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Das Grundstück

Ernst Wichert: Das Grundstück - Kapitel 3
Quellenangabe
typenovelette
authorErnst Wichert
booktitleLitauische Geschichten
titleDas Grundstück
publisherWegweiser-Verlag G. m. b. H.
editorPaul Wichert
year
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081028
projectid4f086d87
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Im Ibenhorster Forst. Federzeichnung von Ernst Wichert

»Du zwingst mich nicht«, preßte sie zwischen den Zähnen hervor.

»Na –,« sagte er und zog die Schultern auf, »es ist nun doch so. Das Land ist verkauft, und ins Gefängnis wirst du mich nicht bringen wollen. Oder willst du? Auf andere Weise geht's nicht zurück.«

»Wer hat meinen Namen geschrieben?« fragte sie.

Er schüttelte den Kopf. »Das sag' ich nicht.«

Da sie eine Weile schwieg, trat er näher zu ihr heran, legte den Arm um ihren Hals und zog sie an sich, obschon sie widerstrebte. »Sei verständig, Edme,« redete er freundlich zu, »und nimm's, wie es ist. Das geschieht nicht wieder – es ist mir leid, daß es hat geschehen müssen. Ich will dir Gutes tun, aber du darfst nicht vergessen, daß ich dein Mann bin. Wie du den behandelst, so wirst du ihn haben.«

Sie antwortete darauf nicht, sondern machte sich mit Gewalt los und ging hinaus. Den ganzen Tag sprach sie kein Wort weiter mit ihm. Er meinte, sie würde sich wohl beruhigen, und unterließ es, sie zu reizen. Aber er kannte sie doch schlecht. Gerade weil er's so dreist herausgesagt hatte, daß er sie habe zwingen wollen, widerstrebte sie jeder Anwandlung von Versöhnlichkeit. Nun gewiß nicht! Und immer tiefer bohrte sich der einzige Gedanke ein, der ihr auch jetzt volle Klarheit hatte: das Grundstück muß bleiben, wie es war. Und wenn's nun wirklich auf andere Weise nicht geht ... Da lag ein Stein im Wege, ein schwerer Stein. Ihren Mann wegen Betrugs ins Gefängnis bringen ... ihn unehrlich machen ... sich selbst ... Sie stöhnte vor Schmerz. Aber der Stein mußte fortgerollt werden, es war doch nicht anders.

Das Grundstück oder der Mann! Sie war Jurrey wirklich gut gewesen – so gut sie einem Menschen sein konnte. Aber das Grundstück hatte ältere Rechte an ihr Herz. Und warum hatte er so schuftig an ihr gehandelt?

Und dann immer zwischenein die Frage: Was ist das für eine Person gewesen, die ihm den Gefallen getan hat? So um nichts ist keine dafür zu haben. Er muß sich auf sie verlassen können. Eine gewisse Vermutung drängte sich immer mehr auf – ein Gefühl von Eifersucht fing sich zu regen an und verschärfte noch ihren Groll.

Edme wollte doch kein Mittel unversucht lassen, einen gütlichen Ausgleich herbeizuführen. Sie begab sich zu Reichelt und forderte ein Gespräch unter vier Augen. Sie sagte ihm alles und verlangte Aufhebung des Vertrages. Er lachte sie aus. »Was geht mich das an?« fragte er. »Hab' ich's der Vollmacht ansehen können, daß sie gefälscht ist? Oder meinst du, dein Mann wird so dumm gewesen sein, mir's zu sagen? Beweise mir's doch, daß ich darum gewußt habe! Das wird dir nicht gelingen. Und so bin ich in meinem guten Recht. Daß du aber deinen eigenen Mann wirst bestrafen lassen, glaube ich nicht. Es ist eine ganz unnütze Drohung.«

Da hörte sie's nun wieder. Darauf also war gerechnet: weil ihr Mann Unrecht getan hatte, sollte sie Unrecht leiden müssen. Dagegen sträubte sich ihr Gefühl, und ihr Eigensinn wurde gestachelt, nicht nachzugeben. Am nächsten Sonntag ging sie in die Kirche und sang die Lieder auffallend laut mit. Auf die Predigt aber: »Selig sind die Friedfertigen, denn sie sollen Gott schauen«, achtete sie wenig. Der Herr Pfarrer hat gut reden, dachte sie bei sich, dem ist nicht geschehen, was mir geschehen ist.

Als sie hinausging, traf sie mit einer Frau zusammen, die jenseits des Marktfleckens wohnte und ihr von Jugend auf befreundet war. »Kürzlich bin ich in der Stadt gewesen,« erzählte ihr dieselbe, »und rate einmal, wem ich auf der Chaussee begegnet bin?«

»Wem?«

»Ja wem? Deinem Mann.«

»Der geht, wo er will.«

»Aber mit wem er ging! Und ganz freundschaftlich umgefaßt! Das muß man dir doch sagen.«

Edme biß die Lippe. »So sag's.«

»Mit der Mare Admoneit. Du weißt doch –«

»Ich weiß. Das Kind ist bei seiner Mutter.«

»Ja, und die Mare Admoneit dient jetzt beim Wirt Rayschus, und sie bogen auch in den Weg ein, der zu seinem Hofe führt, und als ich mich noch einmal umsah, waren sie schon nahe dem Birkenwäldchen. Das gibt nichts Gutes. Du mußt deinen Mann besser beaufsichtigen.«

Edme war die Kehle wie zugekrampft. Sie entgegnete nichts, sondern verabschiedete sich mit einem Kopfnicken gleich hinter der Mauerpforte des Kirchhofs. Und nun war's gewiß: die Mare hatte ihren Namen geschrieben.

In demselben Augenblicke war aber auch ihr Entschluß gefaßt. Sie ließ die Altsitzerin allein nach Hause fahren und begab sich zu Davids Petrusch, der einige Schritte vom Orte in einem Ausbau wohnte. Sie fand ihn trotz des Sonntags bei seinen Schreibereien, die große Brille auf der blauroten, von Pockennarben zerrissenen Nase. »Du sollst für mich etwas schreiben«, sagte sie zu ihm und legte ihm ein Geldstück auf den Tisch.

»An wen?«

»An den Herrn Staatsanwalt.« »Ah! Wen willst du anzeigen?«

»Meinen Mann.«

Dem Schreiber glitt die Feder aus der Hand. »Das ist nicht gut.«

»Nein, aber es muß sein. Ich will das Land wiederhaben.«

»So, so –! Ich weiß – der Krüger –«

Sie setzte sich und trug den Fall mit allen Einzelheiten vor.

Petrusch kratzte sich hinterm Ohr. »Wenn ich das schreibe, kommt dein Mann ins Gefängnis.«

»Aber der Krüger muß das Land herausgeben. Schreibe!«

»Bedenke es noch drei Tage.«

»Es ist bedacht.«

»Vierundzwanzig Stunden.«

»Wenn du nicht willst, geh' ich zu einem andern.«

»Dann kann ich's auch.« Er nahm einen Bogen Papier, schrieb die Anzeige und las sie ihr litauisch vor. Sie setzte deutlich ihren Namen darunter, wartete ab, bis der Brief geschlossen war und brachte ihn dann selbst zur Post. Es schien ihr nicht mehr das mindeste Bedenken, wie sie zu handeln hätte. Darauf begab sie sich nach Hause.

Das Schreiben hatte natürlich den erwarteten Erfolg. Der Staatsanwalt leitete die Untersuchung ein und ließ Jurrey Szelags gerichtlich vernehmen. Er legte sich aufs Leugnen: es sei seine Meinung gewesen, daß Edme ihm die Vollmacht erteilt habe. Möglich wäre das doch! Hatte er sich geirrt, so wisse er doch nicht, wer sich bei dem Notar für sie ausgegeben und wer dort ihren Mann gespielt habe. Er selbst sei ganz unschuldig. Es war sein Wunsch, Mare zu schonen; er wußte nicht, daß Edme sie schon in ihrer Anzeige als verdächtig benannt hatte. Sie war nach Memel vorgeladen und, da sie bestritt, dem Schreiber Buddrus gegenübergestellt worden, der sie auch sofort wiedererkannte. Nun wurde ihm auch Szelags vorgeführt, und er bezeugte, daß dieser selbst Mare für seine Frau ausgegeben habe. »Das lügst du«, sagte der ihm aber dreist ins Gesicht.

»Wie?« rief Buddrus, »du willst in Abrede stellen, daß du mit der Person da bei mir gewesen bist?«

»Das will ich nicht bestreiten«, antwortete Szelags. »Wir sind beide in deiner Schreibstube gewesen. Aber habe ich dir gesagt, Mare sei meine Frau? Hast du mich danach gefragt? Das lügst du.«

»Mit solchen Kniffen kommst du nicht durch«, bedeutete ihm der Untersuchungsrichter.

Es war auch so. Nach der öffentlichen Verhandlung wurde er verurteilt und Mare mit ihm. Der Gerichtshof sah das Vergehen nicht leicht an und belegte beide mit sehr empfindlichen Gefängnisstrafen. Edme war als Zeugin gegen ihren Mann aufgetreten. Sie hatte ein schwarzes Kopftuch umgelegt und zeigte ein finsteres Gesicht, sprach auch mit rauher Stimme. »Ein liebes Weibchen«, flüsterte gelegentlich der Vorsitzende Richter seinem Nachbar zu. Mare Admoneit war auf der Anklagebank neben Jurrey Szelags ganz vergnügt. Es machte ihr offenbar Spaß, zu erzählen, wie sie seine Frau gespielt hätte. Der Richter mußte sie ein paarmal berufen, ernst zu bleiben. »Er ist ja auch mein Mann«, sagte sie und warf dabei Edme einen herausfordernden Blick zu. »Soll ich ins Gefängnis, weil ich ihm habe helfen wollen, so wird mich das nicht kränken; und mit der da, die ihn hineingebracht hat, möcht' ich noch lange nicht tauschen, obschon sie die Wirtin ist.«

Als alles vorüber war, trat Edme an Jurrey heran und bot ihm die Hand. »Es tut mir leid,« sagte sie, »daß es hat so kommen müssen. Aber jeder Vernünftige sieht ein, daß ich doch nichts anderes tun konnte. Das wirst du auch einsehen.«

Jurrey wandte sich ab. »Das Land ist dir lieber gewesen als ich«, sagte er im Tone des Vorwurfs.

»Ich behalte dich doch,« meinte sie, »und das Land geht nicht verloren. Die Strafe hast du verdient, und sie wird dich hoffentlich bessern. Nimm sie hin für das, was du mir sonst durch die Mare angetan hast.«

Er schwieg.

»Wenn ich diesmal still gewesen wäre,« fuhr sie fort, »du hättest dich damit nicht begnügt und mir bald das Dach über dem Kopfe forttragen lassen. Was willst du? Soll ich mit meinen Kindern betteln gehen? Das nützt dir auch nichts. Du wirst mir noch danken, daß ich das Grundstück nicht habe angreifen lassen.«

»Es kann ja sein«, antwortete er sehr kühl. »Wenn ich sitzen muß, so ist es mir schon ganz recht, daß der Krüger auch nicht zum Ziele kommt; und verliert er, was ich ihm schuldig bin, soll's mich nicht beschweren. Aber sieh dich vor! Der ist schlau.«

Da Reichelt sich im guten zu nichts verstehen wollte und darauf trotzte, daß er die Vollmacht für echt gehalten habe, mindestens auch große Gegenforderungen haben wollte, die Edme wieder nicht anerkannte, so war es sicher, daß es zum Prozeß kommen mußte. Sie verhandelte darüber viel mit Davids Petrusch, so zuwider er ihr sonst war, in seinem einsamen Häuschen. Er hatte so eine besondere Art, nicht recht ja und nicht recht nein zu sagen und mit den Augen zu blinzeln, als ob immer noch etwas im Rückhalt wäre. Eines Tages äußerte er sich: »Weißt du, daß es dir recht übel ergehen kann?«

»Was meinst du damit?« fragte sie erschreckt.

Er zwinkerte mit den Nasenflügeln. »Ich habe mich erkundigt«, versicherte er. »Das Gericht tut nichts umsonst. In der Untersuchungssache gegen deinen Mann sind große Kosten entstanden, und die Sitzgebühren treten noch hinzu.«

»Mag er sie bezahlen,« rief Edme, »er hat's verschuldet.«

»Ja ... Das ist dem Gericht ganz gleich. Es greift zu.«

Die Frau wurde aschbleich. »Es greift zu. Er hat aber nichts.«

»Er hat, was du hast.«

»Was ich ...«

»Jawohl. Die Kosten und Gebühren werden aufs Grundstück eingetragen. Da hilft kein Widerspruch. Auch die Sitzkosten für die Mare.«

Sie sank vor Schreck auf den Stuhl zurück.

»Und das ist noch nicht alles. Es kann sein, daß Herr Reichelt den Prozeß in der Hauptsache verliert, aber dann wird ihm vermutlich doch zugesprochen werden, was er deinem Mann auf das Land gegeben hat, und das ist wahrscheinlich mehr, als Jurrey eingestehen will. Das wird er dann auch aufs Grundstück eintragen lassen, und wenn du nicht bezahlst, wird er's subhastieren lassen und vielleicht selbst hinterher billig kaufen. Dazu die Prozeßkosten, die auf deinen Teil fallen ... Man kann doch nicht wissen, wie der Hase läuft.«

Edme brach in Tränen aus. »Aber ist denn da nicht zu helfen?« rief sie ganz verzweifelt. »Hilf mir, Davids, es soll dein Schade nicht sein.«

Er kniff das linke Auge zu und schob die Brille auf die runzlige Stirn hinauf. »Ich wüßte schon, wie man ihnen ein Schnippchen schlagen könnte. Aber das Mittel wird dir zu gewagt scheinen.«

»Nenne es«, bat sie dringend.

»Hast du Vertrauen zu mir?« fragte er.

»Volles Vertrauen.« Das war mehr, als sie vor sich verantworten konnte, aber sie durfte ihn doch nicht vor den Kopf stoßen.

»Daß ich ein ehrlicher Mann bin –«

»Gewiß.«

»Dann ließe sich's machen. Du mußt mir das Grundstück verkaufen.«

»W–a–as? Dir verkaufen?«

»Verstehe mich recht: nur zum Schein natürlich. Aber auf dem Papier und im Grundbuch muß alles in Ordnung sein. Sie können an das Grundstück nur heran, solange es auf deinen und deines Mannes Namen steht. Bin ich eingetragen, so ist's, als ob vor die Tür ein starker Riegel geschoben ist.«

»Aber ich selbst bin ausgesperrt.«

»Glaube das nicht. Statt des Kaufpreises verschreiben wir für dich und deinen Mann ein Ausgedinge, das ungefähr dem Ertrage des Grundstücks gleichkommt, und ihr verpflichtet euch, für mich die Wirtschaft zu führen, wofür ich euch jährlich soundso viel bares Geld als Lohn gebe. Verstehst du? Als Lohn. Dann bleibt in Wirklichkeit alles beim alten. Und sobald du willst, verkaufe ich euch das Grundstück wieder zurück.«

»Ja, wenn du ehrlich bist –«

»Natürlich, wenn ich ehrlich bin. Davon willst du doch überzeugt sein.«

Sie fingerte unruhig über ihre Unterlippe hin. »Allerdings ...«

Aber wenn du mir nicht traust, laß es doch bleiben«, bemerkte er anscheinend ganz gleichgültig. »Ich habe ja nichts davon als Unannehmlichkeiten und allenfalls eine Kleinigkeit, die du mir freiwillig für den guten Rat gibst. Tu', was du willst.«

Sie atmete hastig. »Und das – könnten wir beide – untereinander abmachen?« fragte sie, schon halb gewonnen.

»Nein,« entgegnete er, »dein Mann muß dabei sein.«

»Dann ist's nichts.«

»Wer weiß? Es liegt ihm so viel daran als dir, daß das Grundstück nicht angegriffen wird. Aber ich rede gar nicht zu. Ohne Vertrauen geht's überhaupt nicht. Soll's halten, so müssen wir vor Zeugen bestätigen, daß es uns mit dem Geschäft ganz ernst ist, und es muß uns wirklich so ganz ernst sein, daß wir's im Notfalle beschwören können.«

Das machte sie gerade nicht bedenklicher. Sie wollte sich's überlegen, sagte sie, und mit ihrem Mann besprechen. Das tat sie auch.

Jurrey war nicht sogleich ins Gefängnis abgeführt; er sollte eine Ladung abwarten. Er befand sich in gedrückter Stimmung. Es ärgerte ihn jetzt, daß er die Torheit begangen. Reichelt hatte ihm erzürnt die Tür gewiesen, als er sich im Kruge blicken ließ; mit Mare konnte er nicht leicht zusammentreffen, da seine Frau ihm scharf aufpaßte. Allerhand üble Folgen sah er selbst voraus. Er hielt es nicht für unwahrscheinlich, daß Edme sich von ihm werde scheiden lassen wollen. Dann stand er auf der Straße und hatte weniger als vor seiner Heirat. Er wünschte sich zu versöhnen und billigte daher alles, was sie vorschlug. Sie sollte ihm nur versprechen, daß sie ihm das Geschehene verzeihen wolle.

»Das soll verziehen sein,« sagte sie, »wenn du dich jetzt ordentlich führst und mir hilfst, das Grundstück freizuhalten.«

Und so begaben sich denn schon nach wenigen Tagen Mann und Frau mit zwei Nachbarn aufs Gericht, trafen dort mit Davids Petrusch zusammen und spielten beim Vertragsabschluß ihre Komödie so gut, daß selbst der alte Sekretär, der doch sonst seine Leute kannte, ganz stutzig wurde.

Dann wanderte Jurrey Szelags ins Gefängnis, nachdem er von seiner Frau einen ganz freundlichen Abschied genommen hatte. Unterwegs fiel ihm wohl ein, daß er einmal bei Rayschus nachfragen könne, ob Mare auch schon aufgefordert sei; aber er bezwang sich und meldete sich sogleich. Was soll dabei auch herauskommen? dachte er.

Als Edme nun wieder allein wirtschaftete, fand sich Davids Petrusch öfter auf dem Grundstück ein. Er hatte immer eine spaßhafte Redensart bei der Hand, mit der er sich einführte. Er müsse doch einmal nach dem Rechten sehen kommen, oder: er möchte doch wissen, wie es bei ihm aussehe, ob seine Pferdchen hübsch munter seien und die Kühe gut Milch geben und die Altsitzerin zufrieden sei. Oder er sagte: »Es ist doch nett, wenn man Haus und Hof hat«, und steckte dabei den Daumen in die schmierige Westentasche und drückte protzig den Bauch heraus. »Es ist ein altes Haus, aber das gefällt mir gut. Solche Häuser werden immer seltener; wer so eins hat, kann sich was drauf einbilden. Bilde mir auch was drauf ein – ja! Hehe! Mein Großvater hat auch in so einem gewohnt – du weißt ja, in Petruschkehmen.« Edme ging auf den Spaß ein und tat ihm den Gefallen, über seine Witze zu lachen; nicht laut und munter – das lag nicht in ihrer Art –, aber doch so, daß er merken mußte, sie habe ihn verstanden.

Er tat wohl auch so, als ob er zu kommandieren habe, klopfte mit dem Stock auf den Tisch und rief: »Na, wie steht's? Ist für den Wirt nichts zu essen und zu trinken da? Ich habe einen Wolfshunger und eine verstaubte Kehle.« Er lenkte dann selbst wieder bescheiden ein, indem er einem der Kinder die Backen streichelte und ihm zublinzelnd sagte: »Frage doch einmal die Mutter, ob sie nicht für den Onkel ein Schnäpschen hat; vielleicht ist auch ein Stückchen Brot dabei.« Er blieb anfangs immer eine kurze Zeit, bald aber auch zu den Mahlzeiten, ging auf dem Hof und in den Ställen herum, als ob er etwas zu revidieren hätte, und schmunzelte zuletzt: »Laß mein Fuhrwerk anspannen, Edme; ich fahre lieber, als ich gehe, und – na, man hat's ja dazu, hehe!«

Er stattete ihr Bericht ab über den Prozeß mit dem Krüger, der einen »kahlköpfigen« Rechtsanwalt genommen hätte. »Er hat aber Haare auf den Zähnen,« fügte er hinzu, »man muß aufpassen wie ein Luchs. Es soll dem Reichelt doch nichts helfen, das Land muß er herausgeben, und was Jurrey bei ihm vertrunken und verjubelt hat, darf er nicht anrechnen.« Ein andermal meinte er: »Es ist eigentlich ein schlauer Gedanke, da ein Haus zu bauen und einen Schank hineinzunehmen. Man muß sich das merken: was er kann, das können wir am Ende auch.«

Mit der Zeit wurde er immer dreister, und es klang gar nicht mehr so spaßhaft, was er sagte. Edme paßte auf. »Werde nur nicht gar zu stolz,« dämpfte sie gelegentlich seinen Übermut, »wir beide wissen ja doch, wie wir miteinander stehen.« Darauf entgegnete er nichts, streichelte ihr über die Schulter, wie sie zu begütigen.

Ein besonderes Vergnügen schien es ihm zu bereiten, sie gegen ihren Mann aufhetzen zu können. Er hatte immer etwas zu erzählen, wie er's im Kruge getrieben und nicht nur für sich, sondern auch für gute Freunde habe ankreiden lassen. »So ein Bruder Leichtsinn,« rief er, »das Geld hat für ihn gar keinen Wert! Er verdient's ja auch nicht. Wenn der zehn Grundstücke hätte, er würde sie alle einwechseln. Es liegt so in ihm. Glaube doch nur nicht, daß er sich ändern wird, wenn er aus dem Gefängnis kommt. Wie er gewesen ist, so wird er immer sein. Es tut mir um dich und deine Kinder leid.«

Edme stimmte nicht zu, aber innerlich gab sie ihm doch recht. Es war ihm nicht entgangen, daß sie jedesmal aufgeregt wurde, wenn das Gespräch auf Mare Admoneit kam. Was sie früher mit Jurrey vorgehabt hatte, war ihr sehr gleichgültig gewesen: sie würde mit ihr und ihrem Kinde in einem Hause haben leben können, ohne ihnen irgendwie Abneigung zu beweisen. Sie selbst hatte ja vorher einen Mann gehabt und brachte Kinder in die Ehe; daß Jurrey mit Mare nicht kirchlich getraut war, machte für ihr Empfinden kaum einen Unterschied. Aber das sollte ein Ende gehabt haben; es verstand sich ganz von selbst für sie, daß es auch ein Ende ohne jede Nachwirkung haben konnte. Nun hatte sie sich getäuscht, und so oft sie sich daran erinnerte, wurde sie von einem eifersüchtigen Gefühl gequält, das ihr etwas Unheimliches hatte, weil es sich nicht unter die Dinge einordnen ließ, die ihrem Verstande faßlich waren. Sie konnte an Mare nicht denken, ohne daß ihr das Blut in die Wangen stieg.

Davids Petrusch faßte sie bei dieser Schwäche. Er spionierte herum, ob er etwas darüber erfahren könnte, wie Jurrey mit Mare wieder in Verbindung gekommen war, und was geschah, nachdem sie für ihn die Vollmacht unterschrieben hatte. Was er hörte, erzählte er Edme umständlich wieder. »Du hast vielleicht geglaubt,« sagte er, »daß Jurrey sich damit begnügte, von seinem früheren Schätzchen die Unterschrift zu verlangen, die ihm doch keine andere gegeben hätte. Weit gefehlt! Er hat sie ihr auf solche Weise gedankt, daß es eine Schande ist, zu sagen. Sie selbst hat sich dessen gerühmt. Frage nur Rayschus und seine Frau und die zweite Magd, die ihnen sogar öfter die Kammer eingeräumt hat. Sie haben sich, nachdem die Schändlichkeit beim Notar ausgeführt war, nicht einmal, sondern zehn- und zwanzigmal im Wäldchen getroffen und offenen Verkehr miteinander gehabt. Wenn du willst, kann ich dir dafür die Zeugen stellen.«

»Was soll ich mit den Zeugen?« fragte sie ärgerlich.

»Hm –!« machte er. »Ich meinte nur, wenn du etwa auf Scheidung klagen wolltest ...«

Sie biß die Lippe. »Daran hab' ich noch nicht gedacht.«

»Es kann wohl sein. Obgleich –«

»Und ich hab' ihm auch verziehen. Dafür hat er den Kontrakt unterschrieben.«

»Was hast du ihm verziehen? Daß er die Mare für seine Frau ausgegeben und die falsche Vollmacht erwirkt hat?«

»Ja, das.«

»Aber daß er mit der Mare auch verkehrt hat wie mit seiner Frau –«

»Das wußt' ich damals noch nicht so sicher.«

»Siehst du? Wie hast du ihm das denn verzeihen können?«

Sie setzte trotzig den Ellbogen auf den Tisch. »Ich hab's ihm auch nicht verziehen und verzeih's ihm nimmermehr! Es geht aber niemand etwas an.«

»Natürlich! Ich sag's auch nur, damit du weißt, daß du einen Scheidegrund hast, wenn du etwa frei sein wolltest. Denn, daß er im Gefängnis gesessen hat, zieht nicht. Die Strafe ist nicht schwer genug. Angenehm ist's ja freilich nicht, einen Mann zu haben, der im Gefängnis gesessen hat.«

Edme stand auf und machte sich in der Wirtschaft zu tun. Wenn sie ehrlich bei der Wahrheit bleiben wollte, hätte sie sich bekennen müssen, daß Petrusch ihr gar nichts Neues sagte: keinen Augenblick hatte sie an Jurreys Schuld gezweifelt. Aber es paßte ihr nun, sich einreden zu lassen, daß sie noch in anderer Weise betrogen sei und abzurechnen habe. Und doch ärgerte sie sich wieder, daß ihr's so nahegelegt wurde, so zum Zugreifen nahe. Sie hätte den Kummer, den Jurrey ihr gemacht, überwinden können – geschieden jedenfalls wollte sie nicht sein. Was hatte der lahme Winkelschreiber eigentlich für Absichten? Warum mischte er sich in diese Dinge, die ihn doch gewiß nichts angingen? Es war ihr sehr lieb, daß sie ihm das gesagt hatte.

Aber Petrusch hatte noch nicht das letzte Pferd vor den Wagen gespannt. Nach einigen Tagen äußerte er: »Du wirst wegen des Grundstücks noch viel Ungelegenheiten haben. Jurrey ist ein schlechter Wirt.«

»Ich wirtschafte selbst«, antwortete Edme.

»Ja, soviel das eine Frau kann,« meinte er, »die einen liederlichen Mann hat. Sobald das Grundstück wieder in eurem Besitz ist, werden auch die Gläubiger wieder da sein. Und vielleicht melden sie sich schon früher. Denn man will es nicht für wahr halten, daß unser Vertrag im Ernst geschlossen ist.«

»Er ist ja auch nicht im Ernst geschlossen«, bemerkte sie nachdenklich.

»Doch, doch!« antwortete er. »Ich habe dir ja gesagt, daß er im Ernst geschlossen sein muß, wenn er halten soll.«

»Ach –!« Sie schlug mit der Hand in die Luft.

»Jedenfalls geschah's doch allein zu deinem Besten,« fuhr er fort, »daß ich mir das Grundstück verschreiben ließ. Mit Jurrey hab' ich ungern zu schaffen. Wenn du von ihm geschieden wärst – wir beide würden bald einig werden. Ich würde dann das Grundstück an dich zurückverkaufen, ohne daß seine Gläubiger jemals Hand daran legen dürften. Aber wenn er uns wieder hereinzureden hätte ...« Er zuckte die Achseln.

Sie horchte auf. »Ist das wirklich so?«

»Wie ich dir sage. Und glaubst du denn, er wird von der Mare lassen? Sie ist für ihn ins Gefängnis gegangen, das vergißt er ihr nicht, und daran wird sie ihn allezeit erinnern, wenn er's auch vergessen wollte. Er kommt nicht mehr los von ihr. Und das bilde dir doch nur nicht ein, daß er dir die Anzeige beim Staatsanwalt jemals verzeihen kann. Du bist ihm verhaßt, solange du lebst, und er wird sich kein Gewissen daraus machen, sich an dir zu rächen, wie er sich am empfindlichsten zu rächen vermag.«

Das waren Gründe, für die Edme ein volles Verständnis hatte. Ja, das Grundstück war mehr in Gefahr als je. Und sie konnte die Gefahr durch eine Scheidung abwenden! Wie sollte sie da noch zögern? Sie trug sich mit dem Gedanken denn auch wirklich nur noch wenige Tage. Als er ganz ausgereift war, besuchte sie Jurrey im Gefängnis. Es war der erste Besuch, den sie ihm dort abstattete, und er hatte schwerlich überhaupt auf einen gerechnet, denn er zeigte ihr ein sehr verwundertes und dazu mißtrauisch gespanntes Gesicht. Um sich zu erkundigen, wie es ihm gehe, kam sie sicher nicht. Sie reichte ihm aber nicht nur die Hand, sondern gab ihm auch einen Kuß, allerdings ohne merkliche Gemütsbewegung. Er sah auf seine Gefangenkleidung hinab und verzog den Mund zum Lachen; sie verstand ihn und lächelte auch.

Dann kam sie schnell zur Sache. »Ich habe mir's überlegt, Jurrey,« sagte sie, »daß es das beste für uns ist, wenn wir uns scheiden lassen.«

»Du wolltest ja nicht«, antwortete er, nun doch ein wenig überrascht.

»Das ist wahr,« gab sie zu, »aber man kommt auf andere Gedanken. Wir haben jetzt auch einen guten Grund, weil du dich mit der Mare eingelassen hast –«

»Das ist verziehen.«

»Nein, das nicht. Ich hab's damals so nicht gewußt. Und warum willst du's auch vorbringen? Wir können ja doch nicht weiter zusammen wirtschaften. Soll das Grundstück wieder in meine Hand zurückkommen, so darfst du nicht mein Mann sein; sie nehmen es uns sonst wegen deiner Schulden, und wir sind Bettler.« »Da denkst du, es ist genug, wenn ich ein Bettler bin.«

»Das ist doch auch so. Weshalb willst du mich und meine Kinder mitreißen? Aber es ist nicht nötig, daß du ein Bettler wirst. Wenn ich das Grundstück frei habe, kann ich dir Gutes tun, und ich verspreche dir, daß du zu leben haben sollst. Was ich dir gebe, können wir auf dein Geld abrechnen, und wenn es aufgezehrt ist, werde ich dich doch nicht verlassen. Wir müssen uns so vergleichen, daß das Gericht nicht heran kann.« Sie setzte ihm das näher auseinander, wie sie es von Petrusch gehört hatte.

Er zeigte ihr ein recht verdrießliches Gesicht. »Darüber läßt sich ja reden,« sagte er, »aber ich weiß nicht, ob ich dir trauen kann. Sind wir erst geschieden, so wirst du nicht Wort halten.«

»Du kannst dich besser auf mich verlassen,« meinte sie, »als auf dich selbst. Es ist ja mein Vorteil, daß alles wieder in die richtige Ordnung zurückgeht. Je eher, je lieber! Dem Davids Petrusch möcht' ich nicht unrecht tun, aber so recht trauen kann ich ihm doch nicht. Er wird manchmal recht unverschämt und hat sich, als ob ihm das Grundstück wirklich gehörte.«

»Und die Wirtin auch«, setzte Jurrey hinzu. »Hm?«

»Was meinst du damit?« fragte sie überrascht aufmerkend.

»Na ... Die Frau kann ihm doch gefallen.«

»Dem –!« rief sie. Es klang deutlich aus dem einen Wort ein Mischgefühl von Verachtung und Spott. »Dem Schreiber! Was mache ich mir daraus?«

Jurrey hob die Hand zu einer Bewegung, die etwa soviel sagte als: es mag so sein. Er hatte seiner Frau den Holzschemel angeboten, der neben dem Tische stand, und sich gegenüber auf das Bett gesetzt. In der engen Zelle war der Raum zwischen ihnen schmal. Er griff hinüber nach der Wasserkanne und trank einen Schluck; die Kehle schien ihm trocken geworden zu sein. Dann stützte er die Ellbogen auf die Knie und nahm seinen Kopf in die Hände. Nach einer Weile knurrte er von unten her: »Ihr wollt mich austreiben.«

»Nein,« entgegnete sie, »du kannst auf dem Grundstücke bleiben, wenn du willst.«

Wieder schwieg er ein paar Minuten. Dann stand er auf und sagte: »Willst du dich scheiden lassen – dagegen kann ich nichts tun, aber mit meinem Willen geschieht's nicht. Gib mir mein Geld heraus und lege das Doppelte zu, dann läßt sich davon reden. Wegnehmen soll man mir's nicht. Ich gehe über die Grenze.«

»Mit der Mare –«

»Vielleicht auch mit der Mare. Wenn wir geschieden sind, was geht es dich an?«

Edme stand auf und schritt der offen gebliebenen Tür zu. »Du wirst den Lohn für deine Undankbarkeit ernten«, rief sie.

»Ich soll dir wohl danken für das Gefängnis?« rief er ihr nach.

Sie war schon in den Gang hinausgetreten und winkte dem Aufseher, der dort hin und her schritt, sie zu entlassen. Sie besuchte gleich darauf Davids Petrusch, mit ihm zu beraten, was weiter zu tun sei.

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