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Das Grenzerbuch

Friedrich von Gagern: Das Grenzerbuch - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Grenzerbuch
authorFriedrich von Gagern
year1940
firstpub1927
publisherPaul Parey
addressBerlin
titleDas Grenzerbuch
pages500
created20180307
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Dieses Buch, geschrieben und gegeben in Sinn und Absicht der Taciteischen Germania, dies Buch gehört vor allen der erstarkenden, erwachenden Mannsjugend, dem von hundert Sumpfgiften umlauerten, in verpesteter Atmosphäre heranwachsenden Geschlecht, der Zukunft.

Ein Lesewerk für junge, unverderbt abenteuerfrohe Menschenkinder, sie aus romantischer Urwalddämmerung der unsterblichen Lederstrumpfgeschichten hinauszuführen ins offene Licht historischer Wirklichkeit; eine Chronik der Wildnis für gesunde ehrliche Mannsnaturen, Lehrer wie Lernende, für Deutsche, die sich noch an rauhem, kargem Heldentum zu begeistern, zu stählen, zu trösten vermögen: das etwa sollte es sein. Und mehr noch, Pfadfinder-, Kundschafterbuch in vielfachem Sinn: zwischen nordamerikanischer Völker und Landeskunde, äußerer Entdeckungsgeschichte und politischer Historie liegen weite, fruchtbare, von deutschen Forschern selten betretene Gebiete.

Indianerschwarte, werden ästhetisch angekränkelte Verächter sagen. Gut; aber in furchtbaren namenlosen Kämpfen mit eben diesen abgedroschenen Indianern wurde das neue keltogermanische Weltreich, wurde das Imperium der neuen Welt, wurde die Vormacht eines transatlantischen Rom dem ermüdeten, zerwühlten europäischen Hellas gegenüber gegründet, erweitert, gesichert, ausgebaut. So sind uns die klassischen Rothäute, sind uns Irokesen und Delawaren, Huronen und Cherokesen von näherem Interesse als all die verschollenen langweiligen Etrusker und Vejenter, Samniter und Karthager oder die am Marterpfahl der Syntax eingebläuten Allobroger und Haeduer des großen Caesar.

Und das sollte man nicht vergessen, daß der Indianer, unschuldig an seiner späteren Demoralisation durch Enteignung, Entwurzelung, Beschränkung, Handel und Verkehr, Seuche und Branntwein, unschuldig auch an seiner Verkitschung durch kenntnislose Erzähler, daß der Indianer der fremden Erobererrasse heldischen Widerstand geleistet hat wie kein anderes Naturvolk der Erde. Von den Schreckenstagen »König Philipps« um 1675 bis zur »Schlacht an der Rosenknospe«, 1876, volle zweihundert Jahre lang hat er zäh und unbeugsam mit geringen Mitteln gegen eine erstickende, verschlingende Übermacht für Freiheit, Heimat, Recht und Erbe gekämpft. Das allein erhebt ihn hoch über alle anderen »Wilden«; das erzwingt und sichert ihm unsere Teilnahme, unser Mitgefühl, unsere Bewunderung.

Aber nicht um Wigwam und Skalp handelt es sich in unserem Buche. Um etwas ganz anderes: die Grenze.

Die Grenze: das langsam oder sprunghaft weiterrückende Vorland, die Westmark der Zivilisation; die Zone der vorgeschobenen Posten, der allgegenwärtigen Gefahr, der unermeßlichen Paradiese und Einöden; das Revier der Pioniere, der Wehr- und Jägerbauern, der Hinterwäldler; der »dunkle blutige Grund«, der Schauplatz der amerikanischen Ilias . . . Die Wiege der amerikanischen Volkskraft, könnte man hinzufügen; der tiefe frische Urboden, an dessen gesundem Wildwurzelwuchs der alternde Osten sich je und je verjüngte; die Welt, an deren Geboten und Härten eigentlichstes Amerikanertum, der Nationalcharakter der Nationslosen sich erschult, herausgeschliffen, erzweckt hat . . . Das ist die Grenze; und ihr Symbol, ihr Wappenzeichen das rodende, bauende, brechende, besitzergreifende, bildende, schildende, mordende Beil: – das Beil mit seinem eisernen Recht.

Amerikanische Geschichte, wichtiger, wesentlicher als jene der Kreuzzüge oder des Investiturstreites, sollte an jeder höheren Anstalt ausgiebig und eindringlich gelehrt werden. Nicht mit langweiligen Kriegskapiteln von Ticonderoga und Quebec, Saratoga und Yorktown, Vicksburg, Gettysburg und Appomatox-Courthouse allein; damit ist's nicht getan, diese sind das Entbehrlichste, solcher Historie gibt es von Cannae bis Tannenberg anderweitig genug. Die urwaldumrauschte, von Dünsten der Ferne umlagerte Geschichte der Grenze ist es vielmehr, in der amerikanisches Werden und Wollen sich am reinsten offenbart. Und sie gibt der Jugend, was der Jugend ist und ewig bleiben sollte: Helden. Packende, prachtexemplarische Helden, Kämpen, Kerle; Streiter wie Achill, Odyß, Diomed; Recken wie Hagen, Dietrich, Hildebrand. Unverkünstelte, rauhe, grade Tatmenschen mit ihren Schicksalen; Erscheinungen, die zur Parteinahme, zur Wahl eines besonderen Lieblings förmlich herausfordern – immer das stärkste Merkmal echter heroischer Lebensfülle; Gestalten, wie geschaffen zu webender Sagenbildung, in ihren Tagen schon mythisch umwölkt, von Mär, Gerücht, Legende umwittert. All das auf dem Boden gesunder, herber, erziehlicher Wirklichkeit. Was uns und unseren Erben am bittersten nottut: Einschränkung, Kraft und Wille zu überlegenem Verzicht, stolze Unabhängigkeit von verwöhnender Technik, rücksichtslos harte, unbeirrbare Männlichkeit – das lehrt mit fesselnden Beispielen so gut wie die Anekdoten vom strengen Sparta und die Annalen des barbarischen Alt-Rom die handgreiflichere Geschichte der Grenze.

Daniel Boone, Simon Kenton, James Harrod, Benjamin Logan, Jean Martin, Hugo McGary, William Wells: – wie viele Deutsche, wie viele Europäer kennen noch diese gefeierten, jedem rechten Amerikaner teuren Namen? . . . Und doch ist jeder von uns dem ernsthaften Boone, dem gewaltigen Kenton, dem wilden William Wells schon einmal, in ein und derselben schwärmerisch verehrten Persönlichkeit begegnet: – aus jenen drei Lebensläufen, zusammen mit einem kleinen Schuß vom »Verräter« Girty, erdichtete Altmeister Cooper, der amerikanische Homer, die ergreifende Gestalt seines Natty Bumppo, den sprichwörtlich gewordenen »Lederstrumpf« und »Pfadfinder«, den großen symbolischen Typus. –

Unser deutsches Schrifttum ist sehr arm an Nachrichten über die Geschichte der, ich möchte sagen klassischen, Cooperschen, virginisch-kentuckysch-kanadischen »Grenze«. Vor etwa siebzig Jahren bearbeitete der ehrwürdige Dr. Kottenkamp das schwer zugängliche Gebiet. Seine fleißigen aber unsäglich schlecht geschriebenen, unbeholfenen Bücher sind verschollen, für die Rechte des Eingeborenen hatte der brave Gelehrte kein Verständnis, seine Gewissenhaftigkeit verirrte sich gern in Labyrinthe kleiner und kleinster politischer Intrigen. Um jene Zeit war aber schon auch das deutsche Interesse an Amerika mit der »Grenze« selbst über den Mississippi, über den Missouri, nach den Prärien, in die Felsengebirge, nach dem goldenen Kalifornien weitergewandert. Sealsfield-Postel mit seinen grimmigen Zerrbildern, Gerstäcker mit seinen von erlebter Echtheit strotzenden Romanen und Novellen vom arkansischen Fourche la Fave, der durchaus ernst zu nehmende Möllhausen beherrschten nacheinander die Literatur; am alten Osten bekümmerte bis zu ihrer blutigen Lösung nur noch die Sklavenfrage. So entstand eine Lücke. Die deutschen Veteranen der einstigen »Grenze«, die Graffenried, Mansker, Steiner, Bedinger, Helm schrieben gewiß keine Bücher, englische und französische Werke des 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts wurden nur spärlich übersetzt. Der amerikanischen Entwicklung von etwa 1795 an konnte die bedächtige deutsche Feder einfach nicht mehr folgen. Ungeheurer, das Wort noch einmal zu gebrauchen: urheroischer Stoff harrt da kaum berührt der beseelenden Hand. Coopers Meisterwerk, die »Lederstrumpf«-Pentalogie, Roman nicht so sehr des Ansiedlers und seiner Kämpfe als vielmehr des heimat- und ruhelosen, zum Nomaden rückverwilderten Jägers und Spähers, erschließt nur eben, erschöpft nicht annähernd den Schatz. Das Drama der Grenze, der Wildnis, schroff, schlicht, von antiker Härte und Wucht, ist noch nicht geschrieben, das Epos der Hinterwäldler noch nicht gedichtet. Und doch hat der Genius selbst vor hundert Jahren gerade diese Aufgabe als eine der höchsten gestellt, Goethe in seinen Aufsätzen zur Kultur, Theater und Literaturgeschichte:

»Der Bearbeitende müßte den Stolz haben, mit Cooper zu wetteifern, und deshalb die klarste Einsicht in jene überseeischen Gegenstände zu gewinnen suchen. Von der frühesten Kolonisation an, von der Zeit des Kampfes an, den die Europäer erst mit den Urbewohnern, dann unter sich selbst führten, von dem Vollbesitz an des großen Reiches, das die Engländer sich gewonnen, bis zum Abfall der nachher vereinigten Staaten, bis zu dem Freiheitskriege, dessen Resultat und Folgen – diese Zustände sämtlich müßten ihm überhaupt gegenwärtig und im besonderen klar sein . . . Was den Personenbestand betrifft, so hat weder ein epischer noch dramatischer Dichter je zur Auswahl einen solchen Reichtum vor sich gesehen. Die Unzufriedenen beider Weltteile stehen ihm zu Gebot . . .«

An dieser – vielleicht nur Philologen bekannten – Stelle sind drei oder vier Dichtergenerationen beinahe achtlos vorübergegangen. Goethe selbst, der Allerspäher, kannte übrigens Boones bescheidene Selbstbiographie in Filsons »Discovery of Kentucke« wahrscheinlich ebensogut wie die Oktaven Byrons im Don Juan, wo der Brite den heimgegangenen König der Wälder als glücklichsten aller Menschen nächst Sulla preist.

Eines der besten Bücher, das je über die alte klassische Grenze geschrieben worden, ist ohne Zweifel Roosevelts »Winning of the West«. Aber um amerikanische Mentalität, und gerade die der Rooseveltschen Generation, ist es ein eigen Ding. Uns Europäern, selbst dem Engländer, bleibt sie fremd und seltsam. Das bewegt sich auf anderer Ebene, sieht unter anderen Winkeln, hat andere Horizonte, Perspektiven, Fluchtlinien. Übersetzen lassen sich amerikanische Gedankengänge, Vergleiche, Schlüsse einfach nicht, oder nur auf Gefahr des Anscheins einer gewissen naiven Barbarei. Zudem: Roosevelt war Parteimann, war Republikaner, war »politician«, war trotz betonter Vorliebe für den gesunden Westen schon zur Zeit der Niederschrift seines Buches keineswegs unabhängig vom tiefverderbten Osten. Für die Tragik eines Coriolan-Schicksals hatte er, der geschickte Stimmungsnutzer, so wenig Sinn wie nur je ein Menenius Agrippa. Landschaften bevölkert er, beseelt, erschaut sie nicht; auch an den stärksten Stellen erhebt sein Vortrag sich nicht über die Niederungen nüchtern bürgerzwecklicher Erwägung; von kosmischer Bewußtheit, Naturfühligkeit, irgendeinem schöpferischen Erlebnis findet sich bei ihm keine Spur. Deutsche, Franzosen oder Skandinavier können aber mit solch einem Buche nicht viel anfangen. Klio und Urania, auch sie sind für uns Musen; Gott, Genien und Geister, Pan und Moira, Odhin, Wala, Urd, Skuld und Werdandi weben und walten für uns auch in der Geschichte der westlichen Wildnis . . . Genug. – –

*

Es ist mir eine liebe und angenehme Pflicht, dem großzügigen Verlage, seinen künstlerischen und technischen Mitarbeitern für die unserem »Grenzerbuche« in reichstem Maße zugewendete Sorgfalt meinen aufrichtigen Dank auszusprechen. Solcher gebührt zumal auch Herrn Dr. Arthur Georgi jun., dessen rastlosen Bemühungen beim Inner Department, beim U. S. Forest Service und bei der Nat. Library in Washington das Werk seinen seltenen, wertvollen Bilderschmuck schuldet, sowie den genannten drei Stellen für freundliche Unterstützung durch Auswahl und Überlassung des Materials.

Geschrieben 1927.

 


 

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