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Das Grenzerbuch

Friedrich von Gagern: Das Grenzerbuch - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Grenzerbuch
authorFriedrich von Gagern
year1940
firstpub1927
publisherPaul Parey
addressBerlin
titleDas Grenzerbuch
pages500
created20180307
sendergerd.bouillon@t-online.de
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IV.
Um den Ohio

Gold, Gott, Gewürz – Der Wille zum Westen – Christopher Gift – Picqua – Der kleine Marquis – Pontiac – Kredit und Totem – Die Forts: Sandusky, St. Joseph, Miami, Presq'Isle – Der Match vor Mackinaw – Detroit – Gladwyn – Fort Pitt – Detzel – Boten um Mitternacht – Bouquet – Niedergang – Ein vertraulicher Briefwechsel – Die neue Grenze – Das rote Herz – Des Patrioten Ende

Leicht fiele es, die großen Eroberervölker der Verjüngungszeit ihren Wegen und Weisen nach unterscheidend zu kennzeichnen. Goldjäger waren die Spanier; die Franzosen Missionare; Gewürzkrämer die Holländer; die Engländer – Seeräuber.

Kein Wunder. Element eines Inselvolkes ist die Erde nicht. Aus Wikingblut und nordischer Keltenart wird keine gutmütige Eiderente, sondern eine gefräßige Raubmöve.

Etwas von diesem Schiffergeist und Inseltum haftet auch den ersten Engländern der neuen Welt an.

Zu einer Zeit, da die Normannen und Kelten des Festlandes, die Franzosen, vom Lorenzo aus bis zum Oberen See, bis zur Hudsonbai, den Mississippi hinab bis zum Golf vorgedrungen sind, haben sie von ihrer Küste her kaum die nächsten Höhendämme der Alleghanies erreicht; zu einer Zeit, da man durch Allonez und Chouard, Jolliet und Marquette, Hennepin und La Salle schon von den fernen Sioux und Eskimo, vom Missouri und Wisconsin, vom Mississippi und Arkansas 111 Kunde und Karten hatte, wußte man vom Ohio und Cumberland, von Kentucky und Tennessee so gut wie gar nichts. Der Seevogel brütet am Strande.

Auch sonst verständlich. Selten durchbrochen, kaum gegliedert bilden die auf Hunderte von Meilen einförmig hinstreichenden, mehrfach gestaffelten Züge der Alleghanies wirkliche Sperrdämme zwischen dem breiten Saum der Küstenlandschaft und dem großen, zum Mississippi abwässernden Ohiobecken, damit aber auch einen natürlichen Grenzwall. Landnot bestand nicht. Die Triebkraft des Katholizismus, die Mission fehlte. Mit Indianern hatte man schon diesseits der Berge reichlich zu schaffen. Wald und Wild gab es vorderhand in Überfluß. Einen besseren Boden konnte man sich gar nicht wünschen. Und die spärliche Kunde von jenen »dunklen und blutigen Gründen« war nicht danach angetan, zu abenteuerlichen Entdeckungsfahrten oder gar zu leichtsinniger Aufgabe der eigenen, unter Gefahren und Opfern behaupteten Scholle zu verleiten. Geringe Erde, hieß es, und die Wildnisse voll schweifender Horden, die selbst das herrenlose Gebiet einander streitig machten und darum in gegenseitiger Scheu mieden.

Kurz, ein Bedürfnis nach Ausdehnung war nicht vorhanden. Schwungvolle Idealisten oder Romantiker vom Schlage eines Marquette oder gar eines Sieur de La Salle durfte man unter puritanischen Schotten, unter den Ansiedlern einer britischen Kolonie nicht suchen. Ein ohnehin kaltes, phantasieloses Volk von überwiegend demokratischem Bekenntnis wird durch den täglichen Kampf mit den harten Tatsachen und den täglichen Genuß nie versiegender Schätze der Wildnis schwerlich zu höheren Flügen begeistert.

Aber als hätten die Engländer oder vielmehr die werdenden Amerikaner nur auf Frankreichs Niedergang gewartet, um das Erbe der Jesuiten, der Voyageurs und Coureurs anzutreten, so setzte nun mit dem letzten großen Kolonialkriege, und erst recht nach dessen Entscheidung, aus dem »dritten Stande« der Hinterwäldler eine mächtige westläufige Bewegung ein.

Einzelne Unternehmungen früherer Waffengänge hatten tief ins Innere der herrenlosen Ohiolandschaft geführt, deren Schönheiten und Vorzüge von ferne gezeigt; den von den Franzosen aufgebotenen Algonkinstämmen wirksam zu begegnen, mußte man sie auf ihrem eigenen Boden schlagen und zur Sicherung der Niederlassungen die Grenze weiter in die Wildnis vortreiben. 112

Die Kriege selbst hatten viel Volkes ins Land gebracht und heimatlos zurückgelassen, ihr Ausgang die Zuwanderung vermehrt, der Sieg mit seinen Rückwirkungen, Zwischen- und Nachspielen die Regierung gestrafft, die geliebte Selbstbestimmung der Kolonien gefährdet. Aus solchen Verhältnissen heraus erwachte in den leidenschaftlich freiheitssüchtigen, mit unbeschränkter Freiheit verwöhnten, unbeugsam halsstarrigen Hinterwäldlern der Wunsch nach neuen ungestörten, steuersicheren Wohnsitzen, und da feudale Gefühle sie nicht belasteten, Ankerwuchten umständlicher Güter, Vorurteile und Ansprüche sie nicht festhielten, bedeutete der Aufbruch ihnen keinen Verlust, sondern einen günstigen Tausch und wahrscheinlich unschätzbaren Gewinn.

Nicht von den Höhen irgendeines politischen Ideals, von einer einfachen nackten Steuerverweigerung her gelangten die Amerikaner zu ihrer Unabhängigkeit und ihrem Staat; nicht Forschungstrieb, kein Kreuzzugsfieber, kein imperialistischer Gedanke drängte die Hinterwäldler nach dem westlichen Kanaan, sondern rohe Beutesucht und trotzige Unfügsamkeit, das Bedürfnis nach unbehelligter Selbstherrschaft in Dorf, Weiler und Haus.

Aus den Tiefen und Gewalten dieser Bewegung sind die Schicksale jener Männer heraufgehoben worden, die als Pioniere, Gestalter, Eroberer und Wächter einer neuen Welt die Geschichte ihres jungen Vaterlandes entscheidender beeinflußt und gebahnt haben als mancher Heerführer oder Politiker – die Lebensläufe jener großen Grenzer, der Pfadfinder, Späher, Kundschafter, Jäger und Krieger, deren Gestalten fernen Sagenbergen gleich mythisch umwölkt über die ungeheure Weite des letzten Jahrhunderts herüberdämmern, deren entrückter Umriß sich schon in Dunst und Schimmer webender Heldenmär verliert. –

*

Ein Vorläufer dieser klassischen Heroen der Wildnis war Christopher Gist, vielleicht der erste Amerikaner, der die unwirtlichen Höhendämme der Alleghanies mit voller Absicht und freiwillig überschritt; ein Mann, der außergewöhnlichen Mut mit reicher Erfahrung und bedeutender diplomatischer Begabung verband, selten vereinigte Vorzüge, die ihn der »Ohio-Gesellschaft« als geeignetsten Spürhund und Sendling ihrer geheimen Politiken empfahlen.

Die »Ohio-Gesellschaft« war 1749 gegründet worden: Londoner Kaufleute, virginische Landspekulanten, A.-G. zur Entrechtung und 113 Beraubung der Indianer und Füllung einiger großer Säckel. Jetzt, 1750, handelte es sich zunächst darum: dem Indianerhandel der von Norden herab gegen den Ohio vordringenden Franzosen entgegenzutreten, die Ausbreitung der feindlichen Kolonie zu beobachten, den benachbarten pennsylvanischen Quäkern zuvorzukommen, endlich einen Handelsweg über die Grenzgebirge zu erkunden und zu sichern. Gaunerei mit einem Wort.

Gist erhielt geheime Instruktion. Sie ist uns erhalten, wie sein Tagebuch. Erforschung der Westmarken bis zu den Fällen des Ohio, Auswahl eines großen, zur Ansiedlung geeigneten Landgebiets, Studium und Einprägung der Gebirgspässe, Verfolgung der wichtigsten Flußläufe, Zählung der die Schiffahrt hindernden Schnellen und Katarakte, Prüfung der Kriegsstärke und Gesinnung aller besuchten indianischen Nationen. Diese Weisung in Gedächtnis und Tasche brach der furchtlose Kundschafter eines späten Herbsttages mit mehreren Packpferden vom Potomac her auf. Seine eigentliche Heimat war allerdings nicht jenes damals noch starrend wilde nördliche Grenztal Virginiens, sondern die mildere Landschaft drunten am Yadkin oder Great Pedee im oberen Carolina, derselbe schöne gottgesegnete Gau, aus dem neunzehn Jahre später der berühmteste aller Grenzer nach den »dunklen und blutigen Gründen« vordringen sollte.

Die Höhen der hier vierfach gestaffelten Alleghanies trugen schon den ersten Schnee, als Gist mit seiner kleinen Karawane sie überwand. Die finstere Rauheit und Öde dieses verschlossenen Gebirges hat noch vielen Auswandererzügen zu schaffen gemacht, seine südlichen Dämme und Kämme galten lange Zeit für geradezu unübersteiglich. Einige Tage rastete der Spion in den Hütten der nie ganz verläßlichen, verrufenen Lenapen, von deren großer Nation einige zwanzig Sippenverbände oder Unterstämme südlich des oberen Ohio und am dunklen Monongahela hausten.

Sehr freundlich nahmen die mit Recht mißtrauischen Roten den weißen Mann nicht auf; der Zweck seines Besuches war mit erstem Blicke durchschaut, locker wie der Skalp auf seinem Haupte saßen die Tomahawks im Gürtel. »Ja, ja, wir wissen schon; unsere Felder und Jagdgründe zu besetzen und zu besiedeln, dazu bist du gekommen, wir kennen das! Haben unsere Väter euch nicht Landes genug verkauft und immer wieder abgetreten? Du sollst uns nicht gesund nach Hause zurückkehren, da verlaß dich drauf!« Wörtlich solchen Gruß 114 bekam Gist zu hören, aber dann wurde er doch als Bote des englischen Königs geachtet und geschont.

Ein beschwerlicher scharfer Wintermarsch folgte, vom Great Beaver Creek bis an den Muskingum, mehr als 180 Kilometer weit durch Urwald und halshohen Schnee. Hirschwildbret und feiste Truthühner zierten des einsamen Kundschafters Abendtafel im starrglitzernden Weihnachtstann; für die Gäule wird er eine Last Mais als eiserne Ration mit aufgesackt haben. Das amerikanische und besonders das kanadische Pferd war seinem Herrn gleich an Entbehrung und Selbsthilfe gewöhnt.

Am Muskingum, einem nördlichen Nebenflusse des Ohio, qualmten die Winterfeuer der Wyandot oder eigentlichen Huronen, nach ihren Unterdrückern und obersten Lehensherren, den Irokesen, auch »Klein-Mingos« genannt. Stimmung und Gesinnung ihrer hundert Sippen waren gespalten. Alte Anhänglichkeit gegen die Franzosen, deren Missionare bei den Huronen immer gute Aufnahme und Gegenliebe gefunden, und Furcht vor den mächtigen strengen, irokesischen Gebietern hielten einander die Waage. Zu seinem geheimen Verdrusse mußte sich Gist mit einem doch schon vor ihm eingetroffenen pennsylvanischen Agenten, Georg Croghan, in die empfangenen Freundschaftsversicherungen teilen. Überdies vertröstete man ihn auf eine spätere, in allgemeiner Volksberatung zu fassende Entscheidung. Im innersten Herzen hatten die Wyandot für die Engländer nichts als Haß und Rache. Sie waren die vergewaltigten Welfen im irokesischen Bundesstaat und darum schon grundsätzlich Feinde der Verbündeten ihrer Zwingherren.

Gist verließ die Wyandot, begleitet vom lästigen Croghan, dessen Anschluß er aus diplomatischen Gründen nicht ablehnen durfte. Fünf Meilen ob der Mündung des Scioto, eines weiteren wichtigen, durch häufige Kämpfe und Grenzsetzungen berühmt gewordenen Nebenflusses des Ohio, stand ein Dorf der Lenapen; diese Rotte des sehr geschwächten, gleichfalls von den Irokesen geknechteten, immer aber noch sehr gefährlichen Volkes sagte den englischen Sendlingen ohne weiteres Freundschaft und Bündnis zu und gab ihnen Wampumschnüre des Friedens mit auf den Weg.

Auch ihre Nachbarn, die Shawnee oder Schawanesen in zwei Dörfern beiderseits des Ohio, dicht unterm Scioto, empfingen Gist und Croghan mit Versicherungen dankbarer Liebe, denen freilich ebensowenig zu trauen war wie einnächtigem Eise oder der gezähmten 115 Klapperschlange. Die Shawnee, eine der schicksalsreichsten und ausgezeichnetsten unter den algonkinischen Indianernationen, aus deren Wigwam später der bedeutendste Vertreter der roten Rasse überhaupt hervorgehen sollte, haben sich von jeher durch unbändige Tapferkeit und unversöhnliche Ausdauer, aber auch durch häufigen überraschenden Frontwechsel hervorgetan. Es war ihre Bestimmung, keinem ihrer falschen weißen Freunde die Treue lange wahren zu können. Darum hatten die gegebenen Zusagen für Gist und Croghan nur geringen Wert.

Ganz anders schwer wog die Gesinnung der starken Miami-Konföderation, nach deren befestigten Städten die englischen Sendlinge jetzt aufbrachen. Wie dreiundvierzig Jahre später General Wayne, genannt »die schwarze Schlange«, der Bezwinger jenes halsstarrigen, heldentrotzigen Stämmebundes, so wurde nun Gist von der unerwarteten milden Schönheit der noch nie betretenen Parklandschaft zwischen dem Scioto und dem großen Miami überrascht und entzückt. Wo heute die Turbinen und Motoren unaufhaltsam wachsender Städte, Columbus, Dayton, Springfield, Cincinnati, Toledo rauschen, brausen, verheeren, vertilgen, den fiebrischen Stoffwechsel einer wahnsinnig gewordenen mechanisierten Menschheit betreiben, da weideten damals friedlich die dunklen Bisonten, des großen Geistes Herde, in Blaugras und Weißklee lieblicher kleiner Prärien; anmutige Haine des harten Zuckerahorns und der wilden Sauerkirsche, des schwarzen Nußbaums und hochschäftiger Eschen, ungeheuerer Hickories und mächtiger Pappeln begleiteten und säumten in angenehmstem Wechsel die zahlreichen kleinen Gewässer, dicht bevölkert von Rotwild und starken Flügen des Truthuhns, Bären und baumfällenden Bibern, ja selbst Orignals – dies der altkanadische Name für Moose, Elch – und vielleicht sogar Caribous, Renntieren, wofür andere Zeugnisse sprechen. »Nichts fehlt als der Feldbau, dies Land zu einem Paradiese zu machen«, schrieb der gebildete Gist in sein Tagebuch; aber zwei- oder dreiundvierzig Jahre später jammerte es selbst den harten Wayne, aus strategischen Gründen, zu entscheidender Niederwerfung des zähen Feindes, auch dessen blühende Fruchtgefilde zerstören zu müssen.

Die Nation oder vielmehr die Völkergemeinde, deren Boten den englischen Sendlingen mit dem Zeichen des Friedens, der heiligen Pfeife des Willkommens, aus ihrer Stadt entgegenkamen, war zu jener Zeit wahrscheinlich der mächtigste Stämmebund des ganzen Westens und sogar den herrschsüchtigen Irokesen überlegen. Wie 116 diese oder die Apachen oder Sioux populär, allbekannt, sprichwörtlich ist sie freilich nie geworden, schon darum nicht, weil sie außer dem einen Mitschikinikwa, »kleine Schildkröte«, keinen wirklich überragenden Führer hervorgebracht hat. Die Geschichte der Indianerkriege kennt sie als die unzertrennliche Doppel- oder Zwillingsnation der Miamis und Piankeshaws; von den Engländern und Irokesen wurden sie vorzugsweise »Twightwees« genannt. Ihr stark befestigtes Picqua verdiente wirklich den Titel einer Stadt; es zählte an die viertausend Einwohner und war in mehrere Stammesviertel geteilt, deren jedes sein eigenes Rathaus oder »langes Haus« besaß. Ebenso hatte jeder Bundesstamm seinen eigenen Obersachem; alle Obersachems zusammen bildeten den großen Rat, der wieder aus seiner Mitte heraus den Kanzler oder Präsidenten des ganzen Bundesvolkes wählte. Zur Zeit Gists trug der Obersachem der Piankeshaw die Würde des Vorsitzes und das Amt der Bundesleitung.

Auch von den »langen Häusern« der Indianer sollte man nicht gering denken. Bei den durch höchst eigenartige, ja unheimliche Kultur ausgezeichneten pazifischen Völkern erreichten diese Regierungsgebäude geradezu ungeheure Maße; aber auch die Ratshallen der Irokesen, die ja sich selbst als Bund »das lange Haus« nannten, und der Twightwees waren stattliche, großer Beschließungen würdige Räume von dreißig zu zwanzig, ja selbst vierzig zu dreißig Metern im Geviert und bedeutender Höhe. Mit Halle ist auch gleich das treffende Bild gezeichnet. Man denke an die altnordische Heldenhalle mit ihrem rauchgeschwärzten Gebälk und ihren bleckenden Trophäen, man setze düster schweigende Häuptlinge auf zart gegerbte, zierlich mit farbigen Bilderchroniken geschmückte Büffelhäute um das schattenwerfende Feuer – und man ist im romantischen Amerika längstversunkener Heroenzeit, in Picqua am großen Miami, hinter Urwald und Prärie hundert Meilen fern der letzten weißen Ansiedlung. . . . In solch einem Sitzungssaal des Westens hatten Gist und Croghan die Zusammenkunft des indianischen Senats abzuwarten, nachdem die Sonderhäuptlinge der Picqua-Lennie sie durch Wampumschnüre des Friedens und die Pfeife der Freundschaft schon auf ein günstiges Ergebnis vorbereitet hatten.

Die befiederten Ratsherren erschienen, jeder mit seinem eigenen Stammeskalumet, das er für sei Volk mit den englischen Gesandten rauchte. Gist selbst nahm an den Verhandlungen nur als Zuschauer und Zeuge teil. Es konnte ihm nicht daran liegen, in Gegenwart des 117 Pennsylvaniers geheime Verträge abzuschließen. Auch saß er hier vorläufig nur als Kundschafter, das heißt ganz einfach als Spion der »Ohio-Gesellschaft«, nicht als deren bevollmächtigter Geschäftsträger. Dagegen wurden zwischen Croghan und den Häuptlingen Urkunden in doppelter Ausfertigung ausgetauscht. Die Indianer zeichneten die Pergamente mit ihren Totems, das ist mit symbolischen Skizzen ihrer Wappentiere.

Aber die feierliche Sitzung nahm einen dramatischen Verlauf. Kaum hatten die Ratshäuptlinge Gist eine besondere Zusammenkunft mit den Virginiern für den kommenden Sommer zugesagt, als vier französisch gesinnte Ottawa mit Geschenken vom kanadischen Gouverneur in der Stadt erschienen und Zutritt zur eben tagenden Versammlung forderten. Er wurde gewährt. Unter allen nördlichen Stämmen waren die Ottawa am unverbrüchlichsten den Franzosen ergeben. Mitten im Herzen der roten Rasse stießen die beiden Großmächte aufeinander.

Was die Ottawa vorzutragen hatten, Wünsche und Anerbietungen der kanadischen Regierung, verriet schon das Lilienbanner in ihren Händen. Der britischen Fahne gegenüber wurde es in der Ratshalle aufgepflanzt. Hie Oriflamme! . . . Hie Georgskreuz! . . . Und dazwischen die roten Söhne des Urwalds, die unschuldige freie Wildnis; es war symbolisch für die ganze Geschichte des amerikanischen Nordens.

Allein die Ottawa kamen diesmal zu spät. Da hätte sich schon der Gouverneur selbst nach Picqua bemühen müssen. Ja, der alte Frontenac weiland, der verstand sich anders auf indianische Diplomatie! In vollster Gala wäre der eingezogen, einen Jesuiten rechts, einen Krämer mit Gratisperlen und -schärpen links, und eine große Skalpgavotte hätte der getanzt, daß die Allongeperücke staubte und den ernsten Häuptlingen vor Vergnügen die Augen tränten! Der Kanzlerhäuptling des Bundes stand auf und hielt zwischen den beiden feindlichen Fahnen der Weltmächte eine jener würdevollen klingenden Reden, an denen die Tragödie der roten Rasse überreich ist. Man entschied sich für England, teils weil dessen Agenten gerade mit am Feuer saßen, teils aus erwachtem Mißtrauen gegen Frankreich. Natürlich wünschten die Indianer in tiefstem Herzensgrunde beide, Franzosen wie Engländer zum bösen Geist. »Der Weg zu den Mehtikosche (Franzosen, wörtlich ›Schiffebauer‹) ist blutig, und sie selbst haben ihn so gemacht. Wir haben jetzt einen Pfad für unsere Brüder 118 Agalaschima (Engländer) gelichtet; was Ihr ihnen zufügt, betrachten wir als uns selbst getan!« Die niedergeschlagenen Ottawa erhielten schwarze Wampumschnüre und mußten mit ihrem Lilienbanner abziehen. Sie wahrten dem »großen Onontio« – so nannten sie den König von Frankreich – auch weiterhin unverbrüchliche Treue, während die Miamistämme die einmal gefaßte Abneigung später ganz folgerichtig auch auf das abtrünnige Amerika übertrugen.

Tänze, Schmausereien, Vorträge aus der Stammesheldensage beschlossen das Verbrüderungsfest. –

Am 1. März brach Gist von Picqua auf. Wieder allein bereiste er das liebliche, von zahlreichen kleinen Bisonherden beweidete Parkland bis zum Wabash, kehrte etwa fünfzehn Meilen oberhalb der Schnellen beim heutigen Louisville um, überschritt den Hauptstrom und arbeitete sich durch die Sassafraswildnisse im vielgewundenen Kalkfelstale des Kentucky gegen die alten Alleghames hinauf heimwärts. Hier stieß er auf die wohlerhaltenen Knochenreste einer ihm unbekannten riesigen Tierart. Büffel konnten das nicht gewesen sein, Hirsche schon gar nicht, Elefanten, von denen er vielleicht irgendwann vernommen, gab es seines Wissens nicht im ganzen weiten Amerika. So belud er denn der Seltsamkeit halber eines seiner Tragpferde mit solch ungeheurer weitgebogener Rippe, ohne den Wert seiner Trophäe entfernt zu ahnen. Es war ein Mastodontenzahn, das erste fossile Beutestück aus dem fast beispiellos fundreichen Boden des Ohiobeckens.

Nachdem Gist unter größten Schwierigkeiten und Gefahren bis zum Bluestone vorgedrungen und vom »Falkennest« aus den Durchbruch des großen Kanawha aus den Gebirgen erkundet, kehrte er über seinen Wohnsitz am Yadkin zu seinen Auftraggebern zurück. Binnen noch nicht vollen acht Monaten hatte er gut fünfzehnhundert Kilometer zurückgelegt, und das mit eingelegten längeren Rasten, führerlos durch nie betretenen, pfadlosen Urwald zur ungünstigsten Jahreszeit, durch brusthohen Schnee und schwere Regenstürme, durch nebelnden Tann und dumpfes Dickicht, über angeschwollene Flüsse und düstere rauhe Höhen. Auch dieser Zug gehört zu den fast sagenhaften Leistungen, die den bei allem Heldengeschwätz doch heillos verwöhnten Söhnen unserer Zeit unglaubhaft erscheinen müssen.

Auf einer zweiten Reise erforschte Gist das Land zwischen dem dunklen stillen Monongahela, dem Kanawha und dem Ohio noch gründlicher, und im Jahre 1752 legte die Ohio-Gesellschaft die geplante 119 Niederlassung jenseits der Berge an. Aber nun waren die Indianer argwöhnisch auch gegen die Engländer geworden. Besetzung und Besiedlung ihres Bodens, das sollte Schutz sein, wahre Freundschaft, Bündnis? . . . Die virginischen Feldmesser kamen mit ihren Beilen und Meßketten, schlugen Richtsteige durch den düsteren feierlichen Urwald; finster sahen die Häuptlinge zu, bittere Erinnerung an so oft schon gebrochene Verträge stieg ihnen auf und machte ihre Herzen hart wie die Obsidianklingen ihrer Streitäxte. Damals, unter der Ulme von Shakamaxon, wie hatte da der »Onas« zu den Lenapen gesprochen? . . . »Wir kommen zusammen auf dem breiten Pfade der Treue und des Glaubens; nicht übervorteilen wollen wir einander, Offenherzigkeit und Liebe soll alles sein zwischen uns.« Und was hatte der große Tamenund mit der Überreichung des heiligen Friedensgürtels erwidert? »Brüder, es ist ein schönes, ein treffliches Land, das wir euch da schenken; mögt ihr nun glücklich und auf ewig unsere guten Nachbarn sein.« Aber der weiße Mann war unersättlich. Als Bettler hatte er sich angeschmeichelt, nun forderte er die ganze Welt. Seine einstigen Wohltäter mochten sehen, wo sie blieben, immer wieder den Platz räumen, weiterziehen, einander die Heimat eng und streitig machen und daran verderben. . . .

So dachte der Indianer, mit dem Rechte des Augenscheins und der Erfahrung; es gab keinen wirklichen Nachbarfrieden mit diesem Volke von heimtückischen, vertragsbrüchigen Eindringlingen. Von einem Handelsfort war die Rede gewesen, die Anlage desselben hatte die Versammlung am großen Ratsfeuer der Onondaga bewilligt; nun schweiften die Landvermesser weit durch die Wildnis und taten ihr mit ihren Ketten Gewalt an.

Die Häuptlinge schickten Boten an Gist und seine Leute mit der berühmten Frage: »Die Franzosen beanspruchen alles Land zur Rechten, die Engländer alles Land zur Linken des Ohio. Wo liegt dann des Indianers Land?«

Wieviel Weltgeschichte in diesen wenigen ergreifenden Worten!

Gists Werk, das diplomatische, war nicht von Bestand.

Die ersten, die von den Engländern abfielen, waren die Shawnee. Auch Tanacharison, der kluge und edle »Halbkönig« der Wyandot, einer der vornehmsten aller großen Sachems, ließ trotz Treue und herzlicher Zuneigung seine Enttäuschung deutlich durchfühlen und sprach von mißverständlicher Ausdeutung oder vielmehr Ausbeutung der geschlossenen Verträge. Sogar die Irokesen murrten 120 vernehmlich und warfen ihren alten Bundesgenossen, den Engländern, Trägheit und Trug vor. Auf einer Generalversammlung zu Albany, an der neben Vertretern der englischen Kolonien und Handelsgesellschaften fast alle namhaften Sachems des Westens teilnahmen, tadelte der berühmte Mohawk-Magua Hendrick – in seiner Stellung sozusagen der erste Indianer ganz Nordamerikas – die Untätigkeit und Kargheit seiner Freunde, denen die rührigen und freigebigen Franzosen bald wieder den Rang ablaufen müßten. Seine Worte erfüllten sich. Einige Jahre hindurch herrschte zwar Spannung zwischen den neu hinzugewonnenen Nationen und den Franzosen mit ihrem Anhang, ja die Stadt Picqua wurde eines Sonnwendmorgens von den Ottawa und einigen kanadischen Waldläufern genommen, die ganze Siedlung niedergebrannt, der hochsinnige Bundeshäuptling, der einige englische Händler nicht hatte feig ausliefern wollen, unter Martern getötet. Aber dann wendeten sich die roten Herzen doch wieder den Jesuiten und gutmütig verwilderten Coureurs, den heiteren französischen Offizieren, den kühnen, vorurteilslosen Voyageurs zu. Es war, wie später einmal ein Chippeway-Chef sehr treffend sagte: »Mit den Franzosen fühlt man sich eine Familie.«

Der letzte, der entscheidende Kolonialkrieg, der Bruder unseres siebenjährigen, brach aus. Der Zustand am Ohio war unhaltbar. Der Zug eines einsamen kühnen Kundschafters hatte gleichsam die Furche gewählt, über der jetzt die Wogengänge ungeheuer weltumwälzender Ereignisse brausend zusammenschlugen. Gewiß, daß die Spannung zwischen den beiden Mächten schon seit Ende des siebzehnten Jahrhunderts, schon seit Begründung des La Salleschen Groß-Louisiana über den Urwäldern Amerikas lag und mit der europäischen Schwüle immer mehr zunahm; sicher auch, daß gerade der Ohio als genaue Mittellinie zwischen der atlantischen Küste und den kanadischen Seen irgendeinmal zum Nerv eines letzten entscheidenden Zweikampfes zwischen Neu-England hüben und Neu-Frankreich drüben werden mußte. Aber vollends umgestoßen wurde das längst schon zitternde Gleichgewicht tatsächlich durch Gist und Croghan, als sie den natürlichen Grenzfluß überschritten, weit hinaus über die verbrieften Rechte der habgierigen Ohio-Gesellschaft in die kanadische Sphäre eindrangen und genau an der empfindlichsten Stelle die Verbindung zwischen Kanada und Louisiana zu unterbrechen suchten. Nicht der Angriff des jungen Washington auf Fort Duquesne, das heutige Pittsburg, nicht der notwendige Gegenschlag des sehr höflichen Kommadeurs 121 St. Pierre war der Kriegsgrund; die eigentliche Kriegserklärung wurde schon gegeben im indianischen Rathause zu Picqua, mitten auf der wichtigen Brücke zwischen dem laurentischen und dem louisianischen Frankreich. Das Weltreich der Jesuiten, der Voyageurs, La Salles war gefährdet, die Einkreisung Englands vereitelt: mehr als Frankreich ruhig ertragen konnte.

Washington, selbst mehr Hinterwäldler als Städter, wurde von den Indianern immer mit gewisser Verehrung angesehen, obwohl sie natürlich auch ihm nach dem Leben trachteten. Besonders Tanacharison, der feinfühlige, vornehme »Halbkönig« der Wyandot schätzte ihn hoch, wollte er sich gleich ihn wie die Franzosen »auf Armeslänge vom Leibe halten«. Während andere Häuptlinge geschmeichelt oder berechnend in die Fallen angebotener Bündnisse gingen, widerte es ihn, den Aristokraten unter den Roten, höchstlich an, fortwährend von zwei Seiten umbuhlt und umspeichelt zu werden. Trotzdem bot er später dem blindlings in den Tod marschierenden General Braddock durch Washington freiwillig seinen Beistand und Rat an; als er zum Dank eine hochmütig beleidigende Zurückweisung empfing, wendete er sich erkaltet ab. In diesem Gespinst der Politiken, in diesem Räderwerk der Reibungen war es auch für die begabtesten Indianer fast unmöglich, Mensch zu sein und zu bleiben und zwischen Tigern und Löwen irgendein eigenes Daseinsrecht zu wahren. Sie wurden hin- und hergeworfen, betäubt und durch den häufigen Parteiwechsel demoralisiert.

Selbst die »sechs Nationen« der Irokesen – Mohawk, Oneida, Cayuga, Onondaga, Seneca, Tuscarora –, sonst die immer verläßlichen, erprobten, ja herrisch führenden Freunde Englands, wurden jetzt von den Ereignissen mitgerissen und gespalten. Die Onondaga, bei denen das große Ratsfeuer des Bundes brannte, traten zum Teil in die katholische Kirche ein. Die Oneida brachen in hellen Jubel aus, als Vaudreuil, der neue kanadische Gouverneur, nach Frontenacs bewährtem Muster das große Skalpmenuett mit ihnen tanzte. Die Tuscarora, heimtückisch und finster wie die Sümpfe ihrer südlichen Heimat, hatten die Engländer ohnehin nie aufrichtig geliebt. In eiserner Treue harrten eigentlich nur die Mohawk unter ihren großen Chefs Hendrick, dem grauhaarigen Blitzäugigen, und Joseph Brant – eigentlich Thayendanega – bei den Engländern aus, und von den Onondaga schlug sich später wieder der berühmte »Rotkopf« zu General Bradstreet. Sonst aber bildeten so ziemlich alle indianischen 122 Nationen von den Micmacs im akadischen Nordosten bis zu den Chippeways im Westen und den Cherokee in den alleghanischen Hochlanden eine einzige rote Front gegen die britischen Kolonien, besonders als in der zündenden Persönlichkeit des genialen Montcalm ein neuer Stern über Kanada aufgegangen war. Wie hoch dieser bedeutende Offizier von seinen befiederten Kameraden geschätzt wurde, beweist der eigenartige, tiefsinnige Glückwunsch, den ihm die verbündeten Häuptlinge zum empfangenen Kommandeurkreuz des Ludwigsordens darbrachten. »Wir freuen uns für dich über die verdiente Gunst, die dir dein großer Onontio« – so nannten sie den König von Frankreich – »erwiesen hat. Aber in unseren Augen giltst du darum nichts mehr. Den Mann lieben wir, nicht das, was an seiner Außenseite hängt.«

Die schauerlich großartigen Nachtszenen dieser Montcalmschen Feldlager am einsamen Hurican-See, in dessen felsenen Echos rauhe altfranzösische Kriegslieder mit hohen indianischen Totenchören und Tanzgeheul sich mischten, an dessen Gestade nächtlich unter finsteren Zeremonien der gefallene Nipissing-Häuptling mit Speis und Trank und dem Calumet an den erblichenen Lippen »aufrecht auf der Matte« bestattet wurde, in dessen Morgenstille voll Spätsommersonne und erwärmendem Waldweihrauch silbern das Glöckchen der Jesuitenmesse klingelte – diese Bilder und vergangene Wirklichkeit von erhabener Romantik harren trotz Cooper noch heute ihres Dichters.

Und doch wurden die Karten später nochmals umgemischt. Montcalms Stern sank, Indianerart ist es, nach errungenem Erfolge möglichst bald heimzukehren. »Was führst du den Kampf weiter?« fragten die Ottawa nach einem gelungenen Überfall den ausdauernden, enthaltsamen, bei allen Mühen und Entbehrungen stets heiteren kleinen Marquis; »wir haben Gefangene gemacht und Skalpe erbeutet; jetzt noch dazubleiben, hieße den Herrn des Lebens versuchen.« Solche einfache klare, auf das Wesen des reinen Zweikampfs hinauslaufende Auffassung befähigt nicht zu durchhaltender Waffenhilfe. Viele Stämme wurden kriegsmüde, zogen sich zurück, schlossen Neutralitätsverträge mit den Briten. Auch waren die blutigen Verluste der armen Indianer verhältnismäßig doch sehr schwer. Die Mohawk hatten ihren besten Mann verloren, den schneidigen alten Draufgänger Hendrick; die bekannte, darum nicht minder ewigschöne Gestalt des »trauernden Irokesenhäuptlings« auf Wests berühmtem Gemälde »Der Tod des Generals Wolfe« stellt vielleicht seinen Nachfolger Thayendanega oder den »Rotkopf« von den Onondaga dar. Einzelne 123 kleinere Unterstämme der mit Frankreich verbündeten Nationen waren von englischen Scharfschützentrupps unter Major Rogers vollkommen aufgerieben worden; die Gebeine von Tausenden vertragstreuer Twightwees morschten in der Asche ihrer untergegangenen Stadt. Schließlich aber hatten die Indianer auch ihre Verwendung als Kanonenfutter mit böser Deutlichkeit erkannt. Wo man ihnen zum Dank für die gebrachten schweren Opfer und erduldeten Mißbrauch mit Geringschätzung begegnete, kehrten sie dem ohnehin erwünschten Bruderkrieg der weißen Diebe schadenfroh und verächtlich den Rücken und zogen kalt heim.

Und doch überdauerte die unausrottbare Liebe zu Frankreich, seinen Jesuiten und Waldläufern den Ausgang des Ringens selbst, und gerade nach Frankreichs besiegelter Niederlage ballte sie sich noch einmal zur überragenden Persönlichkeit, die alle indianischen Kräfte und Neigungen gegen den verhaßten Sieger gewaltig zusammenraffte.

Dieser Mann war Pontiac.

*

Pontiac, ein Ottawa-Häuptling – nach einigen ein gefangener und dann vom Stamme adoptierter Catawba, also aus Siouxblut – hatte als besonderer Liebling Montcalms den Kolonialkrieg mitgemacht und nach ungünstiger Wendung der Dinge sich vorübergehend gefügt, ja sogar mit Major Rogers die Friedenspfeife geraucht, als dieser auf Detroit rückte, den berühmten festen Platz an der Seenenge planmäßig zu besetzen; es war gegen Ende des Waffenganges. Pontiac rügte zunächst die Eigenmächtigkeit der Engländer, die sich erdreisteten, ein keineswegs herrenloses Land so ohne weiteres zu durchziehen. Der Major, von der majestätischen Erscheinung des Häuptlings überrascht, brachte die üblichen Ausreden vor: die Engländer hätten ja gar keine andere Absicht, als die Franzosen zu verjagen, weil sie die Indianer stets belogen und deren vertraulichen Verkehr mit den Engländern hintertrieben hätten. Der Sachem mochte dergleichen Geschwätz schon kennen; er überreichte dem Major eine Wampumschnur der Bedeutung: ohne besondere Erlaubnis dürfe jener nicht weiter vorrücken. Aber im Abgehen wandte er sich noch einmal um: ob die Engländer irgend etwas brauchten, was sein Land hervorbringe? Rogers nahm eine Lieferung von geröstetem Mais sehr dankbar an, und am folgenden Tage wurde die Pfeife des Friedens geraucht. Pontiac unterstützte sogar die Engländer bei der 124 ja doch unvermeidlichen Besetzung von Detroit. Sein hohes Ansehen bewahrte die Truppen vor den Angriffen unversöhnlicher Indianer, die den wichtigen Platz und ihre französischen Freunde bis zum äußersten verteidigen wollten; sein Verstand sagte ihm, daß mit Gewalt und weiterem Blutverguß gegen die gegebenen Tatsachen vorderhand nichts weiter auszurichten sei.

Aber das Einverständnis mit den neuen Herren währte nur kurz. Bald erkannte der große Sachem, daß, wie er selber schön und klar sagte, »die Engländer alles vernachlässigten, was die Nachbarschaft der Franzosen so angenehm gemacht und was ihre eigene hätte erträglich gestalten können. Das Betragen der Franzosen gab niemals Veranlassung zu Verdacht; das der Engländer ließ ihn niemals schlafen«.

Das traf vollkommen zu. Für die rote Rasse war die Niederlage Frankreichs ein schwerer Schlag. Auch mit dem wohlwollendsten Engländer konnten die kanadischen Indianer nicht in Frieden leben; der kalte Stolz, die schroffe Überheblichkeit, die hochmütige Absonderung des Briten verletzte sie aufs tiefste; die weitherzige, gemütliche Vertraulichkeit, die väterlich herablassende Anpassung des Franzosen hatte sie durch anderthalb Jahrhunderte verwöhnt. Diese Unnahbarkeit der englischen Ansiedlerschaft reichte bis in ihre unterste Schicht, bis in das puritanisch starre Hinterwäldlertum hinab; auf der anderen Seite hatten sich gerade die Waldläufer bei den roten Nationen eingebürgert, so daß die Grenze zwischen Franzosen und Indianern nahezu wie unter einer Schweißnaht verschwand. »Es liegt ein Etwas im Charakter des Franzosen, das ihn auf beneidenswerte Weise befähigt, sich dem Wesen und den Gewohnheiten der Wilden anzugleichen«, sagt ein älterer amerikanischer Lokalhistoriker Henry Brown, in seiner Geschichte von Illinois; »ein Etwas, das die Engländer niemals lernten und nie versuchten.« . . . »Ja, als die Franzosen zu uns kamen«, sprach jener Chippeway-Sachem in seiner Rede, »da umarmten und küßten sie uns, nannten sie uns ihre guten Kinder, waren sie wirklich unsere guten Väter.« Aus solchen Vergleichen mußte Unzufriedenheit entstehen. Später, unter den Amerikanern, wurde es ja noch schlimmer; aber dieses größte aller Übel kannten die roten Völker vorderhand noch nicht. –

Die Geister der Prophetie gingen unter den Wigwams um. Ein Sachem der Abnaki im fernsten Osten, in den kalten finsteren Wäldern am Madawaska und Miramichi scheint der erste Ezekiel dieser 125 Verschwörung gewesen zu sein. Der große Manitou trat in seine Träume und offenbarte ihm das Schicksal der roten Kinder: »Ich bin der Herr des Lebens, ich bin, der alle Menschen gemacht hat; ich wache über ihrem Wohle. Deshalb kündige ich euch an: wo ihr die Engländer in eurer Mitte duldet, werden ihre Krankheiten und Gifte euch völlig vernichten, und ihr werdet zugrundegehen.« Wahrer hat noch kein Gott durch seinen Seher gesprochen.

Das Orakel fand Widerhall von den Tannenforsten der Adirondacks bis in die Weißholzauen am fernen Mississippi. »Sklaven wollen die Engländer aus uns machen!« predigten die eifrigen Senecas den benachbarten Lenapen; »wenn je, so müssen wir den Kampf jetzt aufnehmen, nicht erst später, wenn sie sich häuslich unter uns eingerichtet haben!« »Der Herr des Lebens hat uns den heiligen Krieg befohlen,« sagten die Potowatomie auf Michigan; »wir müssen gehorchen.« Aber General Amherst, der Oberbefehlshaber der britischen Streitkräfte in Amerika, der die Indianer bisher nur als untergeordnete Hilfstruppen kennen gelernt und danach zu behandeln sich gewöhnt hatte, machte sich von der ihm gemeldeten Gefahr keinen Begriff. »Wenn sie – die Indianer – ihren eigenen Vorteil so wenig verstehen, daß sie sich gegen uns verschwören«, schrieb er einem untergebenen Offizier, »so machen sie in meinen Augen nur eine verächtliche Figur, eine höchst lächerliche Figur.« Er sollte bald ganz andere Töne anschlagen, der gute Generalissimus. –

Und nun Pontiac. Nach ihm wird jene Erhebung in den ältesten Berichten zubenannt; was ihn an ihre Spitze stellte, vielleicht drängte, ob allgemeine Erwägung, vielleicht persönliche Kränkung, wissen wir nicht. Von ihm selbst scheint sie nicht ausgegangen zu sein. Aber er genoß das unbedingte Vertrauen aller Nationen und Stämme vom Oberen See bis zum Kennebec im Osten, vom alten Ottawa im Norden bis zum Tennessee gegen Mittag. Sein Wohnsitz lag genau in der Mitte des englischen Vorstoßes; seine Kenntnisse waren nicht die eines gewöhnlichen Häuptlings. So wurde er vielleicht als Montcalms einstiger Lieblingssachem vom Bunde der verschworenen Völker zum Führer gewählt. Eine straffe Diktatur wie vierzig Jahre nach ihm der schöpferische hochgeniale Tecumseh hat er nicht ausgeübt. Nach anderen Quellen freilich wäre er selbst es gewesen, der – wie alle indianischen Freiheitshelden – mit Träumen und Gesichten anfing. Der große Geist habe ihm befohlen, den »Pfad zu verschließen«, habe durch ihn seine roten Kinder vor dem Feuerwasser und 126 sonstigem bösen Zauber der Weißen gewarnt. Wie immer: in seiner Hand liefen alle Fäden zusammen, an den Schnüren seiner Pfeife hing das ganze ungeheure stillgesponnene Schicksalsnetz. Und darauf kam es an. Mit ein paar Horden ließ sich nichts beginnen, die ganze Rasse mußte sich mit womöglich einem Schlage gegen die verhaßten Engländer erheben. Es ist der uralte nationalistische Gedanke, immer derselbe vom biblischen Pharao bis Abd el Krim.

Das nächste, was Pontiac tat, war, daß er seinen heiligen Krieg zum voraus finanzierte. Ob er darin von französischen Kaufleuten beraten worden? Kurz, er machte Geld. Er, der Indianer stellte Kreditscheine aus, die er pünktlich einlöste. Seine Wechsel würden von französischen, ja selbst englischen Händlern stets angenommen und ausgezahlt. Alle diese Scheine bestanden aus Baumrinde, mit Bilderschriftzeichen bedeckt, darunter Pontiacs Totem, der Fischotter. So sicherte er sich Waffen und Schießbedarf.

Der Kriegsplan selbst ging auf plötzliche und gleichzeitige Überwältigung aller britischen Posten von den Seen bis zum Fort Pitt, dem alten Duqesne am Ohio, also auf starken moralischen Anfangserfolg, alles durchaus strategisch gedacht. Auf Verräterei und Hinterlist konnten die Indianer natürlich nicht verzichten. Es waren ihre natürlichen Waffen, sie mußten ihnen die fehlende Artillerie ersetzen. Ein erster glänzender Durchschlag, so rechnete der geniale Häuptling, würde alle noch schwankenden Nationen mit und ins allgemeine Offensivbündnis hineinreißen.

Pontiac muß, wie später Tecumseh, viel gereist sein, wahrscheinlich zu Wasser, die Seen und Flüsse hinauf und hinab, eine nur in Kanada mögliche, dort aber gegebene und seit dämmernder Vorzeit geübte Art des Verkehrs. Wir sehen sein schmales Kanoe in der hellespontischen Enge von Mackinaw, unter den Strudeln des Sault de St. Marie, auf dem Spiegel des unermeßlichen huronischen Meeres, zwischen den Wildreisbinsen des Simcoe-Sees, im geheimnisvollen Gewirr der Tausend Inseln. Behutsam und geduldig spann und spannte er sein Netz.

Am 10. Februar 1763 unterzeichnete Frankreich den bitteren Pariser Frieden; drei Monate darauf brach der Sturm los. In wenigen Maientagen wurden neun von den zwölf britischen Forts zwischen der grünen Bai des Michigan und Pittsburg von den Indianern genommen. Neun von zwölf Forts in wenigen Tagen – manche Quellen behaupten sogar, an einem einzigen! . . . Sieg auf 127 einer Front von beinahe tausend englischen Meilen, die Ufer der Seen wie billig mit eingerechnet! . . . Das will organisiert sein. Ohne Eisenbahn, Morse, Radio; nur mit Wampum, Läufern, Kanoe.

Den traurigen Anfang machte vielleicht Fort Sandusky an der gleichnamigen Bucht des Erie, Kommandant Fähnrich Paulli, wohl ein Deutscher. Eine Indianerhorde stellt sich ein, Paulli läßt die Führer vor, vier Huronen, drei Ottawa, alte Freunde. Still rauchend sitzen sie um ihn her; jetzt gibt einer durch Erheben des Kopfes ein Zeichen, sofort ist der überraschte Fähnrich niedergeworfen und gebunden. Wie die Indianer ihn hinausführen, sieht er vor der Tür die tote, skalpierte Schildwache, die niedergemetzelte Besatzung, den Sergeanten im Garten, wo er Pflanzen ausgesteckt, die Krämer hinter ihren geplünderten Ladentischen. . . . Paulli wurde lebend fortgeschafft und entkam später aus der Gefangenschaft.

Fort St. Joseph am einsamen riesigen Michigan, bis vor kurzem eine alte Jesuitenmission, folgte. Potowatomies kamen, begannen mit Freundschaft und endeten mit Skalpen, das Werk von zwei Minuten. Rauch trieb im glitzernden Frühlingsmorgen über das ungeheure Wasser; die vertriebenen Priester waren gerächt.

Tief versunken in Urwaldstille lag Fort Miami; die blauen Häuser höhnten, der Maumee glitt träumend durch flimmernden Ahornschatten, Biber plumpten, der Fischadler schwebte über der sonnendunstigen Frühlingsflut. Unweit qualmten die Hütten harmloser Indianer; durch sie war der kommandierende Fähnrich Holmes schon im März gewarnt worden, und er war es, der die von Sir Amherst hochmütig verlachte Warnung an seinen nächsten Vorgesetzten, Major Gladwyn zu Detroit weitergegeben hatte. Trotzdem ging er jetzt in die kaum verblendete Falle. Ein indianisches Weib kam und bat ihn, ihrer kranken Nachbarin drüben die Ader zu lassen. Nichts leichter, als da eine hübsche kleine Vorgeschichte hinzuzudichten. Jedenfalls war der Fähnrich bekannt gutmütig, vielleicht verliebter Natur. Kurz, er folgte; draußen fielen Schüsse, Holmes hatte geendet. Die Besatzung, ein Sergeant, neun Mann, wurde kampflos gefangen genommen, aber nicht massakriert.

Einer der wichtigsten Posten war Presqu'Isle (»fast Insel«, d. h. Landzunge), jetzt Erie am vierten der großen Seen, leicht zu halten, verhältnismäßig stark besetzt. Trotzdem ging dem Befehlshaber, Fähnrich Christy, nach nur zweitägiger Verteidigung schon die Luft 128 aus. Er kapitulierte und wurde wie alle seine Kameraden zu Pontiac ins Gefangenenlager gebracht.

Besonders raffiniert war die Überrumpelung des bedeutenden Fort Mackinaw an der berühmten Wasserstraße zwischen Michigan und Huron, den kanadischen Dardanellen. Fast allen indianischen Völkern gemeinsam ist die leidenschaftliche Liebe zum uralten Schlagballspiel, einem kultischen Sport, der mit Tennis, Kricket, Rounder und Golf in gleicher Weise verwandt ist; zwei eingerammte Pfähle bilden das Tor, Krummstäbe mit eingeflochtenem Sehnenkreuz die Schläger. Vor Mackinaw, das, drei Morgen groß, immerhin eine Besatzung von vierzig Mann, außerdem noch eine ganze Anzahl von Händlern und deren Familien barg, waren pelztauschende Sac- und Chippeway-Horden angekommen; sie benahmen sich höflich und wohlgesinnt, Capitain Etherington fand keinen Anlaß zum Verdacht. Am Geburtstage des englischen Königs nun veranstalteten die beiden Stämme zu Ehren ihres neuen »Onontio« ein Schlagballmatch, dem die Offiziere als Briten natürlich sportlich interessiert und gespannt zusahen. Von Morgen bis Mittag schon währte der Wettkampf; zwei- und dreimal war der Ball versehentlich über die Pallisaden ins Fort geflogen; die jungen Leute kamen zum sorglos offenen Tor herein und holten ihn artig zurück. Zum vierten Male aber folgte eine ganze Schar von Kriegern, folgten gleich die beiden ganzen Stämme dem entlaufenen Spielzeug; drinnen hockten die Weiber, Beile, Messer und gekürzte Büchsen unter den übergeschlagenen Wolldecken; ehe sie sich dessen versah, war die Garnison in der Übermacht des Feindes. Sac und Chippeway, beide zusammen hatten das Spiel gewonnen. Sie übten Menschlichkeit. Nur einige wenige Unbesonnene, die ihr eigenes und des Siegers Blut durchaus vergießen wollten, wurden getötet; die übrigen samt den Kaufleuten und deren Angehörigen gefangen genommen und später in Montreal gegen Ranzion abgeliefert. Anmutiger, geistvoller und menschenkundiger ist noch keine Festung erobert worden.

Allein die geschätzteste und wichtigste aller neugewonnenen Besitzungen Englands im Westen war ohne Zweifel Detroit; dasselbe Detroit, über dessen Räderbraus und Eisendonner heute der große Dollar-Sachem Henry W. Ford gebietet. Damals, 1763, zählte die ganze Niederlassung vielleicht tausend oder zwölfhundert Seelen, für jenen fernsten Westen schon eine ungeheure Anhäufung. Sechzig bis achtzig altfranzösische Gutsbesitzer mit ihren Familien wohnten 129 auf ihren – gleichfalls echt französisch – schmalen langgestreckten Ländereien; noch heute begegnet man in Unterkanada, am St. Lorenz, dieser Flurverteilung, die im Gewohnheitserbrecht der Nation, im Streben nach gleichmäßiger Ausstattung der Kinder wurzelt und dem Landschaftsbild ein merkwürdig heimeliges Gepräge gibt. Das Fort selbst stand am Detroit-River, dem Abfluß des heute St. Clair genannten Zwischensees oder eigentlich des ungeheuren Huron nach dem Erie; zwei deutsche Meilen weit hinaus und hinunter über die Wasser beherrschte die jetzt von Kohlenschwaden verhangene Sicht der Wächtertürme die Lage. Das hölzerne Festungsgeviert, eine stattliche Anlage, umschloß mit seinem zwanzig Fuß hohen Bohlenzaun auf etwa neun Hektaren Fläche außer Kasernen, Kommandantur und Speichern auch noch achtzig bis hundert Blockhäuser, meist von Händlern bewohnt. 120 Mann unter acht Offizieren, Überreste des im Kolonialkriege hart mitgenommenen 80. Regiments, bildeten die Besatzung, zwei Sechspfünder, ein Dreipfünder und drei alte Mörser die Bestückung. Auf dem Flusse lagen zwei armierte Schaluppen. Südlich rauchten die Hütten eines Potowatomie-Dorfes, südöstlich gegenüber lagerte ein Wyandot-Horde, stundwegs nach Norden brannten die Feuer der Ottawa, glomm die Ratspfeife des gewaltigen Pontiac. So sah die Urzelle der riesigen stählernen Großstadtwabe aus, von der aus heute einer der reichsten, kühnsten und mächtigsten Männer der Gegenwart per Draht, Funken, Dampf, Strom und Füllfeder seinen Kampf führt. Der kolossale Häuptling der klassischen Indianerzeit und der ungekrönte König des modernen Amerika haben ein und dieselbe Residenz.

Es war eine der glücklichsten Landschaften des Westens, nicht von hudsonischer Majestät, nicht von kalifornischer Waldromantik, sondern lieblich und freigebig, die natürliche Fortsetzung jener idyllischen Parkflur, die schon Gist auf seinem Zuge vom Scioto nach dem Miami bewundert. Der sanfte Wechsel wasserreicher kleiner Prärien und anmutiger Gehölze entzückte das Auge; der starke Strom, der fern aufglänzende See beherrschten das Bild mit kräftigeren und doch maßvollen Zügen. Büffel, Rotwild, mitunter selbst Karibouhirsche standen in den Wiesen, in den weindurchrankten Wäldern kollerte der Truthahn; Land und Flut beschickten die Tafel täglich mit den erlesensten Leckerbissen; ein mildes gesundes Klima, ein üppiger Boden mit reichen und fast mühelosen Ernten aller Frucht warm gemäßigter Breiten machten dies wie von Genien gelichtete Stück 130 Wildnis vollends zum Paradies. Kein Wunder, wenn weder die von solchem Überfluß bis zur Trägheit verwöhnten Franzosen noch die Indianer den Gottesgarten verlassen wollten. Der rote Mann mit seiner ehrfürchtigen Manitouseele hatte immer einen starken Sinn für Natur und Heimatschönheit.

Den Angriff auf Detroit nun hatte Pontiac sich selbst vorbehalten; und gerade ihm mißlang die Aufgabe.

Befehlshaber der Garnison war Major Gladwyn, ein tapferer Offizier und selten anständiger Mensch. Bei ihm ließ sich der Häuptling melden: er wünsche durch wichtige Mitteilungen sein Verhältnis zu den »Agalaschima«, den Engländern, noch zu vertiefen und zu festigen. Gladwyn war nicht ungewarnt; gleichwohl gewährte er dem Sachem eine Unterredung für den kommenden Morgen.

Am Abend erschien eine Chippeway-Indianerin, von der Gladwyn ein Paar Mokassins sich hatte nähen lassen. Mit der Arbeit sehr zufrieden, bestellte er gleich noch ein zweites Paar solcher ausgepelzter Schuhe. Die Indianerin ging; aber dann drückte sie sich noch unentschlossen im Hause herum und wollte nicht von der Stelle, noch mit der Sprache heraus. So traf sie endlich der Major selbst, und als sie vor anderen beharrlich schwieg, nahm er sie unter vier Augen ins Gebet. Etwas ganz Neues wird das nicht gewesen sein; so behauptet wenigstens das romantische Gerücht.

Langes Zureden preßte wenigstens einen Anfang ab: da er stets so gütig gegen sie gewesen, wolle sie den zur Ausarbeitung übergebenen Schnitt Elchkalbleder nicht erst mitnehmen. Gladwyn staunte: was soll das heißen? Die Indianerin darauf: sie würde ihm das zweite Mokassinpaar ja doch nicht mehr überbringen können.

Nun wurde der Major denn doch gespannt. Das arme Weib kämpfte schwer um ihr Geheimnis. Sie hatte gehofft, mit ihren dunklen Andeutungen genug gesagt zu haben. Ihr indianischer Scharfsinn überschätzte den weißen Verstand. Nach langem schwankenden Ringen und vielen empfangenen Versprechungen gestand sie alles und verriet. Pontiac mit seinen Unterhäuptlingen wolle in der Beratung den Major und die anderen Offiziere erschießen; auf dieses Zeichen sollten die draußen verteilten Krieger über Garnison und Einwohner der Fortstadt herfallen und sie niedermachen, die Häuser plündern und in Asche legen. Pontiac und die Seinen trügen sämtlich gestutzte Büchsen unter den Decken; die Überreichung eines 131 Wampumgürtels auf besondere Art, die grüne Seite nach oben, sei das Signal.

Gladwyn verbrachte, wie leicht zu glauben, eine schlaflose Maiennacht. Es wäre ihm wahrscheinlich nicht schwer gefallen, die roten Männer jetzt noch auf Kanonenschußweite von den Werken fernzuhalten und überhaupt keine einzige Skalplocke einzulassen, oder seine Hundertzwanzig zu überraschendem Angriff zu ordnen und den erkannten Feind unter die Kartätschenschauer seiner Sechspfünder zu treiben oder zu locken. Er hatte den ritterlichen Mut, nichts von alledem zu tun. Seine Offiziere hielten die Geschichte für weibische Erfindung; er selbst war anderer Meinung und revidierte die ganze Nacht hindurch Posten und Pfosten, Wälle und Waffen. Von drüben her leuchtete Feuerschein des Indianerlagers. Schwarze Gestalten umtanzten die Flamme, hohle Gesänge hallten; schon feierte man den blutigen Sieg.

Gegen Morgen ließ Gladwyn die ganze Garnison unters Gewehr treten und seine Weisungen hören, alle Kaufleute warnen und bewaffnen. Um zehn Uhr vormittags kam Pontiac.

Mit seinen Häuptlingen wurde er in die Ratsstube der Kommandantur geführt, wo Major und Offiziere, Doppelpistolen im Gürtel, Degen an der Hüfte, des furchtbaren Gastes harrten. Warum so viele Soldaten in den Straßen aufgestellt seien, war Pontiacs erste Frage, nachdem er sich auf der zurechtgebreiteten Büffeldecke niedergelassen und das übliche Schweigen der Eröffnung beobachtet. Sie in der höchstnotwendigen Übung zu erhalten, gab der Major zur Antwort. Gegen ihn und seinen Stamm sei diese Übung gewiß nicht mehr notwendig, versicherte der Sachem, und nun hielt er eine seiner Prunkreden voll Versicherungen der Treue, Liebe und Anhänglichkeit, diplomatisches Geschwätz wie das unsere. . . . Es waren brennende Minuten für die Offiziere wie für die Indianer. Da langte er unter der Decke den Wampumgürtel hervor; in diesem Augenblick fuhren die Degen aus ihren Scheiden, Pistolenhähne knackten, schwarze Mündungen starrten; die Türen zu den Nebenräumen sprangen, Musketenläufe, Bajonette, Säbel drohten herein, die ganze Kommandantur erklirrte von Eisen. Pontiac erfaßte die Lage und sammelte sich gedankenschnell; statt in der verabredeten, überreichte er den Wampumgürtel auf gewöhnliche Weise; die anderen Häuptlinge hockten unbeweglich auf ihren Fellen. Jetzt brach Gladwyn los, schalt den Sachem einen Verräter und Lügner, warnte ihn vor der Allwissenheit 132 der Engländer und zog zu deren Beweis, ein theatralischer Schlußeffekt, mit einem Schritt und Griff dem nächststehenden Indianer die überschlagene Wolldecke fort. Die gestutzte Büchse! Da lag sie bloß. Leugnen vergeblich. Pontiac war überführt.

Er verlegte sich aufs Erklären, der Major schenkte ihm kein Gehör. Hochherzig genug, die zugesagte Unverletzlichkeit der Abordnung zu wahren, riet er den Häuptlingen nur, das Fort so schnell als möglich zu verlassen, sonst würden sie von den erbitterten Soldaten in Stücken gehauen. Man hat später Gladwyns vornehm mutige Milde hart getadelt; ganz mit Unrecht nicht, denn die Ergreifung des Führers hätte Weißen wie Roten viel Leids erspart. Neben den meisten Gestalten der amerikanischen Grenzkriegsgeschichten steht Gladwyn groß da.

Pontiac warf nun stolz die Maske ab und eröffnete die Feindseligkeiten. Ein unerhörtes Ereignis in den Annalen der Wildnis und des indianischen Kriegspfades: er erließ eine förmliche Proklamation, er blockierte die Fortstadt und blockierte sie länger als ein volles Jahr! . . . »Der erste, der Fort Detroit Mundvorrat oder sonstigen Bedarf zuführt, hat Todesstrafe zu erwarten!« Die Vorräte des Forts langten denn auch nicht weit. Drei Wochen mit Fasttagen und Streckung, und dann war man am Ende. Außerdem hatten sich in Pontiacs Lager an siebenhundert Krieger versammelt. Der Skalp konnte einem kalt auf dem Kopfe werden.

Aber Gladwyn hielt aus. Zunächst half er sich mit einer ziemlich schäbigen Kriegslist. Durch einen Offizier parlamentierte er mit dem Feinde und sagte die geforderte Kapitulation zu. Sogleich ließ der unbedacht großmütige Pontiac die zurückgehaltenen Transporte durch und ergänzte sie noch aus eigenem. Jetzt wollte der Engländer von Übergabe nichts mehr wissen. Den armen Teufel von Kameraden, der die Unterhaltung geführt, ließ er in der Hand des mit Recht erbitterten Häuptlings. Ein böser Fleck auf Gladwyns Ehre.

Solchem Wortbruch gegenüber kannte nun auch der Indianer keine Rücksicht mehr. Er unterwarf das Fort verengter Blockade und verschwor sich, den Krieg auch sieben Jahre lang fortzusetzen. Sein Lager wurde zum Hauptquartier der ganzen roten Armee. Naturgemäß rechnete er auf Sympathie und Hilfe der Franzosen, die drunten in Illinois und am Mississippi noch unbelästigt in ihren Forts saßen. Von den umwohnenden Gutsbesitzern requirierte er gegen seine hieroglyphischen Gutscheine und Wechsel Lebensmittel wie ein 133 europäischer General; einen von ihnen machte er zu seinem Privatsekretär. Aus Illinois wollte er sich sogar einen französischen Offizier als Leiter der Belagerung, als Generalstäbler verschreiben. Er täuschte sich. Die Meinung seiner vermeintlich natürlichen Bundesgenossen, der Franzosen, war geteilt. Gerade der Befehlshaber von Fort Chartres, de Noyon, ein Liebling der Indianer, auf den sie besonders starke Hoffnungen gesetzt hatten, trachtete die Kinder der Wildnis immer wieder zu beschwichtigen. »Sei guten Mutes, Vater«, sprachen die Häuptlinge zu ihm; »verlasse deine Söhne nicht, so wie sie dich nicht verlassen. Solange ein roter Mann am Leben ist, wird nicht ein Engländer den Fuß über deine Schwelle setzen. Nie sollen die Agalaschima den Westen bekommen!« Aber die Mehrzahl der Franzosen blieb einstweilen streng loyal, soweit das nicht die Gefahr auf sie selbst zog. Ohne die treuen und klugen Bemühungen der mit indianischem Wesen vertrauten französischen Grenzoffiziere hätte Pontiacs Nationalkrieg den Briten weit länger und schwerer zu schaffen gemacht.

Schlimm stand die Sache schon so. Fast alle kleineren Forts gefallen, Detroit blockiert, und nun selbst Fort Pitt, das viel umstrittene, hart bedrängt. Fort Leboeuf unter Fähnrich Price und Fort Venango waren gleich nach der Übergabe von Presqu'Isle erlegen. Price und seinen Leuten gelang es, aus den mitternächtigen Flammen des Blockhauses in den Urwald zu entkommen. Von Venangos Tragödie kündet kein Name, kein Bericht. Die Flüchtlinge sahen nur mehr die verglimmenden Trümmer.

Um Fort Pitt sammelten sich hauptsächlich Seneca-Irokesen und Stämme der Lenapen. Jene waren die erbostesten unter den Feinden Englands, dessen Freunde und Verbündete sie früher gewesen und später im Revolutionskriege wieder wurden. Diese, verrufen und gefürchtet wie fast kein zweites unter den roten Völkern, zeigten immerhin Ritterlichkeit genug, den Befehlshaber, Capitain Ecuyer, ausdrücklich und eindringlich vor dem nahenden Sturme zu warnen. Mit den Senecas zusammen hatten sie in Fort Pitt den gewohnten Pelzhandel getrieben und dabei Felle im beträchtlichen Werte von dreihundert Pfund gegen Pulver und Blei abgetauscht. Plötzlich, wie auf ein geheimnisvolles fernes Zeichen, verließen alle Indianer die Festungsstadt, und eine Stunde vor Mitternacht übersandten die Lenape-Häuptlinge von Tuskarawa, »König Biber«, Shingas, Weindohela und »Schildkrötenherz« dem Kommandanten eine Wampumschnur mit bösen Nachrichten aus dem Westen. Natürlich leistete er 134 der vielleicht wohlgemeinten Aufforderung keine Folge. Am nächsten Tage schon massakrierten die nicht mehr zu haltenden Roten eine nahebei wohnende Ansiedlerfamilie und hinterließen den blutigen Tomahawk als Kriegserklärung. Fort Ligonier, ein wichtiger Posten am Lovahanna-Bache wurde bedroht, das Gebirge im Osten dicht mit Spähern, Wächtern, Banden besetzt, Pässe und Talstraßen der düsteren alleghanischen Wälder starrten von Büchsen, Beilen und Bogen. Nie hat ein Naturvolk der neueren Zeit in seinem heiligen Kriege eine gleich gewaltige Front, einen ebenbürtigen strategischen Plan, ein ähnlich lückenlos organisiertes Zusammenwirken auf solch ungeheurem Raume entwickelt. Pontiac war der indianische Mahdi.

Er selbst saß in seinem Hauptquartier vor Detroit und hielt die Fortstadt unbarmherzig umklammert. Ein Wunder geradezu, wie die ziemlich zahlreichen Briefe Gladwyns hinaus und nach dem Osten gelangten; auf nächtlichem Wasserwege jedenfalls, der auch jeweils die Verstärkungen und Zufuhr brachte. Der einzige Waffenplatz, der irgend Hilfe entsenden konnte und für Entsatz in Frage kam, war Fort Niagara fern drunten am Ontario. Manches einsame Botenkanoe, gerudert vielleicht von einem jener kanadischen Voyageurs oder von den geübten Händen einer treu ergebenen Indianerin, mag in den bangen Nächten dieses Sommers den Detroit hinunter und die zweihundertvierzig Meilen des öden Erie hinabgeglitten sein, um beim Morgengrauen auf einer der Inseln oder an der buchtenreicheren, weniger gefährdeten Nordküste anzulegen. Die Fälle mußten dann freilich umgangen werden, eine jedem Indianer und Waldläufer von den »Tragstellen« her wohlvertraute Arbeit. In überraschend kurzer Zeit erreichten diese westlichen Staffetten ihren Bestimmungsort; zumeist wurden sie dann noch in Weymanns New-York-Gazette veröffentlicht. Die Berichterstattung jener Tage war nicht funkenschnell, aber romantisch und verdienstlich; jedes solche Bulletin hatte in hirschledernem Jägerwams oder weiblichem Haarknoten eine weite abenteuerliche Reise zurückgelegt.

Aber die Aufgabe der Kameraden im Osten war nicht leicht. Zwischen den Forts Niagara und Detroit gab es noch einen anderen, unbezwinglichen Feind: die Fälle. Der Ontario ist ein Meer für sich. Er gehört zur engeren Familie der großen Kanadier. Volle hundert Meter Gefäll trennen ihn vom scheinbar so nahen Erie und dessen Riesenbrüdern, und davon nimmt mehr als die Hälfte der furchtbare Donnersturz. Jede Hilfsflottille für Detroit und die anderen Plätze 135 an den oberen Seen mußte – wie einst La Salles »Greif« – am Gestade des nächsthöheren Wasserbeckens oder auf der »großen Insel« des oberen Niagara gezimmert werden. Mißlich genug, denn hier überall lauerten und schwärmten die Indianer; und doch unerläßlich, denn Schiffahrt tat blutig not: es gab kein anderes Transportmittel. Schon das Stück Landweg über den Isthmus zwischen Ontario und Erie breitete der Beförderung voluminöser Fracht unvorstellbare Schwierigkeiten. Jeder Krieg in solcher Wildnis war ein zweiter punischer oder helvetischer.

Gleich die erste Rettungsaktion unter Lieutenant Cuyler mißglückte vollständig. Pontiacs Späher wachten, der weiße Soldat voll Ahnungslosigkeit taperte ins tausendäugige Verderben hinein. Statt das Dunkel zur Einfahrt in die Enge des Detroit dankbar zu benutzen, schlug der gute Lieutenant ausgerechnet hier, fast in Sicht des roten Hauptquartiers, sein Nachtlager auf. Er wurde überfallen und vernichtend geschlagen; mit ein paar Überlebenden floh er Hals über Kopf die ganzen dreieinhalbhundert Kilometer heim nach Fort Niagara. Wenige Tage später fiel zu allem Überfluß auch noch Fort Quatanon am Wabash. Abends zuvor erst war der Kriegsgürtel in das nahe indianische Dorf gelangt; morgens darauf wurde Lieutenant Jenkins in eine Hütte gelockt und gefesselt; die Besatzung kapitulierte. Französische Händler lösten die Gefangenen gegen Wampumgeld aus und nahmen sie bei sich auf. Diese indianische Telegraphie mit ihren Schnurgeflechten und blutigen Pfeilen hat etwas Unheimliches.

Gladwyns Lage war trotzdem immer noch leidlich. Ein Schoner brachte sechzig Mann Verstärkung und Proviant. In der Nacht auf den 29. Juli wurde der Major durch das verstohlene Eintreffen eines ganzen Seegeschwaders, befrachtet mit 260 Mann und reichlichen Vorräten, aufs angenehmste überrascht. Führer dieser bisher geglückten Unternehmung war Capt. Dalyell, ein Adjutant General Amhersts selbst. Andere gute Quellen nennen ihn Detzel und bezeichnen ihn damit als Deutschen, wahrscheinlich Hessen oder Pfälzer. Dalyells Art und Schicksal sprechen für diese Lesart.

Die Garnison war nun 440 Mann stark, höchst beträchtlich für ein Grenzfort jener Zeit. Es hätte sich damit viel anfangen lassen; ein geübter ruhiger Schütze hinter den Palisaden wog immer sein Dutzend Indianer auf. Aber von Verteidigungskrieg wollte Dalyell nichts wissen. Mit einem einzigen schneidigen Ausfall, meinte er, sei das ganze Feld binnen Stunden zu säubern. Gladwyn zweifelte, der 136 Hauptmann beharrte, schließlich gab der Vorgesetzte wider eigene Überzeugung nach. In kahler Vorfrühe des 31. Juli marschierte Dalyell mit 247 ausgesuchten Leuten gegen die Blockadelinien Pontiacs, etwa eine halbe Gehstunde weit. Natürlich hatten Späher des roten Feldherrn das Manöver längst ausgekundschaftet. Plötzlich wurden die vorschwärmenden Pelotons aus dämmernden Brustwehren mit heißem Kugelschauer empfangen. Überall im tauigen Halbdunkel der Wiesen und Gehölze blitzten die indianischen Büchsen. 62 Mann fielen auf die erste Salve. An Halten war nicht zu denken. Wer und was konnte, riß aus. Die Angst vor dem Spuk der Wildnis lag vielen Soldaten noch vom Kolonialkriege her in den Knochen. Dalyell selbst wurde bei Bergung eines Verwundeten tödlich getroffen und blieb. Pontiac begnügte sich mit Zurückweisung des Durchbruchsversuches. Die Fliehenden ließ er ruhig laufen. Ihn selbst und seine eigenen Streiter dürstete gar nicht so brennend nach englischen Leben und Skalpen. Nur auf seinem und seiner Rasse Heimatrecht bestand er mit Waffengewalt.

Der leichterrungene Sieg erhob ihn auf den Gipfel. Neue Stämme, bisher schwankend und abwartend, schlossen sich ihm begeistert und vertrauensvoll an. Schon sah man den Engländer über den Ohio vertrieben, die gute alte Franzosenzeit wiedergekommen. Mehr als tausend Indianer umlagerten jetzt Detroit. So zerniert, auf vorgeschobenem Posten fast einsam unter eingeschüchterten, überdrüssigen Leuten mochte Gladwyn schier verzagen. Der unglückselige blindverwegene Dalyell mit seiner Hilfe hatte weit mehr geschadet als genützt. Amherst erhielt Bericht und tobte. In seiner Britenseele keimte ein niederträchtiger Plan.

Aber auch für Fort Pitt und Westvirginien mußte jetzt etwas geschehen. Hier hatten Irokesen und Lenapen die Führung, diese schlimm, jene die schlimmsten. Hunderte von reisenden Händlern wurden erschlagen, erschossen, geschunden. Den Farmer auf dem Felde, die Frauen am Herde, das Kind in der Wiege traf der Tomahawk. Die Wildnis widerhallte von Todesschreien. Da gab es keine Gefangenen, kein Quartier, kein Lösegeld; das war Irokesenarbeit. Fünfhundert Grenzerfamilien aus den Tälern der nördlichen Alleghanies verließen Haus und Habe, die Frucht auf dem Felde, das Vieh im Stalle, und flüchteten durch die schwülen Urwälder nach Winchester im Becken des unteren Shenandoah. Andere waren gerade vor Torschluß in Fort Pitt aufgenommen worden, wo ihre 137 hungrigen Magen die Lage der an sich starken Besatzung nur noch verschärften. Selbst die westlichen Grafschaften des friedlichen Maryland waren nicht mehr sicher, und in den Bergen zwischen Potomac und Susquehannah wütete der Sturm mit voller Schreckensgewalt: eine frühe Vorprobe jenes noch weit grausigeren Blutdramas von Wyoming, bei dem wieder die Seneca unter ihrem furchtbaren Kriegshäuptling Giengwatha – »der im Rauche geht« – den ersten Tomahawk spielten. . . . Jetzt streiften in diesen Gegenden wahrscheinlich Banden der Tuskarora, des finstersten der irokesischen Völker.

Nur der zweitälteste Herr des Landes, der Quäker, durfte sich frei unter den Indianern bewegen. Unbewaffnet wanderten die Jünger Penns durch die tausendäugigen, beilstarrenden Urforsten, ohne irdische Wehr und Furcht traten sie an die Lagerfeuer ihrer empörten roten Brüder. Sie waren die Jesuiten unter den Protestanten, wie denn mancher Zug ihrer Lehre mönchischen Geist spiegelt und auch die Missionsarbeit ihres ehrwürdigen John Eliot an die Erfolge der Gesellschaft Jesu heranreicht. In diesem Augenblick freilich hatten die farbigen »Helden« weder Sinn noch Zeit für weißes »Christentum«. Sie folgten einfach dem »christlichen« Vorbild, wie es ihnen hundertfältig gezeigt worden, und sie hatten durchaus Recht. Und doch gaben auch sie, boten selbst die Wildesten unter ihnen manches Beispiel wahrer Nächstenliebe, doppelt hell erstrahlend vor dem dunklen Hintergrund, nicht gepredigt mit wohlfeilem Salbungswort, sondern bewiesen mit einfältiger reiner Tat.

Im Gegensatz zu ihren Nachbarn, den heißblütig kühnen stürmischen Virginiern, waren die Pennsylvanier nie besonders hervorragende Kämpfer. Sie galten für lau und unverläßlich, vornehmlich in indianischen Dingen. Bis zu Pontiacs und dem ersten Unabhängigkeits-Kriege hatten sie von den Roten kaum zu leiden gehabt, die hohe Schule der Wildnis nicht genossen. Das Quäkertum mit seiner Milde verwässerte die ganze Kolonie. Jetzt, in den Tagen eigener Gefahr, verweigerten sie dem bedrohten Fort Pitt, ihrem eigenen heutigen Pittsburg, die Bruderhilfe. Ein bißchen Defensivmiliz, das war alles, was sie zur Not bewilligten. Den Schmähungen der Virginier begegneten sie mit duldendem Gleichmut. Dabei stand es nicht glänzend um Fort Pitt, die Schlüsselburg der Ohio-Landschaft und Pennsylvaniens selbst.

Die Werke des alten, von den flüchtigen Franzosen in Brand gesteckten Duquesne waren nie wieder ausgebaut worden. Der dunkle 138 stille Monongahela und der helle rasche Alleghany hatten Sand und Kies ihrer Frühlingswasser an den Wällen selbst niedergeschlagen und so eine breite Bank aufgeschüttet, auf der die Belagerer bequem Fuß fassen konnten. Major Ecuyer, ein umsichtiger Soldat, setzte in aller Eile die Befestigungen in leidlichen Stand, natürlich nicht nach Vaubans Regeln, sondern nach den bewährten der westlichen Wildnis. Dafür konstruierte er eine Feuerspritze, die später fast täglich ihre Nützlichkeit erwies. Mit seinen 330 Mann und reichlichem Schießbedarf konnte er sich eigentlich soweit ganz sicher fühlen; aber da waren noch die zweihundert Frauen und dazugehörigen Kinder, die er aufgenommen, und das Weibervolk mit seinen Klagen und Ängsten drückte auf die Stimmung.

Am 21. Juni hatten starke Indianerhorden einen wütenden Sturm auf das von Leutnant Blane befehligte und tapfer verteidigte Fort Ligonier unternommen; abgeschlagen fluteten sie auf Fort Pitt zurück, und wieder trat einer jener Lenapen-Häuptlinge, »Schildkrötenherz«, nach Weise seines Volkes um Mitternacht, mit dringender Mahnung an den Kommandanten heran. »Bruder befehligender Offizier«, sprach der düstere Krieger, »alle eure festen Plätze im Lande, von den Bergen im Morgen bis zu den großen Wassern im Abend, sind genommen, niedergebrannt und in unserer Gewalt. Dein Fort ist das letzte und einzige, das ihr noch innehabt. Höre: sechs indianische Nationen, die dich angreifen wollten, haben wir hingehalten und zum Aufschub überredet, bis du freiwillig abgezogen sein würdest. Dir und deinen Leuten soll kein Leids widerfahren; geht in Sicherheit heim nach euren Städten. Aber das muß morgen schon geschehen, denn Tausende von Brüdern sind im Anmarsch, und von heut in zwei Tagen können wir nichts mehr für dich tun.« Aber Ecuyer ließ sich nicht beirren und beantwortete die Drohung mit der Warnung vor drei herannahenden britischen Armeen. Damit war die Aussprache beendigt. Der Sachem verschwand im Dämmerdunkel der Sonnwendnacht. Drunten rauschten die Flüsse, schwermütig hohl der finstere Monongahela, kieselhell und eifrig der lebhafte Alleghany.

Doch mit jenen Armeen hatte es vorderhand seine Wege. Hader der Kolonien untereinander und mit dem Mutterland hemmte die rasche Bildung und Ausrüstung starker, wildnismarschfähiger Truppenkörper. Gegen Ende Juli, fast gleichzeitig mit Dalyells Katastrophe im fernen Westen, hatte Fort Pitt erst seine schweren Tage zu überstehen. Wieder umschwärmten vielköpfige Horden von Lenapen und 139 Shawnee's die Wasserfestung im Stromwinkel; zum dritten Male traten die Häuptlinge – Shingas von den Lenapen, »Großer Wolf« von den Schawanesen – mit ihren gemäßigten Forderungen an den Befehlshaber heran. Ihre Rede, vom gewissenhaften Ecuyer aufgezeichnet, ist des Gedächtnisses würdig; sie spricht Bände von Weltgeschichte. »Ihr habt uns sagen lassen, Brüder, daß ihr diesen Platz unter keinen Umständen räumen wollt. Brüder, ihr habt doch selbst Städte und Dörfer! Ihr wißt doch ganz genau, daß dieses Land hier rechtens das unserige ist, daß eure Besitzergreifung allen indianischen Völkern ein Dorn im Auge sein muß! . . . Ihr Engländer selbst seid das Volk, daß die Ketten der menschlichen Freundschaft zerrissen hat; euer ist die Schuld an allem, was geschehen. Die Nationen von den Seen sind unterwegs; hier zum Beweis der Wampum. Kehrt ihr heim zu den Männern eurer Farbe, gut, so gehen auch wir nicht weiter als bis hierher; wo nicht, seht zu, wie ihr die Folgen tragt. Wir wollen nichts als unser Land, unser Recht und den Ohio.«

Ecuyer antwortete wie früher mit dem Rat, die Indianer mögen sich selbst in acht nehmen und lieber zu ihren Weibern und Kindern nach Hause gehen; seine Vorräte reichten auf drei Jahre, sein Pulver zur Tötung aller Indianer der Wälder. Die Häuptlinge zogen sich zurück, und nun begann der Sturm.

Zu den ersten Horden waren noch solche der Wyandot und Irokesen gestoßen. Die Stärke des Feindes war beträchtlich. Mit unerhörter Keckheit nisteten sich die roten Krieger auf jenem Saum Schwemmland dicht unter den Wällen ein. Sie gruben sogar Unterstände, aus denen hervor sie ein wirksames Schnellfeuer von Brandpfeilen eröffneten. Mehrere Baracken und Speicher gerieten in Gefahr. Die Spritze mußte in Tätigkeit treten. Ohne dies brave Gerät wäre das Fort vielleicht doch gefallen. Ecuyer selbst wurde von einem Pfeil lahmgeschossen, eine ganze Anzahl seiner Leute verwundet und getötet. Natürlich beschränkten die Indianer sich nicht auf die leichte Urwaffe. Ohn Unterlaß krachten ihre Büchsen, klatschten ihre Kugeln gegen die starken Bohlen. Wer die Deckung verließ, den bezielten zehn Mündungen, und weggeputzt war er. Im Rottenfeuer trifft auch der Wilde.

So ging das fort, heiße Hundstage lang. Immer wieder leckte die Lohe, wurde immer wieder niedergespritzt. Die Frauen jammerten, die Kinder plärrten, die Pfeilraketen stiegen und bohrten im Fall ihre Fackel ins ausgedörrte Schindeldach. . . . 140

Und dann, mit einem Male, waren die Indianer weg. Verschwunden, ein Spuk.

Still lag die Sommerlandschaft, die Wasser raunten, drunten durch den Ohio zog der rinnende Elk friedlich seine silberblinkende Furchenbahn. –

Solch' indianische Plötzlichkeiten hatten allemal etwas zu bedeuten. »Irgendeine Teufelei«, wie Coopers wackerer Natty-Pfadfinder sagt, oder sonst ein wichtiges Ereignis. Die geheimnisvollen Flüsterstimmen der Wildnis, weißen Sinnen unhörbar, reichen weit.

Was die Bleichgesichter im Fort nicht ahnten, das wußten die roten Männer. Eine britische Armee war wirklich im Anmarsch, umschwärmt von Spähern, angekündigt von Läufern. Oberst Bouquet führte sie, eilends zusammengeworfene Überbleibsel hochländischer Regimenter, kaum vierhundert Mann, hundert Schlachtochsen, eine Schafherde, Tragpferde im Troß. An schwarzen Brandstätten, an verwaisten Erntefeldern vorbei arbeitete sich der schwerfällige Heerzug durch die hochsommerglastenden Kitatinnies, die Tuscarora- und Schattenberge. Bei Carlisle schon, noch diesseits der vielgestaffelten Höhendämme stieß man auf die breite Spur der Verwüstung. Der Indianerkrieg überzog ein Gebiet von der Größe des alten Österreich.

Und nun stand er vor der Wende. Die Indianer waren Bouquet entgegengeeilt, ihm den Weg nach Fort Pitt zu vertreten. Bei Bushy Run griffen sie seine Vorhut an. Kaum verscheucht, umschwärmten sie den Feind von neuem, in immer dichteren Haufen, mit immer besserem Erfolge, und so fort bis zum späten Abend, der nach siebenstündigem Plänkeln die Streiter trennte und Bouquet mit seiner schon stark gelichteten Mannschaft in bedenklichster Lage überfiel.

Es ist der Kampf der Picadors und Banderillos mit dem Stier, des mörderischen Schwertwals mit dem riesigen Grönländer, solche Indianerschlacht; durch Beunruhigung, Vorstöße und kleine Blutverluste wird der Gegner auf den Tod erschöpft. Binnen acht Jahren war dieses Treffen das dritte um die Straße nach Fort Pitt: das erste 1755, vernichtend für eine glänzend geschulte weiße Armee und ihren General, den unseligen Braddock; das zweite, 1758, kaum viel glücklicher, eine gerade noch zur Not vermiedene Katastrophe; diese bis jetzt unentschieden.

Die schwüle Nacht zögerte hin, die auf wasserlosem Hügel eingeschlossenen Truppen lechzten; im Aufgrauen des Morgens sahen sie 141 sich von einigen tausend Roten siegesgewiß umlagert. Alles schien verloren. Die Indianer schnürten den Todeskreis enger, setzten einen Stoßtrupp nach dem anderen an; für jeden ihrer Gefallenen erstanden zehn Rächer. Die dunkel geahnte Bedeutung des Gefechtes steigerte ihre Entschlossenheit; nicht um diesen wichtigen Platz allein, um den Ohio, um die Heimat, um die Gräber der Ahnen, um ihre Jagdgründe, um Manitou und Indianertum ging der Kampf, und sie stritten wie die Tiroler auf dem Berg Isel, wie die Schweizer bei Morgarten, wie die Söhne des Schwertgottes Cheru im Teutoburger Wald.

Bouquet ordnete den Rückzug an. In wildem Triumph, skalptrunken, drängten die Roten nach. Sie jagten in den Tod. Der listige alte Soldat hatte zwei Abteilungen schußfertig und gedeckt in den Flügeln zurückgelassen; nun gerieten die Verfolger in vernichtendes Flankenfeuer, und als sie stutzten und sich verwirrten, wandte sich auch Bouquet mit der Hauptmacht und brachte ihnen eine furchtbare Niederlage bei. Einmal erschüttert konnten sie sich nicht mehr halten; sie flüchteten; der Weg nach dem Ohio war frei. Aber auch die Engländer hatten sehr schwere Verluste erlitten, mehr als ein Viertel ihrer kleinen Armee und alle Tragpferde eingebüßt. An Ausbau des Pyrrhussieges war da nicht zu denken. Bouquet mußte seine Vorräte vernichten, damit sie nicht schweifenden Banden zustatten kämen. Mühsam schleppte er sich mit den Müden und Wunden weiter. Am vierten Tage erreichte man das entsetzte Fort Pitt. – –

Der eine Stoß brachte die ganze ungeheure Front der Wildnis ins Wanken. Er wirkte wie der erste gutgezielte Schuß auf die anstürmende Bisontenherde. Die Indianer hatten das Vertrauen zu sich und ihrer Sache – und damit diese selbst verloren. Sie spalteten sich; der alte tragische Kampf zwischen Eiferern und Friedensmittlern setzte ein; die große Flamme verlosch.

Es kam hinzu, daß nun auch die Franzosen ganz offen, wenn auch in Freundschaft sich von ihnen lossagten – dieselben Franzosen, für deren »Onontio« sie freiwillig aufgestanden, denen sie ihr Kanada hatten zurückerobern wollen. De Noyon in Fort Chartres, de Kerlerec, St. Ange und all die anderen adligen Befehlshaber der kanadischen und louisianischen Forts im fernsten Westen schickten durch ihre Jäger Gürtelbriefe nach den winterlichen Walddörfern an den Seen und Ohio, zumal auch an »Pontiac, Chef des Couatasouas, an Detroit«, und empfahlen ihren roten Söhnen, den nun einmal 142 unterzeichneten Frieden zu ihrem eigenen Besten ebenfalls anzunehmen und sich mit dem Wechsel der Dinge abzufinden. Eine Art Proklamation in der Sprache der Muschelschnuren verkündete gleichzeitig Abschied von den geliebten Kindern und dankte ihnen für die mit Blut bewiesene Treue; eine dritte Botschaft stellte dem englischen Oberstkommandierenden auch jene letzten festen Plätze am Illinois und Mississippi zur Verfügung. Mehrere dieser Werke schleiften die Franzosen selbst. Der letzte Jesuit, P. Forget, verließ schweren Herzens seine Mission und die Wälder, in deren Brausen das allbeseelende rote Volk immer noch die Predigerstimme des guten alten Vaters Marquette zu hören vermeinte.

Das war ein schwerer Schlag für die fünfundzwanzig verbündeten Nationen. Als erste fügten sich die Pinkeshaw vom Zwillingsstamme der Twightwee. Wie der große Sachem vor Detroit die Vermittlung aufnahm, ist ungewiß. Er soll Gladwyn die Hand zur Versöhnung geboten, von diesem an den neuen Oberbefehlshaber gewiesen worden sein. Jedenfalls setzte er die Blockade fort, während die französischen Waldläufer auf ihren Schneeschuhen durch die Ödnisse der riesigen michiganischen Halbinsel hinauf zu den Chippeways und Potowatomies, über das klingende Weihnachtseis der Seen zu den Missisaguas und Nippissings eilten. Pontiac hielt sie nicht auf.

Sein Stern war im Sinken. Das unerbittliche Schicksal aller Führer, aller Helden, aller Märtyrer der Freiheit kündete sich dunkel an. Von Osten her bröckelte der Bund ab; dort war ein Pfeiler der ganzen Völkermauer niedergerissen worden. Er selbst hatte bei einem Sturm auf das Fort böse Verluste erlitten. Durch eine von Gladwyn künstlich vorbereitete Bresche drangen die Krieger unter Siegesgeheul ein, gleich darauf wurden sie vom Kartätschenhagel der maskierten Sechspfünder haufenweise hingemäht. Für indianisches Maß und Gemüt dasselbe wie für den großen König der Tag von Kunersdorf, oder für die Stimmung einer modernen europäischen Armee eine verlorene Belagerungsschlacht und ein Blutopfer von hunderttausend Toten. . . .

Das schlimmste aber: auf Pontiacs Kopf stand Judasgeld. Hundert Pfund, zweitausendfünfhundert Franken, zu jener Zeit ein gewaltiges Vermögen. Metacomets blutiges Gespenst ging vor Detroit um. Und doch fand sich kein Franzose, kein armer Waldläufer, der den Schandlohn verdienen mochte. 143

Das war noch Sir Amhersts Werk. Wut, Rachsucht, verletzte Eitelkeit hatten in der Seele dieses britischen Pair und Generalissimus das giftigste Unkraut wuchern lassen. Sein Briefwechsel mit dem Oberst Bouquet und anderen Offizieren, ein Schwarzbuch der Entmenschung, verdient ewiges Gedächtnis, und sein Verfasser einen Platz im tiefsten Pechsee des Danteschen Inferno. »Nicht als edler Feind«, schreibt er an Capitainlieutenant Gardiner, »als das erbärmlichste Geschlecht von Wesen, das je die Erde unsicher gemacht hat, dessen Ausrottung als verdienstliches Werk betrachtet werden darf, müssen diese Nationen behandelt werden. Sie werden daher keine Gefangenen machen, sondern alle Angehörigen jener Räubervölker töten lassen. . . . Dem Erleger Pontiacs aber, dieses feigen Schufts von Ottawa-Häuptling, sage ich hiermit eine Belohnung von 1000 Lst. zu. . . .«

»Räubervolk« – so nennt ausgerechnet ein Engländer die Indianer; es liest sich seltsam. Doch es kommt noch schöner.

»Hören Sie – könnte man nicht irgendwie die schwarzen Pocken unter jene rebellischen Roten bringen?« schreibt Amherst an Bouquet; »diesmal müssen wir alle erdenklichen Listen anwenden; das wäre so etwas.« – – »Gut, Exzellenz, ich will's versuchen, ihnen die Pocken mittels einiger Decken, die man ja irgendwie liegen lassen kann, beizubringen«, antwortete Bouquet; »na, hoffentlich werde ich nicht selber dabei angesteckt. Es ist ja ein Jammer, daß wir unsere braven Jungens solchem Kampfe aussetzen sollen; auf spanische Art, mit Bluthunden und berittenen Jägern könnte man das Ungeziefer vielleicht gründlich ausrotten.« – – »Recht, recht, stecken Sie nur das Gesindel mit Pockendecken an«, erwidert Sir Amherst voll freisinnigster Menschenliebe; »nichts dürfen wir unversucht lassen, das widerliche Gewürm zu vertilgen. Ja, das mit den Bluthunden wäre freilich ausgezeichnet; leider ist die Entfernung bis England zu groß.« Ein wahrhaft christlicher, auferbaulicher Briefwechsel. Bouquets Plan haben später die Amerikaner mit kubanischen Bluthunden an den heldenmütigen Seminolen wahr gemacht.

Amherst war inzwischen von Generalmajor Gage abgelöst worden; aber das schändliche Kopfgeld blieb ausgesetzt und Pontiac vogelfrei. Ja, jetzt erst nahte die eigentliche Gefahr. General Bradstreet und Oberst Israel Putnam rückten zur Befreiung Detroits gegen ihn selbst vor, während Bouquet auf weitem Zuge die Dörfer der Tuskarawa-Lenape am Muskingum und der Schawanesen am Scioto mit Feuer und Eisen heimsuchte. Das war mehr, als die geschwächten, irre 144 und überdrüssig gewordenen Nationen auf die Dauer ertragen konnten. Jedes Volk an sich neigt dazu, für seine eigene einstige Begeisterung, seine Siege, seine Fehler und Fehlschläge, für seine wirkliche oder scheinbare Schuld irgendeinen Überragenden verantwortlich zu machen; die große Masse der Indianer bildete keine Ausnahme, ihr großer Führer erlebte Akt für Akt der uraltewigen Messiastragödie. Stamm auf Stamm fiel von ihm ab, eilte Bradstreet mit Wampumgürteln und Sonderfriedenspfeifen entgegen, sich ja nicht in Gesellschaft des Verfemten vor Detroit betreten zu lassen. Pontiac ließ sie ruhig ziehen; seine Zeit war vorbei, er sah es selbst ein. Aber er beugte sich nicht, und sein Herz wurde hart wie Obsidian.

 

Indianischer Angriff
Stich von Gimbrede nach Hillyard

Montcalm vor Fort William Henry
Holzschnitt nach einer Zeichnung von Darley

 

In Fort Niagara schon erwartete Bradstreet eine ungeheure Ansammlung von roten Männern, die alle die »Kette der Freundschaft glänzend machen« wollten und in ihrer urwaldkindlichen Einfalt auf Geschenke hofften. Sein weiterer Vormarsch glich der Reise eines allbeliebten Landesfürsten mehr als einer Strafexpedition. Er hatte nichts zu tun als Frieden und Verträge zu schließen, Versicherungen anzuhören und Medaillen zu verteilen. Amhersts satanischer Anschlag scheint damals noch nicht zur Ausführung gelangt zu sein. Alle Stämme unterwarfen sich; die grimmigen Seneca-Irokesen gleich zuerst. Sie haben später in Englands Dienst und Auftrag – und zu Amhersts eigener geheimer Befriedigung – noch weit schrecklicher gehaust als in ihrer gerechten indianischen Sache.

Der eigentliche allgemeine Friede wurde erst vor Detroit in Bradstreets Zelt unterzeichnet, von jedem Unterstamme mit seinem Totem. Ein Handzeichen aber fehlte, das wichtigste, das bekannteste, vor kurzem noch allmächtige: Pontiacs Fischotter. Der große Sachem war nicht erschienen. Wenn die anderen um ihrer Weiber und Kinder willen um Gnade baten, er tat es nicht. Zwar wurde er in den Vertrag mit eingeschlossen; aber viele Nationen setzten zur Bekräftigung ihres guten Willens die alten Häuptlinge ab, darunter seine eigene, die Ottawas. Er vereinsamte, wie jeder echte Held, wie Coriolan, wie Hannibal, wie Viriathus, wie Armin.

Das Ohiotal war erobert, die natürliche Grenze zwischen der kanadischen und der alleghanischen Landschaft getilgt; mit dem Rechte des Siegers konnte fortan der pennsylvanische oder virginische Jägerbauer seine Hütte vom Susquehannah oder Roanoke an den Scioto oder Wabash verpflanzen, der Einwanderer seiner Büchse am Biberfluß oder am Muskingum die Riegel in den Balken zapfen. Aber 145 gerade zu jener Zeit, als die Todesschreie in der Wildnis verhallten und England, nachdem es fünfundsiebzig Jahre lang über die Köpfe der Indianer hinweg mit dem französischen Erznachbar die Klingen gekreuzt, die teuer erstrittene Alleinherrschaft noch mit einer besonderen Nachzahlung an Blut und Tränen vom rechtmäßigen Eigner hatte erkaufen müssen, bearbeitete ein junger Staatssekretär den merkwürdigen Plan der Regierung, diese Herzlande des amerikanischen Ostens der weißen Besiedlung überhaupt zu sperren und den eingeborenen Nationen dauernd zu überlassen. Die alleghanischen Berge sollten für Georgien, die beiden Carolinas, Virginien und Pennsylvanien, der St. Croix und noch unbestimmte Linien im Westen für die »Neu-England-Staaten« die ewige Grenze bedeuten. So wäre also der ganze Krieg um den Ohio, zu gutem Teile mit Kolonistenblut geführt, nur ein grundsätzlicher, der Besitz jener weiten wertvollen Striche nichts als eine Frage des Ansehens gewesen. Den ohnehin längst gereizten, längst nichts mehr werdenden, sondern fertigen selbstwüchsigen Amerikanern schwoll der Zornkamm: über diese Welt, von ihnen gebaut, errungen, gestaltet, behauptet, hatten sie zu bestimmen, nicht die Herren drüben an ihren alten grünen Tischen, König, Minister, Parlament, und wen man als Steuerbüttel und Schnüffler herüberzuschicken für gut fand! . . .

Der seltsamen Politik auf den Grund zu schauen war ja nur allzuleicht. Nicht um ihrer schönen Augen oder um plötzlicher Gerechtigkeit willen sollten jene ungeheuren Reviere mit ihren Schätzen an Wald, Wild, Fruchtböden, schiffbaren Wassern und Metall den Indianern überlassen bleiben: sondern als Wall und Wacht gegen die eigenen unbotmäßigen Kolonien, auf deren üppiger Krume, unter deren freiem Himmel arger Same zu geilem Unkraut aufschoß, ein neues hartes halsstarriges Geschlecht zu roher Selbständigkeit zu ertüchtigen drohte. Die Kolonien mit ihrer Satansbrut sollten sich nicht weiter ausbreiten und stärken, kurz gesagt; besser noch, wenn indianische Mordbrandbanden je und je ein paar hundert dieser rebellischen Freiheitsschädel einschlugen und skalpierten, als daß das aufsässige Ansiedlergesindel sich ungehemmt vermehrte und dem Staate zur Gefahr erwuchs. Von indianischen Rechten und Urbesitztiteln konnte natürlich nicht die Rede sein; aber die Bürger der neuen Welt mußten in Schranken, die Grenzen unter Schrecken und Tomahawk erhalten werden. Darum ließ Bradstreet bei den Friedens- und 146 Vertragsschlüssen mit den Nationen am Ohio und an den Seen scheinbare Milde walten; die »Wilden« waren brauchbare Bundesgenossen gegen das eigene Fleisch und Blut. –

Fast zur selben Zeit marschierte Bouquet mit fünfhundert Hochländern und fünfzehnhundert virginischen und pennsylvanischen Freiwilligen auf Gists alten Kundschafterpfaden durch die Herbstwälder zwischen dem Ohio und dem Muskingum oder, wie er in seinem oberen Laufe heißt, Tuskarawas. Eine beträchtliche Anzahl beraubter Eltern, Gatten, Geschwister, Brautleute hatte sich dem Zuge angeschlossen, die vermißten Liebsten selbst aufzusuchen und aus den Händen der unterworfenen Nationen in Empfang zu nehmen. Malbäume mit eingeritzter Kunde schauriger Kriegstaten und gemachter Beute wiesen den Weg nach den Dörfern. Aber aus diesen unheimlichen Bilderchroniken lasen die begleitenden Jäger zugleich Trost und Hoffnung für das bange Volk der Mütter und Frauen: verhältnismäßig viele Gefangene, mehr als man zu glauben gewagt, hatte das Beil verschont, die rote Hand nach den Wigwams der Wildnis geführt.

Die freudige Nachricht bestätigte sich. Mitten unter den Dörfern am Tuskarawas, am heutigen Ohiokanal, wo der »Weißfrauen«-Bach sich in den Muskingum ergießt, schlug Bouquet sein mächtiges Gerichts- und Friedenslager auf. Die Ratsfeuer loderten, die Pfeife der Versöhnung qualmte; die Lenapenstämme waren diesmal die ersten beim Beweis guten Willens und pünktlicher Vertragstreue. Mehr als hundert Gefangene, zum Teil noch vom siebenjährigen Kolonialkriege, führten sie allein aus ihren Hütten herbei. Ihrem Beispiel folgten die Seneca-Irokesen und die Wyandot, mürrisch und mit Vorbehalt die finster unversöhnlichen Schawanesen.

Und nun wurde das Lager in der Wildnis am Muskingum zum Schauplatz seltsamer Auftritte. Viele der angeblich Befreiten konnten und wollten ihre Angehörigen gar nicht mehr erkennen. Herangewachsene Kinder hatten die Anfänge ihrer Muttersprache, Mädchen und junge Frauen die Liebe zum weißen Manne verlernt. Den armen Indianern selbst liefen die Tränen stromweis über die braunen Wettergesichter; sie, die der Qualen des Marterpfahls spotteten, die der Gefahr wie dem Schmerze mit stoischer Kälte trotzten, diese düsteren starren Helden weinten jetzt ohne Halt und schämten sich nicht einmal ihrer Schwäche. Täglich besuchten sie ihre Pfleglinge im Lager, überhäuften sie mit wehmütigen Geschenken, wärmenden Fellen, Säcken voll geröstetem Mais, Blasen und Beuteln voll Pemmikan, wie nur 147 eine treue alte Mutter ihren scheidenden Sohn; hundertmal mußten die Engländer ihnen in die Hand versprechen, die so schweren Herzens zurückgegebenen Nähr- und Wahlkinder doch um Manitous willen ja recht gut zu behandeln und zu hegen. Als Bouquet aufbrach, begleiteten sie den mehrtausendköpfigen Zug bis Fort Pitt, die Trennung von ihren Lieblingen doch noch ein wenig hinauszuzögern und mit eigener Jagdbeute für sie sorgen zu können. In nicht wenigen Fällen sah der Befehlshaber sich zu kriegsrechtlicher Gewalt gezwungen. Ein junger Seneca-Häuptling wollte seiner weißen Eheliebsten nach den Städten der Bleichgesichter folgen. Mehrere widersetzliche Frauen und Mädchen mußten in Banden hinweggeführt werden. Auch von den Männern sehnten sich viele nach dem ungebundenen Leben der Wildnis und dem behaglichen Kesselrauch des Wigwam zurück. Manche entflohen und gesellten sich wieder den roten Brüdern, die sie verstehen und achten gelernt und deren Sache ihnen besser und gerechter erschien als die ihrer eigenen Farbe. Unter ihnen waren die drei Brüder Girty, Georg, James und Simon, deren Namen der heuchlerische Amerikaner nur mit törichtem Abscheu ausspricht. Georg wurde und blieb ein Lenape, James Schawanese, Simon, der bedeutendste unter den dreien, von den Seneca-Irokesen erzogen und ausgebildet, gehört mit mancherlei Unterbrechungen dem ganzen Indianertum an. Auch von den Weibern entrannen etliche der Haft des Christentums, der Zivilisation und ihrer Pflichten; der Platz in der Hütte ihres befiederten Herrn und Gebieters war ihnen lieber als die Aussicht, ihre angebliche Verirrung lebenslang mit Psalmengeplärr, niedergeschlagenen Augen, Schmach und Spott büßen zu müssen. Sie schlugen sich durch, wurden mit Jubel aufgenommen, walteten fortan des Kessels und der heißen Steine, sotten das Grünkorn, dämpften Büffellende und Masthund, gerbten die Elchkalbdecke, nähten den Mokassin und starben als Mütter berühmter Krieger. –

Das waren die Indianer, das »erbärmlichste Geschlecht von Wesen, das je die Erde unsicher gemacht«, das »widrige Gewürm«, das Sir Jeffery Amherst, ein englischer Edelmann, General und Christ, mit dem feigsten und gemeinsten aller Mordmittel, mit Seuchengift, zu Britanniens und seines Gottes höherer Ehre hatte ausrotten wollen. 148

*

Pontiacs Schicksal war erfüllt.

Mit einigen letzten Getreuen zog er von den Seen hinunter zu den illinesischen Nationen, den Freunden des guten Paters Marquette und des armen La Salle. Hier war man noch lange nicht geneigt, die »Väter« Franzosen scheiden zu lassen und ihre Feinde, die Engländer, dafür aufzunehmen. Pontiacs Atem fand glimmende Asche. Unstet schweifte der große Häuptling durch die Wälder bald über den Mississippi zu den Stämmen der Wasaji, Eiowäh und Missourier, bald hinauf zu den westlichen Chippeways und Outagamis, oder an die Ohiomündung hinab zum Ratsfeuer der Kickapooh. Hier sah ihn noch einmal Croghan, der pennsylvanische Agent. Ihn selbst versicherte Pontiac seines Friedenswillens, und wirklich schien er um Beschwichtigung jener erbitterten Völker bemüht zu sein. Allein das war nur Maske und neuer tiefer Plan. Zunächst freilich sollten die Illinesen sich vom Schlage erholen, ruhen, und damit den Feind einschläfern. Aber unterdessen spann der unversöhnliche Patriot, ein wahrer Hannibal des Westens, heimlich und emsig an einem riesigen Netz, einem Trutzbündnis, das auch die unverbrauchten, unbändigen Söhne der Steppe, die Dhegiha- und Tschiwere-Sioux und die Pawnee der Prärien am Platte-River mit einschloß.

Da wurde er ermordet. Ein Peoria-Indianer, schuftig und verkommen, verkaufte sich und den entthronten König der Wildnis für ein elendes Faß Rum. Das verderbliche Feuergift, gegen das der prophetische Sachem gepredigt, raffte ihn selbst hinweg. Der große Pontiac war tot. Die Engländer konnten ruhig schlafen.

Er blieb nicht ungerächt. Jetzt traten die Völker von den Seen, die Ottawa und Chippeway voran, wieder für ihren verstoßenen Führer ein. Sein Fall galt den Indianern als gemeinsames Unglück, wie der Philopoemens den Hellenen, der des gewaltigen Barkiden den Karthagern. In einem furchtbaren Kriege wurden die Peorias und ihre Nachbarn fast gänzlich, bis auf ihre verklungenen Namen, ausgerottet.

Ein verschollener Dichter machte Pontiac zum Helden eines 1766 zu London erschienenen Trauerspiels; der Mann hatte Sinn für wahre Größe und ewige Tragik. Detroit, der Waffenplatz des mächtigen Sagamore Henry Ford, ehrte den kühnen Bedränger mit erzenem Mal. Noch schwebt sein Name über den unermeßlichen 149 Wassern, und manchmal in Dunstnächten des Indianersommers, wenn vom Temagami und Kipawa herunter die Nordgänse ziehen und der Ahorn sich verfärbt, gleitet sein Geisterkanoe auf dem Huron herab durch den Saint-Clair und die Stromenge unter den Eisendonnern und glühenden Metalldämpfen der Stadt und verschwindet in den schauernden Nebeln des Erie. 150

 


 

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