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Das Grenzerbuch

Friedrich von Gagern: Das Grenzerbuch - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Grenzerbuch
authorFriedrich von Gagern
year1940
firstpub1927
publisherPaul Parey
addressBerlin
titleDas Grenzerbuch
pages500
created20180307
sendergerd.bouillon@t-online.de
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VIII.
Krämer, Kämpen und fünf Zentner Weltgeschichte

Im Osten brauten die Wetter, leuchtete schwüler Schein, kreischte der Sturmvogel über fahl verdüsterter Flut; zu Fort Pitt in gebräunter Schenke war ein verschwiegenes Hinterwäldlergespräch im Gang. Die McAffees saßen da und Harrod, Benjamin Logan und vor allem Boone; Martin als Kanadier hatte noch keine Stimme im Rat der mißtrauisch hochmütigen virginischen Grenzer.

Da trat ein junger britischer Offizier an den Tisch. Die Unterhaltung stockte. Aber der neue Gast, ein vierschrötiger Mensch mit struppigen Brauen und bösen blauen Augen im harten Gesicht, nahm ohne weiteres Platz unter den feindselig erstaunten Jägern. »Ihr kennt mich nicht mehr. Unserer waren damals zu viele. Ich bin Georg Rogers Clark aus der Grafschaft Albemarle. Keine Angst vor der Uniform; der Mann darin gehört der Unabhängigkeit. Bieten mir da freilich den Kapitän, Dienst in der Ostindischen Kompagnie und was alles noch, um mich zu pressen: – schade um jedes Wort! . . . Aber ihr? Wetten, daß ich weiß, was hier beraten 262 worden? Wie und wo man unserer Sache dienen soll – im Osten oder hier, in den virginischen Regimentern oder als Ansiedler. Ist's nicht so? . . . Nun, darf ich da ein Wort mitsprechen? Gut – dann sage ich ganz offen: Hier! . . . Hier im Westen, drüben im neuen Lande, an der Grenze, in den Wäldern! . . . Soldaten sind wir doch überall. Aber die Freiheit braucht Büchsen und feste Plätze auch in ihrem Rücken, und da erst recht. Die alten französischen Forts hat die Krone in der Hand: Niagara, Presq'Isle, Detroit, Vincennes, Mackinaw. Wenn da nun der ganze Westen von Männern entblößt und preisgegeben wird, und die Tories und Indianer fallen uns von den Kanadas her in Flanke und Nacken? . . . Seht ihr ein? . . . Der Krieg ist so gut wie gewiß, und kurz wird er nicht währen; das alte England ist stark, sein Arm und seine Gelder reichen weit. Aber der Krieg wird auch zwei Fronten haben, diesseits und jenseits, und zu diesen Fronten gehören zwei Armeen, Rücken an Rücken, östlich und westlich der Berge. Eine davon, die westliche, das seid ihr. Darum nochmals: was ihr Hinterwäldler und Grenzer für den Sieg tun wollt, das könnt ihr am besten hier, wo ihr zu Hause seid. Und könnt ihr einen gedienten Offizier gebrauchen – da bin ich!«

Das überzeugte und entschied. An ein derartiges Stratagem hatten die Hinterwäldler in ihrer schlichten schwerfälligen Klugheit gar nicht gedacht. Nun war ja die wichtige Frage, ihre Lebensfrage gelöst, und das gerade nach ihrem Geschmack. Dankbar und gläubig lauschten sie dem Vortrag des überlegenen jungen Menschen, der ihnen da alles so schön auseinandersetzte. Ja, solch ein Mann mit seiner Ausbildung, mit dem Ansehen und den weitverzweigten Verbindungen seiner Familie konnte ihnen sehr wohl von bedeutendem Nutzen sein. Nur daß er zur Entfaltung seiner Gedanken und Pläne zwei oder drei Glas Gin mehr als unbedingt nötig verbrauchte, mißfiel dem nüchternen Boone. Allein er schwieg, und seine Gefährten in ihrem Eifer übersahen den geringfügigen Umstand.

Die Niederlassung war beschlossen. Mitten in der Gefahr höchster Spannung, aus Unruhe und Sturmzeichen heraus wollten die Hinterwäldler ihren künftigen Staat erweitern, die »Grenze« weiterrücken, von ihrem geliebten und gewohnten Westen aus für die Freiheit des Ganzen kämpfen. Die Geschichte der dunklen blutigen Gründe beginnt. 264

*

Die McAffees und Harrod waren die ersten. Kurz vorher hatte sich der kleine gewandte Jean Martin mit allerhand Kram und Flitter zu den Schawanesen am Scioto aufgemacht, ihnen die Besitznahme des Grünen Rohres förmlich anzusagen und sie bei dieser Gelegenheit ein wenig auszuhorchen. Zwei Branntweinfäßchen sicherten seine Mission.

Die Häuptlinge empfingen ihn mit finsterer Höflichkeit, erwiesen ihm gastliche Ehren, aber die Labe des Feuerwassers lehnten sie in mißtrauischer Selbsterkenntnis ab. Da gab es also Dinge, die nicht verplaudert werden sollten. Indes der Franzose verstand sich auf Menschheit und Allzumenschlichkeit. Mit Glasketten, bunten Fransentüchern und hübschen Redensarten hatte er eine kleine ewigweibliche Frau Ratshäuptling gar bald gründlich eingewickelt, und von ihr erfuhr er in zarter Stunde, daß die roten Gebieter im Stillen allerhand dunkles Garn spännen. Weit mehr noch lockten er und sein geistiger Gehilfe aus einem anderen heraus, aus Simon Girty. Der trieb sich jetzt in den Indianerdörfern herum und machte Stimmung, aber trotz eigener indianischer Schlauheit fiel er auf den listenreichen Kanadier glatt herein, und den Rest besorgte der freigebig gespendete Stoff. Einmal im Zug der Zunge wie der Gurgel erschloß der Ire dem vermeintlichen Gesinnungsgenossen sein ganzes Herz. »Recht so, laßt die verdammten virginischen Heuchler und Gauner, das paßt nicht zu Euch; hat bald ein Ende mit denen ihrer Großtuerei und dem ganzen faulen Zauber!« Girty spuckte haßerfüllt aus. »Von uns, bei uns, von den Treu-Königlichen, da könnte Ihr jetzt ein schönes Stück Geld holen! Was meint Ihr? . . . Von den Kanadas droben und von Louisiana drüben, von da geht's los! . . . Die ganze Ohio-Linie besetzt, Fort Pitt mit Handstreich gesichert – und dann kommt der Lord von der anderen Seite und wir haben das Gesindel in der Zange! . . . Feiner Plan, was?« Ja, es war kein übler Plan – und war Zug für Zug derselbe, den Clark am Pittsburger Schanktisch den Hinterwäldlern vorausgezeichnet. Seine Weisheit kam nicht vom Himmel; was Clark, der britische Offizier selbstverständlich gewußt. das hatte Clark, der Virginier, ganz einfach und ziemlich schäbig verraten.

Martin aber hatte genug. Sowie Girty dem Dorfe den Rücken kehrte, brach er auf. Scheinbar nach Detroit, wo er angeblich zu den Königlichen stoßen wollte, in Wahrheit natürlich nach Fort Pitt. Der Ire war ihm auf den Leim gegangen, aber die argwöhnischen 265 Indianer ließen ihn unsichtbar begleiten und beobachten, schon ehe jener sich den unbedacht durchgegangenen Kopf zu kratzen begann.

Allein eines Abends sah der scharfsinnige kleine Waldläufer den Widerschein des Lagerfeuers in verräterisch aufblitzenden Späheraugen. Gleich hatte er seine Büchse in Kimme und Korn, aber als höflicher Franzose lud er die Messieurs Rothäute mit Anruf zu seiner spießgebratenen Ente ein, und als die beiden überrumpelten Schawanesen wirklich vortraten, erkannte er in ihnen liebe alte Freunde vom Scioto. Immerhin war die Lage einigermaßen kitzlich, was die Indianer im Sinne führten, peinlich klar. Sie bis über die Wimpern zu belügen und einzuseifen fiel dem Kanadier freilich nicht schwer; außerdem gab er ihnen durch mehrere Blumen zu verstehen, daß sein Versacken in den Wäldern dem Stamme nichts als neue erhebliche Nachteile einbringen würde. Mit scheinbar spielendem Messer hielt er sich die verdächtigen Gäste mehrere Stunden lang vom Leibe; nun mußte er sie aber auch los werden. Endlich erhob er sich, schritt schuß- und stichbereit zu den Packpferden, die dort in der flackrigen Dämmerung stampften, ließ wie versehentlich ein noch halbvolles Branntweinfäßchen fallen und liegen, saß auf und ritt seelenruhig durch die stockfinstere Nacht davon. Das war wieder einmal ganz Jean Martin. Unter den Helden der westlichen Ilias ist ohne Zweifel er der erfindungsreiche Odyß.

Erheblich viele Tage nach ihm kamen die beiden Späher unter irgendeinem Vorwand nach Fort Pitt. Beim Anblick ihres Opfers machten sie Gesichter wie »Wölfe, die in die Grube gefallen und wochenlang drin gesessen«. Der Kanadier konnte die Bosheit nicht lassen und fragte die Roten teilnehmend nach der Ursache ihrer Schwermut. Für ihn seien sie betrübt, erwiderten sie ernsthaft, weil er sie so schändlich belogen und betrogen. Das erinnert an die berühmte alte Geschichte von den zwei weinenden Sioux-Häuptlingen und der Marter des englischen Mostrich.

Die McAffees streiften unstet und unentschlossen im Lande umher, rodeten und pflanzten, vermaßen und säeten, wo eben der Boden ihnen gefiel. Harrod dagegen begab sich unverzüglich nach dem einmal gewählten Platze; noch klapperten die dürren Maisstauden auf dem Felde. Sogleich begann er mit Holzung und Bau eines regelrechten Forts. Stämme dröhnten, die Wälder hallten, der weiße Feind war wieder da. 266

Bei Harrods Gesellschaft befand sich auch der erste wildwestliche Arzt, Dr. Hart, ein katholischer Maryländer und als solcher wahrscheinlich ein Deutscher oder doch deutscher Herkunft. Seine Praxis sollte eine der ausgedehntesten werden, deren je ein Chirurgus sich erfreut. Aber nicht nur mit Sonde und Pinzette wußte dieser vermutlich deutsche Jünger Äskulaps trefflich umzugehen; seine Büchse schoß Wunden, gegen die kein Kraut seiner eigenen Apotheke gewachsen war, und an Mut, Tatkraft und Umsicht durfte er sich mit den härtesten Grenzern messen. Mit Boone und Logan, Harrod und Martin, den McAffees und John Floyd, dem jüngeren Shelby und Clark gehört er zu den Vormännern der Hinterwäldler.

Zu Harrod kam nun Martin mit seiner Pferdelast voll aufregender Nachrichten. Das alles bekümmerte den markigen Jäger nicht im geringsten. Meinetwegen! . . . um so schneller und fester müssen wir bauen! . . . Schon weit mehr interessierte ihn der neue Mann, der sich dem Kanadier angeschlossen: Jenkins, ein stämmiger Holzfäller aus dem nordischen Maine, an Kraft und Künsten der Wildnis den Virginiern ebenbürtig, an Einsicht und Auffassung den meisten erheblich überlegen. Auch dieser wetterharte Neu-Engländer wurde zu einem der führenden Recken im kentuckyschen Heldenkreis.

Aber von Süden her auf der alten trockenen Straße kam jetzt Boone mit seinen Scharen gezogen. Vor wenigen Wochen noch hatte er mit Logan, Harrod und Clark am Schanktisch zu Fort Pitt gesessen, seither im Sykomorenwald am Watanga drunten nach umständlichen Beratungen einen Kaufvertrag mit den Cherokesen zustandegebracht – nun war er schon wieder mitten unterwegs nach dem Grünen Rohre, seinem Lande Gosen, Führer einer wohlgerüsteten Schützenkarawane nebst Troß und einigen Schwarzen. Die Tatkraft und Beweglichkeit dieser Leute grenzt tatsächlich ans Sagenhafte. Schon von Pittsburg nach dem Watanga im heutigen bibeltreuen Tennessee sind es mehr als fünfhundert Luftkilometer, und in diesen Räumen lagen Abgründe von unbetretenen Wäldern, Wasser hinter Wassern, Berge hinter Bergen und Ackerbergen. Solche Entfernung hatten Boone und Logan im Februar, also im ungünstigsten Reifemonat, unter jähem Wechsel von Schneestürmen und Schmelze bewältigt: um dann nicht etwa auf breitem Bärenfell auszuruhen, sondern gleich ans Geschäft zu gehen und in neuen Mokassins nach dem Norden aufzubrechen. . . . Go ahead! . . . 267

Für fünfundzwanzig spanische Taler hatten vor hundertfünfzig Jahren die Holländer das versumpfte Stück Urwald von Manhattan, die »Stätte der Trunkenheit«, den Indianern abgeschachert; für zehntausend Pfund, zweimalhunderttausend Mark, kaufte Henderson – jener schwerreiche Landspekulant, der Gönner und Auftraggeber Boones – mit dem »Sykomorenvertrag« ein paradiesisches Königreich, an die sechzigtausend Quadratkilometer allerbesten kentuckyschen Bodens, das ganze herrliche Parkland zwischen dem Cumberland, dem Kentucky und dem Ohio. Und die Empfänger des nullenklingenden Scheinpreises waren nicht einmal die rechtmäßigen Herren, die Shawnees – mit diesen wollte man schon aus Gehässigkeit nichts zu tun haben –, sondern deren Erbfeinde, die Cherokesen von den Bergen. Freilich, auch sie hatten sich gesperrt und in düsteren malerischen Dauerreden alle Räubereien des weißen, alle Verluste des leichtgläubigen roten Mannes aufgezählt; unter schweren Bedenken nur willigten sie in den drohend hingehaltenen Vorschlag ein, umsonst erinnerten sie daran, daß das seit alters strittige Land, das sie da für schnödes Geld vermarkten sollten, nicht einmal unbedingt das ihre sei. Ehrliche Einfalt! . . . darauf kam es ja doch gar nicht an. Man wollte es eben »Indianern abgekauft haben« und sich darauf berufen können. Damals war es auch, daß das berühmte Wort von den »dunklen und blutigen Gründen« geprägt wurde. Ein betagter Häuptling nahm den ihm wohlbekannten Boone beiseite: »Bruder, es ist ein treffliches, ein schönes Land, auf das wir da für Euch verzichtet haben; aber viel wird Euch die Eroberung kosten und weit mehr noch die Behauptung!« Die Absicht der Warnung war klar. Für die Vorstöße und Skalpzüge der Rassebrüder wollten dann nicht die Cherokesen als Auch-Indianer verantworten und büßen. Gut kannten sie den Grenzerpöbel und seine Politik.

Redensarten, auf die man nicht weiter hinhörte. Mit dem roten Gesindel, nannte es sich so oder so, wurden die langen Büchsen und Messer schon allein fertig. An Barauszahlung der zehntausend Pfund dachte natürlich keine Seele. Man lieferte Ware möglichst geringer Güte zu möglichst hoch verrechneten Preisen, und das möglichst spät oder womöglich gar nicht. Irgendein Anlaß zu Kürzung und Einstellung war jederzeit leicht zu finden oder gewaltsam zu erreizen.

Noch vor förmlicher Unterzeichnung des gesicherten Vertrages erhielt Boone Weisung, mit einer auserlesenen Mannschaft nach »Transsylvanien« aufzubrechen, seinen alten Kundschaftersteig für 268 Hendersons Wagen fahrbar zu machen und nebenher noch mit aller Beschleunigung ein regelrechtes Fort zu errichten. Fahrbar machen, hundertzwanzig englische Meilen durch Urwald und felsiges Hochland, durch rauhe Paßschluchten und die öden Moore binnen Frist weniger Frühlingswochen »fahrbar machen!« Der Mann aus dem Osten hatte eine gute Vorstellung von seinem transsylvanischen Königreich. Und gleichzeitig ein Fort bauen – sonst noch etwas vielleicht? . . . Boone tat als ob er gehorchte und dachte bei sich das seine. Und nun war er mit Büchsen und Beilen und Pfannen und Balkenklammern über Powells und Waldens Berge unterwegs und ließ die Pfade hinter sich seelenruhig unfahrbar. Die vernarbten Schalmungen wurden aufgefrischt, Büsche da und dort im Vorbeigehen weggehauen, schmale Gassen durch Unterholz und Ried gebrochen und getreten – wer in der Wildnis den Herrn und Eigner spielen wollte, dem mochte auch das genügen.

Wieder bewältigte Boone die bedeutende Entfernung in unglaublich kurzer Zeit. Am zehnten März war er vom Watanga abmarschiert, am vierundzwanzigsten lagerte er mit seinen Gefährten schon mitten im Grünen Rohr. Diesmal gab es ja auch keine Mrs. Calloway und überhaupt nichts vom vermeintlich schwachen, verzögernden Geschlecht in der Gesellschaft. Dafür war Benjamin Logan mit von der Partie, dann Thomas Broocks, einer der besten Kundschafter und Fährtenleser der ganzen Grenze, John Floyd, der kühne Landmesser, endlich McGary, der wilde Draufgänger, ein Kämpe wie aus nordlichtwabernder Sage, blutgierig, verwegen bis zum Wahnsinn; von ihm hatten Feind wie Freund sich nichts Gutes zu versehen.

Boone führte sein wehrhaftes Wandervolk geradeswegs nach der schon früher von ihm zum Fortbau bestimmten Lage, im Scheitel eines Nordbogens des vielgekrümmten Kentucky, der Einmündung des kleinen Howard-Baches genau gegenüber in der heutigen Grafschaft Madison. Solch bohlener Blockweiler war immer nur ein Waffenplatz der Grenze, Beobachtungsposten und Zuflucht der Ansiedler in den Tagen blutiger Not, Mittelpunkt eines bestimmten Kreises zusammengehöriger Einödhöfe. Wasser vor allem, Sicht, klärbarer Boden in nächster, reicher in weiterer Umgebung entschieden über die Wahl solcher Stätte. Zu seinem eigentlichen späteren Wohnsitz hatte sich Boone eine andere Örtlichkeit vorgemerkt. Hier gab es außer dem Flusse und einem trinkbaren Bach in geringer Entfernung 269 eine Lecke, die nicht allein mühelose und ergiebige Jagd verhieß, sondern etwas beinahe noch Wichtigeres, etwas Unschätzbares: Salz.

Kurz vor dem Ziel stieß man auf die üblichen lauernden Indianer und bestand gegen sie das übliche siegreiche Gefecht. Aber an acht oder zehn toten Rothäuten hatten die wütenden Grenzer nicht genug. Man mußte es den »schwarzen Hunden noch einmal ordentlich geben«. Broocks mit einer Handvoll Schützen, unter diesen vornean der unbeherrschte McGary, leitete die Verfolgung. Damals geschah es, daß der Tollkopf in jene äußerste Gefahr geriet, aus der ihn sein berühmt gewordener Harrassprung gerettet.

Die Angreifer waren Schawanesen, eine Jägerhorde, die gerade im Grünen Rohr umherschweifte. In mehreren weiteren Scharmützeln stark zusammengeschossen, entwichen sie schließlich nordwärts über den Ohio, beim heutigen Maysville durch die alte Indianerfurt. Boone begann mit seinem hölzernen Burgenbau und machte rasche Fortschritte. Aber bald zeigte es sich, daß doch noch irgendwelche roten Teufel in den Wäldern spukten; mit Viehraub und Mord störten sie das wachsende Werk. Da kam der kleine Martin gerade wunderschön zupaß. Vom gleichfalls entstehenden Harrodsburg herüber hatte er sich beim alten Freund und Gönner eingestellt und fand sofort Arbeit. Was kein anderer vermochte, das brachte er binnen wenigen Stunden fertig. In einem trockenen Bachbett war Broocks Wissenschaft zu Ende; hier fing die seine erst recht an. Vo'ló, dieser Kiesel; ist vor einem Tage noch nicht hier und nicht so gelegen, er ist von einem Fuße umgerollt worden, see? . . . Dieser dünne dürre Zweig ist nicht von selbst, er ist unter einem Tritte durchgebrochen, see? . . . Ah, und hier, vo'ló ein Filzhaar und noch eins und noch eins – hier hat eine wollene Decke über die Felsen geschleift – und hier die Blätter aus der Streunarbe hat die Decke mit fortgezogen und umgekehrt, unten trocken, oben feucht, see? . . . Der kleine Kanadier, den man zuerst ein wenig verächtlich über die Achsel angesehen, machte dem virginischen Jägerstolz nachgerade schwer zu schaffen. Selbst Thomas Broocks schüttelte ganz verstimmt und verstört den Kopf und erklärte freimütig, er habe sich bisher etwas auf seine gesunden fünf Sinne eingebildet, nach solcher Probe aber werde er wohl noch einmal suchen, finden und denken lernen müssen. Vor vier Jahren war es Boone nicht anders ergangen.

Das wahre Meisterstück war freilich die Fährtenarbeit des Waldläufers, nicht die Heldentat der dreißig Grenzer am Ende der durch 270 gehaltenen Spur. Im Halbdunkel einer steilen, schroff eingeklufteten Schlucht entdeckte man acht schlafende Schawanesen, von der vertriebenen Horde zu weiterer Beobachtung und Belästigung des weißen Feindes im Grünen Rohre zurückgelassen. Für einen Skalp, den sie genommen, für die Heimat, die man ihnen geraubt, mußten sie wie ihre zwanzig vorangegangenen Gefährten den dunklen Grund mit ihrem unschuldigen Blute tränken. An ihren erkaltenden Körpern sättigten sich Geier und Wölfe; ihre Schatten eilten auf dem Geisterpfade der sinkenden Sonne nach zum Herrn des Lebens, in die Savannen ewigen Glücks. –

Die Landschaft war fürs erste gesäubert, die Plage beseitigt. Boone setzte die begonnene Arbeit eifrig fort. Aber auf manches Gemüt machte der unheimliche Anfang einen heftigen Eindruck. Auch bei Harrod drüben hatten die Indianer unliebsame Besuche abgestattet. Schon drehte manch einer die Ottermütze in der Hand und rückte mit dem Wunsche nach Heimkehr heraus. Die Scheidung von Hart und Weich setzte ein, die Fahnenflucht begann. Boone schrieb einen Botenbrief an Henderson und riet zu baldigem Aufbruch. Der Geldmann mit Troß und Trabanten war schon unterwegs. Seinen berühmten Wagen hatte er freilich in Powells Tal zurückgelassen; immer noch eine reizvolle Frage, wie er damit überhaupt so weit gekommen. Zur Dulderfahrt voll Strapaz und Katastrophen wurde die Anreise ohnedies. Jetzt brachen die Lastpferde mit platzprallen Maissäcken aus und verschütteten im Abschrammen das kostbare Brotkorn; ein andermal stolperte solch armer Gaul den steilen Geröllhang hinab und zertrümmerte im Sturz die Pulverfäßchen; den angestrengt kletternden Kleppern barsten die Gurten; man verirrte und verlor sich im Gewirbel der Frühlingsschneestürme; eines Tages hatte man den hochangeschwollenen Cumberland nicht weniger als fünfzigmal zu überschreiten. Hier stießen Boones Kundschafter zur Gesellschaft. Den Rockcastle hinauf begegnete man schon den ersten Ausreißern. Das half alles nichts: Henderson wollte sein Reich sehen, wollte sehen, was er da eigentlich gekauft – mußte sehen und sich sehen lassen, oder seine Ansprüche galten soviel wie Rauch im Wind.

Wie immer, am 20. April, mitten in der kentuckyschen Hochfrühlingsblüte, wurde Boones Burg erreicht. Ein Salut aus zwei Dutzend langen Büchsen begrüßte den Patron. Das Fort stand fast fertig da. Gleich nach seiner Vollendung nahm Henderson eine Zeichnung der Feste auf; das Blatt ist noch heute erhalten. Östlich unter 271 der Stockade vorbei floß der Bach, einen Büchsenschuß weit nach Norden strömte der Kentucky, im Westen und Südwesten wurden die Wälder zwei- bis dreihundert Meter breit zu Ackerland und Glacis niedergehauen, südöstlich auf den Höhen lagen die Lecken. So sah Boonesborough, Boones Burg, Transsylvaniens hölzerne Hauptstadt aus.

Aber nun sollte Transsylvanien auch etwas wie eine Verfassung haben. Die Schwierigkeiten begannen. Henderson betrachtete sich nicht nur als Eigentümer, sondern geradezu als Gouverneur des Landes, als Gründer einer neuen selbständigen Kolonie, wie einst Oglethorpe in Georgia, Lord Baltimore in Maryland, Vater Penn in seinem Sylvanien. Selbständig, das war der Haken. Die Grenzer kratzten sich die Köpfe. Die meisten unter ihnen waren Virginier, und ihre Heimatkolonie Virginien beanspruchte alles Land bis an den Ohio. Also war das mit dem Sykomorenvertrag schon einmal faul. Königlich oder unabhängig, so oder so würde die Regierung das Geschäft samt all seinen Rechtstiteln niemals anerkennen. Als Henderson in Boonesburg etwas wie ein Bureau für Landverkäufe auftat, machte man nur sehr beschränkten Gebrauch von seinem Angebot; da hielt man sich schon lieber ans alte virginische Heimstättenrecht. Auch der Kramladen, den der Kapitalist aus der mitgebrachten Ware einrichtete, erregte mit seinen wohlerwogenen Preisen ungeteiltes Mißfallen. Elf Mark zwanzig für das Pfund Schießpulver, das war zuviel für den armen Hinterwäldler, war der aufgelegte Wucher, wer sollte das immer bezahlen, hier in der absatzfernen Wildnis! . . . Die Unzufriedenheit breitete sich aus, die Grenzer murrten.

Trotzdem berief der Geldmann all seine Transsylvanier zu offenem Verfassungsthing, und sie kamen. In feierlicher Ansprache, ganz Gouverneur oder Großkaufherr, übertrug er ihnen Schutz, Verwaltung und Nutzung seines Reiches und seiner Rechte. Viele seiner Ratschläge trafen allerdings mit ins Schwärzeste des Grenzertums. Die Wälder widerhallten von Äxteschall und Büchsenknall; schon war das Wild, vor wenigen Jahren in urparadiesischer Unschuld und Fülle, bedenklich scheu und selten geworden. Die beiden Boone, Stewart und Martin, die ersten Kentuckyer hatten unter Büffeln, Bären, Hirschen förmlich geschlafen, gelagert, gelebt; in diesem Märzfrühling noch, vor Wochen, als Boone mit seiner Mannschaft eintraf, strotzte und wimmelte das Geländ von allgegenwärtigem furchtlosem Getier; jetzt mußte man nach einem Bisonhöcker oder Elkkalbrücken 272 stundenweit in die Hügel gehen. Schwächer und ferner dröhnte der Donner der Wanderherden über die zerklüftete Hochebene; westwärts wie der Heimweg der Indianerseele wiesen die ausgetretenen, schon wieder vergrünenden Völkerstraßen im Rohr. Das war das Werk der unbeherrschten Hinterwäldler und ihrer ungefügen langen Steinschloßbüchsen. Was die Rothaut mit Pfeil und Speer, mit Messer und Falle, ja selbst mit dem Feuergewehr in Jahrhunderten nicht zuwege gebracht und noch in weiteren Jahrhunderten nicht ausgerichtet hätte, das gelang der weißen Bestie binnen Jahren, binnen Monaten, in wenigen Wochen. Schon Boone und seine ersten Genossen hatten in blindem Vertrauen auf Unerschöpflichkeit solch betörenden Segens weit über Zuwachs und Ersatz unter der Kreatur gehaust; etwa gleichzeitig war Kaspar Mansker mit seinen wüsten Horden in diesen Tiergarten Gottes eingefallen, und auf ihn folgten die Mordschwärme der Bullit und Steiner, der Harrod, McAffee und Floyd, alle trunken von viehischer Massentötungslust, alle besessen von der Gier und Sucht, zu raffen und zu beuten, bevor andere das Fett vom Vollen wegschöpften. Die traurige Schmach amerikanischer Pöbeljagd nahm ihren Anfang. Wie losgebrochene Galeerensträflinge über Wein und Weib, wie johlende Soldateska über die preisgegebene Stadt, so stürzten die Schießermeuten der Hinterwäldler sich auf den Bestand der neu erschlossenen Reviere. Es war das Jagen einer Verbrecherkolonie, die unbekümmerte Roheit der Volksbestie, der die höher gearteten Führer, Männer wie Boone und Logan, erbitternd machtlos gegenüberstanden. Hier griff Henderson in seiner ernsten Ansprache ein; er forderte Wildschongesetze. Finster und höhnisch hörten die Ansiedler dem wohlgemeinten Sermon zu. Was hatte der da schon viel zu sagen, der Krämer, der Geldsack? . . . Das Land, für das sie ihre Kugeln gossen, das ihre Büchsen nehmen und halten sollten, das Land war das ihre mit Holz und Huf! . . . Die Brüder Boone haben solche Schongesetze nachmals eingebracht, gegen wütenden Widerspruch der Mehrheit, ohne wesentlichen Erfolg und viel zu spät. Zehn, fünfzehn Jahre nach beginnender Einwanderung war das östliche Kentucky mit seinen Lecken und Büffelstraßen ein geradezu wildarmes Land, der Elk selten geworden, der Bison verschwunden. . . . Go ahead! . . .

 

Im Herzen der Hinterwälder
Landschaft aus der Grafschaft Harlan. Aufnahme von R. C. B. Thruston.
Mit freundlicher Genehmigung des U.S. Forest Service

Aus der Heimat der Waldläufer
Landschaft aus der Umgebung von Mackinaw
Mit freundlicher Genehmigung des Ministeriums des Innern, Washington

 

»Transsylvanien« erhielt seine Verfassung. Siebzehn Abgeordnete, Richter, Religionsfreiheit, Fremdenkontrolle, Bürgerwehr, Strafkodex, Sittengesetze, Gerichtsordnung, Gehälternormen – viel voller konnten die paar Dutzend Menschen in einer Wildnis von 273 sechzigtausend Quadratkilometern für den Anfang das Maul wirklich nicht nehmen.

Henderson schied, ein stattliches Gefolge von Enttäuschten schloß sich ihm an. Ohne großes Bedauern sah man ihn ziehen. Er ist nicht wieder nach seiner Kolonie gekommen. Die schlichten Grenzer mit ihrem Beilverstand behielten recht. Die vorläufig noch königliche Regierung erkannte den Kauf und folglich die Gründung nicht an, die spätere republikanische fand ihn mit zweimalhunderttausend Tagwerk ab. Immerhin allerhand Land für einen Spott von zehntausend größtenteils nie oder in minderwertiger Indianerware gezahlten Pfunden. Aber die Besitztitel der Siedler, die von ihm ihre Parzelle erworben, hingen in der Luft.

Um seinetwillen auch verlor Boone an Ansehen und Anhang. Aus Haß gegen die zunehmende Enge und Übervölkerung des Ostens hatten die Hinterwäldler ihre Anwesen losgeschlagen, in den freien Weiten herrenlosen Indianerlandes neuen Spielraum ihrer Gewohnheiten und Triebe gesucht. Und nun sollten gar nicht sie mit ihrer erobernden Waffe die wahren Eigner sein, sondern der Spekulant mit seinem allmächtigen Geld! . . . Das hatte man sich in seiner rauhen Einfalt ganz anders vorgestellt; dazu war man nicht ein paar hundert Meilen weit von Weib und Kind in die dunklen blutigen Gründe gereist! . . . Boone als Hendersons Vertrauensmann bekam bittere Wahrheiten zu hören; man zog sich von ihm wie von einem Verräter zurück.

Gleich Logan machte den Anfang. Unter allen Grenzern war er vielleicht der innerlich freieste, der großzügigste. Geld hatte für ihn keinen Wert und darum über ihn keine Macht. Unterm Vorwand, daß der von Boone gewählte Strich seinen eigenen Ansprüchen an Krume und Sicherheit nicht genüge, nahm er freundschaftlich Abschied und ging mit seinen zwei Schwarzen und einem Gefährten auf eigene Faust und Rechnung weiter in die Parkwälder und Rohrbrüche hinein. Seine Selbständigkeit wurde belohnt. In der Nähe des heutigen Stanford, auf der Wasserscheide zwischen dem Kentucky und dem Grünen Fluß fand er ein herrliches, stilles abgelegenes Revier, in dem er mit seiner kleinen Gesellschaft zwei ungestört glückliche Jäger- und Pflanzerjahre verbrachte. Das Zusammenhausen mit störrischem Schießergesindel war nicht nach des kühnen aber human gebildeten, vornehmen Mannes Geschmack. 274

Henderson selbst hatte eine nicht unbeträchtliche Anzahl von Bekehrten und Andersbelehrten nach dem sicheren alten Lande mitgenommen; andere waren schon früher vor den ersten Indianern ausgekratzt. Jetzt ging der heißblütige McGary, durch einen Tadel des strengen Boone gereizt, mit mehreren Unzufriedenen zu Harrod über. Weitere Gruppen verließen Boonesborough aus Erbitterung über den ganzen unsicheren »transsylvanischen« Handel, setzten sich irgendwo im Norden oder Westen nach Belieben fest oder abenteuerten unstet beutend und sammelnd im Grünen Rohr umher, um später dann mit ihrer Ernte an Fellen und Häuten hinauf nach Fort Pitt zu rudern und ihren Ausflug wenigstens bezahlt zu machen. Selbst zwischen Harrod dem Virginier und Boone dem carolinischen Bürger trat wegen der kentuckyschen Frage eine Spannung ein. Boone war und blieb Hendersons Statthalter, Harrod wollte von jenem nichts wissen. Damals noch hätte ein zäher indianischer Führer mit ein paar hundert Büchsen und Tomahawks die uneinigen, undisziplinierten, abgeschnittenen Niederlassungen leicht überwältigt und damit England einen unschätzbaren Dienst erwiesen.

Und da traf Clark ein, und mit ihm eine Kunde, die Frieden und Einigkeit mit einem Schlage wiederherstellte: die Nachricht vom Gefecht bei Lexington im Frühlingsmorgen des stillen Tales von Concord. Die Minuten-Männer der Freiheit hatten die langen geladenen Büchsen abgefeuert; aus dem unerträglich schwülen Gewölk im Ost hatte der erste Blitz geschlagen und gezündet: der Krieg war da, war in Blutschrift unwiderruflich erklärt! . . . Lexington! . . .

Eben damals trieb sich wieder ein neuer Schub von Schützen und Squattern Boonesborough gegenüber im nördlichen Kentucky herum. Auf ihn stieß Clark mit seiner aufregenden Zeitung zu allererst. Einstimmig wurde beschlossen, die geplante Niederlassung nach der heiligen Stätte des ersten Freiheitstreffens zu benennen, und einer der Abenteurer, ein gewisser Patterson, erklärte mit schon ganz amerikanischem Pathos, »es gebe zwischen den Seen und dem Ozean niemand, der die Stadt Lexington an eben dieser Stelle früher und gewisser gründen werde als er«. Vorläufig kam es allerdings nicht dazu. Das Rudel zerstreute sich. Einige eilten nach dem Osten unter die Fahnen der Revolution, andere schlossen sich an Boone oder Harrod an, und die acht oder zehn Übriggebliebenen errichteten auf Clarks Rat im Nordwesten ein kleines primitives Fort unter dem Namen Hinkstons Station. 275

Lexington aber steht und ist heute nächst dem großen Louisville und den südlichen Vororten des parkberühmten Cincinnati, Coving und Newport, die bedeutendste, jedenfalls die ehrwürdigste Stadt im »Gartenstaate« Kentucky. – –

Nichts geschah.

Im Osten drüben ballte sich Weltgeschichte, dröhnte das kriegerische Erz, lagerten Qualmschwaden und Blutdunst um Bunkers Hill, belferten und donnerten die Patrioten; hier auf den Lichtungen in lieblicher Wildnis stieg der blaue Ranch der Jägerhütten friedlich zum Sommerhimmel empor. Sparsamer knallte die schwere Büchse, seltener hallte die langschäftig federnde Axt. Das erste wilde Fieber war vorüber. Im schläfernden Mittag klang einsam da und dort die rodende Spitzhacke, in glastender Stille kochte der Mais, Feierabends schnitzten und bastelten die Messer. Einmal im heißen August zeigte sich flüchtig eine indianische Bande; ein Pferd wurde geraubt, dem Bestohlenen zeichnete der Dieb mit Kohle ein paar drohende Bilderschriftzinken an die Hüttentür. Vor dem Aufgebot der Grenzer verschwand die Rotte eiligst über den sommerblauen Ohio. Das war alles.

Gleich die Jungfernernte übertraf die kühnsten Erwartungen. Zehn und elf Fuß hoch stieg das Welschkorn, Harrod heimste vom Tagewerk vierundzwanzig Hektoliter, und das nach oberflächlicher Bestellung und notdürftiger Aussaat. Da durfte man sich auf den Tabak des nächsten Jahres freuen. Solche Krume gab es nicht wieder in der Welt.

Im Herbst, als goldrot die Kolben reiften und die ersten Wildfrüchte fielen, dachten die Hinterwäldler daran, nun allgemach auch ihre Familien herüberzuholen. Boone machte den Anfang, wie bei allen schwierigen Unternehmungen. Mehr als sechs Jahre waren es nun dessen, daß er nicht mehr ständig mit Weib und Kindern zusammengelebt. Wieder einmal wanderte er auf dem alten Pfade durch das Gap, durch die schwermütigen Hungerwälder der Cumberlandberge, über die windgefegten Hochebenen. Zusammen mit einem ausgiebigen, von Clark bereitgestellten Nachschub an Pulver, Saatgut, Gemüsesämereien und Gewürzen brachte er die Seinen wohlbehalten nach der Burg am Kentucky, und die anderen folgten einander ablösend dem Beispiel, zuletzt Logan. Nur der kleine Martin brauchte um solche Zeitlichkeiten nicht zu sorgen. Leicht war es ja nicht, so tagein, tagaus ledernes Englisch zu hören und unter diesen bald bibeldumpfen, 276 bald kindisch wilden Mannsbildern zu leben. . . . Nom d'une biche, die schönen alten Zeiten mit Marie la bruyante und Madeleine au gros canon, den galanten Quarteroninen zu New Orleans drunten, nom d'un chat noir, wo waren sie hin? . . .

Die Grenzerfrauen fanden in der neuen Heimat alles vor, dessen sie zur Ausübung ihres Amtes bedurften. Rüstig und kundig, man muß es ihnen lassen, hatten die Männer geschafft und vorgesorgt. Im Wohnherdflur auf Sims und Bord stand das Geschirr von Eisenholz, in der Kammer nebenan harrte der rohe Webstuhl, draußen im Gehöft die bodengleich eingesenkte Lohkufe aus gehälftetem, brandgehöhltem Sykomorenklotz der Meisterin. Unverzagt griffen die arbeitsgewohnten Mutterhände zu. Bald ging in den Haushalten in und um Boones und Harrods Burgen alles seinen, gewohnten Kreislauf der Jahreszeiten.

So spann sich das Leben aus mildem Herbst in den linden kentuckyschen Winter ein. Im ewiggrünen Rohr weideten friedevoll die Herden; wo vorm Jahr noch der gemähnte Wildstier seine alte Straße nach den Salzquellen gewandert, brüllten die gefleckten Kühe, mummelten die emsigen Schafe, rüllte und schmatzte behaglich das Borstengetier. Aus brauender Urlandschaft war binnen Monaten arkadisches Idyll geworden. Bisweilen ritten die Männer auf ihren feurigen virginischen Pferden nach dem Green River hinüber auf Büffeljagd; so weit schon hatte das dumpfe Bisontenvolk sich vor seinen Bedrängern gegen Westen zurückgezogen. Die Frauen blieben daheim und walteten ihrer vielfältigen Mutterpflicht. Aus Hirschtalg und dem Beerenbalsam der Wachsmyrte schmelzten sie das Fett zu Kerzen; auf den Früchten der Gurkenmagnolie zog ein heilkräftiger Bitterschnaps gegen das Fieber. Die Rinden des Tulpenbaums, der Persimonpflaume, der Chinquapin-Kastanie wurden in ulmbastenen Körben gesammelt, getrocknet und sorgfältig aufbewahrt; vom virginischen Kirschbaum, von einer Kornelart, von der kriechenden Mitchelle gewann man krampf- und schmerzstillende Säfte. Hart, der vermutlich deutsche Medikus zu Harrodsburg, legte sich gleich im ersten Herbst eine ganze Offizin an gedörrten Kräutern, Pulvern, Dekokten, Abzügen und allerlei Tee an. Daneben erblühte und duftete das wichtige lederne Gewerb. Die Weißeiche lieferte die beste Lohe zu den Sätteln und Riemen, der virginische Sumach zu zartenem Werk der Hände, Hemden und Mokkassins. Asche vertrat den Kalk, Bärenfett, Hirn und Leber ersetzten den Fischtran. Auch zu späterem Verkauf oder 277 Abtausch wurden Häute gegerbt, Felle zugerichtet und gestapelt. Abends dann, wenn man nicht gerade Fackeljagd trieb oder zur Übung nach dem Lichte schoß, spiegelte sich der trauliche Herdflackerschein in der aufliegenden Büchse überm Kamin, Schatten wuchsen und webten, bei stillheimseligem Winterfleiß verspannen alte Geschichten mit neuen Plänen. . . . Draußen in den Ecktürmen unterm wandernden Tierkreis der langen Adventnächte standen die wechselnden Wachen.

Aber in dunkler Vorfrühe der heiligen Christvigil, am 24. Dezember, wurde Boones Burg durch wütendes Hundegekläff und Schüsse der Türmer aufgeschreckt. Um die Palisaden im Sternendämmer spürte das Gespenst der Wildnis, lagen und krochen hundertköpfig die Indianer. Gleich zielten alle Büchsen aus den Scharten. Der Kugelwechsel begann. Zwei Grenzer wurden in den Luken durch die Stirn geschossen. »Ergeben, ergeben; Indian zu viel, zu groß; nein töten!« heulte man den Belagerten zu. Aber die Verluste der Angreifer waren die schwereren. Vor Aufgang der roten Wintersonne räumten sie das blutige Feld. Das war die Feuerprobe von Boones Burg. Auf den Tag vor sechs Jahren war er mit dem armen Stewart in Gewalt der Cherokesen gewesen.

Und wieder blieb alles ruhig in Kentucky; zu ruhig; unheimlich ruhig. Keine Nachricht aus dem bewegten Osten, kein Angriff aus dem Norden. Der Tag wuchs, aus entschlummerndem Herbst erwachte der neue Frühling, im Zuckerahorn pulste der wiederkehrende Saft, das zweite Erntejahr begann. Die Frauen schäumten den abgezapften Seim, die Männer klärten neues Land für Hanf, Flachs und Tabak, notwendiges Gespinst und unentbehrlich gewordenes Gift. Wieder gellten die Äxte, dröhnten die Stämme, tiefer in die Wildnis flohen die Allgeister der Natur. –

Im vergangenen Jahre hatte sich noch ein anderer selbständig nach dem Grünen Rohr durchgeschlagen: der junge Simon Kenton – oder immer noch Simon Butler. Seine ersten Versuche unternahm er mit seinem Gefährten William in höchst unsicherer Gegend, unweit der alten Indianerfurt beim heutigen Maysville. Hier schlugen die beiden verwegenen Burschen eine kleine Lichtung in den dunstenden Urwald, und in die nur leicht mit dem Tomahawk aufgekratzte Dammerde legten sie Maiskörner von ihrem kargen Mundvorrat: die virginische Besitzergreifung in rechtsgültiger Form. Aber der Rachegeist der dunklen blutigen Gründe nahm auch bei ihnen Einkehr. Zwei verunglückte Abenteurer stießen zu ihrem Kamp. Während sie dem 278 einen, Fitzpatrick, der aus diesem verrufenen Land je eher nach seinem gemütlichen Virginien heimreisen wollte, das Geleit nach dem Flusse gaben, wurde der andere, Hendricks, überfallen, verschleppt und irgendwo martervoll gebraten. Anderen Tags fand Kenton die verkohlten Reste des Unglücklichen. Selbstvorwürfe und Gewissensbisse trieben ihn aufs neue in die Einsamkeit. Jagend und grübelnd streifte er am Licking River umher. Da begegneten ihm Leute von Hinkstons Station, denen er sich erst sehr mißtrauisch anschloß, und nun vernahm er zu seiner Freude, daß Boone, Logan, Harrod, Martin, all die alten Freunde und Gönner aus Lord Dunmores Kriegslager längst schon im Grünen Rohr hausten, säeten und ernteten. So geriet er endlich auf festen Boden und in würdige Gesellschaft.

– Das waren die Zwanzigjährigen von damals – und ihr Sport. –

Bis über den Osterfrühling blieb alles still. Aus den tieferen Schatten des Frühsommers erst sprang wieder der Waldspuk. Auf den Tag 150 Jahre vor Niederschrift dieses Blattes, am 14. Mai 1776, erlebte Boone vierundzwanzig der schlimmsten Stunden seines Lebens. Seine jüngste Tochter, dreizehn Jahre alt, hatte mit zwei anderen Mädchen aus dem Bache zu Füßen des Forts Wasser geschöpft; Vogelsang, Blüte, Glück, Arbeit, Vesperfriede weitum über Burg, Lichtung und Hügel. Da plötzlich erstickt aufschrillende Hilferufe, und ehe noch Boone seine Büchse kriegt, sieht er acht Indianer mit den geraubten Kindern nach dem Kentucky hinabhuschen und verschwinden. Auf und hinterdrein mit fünf zusammengerafften Kameraden; aber schon neigt sich der Tag, bevor man den Fluß übersetzt, haben die Roten einen uneinbringlichen Vorsprung. Torheit, die ohnedies meisterlich verwischte Fährte im sinkenden Dunkel halten zu wollen; lagern, zu schlafen versuchen, die Morgendämmerung abwarten, da hilft alles nichts. Boone schließt kein Lid. Ja, der Kanadier, wäre der zur Hand, der mit seinen Luchsaugen und seinen schon nicht mehr natürlichen Sinnen fühlte, roch, ahnte die Spur auch in stockfinsterer Regennacht. Aber Martin sitzt gerade wieder mal bei Logan oder Harrod drüben; wie's schon immer ist, wenn man einen braucht. Da heißt's eben sich selbst zusammennehmen. Wenn's noch etwas nutzt; sehr die Frage. Den Kindern droht einfach das Ende; zwecklos, sich drüberwegtrösten zu wollen. Erstens: strittige Gefangene, weibliche zumal, werden von den Indianern salomonisch niedergehauen. Zweitens: ein einziger entdeckter Versuch, wegweisende 279 Zweige zu knicken, bedeutet Tomahawk und Tod. Drittens: werden die Räuber aufrückender Verfolgung inne, so lassen sie die Beute nicht anders als erschlagen und skalpiert zurück. Und selbst das, himmlischer Lord, wäre nicht das Schlimmste. . . . Unter solchen Gedanken vergeht die Nacht; auch sie nimmt ein Ende; der Tag kommt zwischen den Stämmen herauf, Umriß löst sich aus erbleichender Dunkelfrühe. Von Fährte kaum noch eine Andeutung da und dort; allein seine Vaterangst verzehnfacht Boones bedächtigen Scharfsinn. Weiter, weiter, immer weiter nach Norden, den ganzen Morgen hindurch, über Mittag hinweg, in den Nachmittag hinein, zehn, zwanzig, fünfundzwanzig Meilen. Endlich, auf einer alten Büffelstraße, haben die Indianer in zunehmender Sorglosigkeit klare Spuren hinterlassen. Nachgerade an der Zeit; schon ist man ihnen nicht weniger als fünfunddreißig Meilen, sechsundfünfzig Kilometer weit gefolgt. Und doch noch fünf und noch einmal fünf Meilen dazu – wieder neigt der Tag sich zum Abend, der Abend zu schattender Dämmerung; da, in letzter Stunde, wird die Bande erspäht und erreicht, wie sie eben ohne große Vorsicht zum Nachtlager rüstet. Hier kann nur eins helfen und retten: augenblicklich überrumpelnder Angriff. Aber Rächer und Räuber haben einander fast im selben Atem gewahrt; keine Sekunde mehr zu verlieren. Boone schießt, trifft, rennt, mit ungeheurem Löwensatz reißt er den nächsten Roten nieder und ersticht ihn unter sich im Ringen. Die anderen fliehen Hals über Schopf. Die Kinder sind gerettet. In solcher Seligkeit denkt niemand an weitere Verfolgung. – Fünfundvierzig englische Meilen, auf kalter Fährte, in wegloser Wildnis, das ist mehr als literarische Detektivromantik. Man mag die Jagd auf der Karte nachzirkeln: von Boonesborough immer scharf Nord bis an den Licking River in der Nähe der berüchtigten Blauen Lecken, Boones schon einmal unabänderlicher Schicksalsstatt.

Gegen Spätsommer werden die Überfälle immer häufiger. Damals geschah es, daß jene tapfere Grenzerfrau das Kleine ihrer geschwächten Begleiterin und durch deren Entlastung diese selbst rettete; damals verteidigte solch ein Waldmädel zusammen mit einem alten lahmen Negersklaven Haus und Mutter siegreich gegen die hereindrängenden Angreifer; damals war es, als Harrod bei Verfolgung roter Pferdediebe den berühmten Sprung McGarys noch übertraf und dadurch sich wie dem bewundernden Feinde das Leben erhielt. . . . Die Chronik der Grenze ist voll der Heldenstreiche und oft grausig 280 erhabenen Heldentaten, die bis heute keinen Homer, keinen Skalden und Spielmann gefunden: Cooper ausgenommen, dessen Lederstrumpfwerk die ganze übrige amerikanische Literatur mit Überschuß aufwiegt. . . .

*

Im Frühjahr oder Sommer 1776 war unter Clarks Leitung im Norden Kentuckys, in der heutigen Grafschaft Mason, unweit der mehrfach genannten Indianerfurt beim jetzigen Maysville, damals Limestone, ein weiteres kleines Grenzfort entstanden, bemannt und beweibt mit allerhand eingeströmtem Auswanderervolk, den Resten jener Gesellschaft, die einst mit solcher Begeisterung die Kunde von Lexington begrüßt, darunter der mundfertige Patterson, endlich mehreren Hinkston-Leuten, bei diesen Kenton. Zum Befehliger des Platzes erwählte man einen gewissen McClelland. Aufgabe war Überwachung des indianischen Einsprungs und kriegerischen Einwechsels, außerdem Sicherung der Ohiostraße nach Westvirginien und Fort Pitt. Ein heikler und verantwortungsvoller Posten, mit dem man einen ganz anderen Mann hätte betrauen müssen, Martin zum Beispiel, den schlauesten Kopf in den Hinterwäldern. Aber das verbockte Vorurteil gegen den Kanadier ließ sich einmal nicht überwinden. So schwebte über McClellands Fort von Anfang an dunkel das Verhängnis.

Die brennendste kentuckysche Frage war damals keine politische oder wirtschaftliche – oder auch beides in nackter Ur- und Grundform: ganz einfach die Schießpulverfrage. Schießpulver ist Macht, von Schießpulver hing alles in der Welt ab; zumal in dieser Welt. Jagd und die häufigeren Kämpfe des zweiten Ansiedlungsjahres hatten den Bestand in Hendersons Kramladen und die Nachschübe fast bis zur Neige erschöpft, und das mit kindischer Vergeudung übertriebene Scheibenschießen tat dazu das seine. Aber auch sonst fühlte man sich nicht allzu behaglich in der selbstgewählten Vereinzelung. Öde Räume von zweihundert Kilometern Breite trennten Forts und Farmen von den geschlossenen Siedlungen in Süd und Ost; die bedrängten Kolonien, die Stirn dem Freiheitskampfe, das Herz ihren inneren Angelegenheiten zugewandt, hatten anderes zu tun, als sich um ein paar Dutzend verlaufener Grenzerfamilien zu bekümmern; in Nord und West hinter unabsehbar brauenden Wäldern lagen sprungbereit, vieltausendköpfig die Indianer, standen abwartend die Engländer. So saß man herrenlos und abgeschnitten auf kleiner 281 vorgeschobener Insel inmitten schwüler Gefahr und hatte allen Grund zu ernsten Sorgen.

Zu Harrodsburg auf freiem Beratungsanger und in den Blockhütten ging es leidenschaftlich zu. Hier tagte der zweite Thing der kentuckyschen Beilmänner. »Anschluß an Virginien!« »Henderson, was kann der uns helfen?« »Man muß uns als Bürger anerkennen!« »Irgendein Bürgerrecht müssen wir überm Kopfe haben!« »Und Pulver vor allem im Horn, ohne das kein Handeln und Halten!« Nun sollte der junge Clark das alles irgendwie ins Lot bringen. Zusammen mit einem gewissen Jones, einem sonst ganz belanglosen Menschen, ernannten ihn die Hinterwäldler einstimmig zu ihrem Vertrauensmann und ihrem Vertreter in der virginischen Repräsentation. Sehr schmeichelhaft und schön ausgedacht – aber der größte und wichtigste Dienst, den Clark seinen Wählern im Augenblick erweisen konnte, war ohne Frage doch die Beschaffung von Schießpulver in halbwegs ausreichender Menge, fünfhundert Pfund, etwa fünf auf jede kentuckysche Büchse. So eilte er denn mit Jones in angestrengt beschleunigenden Kanoereisen den Ohio und Monogahela hinauf nach Virginien, zu betreiben und zu erreichen, was irgend zu erpressen und zu erlangen war. Griff England durch seine bezahlte und nur allzu willige indianische Vorhut in dieser Zeit von Norden her energisch an, so war alles verloren, »Transsylvanien« oder Kentucky weggeblasen, vielleicht die Unabhängigkeit im Keime erstickt, die Revolution in der Zange zermalmt.

Ahnungslos reiste Clark in einen neuen Staat, in die junge Republik der dreizehn Kolonien hinein. Er fand die virginische Repräsentation zu Williamsburg vertagt; natürlich, schon darum, weil er sie brauchte und auf sie gerechnet. Sein Begleiter verlor gleich den Kopf und zog weiter nach Powells Tal, jenem alten letzten Refugium, um dort vielleicht Verstärkungen und Nachschübe für die gefährdeten Kentuckyer aufzutreiben. Aber Clark war so schnell nicht umzuwerfen; ging es nicht so, dann ging es eben anders. Das republikanische Virginien hatte seinen Gouverneur so gut wie früher das königliche; das war kein andrer als Patrick Henry, der »Donnersohn«, und der lag eben krank auf seinem Landgut. Schön, also auf und zu ihm; ihr Pulver sollten und mußten die Forts um jeden Preis oder vielmehr für gar keinen Preis, umsonst haben. Clark besuchte den brüllenden Löwen der Freiheit in seiner Höhle. Patrick Henry war nicht so dumm, wie er sich in seiner trägen Jugend gestellt; er 282 begriff; dieses »Transsylvanien«, dieser dunkle blutige Grund da drüben hatte für Virginien seine Bedeutung. Aber der rote Clark, einmal an Esse und Ambos, schmiedete das Eisen gleich weiter. »Und dann, Sir, die englischen Forts im Norden und Westen, Detroit, Vincennes, die Plätze am Illinois und Mississippi müssen auch genommen werden. Krieg diesseits allein, das nützt nichts. Der englische Stier hat noch andere Köpfe und Hörner. Dort im Westen greift der kanadische Besitz Englands weit über die Republik der dreizehn alten Kolonien hinaus; von dort kann es jederzeit und immer wieder die Indianer mobilisieren.« Patrick Henry horchte auf. »Schön, junger Mann, richtig. Aber wie stellt Ihr Euch das vor? Wir haben diesseits mehr als genug mit der Übermacht zu schaffen. Wer soll da noch den Krieg um den fernen Westen führen?« »Ich, Sir, mit den Grenzern und entsprechenden Hilfen der Republik.« Der kranke Patriot maß den kecken Menschen mit großem Blick; der da, der rothaarige unersetzte Kerl? . . . Aber die zuversichtliche Antwort blieb nicht ohne Wirkung. Clark erhielt einen Empfehlungsbrief an den »Ausschuß der gesetzgebenden Versammlung«, den Regierungsrat, und ging ohne Säumen ab. Was konnte inzwischen nicht alles geschehen sein!

Und jetzt erst begannen die eigentlichen Schwierigkeiten. Die blutjunge Republik hatte schon ihren uralten Amtsschimmel. »Sir, da drüben hinter den Bergen im neuen Land sitzen einige achtzig oder hundert tapfere Männer mit Weibern und Kindern auf ihren Forts, bereit, für Virginien, Republik und Freiheit gegen Indianer und England zu kämpfen und Virginien den Rücken zu decken. Sie haben alles, guten Willen, Mut, Liebe zur Unabhängigkeit – alles, Sir, nur kein Pulver. Und hier, Sir, ist der Brief vom Gouverneur.« Da kam Clark aber schön an. »Aha, die Henderson-Leute, die sich da als transsylvanische Gesellschaft auf unserem Boden aufgetan haben? . . . »Sir, hängen Sie die ganze verdammte alte Henderson-Geschichte, die ist erledigt. Hier im Brief vom Gouverneur steht ja alles. Die Leute bekennen sich treu zu Virginien, sind Virginier, wollen gar nichts anderes sein und bitten überhaupt um Anerkennung ihrer virginischen Bürgerrechte.« . . . »Ja, ja, das kann ein jeder sagen, jetzt in der Not, was? . . . Da braucht man uns, wie? . . . Tun uns leid, diese Leute; aber für die haben wir kein Pulver; das brauchen wir selbst« . . . »Aber, Sir, Sie werden doch nicht hundert tapfere Männer mit ihren Familien auf vorgeschobenem 283 Posten sitzen lassen? Jetzt, in der Gefahr, Indianer und England dahinter vor der Nase!?« . . . »Very sorry indeed – aber wir haben sie ja nicht dorthin vorgeschoben.« »Sir! . . . Männer, die für Sie kämpfen wollen und werden! Für Sie, fürs Ganze!« . . . »Das wissen wir ja noch gar nicht. Dafür haben wir nicht die geringsten Beweise. Sie können es tun, sie können es aber ebensogut auch nicht tun, nicht wahr? . . . Kaufen Sie doch das Pulver bei den Quäkern.« . . . »Sir! . . . Sein Pulver soll der Soldat der Republik sich selbst kaufen?« . . . »Wir wissen nicht das geringste von diesen Soldaten. Und wir sind kein Kramladen für privaten Bedarf.« . . . »So! Deckung Virginiens gegen Norden und Westen das nennen Sie privaten Bedarf?« . . . »Tja. . . . Wollen Ihnen was sagen. So ohne weiteres zur Verfügung stellen werden wir Ihnen das Pulver nicht. Ausgeschlossen. Aber gut, um den Leuten zu helfen und Ihnen gefällig zu sein – auf den Brief des Gouverneurs hin – – wenn Sie oder irgend jemand, zum Beispiel der Gouverneur, mit dem Wert des Pulvers – fünfhundert Pfund: sagen wir fünfzehnhundert Dollar – für patriotische Verwendung und vor allem für die weiteren Beschlüsse der Gesetzgebung mit Bürgen haftet – –.« Nun aber schwoll Clark der rote Kamm. »Sir, Ihr letztes Wort?« . . . »Unser letztes; wenn Sie wollen, erteilen wir entsprechende Weisung an die Magazine in Fort Pitt. Sie hätten dann natürlich entsprechende Erklärungen auszufertigen . . .« Clark reiste in Glühzorn ab. Aber in einem Briefe an den Rat wurde er höllisch deutlich und saugrob. »Schön; und nun, meine Herren, gebe ich Ihnen folgendes zu bedenken. Entweder: die armen Teufel da oben werden ausgehungert und ausgelöscht oder sie sind vernünftig genug, den Platz zeitig zu räumen – und dann steht Virginien von der Landseite her den Engländern und Indianern offen. Oder: da man sich bekanntlich unabhängig erklären und damit gerade jetzt sehr lästig fallen kann, sehen wir nicht ein, weshalb wir dem gegebenen Beispiele nicht folgen sollten. Endlich aber: steht nichts im Wege daran zu denken, daß es auch noch ein großes und mächtiges England gibt, ein England, das uns mit offenen Armen aufnimmt, das uns nicht fünfhundert, sondern fünftausend Pfund Pulver mit Vergnügen zur Verfügung stellt und dessen väterliche Freundschaft uns die Indianer vom Halse hielte, so daß wir unsere Kräfte anderswohin richten könnten. . . . Ein Land, das nicht wert ist, daß man zu seiner Verteidigung beisteuert, ein solches 284 Land ist auch nicht wert, daß man es beansprucht. Wir danken für das Pulver.« Antwort und Wirkung: sofortige und bedingungslose Gratisbelieferung der lausigen fünf Zentner. Ein Hauptkerl war er schon, dieser rote Clark.

Auch die Einverleibung Kentuckys zu Virginien erzwang er unter mörderischer Bearbeitung der Volksvertreter. Hendersons »Transsylvanien« hatte aufgehört, »Grafschaft Fincastle« hieß jetzt das Gebiet. Heil und siegesfroh reiste er mit seinen schwer errungenen Erfolgen ab. In Fort Pitt wurde ihm der angewiesene Vorrat ausgeliefert. Die Zeit brannte ihm unter den Sohlen: zwei Jahreszeiten verstrichen, was konnte nicht alles über die Kameraden hereingebrochen sein! . . . Auf einem Boot frachtete er die kostbare Ladung samt dem weit weniger wertvollen, lästigen Jones den Ohio hinunter; nicht lange, da bemerkte er eine Schule indianischer Kanoes, wie sie ihm in vorsichtigem Abstand heimlich folgte. Mit aller Anstrengung beschleunigte er die Fahrt und gewann einen beträchtlichen Vorsprung; nachts brannte er kein Feuer; in der Nähe der Indianerfurt legte er an, barg die Pulverfässer einzeln auf mehreren kleinen dichtbewaldeten Inseln und ließ das Boot, mit zwei ausgestopften Puppen bemannt, im Strome weitertreiben. Fort McClelland, das war jetzt seine erste und nächste Sorge. Von seinem Sein oder Nichtsein hing das Schicksal aller anderen Niederlassungen ab.

Gerade hier harrte seiner die bitterste Enttäuschung. Das Fort bestand kaum mehr. Mangel an Pulver hatte einen Teil der ohnehin schwachen Besatzung unter Pattersons Führung zur Reise nach Virginien getrieben. Die anderen Forts, selbst in der Klemme, konnten ja nur mit geringen Rationen aushelfen, mit ein paar abgeknappten Ladungen, die den Nachbarn nicht nützten und ihnen selbst hinterher fehlten. Von Pattersons Abteilung hatte man seither nichts wieder vernommen; sie galt für verloren; wirklich war sie bei Point Pleasant am unvorsichtig hellodernden Feuer überfallen und massakriert worden. Patterson kam schwer zusammengeschossen mit harter Not davon, hatte aber dann länger als ein volles Jahr in Behandlung des Wundarztes zu dulden. Vom geschwächten Fort McClelland aus war Bergung des Pulvers also unmöglich. Zuviel Entscheidung stützte sich auf diese unschätzbaren fünfhundert Pfund, als daß man sie irgendeiner Gefahr hätte aussetzen dürfen. 285 Clark ließ den wenig brauchbaren Jones im Fort zurück und eilte mit dem jungen Butler-Kenton nach Harrodsburg, hundertvierzig Kilometer weit nach Südwest. Dort gab es stämmige Männer in hinreichender Zahl. Aber die Taten des allbeliebten Genossen waren dem schäbigen Jones ein Stachel. Vielleicht auch, daß das Fieber ihn ansteckte, daß die Nerven mit ihm durchgingen. Jedenfalls: wo es lag, das heißbegehrte Pulver, das wußte er ja, und er machte von seiner Kenntnis Gebrauch. Zur Vergeltung und zum Heil von ganz Kentucky, Virginien, Republikanisch-Amerika taperte er mit den von ihm beschwatzten Tölpeln geradeswegs in den indianischen Tomahawk, noch bevor er den Ohio und die Schatzinseln erreicht. Er fiel; ein anderer mit ihm, zwei Unglücksraben fing man für die Schaulust des marterfrohen Stammes, zwei oder drei entwischten schreckgesträubt. Wieder einmal ein echt kentuckyscher Christfesttag, 25. Dezember 1776.

Clark mit seiner Handvoll Harrodsburgern kehrte zurück und fand die Bescherung vor. Waren diese Leute denn ganz von Gott verlassen? . . . Aber so schlimm die Geschichte stand, jetzt wollte er erst recht nicht ans Pulver heran. Nun war ein starker Angriff auf das Schlüsselfort so gewiß wie das Amen im Vaterunser, die ganze Umgebung totsicher schwarmvoll von Roten. Also auf, nochmals auf Harrodsburg, zum drittenmal die hundertvierzig Kilometer unter den Leib genommen, in heißer Hast weitere Verstärkungen herangeholt. . . .

Und kaum war Clark einen Tag und den anderen unterwegs, da erfüllte sich seine Vorhersage. Zweihundert Indianer, Schawanesen und Lenapen durcheinander, brachen aus den Uferwäldern des Ohio und eröffneten die Belagerung mit Feuer und Beil. Diesmal griff es dem armen McClelland an die Nerven. Eine Zeitlang hielt er Spuk und Spannung aus; dann aber, als der Entsatz nicht sogleich erschien, wagte er mit wenigen Getreuen einen närrisch heldenhaften Ausfall unter die bemalten heulenden Teufel und verlor zum Kopfe nun auch den Skalp, nachdem er in verzweifeltem Nahkampf mit der Übermacht noch drei Feinde erlegt. Die anderen teilten sein Schicksal. Das Fort hinter ihm war so gut wie geliefert, der kleine Rest der Besatzung, die wehrlosen Weiber und Kinder. Mit geschlossenen Augen erwartete man das Ende. Und da, tragisch genug, in letzter Stunde der Not traf der rastlose Clark mit vierzig Harrods und Boonesburgern ein, schlug die Roten in die Flucht 286 und hetzte sie in gründlicher Verfolgung über den Ohio. Jetzt erst, als hüben kein feindlicher Mokassin mehr schlich, kein indianisches Auge mehr spähte, konnte an Bergung des Inselschatzes gedacht werden.

Aber dem so schwer heimgesuchten Fort kam er nimmer zugut. Hier war nicht zu halten und zu helfen. Ausreichende Besetzung des Platzes hätte die verfügbaren Kräfte zerstreut, das Ganze gefährlich geschwächt. In düsterem Schweigen verließen die noch übrigen Männer, unter Tränen die Witwen und Waisen die Unheilstatt.

Ohne Clark und seine fünfhundert Pfund Pulver bekam die Welt und ihre Geschichte vielleicht, ja wahrscheinlich ein ganz anderes Gesicht: das Antlitz einer Welt ohne den bestimmenden Zug Amerika. Viermal hundertvierzig, fünfhundertsechzig Kilometer hatte der junge »Hannibal des Westens« in etwa achtzehn Tagen um seiner bedrängten ungehorsamen Kameraden und jener unersetzlichen fünf Zentner Schutz und Trutz willen zurückgelegt, durch Urwald, Rohr und Wildwasser, nachdem er schon das ganze Jahr über zu Land und Strom unterwegs gewesen. Was will olympische Prahlerei, was will das bißchen Sport von heute bedeuten neben solchen Leistungen, die keine Zeitung ausschrie, kein Bild verewigte, deren Preis nicht Aufsehen und Befriedigung der Eitelkeit war, sondern die schöpferische Heldentat? . . . Und was sind all die Millionen Tonnen verpuffter Metalle, Nitrate und Gase eines Weltkrieges gegen jene bescheidenen, hart erstrittenen, zäh verteidigten paar Dutzend Kilogramm Holzkohle, Schwefel und Salpeter, mit denen das Strategem gegen das mächtigste Weltreich, mit denen die Eroberung des Westens, mit denen der Sieg der neuesten Zeit begann? . . . 287

 


 

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