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Gutenberg > Ernst Wichert >

Das Grundstück

Ernst Wichert: Das Grundstück - Kapitel 4
Quellenangabe
typenovelette
authorErnst Wichert
booktitleLitauische Geschichten
titleDas Grundstück
publisherWegweiser-Verlag G. m. b. H.
editorPaul Wichert
year
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081028
projectid4f086d87
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Er setzte eine wichtige Miene auf. »Du mußt ihm zeigen, daß es dein Ernst ist,« ließ er sich vernehmen, »daran glaubt er offenbar noch nicht. Er möchte dich schrauben, das merkst du wohl. Hat er erst die Klage, so wird vernünftiger mit ihm zu reden sein.«

»Mache mir die Klage«, sagte sie nach kurzem Besinnen. »Es geht nicht anders.«

Petrusch war eifrig dabei. Er betrieb den Scheidungsprozeß durch einen Anwalt, den er mit Beweismaterial versah, und der Fall lag ja auch so klar, daß Einwendungen kaum möglich waren. Freilich konnten noch Monate vergehen, bis die Zeugen vernommen waren und das Urteil gesprochen wurde.

Indessen hatte Jurrey seine Strafe verbüßt. Eines Tages kam er nach Hause zurück, sagte »guten Tag«, als ob er einen Besuch in der Nachbarschaft gemacht hätte, ließ sich etwas zu essen und zu trinken auftragen und begab sich an seine gewohnte Arbeit. Dem Knecht und der Magd gegenüber benahm er sich ganz wie der Herr. »Hier habe ich zu befehlen«, sagte er, als ihm einmal auf Anordnung der Frau widersprochen wurde, so laut, daß Edme es über den Hof hin hören konnte, und als Davids Petrusch sich nach seinem Geschmack zu oft einfand, schnaubte er ihn an: »Was willst du hier alle Tage? Hast du nichts Besseres zu tun, als die Leute gegen mich aufzuwiegeln? Ich leide diese Durchsteckereien mit meiner Frau nicht weiter.«

»Hoho!« rief Petrusch, »du vergißt, daß ich hier in meinem Hause bin.«

»In deinem Hause?«

»Du hast es mir ja selbst verschrieben.«

»Lächerlich!«

»Dem Gericht erscheint's nicht so lächerlich. Frage doch nach, wem das Grundstück gehört.«

»Ja, auf dem Papier!«

»Das ist ganz genug. Was auf dem Papiere steht, wird auch von der Polizei respektiert. Es ist ganz in mein Belieben gestellt, ob ich dich hier leiden will.«

»Immer toller!« »Und wenn ich dich nicht länger leiden will, darf ich nur dem Herrn Wachtmeister ein Wörtchen sagen –«

»Versuch's doch! Ich aber brauche den Herrn Wachtmeister gar nicht, sondern fasse dich am Kragen, wenn du noch viel muckst, und setze dich auf die Straße. Mit so einem werde ich noch allein fertig.« Er pfiff durch die Zähne.

»Das werden wir ja sehen«, eiferte der Schreiber. Er beschwerte sich bei Edme. »Laß ihn jetzt in Ruhe,« sagte sie, »ich will keinen Lärm haben. Wenn wir geschieden sind, muß er ja doch abziehen, falls ich es verlange. Er will sich nicht vergleichen, nun wird er gar nichts haben. Für jetzt aber ist er noch immer mein Mann.«

Petrusch schwieg. Es schien ihm noch nicht an der Zeit, den letzten Trumpf auszuspielen. Als dann aber die Scheidung ausgesprochen war und Jurrey gleichwohl tat, als ob sich nichts verändert hätte, nahm er eines Sonntags nach der Kirche Edme beiseite und fragte sie, was denn nun geschehen solle. »Ich will mit ihm sprechen,« antwortete sie, »er wird ja doch einsehen, daß er nicht mit dem Kopfe durch die Wand kann.«

Aber das sah er nicht ein. »Eheleute sind wir freilich nicht mehr,« sagte er sehr ruhig, »aber das Grundstück gehört uns noch gemeinsam, und bevor wir bei Gericht auseinandergerechnet haben, steht mir daran ebensoviel Recht zu als dir.«

Sie erschrak. »Das glaubst du doch selbst nicht.«

»Das ist meine Meinung, und du wirst von jedermann hören, daß sie die richtige ist, außer vielleicht von dem lahmen Hund, dem Petrusch, der dich gegen mich aufhetzt.«

»So geh' doch aufs Gericht«, rief sie feuerrot, »und bringe deine Klage an.«

»Geh' du,« entgegnete er, »mir eilt's nicht so, auseinanderzukommen. Es gefällt mir hier ganz gut, und meinetwegen kann's so bleiben bis an den Jüngsten Tag.« Er wandte sich ab und ließ sie stehen.

Nun lief sie zu Petrusch und klagte ihm ihre Not. »Hilf mir, daß ich ihn loswerde!«

»Da siehst du nun selbst,« sagte er, »daß man gegen ihn Gewalt brauchen muß. Er ist ein unverschämter Mensch. Du freilich kannst gegen ihn nichts ausrichten, aber ich habe gottlob die Mittel, ihn dir vom Halse zu schaffen. Ich will sie anwenden, nur darfst du mir dann auch keinen Einspruch tun. Wir beide sind wie eins. Das darfst du nicht vergessen, was auch geschehe. Sonst zwingen wir ihn nicht.«

Bald darauf kam er denn auch wirklich mit dem Wachtmeister angefahren. »Meine Geduld ist zu Ende«, sagte er in dessen Gegenwart zu Szelags. »Ich habe dich im guten aufgefordert, mein Grundstück zu verlassen, aber du rührst dich nicht. Nun sollst du sehen, daß ich keinen Spaß treibe. Packe deine Sachen zusammen und mach' dich fort.« Er zog die Ausfertigung des Kontrakts aus der Tasche, hielt sie ihm vors Gesicht und zeigte mit dem Finger auf das Siegel.

Jurrey schlug ihm das Papier aus der Hand, so daß es zur Erde fiel. »Mache dich doch nicht selbst zum Narren«, riet er ihm. »Was willst du damit?«

»Herr Wachtmeister, Herr Wachtmeister!« rief der Schreiber. »Sie sind mein Zeuge! So behandelt er ein gerichtliches Dokument! Sie haben es selbst gelesen. Bin ich hier auf meinem Eigentum oder nicht?«

»Sei verständig, Szelags«, mahnte der Gendarm. »Was da geschrieben steht, ist ja doch nicht wegzuleugnen. Petrusch hat das Grundstück gekauft.«

»Das ist nicht wahr«, rief Jurrey. »Es sieht wohl so aus; aber sobald ich will, muß er's zurückgeben.«

»Du?« schrie Petrusch ihn an.

»Ich und Edme.«

»Dann kann ich nichts tun«, meinte der Gendarm, indem er sich zu Petrusch wandte. »Wenn Szelags nicht freiwillig räumen will, so muß das Gericht ihn dazu anhalten. Die Polizei mischt sich da vorläufig nicht ein. Ich merke wohl so ungefähr, wie's steht, aber das geht mich nichts an. Vernünftig zu reden ist ja doch mit euch nicht. Ihr haltet nicht eher Ruhe, bis keiner mehr etwas hat.«

»Wenn ich mein Geld herausbekomme,« sagte Jurrey so über die Schultern hin, »so will ich gehen.«

»Wo ist das Geld, das dir der Krüger gegeben hat?« rief die Frau.

Jurrey lachte. »Das liegt vergraben unter dem sechsundzwanzigsten Chausseestein, von links an der Ecke angefangen, wo die drei Grashalme stehen – ha, ha, ha! Geh' hin und such' es.« –

»Es ist alles Schein«, behauptete Szelags vor dem Richter.

Der Schreiber bestritt eifrig. Beim Hinausgehen stieß er ihn an. »Siehst du denn nicht, daß du alles verlierst, wenn du den Prozeß gegen mich gewinnst?« fragte er ihn.

»Das ist mir nun schon ganz gleich«, entgegnete Jurrey. »Verliere ich, so sollen andere auch verlieren.«

Er sollte Beweise dafür beibringen, daß der Kaufvertrag nur zum Scheine geschlossen sei. »Ja –,« sagte er, »als wir das besprochen hatten, ist natürlich niemand sonst zugegen gewesen.«

»So wird Petrusch schwören müssen«, meinte der Advokat.

Jurrey schüttelte den Kopf. »Der schwört falsch. Aber die Edme will ich als Zeugin berufen. Sie wird nicht gegen sich selbst aussagen.«

Die Edme! Das war ein Zug, auf dessen Schlauheit er sich etwas einbildete. In diesem Netze fing er Petrusch und sie zugleich.

Als die Vorladung an Edme kam, geriet sie in große Unruhe. »Was soll ich denn nun aussagen?« fragte sie Petrusch. »Es ist doch wahr.«

»Was ist wahr?« fragte er zurück.

»Daß du nur zum Scheine gekauft hast.«

»Ich? Da bist du im Irrtum. Ich habe in wahrer Absicht gekauft.«

Edme sah ihn verwundert an. »Das magst du einem sagen, der es nicht besser weiß. Ich erinnere mich ganz gut, was gesprochen ist.«

»Es ist gesprochen, daß du und dein Mann ganz ernstlich verkaufen müßtet, sonst könnte der Vertrag nicht halten.«

Ein stechender Blick aus ihren grauen Augen schien ihn ausforschen zu wollen. »Jawohl,« antwortete sie, »aber wir wußten auch, wie es gemeint sein sollte.«

»Wie sollte es gemeint sein?« fragte er dreist zurück. »Was willst du denn? Wenn ich den Prozeß verliere, ist es doch vornehmlich dein Schade. Dann wirst du dich mit ihm auseinandersetzen müssen, und du merkst ja, worauf er abzielt. Alle meine Bemühungen für dich sind umsonst gewesen.«

»Für mich?« fragte sie mit scharfer Betonung.

»Für wen sonst? Für Jurrey hätt' ich nicht die Hand gerührt. Aber weil ich dir und deinen Kindern nützlich sein wollte, nahm ich das Grundstück an.«

»Und mir willst du's hinterher zurückgeben?« fragte sie gespannt.

Petrusch krümmte sich, als ob er Leibschneiden hätte, legte den Kopf auf die rechte und auf die linke Schulter hinüber, schnalzte mit der Zunge und zeigte die schwarzen Zahnstummel. »Was du neugierig bist!« sagte er. »Laß doch jedem Tage seine Sorge! Bin ich dir etwas schuldig, so braucht das nicht bestärkt zu werden. Ich hoffe, du vertraust mir heute wie gestern. Was geschehen ist und was künftig geschieht, das sind zwei besondere Dinge. Ich habe ganz ernstlich das Grundstück gekauft. Ob ich's behalte, ist eine ganz andere Frage, die den Richter nicht kümmert. Ich meine, du kannst den Eid mit gutem Gewissen leisten.«

Das leuchtete Edme keineswegs ein. Aber da er mit den Augen blinzelte und ihr so zu verstehen gab, daß es nicht gut sei, über diesen Gegenstand weiter zu sprechen, schwieg sie und reichte ihm nur die Hand zu, die er ebenso schweigend schüttelte. Sie meinte, recht gut zu begreifen, was er im Sinne hatte. Wenn er ehrlich ... Hm! Und sie hatte doch nur zwischen ihm und Jurrey die Wahl, auf den nun schon gar kein Verlaß war. Leistete sie den Eid nach der Wahrheit, so hatte er sie ganz in seiner Gewalt. Und wer wollte ihr denn nachweisen, daß sie ihn nicht nach der Wahrheit geleistet hatte? Es sah doch niemand in sie hinein, was sie damals eigentlich in Gedanken gehabt.

So handelte es sich bei diesen quälenden Erwägungen für sie vielmehr um die Frage der Nützlichkeit als der Gewissenhaftigkeit. Einmal auf diesem abschüssigen Wege, war nun kein Halten mehr. Als sie aufs Gericht ging, war ihr Entschluß gefaßt. Sie gab ihre Aussage mit aller Sicherheit dahin ab, sie wüßte von solchen Verabredungen nichts, wie sie Jurrey behauptet hätte. Um seine Gläubiger auszuschließen, sei das Grundstück ganz ernstlich an Petrusch verkauft, der ihr und ihren Kindern den Unterhalt sicherte. Sie wären sonst Bettler geworden. Was verschrieben sei, habe gerade so auch verschrieben werden sollen. Gerade so.

Jurrey war ganz starr vor Staunen. »Und es ist nicht verabredet,« fragte er, »daß das Grundstück an uns zurückverkauft werden sollte?«

»Nein«, antwortete sie. »Es ist wohl davon gesprochen, daß so etwas künftig einmal geschehen könnte, aber es ist nichts festgemacht.«

»Und das willst du beschwören, Edme?«

»Das will ich beschwören.«

»Sie leistet einen falschen Eid, Herr Richter«, rief Jurrey.

»Sie ist deine eigene Zeugin«, ließ dieser ihm durch den Dolmetscher sagen. »Willst du auf ihr Zeugnis verzichten?«

»Nein, sie soll schwören«, antwortete Jurrey, die Faust ballend. »Sie soll ihre Seele dem Teufel verschwören, wenn sie vor Gott keine Furcht hat. Aber sie soll den Eid leisten vor dem großen Kruzifix und auf der schwarzen Decke und bei offenem Fenster. Ich hoffe, sie besinnt sich dann noch.«

Der Richter fühlte sie in das Schwurzimmer, vermahnte sie nochmals, die Wahrheit zu sagen, und hielt ihr eindringlich die Strafen vor, die der Meineidige hier und im Jenseits zu erwarten habe. Der Sekretär mußte seine Worte litauisch wiederholen, und er übersetzte sie ihr in so kernigen Ausdrücken, daß ihr an der Bedeutung kein Zweifel bleiben konnte. »Hast du verstanden?« fragte er noch ausdrücklich.

»Ich habe verstanden«, antwortete sie leise, aber bestimmt.

»Und du willst schwören?«

Ein kalter Schauer überlief sie, und ihre Lippen wurden bleich. Sie sah flüchtig zu Petrusch hinüber, der in der Ecke stand und gar nicht mitgesprochen hatte. Kaum merklich nickte er mit dem Kopfe. »Ja,« sagte sie, »ich will schwören.«

»So leg' die rechte Hand aufs Herz und sprich mir nach –«

Jurrey trat auf sie zu. »Edme, bedenke –«

»Nun ist's genug«, wehrte der Richter ab. »Die Zeugin darf nicht belästigt werden.«

»Ich schwöre – bei Gott dem Allmächtigen – und Allwissenden – daß ich ...«

Der Litauer sprang ans Fenster und stieß es auf. Edme stockte einen Augenblick. Sie wußte, daß er dem Teufel leichteren Eintritt verschaffen wollte. »Daß ich«, stotterte sie, »nach bestem Wissen – die reine Wahrheit gesagt ...« Dann aber faßte sie sich und sprach die Formel des Eides bis zum »Amen« mit fester Stimme.

»Du siehst,« flüsterte Petrusch beim Hinausgehen Szelags in spöttischem Tone zu, »der Teufel hat ihre Seele nicht ergriffen.«

»Er hat sie schon,« antwortete Jurrey verbissen, »verlasse dich darauf! Und die deinige fliegt mit ins höllische Feuer.«

»Da wird sie im Winter nicht frieren«, spottete der Schreiber. Der Prozeß war für Szelags verloren. Er mußte das Grundstück verlassen und wartete nicht erst ab, bis der Exekutor kam. »Oh, wie dumm du gewesen bist«, rief er Edme beim Abschied zu. »Das Grundstück hast du dir abgeschworen. Gib acht! Der Petrusch sitzt schon darauf.«

Er hing sein Bündel auf den Stock, legte ihn über die Schulter und ging pfeifend fort. Er schritt am Marktflecken vorüber und nach dem Hofe des Rayschus. Dort rief er Mare heraus. »Ich bin jetzt wieder ein Losmann«, sagte er, »und habe keine Lust, mich als Knecht zu verdingen, da ich doch einmal Wirt gewesen bin. Kommst du mit mir?«

»Wohin gehst du?« fragte sie, indem sie den Arm um seinen Hals legte.

»Nach der Grenze. Da gibt's für Leute zu tun, die reiten können und Mut haben und ihr Leben für nichts achten.«

»Du willst für die russischen Juden schmuggeln, Jurrey?«

»Ja, und meinetwegen auch für die christlichen Kaufleute in Memel. Wer am besten bezahlt, hat mich.«

»Sie werden dich fangen, Jurrey, und nach Sibirien schleppen. Es ist ein neuer Oberst angekommen, der soll sehr streng sein. Du kennst auch noch nicht die geheimen Wege und Stege drüben.«

»Es will alles erlernt sein«, sagte er leichthin. »Fürchte übrigens nicht, daß sie mich fangen. Ehe ich mich so einem Hunde von Kosaken ergebe, schieße ich mich lieber selbst vom Pferde. Willst du meine Wirtin sein, Mare?«

»Warum nicht?« antwortete sie, ihn küssend. »Es ist viel Geld zu verdienen, und wer Geld hat und frei ist, kann lustig leben. Wir wollen lustig leben – wir sind noch jung –, was die Leute von uns sagen, kümmert uns nicht. Bei Rayschus hätt' ich doch nicht bleiben können. Deine Mutter will das Kind nicht länger behalten, weil die Edme dich doch hat laufen lassen. Nun ist sie ihr nicht mehr verpflichtet, Wort zu halten, und meinetwegen hat sie sich mit dem Jungen nicht gequält. Der Rayschus kann eine Magd mit dem Kinde nicht brauchen. Wenn ich zu dir komme – kann ich den Ansas mitnehmen?«

»Wir wollen erst sehen, wie wir uns einrichten,« meinte er, »späterhin kannst du ihn abholen. Was will meine Mutter tun? Auf die Landstraße darf sie das Kind doch nicht legen.«

»Wirst du mit dem Rayschus sprechen?« »Das soll sogleich geschehen.« Sie gingen hinein. –

Kurze Zeit, nachdem vom Gericht das Erkenntnis ausgefertigt war, ließ Davids Petrusch Edme sagen, sie möchte ihm das Fuhrwerk schicken; seinem lahmen Beine werde der Weg zu schwer.

Sie meinte, er wolle noch etwas mit ihr besprechen, und ließ anspannen. Nicht wenig verwundert war sie aber, als er gegen Abend nicht nur selbst kam, sondern auch den Wagen mit seinen Sachen beladen hatte, so daß die Pferde schwer durch den Sand keuchten. »Was bringst du mir da?« fragte sie wenig freundlich.

»Mein Mobiliar«, antwortete er. »Wozu soll ich länger noch zur Miete wohnen, wenn ich doch ein Grundstück habe?«

Das konnte wieder scherzhaft gemeint sein, aber es klang Edme doch nicht so. »Wie soll ich das verstehen?« erkundigte sie sich daher, während er mit seinem lahmen Fuße langsam hinabkletterte.

»Gerade wie es gesagt ist«, entgegnete er. »Ich habe beschlossen, hierher zu ziehen.«

»Aber wie kommst du darauf? Es ist kein Platz für dich.«

»Für den Wirt muß doch immer Platz sein – he, he, he!«

»Für den Wirt?«

»Gewiß. Du weißt ja doch, wem das Grundstück gehört.«

»Laß die schlechten Späße, Davids«, mahnte sie ein wenig ärgerlich. »Bei mir sind sie nicht gut angebracht.«

»Aber von schlechten Späßen ist gar nicht die Rede. Ich ziehe hier an.« Er knotete den Strick auf, der die Bettstelle, den Tisch, den Stuhl, das Bücherregal, einen alten Kasten und einen gestickten Sack überspannte.

»So zieh' nur gleich wieder ab«, rief Edme. »Ich habe dir schon gesagt: hier ist für dich kein Platz.«

»Dann wird er wohl geschafft werden müssen«, antwortete er ganz ruhig und ohne sich in seiner Arbeit stören zu lassen. »Meine Ansprüche sind übrigens bescheiden. Ich sehe wohl ein, daß du mich nicht in der Stube schlafen lassen kannst, aber mein Tisch und Stuhl werden am Fenster stehen können, und das Bücherbrett findet leicht einen Nagel in der Wand. Zur Nacht will ich vorläufig gern mit der Kammer vorliebnehmen, in der Jurrey bisher geschlafen hat. Mein Bett bringe ich mit.«

»Das ist aber doch zu toll«, schalt sie. »Du kommst ungebeten und fragst nicht einmal, ob du mir genehm bist.«

Er lud die Sachen Stück nach Stück ab. »Wozu habe ich das nötig? Wer viel fragt, bekommt viel Antwort, und sie paßt ihm vielleicht nicht. Willst du mir helfen, das da hineinbringen?«

»Es bleibt draußen!«

»Nein, es kommt hinein, mein Täubchen.« Er rief die Magd herbei und gab ihr seine Anweisungen.

Edme war so verdutzt, daß sie weiter keinen Einspruch erhob. Erst in der Stube, wo er seinen Tisch herumrückte, um ihm das beste Fensterlicht zukommen zu lassen, fuhr sie ihn zornig an. »Jetzt will ich aber wissen, woran ich mit dir bin! Was willst du hier?«

»Von meinem Grundstücke Besitz nehmen«, entgegnete er mit ungewöhnlich scharfem und festem Ton.

»Du bist ein Unverschämter!« rief sie. »Ich denke, du weißt recht gut, was wir verabredet haben. Mit mir sollst du nicht so umspringen wie mit Jurrey.«

»Aber weshalb ereiferst du dich? Die Sache ist ja doch jetzt ganz klar. Ich habe das Grundstück gekauft, und es gehört mir.«

»Das ist eine nichtswürdige Lüge!«

»Du hast es ja selbst gesagt und beschworen«, grinste er.

Edme wurde blaurot im Gesicht. »Ja – weil – auf deinen Rat ...« stammelte sie.

»Gleichviel.«

»Ich gehe morgen aufs Gericht und klage gegen dich.«

Er knipste mit den Fingern in die Luft. »Das wirst du bleiben lassen, mein Herzchen. Was du ausgesagt hast, steht in den Akten, und du hast einen Eid darauf geschworen. Willst du nun behaupten, daß es die Unwahrheit war, so wird man dir nicht glauben. Wenn man dir aber glaubt, so hast du einen Meineid geleistet und kommst ins Zuchthaus.«

»Betrüger!« knirschte sie.

»Für mich hast du die Wahrheit gesagt,« versicherte er, »die reine Wahrheit. Ich muß dir auch in aller Freundschaft raten, dabei zu bleiben. Denn der Herr Staatsanwalt hat ein feines Ohr, und es würde mir unlieb sein, wenn er etwas hörte, wovon er nichts wissen darf. Gib dich zur Ruhe – es ist, einmal nicht anders. Ich bin dein guter Freund nach wie vor, und ich hoffe, wir werden uns recht gut vertragen.«

Edme wälzte sich die ganze Nacht ohne Schlaf auf ihrem Lager herum. Sie kam sich wie an Händen und Füßen gefesselt vor und zog die Stricke doch nur fester an, je ungeduldiger sie sich befreien wollte. Nun war es sicher: Petrusch hatte mit ihr falsches Spiel gespielt. Auf das Grundstück war's abgesehen! Mit ihrer Hilfe hatte er Jurrey abgeschoben, und Jurrey konnte ihr jetzt nicht mehr helfen, dem Betrüger seine Beute zu entreißen. Er hatte recht: sie mußte sich selbst meineidig machen, wenn sie den Richter gegen ihn anrufen wollte. Im eigenen Netze hatte sie sich gefangen.

Sie ging am andern Tage nicht aufs Gericht, und auch am dritten nicht, und überhaupt nicht. Davids Petrusch wurde ihr aber stündlich verhaßter. Sie konnte nicht an ihm vorübergehen, ohne ihm wütende Blicke zuzuwerfen oder vor ihm auszuspeien. Sie nannte ihn einen Schuft und Lügner; am liebsten hätte sie ihm die Augen ausgekratzt, die immer so listig blinzelten. Es gab auf der ganzen Welt keinen Menschen, den sie mehr verachtete. Er schien das gar nicht zu merken, lachte sie aus, wenn sie zornig wurde, gab ihr allerhand Schmeichelnamen, suchte die Kinder an sich heranzuziehen und erzählte den Nachbarn, daß es ihm durchaus wohlergehe.

Edme marterte ihren Kopf mit Gedanken, wie sie sich gegen ihn Recht schaffen könne. Zähneknirschend mußte sie doch schweigen. Das Grundstück gehörte ihr in der Tat nicht mehr. Der Eid – der Eid! Nun fing er ihr erst an aufs Gewissen zu fallen. Wie dumm, wie furchtbar dumm war sie gewesen! Und wie schlecht! Sich in eines solchen Menschen Gewalt zu begeben und gegen Gott zu versündigen!

Es fraß ihr an der Leber. Sie wurde gelb im Gesicht und magerte ab. Jeden Sonntag fuhr sie zur Kirche. Petrusch saß neben ihr im Wagen, und sie mußte ihn dulden, da er ihr sonst kein Fuhrwerk gab. Bald besuchte sie auch noch in der Woche ein- oder zweimal die Versammlungen eines Stundenhalters, der in dem Gerüche großer Frömmigkeit stand und die Bibel besser auslegte als der Herr Pfarrer. Sie fand doch keine Ruhe – Gott wollte sich ihre Sünde nicht abbitten lassen. Und wie dumm war sie gewesen!

Eines Nachmittags, als sie im Garten die Kürbisse aufband, trat Petrusch, auf seinen Stock gestützt, zu ihr und sah ihr auf die Hand. »Du sorgst für alles,« sagte er, »und ich muß dir dankbar sein.«

»Es geschieht wahrlich nicht für dich«, antwortete sie, den Kopf wendend. »Ich denke doch«, meinte er; »es geschieht für das Grundstück.«

»Ja«, sagte sie.

Nach einer Weile begann er wieder: »Du weißt, daß ich volle Macht darüber habe. Ich kann es jederzeit verkaufen, wenn ich will. Ich will aber nicht. Es könnte leicht alles nach deinen Wünschen gehen – unter einer Bedingung.«

Sie sah auf. »Unter welcher Bedingung?«

»Hm!« machte er, »daß du mich heiratest.«

Die Wirkung dieser Worte war ihm vielleicht doch unerwartet. Edme lachte nämlich hellauf, stützte die Hände in die Hüften, betrachtete ihn mit spöttischen Blicken und lachte wieder.

»Du bist ja recht lustig«, sagte er.

»Ja, das ist lustig«, rief sie. »Ich so einen alten lahmen Hund heiraten!« Und sie schüttelte sich wieder vor Lachen.

»Der alte lahme Hund bringt dir aber das Grundstück mit«, bemerkte er.

Nun brach das Lachen plötzlich ab. »Das also hast du dir ausgedacht, du Schuft«, sagte sie giftig. »Ich soll durch dich zum Gespött der Leute werden. Nicht die geringste Magd hat dich nehmen wollen, und jetzt bin ich gerade noch gut für dich.« Sie spie aus. »Pfui!«

»Du weißt ja, was das Grundstück wert ist«, antwortete er unbeirrt. »Heute kann ich überall freien gehen, und selbst einer Jungen werd' ich nicht zu alt sein. Wir beide aber sind in den Jahren ziemlich passend. Und wenn ich um soviel früher sterbe, als ich dir voraus bin, kannst du ja froh sein – he, he, he!«

»So eine häßliche Kröte soll mich nicht anrühren«, zischte sie.

»Du wirst es dir ja überlegen«, sagte Petrusch, den dünnen Hals aus dem Tuche herausdrehend. »Kein Mensch wird mir's verdenken, wenn ich als Wirt eine Frau nehme. Wie du dich mit der verträgst ...« Er zuckte die Achseln.

Da Edme ihre Arbeit fortsetzte, trat er hinter sie und klopfte ihr mit den krummen Fingern auf die Schulter. »Die Heirat macht alles gut«, sagte er. »Bist du meine Frau, so gehört dir wieder das Grundstück, und ich will deine Kinder zu Erben einsetzen auf meinen Teil. Es ist zu bedenken. Drei Tage will ich dir Zeit lassen. Bin ich dann für dich noch immer der alte lahme Hund und die häßliche Kröte, so weiß ich, daß ich dir zu nichts mehr verpflichtet bin.« Sie schob mit der Schulter unwillig seine Hand fort. Als er sich entfernt hatte, sank sie am Zaune zusammen und stöhnte jämmerlich. Ihr war zum Sterben elend zumute. Das durfte er ihr bieten! Und sie war machtlos gegen ihn. Der Eid – der Eid! Gott hatte ihn gehört und strafte sie für die Lästerung seines Namens. Er überlieferte sie dem Teufel, und es war kein Entrinnen mehr. Sie wußte jetzt, wie er aussah. Eben hinkte Petrusch der Haustür zu; zwischen den Zaunlatten hindurch konnte sie ihm mit den Blicken folgen. Sie meinte zu bemerken, daß ihm Hörner aus der Stirn gewachsen waren! Ja! Seine Gestalt hatte der Teufel angenommen.

Seitdem sah sie ihn überall. Als sie abends die Kühe melken ging, huschte er um die Weidenbäume herum. Aus dem dichten Ellerngebüsch am Graben leuchteten feurig seine Augen wie die eines Tieres. Sie sprang entsetzt zur Seite und verschüttete einen Teil der Milch. Dann nahm sie die Eimer und schritt den Pfad am Ufer hinab, aus dem Flusse Wasser zu schöpfen – da saß er auf dem Steg und schaukelte sich. Als sie näherkam, war er in der Dämmerung verschwunden. Aber steckte er nicht den Kopf aus dem Boote hervor, das da angekettet lag? Schweißbedeckt schleppte sie die Eimer hinauf, und wie sie nicht weit vom Hause in die Höhe sah, saß er dort oben rittlings zwischen den beiden Pferdeköpfen und grinste sie an. Es war kein Entrinnen.

Der Eid – der Eid! Wie dumm war sie gewesen!

Edme erinnerte sich, einmal von einer Frau aus dem grenznachbarlichen Szamaiten gehört zu haben, die katholischen Priester könnten Sünden vergeben. Sie hatte ihr's damals abgestritten, aber jetzt kam es ihr wieder in den Sinn. Es wäre doch möglich. Und wenn sie sich erst ihrer Sünde entledigt hätte, müßte ja ganz von selbst ihr Geschick eine andere Wendung nehmen. Der Teufel könnte keine Gewalt mehr über sie haben, und Petrusch müßte das unrechte Gut herausgeben. Der nächste Tag war ein Sonntag. Trotzdem der Himmel mit Regen drohte und ein scharfer Wind pfiff, zog sie ihre besten Kleider an und machte sich schon frühmorgens heraus, ehe Petrusch noch aufgestanden war. Sie ging am Marktflecken vorbei und hielt sich dann rechts in der Richtung auf die Grenze. Es gelang ihr, dieselbe unbemerkt von den russischen Posten zu überschreiten. Der Weg bis zur nächsten katholischen Kirche war noch recht weit, und sie verirrte sich mehrmals. Einen Szamaiten, der Vieh hütete, fragte sie aus, wie man sich bei der Beichte zu verhalten habe. Er schien zu glauben, daß sie nicht richtig im Kopfe sei, bekreuzigte sich und gab nur halbe Antworten. Eine alte Frau, die ebenfalls nach der Kirche ging, war willfähriger und nannte ihr die Formeln, die sie zu sprechen hätte, nachdem sie am Beichtstühle niedergekniet. »Es wird dir aber nichts nützen,« sagte sie, »wenn du nicht unsern Glauben hast.«

In der Kirche benahm Edme sich so auffallend, daß der Geistliche Verdacht schöpfte und sie vom Beichtstuhle zurückwies. »Nicht der Glaube führt dich hierher,« bedeutete er sie, »sondern der Aberglaube. Wie hoffst du da deiner Sünden vor Gott frei zu werden? In seinem Namen kann ich sie nur dem vergeben, der aufrichtig Buße tut. Du aber willst dir seine Gnade erschleichen. Geh! Er wendet sein Angesicht von dir.« Sie blieb nun den ganzen Tag in der Kirche, fastete, kniete vor den Altären, rutschte in den Gängen herum, besprengte sich mit Weihwasser und gelobte dem Heiligen zwei große Wachslichte, wenn er ihr helfe, zu ihrem Recht zu kommen. Das hatte ihr die alte Frau geraten.

Es dunkelte schon, als sie sich auf den Heimweg begab. Das Wetter war recht unfreundlich geworden, der Westwind trieb die Seenebel weit ins Land hinein; sie hingen sich an die einzeln stehenden Bauernkaten und an die Bäume, verdichteten sich nach dem Erdboden zu und schleppten wie die langen Gewänder unheimlicher Nachtgestalten über denselben hin. Edme verließ in einiger Entfernung von der Grenze den Weg, um dem Kordonhause auszuweichen, und gelangte auf eine von Steinen übersäte und mit Wacholder oder niedrigem Birkengebüsch bewachsene Heide. Auf preußischer Seite setzte dieselbe sich fort. Es fehlte ihr jedes Merkzeichen dafür, wo sie sich befand, und sie konnte nicht einmal versichert sein, die Richtung einzuhalten, da sie sich die Kreuz und Quer einen gangbaren Pfad suchen mußte. Ihre Phantasie war erhitzt; oft glaubte sie aus dem Nebel etwas Gespenstisches auftauchen zu sehen, das sie erschreckte. Sie meinte vor Müdigkeit hinsinken zu müssen und wurde doch durch die Angst immer wieder aufgetrieben. Endlich schien es ihr, als ob ein brandiger Dunst wie von schwelendem Torf an ihr vorüberzog. Vielleicht war ein Hirtenfeuer in der Nähe. Sie beschloß, dieser Spur nachzugehen.

Nach einigen hundert Schritten zeichnete sich auf der Nebelwand eine dachartige Figur ab. Der Rauch wurde dichter und drang aus einer Vertiefung vor derselben oder durch die Fugen von aufgeschichteten Feldsteinen. Ein flackernder Lichtschein, bald stärker, bald schwächer, tanzte darüber hin. Nun hörte sie auch das Prasseln des Wacholders. Erst als sie aber ganz nahe gekommen war, sah sie, daß sie eine Hütte vor sich hatte, die nur aus zwei schräg gegeneinander gestellten Strauchwänden bestand, und daß sich auf der dem Winde abgekehrten Seite zwei Menschen, ein Mann und eine Frau, um ein Feuer bemühten, über das ein eisernes Kochgefäß an einer bogig zu beiden Seiten in die Erde gesteckten jungen Birke gehängt war.

Edme stutzte. Sie hatte Jurrey und Mare erkannt. Ehe sie aber überlegen konnte, ob sie lieber vorbeigehen solle, war sie schon bemerkt worden. »Edme –!« rief er, sich auf den Knien in die Höhe lichtend, »bist du's wirklich? Was tust du hier auf der Heide und zu so später Zeit?«

»Sie macht uns einen Sonntagsbesuch,« spottete Mare lachend, »das ist hübsch von der großen Wirtin.«

»Du aber – du ...«, stammelte Edme, noch immer ganz Verwunderung. »Daß ich dich hier finde, Jurrey ...«

»Das ist am Ende nicht so wunderbar«, sagte er. »Ich wohne hier, und wer vorübergeht, muß mich wohl treffen.«

»Du wohnst hier –«

Er zeigte auf das Strohdach. »Das ist unser Haus – nicht sehr geräumig, aber für zwei allenfalls groß genug, wenn's ihnen nur auf einen Schutz gegen Regen und Wind ankommt. Die Tür ist niedrig – man muß hineinkriechen, einer hinter dem andern her. Auf dem weichen Moose schläft sich's doch gut, wenn man zum Schlafen Zeit hat. Oft wird von hier aus über die Grenze geritten. Sie kommen dann aus den Dörfern mit den Pferden, und die Juden bringen die Waren, die aufgebunden werden sollen. Manchmal liegen die auch hier im Keller unter den Steinen, bis die günstige Gelegenheit abgepaßt werden kann. Es ist ein lustiges Leben und der Verdienst nicht schlecht – man erspart etwas für den Winter. Dies hier ist unsere Küche. Das Feuer brennt sonst munterer; heute kämpft es mit dem Nebel.« Er warf einen Wacholderast hinein und wühlte mit einem Stock in den Kohlen. »Das Essen aber ist bald fertig. Du willst doch unser Gast sein?«

»Wo kommst du her?« fragte Mare.

»Aus Rußland.«

»Wo warst du da?«

»In der szamaitischen Kirche.«

»Was wolltest du dort?«

»Den lahmen Hund, den Petrusch, totbeten!«

»Ah – !«

»Er hat mir das Grundstück fortgestohlen.«

Edme zischte diese Worte durch die Zähne. Das volle Haßgefühl, das sie gegen diesen widerwärtigen Menschen empfand, sprach sich darin aus.

»Jetzt siehst du's also ein, daß du dumm gewesen bist, so einem zu trauen«, sagte Jurrey.

»Dumm – ach, so dumm!« rief sie, mit der Faust gegen die Stirn schlagend. Sie erzählte, was er von ihr verlangte.

»Da bekommst du einen hübschen dritten Mann«, spottete Mare.

»Ich will ihn nicht«, stieß Edme ächzend vor.

»Wirst ihn aber doch nehmen müssen«, meinte Jurrey. »Das Grundstück ist anders nicht zu haben, nachdem du dafür deine Seele verschworen hast. Am Grundstück hängt ja doch dein Herz, daran allein – ich hab's erfahren.«

»Du aber bist schuld, daß ich meine Seele verschwören mußte! Und du selbst hast den Teufel gegen mich angerufen.«

»Das will ich gern zurücknehmen. Der Zorn ist längst verraucht, und ich weiß auch, daß ich dich schwer gekränkt habe. Die Menschen sind nicht gleich. Mein Herz hängt an so etwas nicht; ich hätt' wissen können, daß ich zum Wirt nicht passe. Frei muß ich sein und lustig leben können. Da gefällt mir's hier besser auf der Heide, wo die Vögel ihr Quartier haben. So hat die Welt ausgesehen, als der liebe Herrgott sie geschaffen hat. Wem der Grund und Boden gehört, das bekümmert mich nicht, und so ein Haus ist so schnell gebaut als abgebrochen. Haben wir heute satt zu essen, so fragen wir nicht, wo's morgen herkommen soll, und hin und wieder ein Fasttag ist mir lieber als die stete Sorge um den Vorrat. Es hat mich geärgert, daß du dem spitzbübischen Schreiber zum Munde sprachst, darum ließ ich den Teufel ein, aber hinterher bin ich sehr froh gewesen, daß ich das Grundstück auf so gute Art losgeworden war und keine Schererei bei Gericht hatte. Es ist nichts für mich.«

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