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Das Grenzerbuch

Friedrich von Gagern: Das Grenzerbuch - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Grenzerbuch
authorFriedrich von Gagern
year1940
firstpub1927
publisherPaul Parey
addressBerlin
titleDas Grenzerbuch
pages500
created20180307
sendergerd.bouillon@t-online.de
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VII.
Gestalten und Schicksale

Die beiden Simon – Eine Dorfgeschichte – Kain – Der alte Mansker – Das schwache Geschlecht – Mrs. Calloway – Bullit – Die McAffee – Die großen Knochen – Harrod – Der Böhm in Amerika – Der rote Logan – Conolly – Ein Heldenstück – Graf Dunmore und sein Heer – Der weiße Logan – Heerschau – Point Pleasant – Die Shelbys – Cornstalk – Nachspiele

Kommt da eines Sommertages ein blutjunger Mensch nach Fort Pitt und bietet dem Quartiermeister der Besatzung seine Dienste als Wildbretschütz an. Ein Bärenkerl von Bursch, seine sechs Schuh hoch und darüber, bildhübsch, mit braunem, wellenschimmerndem Haar, weicher, scheuer Mädchenstimme und ganz seltsamen grauen Augen. Nennt sich Simon Butler, will nicht ganz neu in den Wäldern sein, denkt keine Angst vor den Indianern zu haben, meint schießen und treffen zu können, schätzt sich selbst auf sechzehn bis siebzehn Jahre. Mit Woher und Warum werden in der Wildnis keine langen Umstände gemacht.

Dem Quartiermeister gefällt der Bub; gäb das einen Soldaten! »Na gut, Junge; frisch Fleisch und sichere Büchsen können wir immer gebrauchen. Was du dir mit Häuten und Fellen noch extra verdienst, ist dann deine Sache. Na, und wie ist's mit dem Kundschaften? Verstehst du da was davon?« – »Will's versuchen und lernen, Sir.« – »Umgekehrt, mein Sohn, das wird richtiger sein. Nun, und weil du schon Simon heißt, da rat ich dir, halt dich an Simon Girty, auch 218 einer von unseren Jägern, bei den Seneca-Irokesen aufgewachsen, mußt ihm ja nicht gerade alles nachmachen. Ja, wär der kleine Kanadier noch da, der Waldläufer, der mit den Boones im neuen Lande drüben gewesen, grad vor ein paar Wochen ist er wieder davon – kannst aber auch von Girty was Ordentliches lernen, solange er draußen. Schön. Nun, hoffe, daß du hältst, was du zu versprechen scheinst.« –

Die Freundschaft kam zustande. Die beiden Simon gefielen einander, schlugen sich zusammen und streiften gemeinsam in den pennsylvanischen Hinterwäldern.

Und was für ein Schüler, dieser verfluchte Kerl, dieser Butler, dieser Junge! . . . Als Schütz den Allerbesten ebenbürtig, an Kräften dem Lehrer selbst beträchtlich überlegen: scheel konnte man werden auf ihn. Schwang der einen ausgewachsenen Hirsch an den Hinterläufen über die Stockade als wär's ein armseliges Kaninchen; zerbrach einen guten, neuen Flint zwischen bloßen Fingern wie ein Stück mürber Brotrinde. Im Rudern und Steuern brauchte man ihm auch nichts mehr beizubringen, darin tat er's jedem Indianer gleich; schwimmen konnte er wie eine Bisamratte und tauchen trotz einem Biber; an Lauf und Lunge war er ein Roß, an Sprung ein Löwe, an Ausdauer ein Wolf, an Sinnesschärfe ein Luchs. Fehlten nur die feineren Künste der Wildnis, die Spurenkunde, die Wissenschaft von den mancherlei Listen und Gegenlisten, die Kenntnis indianischer Sprachen, die Übung eben und die Erfahrung. Aber auch darin machte der stille, aufmerksame, bescheidene Bursche von Tag zu Tag reißende Fortschritte. Wenn das so weiterging, das wurde ein Menschenjäger und Kundschafter, wie es noch keinen gegeben zwischen dem alten Hudson und den Kanadas, einer, von dem man nach hundert Jahren noch an den Winterkaminen der Blockhäuser und an den Lagerfeuern erzählte. . . .

In einem freilich war der wilde Girty mit seinem Lehrling nicht wohl zufrieden. Nach scharfem Weidwerk schmeckt ein tiefer Trunk, und dazu war der Junge auf keine Weise zu haben. Nicht einmal freihalten ließ er sich. Wie Hölle und Pest mied er den Schank. Und auch für die Weibsjugend im Fort hatte er kein helles Gesicht, wo doch andere Grenzerburschen in dem Alter sich um die Mädels die Augen aus den Köpfen boxten. Scheu, düster und verschlossen ging er aller Geselligkeit aus dem Weg. Wenn er seine Beute abgeliefert und seinen Anteil an Häuten beim Krämer oder an den Quartiermeister verkauft, verließ er das Fort und nächtigte irgendwo draußen, 219 einsam in angepflocktem Boot auf der stillen Mondflut des Monongahela oder in den schwülen Wäldern. Das forderte zum Verdacht, zu Haß und Hohn heraus; nichts vertragen die Menschen weniger als schweigsame, unzugängliche Sonderart; wer sich nicht zu ihrem Mitschuldigen macht, der ist schlimmerer Dinge fähig. Aber bald lernte man, dem Fremdling seinen Willen zu lassen. Auf ernsthafte Anrede gab er stets bereitwillig und fast unterwürfig mit sanfter, weicher Mädchenstimme Antwort; auch die Neckereien der Soldaten, der anderen Jäger und Burschen ertrug er lange in freundlicher Geduld. Doch als einmal ein junger Kampfhahn ihn mit Gewalt zu stellen und in die Kantine zu nötigen versuchte, ward er ganz fahl im Gesicht und fackelte den Krakehler aus jäh verdunkelten Augen derart an, daß jenem das Blut in Herz und Arm erstarrte und er wie gelähmt zurückwich. Solche Macht hatte dieser Sechzehnjährige im Blick. Fortan konnte er unbelästigt seiner Wege gehen.

Als sein Meister Girty von der Geschichte vernahm, lachte er boshaft auf: Hab ich's euch nicht gesagt? . . . Nicht gut anzubinden mit dem Kinde; wird sich's sechsmal gefallen lassen und beim siebentenmal totschlagen! . . . Und sag euch noch einmal: das wird einer, von dem man sich noch erzählt! . . . Im übrigen aber: wer den kränkt, kriegt's mit mir zu schaffen, verstanden? . . . Hier ist Simon Girty, zu einem hübschen kleinen Gouging stets gerne bereit! . . .

Ja, das war er, Simon Girty, der Mann, den die Chronisten seines Landes und zumal der Grenze mit törichten Schmähungen überhäuft und zu Kain, Judas, Arnold, Tryon und Wilkens Booth in die tiefste Hölle verdammt haben: Simon Girty der Verräter, der Abtrünnige, der Bluthund, der Mordbrenner, der Leichenschänder, der Brudermörder, der Teufel der Hinterwälder, der Satan in Menschengestalt! . . . Nein, nichts von alledem war er, oder von jedem nur soviel als naturnotwendig zur Tragik eines wilden Heldenlebens: – ein Mensch mit seinem Schicksal, ein Mann mit seiner Neigung, ein Kopf mit seiner Überzeugung, und bei all seinem Fehl und Fluch kein geringer, kein gewöhnlicher, kein plebejischer, kein unedler, sondern ein aristokratischer, ein wirklicher Charakter.

Mit einer jener alten verbrauchten und doch tausendfach wahren Schauergeschichten hebt dieser Lebenslauf an. Girty, der Vater, aus Irland eingewandert, wählt als echter Sohn seiner Heimat den Beruf eines fahrenden Händlers und wird auf einem seiner Züge von den Indianern ausgelöscht. Erst Geld, dann Feuerwasser! . . . Erst 220 Feuerwasser, dann Geld! . . . Der Tomahawk schlichtet den Streit. Die Witwe verheiratet sich wieder. Eines Nachts Kriegsgeheul, Schüsse, Flammenhölle, hundert halbnackte bemalte Teufel, Beile, Messer, Kugeln, das Ende. Der Stiefvater wird am Pfahl verbrannt; in die Frau und die drei Knaben teilen sich die Stämme. Georg wird von den Lenapen adoptiert, ficht später alle ihre Kriege gegen die Weißen mit und verbringt sein ganzes Dasein in ihrer Gemeinschaft, glücklich, träg und unabhängig, frei von den Sorgen einer ehrgeizigen Welt und den Unruhen geregelter Häuslichkeit. James kommt zu den Schawanesen; erzogen in der Kunst regellosen Waldkrieges, ein hervorragender Späher und gefürchteter Häuptling, bleibt auch er seinem Stamme treu bis ans Ende. Simon, von den Seneca-Irokesen aufgenommen und herangebildet, hatte es nicht so leicht und einfach wie seine Brüder; ihn stellte der Herr des Lebens vor eine schwere Entscheidung, vor die Wahl zwischen vergessener Geburt und genossener Ausbildung, zwischen verschollenen Vorfahren und lebendigen Erziehern, zwischen entfremdeter Art und eingefleischter Zugehörigkeit. Nach Verfall des großen indianischen Trutzbundes kehrte er mit Bradstreets und Bouquets Leuten widerwillig zu den Bleichgesichtern zurück; aber sein innerstes Herz war rot geworden, seine Liebe gehörte der Rasse, deren Geschicke er in den empfänglichen Jugendjahren geteilt, deren Vergewaltigung er vom Wigwam aus mitangesehen, deren Kultur er die Entwicklung seiner Gaben, seinen Jägerruhm und sein täglich Brot verdankte. Nicht die armen bedrängten und betrogenen Indianer haßte er, hatten sie auch einst seinen Vater erschlagen – sondern sein eigenes unersättliches, verlogenes, diebisches Volk, seine sogenannten echten und doch falschen Brüder. Schon als Indianer fühlte er mit den Unterdrückten, hielt er es mit den katholischen, indianerfreundlichen Franzosen; und doch ist er später nicht im Strome der Revolution mitgeschwommen, hat er nicht ins Gebrüll der steuerweigernden Verbrecherkolonie mit eingestimmt, sondern – darin ganz Irokese – der legitimen Macht, der Krone, dem geordneten alten Mutterstaat machte er seine Fähigkeiten und sein Ansehen unter den indianischen Stämmen dienstbar, für England gegen das rebellische Amerika stand, kämpfte, sündigte und fiel er. Natürlich besaß er, wie jeder ganze eigenwüchsige Mann, ein paar sogenannte schlechte Eigenschaften. Er trank, er spielte, er war nicht prüd, er hatte etwas von der freien romantischen Art der alten Waldläufer, er schätzte einen guten Faustgang oder ein frisches Gouging und zeigte sogar eine 221 gewisse empörende Vorliebe für dergleichen Abwechselungen. Dazu war er schließlich Ire. Aber den Pharisäern der neuen Welt lieferte das Wasser auf ihre Mühlen. Da hatten sie es leicht, den Mann zu schmähen, den Verräter, den Abtrünnigen, dem sie es nie verziehen, daß er treu blieb, wo sie abfielen und rebellierten. – So ist der »übelberüchtigte Überläufer und Bandenführer« westlicher Chronisten, ist dieser seltsame düstere Wahlindianer Simon Girty dichterisch erhöhtem, nacherlebendem Schauen unter all den vergessenen Grenzerhelden jener großen Zeit vielleicht der interessanteste Kopf. Wie Hagen, wie Coriolan, wie Sertorius, wie Wittich unter den Degen des Berners. – –

Die Gemeinschaft der beiden Einzelgänger währte nicht lange. Eines Herbsttages, da sie wieder einmal ihr beutebefrachtetes Boot die goldglühende Abendflut des Alleghany hinuntersteuern, quert ein rinnender Wapitihirsch ihre Fahrt. Die Sprossen des zurückgelegten Geweihs blitzen in der sinkenden Sonne, bronzen schwimmt der mächtige Tierleib im Feuerschmelz der Strömung, die unbändige Jagdlust bricht jauchzend los. Bei solchem Weidewerk wurden Pulver und Blei, beide so teuer, gerne geschont; Mitgefühl, Ehrfurcht vor dem Gotte im Mitgeschöpf kannten die Hinterwäldler überhaupt nicht, dazu waren sie Christen. Girty trieb mit aller Kraft auf das edle Wild los, holte es in spitzem Winkel ein und versetzte ihm, noch ehe es zu wenden vermochte, einen schweren Schlag mit dem Ruder. Der arme Hirsch gewann stromabwärts das Ufer; doch halbbetäubt und vielleicht verletzt konnte er die steile Böschung zum schützenden Walde nicht in einer Flucht nehmen. Gleich hinter ihm sprang Girty an Land und mit geübter Klinge hackte er nach den gestrafften Sprungflechsen des gemarterten Tieres. Da wandte der Wapiti sich gegen den Peiniger, traf ihn mit furchtbarem Tritt, griff nochmals an und forkelte ihn durch beide Schenkel, genau wie der Menschenteufel es an ihm versucht. Ohne den Jungen wäre Girty verloren gewesen; der rannte jetzt herzu und gab dem gequälten wütenden Elk kunstgerecht den Herzfang.

Lange lag der wunde Girty zu Fort Pitt auf dem Bärenfell; der angebliche Simon Butler war wieder mit sich allein.

In Wahrheit nämlich hieß er gar nicht so, und er, der die Mädchen und Menschen mied, hatte mit seinen sechzehn Jahren schon so einiges verübt und erlebt. 222

In der virginischen Grafschaft Fauquier war er 1755 als Kind armer Ansiedler geboren. Seine Jugend die jedes gewöhnlichen Grenzerbuben: Jagen, Schießen, Schaffen, Lungern, Schwimmen, Laufen, Roden, Raufen. Aber diese Waldhähne begannen früh zu balzen und die Freiheit der Wildnis setzte ihrem ehelichen Paarungswillen kaum eine Grenze. Mit fünfzehn Jahren verliebt sich der bildhübsche bärenstarke Bengel ganz sterbensfurchtbar in eine kokette Mabel oder Beß. Herbstgeschäker im Maisstroh, ein bißchen Frühlingserwachen hinter den Palisaden im Holz – doch wen so Mädels eines Spieles würdigen, den heiraten sie schon nicht. Ein anderer führte die Beute heim, schwerlich ein Besserer, ein Reicherer vielleicht.

Allein junge Liebe wird bisweilen gefährlich unterschätzt; erst kokeln und dann, wenn's lichterloh brennt und Pulverfässer losgehen, es gar nicht so gemeint haben wollen, das ist recht Weiberart. Der arme Bursch in seinem Wahnsinn drängt sich ungeladen unter die Hochzeitsgäste; mit Hohn und Haue jagen sie ihn hinaus. Nun gibt's gar keinen Verstand mehr: Tollwut der sogenannten Liebe. Andern Tags überfällt der Besessene den jungen Ehemann im Walde und boxt ihn auf der Stelle nieder. Erst wie das Opfer erblassend unter ihm liegt, weicht der böse Geist; kalt und grau kommt die Besinnung, aus der Dämmerung steigt fahl und furchtbar die Wirklichkeit herauf. Willy, Mensch, Herrgott, so steh doch auf, soll doch alles gut sein zwischen uns – es war doch nur – Will, Willy, sei doch vernünftig, es war ja bloß – – Will, Willy, so mach doch keine Dummheiten, hör doch, hörst du nicht, get up! . . . Umsonst. Kein Leben mehr in dem erschlafften Körper. Tot. Erschlagen. Die Augen gebrochen und schaurig verdreht; aus dem bleichen offenen Munde, über den hangenden Kiefer herab spinnt ein dünner Faden gerinnenden Bluts. Da packt den Mörder das Grausen, er flieht in die Wälder, ungerüstet, ungewaffnet, weiter, immer weiter nordwärts, pfadlos, friedlos, schlaflos, sinnlos, von Furien gejagt, geschreckt von den raunenden Stimmen und unhörbaren Schleichtritten der Nacht, umspäht von den tausend allgegenwärtigen Fratzen der Wildnis. . . . Am Cheat River in Pennsylvanien drüben findet ihn ein paar Wochen später ein Pächter, der den Halbverhungerten gutmütig in sein Haus aufnimmt und ihm ohne weitere Frage zunächst zu essen und dann zu arbeiten gibt. Nur gerade so viel einfältiger Überlegung hat der arme Schelm noch im Kopfe, daß er sich Simon Butler nennt; vielleicht, daß er unter dieser Deckung sich allmählich nach den Kanadas durchschlägt 223 und dort mit den Einsamkeiten und Entbehrungen eines harten Jägerlebens seine Bluttat büßen darf. . . .

Er hätte sich gleich ganz ruhig Simon Kenton nennen können; wer wußte hier etwas von virginischen Dorftragödien! . . . Im Westen forschte man nicht nach Schelt und Schimpf, nach früheren Wegen und Weisen. Die Hinterwälder waren die Freistatt Europas und seiner Kolonien. Aber so weit dachte der Gehetzte gar nicht. Der nachmals die Wildnis kannte wie kaum ein zweiter, hat sich in Unkraut und Dorndickicht der Menschheit überhaupt nie zurechtgefunden.

Nicht lange blieb Kenton beim pennsylvanischen Pächter. Es litt ihn nicht, er hatte keine Ruhe, er mußte weiter. Für seinen ersten Verdienst kaufte er sich eine Büchse und das notwendigste Jagdgerät und wanderte damit nach Fort Pitt. Nun war er wieder allein. Noch war Girty nicht genesen, da machte er die Bekanntschaft zweier anderer Abenteurer, die den Ohio hinab nach dem Lande des grünen Rohres wollten. Boones und Martins Schilderungen hatten sich binnen wenigen Wochen über die ganze Grenze hin verbreitet, das Kentuckyfieber brach aus. Kenton war der Plan der beiden anderen eben recht; je weiter von allen Siedlungen desto besser. Die drei steuerten den stolzen schönen Waldstrom hinunter ins neue Kanaan. Fast anderthalb Jahre trieben sie sich in der göttlichen Wildnis umher, sahen und erlegten Wildes die Menge, aber das grüne Rohr selbst, Boones geheimes Paradies fanden sie nicht. Mangel an Schießvorrat zwang sie endlich zur Umkehr. Sie ruderten und wanderten nach Virginien zurück und jagten eine Zeitlang am großen Kanawha, wo es seit Bouquets Feldzug still und sicher geworden. Da werden sie eines Tages von Indianern beschlichen und lautlos umzingelt. Schüsse blitzen aus der Finsternis, einer der Gefährten stürzt vornüber ins Lagerfeuer, Kenton und dem andern gelingt der verzweifelte Durchbruch. Büchsen, Gerät, Vorräte, Häute, Felle bleiben zurück, den Angreifern zur Beute. Wieder einmal rastlose Flucht durch pfadlose Waldnacht, bergan, bergab, über Windbruch und Fels, durch Dorngedick und gischenden Wildbach, weiter, immer weiter, am nächsten Morgen setzen sich die Roten auf die Spur! . . . Bis zum dritten Tage geht's noch so leidlich. Am vierten beginnt der Hunger zu toben. Am fünften drohen die Kräfte zu schwinden. Am sechsten ist die Verzweiflung da. Kein Feuer, keine Waffe, die Mokassins zerfetzt, die Sohlen eine einzige Wunde, zur Nahrung sauere Beeren und bittere Wurzeln, gefundenes Aas und Insekten, rohe Krebse und 224 Lurchgetier. . . . Einige Tage später sahen Bullits Leute am Ohio zwei Skelette in Lumpen auf ihr Lagerfeuer zuwanken. Einer der beiden Dulder brach sofort zusammen und konnte nur mit Mühe am Leben erhalten bleiben; der andere, ein anscheinend ganz junger Bursch, erholte sich verhältnismäßig schnell und suchte bald darauf wieder selbständige Arbeit.

Das war Simon Kentons zweites Abenteuer.

*

Als Daniel Boone in den Wochen seiner Sommereinsamkeit die dichten Auen des Ohio durchstreifte, sah er den Wäldern jenseits des Big Sandy River Rauch entsteigen und wendete sich verdrossen nach seiner Höhlenburg in der Schlucht des Shawanee zurück.

Denselben verhaßten Rauch hätte er an vielen Stellen des neuen Landes riechen und erspähen können: kein noch so unzugängliches, noch so verschwiegenes Paradies, das nicht bald Gemeingut und Beute der allbekriechenden, allbeschmutzenden Menschheit würde.

Steiner, ein deutscher Grenzer, und der berühmte Harrod sollen schon vor Boones denkwürdigem Zuge in der großen Biegung des Cumberland den Elk und den Bison gejagt haben. Während Boone mit Finley und Stewart den Rockcastle River hinauf nach den Lecken wanderte, hauste eine andere Partie von Hinterwäldlern unterm Wilde des südwestlichen Kentucky. Im folgenden Jahre überschritt wieder eine vielköpfige Schar von Abenteurern, Schießern, Schindern, Landräubern die hohen Alleghanies und drang vom Cherokesenlande her gegen den Cumberland vor. Führer dieser Bande war der deutsche Kaspar Mansker, ein altes Original, aber – wie die meisten westlich verschlagenen Landsleute – ein ziemlich wüster Bruder. Meister in allen Künsten und Listen der Wildnis dachte er an Schonung weder des roten Mitmenschen noch des unschuldigen Mitgeschöpfs. Was vor seine zärtlich geliebte »Nancy«, die niemals fehlende lange Büchse, kam, wurde erbarmungslos niedergeknallt, gehäutet und skalpiert, und seine Gesellen machten es natürlich nicht besser. Einmal mußte ein Stapel von zweitausenddreihundert Hirschdecken zurückgelassen und aufgegeben werden; es war nur ein Teil der Beute weniger Monate – man wurde der Fülle und Last einfach nicht mehr Meister. Ein andermal freilich kamen die rechtmäßigen Jagdherren, die Cherokesen, und erleichterten die weiße Schinderhorte um ihre ganze Ernte und all ihr Lagergerät. Die wütenden Grenzer 225 konnten die schlauen stillen Indianer, die sich in »Indian file« nach allen Richtungen auseinander verschlichen, nicht mehr einholen; dafür wurde nun jede Rothaut erst recht ohne Unterschied ausgelöscht und massakriert, und dafür wieder putzten die Eingeborenen ihrerseits jeden vereinzelten Jäger aus dem Hinterhalt weg und dörrten seinen Skalp im Rauch ihrer Berghütten. Bisweilen auch gelang ihnen ein lebendiger Fang, und dann brannte hoch droben irgendwo in erdbeerduftender Dorftrift die Sonnwendfackel des Marterpfahls. . . . Sogenannte Weltgeschichte auf kleinstem Raum, im sogenannten Unrecht natürlich die Minderheit mit ihren schwächeren Waffen. . . .

Als Manker gries und stumpf geworden, begann er methodistisch zu frömmeln und wurde ein »hilfsreiches Mitglied des Gemeinwesens, das er hatte begründen helfen«. Das sieht und liest man gern. Massenhaftes Hinschlachten des Wildes, erbarmungslose Ausrottung der Bewohner und Eigentümer, das nennt man »Gründung eines Gemeinwesens«. So ist dieser Deutsche schon ganz Typus des Amerikaners: zusammengesetzt aus blutiger Rücksichtslosigkeit, kaltem Eigennutz, Scheinheiligkeit und kindisch roher Schwärmerei. Da ist ein Simon Girty mit all seinen Lastern und ehrlichen Härten denn doch ein anderer Kerl.

Noch war Amerika nicht geboren, aber schon gab es Amerikaner. Überall regten sie sich. Von irgendwelchen Lebensrechten des Indianers wollte man seit Fort Stanwix weniger denn je hören. Die unvorsichtigen Erzählungen der Boones, Martins, Calloways und anderer Jäger hatten die Gier des Grenzerpöbels und der östlichen Landspekulanten furchtbar aufgeregt. Nun begehrte jeder sein Teil, und das möglichst groß und möglichst fett und möglichst schnell. Das Volk der Hinterwäldler, durchsetzt mit allerhand zugewanderter europäischer Kanaille, angestaut vor und zwischen den alleghanischen Bergdämmen, kam gleichsam angestochen in Fluß und ergoß sich über den Westen. Wie steigende Flut über Ufer späht und leckt, erst leise da und dort, dann in immer breiteren, immer tieferen Wellenzügen, so brach das Element durch aufgerissene Schleusentore und zernagte Sperrdeiche nach neuen weiten Räumen hinaus. Das »Go ahead«, der Kriegsruf Amerikas erscholl zum erstenmal über die paradiesisch glückliche Stille der Wildnis. Das rasende Lebenstempo der neuen Welt kündigte sich an. Volle zwei Menschenalter hindurch waren die blauen Höhen und ihre Täler »Grenze« gewesen; Kentucky war es nur mehr zehn oder fünfzehn Jahre lang, und gleich einige hundert Meilen weit 226 über die einstige Linie hinaus trieb die aufgespeicherte Spannung den Angriff vor. Nicht schritt- und staffelweis wie die ehrwürdigen Kolonien, von kühn übergreifenden Vorposten aus wurde der »dunkle« und blutige Grund erobert. Etwas länger bewahrten Tennessee und die südliche Landschaft den Ruf romantischer Unsicherheit; dann wurden auch sie überspült und blieben mit Schwemmgut der Zivilisation übersät in der Etappe zurück – als »old country«, als überwundener Standpunkt, als Gestern. . . . Go ahead! –

Gerade Boone selbst mißglückte der erste Anlauf.

Im Frühling 1771 war er von zweijährigem Streifzug an den Yadkin zurückgekehrt und am liebsten hätte er sich im selben Sommer noch mit Hausstand und Habe nach der neuen Heimat aufgemacht. So schnell ging das nun freilich nicht. Mit Weib und Töchtern durfte sich ein Einzelner doch nicht so ohne weiteres ins grüne Rohr wagen, und wo eine Gesellschaft, da viele verzögernde Umständlichkeiten. Dem menschenflüchtigen Jäger brannte bald die Zeit auf den Nägeln und unter den Sohlen: diese unendlichen Vorberatungen, diese schwerfälligen Rüstungen! . . . Der wollte dies, der meinte das, der sah Vaterfreuden entgegen, der mußte erst noch seine Farm losschlagen und fand keinen Käufer, der hatte erst noch eine Tochter auszuheiraten, der wartete darauf, daß seine Stute abfohlte – und alle fragten sie, und alle bohrten sie, und jedem einzelnen mußte Boone das ganze lange Garn noch einmal besonders vorspinnen. . . . Am liebsten hätte er den einsamen Cumberlandweg unter gute neue Mokassins genommen und sich in seine gemütliche Höhlenburg am Shawanee verkrochen – dort dröhnten die Büffel, dort rauschten die Wasser, dort schäkerten die Dohlen, brausten die Wandertauben, dort sah und hörte er nichts von dem Narrenvolk, mit dem er seinen Garten Eden nun doch teilen mußte!

Endlich im Herbste des Jahres 1773 war richtig alles soweit beisammen. In Powells Tal sollten die Teilnehmer sich zum Aufbruch sammeln. Boone brachte zehn Familien samt ihren Herden mit und fand zu seinem Schrecken ein Lager von vierzig anderen, Leute darunter, die weder von Zucht und Ordnung noch von Waffe und Wildnis das Nötigste wußten. Die Wälder widerhallten von ihrem wüsten Geschieße und ihren lauten rohen Reden; ihr Ziel zu treffen und zu töten verstanden alle, ihre Büchse und ihre gesunden fünf Sinne vernünftig zu gebrauchen nur die wenigsten. Das fing 227 ja schön an. Das konnte ja gut werden. Die Freude am Unternehmen war Boone gleich gründlich vergangen.

Was aber seinem erfahrenen Auge der schärfste Dorn, das war der ungetüme Troß der deutschen Mrs. Calloway. Von keinem Topf und Tand, von keinem Kram und Krug, von keinem Huhn und Hafen hatte sie sich trennen wollen. Zwanzig Packpferde hatten allein an ihrem Eigensinn und ihrer Einbildung zu schleppen; nichts von allem durfte zurückbleiben, kein Deckel und kein Döschen, um Gottes willen doch nicht die zinnerne Wärmflasche, um Himmelswillen doch nicht die Kinderwiege, um Jesu willen doch nicht das kupferne Waschbecken, um alles in der Welt willen doch nicht die alte verbeulte Pfeffermühle! . . . Nein, nein, nichts, gar nichts, unter gar keiner Bedingung! . . . Der arme Calloway zuckte die Achseln und fügte sich. Nein, das durfte er Frauchen wirklich nicht zumuten, daß sie in der wilden Fremde auf ihren gewohnten Hausrat verzichte! . . . Der Mann, der unerschrocken den weiten einsamen Weg von den Lecken bis zu den Niederlassungen zurückgelegt, duckte sich unterm Pantoffel tiefer als unterm Tomahawk. Als Boone Einwände wagte, erhob sich gehässiges Gezeter gegen ihn wie zu Rom weiland gegen den strengen modefeindlichen Cato; viele Frauen hatten dem gegebenen Beispiel löblich nachgeeifert, die bedrohte Gänseherde zischte, selbst Calloway, der alte Gefährte, widersprach. Da war eben nichts zu wollen. Und dazu noch die Unmenge Vieh, das störrische Borstengetier, das bänglich kackelnde Geflügel in seinen Verschlägen, die kehlenden Kinder, die kläglich ums Kalb brüllenden Kühe! . . . Das konnte unmöglich gut werden. Mit einem Dutzend auserwählter Hinterwäldlerfamilien hatte Boone den Beginn machen wollen, mit verständigen abgehärteten Menschen: und nun sollte er solchen Pöbel führen!

Aber die Farmen waren verkauft, die Brücken im Rücken verbrannt, es blieb nichts anderes übrig. Boone schloß sich an, weil sonst die anderen ohne ihn aufbrachen; Calloway zumindest kannte ja den Weg. Schließlich tröstete er sich mit der Hoffnung, daß die tägliche Gefahr selbst Ordnung und Gehorsam unter den bunten Hauf bringen werde. Mochte es denn in Gottes Namen losgehen; anders freilich hatte er sich den Auszug nach seinem Gosen oder Kanaan vorgestellt.

Als der Ahorn zu verfärben begann und die ersten Herbstnebel in den Bergen hingen, setzte die Karawane sich in Bewegung. 228 Langsam nur kam man vorwärts. Allnächtlich verliefen sich ein paar der unseligen Packpferde. Ehe man sie gefunden, eingefangen und wieder einmal mit Mrs. Calloways Kostbarkeiten beladen hatte, verstrichen kostbare Stunden. Dazu die schwerfälligen Rinder. Dazu die eigensinnigen Säue. Jeder Aufbruch, jede Lagerung ein Höllenkonzert und ein Fegefeuer an Pein. Jeder wollte alles besser und am besten wissen. Kinder, die greinten; Weiber, die jammerten. Mrs. Calloway brauchte ganz unbedingt bald dies bald das aus ihrem unübersehbaren Gepäck. Wann kommt das grüne Rohr? Sind wir morgen da? Wann sind wir da? Warum sind wir noch nicht da? . . . Boone mußte all seine Geduld zusammennehmen. Wie anders einsamen Jägers Feierabend, den gerupften Wildputer am Spieß über der Glut, rings die mächtige flüsternde Stille. . . . Am liebsten hätte er drei Viertel der ganzen unnützen Bande heimgeschickt, das lästige Frauenzimmer mit eigener Hand zu irgendwelchen Indianern in Schule und Aufbewahrung gegeben. Es war vielleicht der heißeste Marterpfahl seines Lebens. Am 25. September hatte man Powells Tal verlassen; jetzt am 7. Oktober wanderte man über Waldens Höhe. Wo waren da noch die Cumberlandberge, wo das Gap, wo die Fälle, wo die ersten Parkwälder, wo die ferne erwählte Heimstatt auf der Hochebene nahe dem Lick? . . . Ein kleiner indianischer Überfall würde diesem Gesindel ganz gesund sein und einen anderen Begriff von dem »dunklen blutigen Grunde« beibringen. . . .

Mühselig kroch der Heerwurm weiter durch die immer kürzeren, oft wolkenverdüsterten Herbsttage. Hatten schon die öden steinigen Höhen des Powell-Berges entmutigt und enttäuscht, so wurden viele der Auswanderer durch die finstere Stille der nahenden Cumberlandberge erst recht eingeschüchtert und gereizt. Da konnten die Boones und selbst Calloway predigen so viel sie wollten; man hatte sich das verheißene Paradies nun einmal ganz anders vorgestellt. In dumpfer Stimmung, verärgert und unzufrieden treckte die Horde weiter auf dem deutlich vorgezeichneten Pfad; tiefes Gewölk verhüllte die Pässe, leer von Wild starrten die toten dunklen Krüppelwälder, in den Klippen webten die Nebelgeister. Aber wenn dann mit früher Dämmerung im Grund die Feuer aufloderten, teilte sich irgendwo das Gebüsch und herunter auf die Fremdlinge spähte das braune grimmige Antlitz der Wildnis. Stimmen raunten, unhörbare Schritte schlichen, dunkle wachsame Augen lauschten aus der fahlflackrig erhellten Nacht. 229 Am nächsten Morgen folgte es schattengleich der Wanderung, geleitete sie unsichtbar und erwartete sie schon vorwissend am nächsten Lagerplatz. . . .

Nun endlich war die Torschlucht, das Gap nicht mehr fern. Boone atmete halb und halb auf. Einmal heraus aus den Engen und unter kentuckyschen Himmel, so war die schwerste Not überwunden. Hier herum hatten sie damals die ranzigen Enten gebraten, dieser Bach führte nach dem kleinen düsteren Waldsee. . . . Da wurde die Karawane aus einem Gehölz her von einem starken Trupp berittener Indianer überfallen. Es waren Cherokesen, die durch ihre Kundschafter alle Bewegungen der Eindringlinge genau überwacht und sich hier an günstigem Orte zu nachdrücklicher Abwehr gesammelt hatten. Ohne lange Umschweife und Finten begann das Gefecht. Der Kriegsruf gellte, Kugeln klatschten gegen die Stämme und splitterten durchs Gezweig, lauter als die Rothäute zeterten die Weiber. Soweit hatte Boone seine Schützen doch in der Hand, daß sie ihn verstanden und zur Not gehorchten; auch konnte er sich auf Bruder Squire, seine Söhne, auf Calloway und einen gewissen Natty Hard vollkommen verlassen. Das gab der Verteidigung immerhin einen festen Rahmen. Die Frauen mit der Bagage befanden sich ohnehin in der Nachhut; zu ihrem Schutze konnten zehn Leute genügen. So gelang es, den Feind in zweistündigem Kampfe mit schwerem Blutverlust zurückzuweisen und endlich ganz in die Flucht zu schlagen. Aber teuer erkauft war der Sieg, die eigene Einbuße doch die weitaus härtere. Nicht nur hatten sich Vieh und Troß in heillosem Herdenschreck nach allen Weltrichtungen verlaufen – sechs oder sieben Männer deckten die fremde Erde, den »dunklen blutigen Grund« mit ihren erkaltenden Leibern, unter ihnen Boones ältester Sohn, bei geschickter und entscheidend geglückter Umgehung der Indianer, seiner ersten Ruhmestat, gefallen. Aus schweren, teils gefährlichen Blessuren bluteten viele, ganz unverletzt geblieben war beinahe keiner.

Und nun: statt mit Fürsorge, pflegender Hand und Dank empfingen die Weiber ihre pulvergeschwärzten wunden Helden mit erbittertem Durcheinandergekreisch und Gekeif. Einzig Boones aufrechte, tapfere Frau, strack und stark wie nur je eine altrömische oder spartanische Mutter, machte nicht mit und verschloß ihren Schmerz in eisernem Herzen. Alle übrigen aber schalten und schimpften und schäumten und schrillten und erklärten dreißigstimmig in den höchsten Tönen, von einem solchen Land und solchen Dingen unter gar keiner 230 Bedingung mehr etwas wissen, hören und sehen zu wollen. Jetzt gleich müsse der Heimweg angetreten werden, jetzt sofort, augenblicklich, unbedingt! . . . Und den Furienchorus überfistelte wieder seine anerkannte Führerin, Mrs. Calloway, der die verlorene Fahrnis natürlich weit mehr galt als die ausgelöschten sieben Menschenleben. Ihr Gepäck wolle sie wiederhaben, ihre zwanzig Pferdelasten an Linnen, Kleidern, Bändern, Betten, Töpfen, Dosen, Truhen, Tüchern, Spitzen, Schürzen, Hauben, Hüten, Schauben, Schüsseln, Tiegeln, Litzen – noch heute, noch diesen Abend – der Wärmblutzer, Gott im Himmel, wer ersetzt mir meinen schönen zinnernen Wärmblutzer! – schnellstens zur Stunde – und die Gewürzmühle, wo kriege ich wieder solche Gewürzmühle her, ich arme gestrafte Frau! – ihre Sachen, ihre Schätze, ihr Hab und Gut, ihre Aussteuer! . . . Und wirklich machten sich ein paar gutmütige Männer trotz Müdigkeit und Wunden auf, dem rabiat plärrenden Weibszimmer zu Willen zu sein; vielleicht mehr dem völlig geknickten Gatten zuliebe. Ihren Ladies gegenüber sind die Amerikaner ja vollkommene Tröpfe und Trottel.

Was sie einbrachten, war herzlich wenig. Da und dort lagen wohl abgestreifte Kisten und Kasten, Schachteln und Ballen, aber das meiste und beste hatten die abziehenden Indianer gefunden und zugleich mit den eingefangenen Packpferden mitgenommen. Das kupferne Waschbecken gelangte vielleicht in irgendeinem alleghanischen Bergdorfe zu fetischgöttlichen Ehren; aus dem zinnernen Wärmblutzer goß man Kugeln zur Vernichtung der Bleichgesichter; mit den Bändern und Litzen schmückten sich Regendoktor und Lieblingssquaw des Oberhäuptlings; die Wiege fand Verwendung als Kriegstrommel oder Aufnahme ins heilige Kolleg der Orakeltruhen; und aus den verlorenen Salbenbüchsen hat später ein gelehrter Forscher auf mehreren hundert Seiten Quart die Wahrscheinlichkeit und Bedeutung einer appalachischen Frühkultur unter besonderer Berücksichtigung toltekischer Einflüsse, aztekischer Wanderungen, yukatanischer Funde und tehuakanischer Venuskulte überzeugend nachgewiesen. . . . Das war das verdiente Ende von Mrs. Calloways unentbehrlichen zwanzig Pferdekräften und -lasten.

Auch vom verirrten Herdenvieh ließ sich das wenigste beitreiben. Der größere Teil fiel den Roten zu willkommener Beute; einige Stück liefen mit unfehlbarem tierischem Ortssinn tageweit über Berge und Bäche nach Powells Tal zurück, wo man sie später voll Erstaunen wiederfand; manche blieben in den Wäldern und verwilderten – wie 231 ja auch die einst berühmten, heute todgeweihten Mustangs der westlichen Steppe ähnlichen Ereignissen ihre Freiheit und den Ursprung ihres Pferdestaates verdankten.

Der Abzug war im stillen so gut wie beschlossen. Die Bestattung der Gefallenen verdüsterte noch die Stimmung. Der zuerst seine Meinung heraussagte, sprach aus den Herzen aller. Niemand erhob Einwand gegen den Vorschlag unverzüglicher Umkehr. Natürlich war es Boone, dem man offen oder heimlich die ganze Schuld gab. Mit herbem Hohn berief er sich auf seine verlachten Warnungen. Im Innersten war er ja froh, seinen Plan nicht mit solchen Menschen ausführen zu müssen. In beschleunigten Märschen erreichte die jetzt wesentlich erleichterte Gesellschaft Powells Tal, von wo aus sie sich in alle Winde zerstreute.

Boone selbst blieb nach Verkauf seiner Farm allerdings nichts anderes übrig, als hier an der Grenze ein Übergangsquartier zu gründen und auf günstigere Stunden zu warten. Die Errichtung eines ganz behaglichen Hauses bereitete ja Hinterwäldlern keine Schwierigkeiten, und auch eine Feldlichtung für den unentbehrlichen Mais war bald geklärt. So konnte man es einstweilen in Ruhe mit ansehen. Freilich ein seßhaftes Leben unter Dach und Fach schätzte der wettergewohnte Jäger nicht; ihn verlangte nach weiten einsamen Wegen, nach Manneskampf mit pfadloser Wildnis und ihren Geistern, nach Gefahr, nach Taten. Er vernahm den Donner dunkler Bisontenwanderung, er sah das kriechverdächtige Beben und Regen der Halme im grünen Rohr, er roch den verjauchten Salzschlamm der Lecke, seine Seele flog mit dem brausenden Gewölk der Tauben nach Nord, wo jetzt das Brechen überlasteter Zweige weithin durch die Frühlingsnächte hallte, wo der Lick allmorgendlich bedeckt war vom Gezack abgehornter Elkstangen, wo im hohlen Kalkgefels die Lenzwasser pochten und aus letzter Frucht schon wieder neue Blüte sich dem wachsenden Tage erschloß. So harrte und hoffte er und lauschte sehnsüchtig auf die Stimme des Schicksals, auf den Ruf des Herrn, daß er ihn, den gläubigen Diener, an seine Stelle im Strome der Zeiten wies.

Der Ruf erging an ihn; sein Schicksal sollte sich erfüllen. – –

Während Boone von seiner südlichen Heimat her den Angriff auf das Land des grünen Rohres vorbereitete, quoll und drängte es von Osten schon unaufhaltsam in die dunklen blutigen Gründe herein. 232

Auch in den alten Kolonien hatten die Erzählungen der ersten Kentuckyer ungeheures Aufsehen erregt. Sogar die Regierung spitzte die Ohren und verfiel auf kluge Gedanken. Zu Fort Stanwix damals war sie mehr oder weniger übertölpelt worden; jetzt warf sie ihre eigenen ohnmächtigen Verfügungen in den Papierkorb. Was den Hinderwäldlern recht, konnte auch ihr nützlich sein. Da gab es noch eine Menge Veteranen aus dem Kolonialkrieg; seit bald zehn Jahren warteten sie auf ihr zugesagtes Stück Land am Ohio; jetzt, da auch sie die Kunde vernommen, begannen sie zu murren. Aber nun brauchte man ja bloß zuzugreifen. Hauptmann Bullit, schneidig und erfahren – er hatte einst ein von Major Grant verlorenes Treffen vor Fort Duquesne-Pitt noch so halb und halb ausgewetzt –, wurde mit Soldaten und Landmessern nach dem Westen abkommandiert. Den Ohio hinunter reiste er bis zu den Schnellen beim heutigen Louisville und begann seine Arbeit. Den Pennsylvaniern und Westvirginiern war Kentucky natürlich anders zugänglich als Boone und den Seinen im alleghanischen Gebirg. Jene hatten die flotte Wasserstraße, diese mußten sich über sieben Berge hinüberquälen. Eben darum steht Boones Leistung am höchsten.

Auch Bullit hatte sich eine Schar von Hinterwäldlern, Jägern, Landsuchern angeschlossen, darunter die Gebrüder McAffee, junge, wilde, unternehmungslustige Kerle. Das mit Bullit wurde ihnen bald zu langstielig; Grenzer und Militär, das vertrug sich kaum in der äußersten Not. So gingen die McAffees mit noch ein paar Virginiern auf eigene Faust los. Sie besuchten Cornstalk – »Maisstengel« – den Schawanesen-Sachem in seiner Hauptstadt Old-Cillicothe und wurden von ihm mit huldvollen Reden und Friedenspfeife traktiert, während auf der anderen Seite zur Wigwamgasse herein die jungen Krieger des Stammes frisch erbeutete Skalpe und gestohlene Pferde im Triumph einbrachten. Sie streiften westlich bis zum Cumberland River und südlich darüber hinaus bis ins Tennessee; ihre wichtigste und in ihrer Art wirklich unsterbliche Tat aber ist die Entdeckung jenes versumpften Tales, das noch heute den Namen des Big Bone-Lick, der Riesenknochen-Lecke trägt. Hier waren einst Hunderte von drängenden Mastodonten durch den Torfrasen eingebrochen und im schwefligsauren Salzschlamm versunken. Andere Pilgerherden teilten das Schicksal ihrer Vorgänger; den Gesundquell suchten sie und fanden den Tod. Schließlich ruhte die trügerische Decke fest auf einem Pfahlbau von untergegangenen Geschlechtern, 233 es ist das Bild des schichtenden Lebens selbst, ein Gleichnis voll Ahnung und Tragik. Wieder zutagegetreten und gehoben bedeckte das krustige Gebein bleich und stumm die unheimliche Stätte. Selbst die Indianer mieden den Ort, wo einst der vermessene »Büffelvater« von Nanabozhos strafendem Blitzkeil erschlagen worden. Aber die McAffees machten sich keine schweren Gedanken und erdichteten keine Sagen. Aus Urelefantenrippen errichteten sie das Gerüst zu ihrem Zelt, die Wirbelknochen der Kolosse dienten ihnen als Stühle. Man sieht es deutlich vor sich: das junge Amerika, das frech und frisch auf den Trümmern mythischer Gigantenzeit flegelt. . . . Einige Jahrzehnte später hat der große Cuvier zu unseres Goethe höchster Erregung aus eben diesen kentuckyschen Resten seine berühmte Theorie erbaut.

Die Umgebung des geheimnisvollen Lick strotzte geradezu von Wild. Wie vor Jahrzehntausenden der fossile Büffelvater, so labten sich jetzt Bison und Elk an der Blüte des schwefligen Säuerlings. Breitgebahnte Heerstraßen der Tiere durchzogen Urwald und Bruch nach allen Richtungen, man wanderte wie im Gassenlabyrinth einer Stadt. Solch ein Weg führte die Brüder bis an den Kentucky in der Nähe des heutigen Frankfort; andere Wechsel förderten die Reise weiter, kreuz und quer, von Tal zu Tal, von Salz zu Salz. Die McAffees arbeiteten selbst mit der Meßkette und verloren ihre Zeit nicht mit schwermütigen Betrachtungen; nicht Einsamkeit, sondern Scholle und Schwelle war ihnen der Hauptzweck. So erforschten sie das Land vielleicht gründlicher als ihr Vorgänger Boone, der still und unstet wie ein grauer Raubvogel durch die unentweihte Wildnis revierte. Schon legten sie da und dort Depots an; ein solches fanden sie eines Tages erbrochen und ausgeräumt, und am Ende der noch frischen Fährte einen armseligen, kleinen Rotkopf, der aus dem fernen virginischen Zuchthaus entwischt und sich tapfer genug bis ins innerste Kentucky durchgeschlagen. Hitzig, wie alle Macs der Grenze wollten sie die Kreatur zuerst kurzerart erschlagen; dann bildeten sie einen Waldgerichtshof und sprachen förmlich das Todesurteil; schließlich mochte sich keiner zum Henker hergeben und so verabreichten sie dem Gauner nur seine Tracht Prügel. Fürs erste wurde die gute Tat nicht belohnt. Auf dem Heimweg über die östlichen, trostlos dürren Cumberlandberge hatten die Brüder alle Schrecken und Entbehrungen einer australischen oder südwestafrikanischen Wüste auszustehen. Mehrmals drohte ihnen der Hungertod; wochenlang waren sie am Verdursten; dabei schleppten sie sich noch getreulich mit dem miserablen 234 Zuchthäusler. Wund und krumm, ausgelaugt und zusammengebrannt erreichten sie endlich das gastliche Tal des Clinch. Ihre Erzählungen, weiterzündend wie Savannenfeuer, steigerten noch die Kentuckyfieberglut.

Bullit mit seinen Landmessern und Soldaten hatte am Ohio überwintert. Im folgenden Jahre, 1774, brachen neue Schwärme ins grüne Rohr ein. Von Süden her kam John Floyd mit achtzehn Leuten, deren Zahl sich unterwegs noch vermehrte. Man vermaß ein Gebiet von zweitausend Morgen für den »Oberst« Washington, ein anderes für den »Donnersohn« Patrick Henry, den Desmoulins der amerikanischen Revolution. Aber mehrere von Floyds Begleitern meuterten und gingen einfach davon. Er selbst erkrankte; die Indianer traten ihm drohend entgegen. Es war nicht mehr sicher am Ohio, ohne daß die durch ganz Kentucky zerstreuten Jäger und Squatter es recht ahnten und wußten, was in ihrem Rücken geschehen. So auch die Schar von einundvierzig Virginiern, mit der James Harrod im selben Frühling zu Bullit gestoßen. James Harrod: ein prachtvoller Mann, hoch, mächtig, klug, gastfrei, jähzornig, ein tödlicher Schütze, ein tollkühner Reiter. Wenig wissen wir von ihm; weder konnte er lesen und schreiben, noch besaß er etwas von Boones Unstetheit, die seinen Ruhm nach fernen Gegenden getragen und Spuren hinterlassen haben würde. Aber der Geschichte der Grenze hat er seinen Namen aufgeprägt wie nur einer seiner berühmten Nachbarn und Waffengefährten.

Er war es, der damals sofort an die Gründung einer festen Niederlassung ging. Ausgerechnet die Gegend von Boones Höhlenburg ersah er sich dazu, und doch wußte er nichts von den Plänen des anderen, noch kannte er ihn überhaupt. Zwei gleich erfahrene Köpfe finden, denken und beschließen eben dasselbe. Bald stand die erste Hütte des ersten Dorfes im neuen Westen, das erste Haus von Harrodsstown, heute Harrodsburg. Aber aus dem Rohr spähten die schwarzen Augen, und eines Tages wurde eine Abteilung von fünf Mann, darunter ein unglücklicher Landmesser, hinterhältig beschossen. Der arme Geodät fiel, zwei Leute entkamen zu Harrod, die beiden anderen schlugen die Richtung auf Bullit zu ein. Aber Bullit war auf einmal nicht mehr da, die Asche seiner Lager erkaltet, nach Harrods Siedlung wies die Spur. Unverzüglich folgten ihr die Versprengten. Und jetzt war auch Harrod nicht mehr da, niemand mehr war da, was hatte das zu bedeuten? Gutes schon einmal nicht; also schnell auf und davon, ehe der Boden brennt. 235

Sandowsky oder Sodowsky hieß einer der beiden Abenteurer, Nachkomme tschechischer Protestanten, die nach der Schlacht am weißen Berge aus Böhmen entflohen; er wird der Findige gewesen sein. Was tun die Menschen in ihrer einsamen Not? Fällen und höhlen unterhalb der Ohioschnellen einen ganz gewöhnlichen Einbaum, steuern darauf den schönen Strom hinunter und kühn in den riesigen Mississippi hinein, dann unverzagt weiter durch Treibholz, Saugwirbel, schaurige Schlammwasserwüste, nächtliches Bullfroschgebrüll und moskitoheißem Fieberbrodem bis hinab nach dem spanischen New Orleans, werden vom Gouverneur Onzaga gut aufgenommen und erreichen nach zwei Jahren auf einem Kauffahrer Philadelphia, nachdem sie ein ansehnliches Stück Amerika umrudert und umsegelt. Wieder einmal eins jener klassischen Grenzerhauptstücke.

Aber Bullit, was war mit Bullit geschehen? . . . Ganz plötzlich war er abberufen worden und zwar durch keinen anderen als Daniel Boone, der mit einmal wie ein Geist in seinem Lager erschien. Harrod? Den und seine Waldmänner hatten dann eben Boone und Bullit zusammen heimgeholt, und so alle anderen Squatter, die da und dort vereinzelt oder in stärkeren Trupps jagten, fällten, rodeten, gründeten und säten. Und auch der trotzige Floyd hatte weichen müssen, nachdem alle seine Leute bis auf drei ihn verlassen und sein ganzer Schießvorrat auf fünfzehn Ladungen zusammengeschmolzen war; unter unsäglichen Nöten und Beschwerden erreichte er das sichere Tal des Clinch auf dem – immer noch nur für die Boones leidlich gefahrlosen – Landwege über die Bergpässe. Kentucky, die Haine des grünen Rohres, eben noch widerhallend von räumenden Äxten, krachenden Stammwuchten, rauhen Stimmen und Büchsenknall – Kentucky war mit einem Schlage gesäubert von Räubern, Mördern und Schändern. Still reiften die Nüsse unterm dunstwarmen Spätsommerhimmel. Friedlich und glücklich wie einst wanderten auf ihren Heerstraßen die Herden Manitous zum heiligen Salzquell, in den verlassenen Maisfeldern lärmten und atzten die Sittiche, der Ruch zahllos allgegenwärtiger Verwesung war verweht, und um blank bleichendes Geripp und verödete Lager spürte wieder hungrig der Wolf. . . . Was war geschehen? Was braute? Was hatte all das zu bedeuten?

Große Dinge: Krieg. Indianerkrieg. Revolution. In Boston hatten die fünfzig irokesischen Masken für achtzehntausend Pfund Sterling aufgezwungenen Zolltee versenkt; in Massachusetts standen 236 die Minutenmänner unter Waffen; in den Wäldern aber ging der wiedergeborene Metacom, der auferstandene Pontiac um und von Dorf zu Dorf trug er die grauen Wampumbriefe der Warnung, die roten des Hasses und die schwarzen des Todes.

*

Tah-gah-ju-tah hieß er diesmal, war ein getaufter Häuptling von der irokesischen Nation der Cayuga und an der ganzen Grenze bekannt und beliebt als der freundliche, großmütige, gastfreie, hochsinnige John Logan.

John oder der rote Logan: zum Unterschied vom ebenso berühmten weißen Benjamin Logan, der zur selben Zeit die Bühne der Urwaldgeschichte betritt.

Der rote Logan lebte nicht in den langen Sippenhäusern seines Volkes. Er war eine aristokratische Natur; ihm widerstrebte der straffe spröde Verband der Großfamilie. Unabhängig und frei schweifte er in Pennsylvanien und Virginien umher; trotzdem genoß er höchstes Ansehen nicht allein unter den fünf Nationen, sondern fast mehr noch bei den Lenapen, Schawanesen und deren westlichen Nachbarn. Aber sein Herz gehörte den Bleichgesichtern. Nie hatte sein Beil einen weißen Kopf berührt, sein Messer nie vom Blute des Erbfeindes getrunken. In allen Hütten, in allen Forts war er gleich gerne gesehener und einkehrender Gast. Gewissenhaft beriet er den hilflosen neuen Ansiedler; bereitwillig übernahm und bestellte er aufgetragene Botschaft; getreulich führte er den Irrenden durch die Wildnis an sein Ziel; liebreich bewirtete er den Darbenden mit Labung und Lager; unter seinem Schutze reiste der pennsylvanische Händler sicher wie an Gottes Hand. Er ist das Urbild von Seumes prachtvollem Kanadier und der Beweis dafür, wie richtig der heute belächelte Dichter gesehen. Er kleidete den Nackten; er speiste den Hungernden; er pflegte den Kranken; er hat mehr als einen Gefangenen befreit und gerettet, und glaubte er in seinem Innersten wohl noch an seinen Oyaron und sein Orenda, so war er doch mehr als nur dem Namen nach und weit mehr als die meisten Bekenner des Gekreuzigten ein wahrhafter Christ. Vor Jahren schon hatten skalpwütige Grenzbanditen einige seiner Verwandten hinterrücks niedergeknallt; er verzieh. Selbst solch ein alter eisenharter, unerbittlich grimmiger Waldteufel hinterließ in schriftlichen Aufzeichnungen das 237 Bekenntnis, er halte Logan für das höchste Beispiel von Menschlichkeit, dem er überhaupt je begegnet.

Seine ganze Liebe aber hatte dieser Wilde den Kindern geschenkt. Schon um ihretwillen sprach er so gerne in den Niederlassungen ein. Dann barg seine Weidtasche stets ein paar niedliche Sächelchen, puppenkleine indianische Mokassins oder ein Wampumschnürchen oder einen hübschen Putz aus bunten Vogelfedern oder eine nette vielfarben geflochtene Lederscheide mit sauber geschnitztem hölzernen Spielmesser darin. Wo sie ihn schon kannten, jubelten die Kleinen bei seinem Eintritt, und wie ein nachsichtiger Onkel ließ er sich von ihnen Gürtel und Kugelbeutel durchkramen. Sah er nur solch goldrotblonden Kopf, so glitt es wie verklärender Widerschein über seine dunklen Züge, seine Augen leuchteten in mildem Glanz und um den schweigsamen Mund spielte ein schwermütig erlöstes Lächeln. Da konnte er dann stundenlang unter seinen Lieblingen auf der rohen Bank vor der Hütte sitzen, und während der Nestling um seine befranzten Gamaschen kroch und klein Suzy am beringten Ohr zerrte und marterte, lehrte er den aufhorchenden Abbie oder Dickie geduldig den Lockruf des wilden Truthahns, den Bau der Biberfalle, den Pfeilschuß nach dem Astauge im bohlenen Zaun. Selbst die Frauen betrachteten ihn nicht ohne Wohlgefallen; gewachsen wie eine Tanne, hoch und von herrlichem Ebenmaß, war er ein Mann von gebietender, würdevoller, bronzener Heldenschönheit. Er sprach sehr gut englisch; die stolze Höflichkeit seines Auftretens, seine klare ruhige Ehrlichkeit, seine aufopfernde Anhänglichkeit, sein oft bewiesener Edelmut gewann ihm jedes ebenbürtige Herz. Als Schütze, Kundschafter und Kämpfer wurde er sogar von den Meistern der Wildnis rückhaltlos bewundert. – Das war der rote Logan – vor seiner Tragödie. –

Es begann wieder bei den unversöhnlichen Schawanesen und den rachsüchtigen Lenapen. Die Niedertracht von Fort Stanwix brannte und bohrte in ihnen, und wie ihre ganze Rasse waren sie im natürlichen Recht. Noch vor hundert Jahren hätten sie sich wohl gehütet, gegen irgendeine irokesische Maßnahme aufzumucken; nun der Stern der fünf Nationen im Niedergang, trat die heilige Pflicht des Vorkampfes an sie heran, und sie erfüllten sie mannhaft bis zum bitteren Ende, bis zur Schicksalsschlacht an der kanadischen Themse, um dann den Tomahawk an die Brüder im Westen, die Sioux, weiterzugeben. Jetzt handelte es sich um Sein oder Nichtsein ihres Rechtes 238 an den ergiebigen kentuckyschen Jagdgründen. Wohl lagen ihre festen Wohnsitze im Norden des Ohio am Muskingum und Scioto, und nicht allzu häufig durchschweiften ihre Horden das seit alters gemiedene grüne Ried, dessen ungeheurer Wildreichtum auch die südlichen Stämme anlockte und somit Gefahr bedeutete. Aber deswegen ließen sie sich ihre Ansprüche doch nicht streitig machen; die menschenleeren Wälder, Hochebenen, Salzmoräste und Täler im Bogen des Ohio, zwischen dem grünen Fluß im Abend und dem großen Kanawha im Morgen, waren eine unversiegliche Fleischkammer, waren ein Trost, Rückhalt und Geschenk für den schlecht bewaffneten roten Mann. Kamen erst die weißen Hundert- und Tausend- und Abertausendschaften mit ihren Büchsen und Beilen und ihrem raffenden Handel, so war in wenigen Sommern alles vorbei, vernichtet und verschwunden. Das kannte man nun schon zur Genüge.

Die Schawanesen unter ihrem Oberhäuptling »Maisstengel« – Cornstalk nannten ihn die Engländer – eröffneten die Fehde damit, daß sie durch ihre jungen Leute die vorgeschobenen Ansiedlungen am Kanawha und in den Bergen mit Viehraub und Mord beunruhigen ließen. Dabei machten sie immer einen gehässig und aufreizend grundsätzlichen Unterschied zwischen Virginiern und Pennsylvaniern. Diese wurden allerhöchstens einmal um ihre Habe erleichtert, jenen nahm man den Skalp. Der reisende Quäker gar, wo man ihn erkannte, blieb nach wie vor ungekränkt und unantastbar. Das spielte ins Verhältnis der Kolonien untereinander und zum Mutterlande hinüber. Geliebt haben sich Virginier und Pennsylvanier zu alterszeit nie. Dem stillen Pennsylvanier war der Handel heilig und Lebenszweck; der Virginier verachtete ihn dafür, denn er selbst stand und fiel mit der Waffe. Im Virginier wurzelte immer noch ein Schoß und Schuß feudaler Königstreue; dem Pennsylvanier, der vor keiner Majestät je den Hut gezogen, galt nächst Gott als oberstes Prinzip der bürgerliche Kommerz. Der Pennsylvanier hatte die Daseinsrechte des Indianers immer verteidigt und der Schonung des roten Mitmenschen das Wort geredet; der Virginier haßte den Wilden auf Blut und Tod und verdrängte ihn in unersättlichem Ausdehnungstrieb Schritt für Schritt aus der angestammten Heimat. Der Virginier brannte nach jeder Handbreite brauner Haut seine selten fehlende Kugel ab und verschmähte nicht einmal immer den barbarischen Siegesschmuck der Kopfschwarte; der Pennsylvanier verkaufte dem Indianer Büchsen und Schießpulver zum Kampf gegen 239 den weißen Christenbruder und nahm dafür bereitwillig und wissentlich die dem virginischen Nachbarn gestohlenen Rinder und Pferde in Tausch. So standen die Dinge zwischen werdenden Amerikanern, und eben damals begegneten sich die Gegensätze auf Messers schmaler Schneide. Zwischen Virginien und Pennsylvanien schwebte ein giftiger Grenzstreit um Fort Pitt und die Landschaft am Monongahela, nachmals bekanntlich zugunsten der Quäker entschieden. Nun hatte Graf Dunmore, Virginiens letzter Gouverneur, ehrgeizig und nicht unbegabt, einen gewissen Hauptmann Conolly, einen draufgängerischen Iren, mit Soldateska und Hinterwäldlermiliz nach der schwülen Ecke abkommandiert, und der wüste Gewaltmensch entledigte sich seiner Aufgabe in einer Weise, die selbst den virginisch gesinnten Ansiedlern des Gebietes alle Lust zum Anschluß gründlich benahm. Schweine und Rinder wurden einfach totgeschossen und aufgefressen, Pferde eingefangen und mit virginischen Stempeln gebrannt: so vergalten die liebenswerten südlichen Nachbarn den schmierigen Schleichhandel mit der Rothaut und die gottverdammte schleimige Lauheit in allen indianischen Dingen. Aber natürlich, der Erfolg des Terrors entsprach nicht dem Zweck. Da ließ man sich doch weiß Gott lieber von den guten frommen schwerfälligen Herren in Philadelphia regieren als von solchen Bestien. Die pennsylvanischen Grenzer sammelten sich in Fort Pitt und erwogen wie die Virginier selbst eine bewaffnete Entscheidung.

Da, in eben diesem Augenblick, fielen die Schawanesen ihren grimmigsten Feinden in den Rücken, mit Räubereien und Überfällen da und dort, nicht mit ausgegrabener Axt, sondern mit schlauer kleiner Belästigung. Mit eins sah Conolly sich zwischen zwei Feuern, und ob sie wollten oder nicht und ob sie über ein Einverständnis der Pennsylvanier mit den farbigen Hunden tobten, die Virginier mußten sich der größeren Gefahr zuwenden. Die Indianer hatten einen diplomatischen Fehler begangen, der Bürgerkrieg war durch sie vereitelt, und wer sagt, wie weit er seine Wellenkreise getrieben hätte, vielleicht bis Boston, vielleicht bis London! . . . Vielleicht dankt Amerika seine Unabhängigkeit der Übereilung eines schawanesischen Häuptlings? . . .

Auch Conolly handelte unbedacht. Durch Boten schickte er offene Weisung an alle obervirginischen Hinterwäldler, sich waffenbereit zu halten und angreifenden Indianern keinen Pardon zu geben. Darauf hatte man ja nur gewartet. Quartier wurde ohnehin nicht gewährt; 240 aber jetzt hatte man's schriftlich, jetzt durfte man sich jede Gemeinheit erlauben. . . .

Beim heutigen Wheeling am Ohio, in jenem schmalen virginischen Landstreifen, der nach seiner Gestalt »der Pfannenstiel« genannt wird, lagerte damals auch solch eine Gesellschaft von Jägern und Landmessern, angeführt von Michael Cresap, einem rohen maryländischen Iren. Groß war hier die Begeisterung über den erhaltenen Freibrief; ein Kriegspfahl wurde geschält und zubehauen, ein fingiertes Kriegsbeil ausgegraben – fehlte nur noch an Opfern, daran man seinen guten Willen und Heldenmut hätte auslassen können.

Auch sie blieben nicht aus. Die ersten des Wegs kamen zwei friedfertige Rote, die im Auftrag eines pennsylvanischen Krämers mit anderen Indianern wegen geraubter Felle unterhandelt hatten. Das war ein gefundenes Fressen: zwei Schläge mit einem, gegen die verdammten Traffiker und gegen das farbige Zigeunerpack! . . . Die Boten wurden niedergeschossen und hübsch ordentlich skalpiert. Was, wer redete da von Gewalttaten? Verflucht und gehangen, wer hier mit sowas kam! Jetzt wurden nicht Psalmen gebetet! Schon sah man rot in rot, ein Feld von Bluthunden jaffte auf warmer Fährte. Gleich am nächsten Tage meuchelten Cresap und Genossen wieder ein paar arme Schelme, die gerade in Fort Pitt ihr Rauchwerk abgesetzt und nun ihres geringen Erlöses froh heimkehrten. Die Halunken hatten zwar die Frechheit zur Gegenwehr, töteten sogar einen von Cresaps Helden, aber nach kurzem Feuerwechsel erlagen sie, wie sich's gebührt, der wütenden Übermacht der gerechten Sache. Da sah man's ja deutlich wieder, daß dieses Giftgewürm ohne Unterschied niedergetreten werden mußte; Cresap hatte sich übrigens nie zu einer anderen Meinung bekannt.

In dieser würdigen Gesellschaft befand sich auch ein einundzwanzigjähriger Bursche, breit, gedrungen, stark wie ein Büffel, mit fuchsrotem Haar, bösen glühblauen Augen und wilden struppigen Brauen. Georg Rogers Clark hieß er, stammte aus guter alter Familie des zweiten Standes, hatte aus unbezwinglicher Liebe zu Wald, Waffe und Gefahr mit Meßkette und Kompaß umzugehen gelernt; wurde später der berühmtesten einer unter all den eisernen Schreckensmännern der kentuckyschen Saga, ihr Diomed, ihr König Blauzahn; schoß raketenhell auf, flammte, leuchtete, und verlosch in Nacht und Laster.

Blut war geflossen, ein Anfang war gemacht: nun wollten keine Indianer mehr kommen und sich abschlachten lassen, Cresap mit seinen 241 Mannen begannen sich zu langweilen. Doch – hatte nicht dort am gelben Bach, einen starken Tagesritt weit, Logan sein Wigwam aufgeschlagen, der irokesische Schuft, der Schleicher, der Heuchler, die Canaille? Auf, und nach Logans Quartier am gelben Bache, da gab es was totzuschießen, da gab es Skalpe zu schinden! In heiliger Begeisterung brach die Rotte los. Aber unterwegs kriegte sie es doch mit dem Zweifel. Der Kerl war so niederträchtig beliebt, er galt ganz allgemein als Freund, man konnte ihm nichts Rechtes vorwerfen, wenn das dann am Ende . . . Man stockte, man beriet, man kraute sich hinter den Ohren, man kehrte doch lieber wieder um. . . . So waren sie nun einmal, die Hinterwäldler: roh wie die Matrosen, reißend wie Mastiffs, rasend wie gereizte Stiere, blutlechzend wie Winterwölfe – und dann mit einem Schlag so hilflos betroffen und verhagelt, wie riesige Kinder. In zweien seiner Gestalten, im Hurry Harry des ersten und im Bienenjäger Paul des letzten Lederstrumpfromans hat Cooper diesen Typus glänzend gezeichnet.

Beschämt, uneins mit sich selbst, zogen Cresaps Leute heim nach ihrem Lager. Getrost, was sie nicht fertig gebracht, das besorgte ein anderer. Greathouse hieß die Kreatur, war etwas wie ein Ansiedler und unterhielt nebenher einen Schnapsschank. Cresap hatte ihm das gefährliche Gewerbe untersagt; da kümmerte sich der Grenzbudiker grad viel darum.

Auch ihm war Conollys unseliger Brandbrief zu Wissen gekommen; bei ihm verkehrten gerne Logans Angehörige, das geliebte Feuerwasser lockte mit unwiderstehlicher Gewalt. Was lag da näher als Gebrauch der guten Gelegenheit? An diesem Tage, dem 30. April, hatten sich wieder neun von Logans Indianern in seinem Ausschank eingefunden; Frau, Töchter, Söhne, Schwieger und Enkel. Greathouse verständigte rasch ein paar Nachbarn. Erst wurden die ahnungslosen Roten gründlich unter Fusel gesetzt. . . . Dann schoß, stach und schlug man sie ohne Unterschied tot.

Die Mordsage erzählt, die Bestien hätten ihre stockbetrunkenen Opfer erst noch auf ihrem Boot oder Floß in den Ohio hinausgestoßen und darauf ihr unterhaltendes Wettspiel mit Büchsen und Kugeln eröffnet. . . . Es wäre nicht das erste und bei weitem nicht das letzte Beispiel solcher Christlichkeit. Was 1867 unter Führung eines – Methodistenpredigers Chivington an den Cheyennes verübt und am Vorabend des erleuchteten XX. Jahrhunderts beim Schlachtfest von 242 Wounded Knee geleistet wurde, das verträgt selbst heute nicht die Öffentlichkeit des Buchdrucks. . . .

Gleich heulte die Flamme hoch aus dem lagernden Brandstoff. Die Schawanesen frohlockten geradezu vor Entrüstung: nun hatten sie ihren Kriegsgrund, die englandfreundlichen Irokesen ihre Lehre und ihr Teil! . . . Die Stämme am Muskingum und Scioto machten Logans, des allgemein geachteten Häuptlings Sache trotz seiner fremden Zugehörigkeit zu der ihren, eine ganz feine Politik. Aber selbst einem Conolly rann es eiskalt über den Rücken, wie er von der feigen Bluttat vernahm; er schob die Schuld auf Cresap, dieser machte ihn verantwortlich. Den Indianern war das natürlich ganz gleichgültig. Cresap oder Conolly, Clark oder Greathouse – Lügner und Betrüger, Räuber und Mörder waren die Virginier alle! . . . Immerhin, die Lenapen unterhandelten noch, und einer ihrer Häuptlinge hielt vor dem angsterfüllten Conolly eine wunderschöne, dauernden Gedenkens würdige Rede: »Bruder – schlechte Menschen gibt es immer und überall, und das ist leider nicht zu verhüten, daß diese Schlechten beider Seiten Frevel begehen. Aber dazu haben wir die kühleren Köpfe, daß wir uns nicht durch das Ungestüm und die Torheit einzelner ins Unglück unserer Völker treiben lassen.« Viel Weisheit in wenigen Worten. Doch die Schawanesen wollten von Vermittelung und Versöhnung nichts wissen; ihnen ging es um Kentucky, ihren Urstammsitz, ihre unverschmerzte Heimat, nicht um Logan. Ohne andere Entscheidung abzuwarten, stürzten sie sich in den heiligen Krieg.

Conolly war ratlos, die Verwirrung allgemein, am schlimmsten gerade im strittigen Pittsburger Winkel. Hier wußte kein Mensch, wofür, wohin und woran sich zu halten. Die Schawanesen beschützten die Pennsylvanier gegen Irokesen und Virginier. Die pennsylvanische Miliz deckte die Schawanesen gegen die rasenden weißen Mitbürger und Nachbarn. Die Virginier tobten und schäumten und bedrohten jeden gottverdammten quäkerischen Krämer mit Lynch und Blei. Die Pennsylvanier in ihrer Sorge stellten eine Landwehr von hundert Reitern auf; die Virginier sahen darin Mobilisierung und Kriegszustand und eröffneten tätliche Feindseligkeiten. Wieder einmal ließen Hunderte von Ansiedlern Haus und Frucht im Stich und flüchteten über die finsteren Berge; wieder einmal wimmelte es in den hölzernen Dorffestungen von zusammengescheuchtem Volk, von zusammengetriebenem Vieh, von zitternden Frauen und verstörten 243 Kindern. Rauchschwaden lagerten auf den Lichtungen; nebliger Brandschein erhob sich aus der brütenden sommerschwülen Urwaldnacht. . . . Und einen gab es, der mit dieser Entwicklung gar nicht so unzufrieden war und sich heimlich die Hände rieb: Lord Dunmore, der virginische Gouverneur.

Ihm hätten die Schawanesen, ja ihm hätte der Schuft Greathouse gar keinen größeren Gefallen erweisen können. Was er zum Schein rügte, pries er inwendig von ganzer Seele. Dieser Krieg gerade war, was er brauchte; England, die Regierung, die Krone brauchte diesen Indianerkrieg. Die unruhigen Virginier mußten beschäftigt und von den Bostoner Geschichten abgezogen werden. Auch den Carolinischen mußte man etwas dergleichen besorgen. Und dann, wenn die Not am höchsten, würde er sich erheben, siegen und als Retter der Kolonie dastehen. Der Kolonie, die durch den Unbedacht ihrer Bürger so schwer gefährdet worden. Und selbst diese Politik hatte noch einen zweiten doppelten Boden. Die königliche Regierung verstand ihren klugen Gouverneur recht gut und spielte ihrerseits ihre Rolle. Cresap schimpfte auf Greathouse; Conolly wütete gegen Cresap; Seine Lordschaft rüffelte Conolly; und die Herren in London nahmen Seine Lordschaft hoch und verteidigten die gekränkten Indianer. Was alles miteinander gar nicht so schlimm gemeint war. Es hatte nämlich bloß den einen Zweck, den Indianern auch weiterhin von Detroit aus ihre Hilfsgelder zahlen zu können. Auch die Cherokesen und die südlichen Nationen wurden freigebig gespickt. Bald würde man diese farbige Miliz, diesen roten Terror gut gebrauchen können. Es war die zweite, die innere oder hintere Front Englands gegen seine aufsässigen Kolonien. Es ist das Spiel zwischen Rom, Byzanz und Germanen. –

Und Logan selbst?

Ganz starr war er zuerst gewesen, vor Schreck, vor Wut, vor Staunen. Er konnte es gar nicht glauben: seine ganze Familie hingemordet, von Weißen, denen er sein Leben lang nichts als Gutes erwiesen! . . . Aber dann dämmerte die Erkenntnis, dann kam es über ihn, und nach tagelangem Brüten warf er seinen ganzen Glauben, seine Gesinnung, seine ganze Art von sich wie eine fremde Tracht, wie eine verhaßte Maske. Was er bisher angebetet, verbrannte er, was er bisher verbrannt, betete er an: Metacoms Geist fuhr ein in ihn, aus innersten Tiefen brach glühäugig der Urwolf. 244

Gleichviel, was an bleichem Gewürm ihm in den Weg lief: wie die Blaßgesichter selbst, so machte nun auch er keinen Unterschied. Es war der Amoklauf seines Lebens; sein Körper brach am Ende nicht zusammen, aber seine Seele erlosch unter Messerstichen und fressendem Gift. Gleich auf seinem ersten Rachezuge schmückte er sich mit dreizehn Skalpen, sechs darunter von den geliebten, blonden Kinderköpfen. . . . Hatte man seiner Söhne und Enkel geschont? . . . Eine Schar von Hinterwäldlern unter McClure machte sich zu seiner Verfolgung auf; er ließ sie in den Hinterhalt rennen, schlug sie aufs Haupt und heftete die Schädelschwarte des Führers an den Gürtel. Nicht besser erging es anderen Streifpartien; sein heiliger Zorn machte Logan für kurze Zeit unbesieglich, das Schicksal hatte ihn mit jäher Gewalt aus seinem Wege gerissen und an die Spitze seiner Rasse, in den Mittelpunkt seiner Heimat und Welt gestoßen. So wurde er zum tragischen Helden von furchtbarer Größe; kein Dichter hat das Trauerspiel dieses armen Wilden geschrieben, gewöhnliches weißes Begreifen, allzu hochmütig zu bereuendem Nachgefühl, findet sich in seinen Konflikt nicht hinein. Und doch tobte solcher Widerstreit auch in diesem düsteren indianischen Gemüt; immer wieder bricht ein Strahl sinkender Sonne durch das brauende, grollende Wettergewölk. Einen Hinterwäldler, den der Kriegsrat der Schawanesen zum Marterpfahl verurteilt, rettete er mit eigener Lebensgefahr und führte ihn mit sich hinweg. Wenige Tage später diktierte er ihm einen Brief in den mit Schießpulverbrei geschwärzten Holzgriffel, und auf seinem nächsten Skalpzug hinterließ er die denkwürdige Botschaft im leeren Hause einer erbarmungslos niedergemetzelten Familie:

»Hauptmann Cresap! Warum hast Du meine Angehörigen am gelben Bache getötet? Einst erschlugt Ihr Verwandte von mir bei Conestoga, und ich verzieh und vergaß. Aber jetzt habt Ihr alle meine Leute umgebracht; da wurde mir klar, daß nun an mir die Reihe sei, und seither bin ich dreimal gegen Euch ausgezogen. Aber nicht die Indianer zürnen; nur ich.

21. Juli 1774.

Hauptmann John Logan.«

Mehr wirklicher Weltgeschichte in diesem Schießpulverbrief eines Indianers als in dreißig Jahrgängen einer gelehrten historischen Zeitschrift. 245

*

Damals war es und darum, daß die virginische Regierung ihre gefährdeten Soldaten und Landmesser aus dem fernen Kentucky abberufen ließ. Man besann sich auf Daniel Boone, der gerade untätig in Powells Tal weilte und wartete. Einen besseren Mann hätte der Lord-Gouverneur freilich nicht finden können. Der Eilmarsch an den Salt River, quer über die schaurig öden Grenzgebirge und durch das ganze unheimliche Land, reichlich dreihundertfünfzig Kilometer weit, war wieder einmal ein hohes Meisterstück, zu dem eben weit mehr gehörte als roher Mut und unbeherrschte Schießkunst. Am 6. Juni war Boone aufgebrochen, am 4. August war er mit Bullit, Harrod und fast allen ihren Leuten wohlbehalten wieder in Powells Tal. Das soll ihm heute jemand unter gleichen Verhältnissen nachmachen.

Und nun rüstete Graf Dunmore zu »seinem« Kriege. Seine ansehnlichen Streitkräfte, insgesamt weit über dreitausend Mann, teilte er von Anfang in zwei Divisionen. Getrennt marschieren, vereint schlagen, der Plan war nicht übel.

Die Führung der nördlichen Armee übernahm der Lord höchstselbst. Zum Befehliger der südlichen ernannte er General Andrew Lewis, einen tapferen aber geistlosen Soldaten aus kampfberühmter altvirginischer Hugenottenfamilie. An der Mündung des großen Kanawha in den Ohio sollten die beiden Heere sich wieder vereinigen, Lewis' Division unterwegs noch den Zufluß carolinischer Grenzertruppen aufnehmen. Dunmores Route über Fort Pitt, wo es so vieles zu schlichten und zu richten gab, war die längere; er brach auf.

Daniel Boone gehörte zu seinem Kundschafterstabe, und der stolze Lord fand am klugen, nachdenklichen Jäger täglich größeres Gefallen. Er zog ihn in seine Gesellschaft, ließ sich von ihm erzählen, belehren und beraten; sowie er aber leise versuchte, den geschickten, einflußreichen Mann der gefährdeten königlichen Sache zu gewinnen, wich jener mit bescheidener Gewandtheit aus, ohne seine eigene Stellung je mit einem halben Worte zu verraten: ein Kundschafter auch in den Wildnissen der Politik, und kein ungefährlicher. Indes der gepuderte Graf ließ sich die Freude am Lederstrumpf dadurch nicht verderben. Als Engländer achtete er den kühnen Abenteurer, und noch in späterer Zeit hat Boone einen ähnlichen Beweis englischer Gesinnung wohltuend an sich erfahren.

Was ihm wohl mehr Vergnügen machte als die Eröffnungen seines hochgeborenen Gönners, das war ein unverhofftes Wiedersehen. Denn wer stieß bei Fort Pitt zur vormarschierenden Armee? 246 Nom d'une barbe bleue, der kleine krausköpfige Jan Martin, nom d'une biche rouge. . . . Seinen kleinen Menschlichkeiten hatte er inweilen vielleicht noch nicht völlig entsagt – Weiber, Wein und Würfel, nom d'un taureau, man ist doch auch nicht von Holz, comment, eh, wie, was? – aber Boone tat alles mögliche, ihn bei den hochmütig argwöhnischen Hinterwäldlern gut einzuführen, und den Ausschlag gab der mißachtete kanadische Waldläufer selbst mit Proben seiner verblüffenden Findigkeit. Man lernte ihn nehmen, wie er eben war, man lernte ihm vertrauen, und die Grenzer taten gut daran.

Und noch andere kommende und schon anerkannte Größen des Urwalds vereinten sich Lord Dunmores ledernem Kreuzheer. Da war Cresap, immerhin ein mutiger, bullenbeißiger Draufgänger; Clarke, unter dessen wildem Rotschopf schon jetzt heiße Pläne umgingen; und der finstere, unzufriedene Girty, und der bildhübsche, bärenstarke, knabenhaft sanfte, scheue Simon Kenton, der noch immer Simon Butler hieß. Hier reichten sie einander zum erstenmal die harten Hände, der berühmte Mann und der ehrfürchtig aufblickende Jüngling, die beiden Kämpen, die nachmals so manchen furchtbaren Strauß Schulter an Schulter ausfochten, die beide den bitteren Kelch des Führerschicksals bis zur Neige leerten, die spätere Sage gemeinsam auf den umwölkten Gipfel heroischer Grenzmär entrückt hat. . . . Und da war noch ein anderer, der bald im kentuckyschen Siebengestirn mit Boone und Kenton, Harrod und Martin, Clarke und Shelby am hellsten, am mildesten, am reinsten strahlen sollte: Benjamin Logan, der weiße Logan, der wetterbraune Hüne mit dem würdevoll schönen Antlitz, von überlegener Bildung, gescheit und herzensklug, von hoher humaner Tapferkeit, vornehm und treu, nachdenklich und zurückhaltend, ein wirklich überragender Mann. Er stammte aus angesehener, wohlhabender Familie des gesegneten mittleren Virginien, wo der Tabak am besten gedeiht und die Menschen zwischen der feudalen Üppigkeit östlicher Pflanzerbarone und der finsteren Heldenroheit der armen Hinterwäldler das rechte Maß hielten. Nach dem geltenden Recht Universalerbe des früh verstorbenen Vaters, verkaufte er die schöne, große, reich ausgestattete Farm einzig zur freiwilligen Befriedigung seiner Geschwister, und auch noch seinen eigenen Anteil opferte er unbedenklich der Erwerbung eines hübschen kleinen Anwesens, auf dem seine Mutter sorglos leben und ihre alten Tage erwarten konnte. Ohne einen Penny in der Tasche zog der hochsinnige junge Mensch in die amerikanische Welt. Im Kriegsdienst unter 247 Bouquet brachte er's bis zum Sergeanten; das gab ihm neuen Anspruch auf Grundbesitz, und auf seiner bescheidenen Hinterwaldfarm am Clinch erwarb er eigenhändig die Mittel zum Ankauf zweier Negersklaven. Das sind Züge eines starken, freien klaren Charakters, und was sie versprachen, hat Logan durch ein langes beneidenswertes Leben mit Überschuß gehalten. –

Im weiten Talgrund des Greenbriar-Baches, zwischen den waldüberdämmerten Biberlick-, den »klaren« und den Eiben-Bergen, wo heiße Schwefelsprudel zu Dutzenden aus geschwängertem Boden springen, lagerten Rauchschwaden wie nach feuchtem Streubrand, und vom Gipfel des dreitausendsechshundertfüßigen Keeney-Kopfes hätte der Späher den Schein ungezählter Feuer erblickt, wie sie fern drunten im Brauen abgekühlter Spätsommernächte geheimnisvoll flimmerten und glommen. Hier hielt General Lewis Musterung seiner wachsenden Heldenschar, und ein winziges Lewisburg zeichnet den Ort bis auf den heutigen Tag.

Auch er durfte zufrieden sein. Aus den Schanzweilern der carolinischen Grenzen, aus den Böden des Clinch und Holston, aus dem mittleren Virginien und aus der blutgetränkten Landschaft von Fincastle strömten sie heran, die Wehrmannschaften mit langen Büchsen, Tomahawks und eisernen Herzen. Vom Watauga, wo sie eben erst ihr Gemeinwesen begründet, kamen der schöne John Sevier und der ernste mächtige Robertson, die Großen von Tennessee; »Oberst« Fleming brachte die Schützen von Botetourt, »Oberst« Christian die Aufgebote der südlichen und westlichen Grafschaften, der heißblütige »Oberst« Field eine kleine, besonders wildverwegene Freischar. Einer von Christians besten Leuten war der alte knorrige Maryländer Evan Shelby; sein Sohn Isaak, kühn und von steinernem Ernst, ist nachmals einer der Unsterblichen der Wildnis geworden. Sevier und Robertson, die tennesseeschen Dioskuren, gehören zu den Gewaltigen der amerikanischen Saga.

Der brodelnde Braus rauher Stimmen erfüllte den Kamp. Aber mitunter knallte es heimtückisch aus dem Augebüsch, und in den Nächten dröhnte der Galopp entführter Pferde über die Ebene. So schön der Kriegsplan, daß man sie unbeobachtet ließ, durften die Streiter sich nicht einbilden. Cornstalks wachsame Augen lauerten von den Höhen herab und zählten die Skalpe; der alte Häuptling in seiner Residenz am fernen Scioto hörte, sah und wußte alles. 248

Nichts schwerer als solch ungebärdiges Grenzerheer in Zucht und Zweck zu halten. Wehrpflicht über die Heimstätte hinaus gab es nicht; was der Hinterwäldler aus gutem Willen tat, wünschte er auch nach seinem Gutdünken tun und jederzeit wieder lassen zu können. General Lewis hatte seine liebe Not mit all dem prachtvollen bockigen Material. »Oberst« Field währte die ganze Geschichte gleich viel zu lang; er brach mit seiner Freischar auf eigene Faust auf und rannte beinahe in eine tödliche Falle. Ein Troß von Schlachtvieh sollte das oft so verderbliche Herumschwärmen überflüssig machen; die Grenzer kehrten sich den Teufel daran und knallten den ganzen Tag in den Wäldern nach Wild. Endlich setzte der bunte Wehrhauf sich staffelweis in Bewegung. Den Vortrab führte Charles Lewis, ein Bruder des Generals. Und gerade an diesem Tage traf ein Bote des Grafen ein mit einem Brief, der den ganzen Plan wieder umwarf.

Statt nach der Mündung des Kanawha war der Gouverneur gegen die schawanesische Hauptstadt selbst marschiert. Bevor sein Untergebener Lorbeeren erntete, wollte er den Feind ins innerste Herz treffen. Das hätte er freilich anders anstellen müssen. Cornstalk-Maisstengel, vielleicht von Simon Girty heimlich gewarnt, ließ auch ihn beobachten und erwies sich als der Schlauere. Während der Lord mit seiner Division sich umständlich auf der sogenannten Pickaway-Ebene zwischen dem Scioto und Hock-Hocking verschanzte und zum Angriff auf die schawanesische Residenz vorbereitete, glitt es lautlos an ihm vorbei durch schauernden Herbstwald und nebelndes Ried, mehr als tausend bemalter, befiederter Krieger, einer in des anderen Spur. Das war »Maisstengel«, der die Lage erkannt und seine geübten Streiter geisterhaft schnell und still gegen die gefährliche Südarmee an den Ohio führte. Vereinigen durften die weißen Heere sich nicht, sonst waren Stamm und Sache verloren. Aber der Häuptling kannte die Hinterwäldler. Sie zu verwirren, zu entmutigen und zu zerstreuen, dazu genügte eine einzige empfindliche Schlappe. Gelang erst das, so hatte er die Skalpe der Nördlichen, die sich soweit ins Indianerland vorgewagt, auch schon so gut wie im Rauche des Wigwam. Hinter ihnen standen ja die Lenapen und die Horden des rachwütigen Logan. Cornstalk hatte alles Zeug zum Strategen; nichts fehlte ihm zum Siege als ebenbürtige Waffen und geübte Schützen. Der weit weniger begabte Lord verlor seine Zeit mit schwerfälligen Rekognoszierungen und planmäßiger Verödung untergeordneter Dorfschaften: da war die rote Hauptmacht unter seiner Nase vorbeigehuscht und die 249 »Stadt« Chillicothe von Kriegern entblößt, ohne daß er es ahnte. Doch steht zu vermuten, daß er, Conolly und Girty insgeheim auf Schonung des Feindes sannen: überall in der Kolonie kochte die Rebellion, da konnte man den Indianer noch gut gebrauchen. . . .

Wie immer, General Lewis ließ sich durch den Brief Seiner Lordschaft nicht beirren. Und hätte er nicht gewollt und gedurft, er mußte jetzt marschieren. Die Grenzer tobten, schrien Verrat über den Gouverneur und drohten mit eigenen Maßregeln. Nun sie sich schon den Weg gemacht, bestanden sie darauf, die gegossenen Kugeln auch loszuwerden. Nicht einmal die Ankunft der letzten virginischen Haufen wurde abgewartet. Als sie abgehetzt eintrafen und von der Strapaz zu eratmen gedachten, waren die anderen schon mitten in ungestümem Auf- und Abbruch. Ausgemusterte von geringerem Kampfwert ließ Lewis zur Deckung in den Forts zurück. Darob neue Verstimmung, Murren und halbe Meuterei. Beim Schießen und Skalpieren wollte jeder mit dabei sein. Die Militarisierung solch halsstarriger Wildfänge kostete Nerven.

Endlich durfte man von irgendeiner Ordnung sprechen. Mit langen Büchsen und durstigen Messern, mit verschliffenen Pulverhörnern und prallen Kugelbeuteln, in ledernen Hemden und befranzten Gamaschen ging es durch die taukühle Stille der herbstbunten Bergwälder, Kundschafter und Pfadfinder voraus, bahnende Beile voran, hinterher der Troß. Schon fiel das kurzlebige Laub der Pappeln und Nußbäume; über den Ahorn zog Indianersommers erster Anhauch, heiser schrie der brunftige Elk, über die Funkenschwärme mitternächtiger Wachtfeuer herauf stiegen kalt die nebelnden Plejaden. . . . Am Tage der Herbstgleichen erreichte man den großen Kanawha; am ersten Oktober lagen siebenundzwanzig frisch aus der lebendigen Wildnis herausgezimmerte große Boote klar zur Wasserreise. Mit solcher Geschwindigkeit arbeiteten die geübten Grenzeräxte. Inzwischen hatten auch die Nachzügler den Gewalthaufen des Landwehrgenerals eingeholt. Fünf Tage später lief die Flottille in den Ohio ein.

Lewis schlug sein Rastlager in den Auen der Schwemmlandspitze zwischen den zusammenströmenden Wassern auf. Es ist einer der lieblichsten Winkel in der anmutigen Uferlandschaft des mittleren Ohio, und der Name des kleinen Städtchens Point Pleasant erinnert noch heute daran, wie sehr dieser idyllische Ort mit seinem Ausblick über die Flutspiegel des »schönen Flusses« und des dunkel von den Bergen herunterkommenden Kanawha einst das Auge des 250 großen Botanikers Michaux entzückt. Hier in diesem Stück Paradies, das zum Sammeln, Schauen, Erkennen, nicht zum Morden gemacht, erwartete der General mit seinen ungeduldigen Schützen den Feind, Nachricht vom Lord oder diesen selbst.

Als Bote erschien Simon Girty. Lewis mit seinen Leuten solle unverzüglich hinüber nach der Pickaway-Ebene kommen, dort würde der Hauptschlag erfolgen. Und dabei stand Cornstalk mit anderthalbtausend Indianern schon gegenüber am Ohio, und dabei ahnte niemand etwas davon. Ausgenommen vielleicht Simon Girty selbst: sein eigener Bruder James war schawanesischer Krieger und der geschickteste Späher des Stammes.

Wie grimmig der General die Launen Seiner Lordschaft verwünschte, gehorchen mußte er. Und auch die Grenzer, die Girtys Botschaft vernommen, forderten ihre Entscheidungsschlacht, wo immer, wie immer, nur bald und ausgiebig. In Gottes Namen denn: heut war's ohnehin zu spät, am kommenden Morgen wollte Lewis aufbrechen.

Und in eben dieser Nacht fetzte Cornstalk auf geisterstillen Kanoes über den Ohio.

*

Noch schlief das Lager, da wimmelte der dichte Unterwuchs der Auen von fünfzehnhundert kampfbereiten, lautlos ankriechenden Indianern. In herbstkühler Vorfrühe spannen die dünnen Nebel; irgendwo in der Dämmerung klapperten und knirschten die Geweihe kämpfender Elkhirsche; in den Buchten lärmte breitzufrieden das Entenvolk; über den alten Grabhügeln webten und flüsterten die Seelen.

Diesmal hatten die Weißen ihren besonderen unverdienten Schutzengel.

Auch in den letzten Tagen wieder war dem General sein Stand recht schwer gemacht worden. Vor allem in die zugedachte Verpflegung konnten und mochten die hirschziemerverwöhnten Hinterwäldler sich nicht finden. Sie, die Jäger sollten sich da am zähen Leder alter abgetriebener Ochsen die Zähne ausbeißen, wo die Wälder von Elkkalbrücken, Bisonhöckern, Bärenschinken und Biberfellen förmlich strotzten! Nein, das ließen sie sich nicht zumuten und das Recht der Selbstversorgung aus dem vollen nicht nehmen, und so schwärmte man ungebunden in den Wäldern umher, schoß weit über Bedarf tot und scherte sich den Teufel um Wachestehen und dergleichen überflüssigen 251 Blödsinn, mochte der Alte in seiner grimmen Ohnmacht knurren soviel er wollte.

Auch an diesem fröstlichen Morgen hatten sich etliche Jäger, Robertson unter ihnen, noch lange vor Büchsenlicht aufgemacht, um nach gewohnter Herzenslust zu schweifen und zu erlegen, was ihnen vors Korn lief. Da stießen sie unvermutlich auf ein kaum erwartetes Wild, auf den Feind. Einer wurde getötet; Robertson und die beiden anderen entkamen in rasendem Lauf und schlugen Lärm. Gleich war der ganze Kamp schußbereit auf den Beinen. Aber Lewis konnte die atemlose Kunde von den tausend oder gar zweitausend Indianern nicht glauben und schickte seinen Bruder Charles mit Oberst Fleming und dreihundert Schützen als Plänkler voraus, während er selbst seine Hauptmacht schräg über die Halbinsel verteilte. Da zerriß das trockene Aufprasseln einer Salve mit ruckweis nachknackendem Kettengeknatter die zarte blasse Morgenstille. So hatten die Jäger doch recht gesehen und geschätzt. Die Urwaldschlacht war im Gange.

Und zwölf Stunden lang wütete sie, von fahler Frühe bis in den verlöschenden Herbstabend. Charles Lewis erhielt gleich im einleitenden Gefecht die Todeskugel; mit versiegenden Kräften taumelte er nach dem Lager zurück und starb. Fleming sprang in die Lücke ein und wurde schwer durch die Brust geschossen. Oberst Field warf seinen Sturmtrupp ins Feuer und fiel. Alle Versuche, die Indianer vom Lande hinab gegen den Ohio zu stoßen, wurden mit heißem Bleihagel und Pfeilschauern abgewettert. Nicht die Weißen gewannen Raum, die Roten drangen in geducktem Sprunglauf vor. Schon waren die zuerst eingesetzten Kräfte aufgerieben oder bis zur Unbrauchbarkeit erschüttert. In fiebernder Hast ließ der General ein Verhau schräg über die Halbinsel fällen. Mit dem Peitschen und Klatschen der Schüsse und dem Hohngeheul der Angreifer vereinten sich Stahlhall und Axthiebe, Krachen, Kreischen und fegender Wipfelbraus der niederwuchtenden Stämme. Mitten in Fauch und Surr der blauen Bleibremsen, von ein paar rastlosen Schützen notdürftig gedeckt, so mußten die Beilmänner an der Brustwehr arbeiten. Unaufhörlich gellten die langen kleinkalibrigen Büchsen, überschrillt vom schaurigen Whoowhoop, und durch all das Tosen und Knallen und Johlen und Stöhnen und Dröhnen vernahm man die tiefe brüllende Stimme des alten Cornstalk, wie er seine Krieger zum Todesmut begeisterte. 252

Und immer näher rückte der furchtbare Feind, auf vierzig, auf dreißig, auf zwanzig Schritte. Im blauen Qualm, der den feuchten Wald erfüllte, konnten die Grenzer dem bemalten Gegner ins Weiße der bösen Augen sehen. Da und dort erklommen und durchschlüpften die Indianer das wirre Hauwerk; es kam zu knirschendem, keuchendem Nahkampf mit Tomahawk, Messer und Faust. Lewis selbst verzweifelte an gutem Ausgang des Ringens. Der störrischen Willkür seiner Truppen, den Bangnissen einer langen dunklen Herbstnacht, den Sinnen unhörbar schleichender Wilder fühlte er sich nicht gewachsen. Vor Dämmerung noch mußte er die Schlacht abbrechen, den gefährlichen Platz räumen, oder alles miteinander war verloren. Das kam einer offenen Niederlage gleich. Aber wie er die Hinterwäldler kannte, würden sie ihm dann allen Gehorsam aufsagen und verdrossen auseinanderlaufen, und ihm selbst blieb nichts anderes übrig als schmachvolle Heimkehr. Auf Verstärkung durfte er nicht rechnen; von der Division des Gouverneurs trennten ihn die Roten und der vom Feinde beherrschte Strom; hinter den Indianern stand die ganze Wildnis, hinter ihm niemand.

Da, in höchster Not, retteten die beiden Shelby, Vater und Sohn, die schon den ganzen Tag über wie Berserker gestritten, durch eine kühne Umgehung die Ehre weißer Waffen und Gaben. Im Rücken und von der Flanke her empfindlich beschossen, begannen die umflügelten Indianer überrascht nachzugeben, zurückzugehen, deutlich zu weichen, und kostete die wütende Verfolgung noch manchem hitzigen Grenzerkopf den Skalp, so brachte sie doch neuen Schwung unter die erschöpften Scharen. Endlich, nachdem sie um jeden ihrer Toten und Verwundeten verbissen gekämpft, bezogen die Roten eine starke Stellung hinter einem Windbruch über dem steilen Uferhang. Mit Sonnenuntergang verlosch das letzte zerstreute Einzelfeuer; Dampfschwaden im eindunkelnden Feierabend brauten über der zerfetzten stöhnenden Walstatt. –

In dieser Nacht, einer Nacht voll Blut und Wunden, erfüllten die müden pulvergeschwärzten Männer vergeblich ihre verspätete Wächterpflicht. Die Fiebernden schraken aus Frost und Gluten ihrer kranken Träume auf und tasteten nach der Büchse: – Whoowhoop, Kriegsgeschrei, Gestalten, Schüsse? . . . Aber es waren nur die großen Ohreulen, die dumpf aus den Wäldern in den früh hinabgehenden Mond riefen; die Wölfe klagten gegen den erkaltenden Totendunst, drüben überm Kanawha sprengte ein Elk mit gepreßtem 253 Schrei, aus den Nebeln des Ohio brauste der Aufflug gescheuchter Vogelvölker. . . . Ein rinnender Hirsch vielleicht oder suhlende Bisonten, die von den Lecken herab zu den süßen Fluten gewandert. . . .

Aber nicht Mitgetier hatte das nächtige Wassergeflügel aufgejagt. Es graute, die erwachenden Bäume schauerten, auch jetzt in bleichender Nebelfrühe blieb der erwartete Angriff aus. Vorschleichende Kundschafter fanden das Nest leer. Lautlos wie er gekommen war Cornstalk mit seinen Horden über den Ohio verschwunden: ein unheimliches Meisterstück indianischer Kriegskunst.

So hatten die Hinterwäldler schließlich doch etwas wie einen Sieg erfochten, oder wenigstens einen Erfolg, den sie der Nachwelt als solchen überliefern konnten. In Wahrheit waren ihre blutigen Verluste die weitaus schwereren; Räumung des Kampfplatzes aber gehörte schon seit je zu den taktischen Gewohnheiten der Rothaut, darauf mußte man sich nichts einbilden. Achtzig Weiße, darunter die meisten Offiziere, waren geblieben, hundertfünfzig verwundet, viele davon auf immer zu Krüppeln geschossen. Die Einbuße des Feindes erreichte noch nicht den halben Betrag. Geschlagen war Cornstalk nicht, geschweige denn überwunden.

Point Pleasant mit dem freundlichen Namen verdankt seine Gründung dieser berühmten Urwaldschlacht. In eilends zusammengezimmertem Fort ließ Lewis seine Invaliden unter ausreichender Bedeckung zurück. Die eigenen Toten wurden bestattet, das farbige Aas gehörte dem Raubzeug. Der General selbst eilte nach kurzer Rast seiner Order gemäß nach Norden zum Gouverneur.

Um das Lazarett in der Wildnis gierte und lauerte die Graumeute. Über das friedlose Gebein der namenlosen Helden spreitete leiser Indianersommer mitleidig den Brokat goldbunten Laubfalls. Die Trutgeier hatten sie entfleischt, der Leichenhund sich an ihnen ersättigt, in ihren leeren Augenhöhlen netzte die Spinne; aber ihre Schatten weilten beim Herrn des Lebens auf seliger Flur, wo es keine Bleichgesichter mehr gibt, nur wenige Biber, ewige Hirsche, ewige Büffel und unsterbliche rote Männer.

*

Und nun wollten diese roten Männer, wollten die Schawanesen und ihre Verbündeten doch gerne Frieden machen; das war das erste, was Lewis bei seiner Ankunft im Quartier des Grafen erfuhr. 254

Natürlich den Grenzern paßte das wieder nicht. Die Verluste hatten sie rabiat, der eingebildete Sieg hatte sie vollends übermütig gemacht. Blut forderten sie, und nochmals Blut, und abermals Blut, Ausrottung, Vertilgung, Vernichtung! . . . Förmlich beschützen mußte der Lord den Feind vor seinen eigenen Leuten. Hochmütig und überlegen ritt er unter sie hinaus; mit kurzen Worten und gemessenem Dank schickte er sie heim. Vor dem kühlen Aristokraten kuschte der blutunterlaufene Janhagel. Auch unter den Hinterwäldlern gab es Masse, Canaille, Pöbel vom Schlage eines Greathouse; die Boone und Logan sind selten in allen Ständen der Menschheit.

Anders würdevoll benahmen sich die Indianer. Dort in der Wigwamstadt kämpfte Cornstalk in düsterglühenden Reden gegen den stumpfen Widerstand der Ratshäuptlinge. Verloren sei die Sache des roten Mannes, des rechtmäßigen Landesherrn, ja doch – auf, laßt uns unsere Weiber umbringen und Kinder, noch einmal ausziehen, noch einmal den Whoowhoop anstimmen, noch einmal den Schrecken im Auge des Feindes schauen – – und dann in Größe sterben, bevor wir in Armut und Elend verkommen! . . . Es war eine der heldenhaftesten Ansprachen, die je gehalten worden, eines ehernen Altrömers und taciteischer Feder würdig; aber noch kein Volk hat dergleichen Vorschläge gerne gehört. Als er sich in seiner begeisterten Unbeugsamkeit allein sah, schlug der indianische Cato seinen Tomahawk in den Kriegspfahl und erklärte, selbst hingehen und für die anderen, die so sehr am Leben hingen, den begehrten Frieden schließen zu wollen.

Cornstalk kam und erregte durch seine herbe, herrische Art und seine bündige Sprechweise ebensosehr die Bewunderung der Virginier wie durch seinen Trotz die Ungeduld des Gouverneurs. Zu bitten fiel ihm nicht ein, er forderte; den Tod verachtete, blumige Gleichnisse verschmähte er, die bekannten kindischen Schmeicheleien roter Parlamentäre wurden in seinen knappen, tieftönenden Reden nicht vernommen. Aber solch erhabenes Auftreten blieb auch nicht ohne Wirkung. Den Besseren in Lord Dunmores Gefolge imponierte der majestätische furchtlose Sagamore. Die zukünftigen Republikaner sahen in ihm einen zweiten Patrick Henry, die zukünftigen Königlichen eine brauchbaren Bundesgenossen – und eben um dieser drohenden Zukunft willen gab der Graf in manchen Punkten nach. Nur auf die reichen Gebiete südlich des Ohio, auf das Paradies des grünen Rohres, auf die alte Stammesheimat mußten die Schawanesen 255 verzichten. Es war die Bestätigung des verruchten Abkommens von Fort Stanwix. Bitteren Herzens unterzeichneten die Häuptlinge mit ihren Totems, was kein Friede war, sondern Raub und Gewalt und der Keim zu neuer Fehde.

Einer aber hatte es nicht über sich gebracht, dafür um Verzeihung zu betteln, daß man seiner Rasse das Land stahl und ihm selbst seine ganze Familie niedergemetzelt: John Logan. Dumpf saß er im Rauch seines Wigwams auf der Matte, unversöhnlich wies er die Gesandtschaften des Gouverneurs ab. Sein »Rückenkamm sei gesträubt wie beim gebissenen Hunde«, sagten die Indianer von ihm, dem tödlich Gekränkten. Fruchtlos blieben selbst scharfe Zwangsmaßregeln: Logan rührte sich nicht vom Platze. Er wußte sich rein von Schuld: dann erst hatte er Leid zugefügt, als man grimmigsten Schmerz ihm selbst bereitet, nichts hatte er getan, als nach uraltem Rechtsgefühl Gleiches mit Gleichem vergolten. Und er war irre geworden an der ganzen Menschheit: die Weißen, denen er soviel Gutes erwiesen, an die er geglaubt, zu denen er sich bekannt, die Weißen hatten ihm Frau, Söhne, Enkel gemeuchelt; die Indianer, zu denen er sich in seiner todbitteren Erkenntnis geschlagen, die Indianer krochen jetzt vor dem raubmörderischen Bleichgesicht und verübelten es ihm gar noch, daß er sich nicht demütigte gleich ihnen und die Hand leckte, die sich an ihm versündigt. . . . Wie Michael Kohlhaas ist er Typus so vieler heimatloser, verkannter, entwurzelter, schuldlos verlorener Leben, dieser rote John Logan.

Der alte Gibson, ein Grenzjäger, mit dem er sich in seinen helleren Tagen immer gut gestanden, fand endlich Zutritt und Gehör. In finsterer Ruhe ließ der Häuptling die Botschaft des Gouverneurs über sich ergehen. Aber dann wurde es ihm zu viel der Lüge, Entstellung und Zumutung. Schweigend führte er den Unterhändler mit sich hinaus in den herbstlichen Wald, und hier unter schwermütigem Laubfall und Vogelflug erteilte er der weißen Rasse jene unsterbliche Antwort, die später durch den Präsidenten Jefferson so berühmt geworden und die zu den ergreifendsten Urkunden der Weltgeschichte zählt:

»Ich fordere jeden Weißen ins Gericht, der jemals Logans Hütte hungrig betreten und wäre nicht gespeist worden! . . . der jemals nackt und frierend gekommen, und Logan hätte ihn nicht bekleidet! . . . Wo war Logan während eures langen blutigen Krieges gegen die Franzosen und Pontiac? Still saß er in seinem Lager und 256 hielt Frieden! Meine Stammesgenossen wiesen mit Fingern auf mich als einen Freund ihrer Feinde, und ging ich vorüber, hörte ich sie hinter mir sprechen: das ist Logan, der Anhänger der Bleichgesichter, der Verräter! . . . Und doch hätte Logan noch weiter und bis ans Ende zu euch gehalten: aber da kam die Schandtat jenes einen Mannes. Ohne Grund und Not ließ Hauptmann Cresap im verflossenen Frühling alle Angehörigen Logans hinmorden; nicht einmal Weib und Kind wurden verschont. Nicht ein Tropfen von Logans Blut rollt noch in den Adern irgendeines lebenden Wesens. Das forderte Rache. Logan hat die Rache gesucht. Logan hat viele getötet. Logan hat seinen Durst voll gestillt. Für sein Volk freut Logan sich über das Licht des Friedens; aber meint nur ja nicht, das sei die feige Freude der Furcht. Logan hat niemals Furcht verspürt; Logan wird seine Gesinnung nicht wieder ändern, nur um sein Leben zu retten. Für wen auch? Wer ist denn noch da, der um Logan trauern könnte? Niemand.«

Das war mehr als die Rede eines Häuptlings an einen alten Hinterwäldler; das war die Anklage der roten Rasse gegen die weiße, der unschuldigen Wildnis gegen die bestialisch unersättliche, fluchbeladene Zivilisation, der Einfalt gegen die Lüge.

Irgend etwas davon ahnten auch die rohen Grenzer, wie nun der Graf ihnen die vom alten Gibson sofort aufgezeichnete und getreulich übersetzte Note feierlich vorlas. Aber den Mut zu ehrlicher Selbsterkenntnis hatte keiner, auch nicht Boone, auch nicht der andere, der weiße Logan. Go ahead! . . . Man war nun einmal in der Überzahl, man war ein bevorzugter Weißer mit seiner Überlegenheit, man war das auserwählte Volk, man war von Gottes Gnaden im Recht – wer sich dagegen auflehnte, mußte im einmal beschrittenen Wege zertreten werden wie ein lästiger Kerf, wie ein unverschämtes Gewürm. . . . Go ahead! Politik und Religion der Gewalt, der gewaltsam vollzogenen Tatsachen. . . . Daß jener vermutlich selbe gnädige Gott auch die Tatsache des Indianers geschaffen, wollte niemand hören. So wurde die eiserne Saat weiter und weiter über die Lande verstreut, die Saat von Drachen, deren vertausendfachte Ausbrut ein Heraklidengeschlecht ums andere vergiftet und verschlingt bis ans Ende der Welt. . . . 257

*

 

Szene aus der Indianerschlacht am Großen Kanawha
Relief vom Denkmal zu Point Pleasant, Westvirginien
Mit freundlicher Genehmigung der Congreß Library

Am oberen Ohio
Mit freundlicher Genehmigung der Congreß Library

 

Ein einziger im versammelten Kriegsvolk der Grenze hatte für Logans Botschaft ein anderes Ohr, ein anderes Verständnis: und dieser eine war – Simon Girty. –

Die ersten Winterstürme kamen von den großen Seen her über die Pickaway-Fluren gefegt; im herbstbraunen Grase der kleinen Prärien starrte der blaue Frost. Der Zweck war erreicht, der Sieg errungen, Ansiedler und Rothaut hatten vorläufig ihren Frieden. Der Graf nahm Abschied von seiner Miliz. Boone, den besonderen Liebling, ehrte er mit dem Titel eines Obersten und anvertrautem Kommando einiger wichtiger Grenzplätze; ihm selbst statteten die »Offiziere« ihren förmlichen Dank für umsichtige Führung und raschen Erfolg ab; allein durch Zusicherungen der Ergebenheit gegen König, Krone und Reich klangen deutlich drohend die Schlagworte von freiem Volk und freiem Land und den bekannten letzten Blutstropfen. . . . Schweres Graugewölk lagerte im Ost: zu Philadelphia der Kontinentalkongreß, in Boston die offenen Pulverfässer und glimmenden Lunten. . . . Dort am heilig schönen Ohio schied Virginiens letzter Gouverneur nicht nur von seinen Schützen, Hauptleuten und Kundschaftern, sondern von seiner Kolonie, vom neuen fertigen unaufhaltsamen Amerika.

Und doch hatte gerade er den Dank der Republik redlich verdient. Die kleine Waldschlacht am Kanawha, die Schlacht seines Krieges, so belanglos nach unserem Millionenmaß, ist von hoher, weltgestaltender Bedeutung. Sie bändigte und schwächte die Indianer auf mehrere Jahre, sie lähmte der englischen Krone selbst einen starken Bundesgenossen, sie eröffnete dem werdenden Amerika neue Räume und Hilfsquellen, sie leitete die Erschließung des ungeheueren Westens durch das freie Amerika ein. Ohne den verzweifelten Tag am Kanawha und den Handstreich der beiden Shelby wäre die Unabhängigkeit trotz Saratoga und Yorktown wahrscheinlich nicht über die alleghanischen Berge hinausgekommen.

*

Drei Nachspiele: –

Hat da Girty eines Tages wieder ein paar überflüssige Taler im Beutel, und infolgedessen seinen Rausch, und infolgedessen unbändige Lust mit irgendwem anzubinden, und infolgedessen bald seinen Gegner und sein geliebtes Gouging. Der gräßliche Zweikampf beginnt. Trotz Dunst und Dampf bleibt Girty Sieger, dem andern 258 hängt ein Auge aus dem Kopf. Da kommt Commander Boone ins Fort, sieht den Auflauf und erfährt die ganze Geschichte.

Gouging, das Augenausboxen oder -quetschen, war schon damals in Virginien strengstens untersagt, und gerade Boone als Befehlshaber der Grenzplätze verstand in solchen Dingen keinen Spaß. Sogleich ließ er Girty verhaften und vorführen. Wie der Raufbold ihn erkannte, stieß er eine Hohnlache auf: »Was, der dahergelaufene Landstreicher! . . . Der, und mich festnehmen? . . . Der will da was zu sagen haben?« . . . Besonders grün und hold werden ja die beiden berühmten Kundschafter einander schon früher nicht gewesen sein. Boones Auszeichnung durch den Grafen hatte jedenfalls auch Neid und manchen Argwohn erregt. Gerade darum, um seines Ansehens und Amtes willen durfte er solchen Schimpf nicht unbestraft lassen. Er befahl, Girty zu fesseln. Nun war's ganz aus. Der wütige Ire riß sich los und versetzte ihm einen schweren Schlag. Allein mit dem Manne, der starke Stahlklingen zwischen seinen Händen knickte wie trocken Reisig, konnte er sich nicht messen. Boone hob die Faust und mit einem einzigen dröhnenden Hiebe knockte er den Trunkenen nieder, daß er hinkrachte wie ein Baum und fürs erste nicht wieder aufstand. Ohnmächtig wurde er ins Gefängnis geschleift.

Kriegsrecht, Standrecht war über die Grenze verhängt; auf Widersetzlichkeit stand der Tod. Aber am anderen Morgen saß der Wolf nicht mehr in der Grube. Irgendwie freigekommen, ausgebrochen, wahrscheinlich längst schon über sieben Wasser und Berge. An Verfolgung dachte Boone keinen Augenblick; einen Meister wie den fing und fand man nicht in der uferlosen Wildnis. . . .

So kam Girty wieder und endgültig zu den Indianern. –

Einige Wochen später hatte Boone dienstlich in Fort Pitt zu tun. Der alte ernste Waffenplatz begann sich zum aufblühenden Flecken zu verjüngen. Unter Blockhütten und Baracken erhoben sich die ersten steinernen Häuser des Westens; Schwertfeger und Büchsenschäfter, Pflugschmiede und Weber, Pelzeinkäufer und Schankwirte hatten sich niedergelassen; eine kleine Pulvermühle versorgte die Grenzer mit Schießkraut, ein zutage streichender Kohlenflöz wurde abgebaut. Das war der Anfang der schwarzen donnernden Eisenstadt.

Hier traf Boone Martin, den alten immer lustigen Freund, und wie die Gefährten mitsammen durchs ganz beträchtliche Marktgewühl der hölzernen Straßen schritten, stießen sie auf das dichtgepferchte, vor Vergnügen brüllende Publikum irgendeines 259 unsichtbaren, offenbar höchst ergötzlichen Schauspiels. Die beiden erfahrenen Grenzer errieten sogleich und drängten sich durch den Ring. Natürlich, da hatte man's ja: solch eine arme Kreatur von Rothaut, die sich in ihrer Stockbesoffenheit den Weißen zum Affen machte. Und gerade mischte sich auch ein würdiger Quäker ein und verwies dem johlenden Pöbel seine lieblose Schadenfreude. Jaja, habe man leicht predigen, nachdem man selbst das Schäfchen geschoren und die Wolle ins Trockene gebracht! höhnte es frech aus dem Haufen. Der Quäker bewahrte seine Ruhe. Wieso das? Na, weil doch der Agent, der Faktor des Herrn Quäkers, dem roten Strolch erst seinen Fusel eingetrichtert und ihn dann beim Pelzhandel mörderisch übers Ohr gehauen; jaja, die frommen Kaufherren aus Philadelphia! . . . Der Jünger Penns zog sich betroffen zurück; Boone und Martin aber wußten genug, faßten den armen rülpsenden Indianer unter und schleppten ihn nach ihrem eigenen Quartier, damit er zunächst einmal seinen Riesenbrand ausschlafe.

Am anderen Morgen war der Rote bis auf einiges Skalpweh wieder ganz frisch. Durch den allseitigen Martin verständigte sich Boone mit ihm, ohne auch nur von ferne an die Schmach des Vorabends zu erinnern. Aber der Indianer kam selbst darauf. »Ich schwarzer Fisch; in Pittsburg nein schwarzer Fisch, schlecht schwarzer Fisch; in Wald, in Prärie ja schwarzer Fisch, gut groß schwarzer Fisch; Häuptling.« Und nun erfuhr man die schöne Bescherung. Natürlich war es so, wie man es dem Quäker unter die Nase gerieben. Mit Packpferden und der Pelzausbeute seines ganzen Stammes war der wackere Schawanesenhäuptling als Vertrauensmann nach Pittsburg gereist, in bester Absicht, mit den reinsten Vorsätzen. Aber dann hatte der schuftige Agent ihn unter sein so unwiderstehlich duftendes Feuerwasser gesetzt, und dann hatte er dem betäubt im Gifte schwimmenden Schwarzfisch den ganzen kostbaren Stapel um einen Spott abgeschachert. Die pennsylvanischen Handelsherren meinten es ja herzlich gut mit ihren farbigen Mitmenschen; aber was ihre eigenen rechten Hände, ihre Agenten, taten, das wußten sie oftmals nicht.

Boone ging sofort zum Quäker und fand in ihm einen rechtlichen, gewissenhaften Mann, der den Fall selbst schon in Untersuchung genommen. Der Kauf wurde rückgängig gemacht und nochmals in voller Richtigkeit abgeschlossen. Heilfroh rüstete Schwarzfisch mit seinem stattlichen Erlös zum Aufbruch; nicht nur Wert und Ware 260 waren gerettet, sondern auch das Ansehen des Häuptlings in der Nation. Unter lebhaften Dankessprüchen schied der rote Krieger von dem ihm wohlbekannten berühmten weißen Bruder.

So schützte Boone sein Leben. –

Es war drei Jahre später, mitten in Krieg und Revolution, als die aufs neue gereizten, von England umworbenen und gehetzten Schawanesen wieder einmal ihre Gesichter bemalten und schwarzer Wampum von Dorf zu Dorf umging.

Nach Point Pleasant, das inzwischen ein festes Fort und ein wichtiger Punkt der neuen Ohio-Linie geworden, kam eines Tages mit seinem Sohne und dem Häuptling »Rotfalk« der alte ehrlich-rauhe Cornstalk, den Befehliger Kapitän Arbuckle und durch ihn Besatzung und Ansiedler vor der Stimmung seines eigenen Stammes zu warnen. Er selbst wolle, wünsche und empfehle den Frieden; aber der Kampflust der Jugend, den Geldern der Engländer, dem Anhang der Kriegspartei, den erwachten Erinnerungen gegenüber sei er machtlos; das Beispiel der Irokesen habe die ganze rote Rasse wieder mit einem Schlage entzündet.

Cornstalk meinte es aufrichtig mit seiner Ankündigung. Allein die Wunden der Halbinselschlacht brannten immer noch im Gedächtnis der Weißen: Freiheit und Haß hatten das jache Grenzerblut zum Überkochen erhitzt; die Wehrmannschaft sah im Indianer nichts als den Todfeind und Spion, und unter ihrem drohenden Druck mußte Arbuckle den Häuptling zum Dank für seinen Weg und seine Mitteilungen in Schutzhaft nehmen. Gelassen ertrug der Sagamore die neue Ungerechtigkeit; Todesfurcht war ihm fremd, für die Bleichgesichter hegte er im Grunde doch nur kalte Verachtung.

Und nun mußten gerade Tags darauf zwei oder drei junge schawanesische Banditen mit zwei Jägern der Besatzung im Walde überm Kanawha drüben zusammenstoßen. Einer der beiden Grenzer verlor Leben und Schopfhaut, der andere rannte ans Ufer, brüllte um Hilfe und wurde vom Fort aus geborgen. Jetzt aber kannte der Pöbel kein Halt mehr. Aug um Aug, Skalp um Skalp! . . . Das hatte dieser elende, alte Halunke angedreht, man hatte es doch gleich gesagt, das schrie nach Rache! . . . Vergebens stellte Arbuckle sich den Tobenden entgegen. Er wurde brutal beiseite gestoßen; der heulende Hauf stürmte das Gefängnis.

Hier saß Cornstalk mit seinen Leuten und dem Dolmetsch. Längst hatte er den heranbrausenden Stimmenschwall vernommen, die 261 Rottung beobachtet, Ursache und Wirkung erraten; untrüglich erkannte er sein Schicksal. Noch fand er Zeit, den Sohn mit letzten Worten zu ruhigem Sterben zu ermutigen; als der blutunterlaufene Janhagel einbrach, stand er gelassen auf, trat der Bestie würdevoll entgegen und brach im nächsten Augenblick, von sieben oder acht Kugeln durchbohrt, zusammen. Auch der Sohn sah standhaft in die zielenden Mündungen; drei Schüsse streckten ihn neben den Vater. Rotfalk nur verlor die indianische Fassung; er sprang ins Kaminfeuer, klomm in Glut und Rauch des Schornsteins hinan und wurde halb erstickt und verbrannt mit einer Ladung heruntergeholt. . . . Das war ein reiner, ein vornehmer, ein christlicher Sieg. . . .

So endete Cornstalk.

 


 

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