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Guy de Maupassant: Das Haus - Kapitel 10
Quellenangabe
typenovelette
authorGuy de Maupassant
titleDas Haus
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
seriesGesammelte Werke
volume4
printrun10. Tausend
year1921
firstpub1911
translatorGeorg Freiherr von Ompteda
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20051214
projectidfe7b1b20
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Pauls Frau

Das Restaurant Grillon, das Stammlokal der Ruderer, leerte sich langsam. Vor der Thür klang Rufen und Schreien, und kräftige Kerls in weißen Tricots, die Ruder über der Schulter, rannten hin und her.

Die Frauen in hellen Frühjahrskleidern stiegen vorsichtig in die Boote, setzten sich ans Steuer, zogen ihre Röcke zurecht, während der Besitzer des Restaurants, ein großer Mann mit rötlichem Bart, berühmt wegen seiner Körperkraft, den Schönen beim Einsteigen die Hand reichte, um die schmalen Boote im Gleichgewicht zu erhalten. Nun nahmen die Ruderer Platz und zeigten sich mit nackten Armen und stark vortretendem Brustkasten vor den Zuschauern. Das Publikum bestand aus Bürgern im Sonntagsstaat, Arbeitern und Soldaten, die am Geländer der Brücke lehnten und aufmerksam dem Schauspiel zusahen.

Die Boote stießen eines nach dem andern ab. Die Ruderer lehnten sich vornüber und legten sich dann in gleichmäßiger Bewegung zurück. Unter dem Antrieb der langen rückwärts gebogenen Riemen flitzten die Boote über den Fluß, entfernten sich immer mehr, wurden kleiner und verschwanden endlich unter der anderen Brücke, der Eisenbahnbrücke drüben, zur Grenouillère hinunterfahrend.

Nur ein Paar war zurückgeblieben. Der junge Mann, fast bartlos, schmal, mit bleichem Gesicht, umfaßte die Taille seines Verhältnisses, einer kleinen mageren Person, bei der man unwillkürlich an eine Heuschrecke denken mußte. Ab und zu blickten sie sich in die Augen.

Der Wirt rief:

– Nanu, Herr Paul, machen Sie schnell!

Und sie kamen näher.

Herr Paul war von allen Gästen des Hauses derjenige, den man am liebsten mochte und der das größte Ansehen genoß. Er war freigebig und zahlte regelmäßig, während die andern sich erst lange mahnen ließen, wenn sie nicht gar vorzogen zu verschwinden, ohne ihre Rechnung zu begleichen. Außerdem war er für das Restaurant so eine Art lebendige Reklame: sein Vater war nämlich Senator. Wenn ein Fremder fragte:

– Wer ist denn der kleine Herr, der immer mit dem Mädel da zusammensteckt? so antwortete irgend ein Stammgast halblaut mit wichtiger und geheimnisvoller Miene:

– Das ist Paul Baron, wissen Sie, der Sohn des Senators.

Und dann konnte der andere fast nie anders, als zu sagen:

– Der arme Teufel, der scheint aber mit dem Mädel festzusitzen.

Mutter Grillon, eine brave Frau, nannte den jungen Mann und seine Begleiterin »ihre beiden Turteltauben,« und dies für ihr Etablissement vorteilhafte Verhältnis schien sie immer ganz rührend zu finden.

Das Paar trabte mit kleinen Schritten davon. Das Boot »Madeleine« lag bereit, und als sie einstiegen, gaben sie sich einen Kuß, sodaß die Zuschauer oben auf der Brücke anfingen zu lachen. Dann nahm Herr Paul auch die Ruder und folgte den andern zur Grenouillère.

Als sie ankamen, mochte es gegen drei Uhr sein. Das große, schwimmende Café war gestopft voll Menschen.

Das mächtige Floß ist mit Segeltuch überdacht, das auf Holzsäulen ruht und ist mit der reizenden Insel Croissy durch zwei Stege verbunden, deren einer mitten in das schwimmende Restaurant führt, während der andere die äußerste Spitze des Lokals mit einem winzigen Inselchen verbindet, (auf dem ein einziger Baum wächst, das daher »der Blumentopf« genannt wird), und von dort weiterführt, um in der Nähe der Badeanstalt zu münden.

Paul legte sein Boot am Etablissement an, und kletterte über das Geländer des Cafés. Dann gab er dem Mädchen die Hand und hob sie herüber, worauf sich beide an einen Tisch setzten.

Am jenseitigen Ufer des Flusses bewegten sich auf der Landstraße eine Menge Fuhrwerke: Droschken wechselten mit eleganten Equipagen; da gab es schwere Wagen, tiefgebaut, die schwer auf den Rädern lasteten, ein alter Schinder davor mit krummen Knieen und wackelndem Kopf; dann leichte, elegante, auf dünnen Rädern, vor denen zierliche, schlanke Pferde mit hochaufgerichtetem Hals, und schäumendem Gebiß liefen, während die Kutscher in ihre Livree gezwängt, wegen der Stehkragen mit steifer Kopfhaltung, unbeweglich dasaßen, die Peitsche auf den Oberschenkel gestemmt.

Das Ufer war mit Leuten bedeckt, die Familienweise oder in ganzen Gesellschaften daher kamen, manchmal auch nur ein Pärchen oder einer allein. Sie rupften das Gras aus, kletterten bis ans Wasser hinab, gingen wieder hinauf auf den Weg und warteten auf das was vorüberkam. Unausgesetzt fuhr die schwere Fähre von einem Ufer ans andere und setzte ihre Insassen auf der Insel ab.

Der Flußarm, den man den »Toten« nennt, wohin dieses Café die Front hat, schien wie zu schlafen, so schwach war die Strömung. Große Flotten von Skifs, Seelenverkäufern, Gigs, Booten aller Formen und Arten fuhren auf dem unbewegten Wasser umher, kreuzten sich, legten sich Seite an Seite, hielten plötzlich, und schossen dann wieder, wenn die Arme der Ruderer sich strafften, dahin, wie lange gelbe oder rote Fische.

Andere kamen fortwährend an, die einen von Chatou stromauf, die andern von Bougival, stromab. Und auf dem Wasser klangen von einem Boot zum anderen Gelächter, Rufe, Fragen und allerhand Anulkereien. Die Ruderer setzten ihre braune Haut und die kräftige Rundung ihrer Armmuskeln den glühenden Sonnenstrahlen aus. Und wie fremde, schwimmende Blumen sah man hinten in den Booten die Sonnenschirme der Damen aus roter, grüner, blauer, gelber Seide aufgespannt.

Glühend stand die Julisonne am Himmel. Es war als sei die Luft voll brennender Heiterkeit. Kein Lufthauch bewegte die Blätter der Weiden und Pappeln.

Gegenüber da drüben, weit entfernt, erhob im grellen Licht der unvermeidliche Mont-Valérien seine mächtigen Festungswerke, während rechts im Halbkreis das reizende Ufer von Louveciennes sich ausstreckte. Dort sah man hier und da aus dem dichten Grün und Dunkel der großen Gärten die weißen Mauern der Landhäuser blinken.

Am Eingang der Grenouillère erging sich eine Menge Spaziergänger unter den riesigen Bäumen, die aus diesem Teil der Insel den schönsten Park der Erde machen. Frauen und Mädchen mit blondgefärbtem Haar, mit unnatürlich starkem Busen und übertriebenen Hüften, geschminkt, Kohlenstriche unter den Augen, mit gefärbten Lippen, geschnürt und eingepreßt in extravagante Kleider, trugen auf dem frischen Rasen den schlechten, schreienden Geschmack ihrer Toilette zur Schau, während sich neben ihnen junge Leute bewegten als Modefatzkes angezogen, mit hellen Handschuhen, Lackstiefeln, mit Stöcken, dünn wie ein Faden, und dem Einglas im Auge, das ihr Lächeln noch thörichter machte. Die Insel ist ganz nahe an der Grenouillère, während auf der anderen Seite noch eine Fähre die Überfahrt der Leute von Croissy an das jenseitige Ufer vermittelt. Hier strömt der andere Seinearm strudelnd, wirbelnd und schäumend wie ein Gebirgsbach daher. An diesem Ufer liegt eine Pionierabteilung, und die Soldaten saßen in einer Reihe nebeneinander auf einem langen Balken und sahen der Strömung zu.

Auf dem schwimmenden Etablissement trieb sich eine wild johlende Menge hin und her. Die hölzernen Tische waren klebrig von umgeschütteten Gläsern, die halb geleert herumstanden, während betrunkene Leute vor ihnen saßen. Diese ganze Menge schrie, sang, brüllte. Die Männer saßen da: den Hut im Genick, mit rotem Kopf und vom Alkohol glänzenden Augen, fuhren hin und her und schrien in jenem Bedürfnis, das die gewöhnlichen Leute haben, Lärm zu machen. Die Weiber suchten einen Fang für den Abend, und ließen sich mittlerweile frei halten. Zwischen den Tischen trieb sich das Stammpublikum dieses Ortes umher, eine große Menge lärmender Ruderer mit ihren Verhältnissen in kurzen Flanellröckchen!

Einer von ihnen mühte sich fürchterlich am Klavier. Er schien mit Händen und Füßen zugleich zu spielen. Vier Paare tanzten eine Quadrille. Und junge, elegante, korrekt angezogene Leute, die einen anständigen Eindruck gemacht hätten, wenn man nicht trotz alledem gemerkt hätte, daß der Lack nur äußerlich war, schauten zu.

Denn man riecht dort förmlich den ganzen Abschaum der Pariser Gesellschaft, Lumpen aller Art, vornehm und gering. Was sich da herumtreibt, ist eine Mischung von Ladenschwengeln, Schmierenschauspielern, Zeilenschindern der Tagesblätter, verkrachten Adeligen, faulen Börsianern, üblen Nachtschwärmern, alten heruntergekommenen Lebemännern. Eine schleichende Bande von allen möglichen zweifelhaften Subjekten, die man zur Hälfte kennt, die zur Hälfte untergegangen sind, die man teils grüßt, teils schneidet, verlumptes Gesindel, Zuhälter, Industrieritter mit scheinbar, würdigem Äußeren und einer Bramarbasart, die zu sagen scheint: den ersten, der mich Schweinehund nennt, schlage ich nieder.

Hier brütet die Dummheit, hier stinkt die Gemeinheit und das Laster. Frauen und Männer sind einander wert. Es ist, als ob etwas wie Sinnenrausch in der Luft läge, und die Leute schlagen sich für ein Ja oder Nein, um ihre wurmstichige Ehre aufrecht zu erhalten, die Degenstich und Pistolenkugel nur noch mehr zerfetzen können.

Jeden Sonntag kommen dann Leute, die in der Nachbarschaft wohnen, aus Neugierde dazu. Und jedes Jahr erscheinen junge Männer, blutjung, um sozusagen leben zu lernen. Hier und da sieht man einen Bummler, der zufällig dahin geraten ist. Ein paar Unschuldige verirren sich wohl auch hierher.

Mit Recht heißt das Lokal die »Grenouillère«. das ist: »das Sumpfloch«.

Neben dem überdeckten Floß, wo man ißt und trinkt, und nahe am »Blumentopf« badet man. Die Weiber, die etwas zu zeigen haben, paradieren dort mit ihren Reizen, um einen Dummen zu finden. Die anderen thun, als verachteten sie das, obgleich sie ausgestopft sind und überall allerlei Künstliches tragen. Sie sehen mit verächtlicher Miene ihre Schwestern im Wasser umherplätschern.

Auf einer kleinen Plattform drängen sich die Schwimmer, um mit Kopfsprung ins Wasser zu tauchen. Sie sind lang und dünn wie Hopfenstangen, rund wie Kürbisse, oder knotig wie ein Olivenzweig, halten sich vorgebeugt oder legen sich hintenüber, je nach der Dicke des Bauches; scheußlich sind sie alle. Wenn sie ins Wasser springen, spritzt das Wasser bis ins Café.

Obgleich sich mächtige Bäume bis auf das schwimmende Café herunterbogen und trotz der Nähe des Wassers, war die Hitze doch erdrückend. Der Geruch von verschüttetem Schnaps mischte sich mit dem der Leiber und mit den starken Parfüms, mit denen die Verkäuferinnen der Liebe sich zu bespritzen pflegen und die nun die Glut durchschwängerten. Aber aus all den verschiedenen Gerüchen konnte man einen leichten Duft von Puder herausriechen, der ab und zu verschwand und dann wiederkam, der sich überall geltend machte, als ob irgendwo jemand heimlich eine unsichtbare Puderwolke in die Luft hinausgestäubt.

Das Hauptleben war auf dem Flusse, wo das Kommen und Gehen der Boote die Blicke anzog.

Die Rudererinnen saßen in ihren Stühlen, den Männern gegenüber, die sie mit starken Armen über den Strom gleiten ließen, und blickten verachtungsvoll die Weiber an, die auf der Insel umherstrichen, um sich von jemandem auf ein Mittagsessen stoßen zu lassen. Wenn manchmal ein Boot mit rasender Schnelligkeit vorüberschoß, riefen es Bekannte am Lande an und dann überkam das ganze Publikum plötzlich eine Art Verrücktheit und sie fingen alle an zu brüllen. Gegen Chatou zu erschienen immerfort an der Biegung des Flusses neue Boote. Sie näherten sich, wurden größer und größer, und je deutlicher man die Gesichter unterscheiden konnte, desto verschiedenere Rufe klangen.

Da tauchte ein Boot mit einem Zeltdach auf, in dem vier Mädchen faßen, und glitt langsam den Strom hinab. Die Rudererin war klein, mager, welk, trug einen Matrosenanzug und das Haar in die Höhe geknüpft unter einem Wachstuchhut. Ihr gegenüber lag eine große Blonde, die als Mann angezogen war, in einer Jacke aus weißem Flanell, auf dem Rücken im Boot. Sie hatte die Beine rechts und links neben der Rudererin auf die Bank gelegt und rauchte eine Cigarette, während bei jedem Ruderstoß ihr ganzer Leib zitterte. Hinten, unter dem Zelt, saßen zwei große, schlanke, hübsche Mädchen, eine braun, eine blond, hielten sich umfaßt und blickten unausgesetzt ihre Begleiterinnen an.

Auf der Grenouillère rief jemand

– Hurrah! Lesbos!

Und plötzlich begann ein fürchterliches Gebrüll. Die ganze Masse drängte sich hin und her, die Gläser fielen um, man stieg auf die Tische, und alles schrie wie außer Nand und Band geraten:

– Lesbos! Lesbos! Lesbos!

Das Gebrüll wurde immer unbestimmter, sodaß man nur noch eine Art fürchterliches Heulen hörte. Dann plötzlich ging es von neuem los, stieg in die Luft, klang nach allen Seiten in das Blätterdach hinauf, in die weite Ebene bis zur Sonne empor.

Die Rudererin hatte bei dieser Ovation aufgehört zu rudern. Die große Blonde, die im Boote lag, drehte gleichgültig den Kopf herum und hob sich etwas auf den Ellbogen und die beiden hübschen Mädchen hinten fingen an zu lachen und begrüßten die Menge.

Da ging das Gebrüll wieder los, so stark, daß das schwimmende Café zitterte. Die Männer schwenkten ihre Hüte, die Frauen die Taschentücher und alle Stimmen, hoch und tief, brüllten zusammen:

– Lesbos! als ob diese ganze Bande, dieser Haufe von Verkommenen, den Herrn und König grüße, wie wohl die Kriegsschiffe durch eine Salve das Admiralschiff.

Die Flotte von all den Kähnen begrüßte auch das Boot mit den Mädchen. Langsam glitt es weiter, um ein Stück entfernt anzulegen.

Im Gegensatz zu den anderen hatte Paul einen Schlüssel aus der Tasche gezogen und pfiff darauf aus Leibeskräften. Seine Begleiterin war nervös und bleich geworden und fiel ihm in den Arm, daß er still sein sollte. Und diesmal sah sie ihn mit wütenden Blicken an. Aber er war verzweifelt, als hätte ihn plötzlich männliche Eifersucht überkommen, eine tiefe, instinktiv wütende Empörung. Er stammelte mit zitternden Lippen:

– Das ist eine Schmach! Man sollte sie ersäufen, wie Hündinnen mit einem Stein um den Hals!

Aber Madeleine wurde plötzlich wütend. Ihre spitze Stimme gewann einen pfeifenden Ton und sie sprach mit einer Zungenfertigkeit, als verteidigte sie ihre eigene Sache:

– Geht Dich das was an? Können die nicht machen, was sie wollen? Die sind niemandem was schuldig. Der Teufel soll Deine Manieren holen! Kümmere Dich um Deine eigenen Angelegenheiten!

Aber er schnitt ihr das Wort ab:

– Das ist Sache der Polizei! Ich werde schon dafür sorgen, daß sie hinter Schloß und Riegel kommen, nach Saint-Lazare.

Sie fuhr auf:

– Du!

– Ja, ich. Und bis dahin verbiete ich Dir, mit ihnen zu sprechen, hörst Du – ich verbiete es Dir!

Da zucke sie die Achseln und wurde plötzlich ruhig:

– Weißt Du, Kleiner, ich thue was mir gefällt und wenn Dir das nicht paßt, da mach', daß Du weiter kommst und zwar sofort. Deine Frau bin ich nicht. Nicht wahr? Also, halts Maul.

Er anwortete nicht, und sie blieben einander gegenüber stehen, heftig atmend, mit verzerrtem Munde. Am andern Ende des hölzernen Cafès tauchten die vier Mädchen auf. Die beiden als Männer gekleideten schritten voraus. Die magere machte den Eindruck eines kleinen altaussehenden Jungen mit gelber Hautfarbe an den Schläfen; die andere füllte ihre weiße Flanelljacke vollkommen aus, ebenso mit ihren breiten Hüften die Hose. Sie watschelte wie eine dicke Gans mit ihren enormen Oberschenkeln und X-Beinen. Die beiden Freundinnen folgten und die Ruderer drückten ihnen die Hand.

Sie hatten alle vier zusammen am Wasser ein kleines Häuschen gemietet und lebten dort wie zwei Ehepaare.

Ihr Laster war allgemein und offiziell bekannt. Man sprach davon wie von einem ganz natürlichen Vorgang, der sie fast sympathisch machte und heimlich erzählte man sich seltsame Geschichten, Dramen fürchterlicher weiblicher Eifersucht, heimliche Besuche von bekannten Damen, von Schauspielerinnen, in dem kleinen Häuschen am Ufer.

Ein Nachbar, den diese Skandalgeschichten empörten, hatte die Polizei benachrichtigt und der Polizeiwachtmeister war mit einem Polizisten gekommen, um eine Untersuchung einzuleiten. Seine Sendung war schwierig. Eigentlich konnte man den Mädchen nichts vorwerfen, da sie sich nicht der Prostitution ergaben. Der erschrockene Wachtmeister, der wohl selbst nicht wußte, um was es sich eigentlich handelte, hatte die Untersuchung auf gut Glück geführt und dann einen großartigen Bericht geliefert, in dem er zu dem Ergebnis völliger Unschuld kam.

Bis Saint-Germain gab das Stoff zum Lachen.

Mit langsamen Schritten wie Königinnen gingen sie durch das Café Grenouillère. Sie schienen stolz auf ihre Berühmtheit zu sein, glücklich, daß die Blicke sich auf sie richteten. Sie fühlten sich erhaben über diesen Pöbelhaufen.

Madeleine und ihr Geliebter sahen sie kommen und die Augen des Mädchens leuchteten.

Als die beiden ersten sich dem Tische näherten, rief Madeleine:

– Pauline!

Die Große drehte sich um, blieb stehen, indem sie immer noch ihren weiblichen Mann am Arme führte.

– Da sieh mal einer an, Madeleine. Komm doch mal her mein Schatz.

Paul packte sein Mädchen bei der Faust. Aber sie sagte ihm mit solcher Miene: »Weißt Du, Kleiner, Du kannst machen, daß Du weiter kommst!« daß er schwieg und allein zurückblieb.

Nun schwatzten sie leise zusammen, alle drei, bei einander stehen bleibend. Sie schienen fortwährend zu lachen, sprachen schnell, und ab und zu blickte Pauline verstohlen Paul an, mit einem komischen, boshaften Lächeln auf den Lippen.

Endlich konnte er nicht mehr an sich halten, erhob sich plötzlich und stand mit einem Satz neben ihnen. Er zitterte an allen Gliedern, packte Madeleine beim Arm und sagte:

– Komm mit, ich wills! Ich habe Dir verboten mit diesem Lumpenpack da zu reden!

Aber Pauline erhob die Stimme und fing an, ihn mit ihren Marktweiberausdrücken zu überschütten. Alles lachte rundum. Man drängte heran, man hob sich auf die Fußspitzen, um besser zu sehen und er blieb stumm unter diesem Hagel von Schimpfworten stehen. Es war, als ob die Ausdrücke aus diesem Munde, die auf ihn niederprasselten, ihn beschmutzten wie Koth, und da ein fürchterlicher Skandal anfing, so wich er zurück, wandte sich um und lehnte sich auf das Geländer, das Gesicht dem Flusse zugewandt, indem er den drei triumphierenden Mädchen den Rücken drehte.

Dort blieb er stehen und starrte ins Wasser. Ab und zu wischte er mit heftiger Bewegung nervös eine Thräne aus den Augenwinkeln, als wollte er sie herausreißen.

Denn er liebte das Mädchen rasend, er wußte nicht warum, trotz aller Vernunft, ohne seinen Willen. Er war zu diesem Verhältnis gekommen, wie man in einen Sumpf gerät. Im Grunde von zartem, feinem Wesen hatte er nur von idealer hochstehender Liebe geträumt, und da hatte ihn dieser Knirps von einer Frau, dumm wie alle Dirnen, dumm zum Heulen, die nicht einmal hübsch war, mager und immer gallig, ganz in Besitz genommen. Sie besaß ihn von Kopf bis zu Fuß, Leib und Seele. Er unterlag dieser weiblichen Verzauberung, die niemand erklären kann, die allmächtig ist, dieser unbekannten Kraft, dieser wunderbaren Beherrschung, die kommt, man weiß nicht woher, vom Dämon des Fleisches, und die den feinfühligsten Mann irgend einer beliebigen Dirne zu Füßen wirft, ohne daß es für die fürchterliche Macht dieses Wesens irgend eine Erklärung giebt.

Und nun fühlte er, daß da hinter seinem Rücken eine große Gemeinheit verabredet wurde. Das Lachen, das er hörte, schnitt ihm ins Herz. Was sollte er thun? Er wußte es wohl, aber er konnte es nicht.

Starren Auges sah er einem Angler zu, der mit unbeweglicher Angelrute drüben am andern Ufer saß.

Plötzlich zog der Angler mit kräftiger Bewegung einen kleinen Silberfisch heraus, der am Haken zappelte.

Dann versuchte er den Angelhaken loszumachen, zog ihn hin und her, drehte ihn um, vergeblich. Da packte ihn die Ungeduld und er fing an zu zerren, so daß mit einem Pack Eingeweide der ganze blutige Rachen des Tierchens hängen blieb. Und Paul zitterte, selbst tötlich getroffen. Ihm war es, als ob dieser Angelhaken seine Liebe sei, und mußte er sie aus seinem Herzen reißen, so gliche seine ganze Brust mit zerfleischt werden und seine Eingeweide würden festsitzen an diesem Angelhaken, dessen Schnur Madeleine in der Hand hielt.

Eine Hand legte sich auf seine Schulter. Er fuhr herum. Das Mädchen stand an seiner Seite. Sie sprachen nicht mit einander, und sie lehnte sich, wie er, auf das Geländer und starrte ins Wasser.

Er rang nach Worten, er fand nichts, er konnte sich nicht einmal erklären, was in ihm vorging. Alles, was er empfand, war nur die Freude, sie an seiner Seite zu sehen, zu wissen, daß sie wieder gekommen sei, und dabei eine feige Scham, das Bedürfnis alles zu verzeihen, alles zu erlauben, wenn sie ihn nur nicht verließe.

Endlich nach ein paar Minuten fragte er sie mit weicher Stimme:

– Willst Du fort von hier? Es wäre vielleicht schöner im Boot.

Sie antwortete:

– Ja, mein Schatz.

Und er half ihr in das Boot steigen, hielt sie beim Arme, drückte ihre Hände, war ganz zärtlich geworden und ein paar Thränen standen ihm noch in den Augen. Da blickte sie ihn lächelnd an und sie küßten sich wieder.

Langsam fuhren sie den Fluß hinauf, immer am weidenbestandenen Ufer entlang, wo das Gras still in der Nachmittagswärme in das Wasser hinabhing.

Als sie zum Restaurant Grillon zurückkamen, war es kaum sechs Uhr. Sie ließen ihr Boot liegen und gingen zu Fuß auf die Insel gegen Bezons zu, über die Wiesen längs der hohen Pappeln, die am Flusse standen.

Das Gras war zum Schnitt reif und blumenübersät. Die untergehende Sonne warf rotes, strahlendes Licht darauf, und in der milden Wärme des sterbenden Tages mischte sich der Grasgeruch mit den Nebeldünsten des Flusses; eine süße Mattigkeit lag in der Luft, ein leises Glücksempfinden, wie ein Hauch von Wohlbehagen.

Eine weiche Müdigkeit überkam einen, eine Art von Gleichgestimmtsein mit diesem ruhigen Abendlicht, mit diesem unbestimmten, sonderbaren Rauschen des Laubes, mit dieser satten, melancholischen Poesie, die den Pflanzen, den Dingen zu entströmen schien und sich in dieser stillen heimlichen Stunde den Sinnen offenbarte.

Er fühlte es, aber sie hatte keine Spur von Verständnis dafür. Sie schritten Seite an Seite und plötzlich, da sie das Schweigen langwellte, fing sie an zu singen. Sie sang mit ihrer spitzen, falschen Stimme irgend einen Gassenhauer, der ihr gerade einfiel, der schrill die tiefe, heitere Harmonie des Abends zerriß.

Da blickte er sie an und fühlte zwischen sich und ihr einen unüberbrückbaren Abgrund. Sie streifte mit dem Sonnenschirm die Gräser auf der Wiese, senkte den Kopf, betrachtete ihre Füße und sang langgedehnte Töne und versuchte sogar Triller.

Ihre kleine, schmale Stirn die er so lieb hatte, war also leer, leer, nichts steckte darin als diese Kanarienvogelmusik, und die Gedanken, die zufällig sich darin bildeten, mochten auch nicht anders sein als diese Musik. Sie verstand ihn nicht. Innerlich waren sie einander doch fremd, als ob sie gar nicht zusammenlebten. Über die Lippen kamen die Küsse nicht hinaus.

Da hob sie die Augen zu ihm und blickte ihn lachend an. Das ging ihm durch und durch, er öffnete die Arme und in neuer Liebesglut umschlang er sie leidenschaftlich.

Da er ihr Kleid zerdrückte, machte sie sich endlich los und flüsterte, um ihn wieder gut zu stimmen:

– Ach, ich hab' Dich doch lieb, mein kleines Tierchen!

Er faßte sie um die Taille. Die Lust stieg in seinem Herzen auf und er lief ein Stück mit ihr davon. Dann küßte er sie auf die Wangen, auf die Schläfen, auf den Hals und sprang immer dabei umher. Atemlos ließen sie sich an einem Busche nieder, den die untergehende Sonne bestrahlte. Und ehe sie noch wieder zu Atem gekommen, einten sie sich in Liebe, ohne daß sie seine Erregung begriff. Sie kamen Hand in Hand den Weg wieder zurück, als sie plötzlich durch die Bäume hindurch auf dem Strome das Boot mit den vier Mädchen sahen. Die dicke Pauline hatte sie auch entdeckt, richtete sich auf und warf Madeleine Kußhände zu. Dann rief sie:

– Heute abend.

Madeleine antwortete:

– Heute abend.

Ein eisiges Gefühl ließ Pauls Herz erstarren.

Und sie gingen zu Tisch.

Sie setzten sich in eine Laube am Wasser und begannen schweigend zu essen. Als die Nacht hereingebrochen war, brachte man ein Licht in einer Glasglocke, die als Windschirm diente. Es bestrahlte sie mit zitterndem, schwachem Schein.

Aller Augenblicke hörte man von weitem eine Lachsalve der Ruderer, die im großen Saal oben im ersten Stock saßen.

Als sie beim Dessert waren, nahm Paul zärtlich Madeleines Hand und sprach:

– Ich bin sehr müde, Liebchen, wenn Dir's recht ist, gehen wir zeitig schlafen.

Aber sie verstand seine List, warf ihm einen rätselhaften Blick zu, jenen perfiden Blick, der so schnell im Weibesauge aufblitzt. Dann dachte sie einen Augenblick nach und antwortete:

– Du kannst ja zu Bett gehen, wenn Du willst. Ich habe versprochen auf den Ball in der Grenouillère zu kommen.

Er lächelte traurig, daß man ihm den tiefen Schmerz ansah, antwortete aber mit zärtlichem Ton:

– Es wäre so nett von Dir, wenn Du mit mir allein bliebest.

Sie schüttelte den Kopf, ohne ein Wort zu antworten.

Aber er bat noch einmal:

– Ich bitte Dich darum, Liebchen.

Da brach sie aber heftig ab:

– Du weißt, was ich Dir gesagt habe. Wenn Dir das nicht paßt, ist die Thür offen, kein Mensch hält Dich. Ich habe versprochen hinzugehen.

Er lehnte beide Ellbogen auf den Tisch, stützte die Hand hinein und blieb so, in schmerzlichen Träumen versunken, sitzen.

Die Ruderer kamen von oben brüllend herab. Sie fuhren in ihren Kähnen zum Ball nach der Grenouillère. Madeleine sagte zu Paul:

– Wenn Du nicht mitkommst – nun entscheide Dich – schnell, dann bitte ich einen der Herren, mich mitzunehmen.

Paul stand auf und murmelte:

– Gehen wir.

Und sie fuhren davon.

Die Nacht war dunkel, die Sterne standen am Himmel, ein warmer Hauch strich über den Fluß, der die Düfte von Gährung und Frühlingskeimen mit sich trug, daß er langsamer dahinstrich durch die Schwere seiner Last.

Er blies lau ins Gesicht, daß man schneller atmen mußte, so dick und schwer lastete er auf den Lungen.

Die Kähne setzten sich in Bewegung, am Vordersteven eine venetianische Laterne. Man konnte die einzelnen Boote nicht erkennen, nur die kleinen, farbigen Laternen glitten und tanzten schnell dahin wie schwärmende Johanniswürmchen, und von allen Seiten klangen Stimmen durch die Dunkelheit.

Das Boot der beiden jungen Leute fuhr langsam. Ab und zu, wenn ein Boot in vollem Schwung an ihnen vorüberschoß, tauchte einen Augenblick von der Laterne hell erleuchtet der weiße Rücken des Ruderers auf.

Als sie um die Flußbiegung kamen, sahen sie die Grenouillère von weitem liegen. Das festlich erleuchtete Etablissement war mit großen Laternen mit in Guirlandenform hängenden kleinen Lichtern und Papierballons geschmückt. Auf der Seine glitten langsam ein paar große Schiffe umher, die aus Lichtern dargestellte Dome, Pyramiden oder alle möglichen Monumente trugen. Leuchtende Laubgewinde zogen sich bis zum Wasser und ab und zu erschien an der Spitze einer riesigen, unsichtbaren Angelrute eine rote oder blaue Laterne wie ein mächtiger, hin- und herschwebender Stern.

Diese ganze Illumination warf rund um das Café ihren Schein, bestrahlte die großen Bäume von oben bis unten. Man sah am Ufer ihre Stämme sich grau abheben, dann im milchigen Grün ihre Blätter vom tiefen Dunkel der Felder und des Himmels.

Das Orchester, das aus fünf Vorstadtmusikanten bestand, ließ schon von weitem seine dünnen Tanzweisen ertönen, sodaß Madeleine wieder anfing, zu singen.

Sie wollte sofort hinein. Paul wünschte zuerst noch einmal durch die Insel zu streifen, aber er mußte ihr nachgeben.

Das Publikum hatte sich etwas gebessert. Die Ruderer waren beinahe allein mit einigen Bürgersleuten, und ein paar junge Menschen in Begleitung von Mädchen. Der Leiter und Arrangeur des Cancans, der da stattfinden sollte, sah ganz stattlich aus in seinem schwarzen, etwas verbrauchten Frack. Er drehte seinen Kopf, dem man den alten Tanzmeister, den vielgewandten Veranstalter von öffentlichen Lustbarkeiten ansah, nach allen Seiten.

Die dicke Pauline und ihre Begleiterin waren nicht da. Paul atmete auf.

Man tanzte. Die Paare, die einander gegenüber standen, machten allerlei Faxen, schmissen die Beine in die Luft bis zur Nase ihres Gegenübers.

Die Weiber verrenkten sich die Schenkel, sprangen, daß die Rücke flogen und die Unterkleider zu sehen waren. Mit wunderbarer Leichtigkeit schnellten sie die Füße über die Köpfe hinaus, warfen die Leiber, schwenkten die Hüften hin und her, daß der Busen zitterte und verbreiteten um sich einen starken Geruch schwitzenden Fleisches.

Die Männer ließen sich wie Frösche mit unanständigen Gebärden nieder, drehten sich Kreiseln gleich, schnitten Faxen und Gesichter, schlugen Rad oder bemühten sich möglichst komisch zu erscheinen oder mit lächerlicher Würde gute Manieren nachzuahmen.

Eine dicke Kellnerin und zwei Kellner bedienten.

Da das schwimmende Café keinen Abschluß nach der Seite hatte und nur ein Dach aus Segeltuch, so fand der wüste Tanz in freier Natur, mitten in der friedlichen Stille der Nacht angesichts des sternbesäten Himmels statt.

Plötzlich war es, als ob der Mont-Valérien da drüben hell würde, als brenne es hinter ihm. Der Schein wurde größer, schärfer, glitt allmählich über den ganzen Himmel, beschrieb einen leuchtenden Kreis von weißem fahlem Licht. Dann tauchte etwas Rotes auf, wuchs und wuchs, etwas brennend Rotes wie das Metall, das auf dem Ambos gehämmert wird. Langsam gewann es an Rundung und schien aus der Erde zu steigen. Endlich hob sich der Mond vom Himmel ab, stieg langsam hinauf und je höher er kam, desto mehr verblaßte die purpurne Farbe, ward gelb, von einem hellleuchtenden Gelb. Und je weiter sich das Gestirn entfernte, desto kleiner schien es zu werden.

Paul blickte seit langer Zeit hinüber und vergaß in Träumen und Betrachtungen sein Mädchen. Als er sich umdrehte, war sie weg.

Er suchte sie, konnte sie aber nicht finden. Er ließ sein ängstliches Auge über die Tische schweifen, lief hin und her, fragte den einen oder den anderen, niemand hatte sie gesehen.

So irrte er, von Unruhe gepeinigt, umher, als einer der Kellner ihm sagte:

– Sie suchen wohl Fräulein Madeleine? Die ist eben mit Fräulein Pauline fortgegangen.

Und in diesem Augenblick gewahrte Paul auf der andern Seite des Cafés den Matrosen und die beiden schönen Mädchen. Arm in Arm, wie sie flüsternd nach ihm spähten.

Jetzt begriff er und stürmte wie rasend der Insel zu. Zuerst lief er nach Chatou zu, aber als er die Ebene vor sich erblickte, drehte er um. Da durchsuchte er die Gebüsche, rannte verzweifelt hin und her und blieb machmal stehen, um zu lauschen. Überall hörte man den kurzen scharfen Ton der Frösche.

In der Nähe von Bougival zu sang irgend ein Vogel und leise klang aus der Entfernung der Ton herüber. Auf die weiten Rasenflächen goß der Mond sein weiches Licht wie Wattestaub, drang durch das Blätterdach, daß seine Strahlen über die silberglänzende Runde der Pappeln glitten, und zitterte wie leuchtender Regen in den leise rauschenden Wipfeln der hohen Bäume. Die Poesie dieses Abends war in Pauls Herz gezogen, ohne daß er es wollte. Sie durchdrang seine wahnsinnige Beklemmung und erschütterte sein Herz mit wilder Ironie, daß in seiner stillen nachdenklichen Seele jenes Bedürfnis nach idealer Liebe wuchs bis zur Wut, daß eine unendliche Sehnsucht ihn überkam, einer treu geliebten Frau sein Herz auszuschütten.

Er mußte stehen bleiben, um seinen Thränen freien Lauf zu lassen.

Als der Anfall vorüber gegangen war, lief er weiter.

Plötzlich war es ihm, als bekäme er einen Stich ins Herz: dahinten, hinter den Büschen, küßte man sich. Er lief hin. Es war ein Liebespaar, das bei seiner Annäherung eng umschlungen, Mund auf Mund, schnell entfloh.

Er wagte nicht zu rufen. Er wußte, daß sie nicht antworten würde und dann hatte er auch eine fürchterliche Angst, die beiden plötzlich zusammenzufinden.

Die ewige Wiederholung der Quadrille mit den herzzerreißenden Tönen der Trompete, dem falschen Lachen der Flöte, dem scharfen Kratzen der Violine schnitt ihm ins Herz, daß sein Leid noch wuchs. Die Musik wurde rasend, klang unter den Bäumen hin, machmal schwächer, manchmal stärker, je nach dem der Wind sie herübertrug.

Plötzlich sagte er sich, sie würde vielleicht zurückgekommen sein. Ja, sie war zurückgekommen, warum nicht. Er hatte ohne Grund den Kopf verloren, es war zu dumm, sich so verblüffen zu lassen durch allen möglichen Verdacht, der ihm seit einiger Zeit ins Herz geschlichen.

Und plötzlich trat in seinem Leid einer jener Ruhepunkte ein, den auch die größte Verzweiflung kennt und er kehrte zum Balle zurück.

Mit einem Blick übersah er den Tanzplatz. Sie war nicht da. Er lief um die Tische herum und plötzlich stand er wieder den drei Mädchen gegenüber. Er mußte ein komisches, verzweifeltes Gesicht gemacht haben, denn alle drei platzten heraus.

Da lief er davon, irrte wieder in die Insel hinein und zwängte sich keuchend durch das Unterholz.

Nun lauschte er wieder. Er horchte lange hinaus, denn es sauste ihm in den Ohren. Aber endlich war es ihm, als hörte er ein Stück entfernt ein kleines durchdringendes Lachen, das er genau kannte, und ganz langsam, vorsichtig kriechend, die Zweige auseinander biegend, schlich er sich heran und sein Herz klopfte, so daß er fast nicht mehr atmen konnte.

Zwei Stimmen sprachen miteinander Er konnte die Worte noch nicht verstehen. Plötzlich schwiegen sie.

Da überkam ihn eine unendliche Lust zu entfliehen, nur nichts zu sehen, nichts zu erfahren, auf immer davon zu gehen, um nur dieser fürchterlichen Leidenschaft zu entfliehen, die ihn tötete. Er wollte wieder nach Chatou zurück, in den Zug steigen und dann würde er nie wieder hierher zurückkommen, sie nie wiedersehen. Aber plötzlich tauchte ihr Bild vor ihm auf und er dachte daran, wie sie früh aufwachte im warmen Bett, wie sie sich an ihn schmiegte, die Arme ihm um den Hals legte, mit dem aufgegangenen Haar, das ein wenig in die Stirne hing, mit den noch geschlossenen Augen und den zum ersten Kuß geöffneten Lippen. Und die plötzliche Erinnerung jener morgendlichen Zärtlichkeit überkam ihn mit unendlicher Sehnsucht.

Jetzt sprach man wieder. Gebückt schlich er heran. Da klang ein leiser Schrei unter dem Gezweige, ganz nahe bei ihm. Ein Schrei, einer jener Liebesrufe, die auch er von ihr vernommen im Augenblicke höchster Lust. Immer näher schlich er sich heran fast wider Willen, es zog ihn unwiderstehlich an, er war wie bewußtlos und .... er sah sie.

O wenn das andere ein Mann gewesen wäre! Aber das! – Es war ihm, als legte ihn ihre Gemeinheit in Ketten, und er blieb dort stehen, sprachlos, wie vernichtet, als ob er plötzlich den verstümmelten, Leichnam eines geliebten Wesens gesehen, ein fürchterliches Verbrechen wider die Natur, eine schmutzige Entweihung.

Da schoß ihm plötzlich ein Gedanke durch den Sinn und er dachte an den kleinen Fisch, dem da drüben der Angler die Eingeweide ausgerissen. Aber Madeleine flüsterte: »Pauline!« mit demselben Ton der Leidenschaft wie sie zu sagen pflegte: »Paul!« Und ein solcher Schmerz durchzuckte ihn, daß er davon lief, was ihn die Füße tragen konnten.

Er stieß an zwei Bäume, fiel über eine Wurzel, erhob sich wieder und stand plötzlich am Fluß, an dem reißenden, hell vom Mondlicht bestrahlten Arm. Die heftige Strömung wirbelte und schäumte und das Licht flimmerte darauf. Auf der anderen Seite erhob sich das steile Ufer wie ein Felsen, zu dessen Füßen sich ein dunkler Streifen hinzog: der tote Arm im tiefen Schatten.

In heller Beleuchtung lagen auf dem jenseitigen Ufer die Landhäuser von Croissy. Paul sah das alles wie im Traum, wie in der Erinnerung nur, er dachte an nichts, er verstand nichts; und alles, sogar seine ganze Existenz hatte für ihn nur noch etwas Unbestimmtes, Fernes, Vergessenes, etwas, das hinter ihm lag.

Dort floß der Strom. Begriff er sich selbst? Wollte er sterben? Er war verrückt und doch wandte er sich nach der Insel zurück, zu ihr. Und in die ruhige Nachtluft, durch die immer noch beharrlich die schwachen Töne der Ballmusik klangen, klang mit verzweifelter, übermenschlicher, scharfer Stimme sein fürchterlicher Schrei: – Madeleine!

Der herzzerreißende Ruf tönte in die weite Stille des Himmels hinaus, über den ganzen Horizont.

Dann sprang Paul mit einem mächtigen Satz wie ein Tier in den Fluß. Das Wasser spritzte auf, schloß sich, und von der Stelle, wo er verschwunden war, zogen Wellen ihre Kreise, die bis zum anderen Ufer glitzernde, kleine Kämme trieben.

Die beiden Mädchen hatten ihn gehört. Madeleine richtete sich auf.

– Das ist Paul.

Ein Verdacht fiel ihr in die Seele und sie sagte:

– Er hat sich ertränkt.

Sie stürmte ans Ufer. Die dicke Pauline folgte ihr.

Ein schweres Boot, von zwei Männern geführt, fuhr an einer Stelle hin und her. Einer der Schiffer ruderte und der andere stocherte mit einem großen Bootshaken im Wasser herum, als suchte er etwas.

Pauline rief:

– Was machen Sie denn da? Was ist denn?

Eine fremde Stimme antwortete:

– Es hat sich eben ein Mann ertränkt.

Die beiden Frauen folgten mit starren Blicken, eng aneinander gepreßt, den Bewegungen der Barke. Aus der Ferne klang noch immer die wüste Musik der Grenouillère, als begleite sie die Arbeit der düsteren Fischer. Und der Fluß, der nun eine Leiche barg, wirbelte im Lichte hin und her.

Sie suchten immer länger und Madeleine schauerte zusammen bei diesem fürchterlichen Warten. Endlich nach wenigstens einer halben Stunde sagte einer der Männer:

– Ich hab' ihn. Ich hab' ihn.

Und er zog leise, ganz vorsichtig seinen langen Bootshaken heraus. Dann erschien ein großer Gegenstand an der Oberfläche. Der andere Schiffer ließ die Ruder los und beide zogen mit vereinten Kräften die leblose Masse an Bord und warfen sie ins Boot.

Dann fuhren sie an Land und suchten eine niedrige, beleuchtete Stelle. Als sie an Land stießen, kamen die Mädchen dazu. Madeleine wich entsetzt zurück, als sie ihn erkannte. Beim Lichte des Mondes sah er schon grün aus, Mund, Augen, Nase, Kleider voll Schlamm. Seine zusammengekrampften, starren Finger waren fürchterlich. Über den ganzen Körper lag eine Art schwarzer Schleim. Sein Gesicht sah geschwollen aus und aus seinen zusammengeklebten Haaren tropfte unausgesetzt schmutziges Wasser.

Die beiden Männer betrachteten ihn und der eine sagte:

– Kennst Du ihn?

Der andere, der Bootsmann, der in Croissy übersetzte, zögerte einen Augenblick:

– Ja, mir ist so, als ob ich ihn schon mal gesehen hätte. Aber weißt Du, das ist nun schwer zu sagen.

Dann fügte er plötzlich hinzu:

– Natürlich, Herr Paul ist es.

Sein Kamerad fragte:

– Wer ist der Herr Paul?

Und der erste antwortete:

– Na, Herr Paul Baron, der Sohn des Senators weißt Du, der Kleine, der so verliebt war.

Der andere fügte philosophisch hinzu:

– Na, der lacht nun nicht mehr. 's ist trotzdem schade, wenn man soviel Geld hat.

Madeleine war zu Boden gesunken und schluchzte.

Pauline trat an die Leiche heran und fragte:

– Ist er denn wirklich tot?

Die Männer zuckten die Achseln:

– Na, nach solanger Zeit ganz sicher.

Dann fragte einer von den beiden:

– Wohnte er nicht bei Grillon?

Der andere sagte:

– Ja. Wir wollen ihn doch hinbringen, da giebt's ein Trinkgeld.

Sie stiegen wieder in ihr Boot und fuhren davon, langsam wegen der starken Strömung. Und lange Zeit noch, als man sie von der Stelle, wo die Mädchen stehen geblieben waren, nicht mehr sah, hörte man in der Dunkelheit den Schlag der Ruder.

Dann nahm Pauline den Arm der weinenden Madeleine, that schön mit ihr, streichelte sie, küßte sie lange und tröstete sie:

– Ach was, Deine Schuld war's doch nicht; nicht wahr? Man kann die Männer doch nicht hindern, Dummheiten zu machen. Er hat's eben gewollt, schlimm genug für ihn.

Dann richtete sie Madeleine auf:

– Na, nu komm Liebchen. Du kommst mit zu uns schlafen. Du kannst doch nicht heute abend noch zu Grillon gehen.

Sie gab ihr wieder einen Kuß und sprach:

– Paß mal auf, wir wollen Dich schon wieder heilen.

Madeleine erhob sich; sie weinte zwar noch immer, aber ihr Schluchzen wurde schwächer. Sie lehnte ihren Kopf an Paulinens Schulter und ging mit ihr ganz langsam davon, wie im Schutze einer innigeren, zuverlässigeren Liebe, vertraulich und vertrauend.

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