Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Paul Scheerbart >

Das graue Tuch und zehn Prozent Weiß

Paul Scheerbart: Das graue Tuch und zehn Prozent Weiß - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Kaiser von Utopia
authorPaul Scheerbart
firstpub1914
year1988
publisherSuhrkamp Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-518-38065-6
titleDas graue Tuch und zehn Prozent Weiß
pages107-206
created20050518
sendergerd.bouillon
Schließen

Navigation:

Nach diesem Telegramm ging's im Luftschiff westwärts zur Insel Kypern. Man flog sehr hoch, da es sehr warm war. Miß Amanda Schmidt bedauerte lebhaft, daß sie sich mit Miß Clara nicht mehr als gleichgestimmt empfand, und Miß Amanda sprach viel von ihren Löffel- und Gabelgriffen in Silber – überhaupt von ihrem kunstgewerblichen Silberzeug. Mr. Edgar bestellte bei ihr ein kleines Warenlager für die Küche seiner Gemahlin.

»Meine Frau hat ja immer noch nicht ihre Küche auf der Isola grande gesehen.«

Das sagte Mr. Edgar öfters.

Und über Kypern hielt er einen kleinen kulturhistorischen Vortrag über die Insel – mit diesen Worten:

»Die Damen dürfen sich nicht wundern, wenn ich ihnen einen kleinen Vortrag halte. Über Babylon hab' ich's ja nicht getan. Jetzt aber kann ich all mein großes herrliches Wissen nicht mehr zurückhalten. Die Damen müssen bedenken, daß Kypern schon dreitausend Jahre vor Christus eine damals recht bekannte Insel war. Man vermutet, daß ägäische Völker von Kleinasien her hier eindrangen. Diese entdeckten hier das viele Kupfer. Nach dem Kupfer erhielt die Insel ihren Namen. Um eintausendfünfhundert vor Christus bezogen die Ägypter ihr Kupfer aus Kypern. Mit dem Kupfer entstand sehr früh eine Bronzekultur auf der Insel, die wahrscheinlich mit der Bronze allen anderen Völkern des Orients voraneilte. Doch ist dieses, soviel ich weiß, noch nicht genau erwiesen. Bei den alten Griechen aber war die Insel des Weines wegen berühmt, der in verharzten Schläuchen aufbewahrt wurde und sehr nach Harz schmeckte. Ich habe kyprischen Wein im Luftschiff. Sie können sich sofort davon überzeugen, daß der kyprische Wein heute nicht mehr nach Harz schmeckt.«

Er winkte dem Diener.

Und der Wein kam.

Und Miß Clara sagte:

»Kein Gelehrter hätte herrlicher reden können als Du, Edgar! Wo hast Du denn all die viele Gelehrsamkeit her?«

»Ich war ja«, versetzte Edgar, »ursprünglich Archäologe. Doch mußte ich die Sache aufgeben, weil das unaufhörliche Graben bei den Ausgrabungen für mich zu anstrengend wurde.«

Man trank über der Insel Kypern auf das Wohlergehen der Archäologie und landete im großen Lufthafen der Insel.

 

Der Lufthafen lag dicht neben der alten Stadt Kition. Und über dem Mittelbau des kreisrunden Lufthafens befand sich ein großes Hallenrestaurant, das eigentlich nur aus einer einzigen halbkugelartigen Kuppel bestand.

Hier dinierten grade, als Krugs mit Miß Amanda ankamen, die Herren von der Mittelmeermotorschiffgesellschaft. Die Halle leuchtete dunkel violett mit lila Ornament. Die Damen trugen Weiß mit viel Grün dazu.

Da wirkte wieder Miß Clara mit ihrem grauen Tuch und den zehn Prozent Weiß sehr gut; man bewunderte ihre einfache Toilette.

Nun sollte über den großen Seehafen für die Motorschiffe Beschluß gefaßt werden. Und Mr. Krug hatte sehr rasch gesiegt; ihm wurde die Ausgestaltung des Hafens mit Glasarchitektur übertragen.

»Allerdings«, sagte der eine der Direktoren, »wir machen den Herrn Architekten darauf aufmerksam, daß wir allzu viel Farben und allzu Buntes vermeiden möchten. Wir wollen mehr das Einfache. Aber das einfache graue Kostüm der Gattin unsres Architekten bürgt uns ja dafür, daß Mr. Krug nicht den geschmacklosen allzu bunten Farbenzauber auch hier bei Kition auf der alten Insel Kypern einführen wird.«

»Hast es gehört?« sagte leise Miß Clara zu Miß Amanda.

Mr. Krug sah seine Gattin lächelnd an. Und Alle tranken auf das Wohl der Miß Clara. »Das war also«, sagte Miß Clara nachher zu ihrem Gatten, »eigentlich mein erster Erfolg während unserer ganzen langen Hochzeitsreise.«

Und Edgar erwiderte: »Merkwürdig! Und Du bist gar nicht mehr verpflichtet, Grau mit zehn Prozent Weiß zu tragen.«

Sie standen oben auf der Terrasse des Lufthafens und blickten über Kition hinüber auf das große alte Westmeer, in dem die Sonne unterging. Hinter ihnen lag das violette Kuppelrestaurant.

 

Nun ordnete Mr. Krug die Ausstattung des Seehafens an; die Schiffe sollten bei ihrer Einfahrt gleich in ein großes Glasreich hineinfahren. Und so wurden auf allen Seiten des Hafens große Glaswände angebracht, die wenig ornamentiert das Glas einfarbig in großen Flächen zeigten.

Mr. Krug wollte das Blaue vermieden sehen, dafür sprach er sich für alle Grüns, Rots, Gelbs aus.

»Schließlich«, sagte er zu seinen Leuten, »ist es ja genügend, wenn das Ganze einfach wirkt. Immer einfach! Nur drei Farben! Aber die in allen Tönungen. Man kann gar nicht einfach genug sein. Sehr viel einfarbiges Drahtglas ist herbeizubringen!«

Man tat, wie er sagte.

Die Bauherren nickten sehr vergnügt.

Und bald waren die Probewände aufgerichtet – doppelte Wände waren's. Und das elektrische Licht leuchtete zwischen den doppelten Wänden.

»Mr. Krug«, sagte Miß Amanda, »hier verstehe ich Sie nicht recht. Alles soll ganz einfach sein. Aber mir erscheint die Sache doch als sehr bunt.«

»Sehr richtig!« erwiderte Edgar, »ich will ja auch ziemlich bunt alles machen. Nur eines übersehen Sie: das Ganze wird trotzdem einfach wirken.«

Nun wurde Mr. Krug auch nach Kairo gerufen; Miß Amanda wollte nicht mit und fuhr mit dem nächsten Motorschiff durch's Mittelmeer nach New-York; sie sagte, daß sie die bestellten Silbersachen schnell fertig machen wollte.

»Telegraphiere mir doch recht bald wieder!«

Das sprach Miß Amanda zu Miß Clara, als sie schon im Schiff saß.

Krugs fuhren bald darauf nach Kairo.

 

In Kairo hatte man eine Pyramidengesellschaft gegründet.

Und die wollte die Anziehungskraft der Pyramiden auf die Fremdenwelt um ein Beträchtliches erhöhen.

Mr. Krug schlug nun vor, die Nilschiffe zu kostbaren Glasschiffen zu machen.

Doch das genügte den Herren nicht.

Mr. Krug schlug auch vor, kleine Hotels auf den Ufern des Nils herzustellen – prächtige Glashotels.

Das wurde alles für zu teuer gehalten.

Da sagten die Herren, daß sie auf den Spitzen der Pyramiden große Glasobelisken haben möchten.

Als das Mr. Krug hörte, wurde er ganz rot im Gesicht, und er schrie die Herren wütend an:

»Das ist ja empörend! Die ältesten Baudenkmäler, die wir auf der Erde haben, wollen Sie derartig behandeln! Wollen Sie die alte ägyptische Architektur verhöhnen? Das soll ich als Architekt zulassen?«

»Sie sind doch aber sonst so«, sagte man freundlich, »für die Glasarchitektur. Wie kommt es denn, daß Sie hier plötzlich anders wollen?«

»Meine Herren!« rief Mr. Krug, »ich bin Archäologe und habe einen heiligen Respekt vor allen alten Baudenkmälern. Allerdings– bin ich auch Glasarchitekt. Aber niemals werde ich mit dieser Glasarchitektur alte ehrwürdige Pyramiden verhöhnen. Ich teile das sofort öffentlich in allen Bauzeitungen mit und werde schon die Archäologen zum Schutze der Pyramiden zusammenbringen. Ich breche hiermit die Verhandlungen ab und fahre auf der Stelle davon. Sie sollen mich nicht wiedersehen!«

Miß Clara sah ihren Gatten voll Bewunderung an.

Und bald darauf flogen sie im Luftschiff hoch über dem alten Nil wieder nordwärts.

»Fahren wir jetzt«, fragte Miß Clara schüchtern, »zum Lago Maggiore?«

» Nein «, erwiderte Mr. Krug, » wir fahren zuerst nach Malta, allwo ein Museum für altorientalische Waffen gebaut werden soll.«

»Grade für Waffen?«

Also Miß Clara.

»Ja«, versetzte ihr Gatte, » das sind doch auch Altertümer. Und – ich hoffe, dort auf Malta ganz freie Glasarchitektur schaffen zu können. Vielleicht werden die Bauten auf Malta noch viel grandioser als die bei Chikago. Du siehst jedenfalls, daß sich die Archäologie ganz gut mit der Glasarchitektur verträgt.«

»Ja«, sagte Miß Clara lebhaft, »das sehe ich. Und ich fühle auch, daß Deine Stellung nicht grade eine leichte ist. Die Leute wollen das Bunte nicht, sie sagen: das ist zu grell. Und nun mußt Du ihnen immer wieder zureden, doch wenigstens ein paar Farben zu bewilligen. Du mußt die Leute gradezu zur Farbe verführen. Ich verstehe, daß das keine kleine Arbeit ist. Und – das graue Tuch, das ich trage, soll zur Verführung der Bauherren das seinige beitragen. Ich fange an, allmählich die Bedeutung des grauen Tuchs zu ahnen. Habe ich Recht! Oder – habe ich Unrecht?«

»Das weiß ich nicht!« sagte Mr. Edgar lächelnd, »doch zunächst muß ich diesen Barbaren in Kairo auf die Zehen treten. Ich möchte Berichte an die Bauzeitungen diktieren.«

Miß Clara erhob sich.

Und Mr. Edgar diktierte wütende Berichte an die Bauzeitungen.

Dabei leuchtete der Vollmond.

Und viele Störche schwebten am Luftschiff vorüber. Ein Storch setzte sich neben den Steuermann, doch flog er nach ein paar Minuten den andern Störchen wieder nach.

 

In Malta wurde Mr. Krug mit großen Banketts empfangen.

Hier ging alles ohne Schwierigkeiten.

Hier war sehr viel guter Wille, aber leider wieder mal sehr wenig Geld da.

Verzweifelt sagte Edgar zu seiner Gattin:

»Sieh! Hier könnte ich nun das Allergrößte zusammenbauen. Hier sind die Leute begeistert von der Glasarchitektur. Und immer wieder muß ich konstatieren, daß auf Erden dort, wo Begeisterung da ist, wenig Geld da ist. Es ist ein Jammer.«

»Nun laß doch nur!« tröstete Frau Clara, »Du baust doch an so vielen Stellen, an denen sehr viel Geld vorhanden ist.«

»Es kann aber gar nicht genug gebaut werden!« rief Mr. Edgar und lief davon.

»Es liegt etwas Unersättliches in meinem Manne!« sagte Miß Clara zu ihrer Kammerfrau.

Und dann wollte Miß Clara erfahren, ob ihr Gatte auch früher schon so viel gebaut hätte.

Doch darüber konnte die Kammerfrau gar keinen Bescheid geben, da sie erst in Chikago von Herrn Krug engagiert wurde.

»Als was?« fragte Frau Krug.

»Eigentlich«, versetzte die alte Frau, »als Leiterin der Küche. Die Leitung der Küche hat jetzt eine andere Frau übernommen. Die eignet sich auch viel besser für das ganze Küchenregiment.«

Sie sprachen noch lange.

Sie saßen auf einer Terrasse des großen Mittelmeerhotels zu Malta.

 

Mr. Krug telegraphierte nun an Mr. Webster, der in London weilte, also:

»Sehr geehrter Herr Webster, hier in Malta soll ein großes Museum für orientalische Waffen gebaut werden. Und ich soll's mit herrlichster Glasarchitektur umrahmen. Meine Pläne sind vollkommen fertig. Aber ich kann sie nicht verwenden, denn die Gesellschaft hat nicht das nötige Geld. Können Sie mir nicht einen Rat geben, an wen man sich da wenden könnte? Ich wäre Ihnen dankbar; ich möchte nicht gerne weiter reisen, ohne hier etwas erreicht zu haben. Mit vielen Grüßen – auch von meiner Frau – Ihr ergebener Edgar Krug.«

Das Telegramm zeigte Edgar auch seiner Frau – und sie warteten Beide auf die Antwort mit großer Spannung.

Die Antwort lautete:

»Geehrter! Wer interessiert sich denn heute für orientalische Waffen? Ich würde der Gesellschaft raten, die Waffen zu verkaufen – und für das Geld eine Glasarchitektur zu schaffen, ohne ihren Zweck anzugeben. Später finden sich, wenn die Architektur vortrefflich ist, leicht ein paar Liebhaber, die die Palazzos ankaufen. Sonst kenne ich leider nicht Kapitalisten, die für die Erhaltung einer Waffensammlung Geld ausgeben möchten. Orientalische Waffen haben heute doch kaum einen Liebhaberwert. Viele Grüße – auch Ihrer Frau Gemahlin. Webster.«

Das Telegramm wurde auch den Direktoren der Gesellschaft vorgelegt. Diese jedoch erklärten, daß sie an Testamentsparagraphen gebunden wären, die nicht so leicht zu umgehen sein dürften.

Sofort ließ Edgar den Wortlaut des Testamentes an Mr. Löwe Chikago telegraphieren und anfragen, ob das Testament anzufechten sei.

»Unanfechtbar!« telegraphierte bald darauf der Mr. Löwe.

Nun hätten die Direktoren riesig gerne die ganze Waffensammlung verkauft. Aber sie durften eben nicht. Miß Clara schlug vor, sich doch mit den andern Erben in Verbindung zu setzen, doch da erklärten die Direktoren auf Malta, daß sie das längst getan, schnöde Antworten hätten sie bekommen.

Mit dem vorhandenen Gelde ließ sich zur Not ein kahler Backsteinbau ausführen.

Mr. Krug raufte sich in der Verzweiflung die Haare – d. h. er tat so: in Wirklichkeit ließen sie sich gar nicht raufen, da sie ganz kurz waren.

 

In Chikago hatte inzwischen Miß Amanda Schmidt von den Verlegenheiten des Mr. Krug auf Malta gehört.

»Das ist ja«, telegraphierte sie an Mr. Löwe, »ganz unerhört. Da denken wir, Krugs seien reiche Leute, und schließlich existiert der Reichtum gar nicht. Was man nicht alles erleben kann. Mir gibt Mr. Edgar einen fürstlichen Auftrag, ich soll für fünftausend Dollars Silberzeug herstellen. Und er selbst hat gar nicht so viel Geld, um ein paar Glaspaläste zu bauen. Das ist betrübend. Reiche Leute, die kein Geld haben, können mir doch in der Seele leid tun. Alle Welt will von ihnen haben – haben – haben. Und sie könnten Geld ebensogut gebrauchen – wie die Armen. Eine größere Komödie als die Geldkomödie dürfte auf Stern Erde nicht auffindbar sein. Sagen Sie mal, Mr. Löwe, entschuldigen Sie, daß ich so lange spreche – aber meinen Sie nicht, daß wir die siebenundzwanzigtausend Dollars, die wir zusammen bei der Filmgeschichte eroberten, nicht dem Ehepaar Krug zur Verfügung stellen könnten? Mir brennt das Geld im Portemonnaie.«

»Aber«, rief Mr. Löwe, »dann geben Sie doch rasch das Geld einer Bank. Außerdem: Sie müssen ja, Miß Amanda, mächtig große Portemonnaies besitzen. Schonen Sie die doch; man kann immer nicht wissen, wozu man solche Gebrauchsgegenstände mal verwenden könnte. Ich bitte Sie nur um Eines: vorläufig Diskretion! Nichts ohne meine Einwilligung machen! Außerdem: wir können dem Mr. Krug vielleicht helfen, ohne uns bloszustellen. Einverstanden damit?«

»Ja!« sagte Miss Amanda.

»Dann«, fuhr Löwe fort, »vorläufig abwarten. Nichts tun! Ja nicht an Miß Clara telegraphieren. Versprechen Sie mir das?«

»Ja!« sagte Miß Amanda.

 

Währenddem dachte Miß Clara sehr lebhaft an ihre Freundin Amanda, und sie telegraphierte ihr von Edgars Verlegenheit.

Miß Amanda telegraphierte:

»Fasse Dich in Geduld. Vielleicht nimmt alles noch ein gutes Ende; ich muß leider schweigen, bin aber wie stets Deine alte Freundin Amanda.«

»Schweigen muß sie?«

Also Miß Clara, die aus diesem Telegramm nicht klug werden konnte. Ihrem Gatten teilte sie von Miß Amanda nichts mit.

Edgar aber gab die Partie noch nicht auf; er wandte sich ganz kühn an Mr. Li-Tung. Da bekam er aber eine Antwort, die er nicht erwartet hatte – sie lautete so:

»Lieber Edgar! Was verpflichtet Dich denn, für alte orientalische Waffen Lanzen zu brechen? Das ist doch heutzutage ganz töricht. Denkst Du denn, ich werde mein Geld für eine Waffensammlung vergeuden? Ich denke ja gar nicht daran. Ich würde mir auch unsäglich viele weitere Feinde zuziehen. Man haßt mich schon meiner aufgehängten Architektur wegen in hinreichendem Maße. Man möchte mich hier am liebsten selber aufhängen. Die Hälfte meines Balletts ist schon auf und davon. Ich wohnte täglich in einer anderen Glasvilla und entbehre das Ballett gar nicht mehr. Du solltest Dir mal jetzt die Sache ansehen. Mr. Werner hat die Galgenvillen mit peinlichster Akkuratesse ausgeführt. Man kommt von unten in jedes Haus hinein. Der Mann hat Humor, ich aber habe kein Geld für orientalische Waffen. Wenn Du mich nicht besuchst, so besuche ich Dich. Heil Deiner Gattin und Dir. Ich bin Dein Galgenhumorist Li-Tung.«

Auch dieses Telegramm wurde den Direktoren vorgelegt. Nun fragten die genau nach den Preisen. Und da stellte es sich heraus, daß schon mit siebenundzwanzigtausend Dollars ganz prächtige Räumlichkeiten herzustellen seien, wenn das Geld, das für den kahlen Backsteinbau da war, hinzugelegt würde.

»Siebenundzwanzigtausend Dollars!« sagte Miß Clara, »das halte ich ja gar nicht für so viel.«

Und sie fragte bei der Marquise Fi-Boh in Tokio an, ob sie nicht die fehlende Summe aufbringen könnte.

Da erhielt Miß Clara folgende Antwort:

»Teuerste Miß Clara! Wie leid tut es mir, daß ich Ihnen nicht helfen kann. Ja – vielleicht hat Ihr Gatte Recht gehabt, als er Ihnen graues Tuch mit zehn Prozent Weiß vorschrieb. Aber – komisch finde ich es, daß Sie bei dieser Sparsamkeit doch noch in Verlegenheit gerieten. Ich bin, weil ich einen außerordentlichen Toilettenluxus bei mir eingeführt habe, stets in Bedrängnis. Und mein Gatte hilft mir nicht. Der lacht mich nur aus, wenn ich mit meinem Taschengeld nicht auskomme. Ach, wie gerne würde ich Ihnen, teuerste Miß Clara, helfen! Können Sie nicht ein paar Turmglockenkonzerte geben? Ich bin Ihre arme, stets in Bedrängnis lebende Marquise Fi-Boh.«

Miß Clara zuckte die Achseln.

Ein Turmorgelkonzert ließ sich so schnell gar nicht arrangieren, da auf Malta die Türme fehlten. Auch auf Sizilien ließen sich Türme nicht so leicht zu Konzertzwecken umgestalten.

»Ich glaube«, meinte sie zu ihrem Gatten, »Du könntest hier mal die Partie aufgeben.«

»Nein!« sagte Edgar hastig, »ich habe mich soeben an Mr. Löwe gewandt.«

»Und!« fragte Miß Clara, »was hat er erwidert?«

»Warten wir's ab, lautete die Antwort.«

Nach einer halben Stunde kam die Nachricht vom Rechtsanwalt, daß das Geld sofort abgesandt werden könnte.

Nun herrschte natürlich auf der Insel Malta ein großer Jubel; Mr. Krug nebst Gattin wurden im Mittelmeerhotel gefeiert wie die Erlöser.

Mr. Krug sagte zu seiner Gattin:

»Siehst Du? Man soll nicht zu früh verzagen. Es endet alles viel besser, als man denkt. Das Geld von Mr. Li-Tung durfte ich natürlich nicht angreifen. Und – Du kannst glauben, daß die Luftschifffahrten nicht so billig sind. Löwe ist doch immer ein guter hilfsbereiter Freund. Er hat nun auch eine Erdumsegelung hinter sich.«

»Ich freue mich sehr!« sagte Miß Clara.

Im Geheimen dachte sie:

»Jetzt könnten wir bald nach Hause fahren.«

Edgar aber sagte, daß er vordem noch auf Sardinien zu tun hätte.

Über seine Baupläne auf Malta äußerte sich Edgar zunächst etwas unbestimmt.

»Ich will hier«, sagte er, »das Übereinandergeschalte; Blumenblattschalen sollen hinter- und übereinander wirken; ich will das Riesenblumenblattmotiv durchführen.«

»Mir noch nicht klar!« sagte Miß Clara.

Die Direktoren der Gesellschaft waren sehr gespannt, was aus der Geschichte werden würde, erklärten sich aber mit allem einverstanden und brachten dem großen Architekten ein grenzenloses Vertrauen entgegen.

Von Mr. Burns kam folgendes Telegramm:

»Verehrter Mr. Krug, Sie haben also meinen Wünschen entsprochen und heimlich gegen die wilden Tiere gepredigt. Nun ist die Saat aufgegangen. Die Löwengrube ist eingegangen. Man hat die Tiere endlich sämtlich vernichtet; eine Mauer fiel zusammen, als ein kleines Erdbeben entstand – da brachen die wilden Löwen durch, zerrissen hundert Schafe und zehn Menschen und wurden niedergeschossen. Die Löwengrube existiert nicht mehr. Das habe ich Ihnen zu danken. Mit meiner Frau zusammen sagen wir Ihnen unsern heißen Dank. Und wir senden Ihnen Beiden viele herzliche Grüße. Mr. Burns nebst Frau.«

Miß Clara sagte:

»Laß mich erwidern.«

Und sie schrieb einen Brief; sie wollte wieder mal einen Brief schreiben. Sie schrieb, daß sie sich über den Untergang der Löwengrube sehr freue; die habe sie beim Vierzigturmorgelspiel sehr gestört – aber ihr Gatte stecke nicht dahinter.

Diesen Brief schrieb Miß Clara an Miß Burns.

Danach erhielt Miß Clara ein Telegramm von Käte Bändel, die noch immer im Makartlande weilte.

»Dein indisches Orgelspiel«, sagte Käte zum Schluß, »dröhnt uns hier Allen in den Ohren. Jetzt bist Du auch berühmt. Und berühmter wirst Du werden als Dein Gatte. Hat er Dir nun endlich buntes Tuch statt des grauen gestattet? Telegraphiere doch. Wir grüßen Dich alle, und besonders grüßt Dich Deine alte Käte Bändel.«

Da war Miß Clara eigentlich ärgerlich. Doch ihr Ärger schlug plötzlich um, und sie dachte mit großer Zärtlichkeit an Miß Käte.

»Du«, sagte sie ihr unter Anderem telegraphisch, »spotte nicht über das graue Tuch. Es ist besser, ein buntes Haus zu haben als ein buntes Kleid. Jenes macht das ganze Leben bunt, dieses aber dient nur der Eitelkeit und bringt die Gelder um, die für den Hausbau da sein sollten. Edgar hat mit seinem grauen Tuch Recht. Das will ich Dir mündlich erklären. Edgar bittet Dich um Verzeihung des schottischen Ärgers auf Borneo wegen, und wir laden Dich ein zur Isola grande auf dem Lago Maggiore. Du sollst, wenn ich zu Hause bin, unser erster Besuch sein.«

Dieses Telegramm erregte große Freude im Makartlande. Und die Käte Bändel versprach bald, demnächst als Gast auf der Isola grande zu erscheinen.

Da kam Mr. Werner von den Kurian-Murian-Inseln und stellte sich dem Mr. Krug als Baumeister zur Verfügung.

»Lange«, sagte er, »hält es der Mr. Li-Tung in seinen hängenden Palästen nicht mehr aus. Zwölf Tänzerinnen waren noch auf den Inseln, als ich fortging. Die können heute schon fort sein. Er wollte zur Isola grande kommen, sprach viel davon.«

Darauf erklärte Edgar seinem Freunde die Baupläne auf Malta.

»Es ist«, sagte er, »meine Absicht, sechs bis acht Glaswände in Schalenform hinter einander zu setzen. Dazwischen können die Waffen auf Tischen und in drehbaren Schränken untergebracht werden. Fällt nun das Sonnenlicht so durch die acht farbigen Glaswände, dann gibt das hinter der achten Wand einen sehr komplizierten Effekt. Nun brauchen die Wände nicht die Deckenhöhe zu erreichen. Wie Riesenblumenblätter sollen die Wände wirken.«

Und er zeigte dem Mr. Werner die Zeichnungen. Und Mr. Werner ging gleich daran, die Sache auszuführen.

»Es nimmt gar nicht viel Zeit in Anspruch!« meinte er lächelnd, »jedenfalls freue ich mich, daß ich's hier mal mit einer feststehenden Architektur zu tun habe und nicht immerzu mit einer perpetuierlich bewegten – wie auf den Kurian-Murian-Inseln.«

»Das Ganze des Museums«, sagte Edgar, »soll wie eine plastisch aufragende Mondsichel den hügelig aufragenden Boden bedecken.«

Mr. Werner sagte:

»Eigentlich eine recht komplizierte Idee – mit den acht Schalen hintereinander. Und selbst die hast Du durchgesetzt. Na – ich gratuliere Dir. Hier hast Du ja Bauherren, die Vertrauen zu Dir haben.«

»Jawohl«, versetzte Edgar bitter, »und kein Geld.«

Danach erzählte er von den siebenundzwanzigtausend Dollars, die Rechtsanwalt Löwe gesandt hatte.

Mr. Werner wunderte sich sehr.

 

Und Krugs fuhren nach Sardinien, während Mr. Werner die Bauten auf Malta mit Eifer förderte.

Auf Sardinien hatten Franzosen und Chinesen einen großen botanischen Garten angelegt – den größten der damaligen Zeit; seit fünf Jahren baute hier Mr. Krug Glaspaläste für die Gewächshäuser.

Da das Terrain zehn Quadratmeilen groß war, wurde immer wieder Neues gebaut; jetzt studierte man den Einfluß des farbigen Glases auf die Orchideen.

Hier lebte Mr. Krug beinahe wie zu Hause; er hatte ein kleines Automobil zur Verfügung und fuhr nun täglich mit seiner Gattin durch die Garten- und Glaspracht auf den trefflich mit farbigen Steinfliesen bedeckten Wegen dahin. Oft machten sie auch große Spaziergänge durch die höher gelegenen Waldpartien.

»Es ist hier so ruhig«, bemerkte eines Abends Miß Clara, »wollen wir nicht aussteigen und oben im Waldrestaurant Abendbrot essen? Ich habe Hunger und auch Durst. Wir können da oben das Meer sehen und auch den Sonnenuntergang. Das Automobil nimmt uns hier Keiner fort. Die perpetuierlichen Luftfahrten haben mich doch sehr angegriffen.«

Edgar erklärte, daß das Abendessen oben ganz vortrefflich schmecken würde – besonders, da sie eine gute halbe Stunde auf bequemen Treppen höher steigen müßten.

Als sie oben vor dem Meere so dasaßen und sehr gute Forellen aßen, Schneehühner und delikate Taschenkrebse – und dazu deutschen Rheinwein tranken, da wollte Miß Clara wissen, weshalb Edgar sich mit archäologischen Dingen mal beschäftigt habe.

»Sehr leicht gesagt«, erwiderte Edgar, »setz Dich nur auf den Standpunkt, auf dem sich die Leute vor drei, vier oder fünf Jahrtausenden befanden. Man kannte am Himmel fünf Planeten und Sonne und Mond – das waren sieben Sterne, die ihren Standpunkt am Himmel ständig veränderten. Die Zahlenmystik von fünf und sieben, die in der Astrologie eine so große Rolle spielt, kehrt in den alten archäologischen Funden immer wieder. Dazu kam der Tierkreis – zwölf Bilder waren's; den Radius des Kreises kann man sechsmal auf der Peripherie des Kreises auftragen. Die sechs verdoppelt macht zwölf. Das sind die zwölf Doppelstunden des Tages. Die Dreieinigkeit ist wohl auch aus dem Kreise hervorgegangen, denn drei Punkte, die nicht in einer Graden liegen, lassen sich immer in eine Kreislinie bringen. Diese sehr einfach klingenden Dinge finden wir in den Ornamenten der Urzeit immer wieder. Und darum sehen wir in dieser uralten Ornamentik den Himmelsglauben der alten Priester. Und darum ist die Archäologie so interessant. Aber – ich weiß nicht, ob Du viel davon verstanden hast. Ich habe zu Hause eine kleine sehr alte Ornamentsammlung – da kann ich Dir das alles näher erklären.«

»Danke Dir!« sagte Frau Clara.

Und sie sahen Beide mit dem Opernglase in die Farbenpracht des Sonnenunterganges und in die Farbenpracht des großen Meeres, das wie eine gewaltige Schüsselwand aufragte.

»Eigentlich kreischend bunt!« sagte Frau Clara.

»Ja«, versetzte hart der Edgar, »so kreischend bunt für das Auge wie Deine Vierzigturmorgelmusik für das Ohr. Und doch ist alles sehr angenehm, wenn man von dem Bunten weiter absitzt. Es kommt also bei Farben und Tönen auf die Distanz an. Ich kann mir sogar ein Konzert mit Explosivstoffen denken; Schüsse können in der Ferne vielleicht ganz angenehm wirken. Ich bin ja so heftig für das Bunte – auch für das unfeine Bunte – das sogenannte unfeine Bunte – eingenommen, daß ich meine Leidenschaft maskieren muß. Sieh, das ist ja der eigentliche Grund, weswegen ich den Paragraphen vom grauen Tuch einführte. Er ist ja jetzt abgeschafft. Aber ich danke Dir doch, daß Du immer noch grau gehst. Ich wirke dadurch weniger bunt, nicht wahr? Übrigens: ich trage ja auch nur graue Kleider.«

Frau Clara lächelte und reichte ihrem Gatten die Hand. Und er küßte ihre Hand sehr galant.

Der Kellner zündete die bunten Ampeln an, obgleich die Sonne grade erst untergegangen war.

Und dann saßen sie da und blickten ins Meer.

»Ich glaube«, rief Frau Clara, »unsre Taschenkrebse werden kalt.«

In demselben Augenblicke stürzte ein Telegraphenbote herbei und rief:

»Ein Telegramm für Mr. Krug!«

Mr. Krug las das Telegramm und sprang dann ganz erregt von seinem Emailstuhl auf.

»Unerhört!« rief der Architekt.

»Was?« rief Frau Clara.

Und sie las Folgendes:

»Hier soeben auf Malta ein haarsträubendes Verbrechen geschehen. Glücklicherweise Menschenleben nicht gefährdet. Aber vier große Luftschiffe landeten hier vor einer Stunde, graue Kerls mit zehn Prozent Weiß sagten, daß sie die orientalische Waffensammlung sehen möchten. Sie sehen, einpacken und auf die Luftschiffe bringen – war das Werk weniger Augenblicke. Da ich mit vier Direktoren ganz allein zugegen war, konnte ich an Widerstand nicht denken. Die Kerls drückten uns noch freundlich die Hand – und weg waren sie – hoch oben in den Lüften fuhren sie gen Süden dem heißen Afrika zu. Es schienen sehr viele Neger dabei zu sein. Jetzt ist das Museum grade fertig. Morgen wollten wir die Waffen ausstellen. Und heute haben wir plötzlich ein Museum, in dem es keine Museumsgegenstände gibt. Wir sind beraubt. Keiner von uns trug Waffen bei sich. An solchen Luftüberfall hat Keiner von uns gedacht. Ich glaube, daß sich hier Jemand einen Scherz geleistet hat. Jetzt ist aber guter Rat teuer. Ich rate Dir, auf Sardinien zu bleiben. Grau mit zehn Prozent Weiß kompromittiert Deine Gattin. Malta ist englisch. Aber die englische Regierung wird große Vorschüsse verlangen, wenn die Räuber verfolgt werden sollen. Und die Direktoren hier haben jetzt kein Geld mehr. Telegraphiere doch gleich an Rechtsanwalt Löwe. Ich bin empört. Das Museum ist herrlich. Und die Waffen schweben über Afrika. Und wir wurden nicht mal gefesselt. Aber machen konnten wir nichts. Werner.«

Es läßt sich denken, daß dieses Telegramm einen großen Eindruck auf das Ehepaar Krug machte.

Es war schon mitten in der Nacht. Alle Sterne leuchteten. Die bunten Laternen des Automobils wurden angezündet. Und dann ging's in scharfer Fahrt zum Telegraphenamt des botanischen Gartens.

Und dort telegraphierte Mr. Krug an Mr. Löwe die ganze Nacht durch. Miß Clara schlief in einem bequemen Sessel des Wartesalons ein. Und sie schlief ganz gut. Als Edgar seine Gattin bei Morgengrauen weckte, sagte diese:

»So gut habe ich schon lange nicht geschlafen.«

»Der Löwe kommt!« rief Edgar.

»Wie?« rief Miß Clara, »gibt's hier im botanischen Garten auch eine Löwengrube? In Indien ist doch die Löwengrube schon abgeschafft. Und hier neben Orchideen gibt's Löwen – oh!«

»Clara!« schrie Edgar, »wach auf! Du träumst noch! Ich meine den Rechtsanwalt Walter Löwe – der kommt!«

»Lach mich aus!« sagte Miß Clara, »aber ich habe wirklich von heulenden Löwen geträumt, und der Rechtsanwalt Löwe war unter ihnen ganz umwickelt mit Löwenfellen, und er heulte auch wie ein Löwe.«

»Dabei kann mir auch unheimlich werden«, sagte Edgar, »ich telegraphiere diesem Rechtsanwalt Langes und Breites vom Überfall, und er sagt gleich, daß sich daraus sehr leicht ein brillantes Geschäft entwickeln könnte. Aber, setzte er hinzu, er müsse jetzt unbedingt persönlich am Ort der Tat sein – ich wollte ihn veranlassen, doch da zu bleiben, in Chikago sei es doch so herrlich. Indessen – er sitzt schon im Luftschiff. Der Löwe kommt. Ich habe beinahe Furcht vor dem Kommenden.«

Am nächsten Abend stand die Räubergeschichte in allen Zeitungen der Erdoberfläche. Aber – die ausschmückende Phantasie der Reporter hatte überall soviel Falsches hinzugesetzt, daß die Völker aller Erdteile ganz merkwürdige Vorstellungen von diesem Überfall einer Luftflotte bekamen. Manches schien absichtlich falsch dargestellt.

In den nächsten Tagen saß das Ehepaar Krug zwischen Bergen von Zeitungen.

Und dann erhielt Miß Clara Telegramme von Rechtsanwälten, die sich alle dafür einsetzen wollten, die Dame von den Verdächtigungen frei zu machen.

»So«, rief Miß Clara, »als wenn ich schon auf der Anklagebank sitze! Was kann ich dafür, daß die Räuber graues Tuch trugen mit zehn Prozent Weiß? Jetzt wird mir das graue Tuch sehr unangenehm.«

»Und ich«, brüllte Edgar, »verwünsche den verdammten Paragraphen im Ehekontrakt. Man soll eben in Gesellschaft eines Rechtsanwalts sehr vorsichtig sein. Man soll mit einem Rechtsanwalt gar nicht umgehen. Man soll vorsichtig in der Wahl seiner Freunde sein. Rechtsanwälte verwickeln uns blos in Geschichten, die uns peinlich sind und Geld kosten. Rechtsanwälte machen Geschäfte, die man nicht machen sollte.«

»Da hast Du es«, sagte Miß Clara, »aber den Rechtsanwälten ordentlich gegeben. Aber – der Löwe kommt trotzdem. Wahrscheinlich will er mir auch beistehen.«

Und vierundzwanzig Stunden später hatte Miß Clara die Erklärungen von achtzig Rechtsanwälten, die ihr alle beistehen wollten; jetzt schimpfte sie auch auf die Rechtsanwälte. Mr. Edgar jedoch lachte, daß die Glaswände bebten.

»Jetzt«, rief er lustig, »bist Du in Wahrheit berühmter als ich. Ich wundre mich sehr, daß Du noch keine Anklageschrift von der englischen Regierung erhalten hast. Aber die weiß, daß auf Malta nicht Geld für Vorschüsse vorhanden ist. Außerdem telegraphierte mir ein englischer Staatsanwalt, daß er eine Waffensammlung doch nur als eine Bagatelle behandeln könne.«

»Ich glaube«, sagte Frau Clara ernst, »es wäre jetzt Zeit, endlich nach Hause zu fahren. Ich sehne mich nach einer ruhigen Häuslichkeit. Die Hochzeitsreise hat sich doch zu lange ausgedehnt. Meinst Du das nicht auch, Edgar?«

»Nein!« sagte dieser lakonisch, »außerdem müssen wir jetzt geduldig das Weitere abwarten. Wir haben uns eine schöne Geschichte eingebrockt. Jetzt heißt es: die Suppe ausessen. Du hättest damals auch nicht auf den frivolen Paragraphen so leichtsinnig eingehen sollen.«

»Das hat«, erwiderte Frau Clara, »mir damals schon der Rechtsanwalt Löwe gesagt.«

»Ja!« rief Edgar, »die Rechtsanwälte haben zudem immer noch Recht. Hole der Teufel die ganze Juristerei. Oh!«

Er fuchtelte mit geballter Faust in der Luft herum.

Mr. Webster telegraphierte an Miß Clara:

»Mein herzliches Beileid, gnädige Frau! Ich bin Ihr sehr ergebener Webster.«

»Läßt er mich nicht grüßen?«

Also fragte Mr. Edgar, und Miß Clara sagte lakonisch: »Nein!«

Die Marquise Fi-Boh telegraphierte aus Tokio:

»Meine arme Frau Clara! Sie sind ja zu beklagen. Sie sind ja vor aller Welt kompromittiert. Und nun sind Sie auch noch in eine veritable Räubergeschichte verwickelt. Das ist ja sehr romantisch. Aber bedenken Sie, daß die Gefängnisse der menschlichen Staaten noch immer nicht bunte Glaspaläste sind. Ich bin jedenfalls der Meinung, daß Sie auf das Schlimmste gefaßt sein müssen. Das haben Sie von dem abscheulichen grauen Tuch. Ich bin froh, daß ich mich niemals verpflichtet habe, graues Tuch zu tragen. Bei mir kann's nicht bunt genug zugehen. Telegraphieren Sie mir doch, ob Sie sich schon in Untersuchungshaft befinden. Das ist ja alles sehr romantisch. Aber ich bin froh, daß ich Derartiges nicht erlebe. Herzliches Beileid, Frau Clara! Nicht weinen! Dadurch wird nichts gebessert. Ich bin Ihre Marquise Fi-Boh.«

 

Der arme Mr. Werner hatte es auf Malta auch nicht leicht, er telegraphierte an Mr. Edgar:

»Da die Geschichte jetzt unerträglich ist, tu' ich so, als wäre ich krank. Drei Ärzte behandeln mich. Ist denn der Löwe noch nicht da? Der die einzige Rettung! In größter Verzweiflung. Dein alter Freund Werner.«

Löwe aber schwebte über dem Atlantischen Ozean im Luftomnibus. Und der kam widriger Stürme wegen nicht weiter. Nach einigen Tagen nahm der Luftomnibus eine Zwischenlandung auf den Bermudainseln vor. Löwe telegraphierte von dort an Edgar, daß er bald an Ort und Stelle zu sein hoffe.

 

Miss Burns sandte auch an Miß Clara ein Beileidstelegramm, das ganz voll Trauer und Wehmut war; Miß Clara lachte eine halbe Stunde hindurch ohne Unterbrechung. Miß Käte Bändel aber telegraphierte:

»Clara, verzage nicht! Ich gehe mit Dir ins Gefängnis. Das soll ein fideles Gefängnis werden. Ich grüße Dich und bin schon auf Borneo. Deine Käte Bändel bin ich für jetzt und immerdar.«

»Die Menschen sind alle verrückt geworden!« sagte schließlich seufzend Miß Clara, nach diesen Worten aber erhielt sie ein Telegramm von Miß Amanda Schmidt aus Chikago, das diesen Wortlaut hatte:

»Jetzt kann ich nicht mehr schweigen. Ich habe für den Chikago-Turm zu Babel-Film gesessen und ein Honorar von dreizehntausendfünfhundert Dollars bekommen. Löwe bekam ebensoviel. Dieses Geld haben wir in die Museumsgesellschaft zu Malta gesteckt. Ich will's nicht wiederhaben. Verzeih Deiner armen Amanda – und seid Beide herzlich gegrüßt. Miß Schmidt.«

Miß Clara zeigte das ihrem Gatten.

Der zündete sich langsam eine Zigarre an und blickte aufs blaue Meer hinaus.

»Unfein!« sagte leise Miß Clara, »aber zuletzt hat sie alles gut gemacht. Ich halte diesen Mr. Löwe für einen gefährlichen Menschen.«

Gleich danach wurde Krugs eine Karte gebracht, auf der stand:

 
Walter Löwe, Rechtsanwalt
Chikago                 Malta

Nach vierundzwanzig Stunden hatte Mr. Löwe wieder das Vertrauen des Ehepaares Krug zurückerobert.

Er hatte schließlich gesagt:

»Daß ich für Dich, lieber Edgar, Reklame gemacht habe, wirst Du nicht bestreiten und mir nicht verübeln können. Frauen fassen alles sehr leicht sentimental auf. Mit Sentimentalität macht man aber keine Geschäfte. Ich schenke Dir nicht wie Miß Amanda die dreizehntausendfünfhundert Dollars, laß mich aber in das Direktorium der Museumsgesellschaft zu Malta aufnehmen und sorge dafür, daß dort ein Museum für die Geschichte der Glasarchitektur entsteht. In acht Tagen wird das Museum eröffnet. Jetzt spricht alle Welt von Malta. Man soll merken, daß ein amerikanischer Rechtsanwalt im Direktorium ist.«

Mr. Krug mußte zugeben, daß diese Ausnützung der peinlichen Situation nicht unfruchtbar für seine Bestrebungen sein könnte. Die Herren schüttelten sich die Hände, und Mr. Löwe fuhr nach Malta; Miß Clara hatte sich zurückgezogen und ließ sagen, daß sie Kopfweh habe.

 

Krugs wohnten im Bürgerheim des botanischen Gartens. Dieses kleine Hotel lag versteckt in einem Talkessel des Gebirges. Die Farben der Glaswände leuchteten da ganz einfach nur in Karmin und Blau.

Zum Diner erschien Frau Clara mit strahlenden Augen und sagte:

»Ich hörte, daß Mr. Löwe nach Malta gefahren ist. Ich atme auf und fühle mich wieder ganz wohl.«

»Ich auch!« versetzte Edgar.

Nach dem Essen fuhren sie im Automobil zum Orchideenhotel.

Das lag dicht am Meer und hatte herrliche Terrassen.

»Hast Du nicht Wünsche?« fragte Edgar.

»Ja«, versetzte Clara, »ich möchte gern Austern essen.«

»Selbstverständlich können wir das«, versetzte der Architekt, »aber ich dachte, Du würdest mal architektonische Wünsche äußern.«

Er bestellte die Austern und roten Champagner dazu.

»Die Sache mit Löwe«, fuhr er fort, »hat sich ja ganz gut entwickelt. Er führt auf Malta ein Museum für die Geschichte der Glasarchitektur ein und bringt die beräuberte Insel wieder zu Ehren. Darum glaube ich, daß wir jetzt endlich bald nach Hause fahren können. Aber zu Hause soll Dir gleich ein Extrasalon gebaut werden. Darum fragte ich nach Deinen Wünschen.«

»Ja«, erwiderte errötend Miß Clara, »dann kann er vielleicht in allen grauen Tönen sein – mit etwas Weiß oder Schwarz. Geht's?«

»Ich habe«, sagte Edgar, »Glaswände in Grau am Lago Maggiore, aber es ist etwas Gold dabei. Weiß und Schwarz sind nicht vorhanden.«

»Ich bin auch«, erwiderte wieder Miß Clara, »mit dem Golde zufrieden.«

»Ja«, meinte nun der Architekt, »das Zimmer ist nicht groß, und es ist ein Harmonium in dem Zimmer. Wenn Du spielst, hört man's am besten in dem großen Speisesaal. Du kannst beim Spiel gar nicht vom tiefer gelegenen Saal aus gesehen werden. Du kannst da auch schreiben und lesen. Es wird Dir gefallen. Ich gebe gleich ein Telegramm auf, daß alles fertig ist, wenn wir kommen.«

»Oh!« rief Frau Clara, »das ist ja wundervoll.«

Sie trank ihm zu.

Und dann sagte sie:

»Dazu darf man nicht ›danke‹ sagen.«

Edgar lachte und gab dem Kellner das Telegramm.

»Hast Du heute«, fragte er, »Zeitungen und Telegramme erhalten?«

»Ein kleiner Handwagen brachte mir die Sachen«, versetzte sie, »doch ich habe nichts gelesen – meiner Kammerfrau hab' ich alles gegeben.«

Nun fuhren viele große Luftschiffe und viele Aeroplane von Spanien herkommend vorüber.

»Die fahren«, sagte Mr. Krug, »nach Malta.«

»Oh«, rief Miß Clara, »jetzt wollen wir uns nicht mehr um die verrückte Räubergeschichte bekümmern. Mag doch die Welt davon denken, was sie will. Ich habe doch nichts damit zu tun, nicht wahr?«

»Nein, liebe Clara«, sagte der Architekt ernst, »aber vergiß nicht, daß mir Löwe doch ein Freund zu sein scheint. Er hat doch aus der peinlichen Situation was gemacht.«

»Indessen«, meinte Frau Clara, »diese Rechtsanwälte mit ihren Geldgeschichten sind mir doch etwas peinlich. Ich urteile ja nur nach meinem Gefühl. Er hat uns mit dem Ehekontrakt in Verlegenheit gebracht. Er hat mit der Filmgeschichte ein gutes Stück Geld verdient und uns das Monate hindurch verschwiegen. Dabei hat er auf Deine Kosten die Welt umsegelt und jetzt ist er im Direktorium einer Museumsgesellschaft. Ich fürchte, er könnte uns noch in weitere Verlegenheiten bringen.«

»Du ahnst nicht«, erwiderte Edgar, »daß ich bereits in den schönsten Verlegenheiten war. Hätte ich nicht durch Li-Tung so viel Geld bekommen, so säßen wir hier nicht so friedlich an der Küste Sardiniens im Orchideenhotel. Im übrigen will man hier noch Deinetwegen ein Orchideenfest feiern. Sonntag über acht Tage soll's beginnen. Wir müssen also noch vierzehn Tage hier bleiben. Du sollst Bach spielen.«

»Ich freue mich darauf!« sagte Miß Clara.

Und sie aßen Austern und tranken roten Champagner.

Und die große Sonne ging unter im blauen Meer.

Und viele weiße Möven flogen am Strande vorüber.

Oben in der Luft schwebten große Luftschiffe und Aeroplane.

»Fahren alle nach Malta?« fragte Miß Clara.

»Du«, versetzte ihr Gatte, »das weiß ich wirklich nicht.«

 

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.