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Das Grenzerbuch

Friedrich von Gagern: Das Grenzerbuch - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Grenzerbuch
authorFriedrich von Gagern
year1940
firstpub1927
publisherPaul Parey
addressBerlin
titleDas Grenzerbuch
pages500
created20180307
sendergerd.bouillon@t-online.de
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II.
Die rechtmäßigen Herren

Völkertragödien – Indianerdämmerung – Die Algónkin – Die Mohikaner – Metacom von Pokanoket – Passaconaway – John Smith und die Blume der Wälder – Die Lenapen – Die Schawanesen – Allerhand Ratsfeuer – Die Römer der Wildnis – Die Huronen – Ohwachira, die amerikanische Weiberherrschaft – Die Südstämme – Manitou – Der Herr des Lebens und seine Diener – Totem – Wampum – Trachten und Moden – Der Tomahawk – Der Skalp – Die ewigen Jagdgründe

Wächter war Häuptling; sinnend sah er über die See. Zu dieser Zeit aus Morgen und Mitternacht entstiegen fremde Männer dem Meer. »Sie sind klug, sie haben große Dinge – wer sind sie?«

Mit dieser Frage voll Schwermut und Schicksal schließt das Walam Olum, die »rote Einritzung«, die berühmte Bilderchronik der Lenapen, jenes einst bedeutenden Volkes, das vor etwa hundert Jahren auch einmal das vorübergehende Glück genoß, dem abwechslungsbedürftigen Europa als Spielzeug der Phantasie, als »große Mode« zu dienen, nach dem der Klassiker der Indianergeschichte Cooper den roten Mann literarisch und zum Liebling unzähliger junger und alter »Blaßgesichter« gemacht hatte.

Wer sie seien, darüber haben die Fremden mit ihren »großen Dingen« bald furchtbare Auskunft gegeben. Jene dunkle Nachricht bezieht sich vielleicht auf Jacques Cartier, der aus der indianischen Bergstadt Hochelaga, dem heutigen Montreal, den Häuptling Donacona nach Paris verschleppte, wo der arme Teufel an Gram und 40 Heimweh starb. Vielleicht auch auf den tollkühnen Florentiner Verrazzani, der 1534 alles Land von Nord-Carolina bis zum heutigen Connecticut für seinen hohen Auftraggeber, Franz I. von Frankreich, in Besitz nahm; oder auf Vater und Sohn Cabot, die schon im fünfzehnten Jahrhundert die laurentischen Küsten untersuchten; oder auf jene waghalsigen bretonischen und normannischen Fischer, die lange vor den offiziellen Entdeckern den Lorenzgolf befahren und sogar kartographiert, die gefährlichen Sunde und Bänke, Häfen und Vorgebirge von Neufundland und Neubraunschweig zweckdienlich durchforscht haben.

Wie immer, zu den Zeiten der Cabot und Verrazzani, Cartier und Cortereal war die ungeheure Landfeste zwischen Atlant und Pazifik noch ahnungslos selige Wildnis, Urwald, Ursteppe mit ihren glücklichen Völkern und Tieren. Um das Jahr 1600 zeigen sich an der Ostküste kaum erste schwache Spuren schüchterner Besiedlung. Um 1700 sind schon alle Niederlassungen von Savannah bis Neubraunschweig zu autonomen englischen Kolonien erweitert und verschmolzen, viele der östlichen Indianerstämme vollkommen ausgerottet oder vertrieben. 1763 ist der amerikanische siebenjährige Krieg, der Endkampf zwischen den beiden kolonialen Fronten, kanadischen Jesuiten und neuenglischen Puritanern, indianerfreundlichen Franzosen und unersättlichen Briten zu Frankreichs Verlust entschieden; und zur Zeit, da der 1789 schon als »freier« Amerikaner geborene Cooper seinen ersten Lederstrumpfroman niederschreibt, 1822–23, ist die rote Nation bis auf unbedeutende Trümmer im Norden und Süden teils vernichtet, teils über den Mississippi nach den westlichen Prärien verdrängt und selbst dort nicht mehr ihrer Menschenrechte gewiß. . . .

Die Tragödie dieser tapferen und begabten Völker hat kaum ihresgleichen in der Weltgeschichte; ihre einstige Art nach den durch Branntwein, Geld, Verkehr, Seuchen, Untätigkeit und Absperrung demoralisierten Resten, ihre scheinbaren Übergriffe, ihre sogenannten »atrocities« nicht als gesunde Notwehr zu beurteilen, wäre ebenso geistlos wie ungerecht.

*

Wer liebte sie nicht, die schweigsam stolzen düsteren Helden unserer Jugend? . . . Wer hätte ihnen nicht ein dankbares Gedächtnis bewahrt, den großen Schlangen und schlauen Füchsen, den gelben Wölfen und steinernen Herzen, den roten Adlern und schwarzen 41 Falken der guten oder wenigstens besseren Indianergeschichten und unserer eigenen, begeistert nachahmenden Kampfspiele? . . . Welchem Leser jener beseligenden Schwarten und Schmöker wäre das – oder richtiger: der – »Wigwam« nicht zum Inbild urgemütlich verschmauchter Räuberhöhlenhäuslichkeit, das »Kalumet« nicht zum Inbegriff aller geruhsamen Pfeifen und umwölkter Erwägungen, das libellenschlank durch schäumende Fälle flitzende »Kanú« nicht zur Seele aller Boote, der grauenvolle Marterpfahl nicht zum Symbol aller Qualen und aller Standhaftigkeit geworden? . . . Wer kennt sie und verstünde sie nicht, all die heiligen lieben Grundworte jugendlicher Geheimsprache, Squaw und Pappus, Tomahawk und Mokassin, Pemmikan und Totem, Wampum und Manitou? . . . Und, Hand aufs Herz: wer hätte sich nicht schon so manches Mal aus seinem verpfuschten Europa, aus seiner erstickenden Zivilisation, aus seiner kranken Zeit hinaus- und zurückgesehnt in reine gesunde Wildnis, in eins jener heroischen rauchbraunen Zelte der Prärie, ans Lagerfeuer oder auf die buntbemalte Büffeldecke, zu den würdevollen roten Männern, die einst unsere Einbildung und unsere Träume, einst auch jene entweihten Landschaften, die Gefilde des großen Geistes bevölkert? . . .

Es ist etwas Großes, etwas Heilsames und Erlösendes um Heldenverehrung; und Helden, echtere und bessere Helden als manche unserer kurzlebigen Götzen, waren auch sie, die im verzweifelten Kampfe um Heimat und Ahnenland nicht etwa dem Rechte oder höherer Tapferkeit, sondern ganz einfach der wachsenden plumpen Überzahl, den stärkeren Waffen, dem Trug, der Verführung, der Vergiftung und Austrocknung ihrer Lebensquellen, endlich dem eigenen Verfall, der Zersetzung, der eingeschlichenen Entartung erlagen. Unter den »Naturvölkern« nahmen die nordamerikanischen Indianer neben den Rifberbern, den Tuareq, den innerarabischen Beduinenstämmen und den Afghanern zweifellos die erste Stelle ein.

Wer sie gewesen und woher sie gekommen, darüber sind sich die Gelehrten noch lange nicht einig. Ihre eigenen Stammessagen erzählen von großen Wanderungen, und diese Wanderungen konnte die Forschung verfolgen und bestätigen. Manche Gemeinschaften wurden gesprengt und verlagert, andere eingeschlossen und aufgesogen oder angeglichen. Eine Gruppe der hoch im westkanadischen Norden am Sklavensee, am Mackenzie, am Yukon wohnenden athabaskischen Familie wurde weit nach Süden an den Rio Grande verschlagen und 42 tat sich da als die beliebten und bekannten Apatschen auf. Ein Zweig der berühmten Sioux, die man sich gar nicht anderswo als auf den Prärietafeln zwischen dem Mississippi-Missouri und den Felsengebirgen denken kann, blühte unter den Namen Catawba (Katoba) und Tutelo hüben am Atlantischen Ozean unter den Zypressen und Magnolien des heutigen Carolina. Weit auseinandergerissen wohnten die vier Stämme der Käddo-Familie als Witchita und Käddo am südlichen Red River und im östlichen Texas, als Pawnee oder Pani am Plattefluß im heutigen Nebraska, als die gefürchteten Arikara hoch droben im großen Missouribogen mitten unter den Dakota. Zwei sehr ansehnliche, durch hohen Wuchs und Mut ausgezeichnete Nationen, die Cheyenne und Arapahoe, waren von der ungeheuren soliden Masse der Algonkin abgetrennt und fern nach Westen an und in die Felsengebirge geschwemmt worden; einer ihrer namhaftesten Bruderstämme, das kluge gelehrige Volk der Cherokee, hatte sich von den Irokesen gänzlich abgesondert, ihnen entfremdet und tödlich verfeindet; die Nana-Völker Mittelamerikas, unter ihnen die einst herrschenden Azteken, bezeichnen selbst die nordischen Steppen als ihre Urheimat. Die europäische Völkerwanderung ist ein Kinderspiel gegen die amerikanische.

Die beiden Völkerfamilien, mit denen die ersten Einwanderer, die Missionare, Waldläufer, Hinterwäldler, Kundschafter, Händler es bis gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts hauptsächlich zu tun hatten, waren die Algonkin und die Irokesen. Nur die Spanier waren mit den Apatschen, mit den Sonora-, Käddo- und Shoshone-Stämmen, die Franzosen vereinzelt mit den Sioux in Fühlung gekommen. –

Die Algonkin, so genannt nach einer ihrer Völkerschaften, machten mit ihren fünfunddreißig Hauptnationen, zahllosen Unterstämmen und Horden mehr als zwei Drittel der gesamten Ureinwohnerschaft des östlichen Amerikas aus. Bis auf einen schmalen Küstensaum hatten sie ganz Labrador inne, soweit es eben da etwas zu bewohnen gibt, die ganze Weite kanadischer Wälder, Tundren und Prärien vom Lorenzgolf bis zu den Felsengebirgen, das heutige Keewatin (selbst ein Algonkinstamm) bis zum Churchill-River, wo sie an die Athabasken stießen, das Gebiet der großen Seen (die heutigen Staaten Winsconsin und Michigan, zum Teil auch Minnesota), die mittlere Mississippi und die untere Ohiolandschaft (Staaten Indiana und Illinois, zum Teil Ohio und Kentucky), endlich die ganze Ostküste 43 von Acadien und Gaspé bis zum Cap Hatteras und zeitweilig noch darüber hinaus.

Eigentlich »Ur«-Einwohner dieses ihres ungeheuren Verbreitungsbereiches waren übrigens auch die Algonkin nicht. Ihren eigenen Stammsagen, den Geheimchroniken der Chipeways (Odschibwä, Odschibew, Tschippewa) und dem Walam Olum der Lenape nach waren sie aus dem eisigen Norden gekommen und hatten im Wege stehende Völker, wahrscheinlich die Cherokee, vor sich her nach Süden und die Sioux nach Westen gedrängt. Nachschübe der großen algonkinischen Wanderung fanden noch im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert statt.

Diese Algonkin nun sind oder vielmehr waren es, aus deren Sprachen und Kultur wir die meisten unserer volkstümlichen Vorstellungen vom »Indianer« geholt haben. Mit algonkinischen Vorstellungen kamen die ersten Ansiedler in Berührung. Von den Mohikan (zu deutsch: gute Bootsleute) kauften die Holländer Manhattan, die »Stätte der Trunkenheit« für einen Schuß Pulver; mit den Lenape gleich nebenan schloß der gute Papa Penn seinen berühmten Vertrag »unter der Ulme«. Unter den Algonkin der großen Seen schlug die Mission der kanadischen Jesuiten zuerst Wurzel; mit den Wampanoaq, den Pequod, den Pokanoket, den Nantikok, den Pamunki, lauter Algonkinern, hatten die puritanischen und virginischen Ankömmlinge um ihren Länderraub zu kämpfen. Manitou, Wigwam, Squaw (im Algonkinischen selbst ein Schimpf), Wampum, alle diese uns geläufigen Wörter stammen aus dem Sprachfundament jener ungeheuren Völkerfamilie.

Ihre Küstenstämme wurden im siebzehnten Jahrhundert fast vollkommen aufgerieben. Der Raum war eng, die Puritaner in ihrer blinden Bibelwut kannten kein Verständnis und Erbarmen. Für sie war der arme rote Mann einfach der Philister, der Amalekiter, der Midianiter, der niedergemacht werden mußte vom auserwählten Volk. Das war der Dank für den freundlichen Empfang, den die unschuldigen Söhne der Wildnis dem fanatischen Gesindel bereitet, für die Bewirtung nach langer Seenot, für die gebotene Freistatt. Kein Wunder, wenn der rote Mann da wirklich »wild« wurde und in ehrlichem Bewußtsein seines gekränkten guten Hausherrnrechts zum Tomahawk griff. Leider und natürlich hatten diese Erhebungen immer nur einen vorübergehenden ersten Erfolg. Unvermeidlicher 44 Ausgang des Trauerspiels war jedesmal der Untergang der betrogenen, belogenen, bestohlenen Nation.

Da waren zum Beispiel die uns sprichwörtlich gewordenen Mohikaner oder richtiger Mohikan-nuhk, geordnet in drei Landsmannschaften zu je zwölf Untergemeinden; eine der Gruppen wohnte am Hudson, die beiden anderen gegenüber auf Long Island. Wahrscheinlich gehörten die kriegerischen Pequod oder Pekwot im südwestlichen Connecticut (zu deutsch »langer Fluß«) ebenfalls zu den Mohikanern; sie übten eine Art Vorherrschaft über jene aus, ein unter indianischen Stämmen häufiges Verhältnis. Nachbarn der Pequod in Connecticut selbst waren die Narragansett, geleitet von einer Dynastie von Sachems (Friedenshäuptlingen, wohl zu unterscheiden vom fallweise erwählten Kriegshäuptling, dem Generalissimus des Stammes oder Volkes), unter denen wir Canonicut I. und II., Miantonomoh und den unglücklichen Canonchet in die Geschichte der Ansiedlungen eintreten sehen. Diese roten Dynastien hielten streng auf Reinheit ihres uralten Stammbaumes. Als Canonicut I. für seine Kinder, Sohn und Tochter, keine ebenbürtigen Partien fand, vermählte er sie einfach miteinander.

Den Engländern, den Owannuhk, wie sie bei den Indianern hießen – Mehrzahl von Onas, wie auch Penn von den Lenape genannt wurde – waren die Narragansettfürsten lange Zeit hindurch sehr wohlgesinnt. Dem flüchtigen und obdachlosen Roger Williams, den die düsteren Puritaner um seiner ketzerischen Duldsamkeit willen verbannt hatten, schenkte der gute alte Canonicut das Land zur Gründung einer neuen eigenen Kolonie; es ist der heutige Staat Rhode Island. Dasselbe gilt von den nordöstlichen Nachbarn der Narragansett, den Pokanokett und Wampannuhk oder Wampanoaq, einem verbündeten algonkinischen Doppelstamme im heutigen Massachusetts (zu deutsch pfeilförmiger Hügel). Ihr Groß-Sachem war zur Zeit der puritanischen Einwanderung Massasoit. Mit geradezu offenen Armen empfingen er und sein sprachkundiger Bruder Samosett die Ankömmlinge, die »Männer mit den großen Dingen«, deren Kreuzfahrten vor der Küste sie längst beobachtet hatten. Massasoit schloß mit den Gästen sofort einen fünfzigjährigen Vertrag auf Schutz und Trutz, und nie hat er ihn auch nur mit einem falschen Blicke gebrochen. Sein Sohn wurde aus Not der letzte und größte Held der untergehenden Küstenvölker. 45

Mit der Geschichte jener Nationen und ihrer Kämpfe ließen sich Bände füllen.

Die ersten, die dran glauben mußten, waren die tapferen Pequod. Das gefräßige Ungeziefer wurde ihnen lästig, sie beschlossen seine Ausrottung. Der Anschlag wurde verraten, ihr geplantes Bündnis mit anderen roten Brüdern schlau hintertrieben, man brachte die eigentlichen Mohikaner unter dem historischen Uncas und die Narragansett gegen sie auf und vertilgte sie bis auf das letzte Kind.

Einige Zeit darauf gerieten Uncas und Prinz Miantonomoh, der Kriegshäuptling der Narragansett, in Fehde. Uncas nahm seinen Feind gefangen und lieferte ihn an die Engländer aus, die ihn wieder, um sich die Mohikaner zu sichern, dem Sieger und damit dem Martertode überlieferten. Das war der Dank für die Länderschenkung und die vielen Wohltaten des alten Canonicut und seiner Dynastie; hatte doch Miantonomoh selbst für »vierzig Faden Wampum« den ganzen Rest der schönen Insel – auf narragansett-algonkinisch hieß sie Akwidai, die Insel des Friedens – an die Weißen abgetreten.

Trotzdem bewahrte der Stamm sein geduldiges Wohlwollen. Dann erst brach er mit der überlieferten Politik, als bei den Pokanoket-Wampanoaq droben zum erstenmal die Fackel der allindianischen Rache auflohte, dieselbe Fackel, die erst gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts, mit dem Zusammenbruch der shoshonischen »Geistertanzbewegung« endgültig erlosch, nachdem sie in des wahrhaft großen heldischen Tecumseh Hand am hellsten gebrannt. –

Massasoit, der Groß-Sachem der Wampanoaq, wie man das Doppelvolk meist kürzer nennt, war gestorben. Manches Jahrzehnt hatte er den fremden Weißen nichts als Liebes und Gutes erwiesen, ein Urbild des Kanadiers in Seumes bekanntem, immer noch wundervollem und nur zu wahrem Gedicht. Seine Residenz lag unweit Bristol im heutigen Staate Rhode Island auf dem Mount Hope, dem »Montaup« oder »Pokanokett« der Indianer; hier hatte auch er einst dem landflüchtigen Roger Williams ein schützend Asyl gewährt, als jener verstoßen und einsam durch die starren Winterwälder irrte. Mehr als einmal waren die Niederlassungen durch seine Warnung vor dem Untergange unter den Bränden und Beilen verschworener Stämme gerettet worden; Schutz und Freundschaft der Engländer, das war das Letzte, was er auf seinem Sterbelager den beiden Söhnen empfahl. 46

Diese waren wegen ihrer mazedonischen Tapferkeit von den Ansiedlern Alexander und Philipp zubenannt worden. Alexander sollte Groß-Sachem, Philipp der Kriegshäuptling werden. Der ältere starb frühzeitig; an englischer Tücke, behauptete später sein Bruder Philipp, dessen schönerer indianischer Name Metacomet oder Metakum lautet. Immerhin hielt auch er das einst beschworene Bündnis noch weiterhin treu und gewissenhaft durch volle zwölf Jahre, trotz erfahrener bitterer Kränkung, Verleumdung und Ungerechtigkeit. Aber des Wildes wurde immer weniger im Lande, die Wälder lichteten sich, vor dem gellenden Äxtefall flüchteten die Herden des großen Geistes gen Abend, hinüber zu den Irokesen, kaum noch fand der rote Mann Fleisch zu seinem Unterhalt, Fell zu seiner Kleidung. Mit Mühe dämpfte der Häuptling den gärenden Groll seines kleinen Volkes, nicht ohne eigene Gefahr unterdrückte er die Arbeit der Geheimbünde, mit Anstrengung seinen wachsenden glühenden Ingrimm. Endlich aber mußte er auf Gedeih und Verderb sich selbst an die Spitze der unaufhaltsamen Bewegung stellen, oder es war um seine Macht und um sein Leben geschehen; und nun tat er es auch ganz und groß.

Ein an sich unbedeutendes Ereignis entfesselte den Sturm. Metacomet hatte sich im Verkehr mit den Weißen eines halbgebildeten getauften Indianers namens Sausaman als einer Art Privatsekretär bedient; dieser Mensch lief hin und erzählte in den Niederlassungen alles, was er an den Beratungsfeuern auf dem Mount Hope vernommen. Aber schon war die indianische Feme hinter ihm her und strafte den Verrat mit dem Tode. Die angeblichen Christen ihrerseits, statt das Gericht der rechtmäßigen Landesherren zu achten, ergriffen die drei Vollstrecker und brachten sie ohne Federlesens um. Das war genug. Das Wetter brach los.

Metacomet stellte seine Familie unter den Schutz der benachbarten Narragansett und eröffnete den Vernichtungskampf mit allen Mitteln indianischer Kriegskunst, freilich, wie er später bekannt haben soll, ohne Hoffnung auf durchschlagenden Erfolg. Die kleine Dorfstadt Swannzey in der damaligen Kolonie Plymouth ward als erstes Opfer ausersehen. Metacomet traf es gut. Eben hielten die heuchlerischen Puritaner Bet- und Bußtag und leierten Psalmen, statt den wirklichen Gott in Mitmensch und Mitgeschöpf zu ehren und dessen Verzeihung zu erbitten. Als sie mit sogenannten Herzen voll Jehovah aus ihren Andachtshäusern heimkehrten, sich gegen die »Amalekiter« und »Söhne Beelzebub« zu rüsten, fielen diese Söhne 47 Beelzebub mit Beil und Geheul über sie her und machten ihrer eine erkleckliche Zahl nieder. Das war wenigstens ein klein wenig Vergeltung für die 600 armen Pequod, Greise, Weiber und Kinder, die das bestialische weiße Gesindel in ihrem Dorfe lebendig verbrannt hatte.

Nach erster Verwirrung und Schrecken sammelten sich die Ansiedler und jetzt ging es auf den Mount Hope zu, den »König Philipp« zu erwürgen. Damit hatte es freilich noch seine guten Wege. Metacomet mit seinen Kriegern wich dem Feinde geschickt aus, ließ sich in einem Sumpfe belagern, entkam auf indianischen Schleichpfaden und vereinigte sich mit weiteren fünfzehnhundert Streitern vom verwandten Stamme der Nipmuck. An die dreitausend Mann stark schwärmte jetzt die rote Armee das schon ziemlich dicht besiedelte Connecticut-Tal herab. Schwüldüsterer Brandschein erdämmerte die bangen Hochsommernächte; die Zaunpfähle der einzelnen Weiler und Höfe starrten von aufgespießten Lügnerköpfen und Diebeshänden. Mit breitem rauschendem Sensenschwung mähte der erbitterte rote Schnitter das bleiche wuchernde Unkraut vor sich her.

Inzwischen war eine Abteilung von Kolonialmiliz zu den Narragansett vorgedrungen. Canonchet, Sohn des schmählich preisgegebenen edlen Miantonomoh, war damals der oberste und – letzte Sachem dieses gastfreien Volkes. Sollte man glauben, und das Frömmlergesindel hatte die Stirn, ausgerechnet diesen Mann um ein Bündnis oder wenigstens Neutralität zu bitten! Nebenbei wurde die Giftsaat des Rassenverrats gestreut: vierzig bunte Röcke dem Indianer, der den Kopf des »Königs Philipp« brachte, zwei Röcke dem Erleger jedes anderen roten Feindes. Canonchet sagte den Versuchern in die Augen alles mögliche zu; dahinter dachte er sich sein eigen Teil.

Metacomets Stern flammte im hellsten Glanze. Über das ganze Neu-England hin warf er seinen schaurigen Schein. Kaum eine Niederlassung entging seinem schonungslosen Zorn. Springfield, Deerfield, Brookfield sanken in Asche, Hadley wurde nur durch ein Wunder gerettet, durch die Erscheinung eines unbekannten uralten Mannes, der sich mit gezücktem Schwert und wehendem Silberbart gegen die Indianer stürzte und die schon verzagenden Ansiedler zu siegreichem Angriff mitriß; es war der Richter Goffe, einer der »Königsmörder«, der einst das Todesurteil über Karl I. Stuart gefällt und nun, nach der Wiedereinsetzung der Dynastie, sich hier verborgen halten mußte. Bei Northfield wieder erlag eine Abteilung junger Wehrmänner unter Capitain Beers den Tomahawks; das 48 Gedächtnis des mörderischen Treffens am »blutigen Bach« hat sich in diesem Ortsnamen bis auf den heutigen Tag erhalten. Aber im Spätherbst, im Indianersommer, als der Ahorn in purpurner Glut stand und die geheimnisvoll goldnen Nebel über der Wildnis spannen, wandte sich des Helden Sonne zum Niedergang. Beim Sturm auf Hatfield zum erstenmal empfindlich geschlagen, verlor er vorübergehend das Gleichgewicht, den eigenen Boden unter den Füßen, und zog mit den Trümmern seines Heeres zu den Narragansett.

Canonchet nahm ihn gut auf und willigte gern in das naheliegende Bündnis. Es war sein Unglück. Nur wenige kleine Siege an Seite des großen Freundes waren ihm beschieden. Im Weihnachtsschnee griffen die Engländer das schwachverschanzte Hauptquartier der Indianer, auf einer etwa fünf Morgen großen Insel inmitten eines Sumpfes, unvermutlich an. Die bessere Sache erlag. An die tausend Krieger fielen, etliche hundert wurden gefangen genommen und dann niedergehauen, Weiber, Kinder, Greise zusamt den Wintervorräten im Lager verbrannt. Ob auch Canonchet unter den Opfern dieses Gemetzels, ist ungewiß, wahrscheinlich ereilte das Schicksal ihn erst im folgenden Frühjahr. Mit ihm starb der Letzte eines Geschlechts, das den weißen Heiden nichts als Wohltat, die guten Werke eines zwar ungetauften aber echteren Christentums erwiesen.

Metacomet war gebeugt, aber nicht gebrochen. Unverzagt und unverweilt warb er neue Bundesgenossen zum fortgesetzten Freiheitskriege. Von den westlichen Nachbarn, den irokesischen Mohawk zurückgewiesen, wandte er sich an die algonkinischen Brüder im Osten und Norden, die Pawtucket, die Penobskot, und nicht vergebens. Im Frühling fegte der flammenrote Rachesturm erneut über die Ansiedlungen hin. Binnen Frist weniger Wochen dehnte sich der Schrecken über etliche dreihundert Geviertmeilen aus. Marlborough, Medfield, Groton, Lancaster, Weymouth gingen in Rauch auf, Providence und Warwick im heutigen Rhode Island sanken in kohlende Trümmer, und das waren nur erst die größeren Ortschaften; von den kleineren Weilern blieb kaum einer verschont, der einzelnen Höfe gar nicht zu gedenken. Aber die Ansiedler waren jetzt doch überall gewappnet und vorbereitet; sie verkauften ihr Leben teuer, auch indianisches Blut floß jetzt in Strömen. Das brach dem Helden das Genick. Er erlebte und erlitt das Schicksal aller, die ihres Volkes hohes Recht vom ersten Siege bis zum letzten bitteren Ende zu verkämpfen entschlossen sind und über ihrer eignen eisern ausdauernden 49 Größe das geringere Maß der Mitstreiter vergessen: Urtragödie der Mannhaftigkeit, ehern fortschreitend vom Vorwurf zum Hader, vom Hader zum Abfall, zur Gewalt, zur Schuld, zum Verrat . . . Nichts davon blieb dem Häuptling erspart; die verbündeten Stämme bezichtigten ihn der Verführung; was von den Narragansett noch lebte, klagte ihn der Vernichtung ihres Volkes an. Einige Horden ergaben sich den Engländern auf Gnade und Ungnade; andere wanderten aus; stiller und stiller wurde es um den einst begeistert verehrten Führer, und bald stand er ganz vereinsamt da, kein Held mehr, sondern ein vogelfreier Mordbrenner, an dessen Kopf jeder Schuft sich den Judaslohn von vierzig Röcken verdienen konnte . . .

Darauf hatten die Puritaner nur gewartet. Unter ihrem »Capitain« Benjamin Church – Church, »Kirche« hieß der Mensch auch noch – brachen sie zur Hetzjagd auf die zerstreuten, ermüdeten, entmutigten Indianer auf. Im einzigen Jahre 1676 erlegten sie ihrer an die dreitausend, eine höchst ehrenvolle Strecke. Solange der »König Philipp« noch in voller Schreckensglorie über die psalmfrommen Lande ging, hatte der berühmte Capitain Church auch nicht gemuckt.

Endlich kam die Erlösung für den verlassenen, rettungslos verlorenen Volkshelden. Von Sumpf zu Sumpf trieben ihn die weißen Bluthunde, immer wieder wußte er sich zu verkriechen, immer wieder aus dem eingestellten Jagen auszubrechen. Aber von Ergebung wollte er nichts hören; einem Krieger, der ihm dazu riet, spaltete er in loderndem Zorn den Kopf. Und doch wurde schließlich auch er müd und mürb. Eines Tages kehrte er ganz offen nach seinem alten Pokanokett, dem Mount Hope zurück, unbekümmert um die allgegenwärtig auflauernden Feinde. Weib und Kind waren nun auch gefangen genommen worden; jetzt mochte geschehen, was wollte. Weinend saß der große Sachem auf den Trümmern seiner einstigen indianischen Residenz; dann verdämmerte er in dumpfer Schwermut. Der erkaufte Schuft, der ihn bald darauf hinterrücks niederschoß, hatte es leicht; er tötete den noch atmenden Körper und befreite eine sehnsüchtige arme Seele.

Ja, und dann kam der große Capitain Benjamin Church, und nachdem er sich vorsichtig davon überzeugt, daß der schreckliche König Philipp auch ganz gewiß nicht mehr lebe, hieb er dem Leichnam mit höchsteigener Hand das Haupt vom Rumpfe, um diese mutvoll errungene Trophäe in makkabäischem Triumph nach Plymouth zu bringen und dort zur Auferbauung aller lieben frommen Brüder auf 50 einen Pfahl zu pflanzen. Das Schwert, damit dieses seltene Heldenstück vollbracht worden, ist wohl noch heute in der Sammlung der »Historischen Gesellschaft von Massachusetts« zu sehen, und der Enkel der würdigen Pilgerväter verfehlt nicht darauf hinzuweisen, daß ein Grobschmied der Kolonie es selbst verfertigt, eine außerordentlich wichtige Tatsache. Um aber ja ganz sicher zu gehen, verurteilten die biblischen Streiter von Plymouth den Rumpf des erlegten Recken auch noch zur – Vierteilung, und das gefangene Söhnchen wurde – bar Geld lacht! – nach den Bermudas in die Sklaverei verkauft.

Wer dächte da nicht an einen anderen Häuptling, der vor einigen neunzehnhundert Jahren in den germanischen Urwäldern gelebt und geliebt, gestritten und gelitten? . . .

So endete Metacomet der Wampanoaq, der erste große Indianer, mit seinem Recht, mit seinem Wollen, mit seinem Schicksal ein Gleichnis seiner Rasse. – Wo seine feig geschändeten Gebeine ruhen, niemand weiß es; dem Volksverräter Uncas aber, diesem roten Segest hat Heuchelei eine Denksäule errichtet.

Pequod und Narragansett, Wampanoaq und Nipmuck, Pawtucket und Penobskot, alle die algonkinischen Nationen der Ostküste waren zu Beginn des 18. Jahrhunderts teils vernichtet, teils vertrieben, teils freiwillig abgewandert. Nur im Norden der neuenglischen Kolonie, am Merrimac, am Piscataqua, am Saco hielten sich noch einige verwandte Stämme, unter denen besonders die Pennikuk unter ihrem großen zauberkundigen Sachem Passaconaway den Ansiedlern im heutigen New-Hampshire furchtbar geworden sind. Mehrere ihrer Leute wurden grundlos gefangen und in die Sklaverei verkauft. Da hatten die Franzosen es leicht, das erboste Volk gegen die Engländer zu hetzen. Eines Nachts im Jahre 1689 überfielen sie das kleine Nest Dover in der Nähe der Piscataqua-Fälle. Hier lebte als Indianerhändler und -richter der alte Major Waldron. Bei ihm schlichen sich zwei Squaws mit der Bitte um Lager an der Feuerstatt ein, und als ihr Gastgeber schlief, öffneten sie den draußen lauernden Kriegern Tür und Tor. Der Veteran verteidigte sich wie ein Löwe; vielfacher Überzahl mußte er endlich erliegen. Die Pennikuk setzten ihn gefesselt auf einen langen Tisch, höhnten mit der Aufforderung, jetzt doch »die Indianer zu richten« und strichen mit Messerzügen quer über seine Brust und sein Gesicht »ihre Rechnungen aus«. Außer Waldron wurden noch 22 Ansiedler getötet, 29 gefangen. Der Weiler sank in Asche. Der rote Mann in seinem natürlichen 51 Rechtsgefühl konnte es nie verstehen, warum er ihm gelieferte Trödelware bezahlen solle, während man ihm Land, Wild, Heimat, Leben ohne Entgelt wegnahm. Ähnlich erging es im selben Winter dem heute großstädtisch blühenden Schenectady am Mohawk und anderen Ortschaften. Der erste Kolonialkrieg, in der amerikanischen Geschichte als »König Wilhelms Krieg« verzeichnet, hatte begonnen, und mit ihm das klassische Zeitalter der Indianerfeldzüge und -politiken, in deren eisernem Mahlgang die rote Rasse selbst zerschrotet ward. Sehr lange hielten übrigens auch diese nordöstlichen Algonkinstämme dem Druck weißer Einwanderung nicht stand. Was den Engländern entging, das vernichteten die ihnen treu verbündeten Irokesen. Nur im kaum besiedelten Norden der Landfeste zwischen den Lorenzowassern und dem Atlant, im heutigen Maine, Neubraunschweig und den akadischen Landschaften harrten noch einige algonkinische Völker, so vor allen die Abenaki mit ihren Unterstämmen, unberührt aus. In den Kolonialkriegen waren sie unerschütterliche Kampfgenossen der Franzosen, ihrer Nachbarn, von denen ihnen durch den Jesuitenpater Rasles frühe schon das Christentum gekommen. –

*

Weit eher noch als an ihren Brüdern am Connecticut erfüllte sich an den südlichen, den virginischen Algonkin das Geschick der »roten Rasse«.

Unweit des herrlichen Richmond lag einst die Residenz des Groß-Sachem der Pamunki und Chickahomini, nach alter Überlieferung Pohattan genannt. Achttausend Krieger soll dieser Pohattan-Bund gestellt und in zweihundert Dörfern achttausend englische Geviertmeilen bewohnt haben, eine für indianische Verhältnisse außerordentliche Volksdichte, die auf vorgeschrittene Wirtschaft schließen läßt. Die romantische Leidensgeschichte jener Stämme, einst allbekannt und geradezu populär, weil den Liebesroman der indianischen Prinzessin Pocahontas umschließend, ist mit diesem Herzjuwel eines der Kronstücke altamerikanischer Chronik.

König Jakob I. von England, der die kühnen Unternehmungen der Franzosen unter ihrem großen Samuel Champlain mit Verdruß beobachtete, teilte durch einen Erlaß vom Jahre 1606 das ganze englischseinsollende Nordamerika zwischen dem 34. und dem 45. Grad nördlicher Breite in zwei Kolonialdomänen: das eigentliche Virginien zwischen dem 34. und dem 41, das nördliche Virginien zwischen dem 52 41. und dem 45. Grad. Das eigentliche Virginien erhielt die »London-«, das zweite die »Plymouth-Gesellschaft« zur Besiedlung angewiesen. Mit diesen Freibriefen hoffte der König anziehende Aufgaben gestellt, Eifersüchte erregt und sich unbequemes Volk vom Halse geschafft zu haben.

Nach mancherlei Mißgeschick setzte die »London-Gesellschaft« sich im Heilsjahre 1607 mit drei Schiffen und hundertfünf Mann, meist heruntergekommenen Edelleuten, in der südlichen Chesapeake-Bai und an den Ufern des breit einmündenden Pohattan- oder Jamesflusses fest. Den Oberbefehl führte vorderhand und dem Namen nach der Kapitän Christopher Newport, ein hohler Tropf. Eine ganz anders bedeutende Persönlichkeit war schon der berühmte Seefahrer Bartholomäus Gosnold, einer der Urentdecker Virginiens überhaupt, die hervorragendste aber Hauptmann John Smith, jener prachtvolle Haudegen und unwiderstehliche Frauenliebling, der »Vater Virginiens«, unter den Begründern jener neuen Welt die anziehendste Heldengestalt. In seiner Jugend hatte Smith für die Befreiung der Niederlande sein Schwert gewetzt, dann in Frankreich, Ägypten, Ungarn, Rußland gefochten und in allen Gefahren und Gefangenschaften immer wieder das Glück hilfreicher Weibergunst gefunden. Jetzt war er hier, und unter den Indianern erlebte er seinen letzten und schönsten Roman.

Auf einer versumpften Halbinsel des neugetauften Jamesflusses, einige fünfzig Kilometer inlands der Mündung, gründeten die Auswanderer ihr Notdorf Jamestown, die erste englische Niederlassung auf dem neuen Kontinent. Bald darauf reisten Newport und Smith weiter stromaufwärts, und unterhalb der Fälle beim heutigen Richmond statteten sie Ihro Majestät Pohattan in dero Residenz ihre Antrittsvisite ab. Der Indianerkaiser – so wird er in alten Werken und auf Stichen der Zeit wirklich genannt; Pohattan heißt: »Erster des Landes« – empfing die ihm durch Späher längst angekündigten weißen Gäste mit kühler Freundlichkeit. Aber dem Volke zuckte der Tomahawk im Gürtel, und besonders der Kaiserbruder, Prinz Opechancanough, Feldherr des Stämmebundes, machte von vornherein völkische Stimmung gegen die Eindringlinge. Bei dieser Begegnung werden Prinzeß Pocahontas und Smith, der alte vernarbte Schwerenöter, die ersten Blicke miteinander gewechselt haben.

Nach mancherlei Widrigkeiten wurde Smith erwählter Gouverneur der kleinen Kolonie. Es war ein schweres Amt, das er 53 antrat, und eine üble Erbschaft. Sumpffieber und Hungersnot hatten gleich in den ersten Monaten zahlreiche Opfer weggerafft, unter ihnen den alten Seeteufel Gosnold; Meutereien und indianische Angriffe kamen jetzt hinzu. Mit eiserner Hand packte Smith zu, und wirklich gelang es ihm, die schwergefährdete Gründung zu retten. Die Rebellen zwang er in die Knie, den Indianern, die ihn von Anfang an scheu verehrten, schatzte er Zufuhr an Lebensmitteln und sonstige Hilfe ab. Dann machte er sich an die Erforschung des Landes. Die »London-Gesellschaft«, in deren Dienst er ja stand, hatte sich's nämlich in den Kopf gesetzt, den nordwestlich strömenden Flüssen nachzugehen und damit die Passage nach dem – Indischen Ozean zu finden. Smith erkannte den Unsinn auf den ersten Blick, aber er parierte Ordre. So ruderte er mit ein paar Leuten den Chickahominy, ein kleines Nebenflüßchen des Jamesriver, hinauf, und auf einem Streifzuge durch den Urwald geriet er dank Unfolgsamkeit seiner Begleiter in die Gewalt nachstellender Rothäute. Die wertlosen Kameraden werden auf der Stelle erschlagen, ihn selbst, den Gefürchteten, bringen die erfolgreichen Jäger vor den unholden, aber tiefklugen Opechancanough, der seinerseits ihn »Seiner Majestät« Pohattan Höchstselben einliefert.

»Majestät« Pohattan residierten eben damals nicht in den zwölf Groß-Wigwams an den Jamesfällen, sondern in Weroworomocco am benachbarten Yorkfluß. Hier also sollte das Schicksal des weitumgetriebenen Helden sich erfüllen. Opechancanough schürte, die Zauberer verkündeten den Willen der Gottheit, daß der unglückbringende weiße Mann sterben müsse, der große Rat bestätigt das Verdikt. Smiths Haupt wird auf einen steinernen Richtblock gelegt, schon sind die Tomahawks zum Todesstreiche erhoben: – da reißt sich eine schmale Gestalt aus dem Ringe der Zuschauer, da fliegt Prinzeßchen Pocahontas herzu und deckt das Leben des Verurteilten mit dem eigenen braunen Leibe . . . Was konnte Majestät Pohattan dagegen tun? In unserer Sprache: stutzen, zaudern, zweifeln, abziehendes Gewitter spielen, lächeln, lachen, nachgeben und in Manitous Namen Ja und Amen sagen. Ce que Femme veut, Dieu veut. . . . Zwölf Jahre alt soll das arme liebe Mädel damals gewesen sein. . . . Ohm Opechancanough mußte sauersüße Miene zum vereitelten Spiel machen; seine Stunde war noch nicht gekommen, so wenig wie die des weißen Mannes. Schwerenöter Smith, dank Ewig-Weiblichem wieder einmal aus dem Dicksten 54 heraus, verbrachte am Hofe sieben schöne Rast- und Erholungswochen, wurde als Eidam und Prinzgemahl in spe fürstlich gehalten und kehrte dann mit glänzendem Ehrengeleit nach dem verfieberten Jamestown zurück, wo natürlich alles drunter und drüber ging, Wut und Not ihn empfing, nur achtunddreißig von den hundertfünfen noch lebten und diese gerade im Begriffe waren, auf dem Pinassenboot das verdammte Land zu verlassen.

Der wackere Kapitän hatte noch manche liebe Not mit dem unbrauchbaren arbeitsscheuen Nobelgesindel, das sich da als »Kolonie« aufgetan und wohl essen, aber nicht roden und säen, wohnen, aber nicht bauen, ihn von Herzen hassen, aber von ihm gefüttert sein wollte. Dafür hatte er jetzt die Indianer näher kennen gelernt, und das bedeutete unschätzbaren Gewinn, denn es sicherte die Niederlassung wenigstens nach dieser Seite. Neue Ansiedler, die Capitain Newport auf zweiter Fahrt aus England brachte, mehrten nur noch Ärger und Mangel; wieder kaum ein Handwerker darunter, alles verwöhnte Tagediebe, Glücksritter, die von Virginien goldene Berge, nicht aber Kampf ums Dasein erwarteten. Hundert Jahre später war das Tabakparadies wirklich schon ein Goldland trotz Mexiko und Peru.

Während diese gierigen Menschen nach dem betörenden Metall fahndeten und schließlich am Fund einer glitzernden ganz wertlosen Erde sich bis zum Wahnsinn berauschten, erforschte Smith mit ein paar besseren Leuten auf weiten kühnen Fahrten das Innere. Er befuhr die ganze prachtvolle Chesapeake-Bai, diesen ungeheuren tausendbuchtigen Strom riesiger Mündungen, den Rappahannok bis zum heutigen Fredericksburg, den Potomac bis zu den kleinen Fällen oberhalb Washington, den Patapsco bis zum heutigen Baltimore, endlich den gewaltigen Susquehannah bis zur Talstrecke von Wyoming, berühmt durch ihre Lieblichkeit, berüchtigt durch die Schrecken der Hochsommernächte von 1778. Von hier aus drang er durch die Urwälder einer noch heute kaum besiedelten Landschaft, von den Indianern einst »Schatten des Todes« genannt, sogar bis ins Gebiet der Irokesen vor, die also zu ganz gleicher Zeit den Franzosen im Norden, den Engländer im Süden kennen lernten. Mit anderen Indianern, Mannahoacks vom Volke der algonkinischen Lenapen, hatte er schon vorher am Rappahannok ein siegreiches Gefecht bestanden. Die Karte, die Smith von den bereisten Gegenden entwarf, zeichnet sich durch überraschende Genauigkeit aus; binnen drei Monaten hatte der mutige, 55 stets tätige Mann volle tausend englische Meilen unbetretener Wildnis überwunden.

Bei seiner Rückkehr fand sich Smith, jetzt förmlich zum Präsidenten erwählt, vor die verdießlichsten Aufgaben gestellt. Arbeiten wollte das Pack durchaus nicht. In ganzen zwei Jahren hatte die Niederlassung, nun wieder zweihundert Mann stark, noch nicht vierzig Acker Landes unter Kultur gebracht. Man verließ sich immer nur auf Smith und seine Indianer. Beiden ging jetzt die Geduld aus. Der alte Haudegen griff eisern durch. Sechs Stunden des Tages schuften und schaffen, oder nichts zu essen! Das half so zur Not. Aber auch die Roten wurden neuerdings gehässig. Ganz einverstanden war der alte Pohattan mit der Geschichte ja nie gewesen. Pocahontas, die gute Kleine, rettete noch mehrmals ihres Smith Leben und überhaupt die ganze Gesellschaft. Warum das Rauhbein sie nicht schlank zum Eheweibe genommen, bleibt unverständlich. Ein braunes Mädelchen von dreizehn Jahren ist schon ganz knospig und mannbar. Vielleicht wollte er sein Heldentum der großen Sache erhalten, der Kolonie.

Wieder neue Ansiedlerschübe der rührigen London-Gesellschaft, wieder Desperados, und sogar Weiber darunter, auch das noch! . . . Der armen Pocahontas mag schwül und schwer ums Herz geworden sein. Da traf sie und die ganze Niederlassung ein schwerer Schlag. Auf einer Bootsfahrt wurde der wackere Smith durch Explosion des mitgeführten Pulvervorrats lebensgefährlich verletzt. Zur Rettung seines Augenlichtes ließ er sich an Bord eines der rückgehenden Schiffe tragen. Nach seiner Abreise brach alles zusammen, Ordnung, Zucht, Pocahontas, Indianerfrieden, Virginien.

Ihren Schwager und Schwieger, den weißen Mann hatten die roten Männer unbedingt respektiert; die weißen Memmen verachteten sie. In wenigen Tagen waren die Vorräte ratzerein aufgefressen; und sie, die Indianer, sie sollten natürlich wieder liefern, immer nur liefern. Sie dachten auch gar nicht daran. Opechancanough wetzte den Tomahawk. Was vor den Wigwams herumbettelte, wurde einfach erschlagen wie ein Köter. Der rote Mann jagte, der rote Mann zog seinen Mais, warum wollte und konnte der weiße Mann das nicht auch tun? Es war der berühmt furchtbare Winter und Frühling der »großen Not«. Der Name ist unverdient; Not braucht es in Virginien überhaupt nicht zu geben. 56

Es reifte der Plan, dem halbverhungerten Rest den Garaus zu machen. Wieder war Pocahontas der Schutzengel. In einer schwarzen Sturmnacht kam sie mit ihrer Warnung vor dem im Keime verfallenden Jamestown an. Sie rettete Sterbende, die es eben nicht besser gewollt. Schon scheute man nicht mehr vor Menschenfleisch zurück. Vierhundertneunzig gut versorgte Männer hatte Smith verlassen; sechs Monate Anarchie und Laster rafften sieben Achtel hinweg. Was die neu eintreffenden Kommissäre und der Lord-Gouverneur im Juni des folgenden Jahres vorfanden, waren sechzig gerade noch lebende Leichname, sechzig bartstarrende schwankende Skelette.

Die Ankunft frischer Vorräte bewahrte die Niederlassung vor dem Untergang. Auch waren mit den letzten Schüben nun doch ein paar Handvoll wirklich brauchbarer, wertvoller, vernünftiger Menschen herübergekommen. Der Goldrausch hatte sich verflüchtigt. An Stelle des unproduktiven, erschlaffenden Kommunismus trat die normale, zu eigenem Erwerb anreizende und zwingende Wirtschaftsordnung. Man hätte nun daran denken können, die Indianer zu versöhnen und vor allem der guten Pocahontas die vielfache hohe Schuld mit Liebe zu verzinsen. Das besorgte für die anderen Kapitän Samuel Argall, ein Freibeuter, Seeräuber und Sklavenhändler, der nach Muster der beiden alten Seeteufel Drake und Hawkins alles, was erreichbare und nicht gerade britische Küste war, brandschatzte, Schiffe kaperte, und gerade damals, im Benehmen mit dem virginischen Gouverneur, die acadischen Niederlassungen der Franzosen zu belästigen übernommen hatte.

Wieder einmal im schönen Chesapeake vor Anker, vernahm Argall zu seinem Vergnügen, daß Prinzeß Pocahontas, ganz nach Art unserer hoch- und höchstgeborenen Damen, zwecks Luftveränderung und Zerstreuung im nahen Wigwam eines Potomakenhäuptlings namens Japazaws auf Besuch weile. Ein blanker Kupferkessel mit seinen ergötzlichen Hohlspiegelungen genügte zu Japazaws Bestechung, und der ungetreue Potomak entwarf alsbald einen unfehlbaren Plan. Mrs. Japazaws als Eva sollte im Anblick des ankernden Schiffes unwiderstehliche Neugier, Mr. Japazaws gerechte Empörung und Ehetyrann spielen: dann soweit nachgeben, daß er den begehrten Besuch unter einer Bedingung gestattete, wenn nämlich Prinzeß Pocahontas mit ihrem Ansehen die Freundin begleite. Der Anschlag gelang, Pocahontas ging in die Falle und wurde von Argall als gute Prise nach Jamestown geschafft – demselben elenden Jamestown, das sie so oft gerettet. 57

Man war so bodenlos unverschämt, vom alten Pohattan nun auch noch ein ausgiebiges Lösegeld zu fordern, indem man ihn gleichzeitig des Diebstahls an weißem Eigentum beschuldigte. Unglaubliche Dreistigkeit: als Bettler und Strolche waren die Bleichgesichter gekommen, von den milden Gaben der Indianer hatten sie sich gefristet, nun raubten sie das Königskind und verdrehten die Wahrheit. Der greise Fürst der Wildnis, im tiefsten erbittert, würdigte das niederträchtige Geschmeiß gar keiner Antwort. Ja, ja, Bruder Opechancanough, hast Recht gehabt, tausendmal Recht. Mochte das unbelehrbare Fräulein nun sehen, wohin ihm seine verräterische Fremdenvorliebe geholfen.

Ein gewisser kleiner allbeliebter Gott und bekannter Meisterbogenschütze schaffte Rat. Seine süßvergifteten Pfeile hatten leichtes Treffen: noch gab es fast keine Weiblichkeit in der Kolonie. Die berühmte Einfuhr dieses auf längere Dauer denn doch schwer entbehrlichen Artikels begann erst mehrere Jahre später, nachdem das Rauchkraut trotz König Jakob kurant geworden und der jungfräuliche Knaster gegen den mitunter wohl auch starken Tobak importierter Jungfräulichkeit ausgetauscht werden konnte. Kurz denn, ein netter junger Edelmann, John Rolfe, verliebte sich ehrlich und ernstlich in die arme verratene Pocahontas, unterwies sie in den elementaren Tücken der Kultur und im sogenannten Christentum, ließ sie auf den schöner sein sollenden Namen Rebecca taufen und führte sie mit Einwilligung des wieder einmal umgefallenen Papa Pohattan ehelich unter sein Hüttendach. Von nun bis zu des alten Fürsten Heimgang in die ewigen Jagdgründe herrschte zwischen Weiß und Rot Frieden.

Aber der unglücklichen Waldprinzeß harrte nach kurzen Flitterwonnen noch manche Prüfung. Gehorsam folgte sie ihrem Herrn und Gebieter John nach dem fernen fremden England, an den königlichen Hof, wo man sie mit offenen Armen aufnahm, ihrer hohen Herkunft würdig feierte und förmlich verzog. Allein die Welt ist klein, der Zufall herzlos; eines Tages begegnete sie unvorbereitet dem anderen, ihrem wahren John, dem alten, dem unvergeßlichen, den sie all die langen Jahre her tot geglaubt. Die Erschütterung war groß; dem harten Krieger perlte es heiß in den grauen Bart, Pocahontas bedeckte mit beiden Händen ihr Antlitz wie eine empfangene Todeswunde und wandte sich schweigend ab. Nach und nach gewann sie ihre indianische Fassung wieder; Smith, im Innersten gerührt, redete ihr gut zu, sie überwand sich, blickte ihn an und fand mit zartestem Takt selbst das 58 rechte Wort für das neue Verhältnis; den sie einst ihren Geliebten genannt, verehrte sie jetzt als ihren Vater.

Nicht lange mehr sollte sie leiden. Das Heimweh zehrte an ihr, das unheilbare Mal sickerte. Jetzt zogen die Gänse vom Lande der Lenape herab über Wälder und Wasser, über Attanough-komouk, die Heimat – wie damals, wie damals! . . . Nachdem sie ihrem Gatten einen Sohn geboren, starb sie plötzlich, trotz Liebe, Schmeichelei, Prunk einsam im englischen Nebel, mitten unter den Vorbereitungen zur Rückreise, noch nicht volle zweiundzwanzig Jahre alt. Der kleine Thomas aber gedieh und wurde der Stammvater vieler hochangesehener amerikanischer Familien, die das Gedächtnis ihrer edlen indianischen Ahnfrau mit Stolz und schuldiger Ehrfurcht pflegen. –

Zwei Jahre später, 1618, folgte Vater Pohattan seinem Schmerzenskinde in die Fluren des großen Geistes. Opechancanough trat die Herrschaft an; jetzt endlich konnte er den Plan seines Lebens verwirklichen. Der Weißen wurden immer mehr; schon zählte die Kolonie viertausend Köpfe, achtzig größere und kleinere Ansiedlungen. Der Indianer las sein Schicksal von der Stirn jedes neuen Ankömmlings; der gesunde Selbsterhaltungstrieb zückte den Tomahawk. Am 1. April 1622 brach der Sturm los. Gleich an diesem ersten Tage fielen 350 Opfer. Jamestown und die nächsten Niederlassungen wurden von einem bekehrten Roten rechtzeitig gewarnt. Zweiundsiebzig von den achtzig Weilern und Einzelhöfen gingen in Flammen auf. Was noch flüchten konnte, rettete sich nach dem Hauptdorf. Natürlich rüstete man zur Vergeltung. Die Indianer hatten verräterisch gehandelt, Opechancanough noch wenige Tage vor dem Gemetzel seine unverbrüchliche Freundschaft beschworen, einzelne Krieger am Morgen des Blutgerichts selbst unter gewohnten Zeichen des Friedens die Hütten betreten; aber waren sie nicht im Recht; . . . diese Wälder nicht die ihren? . . . diese Taten nicht die Früchte böser Saat? . . . Furchtbar wütete unter ihnen die Gegenrache; schockweise, sagt der Chronist, wurden die Wilden am James- und Yorkflusse hingeschlachtet. Es ist immer wieder dasselbe Bild, von Opechancanough und »König Philipp« bis herab zu Sitting Bull und dem Ehrentage von Wounded Knee, und das Ende jedesmal die Vernichtung einer schuldlosen gereizten Nation.

Für den Augenblick zwar wurde Pocahontas' todgeweihtes Volk vor völligem Untergange noch bewahrt. Das Gespenst der Seuche erhob sich riesenhaft aus brausenden Dünsten der Sümpfe und fiel den 59 weißen Henkern in den Arm. Binnen drei Monaten war die Kolonie von viertausend auf zweitausendfünfhundert, zwei Jahre später auf achtzehnhundert »Seelen« gesunken. Sie erhob sich wieder, blühte von neuem und zehnfach üppiger, versamte sich hundertfältig, verschlang Wälder und Wild. Nichts blieb dem indianischen Patrioten als die Wahl zwischen Hunger und Heldentod. Noch einmal schickte der uralte Opechancanough die blutigen Pfeile von Dorf zu Dorf, von Stamm zu Stamm. Es war im Jahre 1644, unter der Regierung des feinen und eleganten Sir William Berkeley, jenes hervorragenden Gouverneurs, der in seiner langen Amtsführung (1641–1677) Virginien den Stempel stuartschen Kavaliertums aufprägte, »merry old England« vor den finsteren Puritanern nach der neuen Welt rettete. Eben damals auch vermehrte der englische Bürgerkrieg die Kolonie fast täglich um königstreue Flüchtlinge, größtenteils Edelleute und deren Familien. Schon mochte die weiße Bevölkerung achtzehntausend Köpfe, also gewiß dreitausend waffenfähige Männer zählen. Da war die gute rote Sache von vornherein aussichtslos und entschieden.

Zwar der erste berauschende Erfolg war, wie immer und natürlich, auf Seite des Überfalls. Brandschein rötete die Frühlingsnächte, Beil und Messer feierten ein grauses Opferfest. Dann kam der Stillstand, die Sammlung, der übliche Gegenschlag. Dreihundert Indianer fielen, Opechancanough wurde gefangen und nach Jamestown gebracht, wo die haßverblendeten feigen Sieger ihn in einen Pferch oder Käfig sperrten und der öffentlichen Mißhandlung überließen. Noch hatte der greise Sachem, von neunzig Wintern gebeugt, die Kraft, den Gouverneur vor sich zu fordern und ihm einige Worte bitterster Wahrheit zu sagen; dann ward er erlöst und folgte den Seinen nach den Jagdgründen der unverlierbaren großen Heimat. –

Das Volk Pohattans war vernichtet; sein Feuer verlosch, seine Sprache verklang. Nichts hatte es verbrochen, als daß es Attanough-komouk, sein Vaterland, geliebt und damit den »fremden Männern mit den großen Dingern«, einer Horde von Dieben und Schmarotzern, daß es den sogenannten Christen im Wege gewesen. In Pocahontas' Gedächtnis aber lebt es fort bis auf diesen Tag, und wer ahnt, wie nah uns die Stunde, da des uralten Opechancanough Fluch sich schaurig gerecht an uns erfüllt – der Fluch all der Verdrängten, Beraubten, Ausgerotteten, Begrabenen, Vergessenen, die dereinst irgendwo über uns zu Gericht sitzen werden und deren Geisterrache vielleicht heute schon in unserem Schicksal webt und wirkt. – 60

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Um 1700, rund zweihundert Jahre nach Neuentdeckung des nordamerikanischen Festlandes, lebte fast keine mehr von all den Algonkinnationen der Ostküste zwischen Kap Hatteras und Cap Breton in ungebrochener, ungefährdeter Kraft. Einem einzigen dieser Stämme war es beschieden, wenigstens einen Teil einstiger Macht und Geltung zu behaupten und nach neuen Jagdgründen im Inneren zu retten: dem berühmten Volk der Leni-Lenape, deren Name – wie der so vieler Naturvölker – einfach »Menschen« bedeutet und die sich, nicht ganz mit Unrecht, als die Stammväter aller Indianer überhaupt bezeichnen.

Das Wahre daran ist, daß die Lenape zusammen mit den Schawano (Shawnee, Schawanesen) und vielleicht noch anderen Stämmen die Vorhut jener ungeheuren algonkinischen Südwanderung gebildet haben, deren ihre eigene bildschriftliche Überlieferung, das 1820 aufgefundene Walam Olum, die »rote Einritzung« gedenkt. Auf diesem Zuge, erzählt die Chronik, hätten sie die gewaltige Nation der »Talligewi«, sagenhafte Ureinwohner der Ohiolandschaft, in schweren Kämpfen besiegt, gesprengt und verdrängt; nach erfochtenem Siege zogen sie mit ihren Bundesgenossen den Susquehannah hinunter bis an den Ozean. Der heutige Staat New Yersey und das südöstliche Pennsylvanien entsprechen etwa ihrem Machtrevier. Um 1650 gerieten sie in Reibung mit den nördlich benachbarten, maßlos herrschsüchtigen Irokesen; sie unterlagen und sollen von den Siegern »zu Weibern gemacht« worden sein, eine mißverstandene Sage, die vielleicht nur auf eine Aufnahme der Besiegten in die mutterrechtliche Verfassung der Sieger anspielt. Dagegen hatten sie im Verkehr mit den Weißen anfänglich seltenes Glück. Das Bleichgesicht, das zu ihnen kam, war der gute, friedfertige William Penn, der »Onas« ihrer Sprache. Penn hatte seine Leute schon zum voraus strengstens angewiesen, den Indianern freundlich zu begegnen und sich an ihrem Eigen unter keinen Umständen zu vergreifen. Der Befehl wurde pünktlich eingehalten, Quäker und Rothaut wurden wirklich und für alle Zeiten Brüder. Beim berühmten Vertrag »unter der Ulme« – 1682 – setzten die ernsten Häuptlinge dem »Onas« zum Zeichen seiner Friedenswürde einen Kranz aufs Haupt; das Gewind blieb ein Symbol dauernden philadelphischen Verhältnisses. Nie hat die rote Hand mutwillig oder wissentlich Quäkerblut vergossen.

Aber nicht alle Engländer waren Quäker, geschweige denn Penns. Vor überhandnehmender Einwanderung und Verödung der Wälder wich schon zeitig eine bedeutende Zahl lenapischer Unterstämme über 61 die Berge zurück und siedelte sich nach längerem Schweifen im Huronenlande am Muskingum an. 1768, nach dem großen Kolonialkriege, der die Lenape – wie die meisten Algonkin – auf seiten der Franzosen sah, folgte der Rest. Später wurde die Nation Freundin der Engländer und grimmige Feindin der Amerikaner. Nicht ohne Grund. Jene ihrer Brüder, die sich von »mährischen« Missionaren zum Christentum hatten bekehren lassen, wurden von amerikanischem Miliz und Grenzerpöbel aufs scheußlichste hingeschlachtet. Was nach solch unsühnbaren, niederträchtig feigen Bluttaten die Indianer vom »Gott der Liebe« und der Taufe hielten, läßt sich leicht denken und – nachfühlen. »Um euretwillen wird mein Name gelästert unter den Heiden.«

Fast mythisch berühmt ist der große alte Lenape-Chef Tamenund, dichterisch verewigt in Coopers »Mohikaner«. Im Namen von Tammany-Hall, jener unheimlichen allmächtigen Organisation, und in deren Abzeichen, dem Hirschwedel, lebt das Gedächtnis des sagenhaften umdämmerten Sagamore fort. Andere bedeutende Häuptlinge der Nation waren »Hirschtöter«, Shingas, »Schildkrötenherz« und der finstere unbeugsame Bukongehelas, geschworener Feind der Amerikaner. –

Die Shawnee, Shawnoe oder Schawanesen, einst Wandergenossen und auch später treue Freunde der Lenapen, hatten harte Schicksale zu bestehen. Nirgends weilten sie lange. Die Cherokesen vertrieben sie aus den Rohrbrüchen des heiligen Kentucky und jagten sie über den Ohio, die Irokesen verdrängten sie vom Ohio und scheuchten sie südwärts über die Berge zu den Catawba, die Catawba wiesen sie aus und schoben sie noch weiter südwestwärts zu den gastfreundlichen Creek in der Golflandschaft. Aber hier fühlten sich die Shawnee als Algonkin vereinsamt, als harte Nordleute nicht wohl. Sie brachen abermals auf und zogen gen Mitternacht zurück an ihren alten Ohio, an dessen Nebenflüssen sie nun wenigstens ein paar Jahrzehnte verblieben, bevor die anbrandende Zivilisation sie mit so vielen anderen entwurzelten Stämmen nach Westen fegte und verwehte. Diese Unstetheit hat den Charakter der begabten Nation verdüstert. Von allen Indianern waren die Schawanesen wohl die unversöhnlichsten Feinde der Weißen überhaupt. Aus allgemeiner Algonkin-Überlieferung hielten sie solange es ging mit den Franzosen; später mit den Engländern gegen die Amerikaner. Geliebt haben sie keinen dieser falschen Freunde. An Heldenruhm überstrahlen sie alle Völker der westlichen Wildnis, auch die 62 Irokesen und Sioux. Schon ihr Häuptling Cornstalk (»Maisstengel«) ragt an »König Philipp« oder Canonchet heran. Im Erben seines Gedankens gipfelt die indianische Geschichte mit all ihrer bitteren Urtragik. Es ist der Shawnee Tecumseh, ohne Vergleich der größte Mann der roten Rasse, ein Führer, um dessen Geist, Kraft, Gesinnung manche europäisch Nation die armen »Wilden« beneiden kann.

Lenapen und Schawanesen vermitteln zwischen dem schmalen Saum der südöstlichen, atlantischen und der großen Masse der nordwestlichen, kanadischen und hudsonischen Algonkin. Vom Muskingum westwärts an den Nebenflüssen des Ohio bis zum Mississippi, an den tausend Wassern von Wisconsin und Minnesota, rund um die großen laurentischen Meere, auf deren Halbinsel und Landrücken, weiter hinauf an den ungezählten Seen der Tundren und Wolfswälder von Keewatin und Ungawa, im fernsten Westen der Saskatchewan-Prärie rauchten ihre Winterdörfer. Ausgestorben sind sie noch heute nicht. Manch ein schimmernder Nerzmantel, manch schneeflaumduftiger Weißfuchs, manch ein molliger Skunkskragen, manch wärmendes Bisamfutter stammt, vom Agenten der Hudsons-Bay-Company auf einsamem Fort am Missinaibi oder Mattagami gesammelt, aus der Jagdbeute armer Algonkin-Indianer vom Stamme der Maskegon oder Nenenot.

Nachbarn der Lenapen und Schawanesen waren die Völker des Miámibundes, in ihrer Gemeinschaft gewöhnlich Twightwees genannt, bestehend aus den Miámi, Piánkeshaw, Weas oder Wichiawta und Picqualennies. Bundeshauptstadt dieser mächtigen Konföderation war Picqua am Miámi-Fluß, ein ganz ansehnlicher Ort. Den Amerikanern haben die Miámi-Nationen viel Leid zugefügt und zu schaffen gemacht. Ihr bedeutendster Häuptling war Mitschikiniqua, »kleine Schildkröte«, ein Mann vom Schlage des »Königs Philipp«, Besieger mehrerer amerikanischer Heere und Generale.

Die weiten Räume westlich der Twightwees, die Landschaften am Illinois, am Wisconsin, im ganzen Winkel zwischen Seen, Ohio und Mississippi wechselten noch in den Zeiten der amerikanischen Geschichte mehrfach ihre Besitzer. Zur illinesischen Gruppe gehörten die Kaskáskias, Cahokias, Tamaruas, Peorias und Mitschigamis; eine Art von Zwillingsnation bildeten die Kickapooh und die Mascoutin oder das »Volk des Feuers«; eine andere die Sacs und Foxes, diese auch Outagamis genannt. Allen diesen Algonkinstämmen gemeinsam war eine 63 starke Vorliebe für die frühe gekannten und meist freundlich aufgenommenen Franzosen und ein ebenso ausgesprochener Haß gegen die Engländer, den sie später auf die Amerikaner übertrugen.

Im Süden der ungeheuren Halbinsel zwischen dem Michigan- und dem Huronsee, am St. Clair über dem heutigen Detroit und an der Saginaw-Bucht wohnten die Ottawa, ein Algonkin-Volk, das erst ziemlich spät von den Ufern des nach ihnen benannten Stromes im kanadischen Nordosten die andere Halbinsel zwischen dem Huron und dem Ontario und Erie heruntergewandert oder auf einer der zahllosen Wasserstraßen herübergeschifft war. Den Franzosen waren die Ottawa ganz besonders treu zugetan. Jesuitenmissionare hatten frühe unter ihnen gewirkt, Waldläufer sich ihnen angeschlossen. Ja, diese Indianer standen und fielen geradezu mit ihren französischen Freunden. Nach dem großen Kolonialkriege, der Frankreich seine kanadischen und louisianischen Besitzungen nahm, erhoben sie sich für ihre besiegten weißen Brüder und organisierten unter ihrem genialen Häuptling Pontiac, dem bedeutendsten unter den Vorläufern Tecumsehs, jene großartige allrote Verschwörung, die den britischen Eroberer nochmals viel Blut und schwere Anstrengungen kostete.

Ihnen nahe standen die in der blutgeschriebenen Grenzchronik freilich oft genannten Pottowatomies und deren berühmte Zwillingsnation, die mächtigen, weit ausgebreiteten Chippeways oder Chippewas, die Tschippewäer unserer »Indianerbücher«, Odschibwä oder Odjibewe in ihrer eigenen Sprache. Die Pottowatomies bewohnten den Süden des heutigen Wisconsin, als Nachbarn eines eingesprengten, sehr unruhigen Siouxstammes, der Winnebago in der Gegend des heutigen Milwaukee, Sheboygan, Manitowoc; die Chippeways, ungemein zahlreich, beherrschten den ganzen oberen See von der Tequamenen-Bai bis zum Fond du Lac, die westlichen Wälder bis zu den Quellen des Mississippi, den kanadischen Norden bis zum Nipigon und dem Lac Seul. Aus ihrem Lebenskreise stammen die meisten unserer volkstümlichen Vorstellungen vom Indianertum schlechthin. Mit ihnen verkehrten, unter ihnen lebten von alters her die französischen Jesuiten, Waldläufer und Pelzhändler; von ihrer Sprache aus erforschte und studierte man das Algonkin; bei ihnen bildete sich das bunte Volapük der späteren Grenze, des »fernen Westens«. Sie waren das algonkinische Zentral- und Normalvolk. Ihre Mundart lebt unsterblich in zahllosen Ortsnamen des kanadischen Ostens fort. Mit ihren Nachbarn, den »sieben Ratsfeuern« der Sioux, den Nandoési ihrer 64 Sprache, führten sie einen beinahe zweihundertjährigen, meist unglücklichen Krieg um die wildreichen Jagdgründe des »Coteau du Grand Bois«, vielleicht sogar um den Besitz der heiligen Pfeifensteinbrüche, dann aber überhaupt um die Grenze. Obgleich besser bewaffnet und geschickter in manchen Fertigkeiten der Wildnis, unterlagen sie schließlich dem unwiderstehlichen frischeren Erbfeind, ohne deshalb die eigenen weiten Stammreviere aufzugeben.

Die Sioux waren damals die unverbrauchten Makedonen des Nordwestens; der Tschippewäer Stärke dagegen lag nicht so sehr in den Künsten des »unreinen Pfades«, sondern in denen der Kultur und Technik. Sie verfeinerten den Kanoebau und brachten es in der indianischen Binnenschiffahrt zu unerhörter Meisterschaft; sie pflegten die Bilderschrift und die Überlieferungen ihrer uralten Geheimbünde; in der Bearbeitung des Wildleders übertrafen ihre Weiber die Töchter aller anderen Nationen, und schon deshalb wurden sie von den Sioux mit Vorliebe geraubt. Einen wirklich bedeutenden Häuptling aber vom Range des Ottawa Pontiac, des Schawanesen Tecumseh oder auch nur das Seminolen Osceóla haben diese Mystiker und Magier des Urwalds nicht aufzuweisen, sowenig wie die hochgebildeten, geheimnisvollen Etrusker einen Viriathus oder Jugurtha. Einzig ihr Sachem Neikimi brachte es zu örtlichem Ruhm; im eisigen Pembina am Red River hört man noch heute seine denkwürdig grausige Lebensgeschichte erzählen. Trotzdem erhielten sich die Chippeways zäh und anpassungsfähig in ihrer geliebten Heimat, und auch heute sind sie noch nicht gänzlich ausgestorben.

Fern in Hochprärien des Westens, im Abendschatten der schwarzen und der Wolf-Berge, mitten zwischen Sioux, Shoshonen und Pawnees, lebten und jagten noch im zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts kräftig und frei zwei weit abgesprengte Algonkinvölker, die Cheyenne und Arapaho, jetzt beide so gut wie erloschen oder vielmehr ausgelöscht. Im Norden waren die algonkinischen Blackfeet, die berüchtigten »Schwarzfußindianer«, bestehend aus den drei Gruppen der Siksekai, Kaena (Blutindianer) und Piekann gleichfalls bis an die Wälle der namenlosen Wildgebirge, bis unter den Krähennest- und den Kootenay-Paß vorgedrungen. In den ungeheuren Ödnissen zwischen dem Saskatchewan, dem Churchill und der Hudson-Bai am Abbitibbi und in den kalten Einsamkeiten von Labrador, hier in der Urheimat der Algonkin schweifen die letzten Horden der einst mächtigen, breitentfalteten Völkerfamilie, soweit nicht weiße Habsucht und 65 Vergeudung der Naturschätze sie auch aus diesen Jagdgründen verdrängt, die Ausdünstung der fremden Rasse sie vergiftet und verbrannt hat.

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Rätselhaft eingekeilt in die ungeheure algonkinische Völkermasse, ein harter wachsender Fremdkörper im Fleische jener nordischen Nationen, so wohnten sie schon zu Champlains, und wahrscheinlich auch zu Cartiers Zeiten in den Adirondackbergen, am oberen Hudson, am Mohawk, an den kleinen Seen im Süden des himmelgroßen Ontario: die »Römer der Wildnis«, die »Indianer unter den Indianern«, die Irokesen.

Sie verdienten ihre stolzen Beinamen. Unter allen roten Männern waren sie die am weitesten vorgeschrittenen, die zähesten, die staatsfähigsten. Wie jene sagenhaften Hirtenkönige Italiens bauten sie rohe Städte in die Urwälder, und von diesen rauchgebräunten Städten aus unterwarfen sie ihre Nachbarn, indianische Sabiner, Vejenter, Samniter. Man fürchtete sie wie Gift. Ihr Wort gebot weit hinaus über ihr eigenes kleines Kernreich. Wohin ihr Tomahawk traf, da wuchs kein Gras mehr. »Die Mohawk, die Mohawk!« riefen bei ihrem Erscheinen die Stämme am Connecticut, und ganze Dorfschaften flüchteten vor ihnen in die Wildnis.

Aus dem Südwesten, vom Mississippi herauf waren sie gekommen. Die Witchita am Red River, die Pawnees am Nebraska, die Arikara in den Missouriprärien gehörten zu ihrer Verwandtschaft. Erst drängten sie bis zu den großen Seen, bis zum Lorenzstrom durch, eingebohrt in eine ältere, heute versunkene Kulturschicht. Dann wurden sie von der algonkinischen Südwanderung entzweigerissen. Die Cherokesen, friedlicher geartet, zogen sich in die alleghanischen Hochtäler zurück; die Tuscarora trieb der Sprengdruck bis an die Küste von Carolina; die Kernstämme aber setzten sich in der Landschaft des heutigen Staates New York – mit Ausnahme des südlichsten Winkels – fest und ließen Lenapen und andere Wanderer an sich vorbeiströmen.

Diese Kernstämme nun sind die eigentlichen Irokesen, die Iroquois der Franzosen, die Mingos der Lederstrumpfromane, die Konoshioni der eigenen Sprache, die »fünf« oder – später – »sechs Nationen« der amerikanischen Geschichte, von allen indianischen Völkerbünden der einflußreichste, tatkräftigste und dauerhafteste. 66

Als »Mingos« oder »Magnas« bezeichneten Lenapen und andere Algonkiner zunächst die Mohawks, die erste jener klassischen Nationen. Sich selbst nannten die Mohawks »Kayingehága«, die Hüter des Feuersteins. »Magua« oder »Maqua« bedeutet in ihrer Sprache dasselbe wie das »Miko« der Creek und Choctaw: Häuptling. Im Feindesmunde wurde es ein Schimpf. Der Hauptsitz der Mohawk lag am Flusse ihres Namens; zu ihrem Gebiete gehörte auch der kleine Quellsee des Susquehannah, der Otsego, Schauplatz zweier von Coopers unsterblichen Lederstrumpfromanen und zum Teil seines eigenen allzukurzen Lebens.

Die zweite der ursprünglichen fünf Nationen waren die Oneida, das »Granitvolk«, angesiedelt am gleichnamigen See, der heute dem Eriekanal als Staubecken dient; die dritte das »Bergvolk« der Onondaga, bei denen das große Ratsfeuer brannte, die Hüter der Verfassung und Tradition. Ihnen folgten die Cayuga, die »Söhne des finsteren Waldes«, diesen die unzähmbaren wilden Seneca, die »Kinder der Hügel«, beide an Wassern ihres Namens. Als Stifter des Bundes verehrten die Irokesen den von Longfellow dichterisch verherrlichten Heros Hiawatha. Die Konföderation scheint um 1540 unserer Zeitrechnung unter drohendem algonkinischem Druck abgeschlossen worden zu sein; sie erhielt sich bis ins neunzehnte Jahrhundert hinein, ja sie macht sich in neuester Zeit wieder mit modernen Kampfmitteln, denen des Prozesses, bemerkbar. Um 1715 nahmen die Irokesen noch die von den Cherokesen und Catawbas vertriebenen Tuscarora als sechste Nation in ihren engeren Verband auf. Den selbständigen, in ihrer Bergfreiheit zufriedenen Cherokesen blieben sie trotz alter Verwandtschaft seither immer todfeind.

Todfeind waren sie überhaupt allen und allem; was nicht streng und straff irokesisch, bekam ihre Beile zu fühlen. Dieses Schicksal traf zunächst ihre eigenen Vettern, die tragisch-berühmten, sympathischen Huronen oder Wyandot, die noch Cartier im Jahre 1534 als mächtige Gebieter am Lorenzstrom kennen lernte, während Champlain 1608 sie schon in schwere Kämpfe verwickelt fand. Daß der Franzose der verhaßten huronischen Sippe half und ihnen selbst mit seinen erschreckenden Donnerbüchsen eine erschreckende Niederlage beibrachte, haben die Irokesen ihm und seinen Landsleuten nie vergessen. Von den befreundeten Holländern auf Manhattan und im Hudsontal verschafften sie sich später selbst Schießgewehre und im Jahre 1649 eröffneten sie einen allgemeinen Vernichtungskrieg gegen den 67 Wyandot-Bund am Lorenzo und an den Seen. Es war der peloponnesische Krieg der Indianer; es ging um die Vorherrschaft zu Mokassin und Kanoe. Die harten Spartaner siegten. Die Huronen wurden trotz tapferster Gegenwehr vernichtend geschlagen, teils niedergehauen, teils zwangsweise irokisiert, teils vertrieben. Dennoch behaupteten die Wyandot noch längere Zeit die Oberherrschaft oder sozusagen Gerichtsbarkeit über das Land zwischen dem Ohio und den Seen, die kanadische Halbinsel und die Landschaft zwischen Ottawa und Lorenzstrom.

Die Huronen, die nördlichste Gruppe der Gesamtnation, hatten beim irokesischen Nordmarsch ohne Zweifel die Spitze gebildet, wie die Lenapen für die Algonkin. Französische Jesuiten hatten bei ihnen sehr frühe und beinahe mühelos Erfolg. Im Huronenlande zwischen den großen Seen und dem Ottawa erstanden die ersten nordamerikanischen Missionen und Wildkirchlein. Ein unerschrockener frommer Huronenhäuptling, der den kühnen Pater Jouges zu den Mohawks begleitet, starb Seite an Seite mit dem gemarterten Ordenshelden den Zeugentod in den Flammen. Um jene ältesten Niederlassungen der Gesellschaft Jesu, St. Ignatius und St. Louis, tobte der grimmige Kampf zwischen den fünf Nationen und den christfreundlichen Wyandots. Nach Niederlage ihrer treuen Beschützer wurden die Missionsdörfer ein Raub des Feuers, ihre Bewohner, mehrere hundert an Zahl, Opfer des Tomahawk und des Skalpiermessers. Die Glaubensboten, Pater Brebeuf und Pater Lallemand endeten als Heilige unter der indianischen Folter, jener nach drei-, dieser nach siebzehnstündiger Qual. . . . Die französischen Besatzungen am Lorenzstrom wurden von den »fünf Nationen« noch mehrmals furchtbar heimgesucht, so besonders im ersten Kolonialkriege oder »König Wilhelms Krieg« (1688–1697); das »Blutbad von Montreal« (1689) mit seinen 1000 französischen Opfern gehört zu den großen Katastrophen der altamerikanischen Geschichte. Aber Gouverneur Frontenac, dieser prachtvolle alte Marquis der Wildnis, vergalt es den englischen Kolonien nach Kräften und Noten, und die immer noch starken Reste der Huronen bewahrten ihm wie den Vätern der S. J. unbedingte Anhänglichkeit. Noch im Jahre 1763, als die Jesuitenmissionare das von den Engländern eroberte Kanada verlassen mußten, deckte eine Heldenschar goldtreuer Huronen in dreitägigem Gefecht ihren Abzug gegen eine weit überlegene Horde mordgierig verfolgender Irokesen bis auf den letzten Schuß Pulver, Blutstropfen und Mann. 68

Das huronische Herz gehörte nun einmal den Franzosen, das irokesische den Engländern. Selbst die Muß-Irokesen unter den Wyandot und anderen huronischen Stämmen machten die Politik ihrer Zwingherren nur widerstrebend und schielend mit. So werden unter Coopers »Mingos« wahrscheinlich immer Wyandot zu verstehen sein: »Le Renard subtil«, der finstere Magua im »Letzten Mohikaner« ist ein ausgezeichnetes Beispiel dieses für Nichtkenner kaum verständlichen Verhältnisses; aus dem Führer einer englischen Reisegesellschaft wird er deren Verräter und Feind. Die Wyandot am Ohio wurden ja auch geradezu »Klein-Mingos«, ihr jeweiliger Chef der »Halbkönig« genannt. Zu jener Zeit, in den Tagen der Kämpfe um Fort William, Henry und Ticonderoga war »Halbkönig« der kluge und vornehme Tanacharison; vielleicht hat er Cooper zum Modell seines düsteren Magua gedient. Der Tuscarora »Pfeilspitze« im »Pfadfinder« spielt eine ganz ähnliche Rolle. Mitunter schwenkten auch die fünf Nationen oder wenigstens einige von ihnen ganz plötzlich ins andere Lager über, so besonders die Seneca, am seltensten die englandtreuen Mohawks. Krieg mußte der Irokese eben um jeden Preis haben; es war ihm schließlich gleich, mit wem zusammen er »den Tomahawk erfaßte«. Gesengt und skalpiert mußte sein. Das unterschied ihn von allen anderen Indianern, auch von seinen eigenen Verwandten. Der Chippeway, der Mascoutin, der Hurone war froh, wenn er einmal der Ruhe genießen, auf seinem Büffelfell sich strecken, friedlicher Jagd sich freuen konnte. Einzig der ewig unzufriedene, ewig unversöhnliche Schawanese glich in mancher Neigung und Eigenschaft seinem irokesischen Nachbarn und Feinde.

Denn feind war den »fünf Nationen« die ganze übrige indianische Welt: wie einst die altitalische den sieben Hügeln, die hellenische dem herrschsüchtigen Sparta. Die Irokesen waren keine eigentlichen Jäger mehr, sondern Ackerbauern, Hirten und vor allem Eroberer. Nicht nach weißen Büffeldecken und Bärenzahnketten, nach Macht und Skalpen ging ihr Gelüst. Wohl eignete auch ihnen die stoische Ruhe der »roten Rasse«, die düstere Würde der Wildnis, aber hinter dieser Maske flackerte die unruhige Flamme ehrgeizigen Tatendranges, und die wohltuende beschauliche Trägheit des westlichen Kriegers war ihnen fremd. Wie ihr Wesen, ihr allgegenwärtig schweifendes Räubertum, ihre Stoßkraft, ihr Staatssinn, ihr Ausdehnungstrieb, ihr glühender Unternehmungsgeist, so erinnerte auch ihr prachtvoll lanzenschaftgrader stolzer Hochwuchs an die Normannen – jene selben Normannen, die 69 vielleicht noch im 14. Jahrhundert auf Vinland und Markland siedelten und derer die zünftige Indianerforschung geflissentlich immer wieder vergißt.

Sie wurden zur Geißel aller Völker zwischen den Seen und dem appalachischen Vorland, zwischen dem Mississippi und den Sümpfen und Sunden des Atlant. Die Spur ihres Kriegspfades lief vom Hudson bis an den Illinois im fernen Westen, bis an den Tennessee in den südlichen Alleghanen. Es entspricht räumlich den Vorstößen eines kleinen skandinavischen Volkes nach Spanien, nach Unteritalien und Sizilien, nach dem Balkan. Sie unterwarfen die Lenapen und zwangen ihnen vorübergehend ihre Politik auf. Sie machten sich die Schawanesen hörig und pflichtig. Sie züchtigten die cherokesischen Sippen und vernichteten die Catawba. Sie mischten sich in alle Angelegenheiten des Indianertums. Sie waren die mannhaftesten unter den roten Männern – und – – sie wurden von Weibern regiert.

Von Weibern, tatsächlich. Kein Schauerromanzier hat sich dieses fruchtbaren Moments bemächtigt; nur der klassische, unglaublich kundige Altmeister Cooper deutet das seltsame Verhältnis leise an. Gesellschaftsordnung und Verfassung der Irokesen waren streng und straff weiberrechtlich, mutterrechtlich. Auch bei anderen nordamerikanischen Nationen stand das Mutterrecht in Geltung; bei keiner hat es so konsequente Durchbildung erfahren.

Zelle der irokesischen Gesellschaft ist die »Ohwachira«, die Großfamilie, die gesamte männliche und weibliche Nachkommenschaft einer Frau. Drei bis zwölf solcher Großfamilien bilden ein Geschlecht. Mehrere Geschlechter eine Heiratsklasse. Zwei bis vier Heiratsklassen endlich den Stamm. Innerhalb einer Heiratsklasse gibt es keine Ehe. Frau oder Mann müssen in einer anderen Klasse oder in anderem Stamm gesucht werden. Dem Geschlechte, also drei bis zwölf »Großfamilien« zusammen, eignen bestimmte Personennamen, Gesänge und Tänze, ein gemeinschaftlicher Anteil am Gemeindeland, ein Mandat im Stammesrat, endlich eine gemeinsame Begräbnisstätte. Eine ganze »Heiratsklasse« zusammen feierte den Gottesdienst und überhaupt alle höheren Feste: sozusagen ein indianisches Kirchspiel. Vom Stammesrat – dem Landtag – ist der Bundesrat – das Parlament oder etwa Herrenhaus – mit fünfzig Häuptlingssitzen zu unterscheiden. Diese Häuptlingssitze waren mit bestimmten Großfamilienkreisen verknüpft und wurden von deren Müttern vergeben. Noch mehr: den Müttern gehörte das gesamte irokesische Land, gehörte das Haus, 70 gehörte die ganze Fahrnis, der Kessel überm Feuer, der Skalp auf dem Reifen, die Matte auf dem Boden, der Hornlöffel im Napf. Die Mütter entscheiden über das Schicksal der Kriegsgefangenen; über den Antrag des Freiers; über den »reinen« und »unreinen Pfad«. In ihrer Macht steht es, den Fremdling, den eingebrachten Feind in ihre Nachkommenschaft und damit in die Nation aufzunehmen, den vom Häuptlingsrat beschlossenen Feldzug zu verbieten, dem Geschlecht ihrer Ohwachira und selbst dem fernerstehenden ihrer Ehemänner kriegerische Unternehmungen, die Erbeutung von lebendigen Köpfen und toten Skalpen zu befehlen. Diese, die Skalpe, gehörten nämlich gleichfalls zur Ohwachira. Zur Not konnte die »Großfamilie« mit Schädelhäuten aufgefüllt werden. Ein zu den Kulten und Vorstellungen anderer Kopfjäger hinüberweisender Zug.

Die Krieger, die Häuptlinge waren nichts als Waffen in den Händen der Matronen. Man begreift den Ruf, die Erfolge, den Mut, die Unbeliebtheit der Irokesen. Megärenverfassung, die sich in manchen modernen amerikanischen Verhältnissen treulich widerspiegelt. . . .

Gleichwohl haben diese unheimlichen Mütter der »fünf Nationen« ihren Völkern eine stattliche Reihe überragender Häuptlinge geboren und ernannt: Garangula und »Rotkopf« von den Onondaga; Hiokatoo und Gi-engwa-tha (»der im Rauche geht«), den hundertjährigen »Maispflanzer« und den trotzigen Segoyewatha – bekannt als »Red Jacket« Rotrock – von den Seneca; den berühmten alten Hendrik und den furchtbaren Joseph Brant – eigentlich Thayendanega – von den Mohawk; endlich und vor allen Tah-gah-ju-te, von den Weißen John Logan genannt, den stolzen einsamdüsteren Cayuga, in dessen ergreifender Lebensgeschichte sich das ganze indianische Schicksal tragisch und dunkel ballt. Die Namen Hendrik und Brant verraten den altholländischen Charakter des Hudsontales. Mit Segoyewatha = Rotrock endet die dreihundertjährige Helden-, Schreckens- und Ruhmesgeschichte der »fünf Nationen«; er war der »Letzte der Irokesen«.

Im Gegensatz zu den milden Huronen und den großmütigen, nobel weitzügigen Jägerstämmen der westlichen Steppe waren dies fleißige, straff organisierte, »kultur«fähige Acker- und Städtebauer von geradezu schaudererregend blutiger Grausamkeit. Dem todgeweihten Opfer rissen sie das schlagende Herz aus der beilzerhauenen Brust und verschlangen es roh, noch zuckend in ihren Händen. Man 71 ahnt die Megären im Hintergrunde; man gedenkt aber auch der fürchterlichen Frögdisa, der Normannin, deren bluttriefend riesige Grimhildengestalt aus sagendunkler Frühgeschichte Amerikas gespenstisch herüberdämmert.

Die Forschung freilich schreibt diese Scheußlichkeiten der irokesischen Herkunft von Südnationen zu. Wahr ist jedenfalls, daß die mittelamerikanischen »Hochkultur«völker, besonders die vielbewunderten Azteken an Ritualmorden und überhaupt religiösen Bestialitäten alle anderen Bewohner der neuen Welt, vielleicht selbst die Karthager, Phöniker, Etrusker und die berühmten Kunstneger von Benin übertroffen haben. Blut, Blut und wieder Blut, herausgerissene Herzen, abgehackte Hände und Füße spielen die Hauptrolle in dieser barbarisch überladenen Fratzenkultur. Einzig die Indianer des pazifischen Nordwestens, die Selisch-Völker, ausgezeichnet durch stilistische Begabung, ornamentalen Sinn, stark entwickelte Holzbildhauerei, ausgeprägtesten Totemismus, unheimliches Geheimbundwesen und weithin duftenden Fischtrankonsum können sich mit den einstigen Herren von Tenochtitlan an Schrecklichkeit ihrer heiligen Gebräuche messen. Solche Zusammenhänge geben bös zu denken. Jenen Kannibalen und Schlächtern gegenüber steht der Prärieindianer in seiner adlerbefiederten Würde, steht der schlichte algonkinische Waldjäger von den Seen mit seiner bescheidenen Bilderschrift geradezu vertrauenerweckend, gemütlich und anheimelnd da. Es gibt nichts Mörderischeres als Kunst und Kult, nichts Reineres als Einsamkeit und Wildnis.

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Mit den Algonkin und den irokesischen Gruppen teilte sich noch eine dritte Völkerfamilie in die große Heimat östlich des »Meschecabé«, wie der Vater der Ströme zu alten Indianerzeiten geheißen die Muskoki und Mobile-Nationen in den heutigen Staaten Mississippi, Alabama, Georgia und auf der Halbinsel Florida.

Der interessanteste dieser südlichen Stämme, die sonnenanbetenden Natche – franz. Natchez – waren von den Franzosen schon im zweiten Viertel des 18. Jahrhunderts ausgerottet worden. Ihr Schicksal teilten wenig mehr als hundert Jahre später die Seminolen, deren zäher Heldenkampf gegen amerikanische Drehbüchsen und kubanische Bluthunde zu den denkwürdigsten Begebenheiten der indianischen Geschichte, deren feuriger Führer Osceóla zu den herrlichsten Gestalten der roten Rasse zählt. Weit länger erhielten sich die Creek, die 72 stets kriegerischen Chickasaw und die meist friedlichen, sehr zahlreichen Choctaw, die jetzt alle zusammen mit den Cherokesen in den blauen Hügeln von Oklahoma ihre Reste und ihr welkendes Dasein fristen.

Die Creek und die lange fast unbesieglichen Chickasaw haben den Amerikanern viel zu schaffen gemacht. Sie sympathisierten lebhaft und treu mit den Schawanesen, denen sie einst Gastfreundschaft gewährt, und ihr mächtiger »Miko« – muskokisch für Häuptling – Weatherford schloß sich mit Schwung und Erfolg der Bewegung des kolossalen Tecumseh an. Diese Creek-Chefs waren übrigens große orientalisch üppige Herren. Sich selbst nannten sie »Könige«, ja »Könige der Könige«, und wie Paschas und Sultane umgaben sie sich mit schwarzen Sklaven und einem Staat mischfarbiger Frauen, mit einem indianischen Lupanar. Enger Verkehr mit Franzosen, Kreolen, Spaniern, Engländern und entlaufenen Negern, das erschlaffende Klima, häufige Blutvermischung hatten sie frühe demoralisiert, freilich noch lange nicht bis zur Kampfunfähigkeit geschwächt. Selbst die Oberhäuptlinge der Creek waren nicht selten Halbblüter und hörten auf völlig europäische – wahrscheinlich wohl mulattische – Namen wie McGillivray und McIntosh; sogar kraushaarige und bärtige Männer gab es unter ihnen, wie übrigens auch unter den Comanchen. Der kühne, heißblütige Osceóla war der Sohn eines Engländers von einer Indianerin.

An den Küsten Georgiens und der beiden Carolinas lebten bis gegen Mitte des 18. Jahrhunderts noch einige kleinere Völkerschaften fremdferner, teils unerkennbarer Herkunft und Zugehörigkeit. Zurückgebliebene Reste der einst hier im Osten angesessenen, dann von den Fluten und Stauungen der großen Indianerwanderung auseinandergedrängten Sioux waren die Catawba, eng eingeschlossen zwischen Cherokesen und Tuscarora und doch von beiden gefürchtet, außerordentliche Krieger, die ihr Beil oft auf dem »unreinen Pfade« über die alleghanischen Berge mitten unter die »fünf Nationen« trugen. Von manchen dieser Catawba-Sioux weiß die Grenzgeschichte wirklich ungewöhnliche Stücke zu erzählen, so von einem ihrer Jäger, der von streifenden Seneca-Horden in den Wäldern überrascht und gehetzt auf der Flucht sieben seiner Verfolger niederschoß, endlich gestellt, gefangen, verschleppt, zum Marterpfahle verurteilt auf dem Wege nach der Folterstätte wieder ausbrach, unter Wasser entschwamm, im Kugelregen das steile Gegenufer erklomm, die nachstürmenden Feinde mit feierlicher Dankrede und »Whoo-Whoop«Schlachtruf verhöhnte; 73 nackt und unbewaffnet weiterlief, von den erbittert spurhaltenden Gegnern weitere fünf mit ihren eigenen Tomahawks niedermachte, ja jetzt sich noch die Zeit nahm, die Gräber seiner ersten sieben Opfer aufzusuchen, diese selbst auszuscharren, zu skalpieren und zu verbrennen, und dann erst, mit zwölf Trophäen geschmückt, nach seinem Heimatdorfe zurückkehrte.

Volkstreu trugen die Catawba den bekannten prachtvollen Feststaat ihrer Brüder in der westlichen Prärie, den Schmuck aus den Schwingen des »Mahsisch«, den sie nach Art ihres natürlichen Vorbildes, der grauenvoll wilden Harpyie oder eines anderen Haubenadlers, je nach ihrer Gesinnung steil aufgesträubt oder waagrecht anlegten. Auf den roten Nationalversammlungen zu Albany und Ft. Stanwix erregten ihre bis zur Mokassinferse niederschwebenden Federschleppen und ihre tiefernsten Feiergesänge allgemeine Bewunderung. Ihre Macht war durch irokesisches Übergewicht damals schon gebrochen, aber im gewaltigen Pontiac, der einer der Ihren gewesen und als Gefangener von den Ottawa adoptiert worden war, schenkten sie dem Indianertum eine seiner größten Persönlichkeiten. –

Von den verschollenen kleineren Stämmen des Appalachenvorlandes, den Yammassee, Uchee, Winyan und so weiter haben sich außer den gewöhnlichen Überfalls- und Tomahawkgeschichten keine Denkwürdigkeiten erhalten.

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Eine geschlossene Kultureinheit bildeten die indianischen Nationen des Ostens, bildete selbst die große algonkinische Familie nicht. Erleichterte auch das ungemein reich ausgebildete laurentische Wassernetz gütervermittelnden Verkehr wenigstens innerhalb einer bestimmten Landschaft, so bauten doch schon die langhinstreichenden alleghanischen Höhenzüge jedem Ausgleich einen Damm – ganz abgesehen von den sehr erheblichen klimatischen Unterschieden jener ungeheuren Räume, von der Ungleichheit nördlicher und südlicher, östlicher und westlicher Lebensbedingungen, von den wechselnden Zufälligkeiten der Herkunft, alter und neuer Beziehungen, der Nachbarschaft und der Abhängigkeit. Wirkliche Kulturen sind immer irgendwie – anfängliche oder spätere – Anpassungen und Abgrenzung; verflachte Gemeingüter weiter Kreise gehören der Zivilisation. 74

Auf drei höheren Gebieten allmenschlichen Bedürfnisses treten die indianischen Völkerfamilien zu einer gewissen Einheit zusammen: in ihren religiösen Vorstellungen, in ihrer Ordnung und ihrer Münze. In Gott, Gesellschaft und Geld – oder, es algonkinisch zu sagen: in Manitou, Totem, Wampum.

Aus algonkinischem Gemeingut nämlich stammt unsere Vorstellung vom Gotte des roten Volkes, vom »großen Geiste« Manitou. Nur, daß dieser beliebte und bekannte Manitou kein Gott ist, überhaupt kein »Er«, sondern ein unpersönliches, allgegenwärtiges Es, ein Inbegriff der Kräfte und Wirkungen, das sich in zahllosen kleinen Manitous, in den Genien und Dämonen der Dinge, Orte, Tiere, Menschen offenbart. So hat jedes Geschöpf, jeder Stein, jede Quelle, jeder Gegenstand seinen eigenen oder sein eigenes »Manitou«, seine Aura, sein Od. Indianischer Animismus kommt modernem Geheimglauben merkwürdig nahe. Irokesen und Sioux haben denselben Manitoubegriff; bei diesen heißt er »Wakan«, bei jenen »Orenda«. Von hoher dichterischer Anschaulichkeit ist die Lehre von einem Wirkungsbezug zwischen Tier und Natur: der Hase bringt das Morgengrauen, die Eule mit stillem Flug die Abenddämmerung, der Adler mit dem Braus seiner Schwingen erweckt den Donner. Als Herr des Lebens steht über der Schöpfung und ihren zahllosen »Manitous« der Erschaffer aller Dinge, der Kulturgott, der indianische Saturn oder Odhin, Nanabozho oder Mischabazo bei den Algonkin, Teharonhiawagon bei den Irokesen. Ihm, dem Licht-, Wärme- und Fruchtspender steht als natürlicher Feind gegenüber sein mächtiger winterlicher Bruder, Tschakenapenok bei den Algonkin, Tawiskaron bei den Irokesen, ein grauser Frostriese mit steinernem Messer, mit dem er sich aus dem Mutterleibe geschnitten. Tschakenapenok unterliegt; Nanabozho schmettert ihn zur Erde, aus seinen Gebeinen werden die Felsenberge; man denkt an unseren nordischen Ymir. Von geradezu großartiger Treffsicherheit ist die indianische Kosmogonie; im Anfang war das Meer, der Herr des Lebens schwebte über den Wassern. Gegenüber diesen imposanten klaren Gestalten erscheinen die Scheusale der mexikanischen, ägyptischen, indischen Götzenwelt krankhaft und lächerlich.

Außer seinem angeborenen Manitou geleitete noch ein anderer, in Bußübungen, Schicksalsträumen und seelischer Sammlung persönlich erworbener Schutzgeist den roten Mann durch die mancherlei Gefahren seines Daseins. Es ist die vielgenannte, viel mißverstandene 75 »Medizin« der westlichen Stämme, der oder das »Oyaron« der Irokesen. Alles kann »Oyaron« werden, die blaue Spottdohle, der blühende Magnolienstrauch, eine fallende Frucht, ein schimmernder Kiesel: alles, was selbst ein »Manitou« besitzt und mit diesem seinem Manitou dem Schützling im Kampfe gegen feindliche Manitou-Einflüsse beistehen mag. Das Abbild seines Oyaron oder dieses selbst trägt der Krieger nun lebenslang und unveräußerlich auf dem Leibe. Davon zu unterscheiden sind die niedrigeren Talismane oder Medizinbeutel, die Ochinakenda der Irokesen, käuflich, erblich, sogar verleihbar, unseren Amuletten und Berlocken gegen den »bösen Blick«, dem Glückspfennig, dem Ohrring der Südländer zu vergleichen.

Gottesdienste mit Musik und Maskentanz gab es bei allen Nationen und Stämmen. Im Norden wurde dazu gepaukt, im Süden getrommelt und mit Schildkrötenpanzern gerasselt. Auch das beliebte, von den Felsengebirgen bis zum atlantischen Osten verbreitete Schlagballspiel war eine religiöse Übung. Die Feste selbst folgten dem Kreislauf des Jahres und seinen Ereignissen, der Aussaat, der Ernte, der Jagd, der lenzlichen Wiederkehr. Neujahr beging man im erwärmenden Osterfrühling, bei den Irokesen mit der Opferung eines weißen Hundes, bei den Creek mit der Neuerbohrung des Feuers, ein poetischer, katholischer Karwochensitte merkwürdig nahekommender Brauch. Das wichtigste aller Feste war das des Grünkorns, selbst dort gefeiert, wo man Mais nicht mehr zog und mit wildem Wasserreis sich begnügte. Außerdem gab es noch allerhand nationale Kulte, zu Ehren der heiligen Lade bei den Cherokesen, der sieben heiligen Erzplatten bei den Creek, der heiligen Pfeife bei den Arapaho, der vier heiligen Pfeile bei den Cheyenne; ferner gewisse Bedarfs- und Notgottesdienste, Büffelbittänze, Regenbeschwörungen, Versöhnungs- und Bannliturgien; endlich periodische Feiern, wie das allzehnjährige Totenfest der Huronen.

Der beliebte »Medizinmann«, keineswegs immer nur der lächerliche Gaukler geist- und kenntnisloser »Indianergeschichten«, hat im Schicksal der roten Völker eine bedeutende Rolle gespielt. Es gab sehr verschiedene »Medizinmänner«, vom einfachen Charlatan und Possenreißer aufwärts bis zum Hypnotiseur, bis zum Meister der Inschau, bis zum weitblickenden Priesterhäuptling. Am tiefsten ausgebildet zeigte sich diese ganz schamanistische Hierarchie bei den mystisch veranlagten, nachdenklichen Chippeways. Die gewöhnliche kleine Dorfpraxis mit volkstümlichem Spektakel und Hokuspokus versieht 76 der »Wabeno«, der Zauberer niedrigsten Ranges; hoch über ihm steht der »Jessakid«, der Seher, der Wahrsager, der Bote okkulter Mächte, Verkünder dunkler Orakel; und neben beiden wirken noch die vier Grade der Mide, eines jener indianischen Geheimbünde, die in ihrem Pflichtenkreise, von Krankenpflege und Gesundbeterei bis zur heiligen Feme, nicht selten mehr Einfluß und Gewalt besaßen und ausübten als der berühmteste und um sein Volk verdienteste »Häuptling«. Sie terrorisierten die indianische Regierung wie Tammany-Hall die amerikanische. Bei den Chippeways wurden die Überlieferungen, Erfahrungen und Schicksale des Midebundes sorgfältig aufgezeichnet, hieroglyphische Logenbücher und Geheimarchive der Wildnis. Die sonnenanbetenden Natchez unterstanden überhaupt einem echten Priesterkönig, dem ein Kollegium von Vestalen, Wächtern des ewigen Feuers theokratisch diente.

Mehrere bedeutende Medizinmänner haben die Geschicke ihrer Nationen geradezu geleitet, oft freilich zu deren beschleunigtem Verderben. Es kam eben immer darauf an, ob der Stamm dem »Manitou« des Medizinmannes Vertrauen schenkte, es wirksam und erwiesen fand oder nicht. Hervorragende Häuptlinge bedienten sich ergebener Gaukler und Wahrsager zur Stimmungsmache, ein all- und allzumenschlicher Zug. Klassisch ist ein Beispiel der schawanesischen Gebrüder Tecumseh und Tenskwatawa, von anderen Elliskawatha genannt: Tecumseh, der »anspringende Puma«, der Diktator – Tenskwatawa, »die offene Tür«, sein geistlicher Kanzler, sein Prophet. Eifersucht und Eitelkeit des »Propheten« haben den Fall des genialen Führers gezeitigt. Auch der Krieg des »schwarzen Falken«, 1832, wurde von einem Propheten gepredigt und geschürt. Noch in den Jahren der »Geistertanzbewegung«, um 1890, verkündeten westliche Seher die nahe Ankunft eines roten Messias und die bewaffnete Auferstehung aller indianischen Toten. –

Verbunden mit manchen ihrer religiösen Vorstellungen war die gesellschaftliche Ordnung der indianischen Nationen. Das irokesische System mit seinen Geschlechtern und streng getrennten Heiratsklassen wiederholt sich mit Abweichungen bei nahezu allen nordostamerikanischen Völkern. Über das Mutterrecht freilich war man geteilten Geschmacks: die Algonkin von den Seen z. B., die Chippeways, Schawanesen, Menominis verwahrten sich gegen ein Matronenregiment. Dagegen ist sämtlichen Stämmen gemeinsam der Begriff einer alle Gentilgenossen umschließenden grundsätzlichen 77 Verwandtschaft, und eben das bedeutet ursprünglich das berühmte und viel mißbrauchte »Totem«, das Ototeman der Tschippewäer.

Wir verknüpfen damit schon übertragene heraldische Vorstellungen. Nicht ganz ohne Grund. Jede »Heiratsklasse« und jede ihrer Verwandtschaftsgemeinden hatten ihren tierischen Schutzpatron. Nach ihm benannte sich die ganze Gruppe. Es gehörten etwa zur Heiratsklasse A »Bär« die Geschlechter der »Bären«, »Wölfe«, »Hasen« und »Hirsche«, zur Klasse B »Biber« die »Biber«, »Bisamratten«, »Kraniche« und »Schnepfen«. Einander heiraten durften ein »Bär« und eine »Schnepfe«, nicht aber ein »Wolf« und eine »Häsin«. In bilderschriftlichen Urkunden, Verträgen, Botschaften, Bittschriften zeichneten die Häuptlinge mit dem Tier, also sozusagen mit dem Patronatswappen der von ihnen vertretenen größeren oder kleineren Gemeinde. Auch in Tatauierungen, auf Waffen, Fahrzeug, Gerät und auf Grabsteinen hat das Totemtier seinen Platz. Diese Beziehung zum tierischen Schutzgeist geht mancherorts so weit, daß die Totemgenossen niemals das Urbild ihrer gemeinsamen mythischen Ahnherren und Patrons jagen und erlegen, geschweige denn verzehren dürfen, so wenig wie der einzelne Indianer das Urbild seines persönlichen »Oyaron«. Diesem entsprechend gibt es auch Privattotems als Hand- und Hauszeichen. Doch ist in solcher Anwendung das Wort seiner Urbedeutung schon gänzlich entfremdet.

Oft werden die eigentlichen Namen der Häuptlinge mit denen ihrer persönlichen oder gentilen Schutztiere verwechselt. Jene sind bisweilen höchst absonderlich und scheinbar fernliegend: »Der im Rauche geht«, »Schleppendes Kanoe«, »Lederlippe«, »der alle zur Türe hinauswirft«, »der tief ins Wasser watet«. Manche historische Namen wie »Kleine Schildkröte«, »Kranich«, »Rabe« sind sippische oder totemistische.

Bevorzugte Stände oder Kasten gab es unter den Indianern nicht. Überhaupt keinen »Stand«; höchstens »Grade« innerhalb der Geheimbünde. Eine Ausnahme machten wieder jene früh ausgerotteten Natchez mit ihrer Theokratie. Ganz oben der Sonnenhohepriesterkönig; um diesen herum der dreigestufte Adel, Fürsten, Grafen und einfache Ritter; ganz drunten in der Breite das Volk. Aber eine heilsame Einrichtung sorgte für steten Ausgleich; man durfte nur aus einer Rangklasse in die andere heiraten. Die Söhne der eigentlichen Wildnis, rauhe Demokraten und schroffe Aristokraten zugleich, wußten nichts von solchen Sorgen. Ihre Sippenvorstände 78 und die Matronen wählten und ernannten die Häuptlinge – »Sachems« bei den Algonkin, »Maguas« bei den Irokesen, »Mikos« bei den muskokischen Völkern –: die Friedenshäuptlinge, sagen wir Oberpräsidenten oder Oberbürgermeister, auf Lebenszeit, die Kriegshäuptlinge, sagen wir Generalissimi, von Fall zu Fall. Vom algonkinischen »Sachem« kommt das bekannte »Sagamore«. Sehr viel Macht besaßen die Sachems und Maguas nicht. Es hing von ihrer Beliebtheit und ihren Fähigkeiten ab, ob man ihnen gehorchen wollte oder mußte. Zu großem Einfluß bedurfte es auch gar keiner solchen Ämter und Würden. Tecumseh, bei weitem der bedeutendste Mann der roten Rasse, war niemals Häuptling. –

Weder berühmte Abkunft noch tote Reichtümer verhalfen dem indianischen Krieger zu Ansehen; die Skalpe im Rauch seines Wigwams, die Bilderchronik seiner Taten auf dem Büffelfell, die Wucht seiner Rede, die Weisheit seiner Gründe im Rat entschieden über seinen männischen und völkischen Wert. Und doch waren auch die unschuldig sorglosen roten Nationen nicht ganz ohne Geld, nicht ohne Tauschmittler und Sachwertmesser. Sie standen sogar schon auf einer höheren Stufe der Handels- und Finanzkultur; der ganze Osten besaß ein allgemein anerkanntes einheitliches »Außen«geld, eine Münzunion: die Wampumwährung.

Alles primitive Wertmaß kommt vom Schmuck oder vom Genuß, und auch »Wampum« – wieder ein Algonkinwort – war zunächst nichts als Schmuck. Es sind die zylindrisch geschliffenen, durchbohrten Perlen aus der Mutterschicht der Venusmuschel und einiger Spindel- und Hörnerschnecken. Man besetzte damit die lederne Festtracht, die Mokassins; man reihte sie zu Halsschnüren, und damit war die Münze gegeben. Der von den Weißen selbst im Vergleich zu anderen Waren des indianischen Marktes festgesetzte und anerkannte Wert dieser Wampumschnüre war gar nicht so unbeträchtlich. Ein »Faden«, etwa gleich einem Klafter, dunkelvioletter »Wampum« von je einem halben Zoll Länge, also eine Schnur von 117–120 Perlen galt 5 Dollar oder eine englische Guinee, ein Faden weißer Wampum genau die Hälfte. Von den Händlern wurde solches Wampumgeld gerne genommen; es bedeutete einen Gegenwert an Fellen, konnte also leicht weitergegeben werden und diente dem Tauschhandel der Grenze geradezu als Bon oder Wechsel. Im Unabhängigkeitskriege sank der Kurs dieser indianischen Valuta. 79

Aber nicht nur als wirkliches, auch als ideales Geld fand das vielseitige Wampum Verwendung. Es war »gut für« Krieg oder Frieden, Fehde oder Freundschaft, und in dieser Bedeutung ist es klassisch geworden. Die Zusendung »schwarzer« Wampum besagte Abbruch, Ablehnung, Absage, Kriegszustand; die Überreichung »weißer« Schnüre verhieß Bündnis, Geleit, Einverständnis, Waffenstillstand, Sympathie. Kunstvoll und geduldig geflochtene Wampumgürtel waren die Urkunden der Wildnis, das Protokoll gefaßter Beschlüsse, das Unterpfand geschlossener Verträge. Streng und doch anmutig aus der Wampumtechnik heraus stilisierte Figuren, dunkel auf den weißen Grund gereiht, verbildlichten Sinn und Inhalt der unter würdevollem Zeremoniell und mit feierlicher Ansprache überreichten Gabe. Eines der schönsten und wichtigsten Dokumente aus dem gesamten Wampumarchiv ist wohl der einfache breite Gürtel, den die Ratshäuptlinge der Lenapen über ihren 1682 mit William Penn zu Shackamaxon »unter der Ulme« geschlossenen Kauf-, Schenkungs- und Freundnachbarschaftsvertrag »aufsetzten« oder »aufrichteten«: ein schlanker und ein wohlbeleibter behuteter Mann, der »Onas«, treten Hand in Hand aus dem hellen Gewebe. Diese »glänzende Kette« – wie die Indianer sich so gerne ausdrückten – ist wenigstens niemals zerrissen worden. –

Über allgemeine Züge des Glaubens, des Familienrechts und der Wirtschaft hinaus reichte die Kultureinheit der östlichen Völker nicht. Manche der nördlichen Algonkin an den Seen und vielleicht auch mehrere huronische Stämme gehörten der sogenannten »Schneeschuhkultur«, die westlichen Nationen am Mississippi teilweise schon der »Präriekultur« an. Die Irokesen hielten an der aus dem Süden mitgebrachten Ackerbaukultur fest, gaben sie an die Ohiovölker weiter und frischten damit eine jägerisch überlagerte ältere Kulturschicht, die mexikanisch beeinflußte Kultur der – von den Algonkin verdrängten – Sioux auf. Die Bewohner der atlantischen Küste waren zum Teil gleichfalls irokesischem Vorbild gefolgt – den Wampanoaq, dem Stamme des »König Philipp« verdanken wir den Mais – andere, wie die Völker an der unerschöpflichen Chesapeake-Bai, neigten zur Ausbildung einer Fischerkultur nordwestlicher Art, im Appalachenvorland und in der Golflandschaft herrschte wieder der Ackerbau von ausgesprochen südlichem Typus, mehr oder minder stark durchsetzt mit jägerischen Elementen, die ja natürlich nirgends ganz fehlen. So weist das bunte Kulturbild des alten indianischen Amerika eine enge 80 Verstrickung und Verwachsung jungasiatisch-arktischer und mittelamerikanisch-subtropischer Einflüsse: den Kampf der dunklen kargen Wildnis mit der beginnenden Zivilisation.

Schon die Trachten all dieser roten Nationen zeigten erhebliche Unterschiede. Der reichbefiederte Indianer unserer Wildwestbücher, Zirkusse und landläufigen Vorstellungen ist immer irgendein Siou. Algonkin, Irokesen und Muskoken kleideten und schmückten sich ganz anders, und auch wieder untereinander klimatisch abweichend.

Manche Stämme trugen das Haar lang und zum Knoten geschürzt, andere in durchflochtenen, vorne überfallenden Zöpfen. Wieder andere rasierten sich den Schädel nackt bis auf einen hochgesträubten Längskamm, wie die Sac und Fox und die virginisch-carolinischen Völker, oder bis auf einen Wirbelschopf wie die Irokesen und die ihnen verwandten Pawnees. Festliche und kriegerische Befiederung war keineswegs allgemein; der federstarrende Indianer »auf dem Kriegspfade« ist überhaupt eine Unmöglichkeit. Die Lenapen des alten Tamenund trugen als wappenmäßige Zier den rotgefärbten Hirschwedel; die Irokesen dekorierten ihre Skalplocke mit einem höchst komplizierten Aufbau oder sie bedeckten sie mit federgeschmücktem Fellbarett. Übrigens war die Befiederung immer gewissen Rangordnungen unterworfen. Bart und Brauen wurden durchgängig entfernt, zu alter Zeit mit geschärften Muschelschalen abgekniffen, später mit einer Art Pinzette aus Draht ausgerauft.

 

Daniel Boone
Nach einem Stich im Alten Museum zu Washington

Daniel Boone, der historische Lederstrumpf
Nach einem alten Stich im Alten Museum zu Washington; unbekannter Meister

 

Wildlederkleidung war wenigstens im Norden allgemein. Der Büffelmantel gehörte zur Gala des fernen Westens. Die virginische und carolinische Rothaut ging alltags mehr oder weniger paradiesisch nackt. Muskoden und Cherokesen benutzten schon vielfach aus Pflanzenfaser und Tierwolle gewebte Stoffe. Die Floridaner prunkten in brandrotem Kupferschmuck, die Seminolen gefielen sich in silbernen Manschetten. Der alte Irokese der Pfeilzeit legte zum Kriege einen ganz normannisch anmutenden Harnisch, Panzerhemd, Beinschienen und Kegelhelm aus korbartigem Holzgeflecht an. Schon um die Mitte des 18. Jahrhunderts begann die Edeltracht der Wildnis europäischem Einfluß, die unverwüstliche indianische Hand- und Heimarbeit dem proletarischen Massenfabrikat der Zivilisation zu weichen. Der Kampf des großen Nationalisten Tecumseh richtete sich vor allem auch gegen die Entsittlichung und Entkräftigung seiner Rasse durch den verführerischen, dabei teuer gegen kostbare Felle angerechneten und wertlosen Kleider- und Schmucktrödel der Krämer, gegen die weiße Ware. 81

Die berüchtigte, oft zweckdienlich schreckhafte Bemalung mit fett gebundenen Erdfarben stand ziemlich allgemein in Übung. Arten, Motive und deren Bedeutung wechselten natürlich mit der Stammeszugehörigkeit. Dasselbe gilt von der weitverbreiteten Tatauierung. Auch todgeweihte Gefangene wurden vor der Marter schwarz geschminkt. Die Schlacht- und Jagdpferde westlicher Häuptlinge trugen auf dem Schenkel häufig das farbige Wappenzeichen einer Hand, so zum Beispiel des Sac-Sachem »Kiohkuk« berühmter Rappe.

Urwaffen des Indianers waren Bogen und Pfeil – dieser niemals vergiftet –, der eigentliche »Tomahawk« oder Kopfbrecher das Beil, der Speer, das Messer. Die Knaben der Muskoken, Cherokesen und Irokesen kannten und führten auch die tückische Luftbüchse des Südens, das Blaserohr.

Der »Tomahawk« – wieder einmal eines jener unsterblich gewordenen Algonkinwörter – wies sehr verschiedene Formen auf, vom bumerangartigen Schläger bis zum Hammer mit eirundem Steinkopf auf dünnem, federndem Stiel und bis zur stachelkugelbewehrten Keule. Daneben wurde auch das Beil – bald Doppelaxt mit schmetterlingsförmiger Klinge, bald Hammerbeil, und beide Haupttypen von sehr verschiedener Schäftungsart – zum Tomahawk. Diese ist die uns geläufige Gestalt der klassisch furchtbaren Waffe. Besonders gute Stücke besaßen feinpolierte Obsidianblätter, weither aus Kalifornien oder Mexiko eingehandelt und jedenfalls sehr teuer. Für den Indianer mag solche Obsidianaxt einst dasselbe gewesen sein was dem Orientalen die graugeströmte Khorassan- oder die über geheimnisvollen Gluten gehärtete Golkhonda-Klinge. Später bezogen die roten Krieger selbst ihre Tomahawks von den weißen Händlern.

Die Bogen der östlichen Nationen waren nicht eben berühmt. Mit dem kleinen, federleichten, fabelhaft weittragenden Turkbogen konnten sie sich nicht annähernd messen. Überhaupt darf man sich von indianischer Schießfertigkeit keine romanhafte Vorstellung machen. Des guten Karl May edler Winnetou ist eine in dieser – und in jeder – Beziehung sehr schlecht und kenntnislos erfundene literarische Mißfigur. Vornehme, großzügige Charaktere konnte man aus allen nördlichen Präriestämmen herausdichten, aus den Sioux, den Cheyennes, den Assiniboins: – nur nicht gerade aus dem armseligen, raubnomadischen Volke, dessen Wörterbuch dem unseligen »Old Shatterhand« zufällig auf den Schreibtisch gefallen war, aus den allverhaßten Zigeunern unter den Rothäuten, den Apachen. Da ist Altmeister 82 Coopers »Chingachgook« mit seinem Namen und seiner ganzen Art ein anders echter Häuptling, und was der nicht minder echte Natty-Lederstrumpf-Pfadfinder-Wildtöter immer wieder vom mittelmäßigen Schützentum seines braunen Freundes und Bruders sagt: »es ist einmal nicht rote Gabe« – das gilt von der ganzen Rasse. An Gesinnung hat der Sohn der Wildnis seinen Bedränger oft genug übertroffen, in den Künsten des Urwalds und der Prärie war er sein Lehrer, im Gebrauch der Feuerwaffe kam er ihm nie gleich. Natürlich waren es nicht immer die besten Gewehre, die in farbige Hände gelangten; jeden rostigen Altkram schlugen die Händler an die Stämme los. Aber auch mit der vorzüglichsten Büchse wußte der Indianer wenig anzufangen. Aus Furcht vor dem Rückstoß lud er, der stoische Held, gewöhnlich zu schwach und jedenfalls ungleichmäßig; aus Feuerscheu setzte er nicht fest ein, und am liebsten brannte er seinen Schuß kaum irgendwie gezielt vom Oberarm oder von der Brust ab. Von Pflege der Waffe war natürlich keine Rede. Erst mit dem Hinterlader und seiner Patrone wurde auch der indianische Jäger ein leidlicher, zuweilen sogar recht braver Schütze.

Unscheinbarer als Beil, Bogen und Büchse, hat das Messer in den Rachekriegen des Westens eine schreckliche Rolle gespielt; das Skalpiermesser! . . . Von den Irokesen aus verbreitete sich der grausige Brauch unter die übrigen Stämme; sie selbst hatten ihn aus dem Süden mitgebracht oder wenigstens dort kennen gelernt. Zu den Sioux und anderen Nationen der westlichen Steppe gelangte er dann eigentlich durch Beispiel und Vorbild der Weißen, des rohen Grenzerpöbels. Skalpierter Jäger und Kundschafter gab es an der Grenze immer eine ganze Anzahl. Einige Stämme skalpierten nämlich mit besonderer Vorliebe »bei lebendigem Leibe«, weil ein solcher Coup für den höchsten und die Kopfhaut eines nur niedergeworfenen, sonst unverletzten Feindes für die allerwertvollste Trophäe galt. Doch hatten manche dieser Grenzer ihren Skalp in der Betäubung verloren oder aus Selbsterhaltung geopfert, indem sie sich einfach totstellten. Dazu gehören allerdings Nerven aus Drahtseil und Ochsensehne. Die Wunde selbst, so entsetzlich und schmerzhaft, war keineswegs immer tödlich; es ist vorgekommen, daß frischskalpierte Hinterwäldler und Soldaten noch weite Strecken zurücklegten. Man bedeckte später die natürlich empfindliche Narbenblöße mit einer Fellhaube oder einer Perücke und hatte dann wenigstens die Gewißheit, nicht ein zweites Mal geschunden werden zu können. Denn ein »guter« Skalp mußte den Haarwirbel 83 aufweisen, sonst wurde er nicht anerkannt. Mehr als einen Skalp von einem Kopfe zu nehmen, galt überhaupt für unanständig, daher jenes Merkmal. Übrigens skalpierten die einzelnen Stämme verschieden, manche kaum handtellergroß, andere weniger bescheiden. Die Technik war wohl überall dieselbe: mit dem Messer vollführte man den tiefen Rundschnitt, mit den Zähnen zog man die Schwarte ab. Der weiße Skalp stand in höherem Ansehen als der des Mitindianers, das Vlies des Negers wurde verschmäht. Hatte der Skalpjäger Zeit, so nahm er noch vom übrigen Haar, was er fassen und abschneiden konnte. Diese Locken dienten zum Besatz der Kleidernähte, zum Schmuck der Pfeife, der Waffen, der Pferdemähne. Der Skalp selbst wurde über einen Reifen gespannt, rot gefärbt und unter Tanzzeremonien dem Trophäenschatze des Wigwam einverleibt. Bei schönem Frühlingswetter veranstaltete der ganze Dorfstamm eine Skalpschau; dann wurden die Beutestücke an Stangen vor den Hütten auf- und ausgestellt und boten so den Stoff zur Erzählung stets gerne vernommener Heldengeschichten, während ihr gestorbenes Haar im hellen Sonnenwinde gespenstisch flatterte.

Der allbeseelende Indianer glaubt nicht nur an eine Menschenseele, sondern gleich an deren zwei oder gar mehrere, von denen nur eine mit dem Körper vergeht, während die andere schattenhaft nach dem fernen Westen, der sinkenden Sonne nach in die »ewigen«, die »glücklicheren«, die »besseren Jagdgründe« eilt. Ewige Prärien, ewige Wälder, ewige Auen, von ewigen Büffelherden bevölkert und aus ewiger Sehnsucht erträumt, sind des roten Mannes Walhall. Aber nicht jeder abgeschiedene Geist gelangt nach jenem Gefilde der Seligen. Ein breiter brausender Strom, trüb und wild wie der unheimliche Missouri, trennt diese Welt vom Jenseits; ein Baumsteg nur, schmal und schwank, von Ungeheuern, riesigen Hunden und Drachen umlagert, führt über die dunkelrauschende Tiefe. Der Gerechte, der Tapfere, der Treue wandelt unverwandt sicheren Fußes den schlüpfrigen Brückenpfad; der Sünder aber, der Verräter, der Feigling sieht um sich, erschrickt, strauchelt, stürzt, und wird von den Wogen hinweggerissen in ewige Finsternis. 84

 


 

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