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Das Grenzerbuch

Friedrich von Gagern: Das Grenzerbuch - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Grenzerbuch
authorFriedrich von Gagern
year1940
firstpub1927
publisherPaul Parey
addressBerlin
titleDas Grenzerbuch
pages500
created20180307
sendergerd.bouillon@t-online.de
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VI.
Jean Martin

Schwermut und Freude – Das erste Opfer – Calloway und sein Gebieter – Dämmerzustand – Der Ohio – Geisterstunde – Leistungen – Die Barrens – Ein später Gast – Landsknechtsschicksal – Der Tod der Pique-Dame – Seltsame Kunde – Neue Künste – Schwere Entschlüsse – Malbrouck s'en va-t-en guerre – D'Aubigny und Cupido

Daniel Boone war, wie alle vornehm Einsamen, eine grüblerische Natur. Das Schicksal Finleys umdüsterte sein Gemüt; er quälte sich mit dem Vorwurf der Undankbarkeit, der Untreue, der Eigensucht, der Blutschuld. Ein unverhofftes Ereignis zerstreute das Gewölk.

Tagelang hatten die beiden Jäger nach Spuren der Vermißten gefahndet; eines Abends endlich erspähen sie von jenem alten Wacht- oder Grabhügel aus, auf dessen brandgeschwärztem Steintrümmergipfel der Händler damals sein übermütiges Freudenfeuer entzündet, zwei weiße Männer, die mitten unter den grasenden und wandernden Wildherden des Weges von Süd heranziehen.

Alle Vorsicht vergessend ruft Boone ihnen zu, schießt die Büchse ab, winkt mit rasch gebrochenem Astwinkel; jene stutzen, man geht sich entgegen, man erkennt einander: nicht die verschwundenen Gefährten sind es, sondern Calloway, der alte Freund aus der fernen Heimat und – – Squire, der treue besorgte Bruder. Ohne Fehl und Zweifel haben die beiden sich auf dem von Daniel mit soviel Umstand und Sorgfalt vorgezeichneten Richtpfad bis ins tiefste Kentucky hereingefunden. 183

Und Squire bringt willkommene Kunde: das Farmgut am Yadkin drüben hat einen Käufer, der Auswanderung über die Berge steht nichts mehr im Wege. Viele Hinterwäldler warten nur auf gute Nachricht von Boone und dem neuen Lande; dann kann es gleich mit vielen Büchsen und Beilen losgehen. Aber daß Calloway zu diesen gehören sollte, versetzte Boone in Erstaunen; er war kein eigentlicher Grenzer, zählte vielmehr zur zweiten Klasse der Pflanzer, galt für reich und wurde seiner wehleidigen, weinerlichen deutschen Frau wegen vielfach bedauert. Diese Mrs. Calloway, die sich nicht einmal mit dem üppigen Leben eines carolinischen Gutshofes abfinden konnte, wollte es mit der kentuckyschen Wildnis aufnehmen? Indes auch Männer von feinerer Bildung und ausgebreiteter Weltkenntnis taten der künftigen Ansiedlung not; das söhnte Boone mit den unzähligen Haubenbändern, Kräuselzangen, Pomadentiegeln, Pudermehlsäcken und Lächerlichkeiten der deutschen Madam Gevatterin vorläufig aus. Die Wahrheit freilich war die, daß der unglückliche Calloway im Namen des Gesetzes der Gastfreundschaft und für die nörglerischen Bedürfnisse seines Hauskreuzes sein ganzes Vermögen unheilbar aufgerieben hatte. Was er in der Wildnis suchte, war nicht Abwechslung oder der Reiz des Abenteuers, sondern einfach die Freistatt, die Zuflucht vor der Schande des Zusammenbruchs, der neue Anfang. Die Haubenbänder und tausend Töpfe der deutschen Mrs. Calloway sollten den Hinterwäldlern noch blutig teuer zu stehen kommen.

Nach gemeinsamen Streifzügen kreuz und quer durch die bisher erforschte Landschaft wanderten die Männer weiter westwärts und errichteten in der vielgewundenen Talenge des Salzflusses eine kleine Blockhütte im Schutz der von unten her dicht umschirmten Kalksteinklippen. Aber der Geist des dunklen Grundes war hungrig erwacht und lauerte mit gespanntem Bogen droben in den Zinnen der Felsenwände; die Geister der drei Erschlagenen waren mitgekommen und saßen am goldwarmen Abendfeuer des Wigwam unsichtbar zu Gast.

Eines Tages im Vorfrühling jagten die vier Gefährten im grünen Rohr der nächsten Hochebene. Sie hatten sich getrennt; Stewart ging mit Daniel Boone, Calloway und Squire hielten zusammen. Da bemerkte Boone eine unheimlich kriechende Bewegung im Ried zur Seite der ausgetretenen Büffelstraße; der geschulte Stewart fängt seinen Blick auf, versteht und schlägt nach der verdächtigen Stätte an. Der tödliche Strahl fährt ins Dickicht, Schrei und Stöhnen kündet die Treffer. Gleichzeitig aber springen vier Indianer vor ihnen aus 184 dem Rohr auf; unter ihren Kugeln bricht er zusammen. Boone, unverwundet, setzt hinter einen Baum und lädt in geübter Hast; aber wie nun die vier Rothäute auf ihn eindringen, kracht es in ihrem Rücken und einer der Überzahl stürzt. Es ist der tapfere Stewart, der in Schmerz und Sterbensnot auch noch einmal geladen hat, sich schwankend aufkniete und dem Freunde mit letztem sicheren Schusse zu Hilfe kam. Natürlich wenden die erbitterten Indianer sich gegen ihn; er erhält zwei Kugeln und sinkt nieder. Das bot Boone Gelegenheit: ein weiterer Feind fällt. Die beiden Überlebenden greifen ihn an, zum Laden bleibt keine Zeit mehr. Da knallt es von der Seite aus dem Rohr, der dritte ist erledigt, Calloway und Squire sind herbeigeeilt. Der vierte erkennt die Übermacht, flieht, wird von Daniel verfolgt, von Calloway überholt, stellt sich zu schäumendem Nahkampf, verwundet Boone mit dem Tomahawk, bricht unter Kolbenhieben und Messerstichen zusammen.

Finster und still kehrten die Sieger zum verblutenden Stewart zurück; noch atmete er, aber in seinen überdunkelten Augen waren schon Nacht und Sterne. Auch von den gefallenen Indianern quälten drei sich in ihrem Blut; ohne Erbarmen stachen die Hinterwäldler sie mit ihren kalten Messern tot.

Einem der Feinde war vom Blei nur die Schulter zerschmettert worden; die Wunde konnte geheilt werden, der arme Wilde hätte das Liebeswerk vielleicht mit lebenslanger Treue gedankt. Aber solche Gefühlsseligkeiten gab es nicht im Urwald. Lange und häufige Kriege mit ihren Wechselschlägen hatten die meisten Grenzer bis zur Bestialität verroht. Ein Waldjäger, der zum Leben des erlegten Indianers nicht auch den Skalp nahm, durfte sich schon ganz besonderer Christlichkeit rühmen; Quartier wurde in den erbitterten Kämpfen der beiden Rassen in der Regel weder gewährt noch begehrt. Ausnahmen von dieser Härte aber waren bei den – Rothäuten häufiger als bei den Weißen; der sogenannte Christ machte seine Gnade von der sogenannten Taufe abhängig; der sogenannte Heide hat manchen Gefangenen gesund gepflegt, bewirtet, beschützt und in seinen Stamm aufgenommen, ohne ihm sein Manitou oder Uakán rechthaberisch aufdrängen zu wollen. . . .

So hatten an diesem trüben Spätwintertage sieben Männer die Erde des »dunklen Grundes« und das grüne Rohr mit ihrem Blute getränkt, waren sechs für die alte, war einer für die neue Heimat gestorben: Weltgeschichte mit ihrem Wesen und ihrem Fluch. 185

*

Die drei Jäger kehrten zurück, doch nicht nach der neuen Blockhütte am Salzfluß, sondern nach der guten alten Höhlenburg am Shawanee, wo der erfahrene Boone sich sicherer wußte. Dem armen Stewart war mit den Tomahawks eine Grube gescharrt worden; die Völkerscharen der Tiere wanderten und dröhnten über seinen ewigen Schlaf hin; heut donnert die Eisenwucht geknechteten Elements die vergessene Stätte vorbei. An den gefallenen Indianern aber atzten sich die Geier; auch durch sie kehrten sie heim zum großen Herrn des Lebens, in dessen Urgrund sich alles Leid, alle Feindschaft, aller Unterschied in stillen Anbeginn auflöst.

Boone lag auf dem Bärenfell; die leichte Beilwunde heilte. Am abendlichen Feuer beriet man den Ansiedlungsplan. Boone wollte sich auf einer Spitze des fruchtbaren Hochlandes zwischen dem mittleren Kentucky und einem seiner Nebenbäche niederlassen. Dort war der Schanzweiler durch die natürliche Lage selbst geschützt, der Wuchs verriet besonders reichen Boden, die Wasser wimmelten von Bibern, Ottern und Fischen, das lebensnotwendige Salz lieferte ein naher Lick. Unter solchen Gesprächen verstrich die Zeit. Der Frühlingsfluß rauschte in seiner Enge, die steinbärtigen Berggeister starrten geblendet in die Flackerhelle, Schatten künftiger Geschicke zogen übers Gewölb.

Calloway wünschte heimzukehren. Die Brüder hielten ihn nicht zurück. Er sprach viel von seiner Frau. Da weiß man als guter Amerikaner, daß bessere Gründe zu schweigen haben. Daniel Boone selbst wollte unbedingt ausharren, bis er das ganze Land gründlich erkundet hatte. Allein mit seiner Waffe machte der kühne Mann sich auf den weiten Weg über die Berge. Vor Indianern, wildem Getier, den Gespenstern einsamer Urwaldnacht hatte er keine Angst; vor seiner Frau zitterte er.

Der Frühling kam, Ulme und Kornelstrauch blühten, Bekassinen zogen, der Kardinal schlug im duftenden Busch, die Kolibris schwärmten, der prachtvolle Blauvogel baute sein Höhlennest. Daniel und Squire führten ein heroisches Jägerleben voll Glück und Einfalt. Nichts fehlte zu vollem Behagen; den Mangel häuslicher Bequemlichkeiten ließ die Natur mit ihren reichen Gaben, mit täglich erneuten Genüssen leicht und heilsam vergessen. Abends dann nach beutegesegnetem Weidwerk und stählendem Bad in den Schaumstrudeln des Felsenbaches saßen die Brüder am knackenden Höhlenfeuer; Daniel führte mit Geschick die eigenverfertigte Ahle, nähte sich lederne Hemden, Wams, Leggings und neue starke Mokassins. Er selbst hat später in 186 seinem einst berühmten, heute gänzlich verschollenen Bericht die Stimmung jener Stunden und darin seine eigene Art treffend gezeichnet. »Ich glaube freilich, daß wenigen Menschen nur das Glück zuteil geworden ist, wie wir es damals, vielhundert Meilen fern unseren Familien, in einsamer Wildnis begraben, in vollen Zügen genossen. ›Jetzt siehst du,‹ sagte ich oft zu meinem Bruder –, ›jetzt endlich siehst du selbst, wie wenig man eigentlich von Natur aus zu seiner Zufriedenheit bedarf.‹ Das Glück, der Gefährte des Vergnügens, findet sich in unserem Herzen selbst, nicht im Genuß äußerlicher Dinge; Gleichmut allein reicht hin, einen Menschen in solchem Zustand immer glücklich und ruhig zu machen, und dieser Gleichmut ist nichts anderes als gänzliche Ergebung in den Willen der Vorsehung. Ein Mann mit dieser Gesinnung findet seinen Frieden auch auf einem Pfade voll Gestrüpp und Dornen.« –

Indes ein wichtiger Lebensquell drohte zu versiegen, der Pulvervorrat. Die Pelz- und Lederjagd nahm täglich einige Schuß weg, ein eiserner Bestand mußte für den Fall der Gefahr zurückbehalten werden. Trotzdem dachte Boone noch lange nicht an Heimkehr. Lieber brachte er das Opfer der Trennung. Squire sollte die Täler hinauf und über die Berge eilen, Munition und Packpferde zur Abförderung der massenhaft sich stapelnden Felle und Häute heranschaffen. Diese in der Höhle am Shawanee wie in der verlassenen Blockhütte am Salzfluß gehäufte Ausbeute so ohne weiteres preiszugeben war nicht nach Boones Sinn. Das Lager in der verödeten Finleyschen Hütte am roten Bach, zu dem er mit seiner unfehlbaren Büchse gleichfalls einen großen Teil beigesteuert, war ohnedies ein Raub der Indianer – der rechtmäßigen Eigentümer – geworden. Die Ausdauer der Brüder hat sich trotz mehrfachem Mißgeschick freilich reich gelohnt: nicht weniger als ganze fünfzehntausend blanke Dollar soll Boone immer noch für seine Ernte, den Ertrag zweier Jagdjahre erlöst haben. So wurde der Massenmord, der blutige Verrat am glücklichen unschuldigen Mitgeschöpf mit Zentnerwucht schmutziger Silberlinge gesoldet.

Squire schied am ersten Mai, dem Jahrestage des Aufbruchs aus der Heimatfarm am zweihundertvierzig Luftmeilen entfernten Yadkin. In zwei Monaten wollte er die ungeheure Aufgabe des Doppelweges bewältigt haben. Vier Männerleben von fünfen hatte der Geist der Landschaft seit damals zum Opfer gefordert; zweimal war Boone in schwerster Gefahr gewesen, dem Verderben 187 näher als der Rettung – würden die Brüder einander wiedersehen? . . .

*

Die blauen Dohlen drunten im Schluchtgehölz des Shawanee treiben vergebens ihre Flugpossen, üben vergebens die Schalkskünste ihrer Stimme: sie vermögen den Menschen nicht aufzuheitern, der dort einsam vor der Höhle im klippigen Kalkgefels sitzt und düster vor sich hinstarrt. Biber und Otter, Büffel und Bär, Puma und Elk haben Frieden vor ihrem schlimmsten Feinde; kalt liegt die Büchse über den Knien, ihr Blitz ist erloschen, vergessen hangen Pulverhorn und Kugelbeutel drinnen im Steingelaß über der erstorbenen Feuerstatt.

Boone, der unerschrockene, der unerschütterliche, der in tausend einsamen Urwaldnächten geprüfte und erprobte Daniel Boone versinkt in finstere Schwermut. Schreckensgestalten erheben sich aus dem Gewölk schweifender Gedanken; er sieht mit einemmal Sorge und Enttäuschung im Antlitz eines fernen treuen Weibes, er schauert in der Ahnung, diese trauten Züge nie wieder erblicken zu sollen, durch seine eigene Schuld. Die Schatten Stewarts und Finleys, Holdens und des Franzosen wachsen aus Schlünden der Unterwelt herauf und greifen gierig nach ihm mit mageren Totenarmen. Er hält es nicht mehr aus in der Spukhöhle und irrt weiter, irgendwohin, ohne Ziel und Willen, geradeaus über Hochebenen, durch schroffe Schluchten, weiter, immer weiter in unermeßliche Fremde.

Ungefährdet zogen Hirsch und Büffel über den Pfad des achtlosen Wanderers. Kaum noch sorgte er für den Hunger; unbekümmert um Gefahr und Vorsicht warf er sich zum Schlafe hin, wo eben die Nacht ihn überholte, Müdigkeit ihn übermannte; sein sonst so tätiger starker Gleichmut war zu kraftloser Gleichgültigkeit erlahmt. Er schleppte sich wie in einem Nebel. Unfähig zu irgendeinem Entschlusse, mußte er plötzlichem Angriff unrettbar erliegen, unter den tausend Schrecken des Urwaldes unfehlbar zugrundegehen. Überm einsamen Träumer am fahrlässig hochflackernden Abendfeuer raunten die dunklen Schicksalsstimmen, webten die alten grauen Geister der Wildnis.

Und doch war es solch plötzlicher Angriff, der ihn heilsam aus seiner dumpfen Trübung erweckte.

Vom Shawanee her war er wieder an den Salzfluß gelangt, über dessen vielgewundenem, steil eingefelstem Tal planlos immer 188 weiter nordwestlich geschweift. Hier hörte der kentuckysche Rohrwuchs allmählich auf; quer über die flimmernde Sommerferne strich ein von vielen Schluchtschatten gekerbter Höhenzug, aus dessen blauem Walddunkel einzelne kahle Hügelkuppen wiesengrün und blumenbunt aufragten – Landwarten, Opferstätten, Grabmäler jener längst verschollenen namenlosen Vorvölker. Was hinter diesen seltsam bekrönten Bergen lag und seiner harrte, ahnte der schwermütige Wanderer in seiner Versunkenheit nicht; in dieser Stimmung wäre es ihm auch vollkommen gleichgültig gewesen.

Ohne Wahl dem nächsten Wasserlauf folgend betrat er eine der Waldschluchten. Da geschah es, daß er in achtlosem Vordringen auf eine säugende Bärin stieß und von dem mütterlich ergrimmten Tier scharf angenommen wurde. Die nahe Todesgefahr schreckte ihn nun doch auf. Er riß sich zusammen, hob die Büchse und drückte gegen die schwarze Feindin ab; taub verspritzten die Steinfunken am Stahl, in seiner gramvollen Zerstreutheit hatte er, er, Daniel Boone, zu laden vergessen. Die Bärin schmackte und hob sich weißwutbleckend auf den Hintersohlen; nichts blieb ihm übrig als das lange Grenzermesser, und mit dieser furchtbar bewährten Waffe erlegte Boone nach alter Wäldlerart die mächtige Gegnerin, indem er sie umsprang und ihr die Klinge von links her zwischen die Herzrippen stieß.

Der gefährliche, gesunde Kampf hatte ihn wundersam erfrischt. Die Landschaft leuchtete mit einemmal in neuer Farbe, der Himmel strahlte in verjüngtem Licht. Dankbar und froh erklomm Boone einen jener geheimnisvollen Hügel, über dessen sommerblumiges Gras leis der Abendwind träumte. Als er den Gipfel erreichte, blieb er erstarrt stehen; sein Atem stockte, sein Herz schlug an. Was er sah, konnte jedes Heimweh stillen, konnte mehr als bloß eingebildete Gespenster bannen.

Er sah den Ohio.

*

Ohio, der schöne Fluß, la belle Rivière, Strom des Paradieses.

In machtvoll fürstlicher Ruhe gleitet der breite Flutspiegel durch die feierlichen Urwälder dahin. Hunderte von Hirschen rinnen in silberpflügendem Kiel herüber, hinüber durch die heiligen Wasser; Hunderte von friedlichen Bären kühlen sich am Ufer unterm Dach der weitausladenden Sykomoren. Zehntausende von Enten treiben mit dem sanften Gefäll, zehntausend brausen auf, wie Gewitterregen 189 rauscht es von ihren Schwingen. Selige Garteneilande träumen abendverklärt in der schimmernden Strömung; über ihnen schweben die lichten Chöre der Reiher.

Das war der Ohio. Der weiße Mensch hat ihn zum Abwasser seiner Großschlächtereien und Aschenhalden, zur Kloake schwarzer Eisenstädte, zur Gosse gemacht. Der weiße zivilisierte sogenannte Mensch, die Bestie. Nicht des großen Geistes Kind, der Indianer. –

Boone erlegte einen Hirsch zu seiner Nahrung und wählte mit neuerweckter Sorgfalt den Feuerplatz für die heranbrechende Nacht. Am anderen Morgen war er vollkommen genesen, der überstandene Anfall ein ins Dunkel hinweggesunkener Traum. Langsam wanderte er in den blühenden Urwäldern des hochangeböschten Schwemmlandes den herrlichen Strom hinauf; jetzt mit geschärfter Vorsicht, Schritt für Schritt, denn mehrmals stieß er auf indianische Fährten und einmal glitt ein Einbaum mit befiederten Köpfen in der besonnten Blauflut vorüber.

Boone ging immer weiter nach Nordosten, dann strichgenau nach Nord, scharf nach Ost, endlich wieder südöstlich, geführt von den Krümmungen des Ohio. Die Mündung eines starken Flusses sperrte ihm den Weg; es war der liebe alte Kentucky, ein paar Tagmärsche aufwärts in der Shawaneeschlucht harrte die behagliche Höhlenburg. Allein Boone dachte jetzt nicht an Ruhe; nicht auf dem Bärenfell pflegen wollte er sich, sondern das neue Kanaan gründlich erkunden. Er fällte, spaltete und höhlte eine Silberpappel; auf dem Einbaum setzte er über den furtlosen Strom.

Erst am Licking River machte er Halt. Der berühmte »Garten« erstreckte sich zwar noch erheblich weiter ostwärts bis zum Big Sandy, aber zwischen diesem und dem Licking sollten schon lärmende Scharen anderer virginischer Abenteurer unterm Wilde hausen. Das war dem menschenscheuen Boone zuwider. Er sah Rauch aus den Wäldern der jenseitigen Hochebene aufsteigen und kehrte verärgert um.

Dieser ferne Rauch war Boones Schicksal. –

Manche Sommernacht verbrachte er ohne Trost und Schutz der holden Flamme tiefverborgen im mondüberschauerten Nebelried. Indianische Fährten mahnten zur Vorsicht.

Rings im Rohr heulten und hechelten die Wölfe, ihre Schatten umkreisten den Schläfer, der Erwachende sah die nahe Glut ihrer Augen. 190

Im webenden Schwefeldunst der Sümpfe über den Knochenstätten gerann es bläulich zu gespenstigem Leben; die Tiefen brachen auf, ungeheure Gestaltung schweifte dunkel über das Salzmoor.

Vom Strome her aus den bleichen Schwaden riefen grausig die ehernen Stimmen riesiger Urvögel; die Wasser rauschten; Drachen landeten, ihre gehörnten Köpfe spähten turmhoch über den brütenden Wald.

Ans mondstillen Gräberhügeln der Höhen stiegen gestorbene Völker herauf, jagten im Rohrbruch den bärtigen Mooshirsch, reigten im Schein der Irrlichter den heiligen Büffeltanz.

Der Ohio und seine Geisterstunde.

*

Nach sechswöchiger Wanderung suchte Boone die Blockhütte am Salzfluß wieder einmal auf. Sie war erbrochen, ihr ansehnlicher Fellschatz geraubt. Unverkennbare Spuren verrieten indianischen Besuch. Weiße Jäger haben später einander ebenso unbedenklich geplündert, mit weniger klarem Eigentumsrecht. So war Boone schwerer Gefahr entgangen. Er mied die Gegend und kehrte auf vorsichtigen Schleichwegen nach der alten verläßlichen Höhlenfeste am Shawanee zurück.

Hier wartete er in Geduld und friedlicher Betrachtung der Natur. Langeweile gab es nicht, das Leben bot täglich erneuten sinnlichen und geistigen Genuß. Er selbst sagte später von diesen stillen Sonnwendtagen: »Es war unmöglich, noch einmal dem Trübsinn zu verfallen. Die volkreichsten Städte mit ihrem Handel und Wandel, ihren Prachtbauten und sonstigen Sehenswürdigkeiten könnten meinem Herzen niemals solches Vergnügen gewähren wie die reine Schönheit der Wildnis.« –

Am 27. Juni schon traf der treue brave Squire mit Pulver und Pferden ein. Er hatte sein Wort mehr als pünktlich eingelöst, in siebenundfünfzig Tagen die ungeheure Doppelreise von rund fünfhundert englischen Meilen zurückgelegt, quer durch Wälder, Sümpfe und Flüsse, über rauhe Bergpässe, einsam in gefahrstarrender Öde, aufgehalten durch die notwendige Rast, Beschaffung der Vorräte, Zurüstungen – eine Meisterleistung allerersten Ranges, und doch kaum außerordentlich unter Grenzern.

Außer Schießbedarf und mancherlei anderer Ergänzung brachte Squire die nicht unwillkommene Nachricht, daß die Auswanderung 191 und Übersiedlung um ein Jahr verschoben werden könne oder sogar müsse. Das war Daniel Musik in der Seele. So durften die Brüder in sorgloser Muße das neue Land noch bis zum Green River, der westlichen Grenze des kentuckyschen Gartens gründlich untersuchen, nach Herzenslust jagen, streifen, Beute sammeln, das Glück ungemessener Freiheit, des Abenteuers, gemütlicher Abende bei Lagerfeuer und bedächtig gewendetem Bratspieß in vollen Zügen genießen. Von Heimweh und Heimkehr war keine Rede mehr. Mutter Wildnis mit ihrem unerschöpflichen Haushalt, mit ihrem unbeengten Reich, das war die eigentliche Heimat.

Nach kurzer Ruhe brachen sie mit den erfrischten Pferden auf. Sie erreichten und überschritten den Green River und gelangten allmählich an den unteren Cumberland, wo er sich in weniger gewundenem, flacherem Laufe dem mächtig von Süden heranströmenden Tennessee bis auf wenige Meilen nähert. Hier galt es die gewohnte Vorsicht verdoppeln. Nicht mehr fern zieht der Allvater Mississippi durch seine Fieberwelt der Marschen, Moskitolagunen und Alligatorenwälder. Die alte louisianische Straße wurde nicht nur von creolischen und kanadischen Jägern, sondern auch von Indianervölkern des Creek-Bundes, der illinischen Konföderation wie der westlichen Nomadensteppen stark begangen.

Dafür sprach schon eine merkwürdige Verdüsterung der Landschaft. Heute noch führen die Striche am unteren Cumberland den Namen der »Barrens«, des Unlandes. Freilich längst nicht mehr – und überhaupt niemals – mit Recht. Was damals auffiel, war die traurige Verkümmerung der wertvollsten und anspruchsvollsten Holzarten, die hier so gut wie drüben im paradiesisch üppigen »Garten« wuchsen, nur eben zu knorrigen Sträuchern und Kusseln verschrumpft. Zwischen ihnen wechselte graues Gras mit frischem Rasen, schwarz und schlaff hing das kranke Laub an den Zweigen. Das kam nicht aus der Natur, sondern vom Menschen. Die Indianer pflegten das Land alljährlich zu brennen, ein in allen Wildnissen, in Afrika wie in den obermissourischen Prärien, in Kurdistan wie in den südlichen Pampas gepflogener Mißbrauch. Die neu grünende Weide lockte und versammelte das Wild aus weiter Umgegend; es war ein Ersatz für den Lick und eine Art rohester Wirtschaft. Die leichte Grasflamme zog unterm Gestrüpp über die Hügel hin, tötete den Baumwuchs nicht, aber verzwergte ihn. Mit dieser Unterdrückung gingen entschieden karstische Erscheinungen zusammen. Die Wasser der 192 »Barrens« werden vielfach von den Trichtern geschlossener Talwannen verschluckt und setzen ihren Lauf in Schlünden der Unterwelt fort. Das erinnert an die Ponkwas der illyrischen und dinarischen Karstberge, an den berühmten Zirknitzer See, an den dreiteiligen Fluß Unz-Poik-Laibach, der stygisch finster und still durch den zackenstarrenden Tartarus der Adelsberger Höhle gleitet. Die wahre kentuckysche Kalknatur trat hier entblößter zutage. Das armselige versengte Laub baute keine Dammerde, die lückigen Krüppelwälder konnten mit ihren schwachen Wurzeln den alten Humus nicht festhalten. Man weiß, in wie wenigen Jahrhunderten abgeholztes Gebirge unheilbar verkarstet; das verrufene istrische Hochland bietet das klassische Beispiel. Später, nach 1800, als die Ansiedlung sich auch der abschreckenden »Barrens« bemächtigte, sollen die armen Baumzwerge noch zu breitschattenden Riesen gewachsen sein. Heute ist fast ganz Amerika ein einziger grausiger Felsen- und Schlackenkarst; der Feueratem der eisernen Maschinendrachen, der Gifthauch der amerikanischen Seele hat seine heiligen Wälder gefressen. –

In jener Landschaft, im Tale der Pond-River, hatten die Brüder eine merkwürdige Begegnung.

Eines Spätsommerabends trat aus dem Dunkel plötzlich ein kleiner Mann an ihr Lagerfeuer. Sie hatten ihn nicht kommen hören. Dieser Mann war Jean Martin.

Eigentlich wollte er hier herum seine Biberfallen stellen, einen tüchtigen Einbaum oder ein Floß bauen, in New-Orleans drunten seine Ausbeute verkaufen. Da stieß er auf die unerwartete Spur weißer Männer und verfolgte sie zwei oder drei Tage lang durch verbrannte Heide und Krüppelbusch, Furten und Felsschluchten, ein fast indianisches Meisterstück. In den eigentlichen Künsten der Wildnis sind die kanadischen Waldläufer niemals erreicht, geschweige denn übertroffen worden.

Jean Martin war denn auch ein Vollblutkanadier. In seinem einfachen aber bewegten Jägerleben spiegeln sich ganze Züge bedeutender Zeitgeschichte.

Auch Kanada hatte sein Barock und sein Rokoko, auch am St. Lorenz herrschten die Zustände, Rechte, Vorrechte und Ungerechtigkeiten des ancien régime. Harte, verschwenderische, gewissenlose Edelleute gab es hier so gut wie drüben an der Seine oder Charente. 193

Als gequälter Zinsbauer solch eines Seigneur – oder wie man in Kanada sagte: Sieur – hatte Père Martin sein schmales Lehensäckerlein auf der Schneeseite des Inselberges Montreal bebaut und mit Mühe und Not den kanadischen sogenannten »Shanzeran«, cents et rentes, Zehnt und Zins, zwei Sous vom Arpent, entrichtet. Aber damit allein war der Sieur auf seinem Manoir, ein Baron oder vielleicht Comte Du Quesne, noch lange nicht zufrieden. Vater Martin hatte eine hübsche Tochter, die betrachtete der Sieur als Herrengut; Vater Martin hatte einen strammen Sohn, der wurde gewaltsam ausgehoben und in die glorreiche Armee gesteckt.

So kam Jean unter die Soldaten. Den ganzen siebenjährigen Krieg um Amerika machte er mit. Er hatte an den Biwackfeuern am Houregansee gesessen, wo gewagte französische Lagerlieder mit schaurigen indianischen Totenhymnen sich im Widerhall der nächtlichen Felsen vermischten; er eroberte mit dem kleinen genialen Marquis Montcalm das Fort William Henry und sah das scheußliche Skalpiergemetzel im gespenstischen Morgengrauen jenes Spätsommertages; er hatte vielleicht Quebec verteidigt, das aufgegebene Fort Frontenac in die Luft gesprengt und die eingeschlossenen starren Bataillongevierte des unglücklichen Braddock mit gutgezielten Schüssen gezehntet. Wie er aber dann aus verlorenen Schlachten nach der verlorenen Heimat zurückkehrte, fand er die Eltern unterm kühlen Rasen, die Hütte zerstört, die Habe geraubt, die Schwester in Verachtung und Schande. Landsknechtschicksal.

England war kein unvornehmer, kein unkluger Sieger. Die neue Regierung warf eine bedeutende Summe für die kriegsgeschädigten Landleute aus. Indes die Verteilung der Gelder überließ sie der angestammten Behörde. Und diese angestammte Behörde war der kanadische Landadel, waren die Sieurs. Leicht zu denken, was dabei für die armen Zehntbauern im allgemeinen und die Geschwister Martin im besonderen abfiel. Froh mußte man sein und alleruntertänigst die allergnädigste Hand küssen, daß man für seine unverschämten Ansprüche nicht noch Stockprügel im Dreivierteltakt des Menuetts auf die kaum verharschten Wunden erhielt. An der unverkennbaren Humanität der gutmütigen alten Kanadier hatten die Sieurs leider nicht entscheidenden Anteil.

Jean ergriff das Gewerbe eines Waldläufers: Pelze erbeuten, Pelze verkaufen, den Handel mit den Indianern vermitteln. Selbst da ließ der niederträchtige Sieur ihn nicht in Ruhe. Erst müsse er 194 von ihm einen Erlaubnisschein lösen, und zwar gegen Geld. Jean wußte, was das zu bedeuten habe. Die Forderung war in solchen Fällen sehr hoch und stand ganz im Belieben des Grundherrn, der nach geltendem französischen Gesetz das Recht besaß, dem Untertan gleich von vorneherein eine gute Taille vom erhofften, dereinst vielleicht unter Gefahren und Entbehrungen erworbenen, einstweilen aber ganz unsicheren Gewinn abzuschneiden. In solcher Bedrängnis ging Martin zum englischen Militärgouverneur, und er hatte Glück. Du Quesne wurde abgewiesen: jeder Untertan des Königs dürfe ein Gewerbe nach seiner Wahl betreiben, solange dieses nicht gegen die Gesetze verstieß. Der Gouverneur veranstaltete sogar noch eine kleine Sammlung für den armen Teufel von Kanadier und stattete ihn auch sonst ein wenig zu seinem Berufe aus. Mit einem alten Jäger zog Jean in die große Wildnis. Hinter ihm versank die Heimat; er hat sie nicht wiedergesehen. Aber die Abrechnung nahm er offen mit sich in die Fremde.

Jahrelang streifte er in den Urwäldern zwischen den großen Seen, dem Ohio und dem Mississippi, den ungeheuren Räumen des heutigen Indiana und Michigan, Wisconsin und Minnesota. Allein darauf beschränkte er sich noch lange nicht. Mit Büchse und Beil, zu Kanoe, Einbaum und Mokassin hat er Fernen durchmessen wie keiner der berühmten Coureurs je vor ihm oder in späteren Zeiten.

Sein Revier war schlechthin das ganze damals bekannte Nordamerika. Er jagte im Gebiete der noch sagenhaften Sioux am Missouri; er fing seine Biber am Wabash und Scioto, am Cumberland in Kentucky oder droben auf der von tausend Wassern spiegelnden Seenplatte der großen Côteaux; er kannte den Geschmack eines auf assiniboinische Art gedämpften Büffelhöckers vom Tschankasndata ebensogut wie den eines Wildputers aus den arkansischen Washitabergen, die Hirschkeule vom Muskingum wie den Bärenschinken vom Oshkosh oder die fette Elchmuffel vom Winnibigoshish. Überall war er zu Hause, in Pittsburg, in Detroit, in Vincennes, in Fort Ligonier, in Cahokia und Kaskaskia – heute vergessenen Nestern am Illinois –, in Natchez drunten, in Mobile, in der creolischen Hauptstadt am Golf. Das ganze La Sallesche Traumreich war sein Jagdgrund und sein Kundenkreis, seine unermeßliche Heimat. Kein Waldläufer oder Voyageur hat jemals solch ungeheure Wanderungen unternommen, nicht einmal der berühmte Duluth, nicht einmal Joliet oder Chouart – ausgenommen etwa den einen Pierre Ponde, 195 der auf Schneeschuhen und Schlitten bis zum nordlichtüberflammten Athabaska-See in den fernsten Wolfsfrosttundren vordrang. Auch die La Sallesche Reise hinauf und hinunter den ganzen riesigen Mississippi hat Martin wohl ein dutzendmal zurückgelegt, und das meist allein, ohne irgend Hilfe und Führung. Mit diesem Mann und seiner Domäne konnten die bedächtigeren Hinterwäldler sich nicht messen. Boones Streifzüge durch Kentucky verblassen daneben zu einem harmlosen Ausflug ins Nachbarrevier.

Mit den Indianern stand der Kanadier auf schlechtem Fuß, eine Ausnahme unter seinesgleichen. Am Kitschi Gummi droben, in den finsteren Wildnissen am unermeßlichen Obersee hatten Chippeways den alten Jäger an seiner Seite erschossen, ihn selbst gefangen und an den Marterpfahl gestellt.

Ursache war eine Lieferung unbrauchbarer Gewehre. Die Franzosen, sonst enge Freunde gerade der klugen und zugänglichen Chippeways, mußten für ein Versehen oder eine Tücke der neuen Herren, vielleicht für den Betrug eines gewinnsüchtigen Zwischenhändlers büßen. In solchen Fällen unterschied der rote Mann nicht mehr unter den weißen Männern. Er ließ seinen gesunden Zorn an den erstbesten aus, betrachtete sie alle miteinander als seine Feinde, und er hatte Recht.

Durch einen zufällig anwesenden Agenten der Regierung wurde Martin vor qualvollem Tode gerettet. Seither schoß er jeden verdächtigen Indianer ohne weiteres und skrupellos nieder. Darüber zerfiel er sogar mit seinen eigenen Landsleuten und Kameraden, die sich nach altkanadischem Waldläuferbrauch mit den Rothäuten verschwägerten, sie auf ihren Jagdzügen begleiteten, ihre Fehden und Sitten teilten, mit ihnen aus einem Kessel und unter einem Dache lebten. Das brachte Martin nicht fertig. Krieg, Lagerleben, Wildnis, Wetter und Wunden hatten ihn gehärtet; Sohn einer Mutter, Bruder einer Schwester blieb er deshalb doch. Die skalpierten Gespenster von Fort William Henry gingen in seiner Seele um.

In anderen Dingen freilich war er jedem Ranger ebenbürtig, den meisten Genossen sogar überlegen. Er kannte die weißen Wasser von Minnesota, er kannte die Donner der Niagara; er kannte die Geisterstädte am Missouri, er kannte den Sprung von Ste. Marie und die Enge von Mackinaw; er kannte die fieberschwülen Bayoux des unteren Mississippi, ihre Moskitowolken und ihre gepanzerte Drachenbrut; er kannte jede Schenke, jede Spielhölle, jeden 196 Knobelbecher und jede Dirne von Pittsburg bis hinunter nach New Orleans. Nur das Eine, die große Kunst, blutig erworbenes Geld in der Faust festzuhalten und den Lockungen leichten Gewinns schwielenhart zu widerstehen, das kannte er trotz langer Lehrzeit noch immer nicht. Kein noch so gewandter Indianer hätte diesen listigen kleinen Mann ungehört beschlichen; ein rundliches Frauenzimmer, der Geist des Feuerwassers, der Teufel der Knöchel, die schwarze Pique-Dame überrumpelte und band ihn ohne Widerstand.

So war es auch diesmal gekommen. Von Kaskaskia im Illinesischen droben hatte der Kanadier einen schönen Stapel Pelze nach dem neuen Orleans hinab zu den reizenden Kreolinnen gefrachtet, ein ansehnliches Säckel Silber dafür erlöst und das ganze liebe Geld bei Weibern und Wirten, in üblen Höhlen und fremden Taschen gelassen. Wieder einmal spiegelblank, kaufte er sich für seine letzten Groschen ein paar Horn Pulver und ruderte mit etlichen verwegenen Burschen den guten alten Mississippi hinauf, um irgendwo an den tausend Wassern der Coteaux in Gottes Namen von neuem anzufangen, Biberfallen zu stellen, Büffelhöcker zu dämpfen, Felle, Hirschhäute und gute Vorsätze zu sammeln.

Unterwegs zerwarf er sich mit seinen Gefährten. An der Mündung des Ohio ließ er sich ans Land setzen und ging aufs Geratewohl allein ins Kentuckysche hinein, von dessen Wildreichtum auch unter den nördlichen Jägern schon rühmende Kunde umlief. Hier stieß er auf die weiße Doppelfährte, die er sofort aufnahm und tagelang verfolgte. Es war seine Bestimmung, es wurde sein Schicksal. Endlich roch er Bratenrauch, von schroffer Talwand herab sah er den fernen Funken der Flamme. Und nun war er da.

*

Und war doch ein famoser Kerl, der kleine Jean Martin mit dem runden wetterbraunen Gesicht, dem dunklen strammgelockten Haar und den lustigen schwarzen Augen. –

Die mißtrauisch bedächtigen, ernsthaft kargen Hinterwäldler mochten wollen oder nicht, sie mußten ihn gut leiden.

Mühsam renkten sie ihr bißchen Französisch zusammen, Martin quälte sich höflich seinen englischen Wortschatz ab: man verständigte sich.

Gleich am ersten Abend kam es zu einem Zusammenstoß zweier Welten. 197

Alles hätte der leichtsinnige Kanadier dahinten lassen mögen: nur das von Bibergeil und Büffelfett durchtränkte, verschmauchte, funkenzerfressene uralte Kartenspiel nicht. Das zog er jetzt hervor und wagte den ungeheuerlichen Vorschlag einer Partie.

Little jeu, eh?... If M'ssieurs les Anglais plait, eh?...

Aber ein Blick in die eisig erstarrenden Gesichter der M'ssieurs les Anglais ließ ihn die Vermessenheit seiner Zumutung alsbald erkennen.

Mit Spielern und dergleichen Gesindel wolle er nichts zu schaffen haben, erklärte Boone gemessen; das passe vielleicht in die berüchtigten Herbergen kreolischer Städte oder in die verrufenen Kneipen französischer Forts, nicht hierher in den Ernst der Wildnis.

Der Kanadier verschluckte artig den harten Brocken. Dann, mit einem plötzlichen Entschluß, warf er die bunten Karten ins Feuer.

Bon!.. As M'ssieurs les Anglais like!... To be se faire agréable aux M'ssieurs les Anglais!... Pour l'honneur d'être in company with M'ssieurs les Anglais, v'la va!... Und Karokönig und Treffkönigin, Herzbube und die allmächtige Pique-Dame krümmten sich in den Flammen des Gottesgerichts und starben. . . . V'là, va!... Fini, all right!... Sacré nom d'une pipe!... Much lost par çes moutons là, bleu nom d'une biche, beaucoup much money perdu, off, marché, gone!... Ready maintenant, eh?... Done, brûlé, out, good, eh?... Sacré nom d'un nom d'un chien – – –

Auch das Fluchen behage ihm nicht, warnte Boone, angestrengt sein widerwilliges Lächeln verhaltend; damit könne man vielleicht einer mulattischen Schankdirne gefallen, nicht ihm, einem Engländer und gläubigen Christen.

Der Kanadier ließ entmutigt den dunklen Krauskopf sinken; schreckliche Leute, diese Engländer, aus lauter Tugend, Bibel und Fischleim zusammengesetzt. Er war ja doch auch ein Christ, ein viel besserer sogar, ein ganz echter, ein römischer Katholik; man mußte sich doch nicht immer gleich dabei etwas denken. . . . Aber äußerlich tat er sich Gewalt an: non, non, pardonnez, excusez, er habe M'ssieurs les Anglais natürlich nicht beleidigen wollen, nicht wahr? . . . Ein einfacher Coureur, nicht wahr? . . . Schlechte Gewohnheit, nicht wahr? . . . Aber was dann? Geschichten erzählen, dürfe man wenigstens das?

Das dürfe man. Anständige, wohlgemerkt. 198

Immerhin etwas. Irgendwie ausleben mußte sich der Kanadier. Geschichten erzählen, bon! . . . Davon hatte er genug auf Lager. Damit reichte er von hier bis hinauf nach Fort Churchill, wo sie jetzt sogar noch Kupfer gefunden haben sollen. . . . Fort Churchill, sapristi, ja, da ließe sich bald ein schöner Sack Geld verdienen! Zehn Monate Winter, siebzehn Tage Sommer, der Rest so ein bißchen Frühling und Herbst – es ist nur, als wenn der Winter einmal aufwacht, gähnt, sich räkelt und nach der anderen Seite herumdreht. . . . Aber was für Pelz wuchs da dem Getier, den weißen und blauen Füchsen, den Zobeln und Ottern, den Luchsen und Minks – Pelz, kaum mit schierem Golde aufzuwiegen! . . .

Schon horchten die Hinterwäldler auf.

. . . Fort Churchill, ja, nie davon gehört? Ganz, ganz weit droben im Kanadischen, noch seine tausend Nordmeilen über den huronischen See hinaus, hinter grimmigen Frostwäldern und schaurigen Eismooren, wo das Caribou schwermütig durch die ewigen Nächte zieht. . . . Aber es ist ein großes Geheimnis um das Ganze, man bekommt nichts recht Bestimmtes zu hören – alles im Besitz von einigen wenigen Mächtigen, die eifersüchtig ihren Schatz hüten und ihre Reichtümer mehren, nom d'un loup!... Was wollte man? Als armer Coureur mußte man zufrieden sein mit dem, was Gott einen finden ließ. Drüben am Minishoshe gab es ja auch Biber und Bären in Überfluß, Chingas und Marder, Orignaux und Mazamahirsche, Büffel in unabsehbaren Herden, daß sie die Hügel verdunkeln, und Elks in solcher Anzahl, daß die Indianer mit ihren einfachen Pfeilen an einem einzigen Jagdtage bisweilen ihrer viele Hundert erlegen. . . .

Minishoshe? . . . Comment, M'ssieurs les Anglais kennen den Minishoshe nicht? . . . Den großen wilden Bruder des Mississippi? . . . Oh, oui, wir Kanadier, wir nennen ihn Missouri; aber die Nadouessioux und Tintons in ihrer Sprache heißen ihn Minishoshe, das will sagen, »das trübe Wasser«, weil es so gelb ist vom Lehm, daß man einen Sou auf dem Boden eines Glases nicht mehr sieht. Oh, den Minishoshe hinaufrudern in einem Canot, welche Arbeit, welche Gefahr! Unter den treibenden Stämmen mit ihren Zacken und Stümpfen, das ist schlimmer als unter den Kaimans drunten in den Bayoux! . . . Aber ich kann M'ssieurs les Anglais nach dem Minishoshe führen, wenn sie wollen? . . . Les Nadouessioux? Oh, ein starkes, ein großes, ein wildes Volk; noch ganz anders als 199 Iroquois und Huronen! . . . An ihren Festtagen tragen sie Federperücken bis auf die Fersen hinab. Sie wohnen in Zelten und wandern über ihre Prärien. In ihrem Lande liegt der Bruch des heiligen Pfeifentons, du Caloumet, oui; weh dem, der ihn betritt! . . . Ihre Götter sind Wakontanka und Wakonshiha. . . . Sie sind große Herren und Jäger; sie springen von ihren Pferden auf den Büffel hinüber und reiten ihn tot. Aber doch sind sie noch nicht so gute Reiter wie die Panis am Niobrara, das will sagen l'eau qui court, am schnellen Fluß, und die Comanches und Padoucahs im Süden an der Rivière rouge. Oh, dort weiden die schönsten Rosse der Welt wild auf der grünen Steppe. Wilde Pferde, ja; die Comanches und Padoucahs fangen sie in Wurfschlingen; aber man kann sie auch mit der Büchse fangen. Fangen, ja; nicht erschießen, nein! . . . Das macht man so: man ladet einen ganz genauen Schuß, schleicht sich so dicht als möglich heran, und gibt es keine Deckung, nun, so nimmt man die Wolfsmaske; dann stutzen die Pferde, und der Leithengst kommt von selbst angetrabt. Man zielt scharf nach dem Nacken und streift mit der Kugel die Wirbel, daß der Gaul betäubt niederstürzt; so hat man ihn in der Gewalt, schlingt ihm die Bremse um den Unterkiefer, und in zwei Stunden ist er gebändigt oder nie. Freilich, was für eine Arbeit, nom d'un couteau. . . . Man weiß nicht, wer am Ende besser schäumt und zahmer ist, das Pferd oder der Mensch! . . . Aber so einen Hengst, einen dunkelgrauen, hat unser kleiner Papa Montcalm geritten, bei Oswego, vor William Henry, bei Ticonderoga. . . . Papa Montcalm, petit père Marquis – ah! . . . M'ssieurs, das war ein Soldat! . . . Das Haar unterm Puder grau, die Glieder krumm vor Gicht – und wollte doch nicht besser schlafen als irgendeiner von uns, auf der harten kalten Erde! . . . Ein hochgeborener Herr, ein wirklicher Seigneur – und wollte doch nicht anders essen als aus unseren Kesseln, von unseren schmalen Rationen, von unserem verschimmelten Brot! . . . Damals am See droben, den die Iroquois Houregan nennen, als wir in der Nacht des heiligen Thomas über das Eis gingen, ohne Fackeln, ohne Mond, nur die Sterne des Winters flimmerten hoch über uns im Frost – – vorn als Führer ein paar Späher von den Ottawas und Wyandots, dann gleich unser Papa Montcalm, dann unsere einige sechzig oder achtzig – – die Eissporen klirrten, die Kufen unserer kleinen Proviantschlitten winselten, in den Wäldern weinten schauerlich die Wölfe – – – – – 200

So plauderte der mitteilsame Kanadier tief in die Spätsommernacht hinein. Er erzählte vom geheimnisvollen »redenden See« droben im düsteren Wasserlande, über dessen einsame Flut von den Ufern her dunkle Geisterstimmen flüstern; von den unabsehbaren Murmeltierstädten der fernen Abendsteppe, wo Wish-ton-wish der Kleine zusammen mit Gevatterin Eule und Muhme Klapperschlange mit seinen Hügelkellern haust und mancher einbrechende Bisonbulle noch vor seiner Zeit den weißen Wölfen zur Beute wird; von den unheimlichen Gespensterburgen am Missouri und seinen Nebenflüssen, Türmen, Zitadellen, starrenden Kathedralen, Ruinen, in deren Stollen und Abgründen sommers furchtbare Dünste glosen, von deren Zinnen aus der Wanderjäger die riesigen Glastgestalten ferner Büffelherden, Indianerhorden, Pferdevölker über den ehern flammigen Himmel ziehen sieht. . . . Atem der Nacht träumte in den Sykomoren und Silberpappeln der einsamen kentuckyschen Schlucht; der Bach rauschte, unsichtbare Fratzen lauschten aus Laub und Geklipp; große Tiere streiften im Dunkel, brünstige Urstimmen riefen, überm zusammensinkenden Brand spann und streute das Schicksal.

*

Die Brüder hatten einen Freund fürs Leben gewonnen; Martin blieb bei ihnen.

Mit Jagen und Erzählen, bei täglichem Weidwerk und abendlichem Bratenfeuer ging es in den Herbst, in den linden, unter bunten Schleiern sanftverglühenden Indianersommer hinein.

Man lernte voneinander. Aber nicht der berühmte Daniel Boone war der eigentliche Meister, sondern der in allen Künsten und Listen der Wildnis beschlagene, mit allen Wassern Amerikas gebrannte Kanadier . . .

Seine Kugel verfehlte überhaupt niemals das Ziel – und waren es auch nur zwei oder drei Geviertzoll braunes Fell im braunen Laub auf fünfzig Ruten Entfernung.

Er schoß weit schneller als die bedächtigen Hinterwäldler, nicht aufgelegt, sondern aus freier Faust, den Hirsch in der Flucht, den Truthahn im Flug, den Fischadler im Stoß, den Bären im Finstern mitten durchs Herz.

Er las jede Spur, er fand jede Fährte. Er sah jede Pelzgranne in der Spreu. Jedes der vieltausend Geheimzeichen des Buches der Wildnis kannte und entzifferte er. Er merkte es Tieren untrüglich an, 201 ob sie vor kurzer Zeit anderen Menschen begegnet seien oder nicht. Er behauptete aus dem Geschmack des Wildbrets, aus dem Blut, aus der Galle das Wetter ebenso verläßlich vorhersagen zu können wie aus dem Gesang der Vögel oder aus dem Antlitz der Gewässer, und er gab Beweise.

»Zeitig im Frühling oder im verflossenen Herbst haben nördliche Indianer hier herum gejagt.« »Woraus wollt Ihr das schließen?« Der Kanadier zeigte ein verlassenes Vogelnest. »Die eingeflochtene Stachelschweinborste, M'ssieurs.« »Ursons gibt es auch in diesen Wäldern.« »Gewiß, M'ssieurs, aber nicht von dieser Farbe. Diese Borste stammt von einem sehr hellen Urson, und sie ist nicht aus der Schwarte verloren worden, sondern aus einer Gamasche oder einem Mokassin, denn sie ist zugerichtet. Also.«

Wenig später fanden die Gefährten die verwaschene Feuerstatt, an der vor Jahreszeiten die unsteten indianischen Jäger gelagert hatten. –

Nicht mit allem war der strenge Daniel Boone einverstanden. Martin führte einen beliebten, wahrscheinlich Indianern abgelernten Jägertrick der kanadischen Waldläufer vor. Im Blaugras einer Hochebene über dem schroffwandigen Felstal des Big-Barren River lagerte und weidete eine Herde von Büffeln. Gleich war der Kriegsplan im findigen Franzosenkopfe fertig. Die Brüder sollten sich von beiden Seiten her anschleichen und das schwere Wild auf ein gegebenes Zeichen unter Kreuzfeuer nehmen. Ob ihre Kugeln dabei wirklich und tödlich trafen, sei Nebensache. Martin selbst legte die vom Lagerplatze herangeholte Haut eines am Vortage erbeuteten Büffels an, ähnlich wie die Indianer ihre Büffeltanzrobe. So, als Bison maskiert, kroch er von der Steilwand her gegen die arglos weidenden und träumenden Tiere vor. Der zarte Nachsommernebel begünstigte das Unternehmen.

Jetzt fielen die Schüsse der Hinterwäldler; zwei Büffel brachen zusammen. Die Herde schrak auf und wuchtete bestürzt durcheinander. Da gewahrte sie einen der Ihren, der vor ihr her auf einen fernen Gebüschsaum zu galoppierte; blindlings dröhnten einige nach, mehrere, viele, alle, die ganze betörte Masse. Martin, der falsche Leitbulle, hatte die Kante erreicht, warf schnell die schwere Robe ab, kletterte gewandt über den Rand hinweg und verkroch sich im schründigen Geklipp. 202

Gleich darauf stürzten die dumpfen dunklen Körper an ihm vorbei, über ihn hinaus in die Tiefe, schlugen von Fels zu Fels und blieben zerschmettert liegen. Wenn auch die vordersten, die Kopftiere, vor dem plötzlich klaffenden Abgrund zurückstarrten – bevor sie seitlich ausbrechen konnten, wurden sie von der sinnlos, gedankenlos, unaufhaltsam nachwuchtenden Masse, ihrem eigenen blöden Rindervolke an die Kante gedrängt, ins Leere gestoßen, und zerschellten. . . .

Einige zwanzig Büffel, bis zur Unbrauchbarkeit zerfetzt, lagen drunten in den Steinhalden der Schlucht; die übrigen hatten sich endlich doch geteilt, gewendet und zerstreut. Der saubere Daniel Boone war tiefempört über dieses kanadische Meisterstück. Ohne Zwang redete er von »blutgierigen Franzosen«, ihren würdigen indianischen Vorbildern und ihrer niederträchtigen Schlächterei. Martin nahm die unverblümten Deutlichkeiten des hochsinnigen Grenzers mit gutem Humor hin. Eh, M'ssieurs les Anglais seien je nach Bedarf und Gelegenheit auch nicht gerade sparsam mit Blut und Lebensglück anderer Mitgeschöpfe, zum Beispiel Menschen, par example ganzen Indianerstämmen oder harmlosen, heimatsliebenden Akadiern. . . . Es war eine scharfe, wohlgezielte Entgegnung, und sie traf ins Schwarze; die unbeschreiblich grausame Ausweisung der akadischen Franzosen aus ihrer glücklichen Waldlandschaft ist in Kanada nie vergessen, in Frankreich nie verziehen worden.

Allein bald darauf fanden die Brüder wieder Anlaß, sich der Gesellschaft des gewandten kleinen Kanadiers zu freuen.

Sie kamen in wildarme Gegenden, wie damals in den Cumberlandbergen, wo man sich mit dem Braten traniger Spießenten hatte begnügen müssen. Martins Augen, Ohren und Büchse versagten auch hier nicht, und über der Glut des Abendfeuers schmorte doch die köstliche Hirschkeule.

Für Tage der Not pflegten virginische Grenzer einen Vorrat angerösteter Maiskörner oder auch Gelbeicheln mit sich zu führen; vom berühmten Pemmikan des Nordwestens hatten sie noch nie vernommen. Der Kanadier lehrte sie die Bereitung jener indianischen, dem Waldläufer unentbehrlichen Urkonserve. Büffelfleisch, vornehmlich aus der Keule, wurde in langen dünnen Streifen gedörrt, aufs feinste geschabt und zerstampft und dann zusammen mit einem Drittel Fett in einen büffelledernen Sack, den »Taureau«, ganz stramm hineingeknetet. Die Zukost bildete das in gereinigte Blasen 203 eingeschmolzene, äußerst nahrhafte und ungemein wohlschmeckende Büffelmarkschmalz. Mit dem Taureau und der Markschmalzblase haben die kanadischen Coureurs jene ungeheuren Strecken zurückgelegt, Amerika bis hinauf zum nordschaurigen Athabaskensee, bis hinunter nach dem gelbfieberhauchenden Lagunenlande durchstreift und wahrhaft entdeckt.

Auch das Dämpfen des Büffelhöckers – oder irgendeines saftigen Stückes Wildbret – auf assiniboinische Art und noch manch anderen kulinarischen Kunstgriff lernten die Brüder durch den vielseitigen kleinen Jean Martin kennen. Das Volk der Assiniboins – des nördlichsten unter den Siouxstämmen, von diesen abgespalten, unabhängig und sehr mächtig – führte sogar seinen Namen nach jener Erfindung: er bedeutet nichts anderes als »Steinkocher«. Glutheiß gemachte Steine werden in eine kleine Erdgrube geworfen; darauf legt man das in feuchtes Fell geschlagene Bratenstück, auf dieses wieder eine kleinere Schicht heißer Steine; dann wird der natürliche Dämpftopf luftdicht verstampft. Nach angemessener Zeit ist das Wildbret gar und bis in die innerste Faser hinein saftig zermürbt. Es ist nichts mehr oder weniger als die Urkochkiste. Mit heißen Steinen ließ sich überhaupt erstaunlich viel anfangen. Sie ersetzten den fehlenden eisernen oder kupfernen Kessel. Ein Stück gesäuberter Büffelhaut wurde muldig schlaff zwischen vier Stöcke gespannt; darin brachten heiße Steine das Wasser rasch zum Kochen, in diesem kochenden Wasser sott der Kanadier die köstlichen großen Markknochen. Auch für den Truthahn hatte der Schlaukopf sein besonderes Rezept. Über offener Glut braten, wie schade, da ging doch das Feinste verloren! . . . Non, non, das machte man so: man nimmt den Vogel aus, natürlich, man rupft und sengt ihn, wie sonst auch – – dann aber, m'ssieurs, beschmiert man ihn messerrückendick mit unserem Markschmalz, wozu hätten wir es, wie? . . . und umlegt ihn allseitig mit Laub, am besten dem der Rebe, wozu wucherte sie so üppig in dieser gesegneten Landschaft, nicht wahr? . . . und kleistert jetzt das Ganze recht vorsichtig in Lehm ein, nicht zu dick, nicht zu dünn, etwa einen Zoll stark, das ist gerade das rechte! . . . und legt den Lehmkloß schön behutsam auf heiße Asche in einen Ring von sanftloderndem, nicht zu jähem, nicht zu mattem Feuer, da, so! . . . und wartet nun geduldig, bis der Lehm durch und durch verkrustet, rissig wird wie ein altes Squawgesicht und klüftig wie die Mauvaises Terres droben am Missouri. . . . So! Und nun holt 204 man ihn heraus und zerschlägt ihn, oder läßt ihn einfach zur Erde fallen, er birst von selbst – – und da, voalà, liegt der Braten, schön knusperbraun von außen, weiß, saftig und mürb von innen – servez-vous, m'ssieurs, es ist mir eine Ehre und ein Vergnügen! . . .

Schmunzelnd ließen die Engländer sich Schwatz und Schmaus gefallen. Sie hatten sich daran gewöhnt; sie hätten es vielleicht gar nicht mehr missen mögen. Es war eben ein Franzose. –

Ja, aber dieser Franzose konnte mehr als Puter braten und Büffelhöcker dämpfen.

Unheimlich, wie die Biber in seine Fallen tapsten. Kaum, daß er sie gestellt und den Spreizstock mit streng duftendem Geil bestrichen, da saßen sie schon drin in des Teufels Klaue, wie er es selbst zu nennen pflegte. In wenigen Wochen hatte er einen hohen Stapel wertvoller Bälge zusammen, soviel als drei andere mitsammen in einem Jahr nicht erbeuteten.

Eines indianischen Spätsommerabends wurden die Jäger von einem Grasbrand überrascht. Man lagerte eben an einer kleinen Quelle, als verdächtiger Schein breit die Ferne rötete und der heißtrockene Westwind brenzliche Loderluft herantrug. Verloren wären die Hinterwäldler ohne den erfahrenen Coureur wohl noch lange nicht gewesen; es gab ja Wasser, es gab für den äußersten Notfall auch felsige Höhen und Höhlen, und mit der brausenden Flammenbrandung der hochgrasigen westlichen Steppe war dieses beinahe harmlos unterm Krüppelholz heranlaufende Prasselfeuer überhaupt nicht ernsthaft zu vergleichen.

Immerhin kam es nicht sehr erwünscht. Wenn auch nicht das Leben, gefährdete es doch die angesammelten Felle und Häute, und der Anblick der zahlreich in düsterglühender Dämmerung vorbeiflüchtenden Tiergestalten erhöhte schwerlich das Gefühl der Sicherheit. Man brauchte nur an Büffel und ihre massenblinden Heerscharen zu denken; manch beherzter Waldläufer, der Graubär und Rothaut, Alligatoren und kochende Katarakte siegreich bestanden, ist unter den Hufen dunkel heranmalmender Bisontenwucht zugrundegegangen.

Martin traf sogleich wirksame Maßregeln. Er entzündete mit Hilfe der ihn rasch verstehenden Brüder – nicht etwa das mehr literarisch berühmte als praktisch mögliche »Gegenfeuer«, sondern einfach ein Feuer in zweiter Linie, das mit dem Winde nach Osten lief 205 und einen brandsicheren schwarzen Raum zurückließ, auf dem man sich seine Habe gemütsruhig bergen konnte.

Dieses Feuer zweiter Linie oder Abfeuer war in der Savanne lange Zeit hindurch das einzige wirklich verläßliche und unter allen Umständen anwendbare Rettungsmittel. Feuer kommt mit dem Winde, es muß mit dem nämlichen Winde gehen. Man kehrt die Gefahr einfach um und greift ihr vor, gibt sie freilich auch weiter; man legt einen Vorbrand, hinter dem man geborgen steht. Natürlich wurden solcher Art unermeßliche Weidegründe für zwei Jahreszeiten zur Wüste geschwärzt; die immer wieder nachjagenden Flammen überholten und erstickten endlich das von weiter Flucht schon erschöpfte Wild; meilenfern wandernde Reisende sahen sich durch die unerwartet jäh heranheulende Loderhölle selbst zum Legen eines nächsten Brandes gezwungen; und so weiter von Linie zu Linie, bis ein stärkerer Wasserlauf der Verheerung eine Grenze zog. Aber erst die Wildweidewirtschaft nötigte die Reiterhirten, mit Gottes Gras und Mitgeschöpfes täglichem Brot sparsamer umzugehen und auf andere Mittel zu sinnen; unter denen freilich das berühmteste, das des gehälfteten und geschleiften Stieres auch nur in kurzhalmiger, kaupenwüchsiger Prärie, bei feuchter Windstille und Kriechfeuer anwendbar ist.

Als gründlich erfahrener Savannenläufer hatte Martin die Regel befolgt, den räumenden Vorbrand nicht etwa gleich auf einer Linie, sondern zweiteilig anzulegen, so daß zwischen beiden Breiten eine kleine keilförmige Grasinsel stehen blieb. Diese steckte man notfalls im letzten Augenblicke an und rannte gleich darauf nach ihrer Spitze zurück – dann nämlich, wenn man Büffel in geschlossener Front anrücken sah. So unaufhaltsam und elementisch blind die gemähnten Riesen in ihrer Massenflucht, die schmale Feuerzunge vor sich eräugten sie doch, und an diesem Sporn teilte sich der dunkle Donnerstrom. Gefühllose Mord-, Haut- und Geldjäger haben selbst solche Gelegenheiten grausam ausgenutzt, und wahrscheinlich prickelte es auch den Kanadiern, das Fest zu feiern wie es eben fiel. Allein neben ihm stand der strenge, unerbittliche Daniel Boone; seine Anwesenheit hielt den lockeren gallischen Hahn in Ruhe. – –

Die Brüder hätten sich nicht mehr gerne von ihrem neuen Gefährten getrennt. Sein lustiges gebrochenes Englisch gab ihnen zu lachen, und er selber lachte am ersten mit. Seine Schnurren würzten die Unterhaltung der längeren Herbstabende; selbst mit 206 nom d'un nom und nom d'un mouton hatten sie sich wider Willen lächelnd abgefunden. Er war eben der blaue Häher unter den Menschen, dieser Jean Martin. Schwersinnig konnte man in seiner Gesellschaft nicht werden, das stand fest. Man mußte ihn nehmen, wie der große Geist diesen seinen Vogel geschaffen hatte: munter, bunt, frech, wachsam, stets zu Possen gelaunt, gutmütig, und bei alledem schlauer als ein Adler.

Aber noch mehr. Solch ein Mann mit seiner Umsicht, Erfahrung, Kühnheit, Vielseitigkeit, Geistesgegenwart konnte der neuen Niederlassung nur nützlich sein, nicht minder als auf anderer Seite Calloway mit seiner verfeinerten Bildung. Darüber waren die Brüder unter sich längst im Verständnis. Und das begegnete Martins eigenen Wünschen.

Freilich, was die Boones vom Wildreichtum der kentuckyschen Parkwälder und Lecken zu erzählen wußten, das machte auf ihn weiter keinen starken Eindruck. Droben auf dem Coteaux hatte er wohl noch mehr Büffel und Bären, Elkhirsche und Mazamas geschaut als jemals die grünen Rohrbrüche und Salzpfannen der südlichen Ohiolandschaft bevölkert haben mögen. Aber etwas anderes: die Schilderungen englischen Grenzerlebens, englischer Ansiedlungen, virginischer Hinterwaldwirtschaft, die Kunde vom englischen oder vielmehr virginischen Heimstättenrecht griff ihm mächtig ans Herz.

Krieg, Wildnis und wüste Gesellschaft hatten sein wahres Wesen nicht weggeschliffen. Zutiefst in ihm, dem Soldaten, dem Coureur, dem Spieler und Abenteurer lebte immer noch der französische Bauernsohn.

Jagd und Freiheit wollte er freilich nicht aufgeben, so wenig wie Daniel Boone selbst oder irgendein anderer echter Hinterwäldler. Aber danach hatte er sich oft schon gesehnt, den Erlös der Beute statt nach üblen Schenken unter ein eigenes friedliches Dach zu tragen und da vernünftig zu sammeln und zu verzehren, die Zeiten der Ruhe statt in berüchtigten Herbergen bei Wein, Würfeln und Dirnen in eigenen sicheren Pfählen vor eigenem behaglichem Kaminbrand, vielleicht gar im Kreis eigener Lieben verbringen zu dürfen. . . . Und nun war das alles mit einemmal möglich und eigentlich das einfachste Ding von der Welt.

In kanadischen Verhältnissen und Anschauungen aufgewachsen, selbst Opfer grundherrlichen Mißbrauchs, hatte Martin trotz allerhand Kenntnis von Land und Leuten nie geahnt, nie für möglich gehalten, daß man als armer Teufel ein Stück Scholle besitzen könne, 207 ohne Zinsknecht eines allmächtigen Seigneurs zu sein. Noch sein Vater hatte zwei Sous vom Arpent entrichten müssen, und daneben gab es noch andere ärgerliche Beschränkungen, den Zwölften vom Verkauf, den Mahlzwang, ganz abgesehen von der Willkür in allen Dingen. Wie, und drüben in Virginien erwarb man mit dem Fällen einiger Bäume, mit Gründung einer Herdstatt, mit Aussaat einer Handvoll Maiskörner freies, unbelastetes Eigentumsrecht an vierhundert Ackern Landes, dazu noch das Vorkaufsrecht über weitere tausend Acker? Ohne Zehnt, ohne Rente, ohne lods et vents, ohne Abgaben, ohne Mahlzwang, ohne Gerichtsbarkeit, ohne Seigneur? . . . So etwas gab es auf der Welt? Ein Land ohne Seigneur, und das lag so nahe über den Bergen? Jean Martin hatte wohl ein paar unruhige Tage. Gewaltig wühlte es in seiner Jägerseele, Waldläufer und Bauer, zwei Welten, zwei Kulturen, zwei Jahrtausende, der uralte Nomade und der zahme Ackerbürger, Indianer und Franzose rangen heiß um ein Menschenleben. Denn – natürlich – Psalmen singen, das wollte Martin in seinen freien Stunden ja nicht gerade – nun, und gar so übel waren die üppigen Mulattinnen schließlich auch nicht, nom d'une biche rouge – und hie und da so ein Spielchen zwischen Wein, Weib und bereitgespießten Messern, nom d'un couteau bleu!... Aber dann trat er doch vor Boone und kündigte ihm ganz bescheiden seine ehrliche Absicht an: ob er in Gesellschaft der hochverehrten M'ssieurs les Anglais auf eigene Rechnung seine Biber fangen dürfe, um – – ja, um dann im neuen virginischen Lande am Kentucky drüben unter ihnen eine dauernde Heimstatt zu gründen? . . . Und Boone, der hochmütige, strenge M'ssieur Anglais reichte ihm, dem verachteten Waldläufer, freundlich die Hand und sagte, er habe ihn von Herzen lieb gewonnen und was an ihm liege, werde es immer so bleiben – – – und wirklich, so blieb es auch bis an der beiden greisen Altmeister würdiges Ende. – –

Der Elk hatte abgebrunstet, die letzten Früchte reiften; zum andernmal setzte Muskwa der Bär seinen blankschimmernden Hauptpelz an, hoch überm Lagerfeuer wanderten die großen Sterngestalten des Tierkreises durch die frühe Herbstnacht. Und wie schon vor hundert Jahren die alten Coureurs und Voyageurs in den laurentischen und huronischen Urwäldern, wie aber hundert Jahre später die Scouts und Rafters, die Trapper und Lumbermen unter den Tannen der Felsengebirge, so saßen die drei Gefährten in behaglicher 208 Wachsamkeit um den knackenden, sprühenden Brand, lauschten dem Summen und Sausen der Flamme, den Schicksalsstimmen der Wildnis, den nie versiegenden, nie versagenden Geschichten aus fernster finsterer Zeit. Und war dann Erzählens genug um das Kampfeuer gegangen, so kam etwas ganz Neues, in den ernsten Hinterwäldern bisher Unerhörtes daran: Martin begann zu singen, und die englischen Grenzer, die harten argwöhnischen Männer lauschten dankbar und andächtig, alle Gefahr vergessend, seinem kunstlosen, bald soldatisch lockeren, bald schwermütig schwellenden und sinkenden Vortrag:

»Malbrouck s'en va-t-en Guerre,
Mironton, mironton, mirontaine.
« . . .

oder dem frechen Lied der französischen Marketenderin:

»Mon coeur, dit-elle, volage
N'est pas pour vous gargon;
C'est pour un homme de guerre,
Qui a barbe au menton,
    Lon, lon, laridon....
Qui porte chapeau à plumes,
Soulier à rouge talon,
Qui joue de la flute,
Aussi du violon,
    Lon, lon, laridon....

und dann wieder jener altkanadischen Ruderweise, dem eigentlichen Herz- und Heimwehlied des Waldläufers, des Coureurs, des Voyageurs:

»Par derrier' chez mon père
Vole mon coeur, vole, vole, vole!
Par derrier' chez mon père
II y a-t-un poumier doux.
«

 . . Das Lied aller, die einst eine Heimat besessen, wo die Sterne scheinen, die Blumen blühen, die Schwalben fliegen wie nirgends sonst auf der weiten Welt. . . .

So kam die Kunst in diese Täler; so geht sie mit jedem Muttersohn in die Fremde. –

Die Wölfe heulten in den Mondhügeln. Fern über Hochebenen dröhnte dunkler Bisontenzug. Laub fiel. Die Windgeister klagten um die Klippen. 209

*

Aus Spätherbst war schon wieder Vorfrühling geworden; der rote Ahorn setzte zur Blüte an. Nur noch den mittleren Cumberland, wo er sich in scharfen Windungen, der sogenannten großen Strömung nach Süden kehrt, wollte Boone wenigstens flüchtig untersuchen; auch war der Fluß ein unfehlbarer Wegweiser nach seinen eigenen Fällen und Quellbächen und dem bekannten »Gap«, der Torschlucht.

Hier harrte dem Jäger eine seltsame Begegnung. Jenseits am südlichen Ufer irrten zwei sichtlich ermattete und heruntergekommene Wanderer auf und nieder und suchten verzweifelt nach einer Furt. Indianer waren es nicht – später gebrauchten die Ohio-Stämme selbst dieses Mittel – Waldläufer oder Kundschafter ebensowenig. Der Anruf wurde mit lebhaften Freudenzeichen und Worten französischer Sprache erwidert; genug für Martin, sofort eine Pappel zum Einbaum zu fällen, denn an ein Durchwaten des hochangeschwollenen Frühlingsflusses war nicht entfernt zu denken. Daniel Boone schloß sich auf alle Fälle der Fahrt an. In hartem Ringen mit der wutschäumenden Schmelzwasserflut wurden die beiden Fremden, ein kreolischer Edelmann und sein Negersklave, übergeholt oder vielmehr gerettet.

Der vornehme Kreole, ein louisianischer Seigneur namens d'Aubigny, hatte ein unverdient hartes Schicksal hinter sich. Unter den Seigneuren auf dem überschwemmungsfreien »Rinderlande«, der sogenannten Terre aux boeufs im Mississippidelta, war die seiner Familie eine der ältesten und wertvollsten. Indigobau vornehmlich hatte die d'Aubignys reich gemacht, während andere eingewanderte Edelleute und ihre Nachkommen dem ungesunden Lande gleich versumpften. Allein der kreolische Junker, früh verwaist, gelangte nie in ungetrübten Genuß seines Erbgutes. Zu standesgemäßer Erziehung nach Frankreich geschickt, hatte er wie alle französischen Militärschüler nach einer der afrikanischen Kolonien abgehen müssen; dieser Kolonialdienst gehörte zur vollkommenen Ausbildung. In jene Zeit fiel der große Entscheidungskrieg um Amerika, der natürlich auch nach Afrika herübergriff; Gorée, wo d'Aubigny sein Kolonialjahr abdiente, wurde von den Engländern gestürmt, er selbst geriet in britische Gefangenschaft, und als er diese endlich verlassen durfte, war Louisiana nicht mehr französisch, sondern spanisch.

Trotzdem kehrte er nach New Orleans zurück. Hier fand er alles in heißer Erregung. Unter keinen Umständen wollte man sich unters 210 spanische Joch schicken. Dieses ließ denn auch lange auf sich warten. Etwa sieben Jahre hindurch blieben die französischen Herren in ungestörtem Genuß, die Behörden in unbehelligter Verwaltung der abgetretenen Kolonie. Einem spanischen Abgesandten, dem berühmten Antonio Ulloa, wagten die dreisten kreolischen Kavaliere, darunter d'Aubigny, sogar allerhand bedenkliche Unliebenswürdigkeiten ins Gesicht zu sagen. Das rächte sich.

Drei Jahre noch wartete Spanien auf Einsicht und gebesserte Stimmung. Es ließ den Seigneurs Zeit, ihre Güter zu verkaufen und nach dem Mutterlande heimzukehren, oder sich zu besinnen, an den Wechsel der Herrschaft zu gewöhnen und dem niedrigeren Volke mit gutem Beispiel voranzugehen. Dem Patriotismus, wenn auch nicht der Klugheit der adligen Kreolen gereicht es zur Ehre, daß sie von dieser Frist nicht den von Spanien erwünschten Gebrauch machten. Sie verharrten in ihrer Haltung und sannen unentwegt auf Mittel, den Hijos dalgo die Beute zu verleiden.

Vergeblich. Jetzt schlug Madrid endlich zu. Es schickte den harten Iren O'Reilly mit Vollmacht, Gouverneurtitel und Befehl unbedingter Besitzergreifung. O'Reilly machte kurzen Prozeß. Der Herzog von Alba in den Niederlanden war sein Vorbild. Während er unter lächelnder Maske mit den zusammengeladenen fünfzehn kreolischen Kavalieren über die Zukunft des Landes und neue Mittel zur Behebung des allgemeinen Wohlstandes plauderte, klirrte es in den Kabinetten nebenan schon von Bajonetten und Ketten. Nur d'Aubigny, auf den der Ire es besonders abgesehen hatte, und ein anderer Seigneur entgingen der Verhaftung, indem sie sich zeitig und heimlich aus der verdächtigen Audienz zurückzogen und auf die Ehre sogenannter vertraulicher Unterhandlungen mit dem tückischen Gouverneur verzichteten. d'Aubignys Freund ging trotzdem später noch in die Falle und teilte das Schicksal aller übrigen Standesgenossen, von denen O'Reilly acht erschießen, die anderen sechs auf ewig in den Kerkern der Habana verschwinden ließ.

Nun blieb d'Aubigny nichts übrig als die Flucht; sicher vor den Klauen des Iren war er selbst auf seiner Pflanzung nicht. Er überließ sein Vermögen der Beschlagnahme, nahm tausend Dollar eingenäht mit und wurde von den treuen Sklaven über den Lagunensee Maurepas nach englischem Gebiete gerudert.

Hier hausten die Choctaw, ein mächtiges Volk des sogenannten muskokischen oder Creek-Bundes. Auf ihren Beistand vornehmlich 211 rechnete der Seigneur, denn seine Familie hatte die Nachbarschaft des Stammes stets gepflegt und den Indianern manchen Freundschaftsdienst erwiesen. Er sollte sich bitter täuschen. Die Choctaw, wie alle Creek-Nationen reichlich mit Mestizen, Mulatten, Halbblütern der verschiedensten Arten und Grade durchsetzt und daher entartet, machten sich aus der Not des Gastes ein willkommenes Gewerbe und beuteten ihn gründlich aus. Trotzdem blieb d'Aubigny bei ihnen; ein kaum mittelmäßiger Jäger, wußte er sich nicht weiter zu helfen, und auch sein treuer schwarzer Diener Cupido war in der Wildnis ein zwar anhänglicher und gehorsamer, aber weiter nicht brauchbarer Gefährte.

O'Reillys Spürhunde witterten weit; sie kamen bis zu den Choctaw und fanden das edle Wild. Aus dem eingezogenen Vermögen des Flüchtlings bot der Ire den Rothäuten einen hohen Judaslohn, dazu Branntwein und Schießpulver nach Herzenslust. Eines Morgens erwachte d'Aubigny in Fesseln; er gab sich verloren. Wieder einmal waren es ein englischer Agent und ein fahrender Händler, die den Gefangenen vor dem sicheren Tode, in diesem Falle vor der Auslieferung an den gnadenlosen O'Reilly retteten. Ihren schweren Drohungen gaben die Choctaws widerwillig nach; d'Aubigny und der schwarze Cupido waren frei und reisten mit ihren Beschützern nach dem verrufenen Mobile, wo der Seigneur eine neue Pflanzung hatte erwerben oder gründen wollen.

Der fieberverseuchte Ort schreckte ihn ab. Gelb und vergiftet wollten und konnten die dortigen Kreolen sich zu keiner Arbeit aufraffen. Auch d'Aubigny erkrankte schwer; einzig der hingebenden Pflege seines guten Cupido dankte er seine Genesung. Die erschlafften Landsleute hätten ihn sterben lassen wie sie selbst hinstarben.

Herr und Diener brachen auf und wanderten landeinwärts nach Norden, dem Todeshauch der Südsümpfe zu entrinnen. Zu ihrem Glücke stießen sie auf den fahrenden Händler, der jetzt eben den Tombigbee-River hinauf nach den cherokesischen Bergen reiste. Ihm schlossen sie sich an, und soweit war alles gut. Für das Greenhorn gab es jenerzeit kein sichereres Geleit als das des fast unverletzlichen fahrenden Krämers.

Allein am Tennessee war der Handelsweg an seinem Endziel. Es mußte geschieden sein. Der gewissenhafte Mann warb seinen Schützlingen einen cherokesischen Führer, der sie durch die alleghanischen Täler heil nach Virginien bringen sollte. Außerdem ließ er ihnen von 212 den Häuptlingen Wampumgürtel als Frei- und Schirmbriefe ausstellen.

Der Führer machte der indianischen Treue kein Ehre. Statt nach Virginien, schleppte er die beiden unerfahrenen Reisenden auf die Höhen der öden Cumberlandberge. Dort stahl er ihnen eines Nachts die Pferde und verschwand. Immerhin bewies er noch so viel Rücksicht und Mitleid, ihnen wenigstens Büchsen und Schießvorrat zu lassen.

Schwacher Trost für einen Seigneur und seinen Neger. Ein Boone, ein Martin mit guter Büchse war alles, ein d'Aubigny oder Cupido nichts. Wochenlang irrten die unglücklichen Menschen in den düsteren, ohnehin nicht allzu wildreichen Wäldern jener Gebirge umher. Der Winterwind blies, die Wölfe heulten, dem Mohren schnatterte das Gebiß. Nun durfte der Herr erwiesene Treue mit gleichem vergelten. In gewohntem Haushalt ein ausgezeichneter Diener, war solch schwarzer Kammersklave unter Bären und Kuguaren vollkommen wehr- und ratlos, keine Hilfe, sondern eine Last. Nur mit Mühe brachte der Gebieter ihn überhaupt vorwärts. Aber lange konnte das nicht weitergehen. Aufs Geratewohl einem Bachlaufe folgend gelangten die Dulder an den Cumberland, und da sie nichts Besseres wußten, schleppten sie sich in dumpfer Verzweiflung immer weiter an den Ufern hinab, zerlumpt, hohl, frierend, zu Tode erschöpft. Es war ihr Glück. Besser hätten sie es gar nicht treffen können. Menschenstimmen riefen. Ein Einbaum kam herüber gerudert. Ein kleiner Mann begrüßte sie lebhaft im breiten Französisch seiner kanadischen Heimat. Sie waren geborgen.

*

Seigneur und Sklave durften nach Herzenslust ruhen und dankten der ausgiebigen, liebevollen Pflege durch schnelle Erholung. Dann zog man im vielgewundenen Tale des Cumberland langsam stromaufwärts. Man befand sich auf dem rechten, nördlichen Ufer; das hoch angeschwollene, frühlingswilde Gewässer zu übersetzen und den weiten Bogen des Flusses einfach abzuschneiden, hielt Boone mit Rücksicht auf die neuen Gefährten für unrätlich.

d'Aubigny ertrug die Strapazen der Wanderung ohne Klage und gewann damit die Achtung der Jäger, um so mehr als seine Ausdauer und Geduld ein gewisses Vorurteil gegen seine adlige Geburt Lügen straften. Man wußte damals nicht oder hatte es wieder vergessen, 213 daß ein deutscher Edelmann, der Graf von Graffenried als einer der ersten Kundschafter von der virginischen Seite her lange noch vor Christopher Gist in weiten Zügen die Wildnis durchstreift hatte.

Auch der schwarze Cupido erwies sich unter fester Führung als Pferdewärter und Holzfäller ganz nützlich und trug durch seine Mitarbeit zur Beschleunigung der Reise bei.

Boone vermied es, den reißenden Cumberland selbst zu überschreiten; er stieg mit seinen Genossen seitwärts in die Berge und dann wieder zu einem der minder gefährlichen Quellbäche des Flusses herab. Ohne weitere Zufälle erreichte man so das Gap, das Tor des neuen, inneren, zukünftigen Amerika – die Schleuse, durch die sich wenige Jahre später die immer breiteren Ströme der Einwanderung über Kentucky, seine Wälder, sein Wild, seinen Frieden ergießen sollten. . . .

Mit vier Gefährten war Daniel Boone vor zwei Jahren durch die glosende Felsenge gekommen; mit vier anderen kehrte er zurück, er, der einzig Überlebende von fünf rüstigen, kühnen, gesunden, hoffnungsvollen Männern. . . . Wie viele Opfer noch würde die Eroberung des neuen Kanaan kosten, wie viele die Besiedlung, wie viele die Behauptung! . . . Opfer nicht nur an hochmütigen weißen Eindringlingen, Opfer auch an unschuldigen, heimatsberechtigten Kindern des großen Geistes, Opfer vor allem an glücklicher einfältiger Kreatur, an schöner, gottgewollter, unberührter Schöpfung! . . .

Hier hatte Finley damals den Truthahn mitten aus dem Flug herausgeschossen, hier hatte Boone ihm und Monay den unvermeidlichen Untergang vorausgesagt. . . . Aber auch an ihm, Daniel Boone, sollte sich noch manches erfüllen: der Fluch des Führers, der Fluch seines eigenen Wesens, das er für einen Knecht der Vorsehung hielt. –

Über die düsteren Cumberlandberge, durch die Täler des Clinch und Holston zogen fünf Männer der aufgehenden Sonne entgegen: zwei virginische Hinterwäldler, ein Kanadier, ein vornehmer Kreole und ein gutmütig grinsender Neger – eine Andeutung des späteren Kentucky, ja des ganzen unaufhaltsamen, undankbaren Amerika, dem jetzt noch für »back land« galt, was es nach einem Menschenalter schon als »ould country« verspotten würde: jenes allzermalmend, allverwüstend »ahead« gehenden Amerika, zu dessen innerem Wachstum die Boone und Kenton, die Martin, Robertson und Sevier vielleicht nicht weniger beigetragen haben als Washington und Jefferson, Madison und Monroe. 214

*

Es war im Jahre, da hüben in unserer alten kleinen Welt ein gewisser Johann Wolfgang den Straßburger Münster und den Genius des hernach so ungnädig verschmähten Erwin von Steinbach anschwärmte, zu Sesenheim in der Laube treulos liebte, mit dem frühreifen morosen Johann Gottfried aus dem ostpreußischen Mohrungen sich herumärgerte, Sturm und Drang mit Klinger und Lenz über die deutschen Lande zog: – – da blühten in alleghanischen Frühlingstälern drüben die holden Magnolien, Einsiedlerdrossel und Rubinkönig schlugen im Lorbeer, tausendgestaltig Leben leuchtete und sang, duftete und wob in des großen Geistes unendlichen Pfeilerdomen; in den balkenen Waldhütten aber am Holston und Clinch, am French Broad River und Watauga feierten Webstuhl und Kunkel, ruhten Büchse und Beil, ging von nichts anderem die Rede als von neuem Land und Fortsiedlung, von Hirschhäuten und Eichengrund, von Büffelherden, Bärenfellen, Biberbälgen und Daniel Boone.

Sein Heimweg glich dem Siegeszug eines Propheten. Jeder wollte ihn sehen und hören. Weither kamen die Grenzer nach den Niederlassungen, wo er einsprach und immer wieder von wildbevölkerten Lecken und tiefschichtiger Urgartenerde berichten mußte. Ging es nach diesen guten Leuten, er hätte gleich wieder umkehren und sie nach dem gepriesenen Gosen oder Kanaan führen dürfen.

Schließlich aber war auch das überstanden. Durch das Watauga-Gap, die Paßschlucht im Damm der blauen Reihe, darüber der Grandfather düster in Wolken dämmert, erreichte er sein altheimisches Carolina und den pappelumrieselten Yadkin. Und eines Nachmittags vernahm Mrs. Boone draußen vor der Fenz die Stimme ihres kentuckyschen Odysseus; und eines Abends dann saß der Held an eigener Feuerseite und erzählte der gierig horchenden Adlerbrut von seinen Fahrten und Fängen. Nachtgetier raschelte ums Haus, in silbernen Mondbäumen träumte der Wind, über Tabakstauden und schwülem gelben Jasmin spann und klagte der Whippoorwill. – – –

Der kleine Jean Martin hatte sich schon früher von der Gesellschaft getrennt. In Pittsburg droben, dem alten Fort Duquesne wollte er aus unerfindlichen Gründen seine Felle absetzen, im übrigen bald von sich hören lassen – wahrscheinlich aber, nom d'un taureau, mit irgendeinem runden Frauenzimmer bei Rum und Knobel gerührten Abschied vom schönen zigeunerfreien Waldläuferleben feiern, bevor er, nom d'un fou, in Sack und Asche unter die frommen Bibelmänner ging. . . . Und d'Aubigny reiste auch weiter, nach Richmond; dort war 215 er mit seinem Cupido gut aufgehoben, mit den Grenzern und in den Wäldern wußten sie auf die Dauer doch nichts anzufangen. Aber die Versicherung seiner Dankbarkeit, die er beim Scheiden seinen Rettern gab, war kein leeres Wort; er hat es später eingelöst und der Gründung Boones, der neuen »Kolonie« Kentucky, wirklich einige Dienste von allerhöchstem Werte erwiesen. –

Etwa zwölf Jahre nach diesen Begebenheiten, als der Ohio Bäche von Blut hinabgeschwemmt und aus Dampf der Schlachtengewitter ein neues Amerika über den Sehkreis der alten Welt heraufstieg, erzählte der hartgeprüfte Daniel Boone einem leidlich geschulten Manne, Filson, die Erlebnisse seines ersten Kundschafterzuges in die Feder. Die kleine Schrift gelangte nach Europa, wurde in mehrere Sprachen übersetzt und erregte schon damals wegen ihrer gerade altmodischen amerikanischen Herkunft großes Aufsehen. Wie heute die Entdeckung einer Königsmumie, gestern der Besuch eines indischen Dichterweisen, morgen die Probefahrt eines neuen Luftschiffes, eine hawaiische Tänzerin oder ein mongolisches Spiel dienten die Abenteuer des schlichten Hinterwäldlers zum flüchtigen Tagesgespräch der Salons, und selbst der gründliche deutsche Stubengelehrte bei Brille und Studierlampe verzeichnete in seiner historischen Bibliothek: ...Chiliarchae Danielis Boon, conditoris illius coloniae fata, quae annis 1769 et 1770 incredibili paene ratione superavit, lectorem facile allicunt. – – –

*

Über die Salzfelder im grünen Rohr der Hochebenen wandern dunkel die mähnigen Herden des großen Geistes. Manche Jahreszeit hat der Blitz des weißen Gottes unter ihnen gewütet, hat Dunst von Blut und Aas die paradiesischen Weiden verpestet. Nun schließt sich die Urstille wieder über dem Riß. Wolken der Wandertauben brausen über die weiten Haine; in der Dämmerung schwärmen tulpenbunt die Papageien aus Tiefe der Auen über Felsschluchten und alte Büffelstraßen heran; in roter Frühsonne ziehen die schlanken hohen Hirsche mit goldenen Geweihen zum heiligen Gesundquell; der Cherokese nur oder der Shawnee durchschweift flüchtig die gemiedenen herrenlosen Jagdgründe und verschwindet wieder in blaudunstiger Heimatferne hinter Strömen und Bergen. Alles ist wie einst, wie vor hundert Sommern, wie seit Ewigkeit. 216

Aber er ist dagewesen, der weiße Gott, und er wird wiederkommen mit seinem verheerenden Blitz und seinem bösen Zauber und seinem unersättlichen Blutdurst. An namenlosen Wassern auf den klippengetragenen Hochebenen stehen schon unsichtbar seine festen Schanzdörfer; am großen Ohio, wo er die Soolen geheimnisvoller Torfmoore in sich aufnimmt, donnern schon unhörbar die gefräßigen ehernen Mühlen, die Wälder und Gestein, Tiere, Landschaften, Völker zerschroten und verschlingen werden. Die Wölfe heulen; in den Höhlen erwachen die Drachen. Die Hügel tun sich auf, bleiche Kriegerscharen wandern die Hänge herab nach den Ufern und gleiten auf stillen Totenkanoes den nebelschauernden Mondstrom hinunter gen Westen. Um die Irrlichter über den Grabstätten blutrotzerfressener Tomahawks sitzen die Schatten verstorbener Häuptlinge zu Rat; um nackte Kriegspfähle tanzen die Schicksalsgeister. 217

 


 

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