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Das Grenzerbuch

Friedrich von Gagern: Das Grenzerbuch - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Grenzerbuch
authorFriedrich von Gagern
year1940
firstpub1927
publisherPaul Parey
addressBerlin
titleDas Grenzerbuch
pages500
created20180307
sendergerd.bouillon@t-online.de
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X.
Simon Kenton

Weiberrevolte – Der Sommerball zu Kaskaskia – Das Gericht zu Cahokia – Pferdediebstahl und Weltgeschichte – Spießruten und Kreuzigung – Ein Wunder – Ein Idyll in Detroit – Poltergeister im Kamin – Mißglücktes Kesseltreiben auf Rotwild – Zwei Hundertjährige – Crist – Lebendiges Recht und totes Gesetz – Der Reiter in der Christnacht – Stürme und Gegenstürme – Späte Vergeltung

Wahre Hauptstadt des heutigen Kentucky ist nicht der bescheidene Regierungssitz Frankfort, sondern das große Louisville an den Schnellen des Ohio; die ursprüngliche Niederlassung hieß Corn-Island, Maisinsel, und ihre Begründung hängt mit dem Westzuge Clarks zusammen. Auf seiner Stromreise von Pittsburg herunter hatte er mehrere veränderungslustige Familien mitgebracht, die er zur Sicherung der Schiffahrt gerade hier an den Fällen anzusiedeln wünschte. Aber für den Halt eines eigenen Kastells war die Zahl der Männer noch zu schwach, und von seinen mühsam geworbenen Truppen mochte Clark keine Büchse missen. So wählte man als vorläufige neue Heimat und natürliche Feste das leicht zu verteidigende Eiland im »Schönen Flusse« und säete inmitten seines schützenden Waldmantels das erste Brotkorn. Einige Monate darauf setzten die Inselleute aufs linke Ufer über und erbauten hier feste Blockhütten zum beginnenden Weiler; nach vier Jahren war Louisville schon ein wichtiger und betriebsamer Stapelplatz kentuckyschen Südhandels, sechzehn Jahre 322 später wurden auf seiner Werft starke seetüchtige Schiffe gezimmert, die mit ihren Ladungen den Ohio und Mississippi hinunter nach New Orleans, von da nach Philadelphia, New York, Boston segelten. Das ungehemmt raschlebige Amerika kündet sich mit hämmernden Pulsschlägen an. –

So leicht, als er's wohl gehofft, wurde Clark die Ausführung seines Lieblingsplanes nicht gemacht. Im Osten hatten die Regierungsmänner sich schwerfällig gestemmt, hier im Westen spreizten sich die Weiber, und das will in Amerika allemal etwas bedeuten. Noch lebte die gesegnete Mrs. Calloway gesegneten Angedenkens, und sie lebte neuerdings ausgerechnet in Harrodsburg, während ihr angeblicher Gebieter als Vertreter Kentuckys sich so ziemlich dauernden, mehrere Hundert heilsamer Meilen betragenden Abstands von seinem Hauskreuz erfreute. Vielleicht hatte er sein Mandat deshalb schon so gerne angenommen.

Clarks Feldzug ließ sich bei aller Sorgfalt nicht länger geheim halten. Hören, daß er von der Insel aus Grenzmannschaft zusammenziehe, furchtbaren Krach schlagen und eine keifende Weiberrevolte anzetteln war eins. Die Empörung pflanzte sich fort. Auch zu Boonesborough und in Logans Burg rottete sich das vermeintliche schwache und nicht immer schöne Geschlecht. Was, hier mitten unter Wölfen und Wilden sollen wir unserer Beschützer und Ernährer beraubt werden? Wehrpflicht, was da Wehrpflicht, wehrpflichtig sind die Männer zu allererst uns, oder sie sollen nicht heiraten und uns zu Müttern machen! . . . Vergeblich, daß Clark durch seine Werbeboten auf die brennende Notwendigkeit des westlichen Angriffs- und Sicherungskrieges verwies, vergebens erinnerte er an die Gefahr eines englisch-indianischen Einbruchs, dem man so schnell als möglich durch lähmende Entwaffnung zuvorkommen müsse: – alles umsonst, als Eheheld ist der Amerikaner nun einmal keine überragende Größe. Kaum die Hälfte der erwarteten Kentuckyer fand sich im Hauptquartier ein, Harrods Kompagnie weigerte gleich von vornherein den Treueid und riß bei Nacht und Nebel wieder aus. Harrod selbst tobte vor Scham und Wut; ein Löwe im Kampf, ein Stier an Kraft, hatte er das klebzähe Weibsgeweb doch nicht zerreißen können. Clark ließ die Deserteure verfolgen, das Schicksal der Aufgegriffenen verliert sich in blutigem Dunkel. Aber auch den zurückbleibenden Hinterwäldlern wurde die Geschichte denn doch zu bunt. Erst sperrten sie den nach und nach zusammentröpfelnden Fahnenflüchtigen ihre Tore, dann 323 verabreichten sie ihnen eine ausgiebige Kostprobe von jenem bekannten amerikanischen Nationalgerichte genannt Lynch. Und Schuld an alldem hatte ausgerechnet eine deutsche Frau.

Nun, Clark schaffte es auch so. Er hatte immerhin gegen zweihundert Leute bei sich, dazu Harrod, den Grenzerhauptmann Bowman und den Deutschen Helm, d'Aubigny mit seinem kleinen Geschützpark, Simon Kenton und vor allem den unersetzlichen Jean Martin. Am 24. Juni brach er unterm unheimlichen Zeichen einer vollkommenen Sonnenfinsternis mit seiner eingebooteten Armee auf. Das letzte, was er in Kentucky von der Bemannung eines eilig nachrudernden Einbaums vernahm, war die Nachricht vom Schutz- und Trutzbund zwischen Frankreich und den rebellierenden Vereinigten Staaten. Aus Anlaß dieser Freudenkunde der Name: Louisville.

Man landete am Nordufer des unteren Ohio beim altfranzösischen, durch dunkles Schicksal verrufenen Fort Massac oder Massacre, dessen ganze Besatzung einst, zur Zeit des grausamen Ausrottungskrieges gegen die Natchez, von Indianern in täuschender Bärenmaske zur Jagd herausgelockt und niedergemetzelt worden; still in tiefer Wildnis verfielen die Werke. Der Marsch ging nordwestwärts unter gespenstisch riesigem, grauem Baumbart hin durch die schwülbrauenden Sumpfwälder des Schwemmlandes; die Schwierigkeiten ungeheuer, gesunde Trinkquellen nicht zu finden, Durst, Fieber, Dysenterie und Schnaken wüteten unterm Trupp. Gerade in diesem Winkel kannte Martin die Jägersteige nicht; Clark als geübter Landmesser arbeitete mit dem Kompaß, verlor aber dabei viel kostbare Zeit. Ein harmloser indianischer Pelzhändler, als Gefangener eingebracht, wies endlich die Richtung, konnte auch mit wertvollen frischen Nachrichten über die Forts und ihre Verhältnisse aufwarten; als er aber eines Tages den Weg verlor und irrte, wurde er von den rabiaten Grenzern um ein Haar gelyncht, und selbst der alkoholisch angehöhlte Clark verlor vorübergehend die Nerven. Drei Stunden später erreichte man das erste Ziel, das vielgenannte alte Kaskakia oder Kaskaskia nahe der Einmündung seines Flüßchens in den hier schon missouriverdoppelten maßlosen Mississippi. Wieder ist die schnelle Bewältigung ungeheurer Strecken zu bewundern: in zehn Tagen hatte man zu Land und Wasser reichlich fünfhundert Kilometer zurückgelegt, und das mit Artillerie durch Urwald und zähen Morast.

Das Nest zählte damals ohne die ziemlich starke Garnison etwa sechstausend Einwohner, war also nach den Maßen der Zeit ebenso 324 gut eine Stadt wie irgendeine deutsche Kleinresidenz. Platzkommandant oder Gouverneur war Oberst Rocheblave, ein kreolischer Edelmann, den die neuen Herren des Landes, die Engländer, mit dem alten Regime übernommen und auf dem Posten belassen, obwohl er selbst, übrigens ein durchaus treuer Diener der britischen Krone, schon aus politischem Unbehagen wiederholt um seine Entsetzung bat.

Mit einer Unternehmung der Virginier wurde längst gerechnet, Hamilton in Detroit hatte ja den gefangenen Boone über Clarks Pläne auszuholen versucht; aber von der Landseite her erwartete niemand den Handstreich. In der Vorstellung der louisianischen Franzosen lebten die Hinterwäldler als blutige Barbaren, als Hunnen und Menschenfresser, und Engländer wie Indianer bestärkten sie nur noch in diesem Glauben. All solche Mitteilungen erhielt Clark durch den Führer; sie kamen ihm gerade zupaß. Je größer die Furcht, desto stärker der Bann, desto tiefer aber auch die Wirkung unverhoffter Gnade.

Noch in derselben Nacht überrumpelte er durch den bewußten trockenen Graben, das Hintertor und die weiterführenden Kasematten die Stadt. Jener nach Martins weitgereistem Wachsabdruck gefeilte Nachschlüssel trat gar nicht erst in Dienst; ein auf Liebeswegen ausschleichender Soldat öffnete ahnungslos selbst und stand gleich darauf mitten unter vielfäustig aus der Finsternis zupackenden Feinden. Es geschah ihm nichts, aber auf süße Minne mußte er für heute verzichten und dafür unter Martins blankem Messer die Amerikaner nach der Kommandantur führen.

Die Fenster widerstrahlten von goldenem Kerzenschimmer, Geigenklang strömte in die Sommernacht heraus und verschwebte über der schlummernden Stadt. Man war gerade zu einer Tanzsoiree der Garnison zurecht gekommen; das leichte Kreolenblut verlangte nach sinnlichen Freuden; weshalb sollte man in der Wildnis nicht auch seine Abwechslung, sein Spiel, seinen Abglanz europäischer Illusionen haben? Für ihre Tanzwut waren die hübschen, untersetzten, lärmigen und schon recht sehr flotten Töchter Louisianas überhaupt berühmt; blieb es auch jahrein, jahraus ohne Wechsel der Mode bei einem ewigen kunstlosen Konter, fern allen blumigen Grazien des Menuetts, der Gavotte, der Gigue, selbst das genügte dem eigentlichen Zweck: denn ganz unähnlich dem germanischen litt das welsche Nordamerika an einem starken Überschuß unversorgter, heiratsharrender Weiblichkeit. Immerhin: Schwung des Tanzbeins hier am Mississippi, aberhunderte von Meilen fern jeder Kultur, mitten unter unberechenbaren 325 Tomahawks und Skalpiermessern, es mutet seltsam an. Sogar die Schildwachen hatten sich von ihren Posten weg auf eigene Amourschaft zerstreut; unbemerkt konnte Clark eindringen.

Er lehnte sich mit verschränkten Armen gegen einen Türpfosten und schaute der Lustbarkeit finster zu. Niemand beachtete ihn; da huschte Flackerschein der Kerzen über sein breitgestirntes Antlitz mit den struppigen Brauen; ein Indianer, der mit gekreuzten Beinen nah dem Eingang auf seiner Matte dämmerte und dem Treiben des weißen Volkes in dunkler Ruhe zusah, faßte den verdächtigen Gast schärfer ins Auge und sprang plötzlich unter gellendem Whoo-whoop auf seine Füße. Starre Stille, blasses Schweigen, Geigen, Reigen und Herzen stockten. Und in diesen fahlen Schreck hinein sagte Clark völlig unbewegt, ohne sich von der Stelle zu rühren; man möge ungestört weiter tanzen, aber bedenken, daß man von diesem Augenblick an unter der Herrschaft Virginiens tanze und nicht mehr unter dem Szepter des Königs von Großbritannien. . . . Die Szene, von hohem dramatischem Reiz, voll der pikantesten Gegensätze, wäre des Pinsels eines Benjamin West, eines David oder Guéricault würdig gewesen.

Oberst Rocheblave befand sich nicht unter den Ballgästen; eben zuvor hatte er sich mit seiner Gemahlin zurückgezogen, die Jugend beiderlei Geschlechts ihrem Vergnügen überlassen. Clarks Schützen besetzten die Kommandantur. Man brach ins eheliche Schlafgemach ein. Der ahnungslose Colonel fuhr in seinem Bette hoch und saß vollkommen vertattert da; Madame dagegen erkennen, erraten, begreifen, mit beiden Beinen aus den Federn, fliegend an ein Bureau, Fach herausgerissen, alle Papiere ins lodernde Kaminfeuer, das trotz hohem Sommer gegen die Fieberluft brannte. Clark ließ sie höflich gewähren. »Lieber auf strategischen Vorteil verzichten als auf den Ruhm virginischer Ritterlichkeit«, bekennt er selbst in seinen Aufzeichnungen.

In den Zeugkammern fand sich neben Musketen und sonstigem mehr oder minder tödlichem Kriegsgerät auch eine Anzahl von Trommeln; sie waren das erste, darauf der Eroberer Hand legte. Noch in selber Nacht verkündeten ihre Wirbel gaßauf- und nieder dem erschreckten Wildwestbourgeois den Hoheitswechsel, verschärftes Standrecht und Entwaffnung. Am folgenden Morgen, nachdem er mit d'Aubigny die Werke besichtigt und einige harte Maßregeln verfügt, verhörte Clark die angesehensten Oppidanen unter Führung ihres Seelsorgers P. Gibault. Das geheimnisvolle Erscheinen der ledernen, 326 dornzerfetzten, schlammstarrenden Hinterwäldler hatte sie bis in die Seele hinein durchschüttert; sie erwarteten den Tod und baten, sich nur noch einmal zu letztem Abschied in ihrer Kirche versammeln zu dürfen. Der rote Grenzeroberst erteilte ihnen ohne weiteres die Erlaubnis, ließ auch einiges von Amerikas Duldsamkeit und anderen schönen Dingen verlauten, spielte aber vorderhand noch ein wenig den wilden Mann. Erst als P. Gibault mit den anderen wieder vor ihm erschien, ihm den Dank für erwiesene Nachsicht aussprach und Vermögen wie Menschenleben der Stadt zu Füßen legte, warf er die Maske ab. Ob man ihn und die Seinen denn für bluttriefende Irokesen halte? Wir Amerikaner und Weiber und Kinder ihrer Ernährer, ihrer Väter, ihrer Kleidung, ihres Brotes berauben? . . . Wenn wir etwas verachten, so ist es das Morden hilfloser Unschuld. Unsere eigenen Weiber und Kinder vor den Greueln indianischer Schlächterei zu beschützen haben wir zu den Waffen gegriffen, sind wir in dieser Feste roter und britischer Barbarei eingedrungen, nicht aber in niedriger Absicht auf Beute. Der König von Frankreich hat seine ruhmbedeckten Waffen mit denen Amerikas vereinigt; der Krieg wird also wahrscheinlich bald siegreich beendet sein. Alle Einwohner dieser Stadt genießen volle Freiheit der Parteiwahl, ohne Gefahr für ihre Person, ihr Eigentum und ihre Familie. Alle Religionen werden von den Amerikanern mit gleicher Hochachtung behandelt und beschirmt; jede eurer Kirche zugefügte Beleidigung wird strengstens geahndet werden. . . .

Das alles stimmte freilich nicht so ganz; aber Clark mit seinen Zweihundert wußte sich in bedenklicher Minderzahl gegen Garnison, Bürgerwehr und die umwohnenden Indianerstämme und rechnete lieber auf die Wirkung unverhofft überströmender Gnade. Seine Rechnung klappte denn auch. Die kreolischen Herzen waren mit diesem einen Schlage gewonnen. Man jubelte dem Erlöser zu; voilà die Vergeltung für Quebec, Montcalm, Versailles, Acadien! . . . Comment, die Hinterwäldler waren also gar nicht die geschilderten Barbaren! . . . Vive la Liberté! . . . Vivent les Américains! . . . Vivent les Etats unis! . . . Draußen vor den Werken dröhnte dann und wann ein blinder Nachdrucks- und Renommierschuß aus d'Aubignys bescheidener Batterie. Aber solcher Mittel bedurfte es gar nicht mehr, solchen Siegern gehorchte man auch ohne Pulverdampf. Es lebe d'Aubigny, es lebe Jean Martin, es lebe Colonel Clarcque, es lebe Virginien, es lebe das Schutz- und Trutzbündnis, vive le Roi, vive la République! . . . Unter Festgeläut und Kanonensalut wehte 327 neben den jungen dreizehn Streifen und Sternen das alte Lilienbanner. Nur Rocheblave fand sich nicht in die jäh vollzogenen Tatsachen, beantwortete die durch d'Aubigny überbrachte Einladung zur Mittagstafel mit nicht ganz unzutreffenden Bemerkungen über »Rebellengesindel« im allgemeinen und besonderen, und spielte Charakter. Clark ließ ihn schmollen, verschickte ihn nach Virginien in ehrenvolle Gefangenschaft und verkaufte seine Sklaven für fünfhundert runde Guineen, die er als gute Prise unter seine Leute verteilte. –

Auf Kaskakia folgte das etwa fünfzig Kilometer entfernte Cahokia, kleiner, aber als Treffpunkt der umwohnenden Indianerstämme fast ebenso wichtig. Am 6. Juli, zwei Tage nach dem gelungenen ersten Handstreich, empfing hier Bowman als Clarks Stellvertreter Huldigungen und Treuschwur der begeisterten Kreolen. Blieb noch Vincennes am Wabash, das dritte Hauptnest englisch-indianischer Agitation. Aber so weit reichten Mittel und Zeit nicht mehr. Clark hatte den größten Teil seiner Leute nur auf drei Monate geworben, selbst d'Aubigny mit seiner Artillerie war nur sozusagen geliehen, die Frist beinahe um, die schmale Kriegskasse fast erschöpft. Auch wagte der vorsichtige »Hannibal des Westens« – die kindlichen Amerikaner lieben nun einmal etwas starke Vergleiche – mit geringer Truppenmacht keinen ferneren Vorstoß ins Feindesland; die guten Kreolen in seinem Rücken brauchten ihre Gesinnung nur wieder einmal ebensoschnell zu ändern, und alles Errungene war verloren, er selbst vielleicht mit, das durch seine Aushebungen geschwächte Kentucky ohne Hilfe. Da trat der kluge P. Gibault an ihn heran mit dem Anerbieten, den Platz ohne Schuß und Streich, nur mit der Gewalt überzeugender Rede für die Sache Amerikas zu gewinnen. Der Grenzerführer schlug ein, Vater Gibault reiste mit Jean Martin zusammen ab und verrichtete ganze Arbeit. Sauer genug mag dem kleinen Kanadier die fromme Fahrt ja gefallen sein, aber zu Vincennes harrten seiner als Wirkungsfeld die Tabagien und Schenken, dort war er bekannt wie der falsche Sou, dort liebte man ihn, dort wußte er sich manche erfreuliche Rundung, dort konnte er sich für den Rückweg gleich auf Vorrat ausfluchen. . . . Am 1. August schon, siebzehn Tage nach seinem Aufbruch, traf der treue Pater wieder bei Clark ein und am Wabash wehten die Streifen und Sterne überm christfriedlich eroberten Fort; ja selbst der alte Häuptling »Tabak« hatte erklärt, von nun an ein »Mitschi-Malsa«, ein Langes Messer, ein Amerikaner sein zu wollen. 328 Mannschaft zu ausgiebiger Besetzung war allerdings nicht verfügbar. Die Kentuckyer drängten heim, wo sie sich vonnöten wußten, den anderen Kompagnien durfte Clark eine weitere Geduldprobe nicht zumuten. So entbot er schließlich einzig den deutschen »Hauptmann« Helm als Platzkommandanten nach Vincennes, mit dem Auftrag, sich aus den dortigen Franzosen selbst eine Miliz zusammenzubauen.

Das waren die Anfänge der heutigen Staaten Illinois und Indiana. –

Schwerer machten Clark die Indianer zu schaffen.

Der jähe Wandel der Dinge hatte sie vollkommen verstört und verwirrt. Einst waren sie entschiedene, aufopfernd anhängliche Freunde der Franzosen, der »guten schwarzen Väter mit den Kreuzen«, des »großen Onontio«, und abgesagte Feinde der »Agalaschima«, der Engländer gewesen. Dann hatte man sie dafür bestraft und enteignet, die Franzosen selber verwiesen zur Ruhe und vertrugen sich mit den Engländern. Dann zerfielen die Engländer unter sich, und plötzlich hieß es, der »große Vater Ludwig« sei aus dem Totenschlafe auferstanden und habe sich mit den Engländern vereinigt, um die neuen Engländer, die »Mitschi-Malsa«, die Langmesser, die Amerikaner zu bekriegen. Dann erwies sich das als Unwahrheit, und trotzdem blieben Franzosen und Engländer in Freundschaft zusammen. Jetzt kamen die »Langen Messer«, erst als Feinde, dann als Verbündete, und nun hörte man, der große Vater sei also doch wieder erwacht, nur nach der andern Seite hin, und befehle seinen roten Kindern Friede mit den Amerikanern und Krieg gegen die bösen Agalaschima. . . . Wie um Manitous willen mußte es nach soviel Weltgeschichte in einem indianischen Kopfe aussehen? Schon unsereiner kennt sich da bald nicht mehr aus. . . . Und das Endergebnis doch stets dasselbe: alle raubten, alle trogen, alle versprachen, keiner hielt, alle nahmen, keiner gab, jeder Anlaß war zum Vertragsbruch gut, keinem der wechselnden Geschlechter blieb das Grab der Väter, immer schmäler wurde dem roten Mann sein Boden, immer seltener das lebensnotwendige Wild. . . . Was nun, was sollte jetzt werden? So hatten sich alle Stämme vom unteren Ohio, vom Wabash und Illinois vor Cahokia zu einem Generallandtag zusammengefunden, mit Clark über ihr Sein oder Nichtsein zu beraten.

Das kleine Nest wimmelte von dunklen, drohenden Gestalten; finster in unheimlichem Kriegsschmuck schritten die Häuptlinge durch die Straßen; die Kreolen in ihren Hausungen schlotterten vor Angst. 329 Ein einziger Mißgriff, und der Tomahawk war allen Bleichgesichtern gewiß. Selbst Clark fühlte sich in der verdickten Atmosphäre von soviel wildem Zeltruch, ranzfettigen Schminkfarben und Haarpomade aus Biberschmalz nicht übertrieben wohl, führte aber die weitschweifigen Unterhandlungen mit scheinbarer Ruhe und großer Geduld. Das änderte sich, als eines Tages eine Rotte vom verderbten Mischvolk der heimatlosen »Wiesen-Indianer« unter falschen Vorgaben bei ihm einbrach und sich seiner zu bemächtigen suchte. Der bestellte Anschlag mißlang; Clarks Wache griff und fesselte die Roten, die neugebildete kreolische Bürgerwehr machte unverzüglich für den neuen Herrn mobil, die Gefangenen wurden krumm in Eisen geschlossen. Tout Cahokia kochte vor Erregung, im Indianerlager drüben summte und dröhnte es wie im schwarmbereiten Bienenstock. Clark allein, den die Geschichte schließlich doch am meisten anging, ließ sich keinen schnelleren Herzschlag anmerken, obwohl ihm der Schreck ziemlich an die Nieren gefahren; er verschmähte es sogar, sein Quartier aus der offenen Stadt ins sichere Fort zu verlegen, wies die bettelnden Sühngesandtschaften der Stämme barsch ab und veranstaltete zur Feier seiner Errettung einen jener beliebten Bälle, um inmitten der Gefahr die ganze Spätsommernacht bis zum fahl aufschaudernden Morgen mit den kreolischen Schönen zu vertanzen.

Andern Tags hielt er Gericht. Um ihn und seine verwetterten Grenzer her hockten besorgt und demütig die Sagamoren. Einer nach dem andern trug sein Palaver vor; um Ausreden war und ist der Indianer ebensowenig je verlegen wie der Weiße. Aber von faulen Entschuldigungen wollte Clark nichts hören. Gürtel und Pfeife, die der Oberhäuptling der »Wiesen-Indianer« ihm flehentlich als Pfänder des Friedens anbot, hieb er mit scharfem Degen verächtlich in Stücke. Erst ausreichende Genugtuung, dann vielleicht Gnade, das heißt, wenn es ihm so gefalle; von Freilassung der Täter keine Rede; wenigstens zwei davon würden zu exemplarischer Sühnung des Friedensbruchs unbedingt gerichtet werden. Um den Blumenreichtum seiner geharnischten, ganz indianisch stilisierten Ansprache hätte ihn selbst ein Pontiac, Cornstalk oder Tanacharison beneiden mögen. Zum Schlusse zog er den blutbraunroten Fehdewampum aus dem Busen, warf ihn mitten unter die bestürzten Wilden und wandte sich erkaltet, taub auch gegen die Vermittlungsversuche anderer, vorher schon gewonnener Häuptlinge, von der Versammlung ab.

Auf erregte Beratungen folgte nun eine seltsame hochheroische Szene. Zwei junge Wiesen-Indianer, die mit der ganzen Sache gar 330 nichts zu tun hatten, lösten sich aus dem Hauf, schritten feierlich in die Mitte des Gerichtssaales, ließen sich auf den Fußboden nieder und hüllten zum Zeichen ihrer Todesbereitschaft die Köpfe in ihre wollenen Decken, während zur Seite jedes der beiden freiwilligen Opfer ein betagter Sachem mit glimmendem Kalumet hinkauerte. Dieser sagenhafte antike, altrömische Auftritt rührte Clark sogleich bis ins Innerste; kaum vermochte er seine Bewegung zu verbergen. Es gibt nichts, was auf Männer aller Völker und Zeiten gleich stark wirkte wie reines, wortloses Heldentum: und Clark war im Grunde ja überhaupt nicht der Eisenfresser, als den er sich bisweilen von Ansehens und Erfolges wegen gab. Er eilte auf die Gruppe zu, ergriff die beiden jungen Krieger an den Händen, zog sie begnadigend zu sich empor und verzieh um dieser seiner Tapfersten willen dem ganzen Stamm. Über seinen Wunsch auf der Stelle zu Häuptlingen ernannt, genossen sie noch in späteren Tagen höchste Verehrung unter allen roten Nationen der Landschaft. Als aber neunzig oder hundert Jahre später zwei jugendliche Horatier oder Fabier vom verwandten Hochpräriestamme der Cheyennes für einen kleinen Ausbruch ihres mißhandelten Volkes einen ganz ähnlichen Opfergang unternahmen, wurden sie nicht etwa verschont oder gefeiert, sondern von der amerikanischen Soldateska auf Fetzen und Fransen geschossen. . . . Clark war eben doch noch Altvirginier, immerhin Halbengländer, immer noch Halbeuropäer; der wahre Henker des Indianers ist der Amerikaner des XIX. Jahrhunderts. –

Patrick Henry, der »Donnersohn«, durfte mit den Leistungen seines Schützlings wohl zufrieden sein, und er war es. Das Haus der Abgeordneten sprach ihm den »Dank der Gesetzgebung« aus – der Pour le mérite der Republik – und ernannte ihn zum Militärgouverneur der neuen »Grafschaft Illinois«. Dreizehnhundert englische Meilen weit war er mit seinen armseligen, mühsam zusammengetrommelten vier »Kompagnien« und ein paar alten Kanonen durch allgegenwärtige Gefahr kriegerisch erregter, teils ganz ungebahnter Wildnisse gerudert und marschiert; drei der wichtigsten Grenzposten des Feindes konnte er seiner Regierung als billige und unblutige Eroberung zu Füßen legen. Vor wenigen Jahren noch war dieser Mensch ein ganz untergeordneter Lieutenant Seiner Majestät des Königs von Großbritannien und Irland, ein abenteuernder Landmesser, ein junger wilder Herumtreiber wie so viele andere, der Garniemand gewesen; jetzt stand dank ihm und mit ihm das kaum erwachte Amerika, 331 verwickelt noch in ungewissen Kampf um sein begonnenes Sonderdasein, ungeheure Räume Hunderte von Meilen über seine angeborenen Grenzen hinaus überspringend, auf einmal mitten in seiner Zukunft, mitten im Kontinent, am Mississippi.

*

Simon Kenton, immer noch Butler, hatte an Clarks Zug tatenlos teilgenommen. Mit Martin, Harrod und den übrigen Kentuckyern kehrte er schon im Sommer heim; gleich darauf ging es unter Boone nach den Schawanesendörfern am Scioto. Damals ereignete es sich, daß der Altmeister, von jenem todwunden Indianer gewarnt, ihn bei seiner eiligen Umkehr zurücklassen mußte; als die abgeschlagenen roten Horden aus dem Grünen Rohr verfluteten, ritt er heilkreuzvergnügt mit seiner Koppel geraubter, wahrscheinlich aber nur mehr oder weniger zurückgestohlener Pferde zum Tore von Boonesburg ein.

Ja freilich, das konnte ihm so passen. Der strenge Boone, seit jeher freigebiger mit Tadel als Anerkennung, hatte ihm allerdings statt Lobes einen gelinden Rüffel erteilt. Aber mochte der immer gauzen und nörgeln, man mußte ja nicht unbedingt drauf hören. Kenton fühlte sich nachgerade Mann geworden, zu selbständigem Heldentum berechtigt – und augenblicklich vom Hafer gestochen. Ohnehin brach der Alte eben jetzt nach Carolina zu Muttern auf. Angenehme Reise; aber Roßdiebstahl ist lustiger und einträglich obendrein. Und zwei andere gleichen Alters, der schon erprobte Montgomery und Clark, Neffe oder Vetter des großen Georg Rogers, teilten diese zeitgemäße Ansicht.

Die jungen Leute hatten soweit noch scheinbares Glück. Sie setzten über den Ohio, erreichten Chillicothe und holten den gerade zur Beratung versammelten Indianern angeblich hundertundsechzig Gäuler weg, mögen deren auch einige weniger gewesen sein. Diese Pferde waren gewiß von den Roten selbst ganz ebenso gestohlen; aber sie hatten ihrerseits auf gestohlenem Grund geweidet, sie hatten noch schlimmeren Dieben, Länderdieben gehört. Irgendwie Pferdediebstahl ist schließlich die ganze Weltgeschichte.

Das unrechte Gut gedieh nicht. Schwerer Sturm schlug den Ohio zu Schaum, die Tiere sträubten vorm wütenden Wasser. Nichts half; die Nacht dunkelte herein; man verbrachte sie am Ufer im brausenden Wald. Der nächste Morgen erstrahlte in stiller Herbstpracht; allein die Herde, einmal verstützt und kopfscheu, war auch jetzt mit keiner Güte und Gewalt in den golden gleißenden Strom zu 332 bringen, keilte, bockte, bäumte, brach aus. Zur Aufgabe der kostbaren Beute konnte man sich nicht entschließen; die Habsucht war stärker als die Vernunft, die hinterlassene Fährte breit, der Lärm groß. So kamen denn die Indianer.

Kenton vernahm ihr nahendes Geheul und statt auszureißen schlich er auf die Stimmen zu. Plötzlich hatte er drei Feinde vor sich. Jetzt war's zu spät. Der Hahnschlag seiner Büchse blitzte ab, das Pulver auf der Pfanne war im Kampf mit den herumspritzenden Pferden naß geworden. Er begann zu laufen. Hakenschlagend ließ er die Verfolger wirklich zurück, aber dann hatte er wieder nicht Geduld, es in seinem Versteck unterm Laub eines Windbruchs auszuhalten und stolperte einer anderen indianischen Patrouille geradezu in die Arme. Es gab einen erbitterten, aber aussichtslosen Nahkampf; der zur Hilfe herbeieilende Montgomery büßte seine Treue mit dem Skalp, das Spiel war aus. Nur Clark, der still in seinem Schlupf geblieben, entkam und kehrte mit trauriger Nachricht nach Kentucky zurück.

Zunächst einmal wurde Kenton von den erbitterten Roten bis aufs Blutlebendige geprügelt. Über Nacht spannten sie ihn mit gespreizten Beinen zwischen eingerammte Pflöcke, deren einer ihn mit gestraffter Halsschlinge würgend festhielt, während noch ein Querbaum stramm angeriemt auf seinem Brustkasten lag und ihn gleichsam liegend kreuzigte. Am Morgen schnallten sie ihn als Mazeppa aufs wildeste der eingebrachten Pferde und ließen den Gaul mit seinem hilflosen Reiter durchs sperrige Unterholz bocken und rasen. So ging das von Lager zu Lager, drei Tage lang. Und das war alles nur Vorspiel.

Chillicothe erwartete den Gefangenen mit gezückten Spießruten. Am ersten Abend wurde er bloß drei Stunden lang gehauen und getreten; vor Erschöpfung schlief er beinahe unter den Schlägen ein. Früh am anderen Morgen sollte er Gasse laufen. Er sah eine lange Zeile von Indianern jedes Geschlechts und Alters, Pappusen, Weiber, Mädchen, Knaben, Männer, Greise, alle mit Stöcken, Ruten, Besen, Bränden und noch schlimmer bewaffnet. Hier nützte kein Widerstand: er lief. Als er drei Viertel des Marterweges zurückgelegt, blitzte ihm das nackte Mordmesser eines begierig zuwartenden Indianers ins Auge. Das bedeutete den Tod oder zumindest eine schwere Wunde. Aus tausend schon nicht mehr gefühlten Schmerzen durchzuckte ihn die Erinnerung, daß die Indianer jeden Flüchtling, der die Ratshütte erreichte, wenigstens mit kleiner Tortur verschonten. Er rannte einen Burschen in der Reihe nieder und brach durch die Lücke 333 aus. Vielhundertstimmiges Gebrüll hinter ihm her. Zerbläut, zerkratzt, mit geschwollenen Füßen fegte er über den Dorfanger dahin, schnell wie der Springbock der Steppe. Allein er schaute nicht vor sich, ein Krieger kam ihm zufällig in die Quere, schnitt ihn ab, warf ihm seine wollene Decke über den Kopf und rang ihn rasch zu Boden. Er wurde bis zur wirklichen Bewußtlosigkeit geprügelt, in die Ratshütte geschleift und zum Martertode verurteilt.

Aber so einfach ging das nicht. Sein hübsches Gesicht war den Roten aus den letzten Kriegen her unangenehm gut bekannt, seine unfehlbare Büchse hatte viele Witwen und Waisen gemacht; am Genuß seines Anblicks und seiner Qualen sollten alle Dörfer teilhaben, das Gericht erst zu Wapatomika am Endziel der Reise langsam und sachlich vollzogen werden . . . Als er diesen Schicksalsort nach zwei weiteren Leidensstationen erreicht und hier zum vierten Male Spießruten gelaufen, ins offene Fleisch mit Pulver beschossen worden, war er so hinfällig, daß die Indianer ihn ungefesselt und unbewacht in einer Hütte liegen ließen. Der Leichnam da würde doch nicht am hellen Tage entfliehen . . .

Er tat es. Gleich erwachten die Lebensgeister. Die Verzweiflung stachelte. Schlimmer konnte es doch nicht mehr kommen. Der ganze Körper eine einzige Wundbeule, so wischte Kenton zum Dorf hinaus. Den Verfolgern entkam er; aber einem zum angesagten Marterfeste reisenden Indianertrupp lief er wieder senkrecht in die Arme. Das konnte schließlich das stärkste Gemüt brechen. Schauerliche Geißelung; der jetzt tiefeinschneidend Gefesselte wird von Buben nach einem nahen See geschleppt und bis zum Ertrinken getaucht; sodann an einer jungen Ulme festgeschnürt, Arme hinten herum zusammen, Hals scharf herangedrosselt, die Füße so hoch überm Erdboden, daß er ihn gerade noch mit den Zehen erreicht . . .

Zweiundsiebzig Stunden lang blieb Kenton so am Baume stehen, hangen oder schweben. Nun war ihm schon alles gleich, Verbrennung, Spießruten, Stäubung, lebendige Skalpung; er schlief in den Banden ein, träumte vielleicht von Willy Veach, dem erschlagenen Jugendfreund, von ihr, um die er in dies wilde unstete Leben gestoßen worden . . . Am folgenden Abend sammelten sich die farbigen Dorfjungen unter Aufsicht einiger älterer Häuptlinge um ihn her; aus nicht zu kurzer Entfernung schossen sie ihm ihre kleinen leichten Pfeile ins ohnehin schon allwunde, schwärende, blutunterlaufene Fleisch, daß er von eingehakten Stacheln starrte . . . Die nächste lange Herbstnacht 334 kam und zog mit ihren kühlen Sternen über sein Leiden hinweg; der Morgen graute, die Sonne stieg aus Nebeln über die goldbunten Wälder herauf, und immer noch hing er, von grauenvollen Schmerzen durchwühlt, verlassen am Marterbaum. Niemand kümmerte sich um ihn; kein Tropfen Wasser seinem lechzenden Fieber; Glutfröste schütteln ihn, seine Zähne klappern; er versinkt in purpurne Schlünde und erwacht in einer indianischen Hütte, neben sich Speis und Trank.

In wenigen Wochen war sein junger Riesenkörper ausgeheilt. Die Indianer feierten seine Genesung mit dem fünften oder sechsten Spießrutenlaufen und unbarmherzigen Peitschenhieben. Tags nachher wurde er vollständig entkleidet, sorgfältig mit der schwarzen Todesfarbe bemalt und endlich an den wirklichen Marterpfahl gestellt. Die Weiber eröffneten das Fest mit Aufschichtung grünen Reisigs, dessen schwelender Qualmbrand ihn zunächst beizen sollte. Da traf hoher Besuch ein, dessen Erscheinen ihn noch eine Zeitlang fristete.

Zwei berühmte Wanderzauberdoktoren waren angekommen. Sie stellten an den Dorfstamm gleich die Bedingung, daß der Gefangene während ihres Gastspiels weder gefoltert noch hingerichtet werden dürfe. Seele dieses Verlangens war freilich nicht Mitleid oder eine ähnliche Schwäche, sondern einfach Sorge der Eitelkeit; das geschätzte Publikum sollte seine Aufmerksamkeit nicht teilen, sich um nichts als sie und ihre Darbietungen bekümmern. So durfte Kenton eine weitere Woche auf den erlösenden Tod warten, derweilen die Schamanen Kranke heilten, Geister beschworen und abends nach der Praxis ihre gar nicht so üblen Gaukelkünste vorführten. Schließlich zogen sie ab, mit dem üblichen Gassenlaufen und anschließender Stäupung wurde das Marterfest wiederum eingeleitet, die schwarze Bemalung erneuert, der Dulder abermals an den Brandpfahl gestellt. Diesmal schien es Ernst zu werden. Kenton gedachte noch einmal reuig des einst in zornigem Liebeskummer verübten Totschlags, sammelte all seine Kraft zu stillem Innengebet. Fromm auf ihre herbe Art waren ja die Grenzer alle, und das nicht allein in der lehrenden Not. Gefaßt sah er nun seinen Henkern ins Gelbe ihrer schmalen Augen. Wieder wurde Reisig rundher um ihn gehäuft; wieder zählte er selbst den Rest seines Lebens nur mehr nach Stunden . . .

Und wieder kam Unterbrechung. Kam Besuch, kam Aufschub.

Neun weiße Jäger, schwerbeladene Packpferde zwischen sich, ritten unter allgemeinem Freudenzuruf zum Dorfe herein. Ihr Führer: der andere Simon. Girty. – 335

Er brachte gerade die Werbegaben des Gouverneurs von Detroit oder vielmehr Englands: Decken, Gewehre, Schießbedarf, Biberfallen, Glaskorallen; Feuerwasser natürlich vor allem. Sein Blick fiel auf die unheimlichen Vorbereitungen, den wohlbekannten Pfahl, den Gefangenen, er stutzte. War das nicht –? Aber natürlich war das – –. Gierig umdrängten ihn die Indianer: was schickt uns der gute weiße Vater? . . . »Gar nichts schickt er euch, ihr Kanaillen! Was treibt ihr mit dem Manne dort am Pfahl, was soll das heißen?« . . . »Ein Pferdedieb.« . . . »Was Pferdedieb! Ihr verdammten braunen Schweinehunde und wollt da was von Pferdediebstahl reden? . . . Wo ist denn einer unter euch kein Pferdedieb, he? . . . Wo hat denn auch nur ein einziger von euch einen anderen Gaul als einen gestohlenen aus Harrodsburg oder Virginien? . . . Augenblicklich den Mann dort losgebunden, oder ihr sollt mir von dem ganzen Segen da auch nicht ein Körnchen Schießpulver und keinen Tropfen Branntwein besehen, da verlaßt euch drauf!« Die Schawanesen staunten; Girty galt ihnen sonst als wilder Amerikanerfresser. »Warum gerade diesen freigeben?« »Weil er ein alter Freund ist, weil ich es so will, das weitere geht euch nichts an. Vorwärts, losbinden, marsch!« Den Indianern schien die Forderung doch allzu hart, zu plötzlich. So lange schon hatten sie sich auf das Schmorefest gefreut, nun sollte ihnen der schöne Braten unter der Nase weggenommen werden. »Aber, Bruder, die Sachen, die du da mithast, schenkt uns der Ko-nel A-mi-ton, sie gehören nicht dir, du darfst sie uns nicht vorenthalten.« »Kinder, das ist doch mir ganz gleich. Der Oberst Hamilton sitzt in Detroit, und ich bin hier, und sowie nur einer von euch dreckigem Aasgesindel meinen Packen zu nahe kommt, fegen wir euch mit unseren Büchsen das Dorf rein, wie es noch nie gewesen ist. Was ich tue, das ist auch vor dem Obersten Hamilton wohlgetan, verstanden, und wenn ihr Galgengesichter das nicht glaubt, so kann er euch ja ein paar hundert Rotröcke mit Bajonetten schicken, dann seid ihr vielleicht zufrieden.« Girty kannte seine Brüder und nahm das Maul gleich ganz ordentlich voll; als irokesischer Pflegesohn konnte er sich ganz andere Töne erlauben als ein gewöhnliches Bleichgesicht. Der Schatten der furchtbaren sechs Nationen fiel noch immer von Mohawk bis an den Mississippi.

Allzuweit aber durfte er doch nicht gehen. Albion brauchte seine verachteten farbigen Verbündeten. Er selbst hatte vorderhand noch andere Dörfer in Hamiltons Auftrag zu bereisen; übertriebene Schärfe konnte 336 da dem zurückgelassenen Freunde erst recht zum Verderb werden. Es ward vereinbart, daß Kenton bis zu Girtys Rückkehr nicht weiter gemartert, sondern gut behandelt werden solle. Mit eigener Hand löste er ihn vom Todespfahl. »He, Sim, my boy, seid da in eine verdammte Trappe getappt, habt Euch recht wie ein Grünschnabel fangen lassen, als wäret Ihr nie in meine Schule gegangen; wenig Ehre für mich. Erinnert Ihr Euch noch des Elkhirsches droben am Alleghany? Seid da Eurem Lehrer brav beigesprungen, heut vergilt er's Euch. So ist Simon Girty denn doch nicht, wie sie ihn in euren frommen Forts drüben haben möchten . . . So, nun kommt, schneidet kein solches Karfreitagsgesicht, laßt Euch vor den Indianern nichts anmerken . . .«

Zu anderen Mienen brachte Kenton fürs erste allerdings die Stimmung nicht auf. Er dankte Girty unter Tränen und beklagte die Fügung, daß sein Retter gerade der an der ganzen Grenze bestgehaßte Mann sei. Der andere zuckte nur verächtlich die Achseln. »Ja ja, ich weiß schon, Simon Girty der Abtrünnige. Gut, dank dem kann Simon Girty Euch heut aus der Patsche helfen. Ihr heiligen Amerikaner seid ja natürlich nie von irgendwem abgefallen? . . . Na, kommt schon, Sir, wir haben wichtigere Dinge zu besprechen als Politik.« Er zog sich mit dem jungen Freunde in eine freigegebene Gasthütte zurück, ließ sich erzählen, redete ihm Mut ein, warnte vor ferneren Fluchtversuchen und vertröstete ihn auf seine Rückkehr. Draußen strömte das Feuerwasser, die besoffenen Indianer blökten und grunzten. Am folgenden Tage reiste Girty aus Wapatomika ab. Kenton gleich mitzunehmen, trug er doch Bedenken; auch der Versuch, die Häuptlinge zur Aufnahme des Gefangenen ins »Haus der Gnade«, das heißt zur Adoption zu bewegen, war trotz ausgiebigem Rausch fehlgeschlagen.

Mit der zugesagten guten Behandlung hatte es seine Wege. Gemartert wurde Kenton fürs erste nicht wieder; er durfte sich sogar beschränkt bewegen und arbeitete in den Maisfeldern. Aber die indianische Rachsucht loderte immer wieder durch. Eines Tages brachte ihm sein Wächter in plötzlich aufflammender Tückewut eine schwere Wunde mit dem Tomahawk bei. Das stumpfe Ende traf den Kopf, die Schneide fuhr tief in die Schulter. Kenton brach besinnungslos zusammen; als er erwachte, lag er wundfiebergeschüttelt in der gewohnten Hütte. Er war jung und stark und genas.

Wirklich kehrte Girty zurück. Er ließ diesmal nicht locker, schmeichelte mit süßen Reden und ansehnlichen Geschenken den 337 Häuptlingen ihren Gefangenen ab, kleidete ihn aus eigener Tasche neu von Kopf bis zu Fuß, schenkte ihm Pferd und Waffen und nahm ihn mit. Ein fast grotesker Auftritt folgte: auch ihrem gequälten Opfer drückten die Indianer zum Abschied harmlos freundschaftlich die Hand. So ist das Leben.

Die Reise führte durch die Dörfer, in denen Kenton früher schon Gasse gelaufen und zerbläut worden. Als hätten sie niemals ein Auge getrübt, spielten die roten Foltermeister jetzt zur Abwechslung Herzlich Willkommen und Lieber Bruder mein, und Simon, trotz furchtbarster Erfahrungen großes Kind bis an sein spätes Ende, war gutmütig genug, über seiner Rettung alles andere gerührt und dankbar zu vergessen und auf die neue Tonart einzugehen. Wie in der schönen alten Pittsburger Zeit jagte er fast täglich mit Girty; der vertraute Umgang tat ihm wohl, er lernte wieder lachen, er ward wieder er selbst, und der wilde Kundschafter besaß die zarte Herzensklugheit, die Genesung seines Schützlings nicht mit politischem Gezänk zu stören. Nur über Boone, den Pedanten, den Frömmler, den Pharisäer schimpft er sich gründlich aus; niemand anderer als Boone allein sei schuld an der ganzen Geschichte, darob sie jetzt an der Grenze drüben scheinheilig die Augen verdrehten und die Nasen rümpften . . .

Ein Horde mordbrennender Schawanesen war furchtbar zusammengeschossen aus Westvirginien heimgekehrt. Die Witwen keiften nach Rache. Was habt ihr sie freigegeben, was habt ihr sie gehen lassen, jene weißen Männer? Der eine hat euch zum Zuge aufgehetzt, der andere hat eure Gespräche belauscht, eure Anschläge verraten! . . . Das leuchtete ein. Man jagte Läufer hinter dem weiterreisenden Girty her: er möge mit seinem Freunde sogleich zurückkommen, es gebe wichtige Neuigkeiten. Selbst der erfahrene Späher ging diesmal in die Falle. Die wichtige Neuigkeit war die sofortige Ergreifung des ahnungslosen Kenton: nicht der ganze Stamm, ein einzelnes Dorf nur habe ihn abgetreten, das gelte nichts. An Girty wagte man sich allerdings nicht heran; er war irokesischer Pflegesohn, er stand unterm Schatten der »Langen Häuser«. Aber vergeblich blieb sein zorniges Drohen; heute hatte er keine lockenden Gaben zur Hand, kein betörendes Feuerwasser in Bereitschaft, die Übermacht gegen sich. Alles, was er erreichen konnte, war Fristung. Wenn überhaupt, so solle Kenton zu Sandusky droben im Erie-See verbrannt werden, wo eben jetzt eine große Anzahl hervorragender Sagamoren mit Gefolge um den englischen Agenten versammelt sei und 338 reiche Geschenke verteilt würden. Widerwillig, besiegt mehr durch ihre eigene aufglimmende Habgier, fügten sich die Schawanesen; Girty konnte ihnen doch auch recht erheblich schaden. So wurde denn Kenton unter scharfer Bewachung nordwärts nach dem fernen Erie abgeführt, sein Gefährte aber schickte ihm voran heimliche Botschaft an den einzigen, der hier zu raten und zu retten vermochte. Und dieser eine einzige war – John Logan.

Seit dem Schlage, der ihn ins Leben getroffen, lebte der stolze düstere Häuptling dämmernd träg in einem der kleinen Dörfer des schwindenden Indianerstandes. Was die weiße Bestie von seiner Menschlichkeit übriggelassen, vernichtete jetzt der Branntwein. Manchmal kam es schwarz über ihn, daß er zu Büchse, Beil und Messer greifen, unbedingt ein paar Blaßgesichter niedermetzeln, ein paar Ansiedlerköpfe abschinden mußte; war der Blutrausch vorüber, versank er zurück in finster untätige Schwermut. Aber immer wieder einmal brach seine unglückliche Liebe zu den verräterischen Weißen durch wie untergehende Sonne aus dunklem Herbstabendgewölk. Er konnte die blondlockigen Gespielen auf seinem Knie, er konnte die Freunde aus seiner hellen guten Zeit nicht vergessen; schon so manchen Gefangenen der Nachbarstämme hatte er kraft seines Ansehens vor dem Martertode bewahrt, nun lieh er dem armen Kenton, als der gerade bei ihm die erste Nachtrast verbrachte, bereitwillig seinen mächtigen Beistand.

Er fragte dem jungen Menschen seine Leidensgeschichte ab, hörte ihn ruhig an und behielt ihn unter irgendeinem Vorwand Zeitgewinns halber noch den ganzen nächsten Tag bei sich, während seine Läufer schon einen gewissen kanadischen Wanderkaufmann, Dolmetsch und Agenten namens Druyer in den umliegenden Ortschaften oder unterwegs in den Wäldern zu suchen hatten und wirklich fanden. Druyer, ein gutmütiger, kühnverschlagener, hilfsbereiter Mann, eilte auf des berühmten Häuptlings Einladung unverzüglich herbei, vernahm von ihm die ganze Geschichte und schmiedete mit ihm zusammen einen Plan. Kenton war inzwischen weiter fortgeschafft worden; mit einem schleunigst aufgekauften, recht stattlichen Vorrat an Rum und Tabak und ein paar verläßlichen Waldläufern sputete der Voyageur der Todesreise seines unbekannten Schutzbefohlenen nach.

Er kam keinen Augenblick zu früh. Kenton war in Sandusky sogleich wieder – nun zum siebenten oder achten Male – durch die Gasse gehetzt und ausgepeitscht worden. Als Druyer eintraf, stand 339 er schon nackt und schwarzbemalt am Brandpfahl. Wie eine mittelalterliche Heiligenlegende, wie eine Passion erzählt sich dies allerbewegteste Kapitel seines Heldenlebens. Zum dritten Male in höchster Not erschien das Wunder und verlöschte die aufzüngelnden Flammen vor seinen Füßen.

Der Kanadier verlor seine Zeit nicht mit blumigen Redensarten. Er stieg ab, begrüßte kurz und kernig die versammelte rote Nobilität, zapfte an und gab zur Erhöhung und Verherrlichung der erhabenen Marterfeier eine volle Runde aus, auch an Squaws und Pappuse. Gerade dieser eine Schmackschluck auf jede Zunge und Gurgel erweckte zweckvoll jene unzähmbare Gier nach Gebranntem, die dem Indianer so oft zum Verderb ward, ihn zur Canaille entwürdigte und um sich selbst betrog. Mehr ließ Druyer vorderhand nicht springen. Er verspundete sein Gebünd, und als das angekirrte Volk mit geblähten Nüstern und plierigen Augen um eine zweite Auflage bremmelte, eröffnete er sehr freundlich, daß er, ein armer Handelsmann, den teuren Rum auch nicht so ungemessen verschenken, höchstens verkaufen oder abtauschen könne.

Jetzt ging es an ein Feilschen. Der frierende Dulder am Pfahl war vergessen. Felle, Pferde, Waffen lehnte der Kanadier hartleibig ab, selbst von angebotenen Rosen der Prärie und Blumen der Wildnis wollte der verrohte Mensch nichts wissen. Endlich erklärte er, sein Feuerwasser allenfalls gegen den nackten schwarzen Schelm dort hingeben zu wollen, er brauche ohnehin einen Gehilfen. Das paßte natürlich den Indianern schlecht. Druyer zuckte die Achseln: denn also nicht, liebe Kinder, dann habt ihr eben nichts für mich und ich habe nichts für euch, so lebt denn wohl und gute Unterhaltung, ich muß weiter . . . Die Roten sahen grimmiger Sorge voll den Ernst seines Aufbruchs: soviel Kohtewe-nepe, Feuerwasser, und das alles sollte ungetrunken davonreisen! . . . Nicht auszudenken, ein solcher Schicksalsschlag! . . . Einige machten Miene zur Gewalt, ihre Blicke und Beile funkelten; aber gleich auch waren die nie fehlenden kanadischen Büchsen schußfertig, unter ihrem drohenden Schutz schnauzte der Voyageur das zudringliche Gesindel in die Schranken zurück. Durch den wachsenden Lärm kreischten und kratzten die Weiber, man dürfe den Mann mit dem Kohtewe-nepe auf keinen Fall ziehen lassen; die Pappuse kehlten; die dörflichen Masthunde heulten. Jetzt trat ein Häuptling hervor mit dem verlegenen Vorschlag, man könne den Mitschi-masla, den Langmesser, ja auf einige Zeit als Gehilfen oder 340 Sklaven verleihen. Gleich erhielt er zum Lohn seiner Verständigkeit einen Becher randvoll des köstlichen Stoffes. Allein der Wackere mußte sich sehr beeilen, aller Augen glühten ihn an, zwischen Lipp und Kelchesrand brauten Schwaden von Neid. Das war nicht länger auszuhalten. Man berief in Hast eine Ratssitzung. Das Angebot eines Preises von hundert Dollar wert Rum und Tabak war denn doch allzuzwingend: soviel Nektar und Ambrosia hatte man noch gar nie beisammen gesehen! . . . So gaben die Sagamoren überraschend bald den Zuschlag: nur müsse der weiße Mann ihnen auf Verlangen wieder zurück ausgeliefert werden. Aber natürlich! . . . denkt gar niemand daran, letzte Druyer inwendig frohlockend fort. Ungesäumt wurden die Fäßlein bis auf eines wieder abgeladen; wie Bienenvolk um den Wiesel schwärmten, wimmelten, klumpten sich die gierigen Indianer lippenleckend ums süße Gift. Der Voyageur aber riß den halberfrorenen Kenton aus dem Gedräng, nötigte ihn auf eins der Pferde, und nackt und schwarzbemalt wie er war jagte der Gerettete mit seinem Befreier im schärfsten Galopp zum Dorfe hinaus.

Ähnlich dem kleinen Jean Martin waren die kanadischen Waldläufer grundgute lustige Kerle. Bei ihren Scherzen und einem Glas Rum ward dem vielgeprüften Kenton bald wieder wohl und warm. Der Wohltäter schenkte ihm zu allem schon Geopferten noch einen neuen guten Anzug, aber seine strömenden Danksagungen wies er lachend zurück und die Rechnung schrieb er in den Rauch. An einsamen Heimmarsch durchs aufgeregte Indianerland zwischen den Seen und dem Ohio war nicht zu denken. Das sah Kenton selbst ein. So ließ er sich einstweilen als Ehrengefangenen zum freundlichen Oberst Hamilton nach Detroit bringen.

Hier brauchte er nicht Spießruten zu laufen. Druyer, Girty und sein eigener junger Ruhm sorgten für gute Behandlung. Jedermann wollte ihn sehen und hören. Er war ein bildschöner Kerl, seine furchtbaren Narben erweckten zärtliches Mitleid, die Damen in Fort und Stadt schmolzen gefühlvoll dahin. Aber im genesenen, nur allzu ausgeruhten Körper erwachte der Trieb nach freier Bewegung, in der Seele die Sehnsucht nach den reizvollen Gefahren schweifenden Kundschafterlebens. Und nun wurde es in Detroit auch noch unbehaglich. Der Platz hatte seinen beliebten Gouverneur verloren. –

Oberst Hamilton war über Order des höchlich unzufriedenen Generalkommandos mit achtzig Mann und indianischen Hilfstruppen zur Wiedereroberung der verlorenen Festungen abmarschiert. Den 341 Anfang machte er mit dem nächstgelegenen Vincennes. Der Befehliger des Postens, jener deutsche Grenzhauptmann Helm, fragte ihn vom Wall herab mit gerichtetem Geschütz und brennender Lunte nach den Bedingungen der Übergabe. Auf Zusicherung voller Kriegsehren kapitulierte er und marschierte dann zum größten Gaudium der Belagerer mit seiner ganzen, aus einem – einzigen Soldaten bestehenden Garnison stramm aus. Hamilton nahm ihm die Farce nicht weiter übel und machte ihn mehr als zu seinem Gefangenen zu seinem täglichen Gast und Piquetpartner.

Nach weiteren Lorbeeren geizte er nicht. Truppen, Gelder und Vorräte schickte man ihm nicht, aber den Amerikanern die Forts wegnehmen, Clark fangen, den Ohio hinauffahren, Pittsburg stürmen und »unterwegs so nebenbei noch Kentucky ausfegen«, ja das sollte er. Die guten Herren fern am grünen Tisch hatten eine Ahnung. Außerdem war es Winter, übergetretene Stromflut bedeckte weithin das wüste Land, Stürme heulten, Güsse peitschten, niedrig schleifte grautriefend Wassergewölk. Nein, da blieb man schon lieber hübsch gemütlich im warmen festen Kastell, ließ die närrische Weltgeschichte weiterlaufen und drosch mit dem deutschen Kapitän sein Piquet vor behaglich hellprasselndem Kamin.

Aber eines Abends begann es in diesem Kamin zu geistern. Seltsam hartes Zeug kam unheimlich zum Rauchfang hereingehagelt, ein-, zweimal, und plötzlich kollerte solch rätselhafter Meteor den Spielern vor die Füße. Helm hob das Ding auf: eine breitgeschlagene Büchsenkugel, nanu? . . . Richtig, horch, da draußen wurde geschossen. Und abermals rasselte und es schlug bleiern ins Feuer herunter. Ach, besoffene Indianer wahrscheinlich! . . . Nein, Col'nel, das sind nicht besoffene Indianer; das ist Clark, kann nur Clark sein! . . . Nonsense, Clark, das Hochwasser da draußen, wie und wo soll da Clark herkommen? . . . Und doch ist es Clark, Sir, hier das stammt aus gezogenem Rohr, die Indianer haben nur glatte Läufe . . . Und schon ruft Helm durchs Fenster hinab den Soldaten die Warnung zu, ja nicht aus den Schießscharten zu sehen, die Amerikaner zielten und träfen hinein und durch den Kopf. Zu spät: eben in diesem Augenblick wird ein Mann von solch meisterlichem Zirkelschuß auf der Stelle getötet.

Es war weiß Gott Clark. Von ganz anderem Holz als der lässige Brite hatte er auf die erhaltene Kunde mitten im Wildwinter, mitten in die furchtbare Überschwemmung hinein mobil gemacht. Unter 342 heroisch grausamen Anstrengungen erreichte er mit hundertsiebzig Mann das wiedergewonnene Vincennes. Der Platz sollte und mußte amerikanisch bleiben, kostete es ihn und seiner kleinen Armee hinterher gleich das Leben. Der Wabash und der White River, vom hochgeschwollenen Ohio zurückgestaut wie dieser selbst von den brausenden Massen des Mississippi, waren weit oberhalb ihrer eigentlichen Vereinigung ineinander übergeflutet und zum braunstrudelnden See verschmolzen. Meilenweiten wurden gefahrvoll durchwatet; streckenweise stieg das eisige Wasser den Schützen bis ans Kinn; das Wild war aus der Wüstenei geflohen; Hunger wühlte und mürbte. Den rücksichtslosen Führer selber verließ ein und das andere Mal der Mut. Er ließ sich nichts anmerken, schwärzte wie der Indianer auf dem Kriegspfad sein Gesicht mit naßverriebenem Schießpulver und marschierte immer wieder tapfer seinen Leuten voran ins kalte Element. Solch Beispiel mit etwas Theater zündete bei den Hinterwäldlern. Am schlimmsten aber ward die Mühsal gerade kurz vor dem Ziel. Ein meilenbreiter Schwall trennte die Angreifer vom schon gesichteten Fort, dessen gewöhnlichen Feierabendschuß man über die tragende Wasserweite her deutlich vernahm. Bis an den Hals plantschten die schwer erschöpften Männer in der schaudrigen Brühe, drunten die Füße unsicher glitschend, klebend und sinkend im seifig durchweichten Grund. Büchsen und Schießbedarf mußten hoch überm Kopf gehalten werden. Endlich fühlte ein Grenzer mit geübter Sohle die Härte eines überfluteten Pfades; alle folgten, aber das eratmend erstiegene Land war nur eine längliche Bodenschwelle, jetzt eine schmale Insel in uferlos verdämmernder Fläche; drüben die wenigen matt aufblinkenden Lichter von Fort und Stadt, und bishin noch Wasser und Wasser, unheimlich gurgelnde leckende Wasser . . . Es bedurfte starker Mittel, die niedergeschlagenen todmüden Menschen da noch einmal hineinzuhetzen; Clark drohte jedem Zaudernden mit sofortiger Kugel vor den Kopf. Jenseits in den hoch durchschwemmten Auwäldern ging es etwas besser, Bäume und Treibholz boten Griff und Halt. An der mit letzten Kräften erkämpften Böschung aber warfen sich die Leute einfach lang hin, den halben Körper noch umspült vom schlammigen Naß. Und all das an einem 23. Februar . . .

Allein noch war dieses Tages Werk lange nicht getan. Ein verlassen gefundenes indianisches Kanoe deckte mit seiner Ladung an Büffelfleisch, Talg und Mais den Tisch zu erster hastiger Stärkung. Die Bewohner der Stadt droben auf der höheren Prärie, von Clark 343 durch allerhand Manöver geblöfft, ergaben sich ohne Kopf und Kampf. Im abseitsliegenden Fort war man ahnungslos, bis dann die Kugeln einer vorhergehenden Abteilung zum beschossenen hölzernen Rauchfang hineinkollerten. Hamilton erkannte die unhaltbare Lage und bot Übergabe gegen ehrenvolle Bedingungen an, die Clark nach langem finsterem Sträuben schließlich zugestand, als Helm ihn an Boones gute Aufnahme und großherzige Behandlung erinnert. Trotzdem wurde der hochsinnige freundliche Mann in Virginien drüben in Ketten geschlossen und zu schwerstem Kerker verurteilt, und erst Washingtons Eingriff, mehr aber noch die bewegliche Fürsprache des dankbaren alten Hinterwäldlers verschafften ihm einige Erleichterung. –

So war also Detroit um seinen beliebten Gouverneur gekommen, vom Nachfolger hatte man wenig Gutes zu erwarten, Simon Kenton sann auf Flucht. Am Schlusse seiner schmerzvollen Odyssee steht eine zarte Liebesnovelle. Unter den mancherlei Frauen und Mädchen, die dem bildhübschen, hünenhaften und doch so sanftmütigen Gefangenen ihre Zuneigung geschenkt, war auch eine gewisse Mrs. Harvey, Gattin eines begüterten aber vielleicht nicht sehr romantischen Kaufmanns. Im Garten dieser seiner Gönnerin arbeitete Kenton am liebsten und häufigsten, ihr eröffnete er sich. Es gab da noch ein paar zurückgebliebene Kentuckyer von der Booneschen Salzgesellschaft; sie alle versorgte die so empfindsame wie findige und tapfere Dame mit Mundvorrat und Schießbedarf für die Reise, und die dazugehörigen Büchsen stahl sie ohne Scheu etwelchen besoffenen Indianern, die ihre Waffe draußen gegen die Mauer der zum Store gehörigen Schenke gelegt, während sie drinnen feuerwasserselig grunzten und gröhlten. Kenton und seine Gefährten ließen sich an Stricken aus dem Obergeschoß der kaum bewachten Kaserne hinab, überkletterten auf bereitgesetzter Leiter Wall und Werk und hatten die Freiheit.

Es war eine zaubrische Frühsommernacht; in ihrem Garten, im Dunkel laubig hochgeschossener Erbsenpflanzung wartete die gefühlvolle mutige Freundin mit den geraubten Gewehren. Lange währte der zärtlich flüsternde Abschied; erst als der fahlfrühe Morgen schaudrig über die weiten Wasser des St. Clair heraufdämmerte, riß der junge Jäger sich los: . . . Er hat seine schöne Retterin nie wiedergesehen aber auch nie vergessen und als verbitterter stumpfer Greis noch ein halb Jahrhundert später, als es diesseits des Mississippi fast 344 keine Indianer und längst keine Romantik mehr gab, unter gebleichtem Haar erglühend von ihr geschwärmt.

In anstrengenden Gewaltmärschen erreichten die Flüchtlinge die Fälle des guten alten Ohio; die wohlgemeinten Indianerbüchsen waren recht schlecht, oft fehlte es abends nach erschöpfender Wanderung an einem herzhaften Wildbraten für Spieß und Magen. Und doch hatte Kenton noch immer nicht genug. Mit einem Trupp begegnender Kentuckyer reiste er wieder nordwestlich zurück nach Vincennes. Dort war ja Clark, da gab es sicher irgend etwas zu tun und zu wagen. Indes der Gouverneur wußte im Augenblick keine zusagende Verwendung für den rastlosen Abenteurer. Stadt und Indianer verhielten sich ruhig, seinen kühnsten Lieblingsplan, die Eroberung der »Königin der Seen« Detroit konnte der »Hannibal des Westens« ob kläglichem Mangel an Truppen, Geldern und Material weder jetzt noch je in die Tat setzen.

Kenton aber kriegte das Herumstumpfen und -sumpfen in Kaserne und Kneipe schnell satt. Die alte Unruhe trieb ihn weiter; seit seinem sechzehnten Jahre unterwegs in Kämpfen und Nöten war er zu seßhaftem Spießertum, zu Kraut und Kommiß völlig verdorben. Auch hielt er ein umherschweifendes gefahrvolles Leben geradezu für seine Bestimmung und Strafe; auf seiner Stirne brannte das Kainsmal, unstet und friedlos sollte der verbannte Mörder durch die Wildnisse irren . . . Er verließ Clark, der sich ohnehin damals schon mehr als gesund mit den Tröstungen des Weingeistes beschäftigte, zog wiederum nach dem Ohio und traf nach allerhand Kreuz- und Querabsprüngen wie ein vom Tode Erstandener in Harrodsburg ein. –

Zwei Jahre später.

Kommt da ein Auswanderer aus der virginischen Grafschaft Fauquier nach Kentucky, begegnet Kenton und stutzt.

»Why, Sim, is that you? . . . Nanu, Simon, täusch' ich mich, bist du's oder bist du's nicht? . . . Na, natürlich bist du's! . . . Also du lebst, und – –«

Dem Erkannten schießt jäh das heißrote Blut in die Stirn. »Sprecht Ihr zu mir, soll ich da gemeint sein?«

»Na freilich du, Simon, wer denn sonst? . . . Du bist doch Kentons Simon, Gott segne meine Augen, sollt ich dich nicht kennen, Kerl! . . . Des alten Kenton verlorener Simon bist du, derselbe, der –« 345

»Ihr irrt, Mann. Simon, das stimmt zufällig, aber nicht Kenton, sondern Butler. Simon Butler aus Pennsylvamen . . .«

»Na, nu hör mal, mein Junge, hab dich nicht! . . . Du, und willst nicht Kentons Simon sein, Gott segne meine Augen! . . . Wenn du nicht Kentons Simon bist, da laß ich mich – –. Erkennst du denn mich nicht, euren Nachbar?«

»Euch nie gesehen, Sir.«

»Jetzt schlägt's aber dreizehn und einer lang hin! . . . Und dabei hab ich grad noch vor ein paar Wochen mit deinem alten Vater – –«

Da wird dem anderen auf einmal alles Blut zu brennendem Tränenwasser . . . »Vater – – mit meinem – meinem alten Vater? . . . Er lebt also noch, er lebt noch? . . .«

Der Virginier lacht. »Sieh, also doch! . . . Dacht mir's bald, na, wär auch nicht schlecht, bless my eyes! . . . Freilich lebt er noch, der Alte, wartet mit seinen müden Augen und seinem Sterbefrieden auf dich – – – seit damals, seit der dummen Geschichte mit dem Mädel da, wegen der du Will Veach beinahe – – –«

Kenton, aufstarrend aus einer Erschütterung in die andre, glaubt nicht recht zu hören. »Beinahe? . . . Bei – – nahe? . . . Will, Will Veach, Willy – ist er nicht tot?«

»Tot? . . . Warum? . . .Why, denkt ja auch gar nicht dran, weshalb? . . . Wegen dem Nasenstüber damals? . . . Wenn ihm nichts Schlimmeres passiert ist! . . . Nay, quietschfidel und gesund ist er, hat schon seine sechs oder sieben stramme Kinderchens, lebt glücklich und zufrieden mit seiner kleinen Frau, die reitet ihn an der Stange, kann ich dir nur sagen . . .«

Das war zuviel. Der alte Held hat später selbst von der unbeschreiblichen Gewalt dieses Gefühlssturzes erzählt. Man mag sich's vorstellen. Kainsmal, Strafe, Verbannung, Bestimmung, alles nichtig, vermeint, eingebildet! . . . Willy Veach lebte, der Vater lebte, er brauchte sich nicht mehr zu verbergen, er mußte nicht im Dunkel wilder Fremde, von Gespenstern gehetzt, ruhlos ringen und schweifen! . . . Er durfte das Elternhaus wiedersehen, bleiben, sich niederlassen; alles war mit einem Male gut, ganz neu und rein die Welt, alle Wege frei in heller Morgensonne! . . . Jetzt erst legte er die fast zehn Jahre lang redlich und demütig getragene Verkleidung wie ein ausgedientes Büßerhemd ab, erschloß sich und sein Geheimnis den hocherstaunten kentuckyschen Freunden und hieß von nun an offen 346 mit seinem nachmals so sagenhaft berühmt gewordenen wahren Namen: Simon Kenton. –

Bald darauf weilte er, an Jahren jung, an Taten und Narben alt, in der Heimat beim greisen Vater. Auch den ihm wiedergeborenen Jugendfreund besuchte er in seinem Hausstand. Er wurde mit Jubel begrüßt, die einstige Geliebte reichte ihm arglos die Hand, vielköpfige Blondbrut umkrauchte die Knie des großen neuen Onkels und lauschte mit offenem Mund seinen wilden schauerschönen Geschichten. Alles war vergeben, verschmerzt, vergessen; nichts stand der Begründung gleichen Friedens im Wege; die Scholle wartete, an hübschen Töchtern und beachtlichen Kriegswitwen war hier im alten Lande längst kein Mangel mehr. Aber zu tief schon hatte sich das bittersüße Gift abenteuernder Einsamkeit in Gemüt und Gewohnheit des früh Entfremdeten eingefressen. Wie seine Meister Girty und Boone hielt auch ihn auf die Dauer kein Dach. Alltägliche Gleichordnung war ihm unerträglich zuwider; hier war er nichts als Gast, hier würde er bald verdumpfen und ersticken; ohne die Abwechslung der Kundschaften und Kämpfe, ohne den Reiz der Gefahr, ohne die Freiheit der unermeßlichen, tausendgestaltigen Wälder und Weiten überhaupt kein Leben. So schürzte er denn wieder seine Riemen, rückte Pulverhorn und Kugelbeutel an der Hüfte, Messer und Beil im Gürtel zurecht, schulterte die Büchse und wanderte auf vorgezeichnetem Wege zurück in seine wahre Heimat, in die brauende Wildnis, ins dunkel webende Schicksal. –

Vier Helfer haben Kenton in seinen Nöten beigestanden: Girty, der rote Logan, der brave Druyer und die schöne Frau in Detroit. Girty hat den Krieg zwischen Weiß und Braun, zwischen England und Amerika bis zum bitteren Ende ausgefochten; Druyer und die zärtliche Mrs. Harvey verschwinden aus der Geschichte der Grenze. John Logan, der einst wahrhaft große, wahrhaft edle Häuptling nahm ein würdeloses Ende, traurig vorbildlich für seine ganze verfallene Rasse. Er verfinsterte mehr und mehr, versank in stumpfsinnigen Trunk und wurde bei einer Rauferei von einem anderen Indianer wie ein räudiger Hund erschlagen.

*

Die Äxte gellen, die räumigen Wälder hallen, die Urstämme dröhnen in wuchtendem Fall. In den »dunklen blutigen Gründen«, 347 so glückselig gotteinsam noch vor einem Jahrzehnt, wird es erschreckend lebendig.

Mit zwei oder drei Kastellen hatten die Grenzer angefangen; jetzt stehen ihrer schon zwölf, fünfzehn und zwanzig. Im Westen der Landschaft baut Sandowsky der tollkühne Böhme, derselbe, der damals auf schwankem Einbaum die dreitausend Kilometer weite Stromreise nach New Orleans hinunter gewagt; um Boonesborough allein lagert über stetig wachsenden Lichtungen der Rauch von fünf neuen Burgweilern, darunter Fort Estill, später hochberühmt in der Blutgeschichte des Westens. Auch die sonderbaren McAffees gelangen nach langer Wahl und Vorbereitung endlich zu festen Pfählen; Patterson, von seinen bös langwierigen Wunden genesen, löst sein ruhmrediges Wort ein und begründet mit erster Blockhütte die gelobte Gedächtnisstadt Lexington, mitten hinein ins gesegnetste Stück Erde, in den paradiesischen »Garten« Kentuckys. Und schon wird der aufkeimende Ort mit seinen verschwenderisch üppigen Ernten zum Mittelpunkt eines neuen Siedlungskreises; Fort Ruddel und Fort Levi Todd schießen aus dem schwarzen Fruchtboden, Boones Schwager Bryant pflanzt hier seine Palisaden, seinen Mais und Tabak, ja sogar der kleine Jean Martin errichtet jetzt da seine eigene »Station«, wie diese bohlenen Waldfesten gewöhnlich genannt wurden. Unter dem Oberschutz von Harrodsburg und Logans Kastell »St. Asaphs« nisten wieder andere Schanzdörfer; zehn pennsylvanische Deutsche, tapfer und hart, doch unvertraut mit den Künsten des Wildkrieges, lassen sich abseits nieder, werden aber in den Kämpfen gegen die leise zähe Rothaut nach und nach aufgerieben. Und drüben auf den Cumberland zu riecht es auch schon nach des weißen Mannes Rodung und Herd; dort in der Nähe des heutigen Fleckens Crab Orchard hält William Whitley, der unversöhnlichsten, der grimmigsten Indianerschlächter einer, gegen die Cherokesenvölker bewehrte Südwacht. Mit den Taten, Wagnissen, Abenteuern, Siegen, Gemeinheiten, Metzeleien dieses einen Whitley allein läßt sich schon ein ganzes Schwarzbuch füllen. –

Und das Kriegsbeil kommt nicht zur Ruhe, der rauhe Pfad über den Ohio wird nicht glatt. Ein verunglückter Strafzug von hundertsechzig kentuckyschen Grenzern unter dem gründlich unfähigen »Major« Bowman ermutigt die Rothaut erst recht zu neuen Räubereien und Skalpjagden.

Es geht gegen Chillicothe, die alte Indianerstadt am Scioto. In dunkelbrütender Julinacht wird der Ort angeschlichen und schweigend 348 umzingelt. Benjamin Logan nimmt den linken Bogen des Kesseltreibens, Bowman den rechten; der geschlossene Kreis soll sich dann angreifend zusammenziehen, der einfachste Schlachtplan der Welt. Allein der branddurstige Sommermorgen dämmert aus dem hohen Grase herauf, längst steht Logan still auf seinem Posten, und der Major von drüben mit seinen Schützen kommt und kommt nicht. Da bellt ein Dorfhund, da fällt von der anderen Seite her ein Schuß; gleich sind die Indianer alle auf, stürzen heulend aus den Hütten, sammeln sich bewaffnet um ihre lange Ratsscheune, das Heiligtum. Jetzt aber geht Logan denn doch auf eigene Faust vor; in Minuten hat er seine Hälfte der Stadt, zwei Drittel genommen; vernichtende Niederlage des Stammes könnte besiegelt sein. Nur den Sturm aufs stark verteidigte Rathaus wagt er noch nicht, dazu fehlt es ihm an Leuten. Die Roten eröffnen ein scharfes, ausnahmsweise einmal bedächtiges Feuer: er verbarrikadiert sich aus niedergerissenen Hütten. Wo nur zum Himmel bleibt der Mensch, der Major Bowman? Läßt er ihn hier sitzen? Schon drohen die Indianer mit gedeckter Umgehung; das kann ja gut werden. Da kommt ein Bote und bringt ohne Erklärung den Rückzugsbefehl. Rückzug, jetzt? Noch schlimmer. Aber gehorcht muß werden, schon um der lieben Disziplin willen. Ja, Disziplin, Grenzermiliz und Disziplin, hat sich was Disziplin! Zuversicht erschüttert, Vertrauen verloren, irgendwas passiert – wie begossene Katzen reißen die Hinterwäldler aus, hinterdrein mit Tomahawk, Kugelhagel und Geheul die Indianer. Allgemeine Verwirrung! Bowman steht noch wo er mitternachts zuvor gestanden, hat keinen Schritt getan, ist nicht vorgerückt, nicht ausgelaufen, sitzt wie ein Ölgötz starr und steif auf seinem Gaul inmitten brüllender, fluchender, fuchtelnder Leute. Der Gehorsam aufgelöst, Ordnung gesprengt, jede Fassung dahin; und auf den Fersen die Hammerbeile, die Skalpiermesser, der unheimliche Whoo-whoop, die ausdauernden Lungen und scharfen Sinne eines maßlos erbitterten Feindes. Aber da sind der kleine geistesgegenwärtige Martin, Harrod, Logan selbst und der ausgezeichnete deutsche Bedinger. Sie reißen mit Mühe, Gewalt, Strenge die meuternde, wankende Miliz zusammen, soweit wenigstens, daß der nun allerdings unvermeidliche Rückzug nicht in verderblich zerstreute Flucht ausartet. Die Angriffe der hartnäckig nachsetzenden Roten, von Stunde zu Stunde erneuert, sprechen dazu das überzeugendste Wort. Zu guter Letzt werden die Hinterwäldler fast noch eingekreist und vom Ohio abgeschnitten. Wieder retten die vier mit 349 einer Handvoll besonnener Reiterschützen die bedenkliche Lage. Allein die Verluste sind stark. Bowman ist für die Grenze erledigt. Auch unter den anderen wüten gegenseitige Vorwürfe lange fort.

Der deutsche Bedinger, wenn schon so berühmt nicht wie Boone, Kenton, Logan, gehört zu den kernigsten Gestalten jener harten Eisenzeit. Er erreichte, vernarbt und verwettert, das höchste Alter und starb erst 1844 – fünfundsechzig Jahre nach jenem Kampfe, in dessen Geschichte sein Name zum erstenmal aufklingt, zu einer Zeit, da das unerbittliche Go ahead längst die letzten Reste von Schawanesen, Miamis und Ottawas aus ihrer Heimat hinweggefegt hatte. –

Im selben Jahre 1844 starb noch ein anderer Uralter, der damals vor zwei Geschlechtern ein furchtbares Abenteuer erlebt. Der Salzverkehr von Pittsburg nach Bullits alten Lecken am Salt River hatte stark zugenommen; bisweilen brannten da ihrer hundert Grubenfeuer unter den Sudpfannen. Eines Tages im Jahre 1779 fährt ein mit zwölf Männern und einer Frauensperson besetztes Einzelboot, Nachzügler einer Flotte von Salzkähnen, aus dem Ohio in den Salt River ein. Crist, Spears, Crepps, Boyce, Moore, Fossett und so weiter heißen die Leute; der Name der Frau ist verschollen. Man legt zur Nacht an, findet verdächtige Spuren, will andern Morgens weiterfährten; da läßt sich in erwärmender Sonnenfrühe das Glucken und Kollern von Trutwild vernehmen, Fossett und ein zweiter, hingerissen von Jagdgier, springen an Land, dringen trotz Warnung ins dichte Ufergebüsch ein: – Schüsse, betäubendes Massengeheul, die Jäger kommen in gesträubter Flucht herausgebrochen, hundertzwanzig Rote vielleicht hinterher. Fossett, mit zerschmettertem Arm, kann das an langer Kette hangende Boot kaum noch erreichen; im folgenden hitzigen Feuergefecht wird gleich die größte Zahl der Salzsieder getötet oder tödlich verwundet. Selbst die Schiffsbrüstung mit den daran gleich Schilden aufgestellten Sudpfannen gibt keinen Schutz; der Kahn schwimmt quer zum Strom, Spitze zum Land, seine Verteidiger müssen dem Feinde und seinen langhinstreichenden Kugeln gerade die Flanke bieten. Ja, und das Schlimmste dabei: die Bootskette mit ihrem Zwischenhaken ist vom Ankerbaum am Ufer mit keiner Gewalt loszukriegen. Spears liegt im Sterben; unverletzt sind überhaupt nur noch Moore, Crepps, Crist und die Frau. Endlich gelingt es dem trotz zerschossenem Arm inmitten heißen Bleihagels heldenmütig arbeitenden Fossett, den verwünschten Haken aus den Gliedern zu reißen; währenddem schlagen die anderen nach Kräften den Hauf 350 anschwimmender, aufkletternder Indianer vom Fahrzeug ab. Jetzt wird das gelöste Schiff erfaßt und fortgetragen, langsam dreht es die Brüstung mit den hochkant lehnenden Pfannen gegen die wutbrüllenden Wilden; das verschafft wenigstens eine kurze Atempause. Spears im Verlöschen bittet, ihn doch ruhig auf dem anderen Ufer abzulegen und seinem Ende zu überlassen; die Lebenden möchten sich retten, mit ihm sei's ja bald vorbei. Davon wollen die Kameraden natürlich nichts hören. An Rudern und Steuern ist ohnehin nicht zu denken, das Boot treibt durch die scharfe Flußkrümmung von selber der Jenseite zu. Schon aber sind auch die Indianer auf Schwemmhölzern und schnell gefällten Stangen mit im Wasser und eilen unter weit widerhallendem Skalpgejohl ihren Opfern voraus, sie drüben warm zu empfangen. So scheint nun alles verloren, die letzte Flucht verlegt. Spears verscheidet noch vor der todbringenden Landung; ihm kann nichts mehr geschehen. Boyce, Fossett und ein gewisser Floyd, alle verwundet, nehmen auf Wunsch ihrer Gefährten die erste Gelegenheit wahr, springen ans Ufer und haben wirklich Glück; wie durch ein Wunder entkommen sie im Dickicht. Die Frau, in Angst und Grauen erstarrt, ist von Bord nicht fortzubringen, begräbt das Gesicht in den Händen, ergibt sich gelähmt ins Schicksal. Da werfen sich denn auch die drei letzten in den ungleichen Kampf, den zielenden Mündungen und wirbelnden Tomahawks entgegen. Moore entschlüpft noch, der einzige, der ganz heil dem schrecklichen Erlebnis entrinnt. Crist versagt der Schuß in der nassen Büchse, einen Indianer schmettert er mit dem Kolben nieder, Blitzschläge durchzucken ihn, getroffen schlägt er sich durch in den dumpfdämmrigen Urwald. Von der Frau vernimmt er einen vergellenden Aufschrei, von Crepps nichts mehr. Diesen finden Salzsieder und kentuckysche Jäger, durch Moore verständigt, einige Tage später am Strande, von Fliegen umschwärmt, atmend, aber tödlich verstümmelt.

Crist hat beim Durchbruch mehrere Schüsse erhalten, den bösesten durch die Ferse. Der Knochen ist zertrümmert; soweit der Schwung ihn trägt, geht es noch, dann knackst er zusammen. Mit Entspannung und überwundener Gefahr stellen sich die Schmerzen, stellt sich bald das Wundfieber ein. Aber hier ist keine Zeit zum Wehleiden und Ausfiebern; vom Himmel herunter kommt die Rettung nicht, sie muß gesucht werden. Da er nicht laufen, nicht einmal mehr hinken kann, schleppt er sich auf den Händen und Knien weiter, tags vom Sonnenlicht, nachts von den mild durchschimmernden Sternen geleitet. Allein 351 lange geht das so nicht; bald ist die blanke Haut von Dornen, scharfem Gras und Felskanten zerschunden und zerschürft, nacheinander müssen Mokassins, Hut, Oberkleider als Schutzhüllen aushelfen und dran glauben. In tiefer Nacht blendet aus hohlem Walddunkel ein fernes einsames Feuer. Der Unglückliche schiebt sich auf den tröstlichen Schein zu; da schlägt ein Hund an, befiederte Gestalten springen auf. . . . Crist verkriecht sich, verbringt zitternd und glühend die Stunden bis zum nächsten fahlen Morgen unterm Laub eines sturmgeworfenen Baumes, im gewöhnlichen letzten Schlupf der Grenzer. Dann quält er sich noch einmal den ganzen nächsten Tag auf den Händen fort, wie ein kreuzlahm geschossenes Tier. Wunder nur, daß die Indianer die Schleifspur der nachschleppenden Füße nicht entdecken und verfolgen. Der Hunger krampft, zu essen nichts, die Schmerzen wühlen bis in die Schenkel herauf, die Hände offen, rohes nässendes Fleisch, jeder Griff, jede Berührung Höllenfolter. . . . Gegend Abend ist Crist erledigt; er legt sich hin und wartet still auf den Tod. Da gehen mit niedersinkender Dämmerung in der Weite viele Feuer auf, wie die Lichter einer nächtlichen Stadt. Das sind die Brände der Salzsieder an Bullits Lick.

Crist will sich noch einmal zusammenreißen; unmöglich, erschöpft von Weh und Mangel sinkt er in sich zurück. Aber ein Reiter naht auf dumpftrabendem Pferd; Crist ruft ihn an, jener, ein schreckhafter Neger, wirft seinen Gaul herum und jagt auf das Lager zurück: Indianer, vielviel Indianer! . . . Man will es dem bleckenden Zähneklapprer nicht glauben, sucht die Umgebung ab, Crist wird gefunden, geborgen, und ist nach allem dennoch gerettet. Länger freilich als ein Jahr hat der gute deutsche Medikus an ihm herumzuflicken; aber dann ist er auch gesund, bleibt, wiedergeboren, gleich ganz in Kentucky und erreicht als angesehener Bürger, Krieger, Deputierter das gesegnete Alter von beinahe hundert Jahren. – –

Es gibt noch andere Feinde: der weiße Mitbruder und Mitchrist selbst der bösartigste und gefährlichste.

Das bekannte alte Heimstättenrecht, das »Tomahawk improvement« der Hinterwäldler, war von der virginischen Regierung in veränderter Form auf die neuen Grafschaften ausgedehnt worden. Amerikanische Weisheit und Gerechtigkeit zeigt sich da im gleißendsten Licht: dem nur, der eine genaue Beschreibung seines Gutes nach Lage, Größe, Bodenbeschaffenheit, Waldbestand beibrachte, wurde ein Landpatent erteilt, der Besitztitel zuerkannt. Nun aber konnte doch gerade ein 352 Boone, ein Kenton, ein Harrod oder Martin, konnten die narbigen Pfadfinder und Pioniere, die wahren Eroberer und Erschließer des Westens, konnten die Verdientesten und Aufopferndsten, die Ersten und Besten am wenigsten mit solchem Kanzleiwust aufwarten: während es anderen, den Nachkommenden, die vielleicht noch nie das Gelb in Indianers Auge geschaut, nie des Bären beizenden Aasatem im Gesicht verspürt, nicht die geringste Schwierigkeit bereitete, die gesetzliche Bedingung zu erfüllen und aus Weg und Werk ihrer kühnen Vorgänger schmierigen Nutzen zu ziehen. Nicht den Löwen und Adlern blieb die heiß erstrittene Beute, sondern den Hyänen, den Schakalen und Schmutzgeiern; nicht die Tat, nicht der Aufwand an Mut und Blut entschied, sondern ein billiger Wisch. . . . Dabei konnte es einer anständigen, vornehmen Regierung wahrlich nicht schwer fallen, die Führer und Bahnbrecher von vornherein in einem ihren Verdiensten entsprechenden Besitz, in einer angemessenen Schenkung zu bestätigen und zu sichern, ehe sie die ganze Landschaft der Raffgier nachdrängenden Janhagels preisgab. Allein Lohn und Los der Helden ist immer wieder dasselbe seit Aristides und Kimon, seit Coriolan und Scipio.

Um diese Zeit beginnt des alternden Boone bitterer Kampf mit seinem unnachgiebigsten, seinem heimtückischesten, seinem grausamsten Feinde, mit dem sinnlosen kalten blinden – Papier. Derselbe Kampf, den wir alle täglich fast im kleinen oder großen verzweifelt fechten, in dem so viele schon zu Hassern und Verächtern des Staates, der Ordnung, der Gesellschaft, der Menschheit und ihrer sognannten Wohlfahrt geworden sind: der Kampf lebendigen Rechtes gegen totenstarres Gesetz. –

An ihren Früchten erkannte man sie bald, die hohe Regierungsweisheit. Der Erlaß, noch nicht einmal gegeben, nur erst angekündigt, lockt gleich Einwanderer in hellen Haufen nach dem neuen gepriesenen Lande, das vor zehn Jahren noch nur des indianischen Jägers Mokassin scheu und eilig durchschweifte. Hundert Acker Eigen für jede noch so kleine Maispflanzung, Vorkaufsrecht über das Vielfache für jedes gebaute Blockhaus, wer wollte das versäumen? . . . Wer selbst nicht lesen, schreiben und rechnen kann, der bringt eben einen Landmesser mit; Landmesser ist überhaupt jeder Dritte und Vierte; überall rauscht die Meßkette, vibriert die Nadel der Bussole; was Büchse und Beil gewonnen, Wille und Waffe errungen und verbissen behauptet, das Königreich wird nun vom Kompaß und Rutenband in tausend Diebsflicken zerfetzt. 353

Aber alle diese Raffer und Rechner kümmerten sich im geringsten weder um tätig erworbenes Eigen der Vorsiedler noch umeinander. Jeder arbeitete frisch drauflos auf seiner eigenen Grundlinie; tausendfältig überschnitten sich die aufgenommenen Parzellen. Unter zehntausend Tagwerk »vermessenen« Landes waren mindestens neuntausend von Anfang an strittig; auf ein einziges, auf ein und dasselbe Gut kamen häufig fünf, sechs, sieben »Patente«, entsprechend ebenso vielen vorgelegten »Beschreibungen«; der alte Besitzer mußte sie aufkaufen, oder er verlor Hof, Land und Aufwand, und kein anderes Mittel blieb dem neuen Anwärter gegen seine ungeahnt vielen Mitbewerber. Es fehlte noch an festen Ortsnamen, an Koten, an jeder Voranlage eines Katasters; kindisch blindgierig und gewissenlos wurde ins Volle hinein vermessen, immer nur weiter »vermessen«, drunter und drüber, kreuz und quer, über und durcheinander vermessen. . . . Eine ärgere Pfuscherei ist in aller Weltgeschichte nicht zusammenregiert worden.

Solche Gelegenheit machte natürlich Schulen und Schüler. Schon waren die »Landsharks«, die »Landhaie«, die Spekulanten da, auf den Fischzug aus dem Trüben zu lauern. Für jedes Gut hatten sie ein paar bösartige Gegen»patente« bereit, die sie sich mit schwerem Geld aufwiegen ließen, oder sie verführten den Neuling zu irgendeinem Stück Land, das zwar nicht im Monde, sondern ganz sicht- und greifbar am Kentucky oder Rockcastle lag, dessen »Patente« sie aber schon in den Taschen ihrer Partner wußten, wo sie späterer Verwendung gegen den arglos eingenisteten Gimpel harrten: Vorübungen zu den später so romantisch berüchtigten Praktiken des »fernen Westens«. Kentucky wurde das Paradies, die Goldgrube nicht nur der Tabakspflanzer, sondern auch der Advokaten. Bis in die sechziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts, bis in den Bürgerkrieg hinein währten die Unstimmigkeiten, wüteten die Prozesse fort, gab es kentuckysche Ländereien, vor deren Erwerbung die Ämter selbst warnten. Anwalt in Lexington, Frankfort oder gar Louisville hieß ohne weiteres ein schwerreicher Mann sein. Im Arkansas der vierziger Jahre sogar, wo damals auch nicht gerade die kristallenste Ordnung herrschte, standen die kentuckyschen Zustände in gewissem Verruf. Go ahead!

Solchen Menschen und Verhältnissen, der Herde und ihren Einrichtungen gegenüber waren die kampfgewohnten alten Urgrenzer gleich völlig wehrlos. Wie alle einsiedlisch selbständigen, in Gottfreiheit der Wälder und Wetter erharteten, erhöhten Naturen fühlten sie in 354 jeglichem, was irgend mit Behörde, Advokaten, Kanzlei, Papier zusammenhing, den geschworenen angeborenen Feind, den leibhaften Teufel. Sie hatten nur zu recht, man kann es ihnen nachempfinden. Lieber ließen sie ihre heißumstrittene, schwielenhart errodete Scholle, mit der Saat in der Erde, mit der Ernte in der Scheuer, mit allem stehenden und liegenden Werk ihrer Hände im Stich und wanderten zu neuer Begründung weiter in die reine Wildnis, als daß sie sich mit Ämtern, Richtern, rechtverdrehendem Gesetz aussichtslos herumgeschlagen hätten. »Nichts auf der Welt fürchte ich so sehr als das, was die Menschen ihre Gerechtigkeit nennen«, sagte gelegentlich einmal solch alter Wäldler zum französischen Revolutionsgeneral Collot. Es ist eins der gesündesten Worte, das je aus unvererbtem Grundgefühl heraus gesprochen worden. –

Die Masseneinwanderung brachte noch andere Prüfungen. Im Herbst 1779 sah Jenkins, jener Holzfäller und Mühlenbauer aus dem nordherben Maine, ein wetterkundiger Mann, die kanadischen Gänse ungewöhnlich früh und zahlreich gen Süden, nach den louisianischen und floridanischen Golfsümpfen ziehen. Er sagte sogleich einen zeitigen bitteren Winter voraus, und dieser todbittere Winter kam mit furchtbarer Gewalt. Auf abgründige Schneefälle folgte schneidender, stetig steigender Klarfrost, auf diesen wieder Schnee über Schnee, und so ununterbrochen weiter vom November bis in den halben Februar. Der Mann aus Maine fühlte sich dabei sehr wohl, aber die anderen Ansiedler, aus virginischen und carolinischen Tabak- und Reislandschaften zumeist, hatten dergleichen noch nicht geschaut und verspürt, und für das provençalisch milde Kentucky war solche Strenge in der Tat ein unerhörtes Ereignis. Die Schneelast wuchs auf Tiefen bis zu zwölf Fuß; die Flüsse froren beinhart ein. Es wäre noch zu ertragen gewesen; aber nun die vielen unversorgten Menschen, die alle mit durchgefüttert sein wollten! . . . Die Sorge ging grau und hohl in den Nächten dieses Schreckenswinters um.

Bedenklich über die zu erwartende Ernte hinaus hatte sich die Bevölkerung im Mittsommer schon vermehrt; nicht zu vergessen, der Indianer vernichtete gewöhnlich zwei Drittel der stehenden Frucht. Im Spätsommer und Herbst dann waren weitere, noch stärkere Einwanderungswellen über das Grenzland hereingebrochen: Heuschreckenschwärme von Leuten, die nichts mitbrachten als sich selbst, ihre vielerlei Bedürfnisse und Anliegen, ihren täglichen gesunden Hunger und die rührende Erwartung, sie würden ihren ersten Winter über hübsch von 355 den Vorräten der alten Ansiedler zehren. Selbst das hätte sich irgendwie einrichten lassen, wennschon auf Kosten des Saatguts zum kommenden Jahr; Haupt- und Grundnahrung der Hinterwäldler war ja noch immer das Wildbret, nicht das Brot. Nun zum ersten Male seit Kentuckyergedenken versagte dieser unerschöpflich gehaltene Quell. Was der rote Mann jahrhundertelang unmerklich genutzt, die weiße Büchse hatte es binnen fünf Jahren abgehaust; wenig fruchteten da die gutgemeinten Schongesetze der Brüder Boone; der Grenzer ließ sich nun einmal nichts vorschreiben.

Für eine solche Zahl herzhafter Kostgänger indes reichten die traurigen Reste des vor wenigen Wintern noch märchenhaften Überflusses schon gar nicht mehr hin; um so weniger, als jetzt vor der grausen Nordstarre der größte Teil des vorhandenen Wildstandes nach Süd oder Südwesten, nach fernen warmen Quellen abwanderte, die zurückbleibenden Tiere aber dem Mangel erlagen oder bis zur Unverwendbarkeit abfielen. Es ereignete sich, daß zu Gerippen heruntergemagerte Elkhirsche und virginische Böcke mit dem verhungernden Weidevieh zusammen in die Höfe der Forts, in die Nähe des feuerhegenden Menschen drängten. Von Stallungen wußte der verwöhnte Kentuckyer damals noch nichts; das grüne Rohr lag unerscharrbar tief unterm Schnee. Man fristete die zottigen Herden mit den Blattknospen und Schößlingen gefällter Weichhölzer. Virginische Wachteln wurden in Völkern zu Tausenden, Biber und Ottern, ja sogar Wölfe wurden erfroren aufgefunden. . . .

Da mußten denn die eisernen Vorräte an Brotsaatgut heran; aber nicht lange, so war auch das Welschkorn trotz Knappung und Streckung bis auf die Neige erschöpft. Ein einziger Fladen auf den Tag und zwölf Mägen! . . . Rührend teilt Logan, Vorbild edelster Menschlichkeit in jeder Lage, den Maiskuchen, den seine Frau ihm als einzige, aber höchst kostbare Christgabe und Überraschung auf den Tisch setzt, mit den beiden treuen alten Negersklaven, den Gefährten seiner Anfänge. . . . Draußen die bleiche Sterbensstille, nicht einmal die Grauhunde heulen, auch sie sind erfroren. Nur die klingstarren Stämme klüften manchmal mit gellendem Eishall; durch kristallne Nordnacht reitet auf fahlblauem Schattenpferd der Tod. . . .

Man verfiel auf die Bärenjagd, schon um der Felle willen, gegen die man im ersehnten Frühling das blutnötige Saatgut vom pennsylvanischen Quäkerkrämer einzutauschen hoffte; sodann wegen des Wildbrets, das unter dem allgemeinen Mangel noch am wenigsten 356 gelitten. Man erlegte den Muskwa auf russische Art, im oder am Winterlager, das er mitunter in einer der zahlreichen Felshöhlen aufgeschlagen. Es gehörte schon allerhand dazu, dem schmackend aus seligem Dämmerschlaf aufgrimmenden Baribal, bei Fackelschein womöglich, das kleine Rundblei der schwerfälligen einläufigen Steinschloßbüchse genau ins innerste Leben hinein zu setzen oder in flackriger Enge ihn mit einem einzigen Herzstich des langen Messers zu erledigen. Viele wurden dabei entsetzlich zugerichtet, mehrere fanden den Tod. Urkampf ums Dasein.

Der Frühling brach herein mit dunklem Tausturm und verheerender Gewalt. Die ungeheure Schneeschicht war binnen wenigen brausenden Nächten weggeschmolzen, Kentucky stand geradezu unter Wasser. Trotzdem kam auf hochgeschwollenem Ohio mit schwer befrachteter Maisflotte der Pittsburger angereist. Bei Louisville legte er an, aber von seiner verlockend aufgestapelten Ware rückte er kein Körnchen heraus, ehe nicht starker Zulauf ein reißendes Geschäft versprach. Jetzt erst, nachdem er inzwischen an Not und Bedarf sich gehörig satt gesehen, eröffnete er den Handel mit der christlichen Forderung von hundertfünfundsiebzig Dollar für den Bushel, rund 2100 Mark für den Hektoliter. Wenig fehlte und die Grenzer, gereizt, ungeduldig, ausgedarbt, hätten den Menschen geteert und gefedert oder »mit dem okeuen tauel gedreit«, mit dem eichenen Handtuch abgetrocknet, wie sie es später so manchem wuchernden Pennsylvanier getan. Lobesam genug, sie enthielten sich des genußreichen Lynch und der Plünderung. Die Aussaat drängte; von den Kreolen zu Kaskaskia konnte wegen widrigen Hochwassers so schnell keine Aushilfe kommen; der Pittsburger wurde einen Posten wirklich zum wüsten Preise los. Später freilich mußte er auf hundert, auf fünfzig Dollar zurückgehen, aber einen glänzenden Gewinn sackte er immer noch ein, und überdies beschummelte er die Hinterwäldler ganz elend bei Schätzung und Gegenverrechnung der Tauschfelle. Es war eine allzuschöne Gelegenheit, diesen Virginiern, diesen rohen Gewaltleuten, diesen Indianerschlächtern einmal alle ihre Niedertracht auf die nackte Haut zurückzuzahlen. . . . Die Kentuckyer aber schworen jeder ferneren Handelsbeziehung mit dem unbarmherzig blutaussaugerischen Pennsylvanien ab und beschlossen, durch den gewandten d'Aubigny oder den kundigen kleinen Martin lieber einen regelmäßigen Tauschverkehr nach dem jetzt spanischen New Orleans einzuleiten. – 357

Mit unserem kleinen Kanadier aber waren gerade jetzt höchst merkwürdige Veränderungen im Gange. Trotz vorgerückten Jahren wandelte er auf Freiersfüßen.

Mais why not, nom d'un nom d'une moustache grise? . . . Warum sollte man nicht auch standfest und ehrbar, ein glücklicher Familienspießer werden wollen? . . . Von McGarys Töchtern eine hatte es ihm, und mehr noch hatte er ihr es angetan. Er verstand betörende Artigkeiten zu sagen, Süßholz zu raspeln, nicht mit seiner Meisterkugel allein, auch mit feurigen Blicken zu schießen, zu treffen, zu verwunden. All das konnten die trockenen Grenzer, kannte die faustrohe Jugend der Hinterwälder nicht. Außerdem war Martin nun vermöglich, ja der begütertsten einer in der ganzen neuen Grafschaft, eine glänzende Partie; die Ländereien, in denen er sich festgesetzt, die er mit bescheidenen Mitteln erworben und fleißig erweitert, stiegen durch die Einwanderung sprunghaft im Wert. Überhaupt dachte er jetzt daran, sich zurückzuziehen, abenteuerndem Leben den Abschied zu geben, mit Pferdezucht und -handel seine Tage in Frieden so recht als altfranzösischer Großbauer zu beschließen. Er hatte in seinen Tagen vielleicht mehr durchgemacht, mehr genossen und geschossen, mehr Mokassins durchgelaufen und Meilen heruntergerudert als alle anderen Kentuckyer zusammengenommen; sein Bedarf war gedeckt.

Aber natürlich, wenn man untätig in Harrodsburg bei den McGarys sitzt, scharmutziert und das Garn hält statt auf dem Posten zu sein, können sich allerhand Dinge ereignen. Überhaupt hatte die Wachsamkeit der Kundschafter recht nachgelassen; mit der Dauer stumpfte die stete Gefahr, die ewige Wiederkehr von Angriff und Gegenschlag denn doch ab. In diesem Sommer vollends war jeder mit sich selbst, mit Feldarbeit und Vermessung beschäftigt; noch lagen die Schrecken der Not dem Ansiedler in allen Gliedern. Es galt schwere Verluste auszugleichen; die empfangene furchtbare Lehre, die unaufhörliche Zuwanderung ermahnten zu ausgiebiger Vorsorge, der Schwindelpreis des Saatguts zu außerordentlicher Sorgfalt; man rechnete leichtsinnig mit gleichen Zuständen beim Feinde, man vergaß ihn ganz und gar. Der überstandenen Prüfung folgte Segen, dem grausen Winter ein herrlicher Frühling, ein Jahr ungemeinster Fruchtbarkeit; auf den Äckern reifte eine in solch üppiger Fülle noch nicht geschaute Ernte. . . . Da erscheint eines glastenden Nachmittags vor Lexington ein aufgeregter, abgerissener, erschöpfter Mann, Hinkston. »Fort Ruddel genommen und zerstört. . . . Fort Martin 358 gefallen und vernichtet. . . . Einwohner teils gefangen, teils erschlagen. . . . Über tausend Indianer – Kanonen – kanadische Schützen. . . .« Das alles mitten in tiefsten Sommerfrieden hinein. –

Hamiltons Nachfolger zu Detroit, ehrgeizig und unternehmend, ging scharf ins Zeug. Mit dem Schlendrian des Vorgängers mußte aufgeräumt werden. Er forderte und erhielt Verstärkungen, armierte seine Festung und schickte den ihm zugeteilten Oberst Byrd mit sechs Feldgeschützen, Kanonieren, Truppen, kanadischen Waldläufern und tausend zusammengetrommelten Indianern gegen das verdammte Kentucky. In aller Stille glitt das beträchtliche Bootsgeschwader den großen Miami hinunter, steuerte das kurze Stück Ohio bis zum heutigen Cincinnati hinauf und dann in den Licking River hinein. Der Kriegsplan war gut; Oberst Byrd nahm sich sogar noch Zeit zur Anlage fliegender Waldstraßen für seine Artillerie. Und die Hinterwäldler, vergraben in Feldarbeit und Vermessung, sahen, hörten und merkten nichts.

Auf einmal erscheint das nach bisherigen Grenzerbegriffen sehr starke Heer vor Ruddels Fort. Ein einziger Kartätschenschuß gegen die splitternden Palisaden überzeugt und erzwingt die Übergabe. Der entmutigte Befehlshaber verlangte nur Sicherheit gegen die skalpgierigen Wilden; diese Bedingung wurde ihm zugestanden. Allein die Indianer kehrten sich nicht daran, hieben und stachen zu und ergriffen sich Gefangene nach Herzenslust. Ruddel war empört, Byrd ohnmächtig gegen die rote Überzahl und ihren Trieb. Doch hatte er soviel Ehrgefühl, den metzelnden und beutenden Verbündeten die Waffenbrüderschaft sogleich aufzusagen. Auch das ließ die Indianer sehr kalt. Im Gegenteil, nun zwangen sie den Engländer, mit ihnen noch gegen Martins Fort zu marschieren. Auch hier keine Spur von Widerstand; aber die Häuptlinge, nun doch einigermaßen besorgt um die schönen britischen Jahrgelder und sonstigen Zuwendungen, hielten ihre Horden diesmal leidlich in Zaum. Weiter jedoch war Byrd nicht zu bewegen. Diese Art von mischfarbigem Bandenkrieg widerte ihn an. Einsetzende Hochsommertrocknis und der rasche Fall des Fahrwassers gaben guten Vorwand zur Trennung; wirklich konnte er seine Kanonen den Miami hinauf nicht mehr schaffen. Er verbarg sie samt den Booten im Dickicht der Auen und zog mit seinen Gefangenen heim nach Kanada.

Hinkston, von Ruddels Fort, war den Roten zugefallen; er entsprang in einer dunklen Regennacht. Von Lexington flog die Kunde 359 nach Boonesborough, nach Harrodsburg, nach St. Asaphs. Der Schwachmut der Überrumpelten findet harten Tadel; Martin flucht das Blaue aus allen Himmeln, auch dem der bräutlichen Liebe herunter. Clark, wieder anwesend, sammelt sogleich eine starke Streitmacht unter bewährten Führern, Logan, Harrod, Kenton, Floyd, Bedinger, Squire Boone. Das farbige Gewürm wenigstens soll für die englische Anstiftung büßen; tiefer denkt man nicht, die Volkswut verlangt nun einmal nach Rache, nach endgültiger Ausrottung des Ungeziefers. . . . Nur Altmeister Boone fehlt bei der Unternehmung. Immer noch weilt er im alten Lande drüben bei den Seinen. Dieser Abschnitt seines Heldenlebens, höchst abenteuerreich nach seinen eigenen kargen Andeutungen und voll schwerster Mühsal, verliert sich völlig in Dunkel.

Mit elfhundert teils berittenen Schützen und zwei Kanonen geht es gegen Old-Chillicothe. Solch ein Heer konnte den indianischen Spähern nicht verborgen bleiben. Die Stadt wird in Hast geräumt, nichts als leere, stille Hütten finden die einziehenden Sieger, den verflackernden Herdbrand, die heiße Asche unterm Kessel, und dann die reiche Beute an zurückgelassenem Hornvieh, Pferden, Brotkorn, Fellen. Alles, was sich nicht mitnehmen läßt, wird in Grund hinein zerstört, ausgetilgt, vernichtet, die Hausungen niedergebrannt, die Flur verheert, die Maisvorräte ins Wasser geworfen. Land und Leben, Haut und Heimat müssen der indianischen Kanaille mit allen Mitteln verleidet werden.

Von da weiter gegen die verrufenen Dörfer am Miami. Hier stoßen die Grenzer auf Widerstand. Ein paar hundert kanadischer Jäger haben sich den Roten verbündet und empfangen die anrückenden Kentuckyer hinter einem Verhau heraus mit scharf gezieltem Feuer. Nicht leicht, diese geübten, eisernen, behenden Leute zu werfen; von den fliehenden Indianern in der Flanke entblößt weichen sie gleichwohl erst dem Geschütz. Allgemeine Verfolgung beginnt. Kenton an der Spitze der Reiterei wütet in Blut, vom galoppierenden Pferde herab rechts und links schmettert sein Tomahawk. Fünf befiederte Schädel schon hat er gespalten; da gewahrt er einen Schelm, der hinter schützendem Stamm hervor nach ihm visiert. Das Blei faucht vorbei, aber Kenton hat seinen Mann erkannt; derselbe Schawanese ist's, der ihm damals das Beil tückisch in die Schulter gehackt. Jetzt soll der Kerl seine Gemeinheit büßen; nach kurzer Jagd ist er eingeholt und bricht unter niederdröhnender Axtwucht verlöschend zusammen. 360

Auf dem anderen Flügel führen Martin und der deutsche Bedinger. Plötzlich erspähen sie inmitten des Fluchtgetümmels einen knallroten englischen Offiziersfrack. Drauf, den müssen wir kriegen! . . . Martin mit den schnellsten Reitern gleich hinterher wie zehntausend Teufel; Rotfrack und seine kanadische Garde werden von der Deckung des nächsten Augehölzes abgeschnitten. Eine Schanze erhebt sich unfern aus der gebüschigen Prärie, ein Mound, eine jener uraltindianischen Grab- und Opferstätten; diese trachten die Fliehenden jetzt zu erreichen. Die Kanadier in vollem Lauf, der Rotrock nebendrein auf mühselig lahmendem Gaul. Sie besetzen die Höhe, die Kentuckyer schließen sie ein; Martin fordert Ergebung; den Eingekreisten inmitten hundert angeschlagenen Büchsen, mitten auf verlorener Walstatt, bleibt ohnehin nichts anderes übrig, oder der Tod. Da tritt der rote Offizier hervor, auf der Spitze seines blanken Degens ein weißes Tuch. Martin erstickt der Fluch im Halse; nom d'un nom d'un chien roux, nom d'un cochon, nom d'un filou . . . Es ist Duquesne.

Auch der Edelmann hat den Feind im Feinde erkannt. Er faßt sich zuerst.

»Wen sehe ich? . . . Mein alter Freund und Waffenbruder unterm Lilienbanner!«

Allein Martin ist nicht auf Pathos gestimmt. »Ja ja, Monseigneur; der armselige Zinsbauernbursch von damals. Den Monseigneur noch unterm Alter in die Armee gepreßt, dessen Schwester Monseigneur zu entehren geruht, dessen Eltern Monseigneur in Gnaden unter die Erde gebracht haben; derselbe, ganz recht. Und jetzt dero Degen und Hände, Monseigneur, und keine Komödie; das Halfter für dero Hals ist schon lange geflochten.«

Duquesne, blaß bis in die Lippen, tritt zurück. Diesem elenden Leibeigenen da sich ausliefern? . . . Niemals! . . . Die weiße Flagge fällt, die hochaufblitzende Klinge gibt den Kanadiern das Zeichen zum Feuern. Ohne Erfolg; manche der französisch Geborenen haben den kleinen Kameraden, den einstigen Waldläufer wiedererkannt, alle den Wortwechsel mit angehört und ihren Entschluß gefaßt. Für solch einen Menschen, solch einen Bedrücker und Schänder werden sie sich die Haut nicht durchlöchern lassen. Sie strecken die Büchsen; Duquesne ist verloren.

Noch nicht ganz. Gegen Martins gallischen Zorn schreitet ernsthaft der deutsche Bedinger ein: nein, nein, nein, das wäre kein würdiges Verfahren, so mir nichts dir nichts hängt man keinen Offizier und 361 Edelmann; Clark steht die Entscheidung zu, nicht uns . . . Murrend, mit haßflirrendem Blick fügt sich der Waldläufer. –

Im Rathause eben des Indianerdorfes, wo Kenton vor anderthalb Jahren die schwersten Martern erduldet und von Girty gerettet worden, hatte Clark sein Quartier aufgeschlagen. Hier trug der erbitterte Martin seine Anklage vor; gewiß, das klang alles recht übel und peinlich für den Seigneur – aber mit privater Blutrache hatte ein virginisches Kriegsgericht schließlich doch nichts zu schaffen. Auch daß Duquesne, nach Martins Augenzeugnis, vor dreiundzwanzig Jahren, im großen Kolonialkrieg, an jenem berüchtigten, von Cooper im »Letzten Mohikaner« dichterisch verewigten Gemetzel bei Fort William Henry teilgehabt, fiel jetzt nicht ins Gewicht. Jener Vertragsbruch war Engländern zugefügt, und gegen England führte man ja Krieg. Überhaupt neigte Clark mit guten Gründen zur Milde. Kanadier wie Druyer und andere hatten so manchen virginischen Grenzer uneigennützig, unter beträchtlichen Opfern, aus indianischer Gefangenschaft, aus der Hölle des Marterpfahls befreit, dem amerikanischen Feinde unschätzbare Liebesdienste erwiesen, sich selbst als vorbildliche Mitchristen gezeigt. Diese Stimmung sollte durch ein gehässiges Urteil nicht getrübt, Wohltat nicht mit Schärfe vergolten werden. Auch wünschte Clark die Kanadier von den Seen allmählich für die Sache Amerikas zu gewinnen; ihre Lage, als französische Engländer gegen das abtrünnige Neu-England und damit wieder gegen das eigene französische Stammland kämpfen zu müssen, war ohnehin merkwürdig und schwierig genug. Kurz, Clark fand an Duquesne nichts Besonderes zu strafen und bestimmte ihn zu gewöhnlicher Kriegsgefangenschaft in Virginien. Der Seigneur atmete auf; Martin kriegte einen roten Kopf und wollte schon auf den Oberstgouverneur losfahren – – da trat plötzlich ein anderer, unerwarteter Zeuge auf: der schweigsame Squire Boone.

Er hatte bisher unsicher zurückgehalten, nun aber stand seine Überzeugung fest. Das war ja derselbe Mensch, der damals vor zwei Jahren Boonesborough irreführend unter französischer Fahne belagert, der Bruder Daniel, ihn selbst und andere Boonesburger als Parlamentäre hatte von den Indianern festnehmen lassen wollen! . . . Das war er, ohne Zweifel; Martin, zu jener Zeit auf Kundschaft abwesend, hatte es nur nicht gewußt. – Auf Clarks rötlich überbuschter Stirn zieht sich schweres Wetter zusammen. »Ihr habt die französische Fahne in dieser Weise zur Aufhetzung der Indianer 362 mißbraucht?« . . . – Duquesne erbleicht tödlich, das Spiel ist aus. »Im Auftrage Englands.« – »Ganz gleich. Frankreich war damals schon unser Bundesgenosse. Ihr als Franzose, als französischer Edelmann, habt also für britisches Geld die Indianer belogen und unter den Lilien gegen uns, die Freunde Eures Königs geführt. Das Weitere werdet Ihr hören.«

Am selben Abend noch trat das ordentliche Kriegsgericht unter Floyds Vorsitz zusammen. Nach kurzer Beratung fiel das Urteil: Tod durch den Strang. Martin jauchzte auf: also doch! . . .

Es zeigten sich Schwierigkeiten. In ihnen spiegeln sich getreu die seltsamen Durchkreuzungen jener Zeit und Welt und ihrer Nationen. Der Seigneur in englischer Majorsuniform war immerhin doch Franzose, seiner Abstammung und dem Namen nach wenigstens Angehöriger des unverbündeten Königreiches. Da wollte man höflich und vorsichtig sein. Wen überhaupt und was hatte er verraten? . . . Das Völkerrecht, ohne Zweifel. Dennoch scheute Clark den Vollzug. Auch Floyd kannte sich nicht aus. Man machte es also wie damals die McAffees mit dem kleinen roten Landstreicher: man beschloß, den Verurteilten samt Akten und Agenden an den Befehlshaber der französischen Hilfsarmee im Osten, an den Grafen Rochambeau abzutreten. Mochte der dann mit dem Standesgenossen nach Gutdünken verfahren; man war bei schöner Geste die Verantwortung los.

Und nun eine merkwürdige Szene von hohem dramatischem wie malerischem Reiz. Der Chevalier, erst völlig niedergebrochen unter der Last der Anklage, zermalmt unter der Wucht des Todesspruchs, der alte Chevalier trat vor, dankte dem Gerichtshof für die Ruhe und Sachlichkeit seines Verfahrens und bat in gefaßter, eleganter, schwungvoller Rede – nicht etwa um Pardon, sondern um baldige Hinrichtung. Sein Leben, er wisse es nur zu gut, sei verwirkt; nicht nur die Schwester jenes bonhomme là, den er hiermit um Verzeihung für alle zugefügte Unbill und Versündigung bitte, auch die königlichen Lilien habe er geschändet und entehrt, und damit sich selbst. Solch Bewußtsein auf der Seele, wolle und könne er, ein alter Mann, französischen Edelleuten, könne er Kavalieren sans reproche nicht mehr unter die Augen treten, zur wohlverdienten Strafe nicht auch dies noch ertragen, daß sein befleckter Wappenschild zerschlagen, sein mißbrauchter Degen zerbrochen würde . . . Er bitte nochmals um Begnadigung von solch äußerster Schmach und um den sühnenden Tod . . . 363

Wie fremd auch den freien Waldmännern all diese altverfeinerten Begriffe, die Wirkung der Ansprache war groß; Kultur selbst in elendster Verkörperung bewährt unter rohen Halbwilden die Macht überlegener Majestät. Die rauchgebräunte indianische Ratshütte, schweliger Fackelschein auf den Wettergesichtern, vor dem ledernen Grenzertribunal der alte Edelmann im Scharlach seiner Uniform, noch einmal gehoben und hinaufgetragen vom bebenden Pathos seiner Sprache, ein starkes Bild . . . Clark selbst war tief erschüttert, die anderen alle waren es mit ihm. Dem guten kleinen Martin aber, dem kanadischen Bauernsohn, als er seinen einstigen Herrn so reden, als er sein Französisch so sieghaft klingen und strahlen hörte, gingen gleich Augen und Herz über. Nun bereute er es fast, den hochbürtigen Landsmann, den angestammten Seigneur gefangen genommen, ihn diesen rauhen Virginiern da an den Strick geliefert zu haben. Daran war jetzt freilich nichts mehr zu ändern. Eins nur blieb übrig: das Verzeihen. Und Martin verzieh.

Damit, daß er den nahen Tod der Ungewißheit vorzog, hatte Duquesne die Achtung der harten Hinterwäldler erzwungen. Clark willfahrte seiner Bitte, ja er bot ihm jede mögliche Erleichterung seiner letzten Lebensstunde an. Allein der Chevalier verlangte nach nichts als geistlichem Trost. Ein katholischer Schulmeister aus Maryland, der sich irgendwie unter die Grenzer verlaufen, verbrachte getreulich mit ihm die Armesündernacht. Früh dann im Grauen des Sommermorgens wurde der Seigneur draußen auf der Prärie vor dem Dorfe von zwei Negern gehenkt, Geiern und Raben zum Fraß, den nach ihrer verheerten Heimat zurückkehrenden Indianern zum Schrecken.

Martin aber ward der vollzogenen Rache nicht froh; das Gespenst des Erbherrn verfolgte ihn auf allen seinen Wegen. So war er denn Clark sehr dankbar dafür, daß dieser ihm als dem findigsten und scharfsinnigsten aller Kundschafter den Auftrag erteilte, mit ein paar Dutzend kentuckyschen Jägern nach Byrds versteckten Kanonen zu fahnden. Er entdeckte sie mit leichter Mühe, machte die dabei liegenden Großboote flott, führte die ganze Artillerie den Miami hinunter und über den Ohio nach Louisville. Hinter ihm in heißer Sommerluft blieben dunkel die Brandschwaden des verwüsteten Indianerlandes. 364

 


 

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