie sich noch auf der Straße zankten, während sie davon gingen.

Doktor Chenet empfahl sich.

Die Caravans blieben allein.

Da ließ sich der Mann auf einen Stuhl fallen, der kalte Schweiß stand ihm auf der Stirn und er murmelte:

– Um Gottes willen! Was soll ich bloß meinem Chef sagen!

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