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Das graue Tuch und zehn Prozent Weiß

Paul Scheerbart: Das graue Tuch und zehn Prozent Weiß - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Kaiser von Utopia
authorPaul Scheerbart
firstpub1914
year1988
publisherSuhrkamp Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-518-38065-6
titleDas graue Tuch und zehn Prozent Weiß
pages107-206
created20050518
sendergerd.bouillon
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Mr. Krug hatte in den nächsten Tagen mit dem Direktorium des Tierparks einen großen Kampf zu bestehen; die Herren waren der Meinung, daß die ganze Anlage schon genug koste, und Mr. Krug bemerkte dazu:

»Freilich kostet die Anlage recht viel. Es sind ja fast vierzig Quadratmeilen Terrain da. Indessen – grade weil sie so viel kostet, müssen Sie noch besondere Anziehungsbauten haben. Die Fremden kommen doch nur der neuen Architektur wegen her. Glauben Sie, daß die Büffelherden und die Löwengrube zehn Leute anziehen? Nein! Da haben Sie die Rechnung ohne meine Glasarchitektur gemacht. Ohne die kommen Sie eben nicht aus. Die Badegäste vom Kinibalo auf Borneo kommen nur her, wenn sie hier große Glasarchitektur zu sehen bekommen. Darum – ich bin ganz bescheiden – schlage ich vor, sämtliche Begrenzungsmauern, auf denen schon Automobile und Bahnwagen auf Schienen fahren – zu überdachen. Die Überdachung denke ich mir in allen möglichen Formen – ganz spitze Dächer, runde, flache, kantige und spitzige. Natürlich alles in buntem Glase. Und unten alles offen. Das geht rasch herzustellen und wird nachts vom Luftschiff aus entzückend wirken – wie bunte Lichtstraßen.«

Da gab's nun einen tagelangen Kampf.

Mr. Krug mußte den Herren des Direktoriums immer wieder das Veritable des Reklamewertes klar machen; Mr. Webster unterstützte ihn dabei.

Und schließlich wurde beschlossen, den vierten Teil der Begrenzungsmauern zu überdachen.

»Etwas jedenfalls!« sagte Mr. Krug, »aber wenig bleibt's doch. Das sieht beinahe wie eine Niederlage aus.«

Doch – jetzt wurden die zu bedachenden Stellen ausgesucht. Und man nahm dabei die Vogelperspektive als maßgebend an.

Als man einig geworden war, gab Mr. Krug seinen Architekten die nötigen Aufträge – und alles war bei guter Laune. Man wollte noch ein großes Fest arrangieren.

Mr. Krug jedoch meinte:

»Ein Licht- und Luftfest wäre ja nicht übel. Aber – das wollen wir doch erst arrangieren, wenn die Badesaison auf Borneo zu Ende geht und alles fertig ist.«

Dem stimmten die Architekten bei, und ein paar Mitglieder des Direktoriums versandten Einladungskarten zum Licht- und Luftfeste nach Borneo und nach Japan.

Danach waren Krugs wieder mit Mr. Webster und dem Ehepaar Burns zusammen.

Es waren die Fünf, die zum Gaurisankar emporfuhren, allmählich intimer geworden; man dinierte in einem Grenzmauerlokal, von dessen Loggien aus man riesige Büffelherden sah, die friedlich in der Tiefe grasten.

Die Damen begeisterten sich sehr lebhaft für das Lichtfest; Mr. Burns schimpfte auf die Löwengrube.

 

Von Mr. Löwe und Miß Amanda lag noch keine Nachricht vor. Wohl aber wurde Mr. Krug telegraphisch nach Ceylon gerufen, wo die internationale Gesellschaft für Atmosphärenforschung großartige Bauten plante.

Mr. Krug fuhr mit Mr. Webster hin, Miß Clara blieb bei dem Ehepaar Burns – in der Nähe der großen Büffelherden.

Und da wurde es Miß Clara Krug etwas langweilig in dem großen Tierpark.

Sie telegraphierte deswegen an die Marquise Fi-Boh in Japan aus Langerweile Folgendes:

»Verehrte Frau Marquise! Mit Vergnügen erinnere ich mich noch Ihrer famosen Rede im erleuchteten bunten Bergwerk aus Glas. Leider mußten wir gleich danach weiterfahren. Und jetzt sitze ich hier im Tierpark Nordindien – ganz allein. Demnächst kommt Miß Amanda Schmidt und der Rechtsanwalt Löwe hierher. In einigen Wochen wird hier ein großes Lichtfest hoch oben in den Wolken gefeiert. Der ganze Tierpark soll erleuchtet werden. Die bengalisch beleuchteten Tiger aus Bengalien werden sich dabei wundervoll ausnehmen. Ich freue mich besonders auf die farbig beleuchteten Löwen in der Löwengrube. Was werden die Tiere zu den Farben- und Lichteffekten sagen? Werden sie noch heftiger brüllen als bisher? Verzeihen Sie mir, daß ich so Unsinniges frage, aber ich langweile mich und wünschte, Sie wären hier. Dann wäre alles famos. Schade, daß die Strecke so weit ist. Denken Sie sich nur dieses: meine Hochzeit mit Edgar ist in einem Kino-Theater hier zu sehen. Ist das nicht skandalös? Oh, ich möchte mich bald mal aussprechen. Vielleicht telegraphieren Sie mir, ob dieser infame Film auch in Japan zu sehen ist. Edgar will klagen. Und ich bin Ihre arme Frau Clara Krug.«

 

Mr. Krug fuhr mit Mr. Webster bei vorzüglichen Windverhältnissen sehr rasch nach Ceylon. Und dort überblickte man gleich vom Luftschiff aus in der Morgensonne die ganze Anlage.

Diese Anlage sollte hauptsächlich in ein paar Schock Ballonhallen bestehen – nördlich von Colombo – im Gebirge. Dort ragten auch mehrere Teleskope zum Himmel empor – ganz große Teleskope.

Das Ganze hieß jetzt »Zentrale der Luftforscher«.

Man wollte von Ceylon aus in die höheren Luftregionen vordringen; alle möglichen Luftschiffsysteme sollten hierbei verwertet werden. Und so kam es, daß für sehr viele Systeme ganz besondere Lufthäfen gebaut werden mußten. Schließlich wurden weit über hundert Häfen notwendig, da die Aeroplansysteme damals immer komplizierter wurden und sehr viel Raum beanspruchten. Viele der Hallen wirkten wie riesige Berghöhlen, die so aussahen, als ginge es in die Tiefe des Berges hinein. Mithin herrschte in den Bauten auf Ceylon die Kuppelform vor – und auch die offene Kuppelhalle.

Die Zentrale der Luftforscher verfügte über außerordentliche Mittel. Und da hatte denn Mr. Krug leichtes Spiel – und setzte alles durch.

Einzelne Hallen wirkten schon jetzt in der Morgensonne wie riesige Opale – wie Scharen von Paradiesvögeln, Schmetterlingen und Libellen – wie Scharen von Glühwürmern und funkelnden Käfern und zitternden bunten Schlangen.

 

Die Architekten im Tierpark Nordindien wollten der Gattin ihres sehr verehrten Mr. Krug eine Ovation bringen. Man wußte, daß Miß Clara Orgelspielerin war. Und so kam ein junger Ingenieur auf die Idee, Glocken-, Pauken- und Posauneninstrumente, die in zehn Türmen versuchsweise untergebracht waren, von einem Punkte aus in Bewegung zu setzen und orgelartig zu spielen.

Die ersten Versuche gelangen – natürlich mit elektrischen Wellen, und Miß Clara wurde gebeten, auf dieser seltsamen Zehnturmorgel zu spielen.

Und sie spielte, daß die wilden Tiere mit Gebrülle aufhörten und staunend zum Himmel emporblickten.

Die ganze Kolonie geriet in Aufruhr. Frau Clara spielte auf dem Rieseninstrument mit so großem Vergnügen, daß sie ihre Langeweile total vergaß.

Des Abends erhielt Frau Clara ein Telegramm von der Marquise Fi-Boh:

»Wir sind«, sagte diese, »schon in Schanghai und kommen mit den prächtigsten seidenen Stoffen. Sie werden staunen. Fünfundachtzig Damen begleiten mich. Die Herren kommen später. Mit ehrfurchtsvoller Begrüßung Ihre ergebenste Marquise Fi-Boh.«

»Die sind resolut!« sagte Frau Clara zu Miß Burns.

Und zwei Tage später waren die Japanerinnen im Luftschiff über dem Tierpark. Der Vollmond schien prächtig, und Miß Clara spielte auf der Zehnturmorgel, daß die ganze Luft zitterte. Die Japanerinnen blickten ganz erstaunt mit hochgezogenen Augenbrauen hinab.

»Gilt das uns?« fragte die Marquise telegraphisch.

»Miß Clara Krug spielt!« lautete die Antwort.

Da klatschten die bunten Japanerinnen in die Hände, daß es laut durch den Mondschein schallte.

Und das Wiedersehen ward auch zu einer großen Ovation für Frau Clara.

Und Frau Clara sah sich plötzlich zwischen unzähligen bunten seidenen Gewändern.

Und die prächtigsten Seidenstücke wurden der Orgelspielerin zu Füßen gelegt.

Da ließ sie sich auch bunt kleiden.

Und man soupierte bei den Büffelherden.

Schließlich spielte Frau Clara fast die ganze Nacht durch – oft klang's wie wilde Walzermusik. Und dann kam der dumpfe Ernst der Pauken wie eine Burleske hintennach.

 

Mr. Krug auf Ceylon ahnte natürlich von alledem gar nichts. Er wurde auch nicht benachrichtigt.

Der Architekt sprach mit den ernsten Männern der Wissenschaft und dachte gar nicht mehr an Japan und bunte Seide – auch nicht an graues Tuch.

Dagegen wurden die Hallen für die Luftvehikel immer großartiger. Das Gebirge auf der Insel Ceylon wurde gleichsam mit Brillanten übersät. Man verwandte hier auch viele Spiegel, um die Effekte zu vervielfältigen.

Edgar telegraphierte an seine Frau:

»Ceylon wird großartig. Diese Zentrale für Luftforscher ist wohl das Größte, was die Glasarchitektur bislang geleistet hat. Es ist ein Vergnügen, zu leben, wenn die Bauherren etwas Geld übrig haben. Vorläufig bleibe nur im Tierpark, bis Löwe und Miß Amanda da sind. Dein Edgar.«

Nun gab's für Edgar leider viele technische Schwierigkeiten zu überwinden; die Ingenieure wurden immer wichtiger; sie waren bei den großen Hallenanlagen ganz unentbehrlich.

Und der Architekt mußte sich jetzt den Ingenieuren anfügen. Das fiel ihm oft sehr schwer. Doch die Praktiker behielten immer Recht. Und der phantastische Architekt mußte seine große Baulust oft zügeln; viele Brückenanlagen und Bogenversteifungen ließen sich nicht gleich so einfach durchsetzen. Die Tragfähigkeit der Eisengerüste blieb immer problematisch. Und wo die Ingenieure nicht mitmachen wollten, da mußte der Architekt einfach nachgeben. Mr. Webster fuhr inzwischen auf einem Motorschiff durchs rote Meer über Neapel nach London.

 

Und Mr. Löwe kam mit Miß Amanda zum Tierpark.

Und Miß Clara empfing sie mit einer Musik von zwanzig Glastürmen.

Miß Amanda lachte, als sie ihre Freundin in bunter Seide sah. Man fragte nach Mr. Krug und wunderte sich sehr, daß er in Ceylon zu tun hatte.

Die Japanerinnen hatten alle die kinematographische Vorstellung von der Hochzeit des berühmten Architekten gesehen und die Geschichte vom grauen Tuch allmählich begriffen.

Indessen, die Japanerinnen verwünschten den Architekten.

Da kam dem Mr. Löwe die Geschichte ungemütlich vor. Und er beschloß, seinen Freund persönlich zu sprechen – und sofort nach Ceylon zu fahren. Er telegraphierte an Edgar:

»Lieber Edgar! Ich möchte Dich so bald wie möglich persönlich sprechen. Denn die Sache ist viel zu verwickelt, um in Telegrammen ordentlich erörtert zu werden. Das geht gar nicht. Hier kommt sehr viel auf die momentane Stimmung an. Ich bitte Dich: gib Nachricht, ob Du mich sofort in Ceylon empfangen kannst. Dein alter Freund Walter Löwe.«

Dieses Telegramm wurde von Edgar sofort folgendermaßen beantwortet:

»Ich bin hier bei der Berechnung von Hyperbel- und Parabelkurven. Ganz bis über die Ohren mit schwierigen mathematischen und physikalischen Problemen beschäftigt. Da mußt Du noch warten. Komm unter keinen Umständen, denn ich habe nicht einen Moment Zeit. Ich melde mich, wenn ich wieder etwas freier aufatme. Grüße Miß Amanda und meine Frau. Grüße das Ehepaar Burns und Dich selbst. Ich bin Dein vielgeplagter Edgar.«

 

Im Tierpark wurden währenddem alle Dacharrangements auf den Grenzmauerbauten fertig.

Und man beschloß, nun endlich das große Luft- und Lichtfest zu feiern. Der Architekt wurde natürlich feierlichst dazu eingeladen.

Edgar Krug jedoch sagte telegraphisch:

»Bitte alles ohne mich zu machen. Ich habe hier so viel Kämpfe mit den Ingenieuren auszufechten, daß ich vorläufig für längere Zeit überhaupt nicht zu sprechen bin. Krug.«

Diese schroffe Ablehnung der Einladung wurde von den Architekten und Ingenieuren des Tierparks mit Gleichmut aufgenommen. Man kannte die schroffe Art des Herrn Edgar Krug und wußte sich mit ihr abzufinden.

Und so kam denn das Luft- und Lichtfest ohne Mr. Krug zustande.

Miß Clara spielte auf vierzig Türmen zu gleicher Zeit. Die neue Orgel lockte alle Badegäste von Borneo fort in den Tierpark hinein.

Dazu schwebten unzählige Luftschiffe und Aeroplane über dem ganzen Terrain.

Die Lichtspiele der Scheinwerfer wirkten von unten gesehen – einfach berauschend.

Und von oben sah man unten die farbigen Lichtstraßen auf den Grenzmauern.

Das Fest wurde acht Nächte hintereinander gefeiert.

Und die Geschichte machte einen großen Eindruck auf der ganzen Erdoberfläche.

 

Mr. Krug aber wurde auf Ceylon immer verdrossener; die kleinen Hallen waren zum Teile fertig und lagen wie funkelnde Schildkröten und umgestülpte Helme da, doch wo mehr im Großen was entstehen sollte, da war die Last der Glasmassen immer wieder zu schwer. Durch Säulen durfte die freie Einfahrt der Aeroplane nicht behindert werden, und so stand viel Eisengerippe da, und die Glasumkleidung ließ sich nicht anbringen.

An Stelle des Glases wollten die Ingenieure leichteres Material – man schlug Drahtnetze mit einer farbigen durchsichtigen Leimmasse überzogen vor. Die war dem Mr. Krug, obschon sie sich immer wieder leicht ausbessern ließ, doch nicht haltbar genug.

Außerdem sollten Wohnungen in die Wände der Hallen kommen. Da mußte man schließlich auf die schief ansteigende Parabel- und Ellipsenform verzichten. Und das wollte der Architekt immer wieder nicht haben. Die Bauherren ließen sich wieder von den Wohnungen in den Wänden nicht abbringen, da von dort aus die Aussicht in die prächtig bunte Halle herrlich sein mußte.

Mr. Krug sagte zornig zu seiner Umgebung:

»Hieraus, meine Herren, erkennen Sie wieder einmal, daß mit Geld allein nichts auszurichten ist. Eine Portion Genialität ist immer wichtiger, doch manchmal ist diese nicht vorhanden, wenn das Geld in Strömen fließt. Darum bin ich der Meinung, daß das Geld dem Fluß der Genialität sehr hinderlich ist. In jedem Falle kann man auch in der Architektur immer wieder erfahren, daß man auch hier immer noch mal aus einer Sackgasse in die andre fährt. Am liebsten führe man zur Hölle. Oh – ja!«

Solch ein Verzweiflungsausbruch löste natürlich sehr gemischte Empfindungen in den Zuhörern aus, die ihren Mr. Krug bald fortwünschten, da sein Eigensinn oft störend wirkte, zumal Manches bei mehr Nachgiebigkeit ganz leicht löslich erschien.

Ein großes Glückwunschtelegramm aus dem Tierpark riß den Architekten etwas aus der Situation. Das Telegramm lautete zum Schluß:

»Das Lichtfest ist aber in erster Linie durch das Spiel auf der Vierzigturmorgel zustande gekommen. Hätte dieses Spiel von Ihrer verehrten Frau Gemahlin nicht so wundervoll oben in den Lüften geklungen, das Lichtfest wäre nicht zu einem Weltereignis geworden. Wir sagen unserem Meister für dieses Fest unsern Dank. Und ebenso danken wir seiner verehrten Frau Gemahlin.

Die Architekten und Ingenieure des Tierparks Nordindien.«

Das erheiterte den Mr. Edgar.

Er telegraphierte gleich seiner Gattin:

»Gratuliere Dir! Dein Vierzigturmorgelspiel ist also Weltereignis geworden? Ich trinke auf Dein Wohl ein paar Flaschen Champagner und lasse heute alle Kegelschnitte – alle Ellipsen, Parabeln und Hyperbeln – am äußersten Weltenrande liegen. Jedenfalls bin ich sehr froh, daß Du jetzt auch das vermaledeite Berühmtsein kennen lernst. Leidensgenossen nähern sich leichter. Hoffentlich sagst Du auch bald: Ruhm ist unbequem. Dann können wir uns trösten. Grüße Alle und sei selbst viel tausendmal gegrüßt von Deinem Edgar.«

 

Edgars Telegramm wirkte auf Frau Clara ganz merkwürdig.

Die Japanerinnen waren grade abgefahren. Und der Festtrubel verstummte allmählich. Mr. Löwe und Miß Amanda durchstreiften den Tierpark von einem Ende zum andern. Miß Clara jedoch packte all ihr Seidenzeug zusammen und sandte es in vielen festen Kisten zur Isola grande im Lago Maggiore, wo sich ja ihre Heimat auftun sollte.

Und danach erschien die Orgelspielerin wieder in Grau mit zehn Prozent Weiß.

Miß Amanda riß die Augen weit auf, doch sie sagte nichts.

Mr. Stephan fuhr mit seinen Films nach Europa, nachdem er von Mr. Löwe eine wörtliche Erklärung erhalten hatte, daß dieser dafür sorgen würde, daß die Geschichte mit den zehn Prozent Weiß nicht in die Öffentlichkeit käme.

Mr. Löwe telegraphierte an Edgar:

»Wie geht's Dir denn? Bist Du bald zu sprechen? Ich bin doch eigentlich nur Deinetwegen hierher gekommen. Das vergiß doch gütigst nicht. Eine Reise nach Indien ist doch keine Lappalie. Walter Löwe.«

Er erhielt keine Antwort.

 

Mr. Edgar Krug erhielt Besuch auf Ceylon; ein alter Studienfreund Mr. Werner kam an und wollte zum Aralsee, der hoch im Norden östlich vom kaspischen See liegt. Mr. Webster sah bald, wie sehr Edgar auf Ceylon zu leiden hatte – und er überredete den Architekten, doch hier alles seinen Leuten zu überlassen – und mit zum Aralsee zu fahren.

Und Edgar ließ sich überreden.

Auf dem Aralsee gab's eine Versuchsstation für See-Architektur.

Dort lebten immer über hundert Fachgenossen zusammen. Und Edgar mußte dort nach Mr. Werners Berichten ganz glänzend aufgenommen werden, da die Bauten des Mr. Krug in allen Baukreisen lebhafte Bewunderung erweckten.

Edgar telegraphierte rasch an seine Frau:

»Ich fahre nach Norden und lasse bald von mir hören.

Wie immer Dein getreuer Edgar.«

Und er fuhr gleich darauf in seinem Luftschiff mit Mr. Werner nordwärts.

 

Dieses Telegramm aus Ceylon versetzte Miß Clara in die größte Aufregung.

»Es ist«, sagte sie zu Miß Amanda, »ganz unbeschreiblich, was Edgar alles angibt. Jetzt fährt er nordwärts und läßt mich einfach hier, ohne anzugeben, was ich hier allein machen soll. Der Mr. Stephan ist nun auch nach Europa gefahren. Und wir sitzen hier und langweilen uns.«

»Ich würde«, sagte Miß Amanda, »an Deiner Stelle auch nach Europa fahren – gleich zum Lago Maggiore. Da kannst Du ja ruhig darüber nachdenken, ob Du Dich nun scheiden lassen willst oder nicht. Vergiß doch nicht, daß wir eigentlich nur Deiner Scheidung wegen zum Tierpark Nordindien gefahren sind.«

»So?« rief Miß Clara, »und was soll ich denn in Europa anfangen? Das möchte ich doch wissen.«

»Vierzigturmorgel spielen!« lautete die Antwort, »das ernährt Dich übrigens auf allen großen Punkten der Erdoberfläche so gründlich, daß Du schließlich darauf verzichten kannst, die Scheingattin eines reichen Mannes zu sein.«

»Scheingattin?«

Also brauste Miß Clara auf, und sie zitterte vor Wut.

Kurzum: Miß Clara beschloß plötzlich, sofort nach Ceylon zu fahren, um dort über das Ziel von Edgars Fahrt orientiert zu werden. Mr. Löwe und Miß Amanda kamen mit. Und die Drei fuhren in einem großen Luftomnibus nach Ceylon.

In diesem Luftomnibus bemerkte Miß Clara zu ihrer Freundin:

»Du, Amanda, die Einrichtungen in diesem Luftomnibus mögen ja herrlich sein. Aber wer wie ich an Edgars Luftschiff gewöhnt ist, findet doch alles in diesem Omnibus herzlich primitiv.«

Miß Amanda meinte:

»Ei! Ei! Ich vermute, daß Dir weniger an Edgars Luftschiff – als an diesem Edgar selber gelegen ist.«

»So?« sagte leise Frau Clara, »meinst Du also wirklich? Na – Du mußt es ja wissen.«

Auf Ceylon wußte niemand, wohin Mr. Krug gefahren sei.

Miß Clara rang die Hände und sprach mit den Leuten, die zuletzt mit Edgar zusammen gesehen wurden. Und diese fragte sie wieder:

»Mit wem fuhr mein Mann?«

Sie wurde ganz rot dabei, denn sie fürchtete, daß ihr der Name einer Frau gesagt werden würde.

Doch nein! man sagte einfach:

»Mit Mr. Werner.«

»Und wohin wollte dieser?« fragte sie wieder.

Und da lautete die Antwort:

»Zum Aralsee!«

»Ich danke Ihnen!« schrie Miß Clara.

Und nun wollte sie auch zum Aralsee.

Das ging aber nicht so geschwind, da Luftschiffe direkt zum Aralsee nicht fuhren.

So mußte man mehrere Luftomnibusse benutzen. Und man fuhr daher auf zeitraubenden Zickzackwegen zum fernen Aralsee.

 

Die Versuchsstation für See-Architektur lag mitten im großen Aralsee; die Ufer des Sees waren von der Station aus nicht zu sehen. Mr. Krug kam mit Mr. Werner nach Sonnenuntergang an. Die Station sah von oben wie ein farbiges Lichtlinienspiel aus; man hatte guirlandenartige Ketten mit bunten Lichtkörpern von Mast zu Mast gezogen. Die Ketten hingen im Bogen herunter oder waren ganz straff. Das wirkte nun von oben wie ein Linienspiel. Die Station lag auf einer großen Anzahl kleiner und großer Schiffe; diese hatten alle möglichen Formen – die meisten rechteckige – doch gab's auch runde und ellipsenförmige, schiffartige Tragkörper, die sämtlich immer wieder anders miteinander verbunden werden konnten; die Station konnte somit leicht eine ganz andere Form annehmen; auch ließ sie sich beliebig teilen.

Als die Architekten im Luftschiff zusammen ankamen, war die Station scheinbar ein Ganzes. Hundert Architekten und Ingenieure begrüßten den Mr. Krug mit großer Hochachtung; den Mr. Werner kannten alle, die länger auf der Station gelebt hatten.

Das Wichtigste auf dieser Station, die nur von Architekten und Ingenieuren unterhalten wurde und darum nicht über sehr große Mittel verfügte, bestand darin, zu erforschen, welche Baumaterialien am längsten dem Wasser Widerstand leisten könnten.

Bei den Hausbauten oben verwandte man sehr viel Holz mit durchsichtigen Fensterscheiben; die Ampeln an den Guirlanden und auf den Masten bildeten somit für Mr. Krug allein eine Freude. Er sprach gleich über die Verwendung des bunten Glases zu Hauszwecken, man entgegnete ihm, daß das Glas ein ziemlich schweres Material sei, das in allzu großen Massen nicht verwandt werden dürfte.

Indessen – Mr. Krug sollte gleich eine sehr große Freude haben. Man plante ein Klubzimmer mit sehr viel bunt ornamentiertem Glase. Und – um nun die besten Ornamentfenster zu bekommen, hatte man einen Wettbewerb ausgeschrieben; jeder Teilnehmer an dem Wettbewerbe durfte soviel ornamentierte Glasfenster ausstellen, wie er wollte – die Größe des Formates überließ man dem Gutdünken der Künstler.

Oh – dieser Wettbewerb interessierte den Mr. Krug. Und er arbeitete in den nächsten vier Tagen zehn Entwürfe aus. Und sie wurden in verschieden großen Formaten hergestellt.

Da sah's nun prächtig aus, als eines Abends die ganze Station von Glasfenstern umrahmt erschien.

Alle, die sich auf der schwimmenden Insel befanden, setzten sich auf die Motorboote und umkreisten nun die Insel – immerfort die von innen erleuchteten Glasfenster anstarrend. Jeder durfte zwanzig Fenster als die besten bezeichnen – oder auch weniger. Das Resultat lag bei Aufgang der Sonne vor; Mr. Krug hatte für seine zehn Entwürfe auch nicht eine einzige Stimme erhalten.

Das erregte ungeheures Erstaunen.

»Also«, rief Edgar lustig, »meine Glasbauten auf Chikago machen mich zum berühmtesten Manne. Und hier im Kreise der Berufsgenossen erhalten meine Arbeiten auch nicht eine einzige beifällige Bemerkung. Jedenfalls geht daraus hervor, daß ich mir nicht selber Beifall gezollt habe. So geht es also mit dem Ruhm. Und ich bin ganz fest davon überzeugt, daß alles ehrlich zuging. Es fehlt nicht viel, so verliere ich als Glasarchitekt mein ganzes Ansehen. Da sieht man wieder, wie viel der Ruhm wert ist.«

Nun suchte man den Edgar zu trösten. Doch er wehrte alle Tröstungen sanft lachend ab. »Ich glaube schon«, sagte er, »daß mein ornamentales Schaffen nicht sehr bedeutend ist. In Chikago wirkte nur die ungeheure Masse des Materials. Hier im Intimen hab' ich verloren. Das schmerzt mich nicht so sehr; ich bin jedenfalls bereit, die Sieger gelegentlich an der Förderung meiner Bauten teilnehmen zu lassen. Ich bitte um die Adressen der Herren.« Diese Großmut machte einen sehr guten Eindruck.

Doch zu Mr. Werner machte der Edgar ein ganz drolliges Gesicht und meinte zögernd: »Du glaubst nicht, wie mich's eigentlich freut, daß ich bei dem Wettbewerb so reingefallen bin. Ich halte meine Ornamente wahrhaftig beinahe selber nicht für sehr hervorragend. Man wird meines Erachtens auch niemals seiner Bedeutung wegen berühmt; man wird wirklich nur berühmt, wenn man eine zweifellos gute Sache mit höllischer Energie propagiert. Der berühmteste Mann ist somit nach meinem unmaßgeblichem Dafürhalten wahrhaftig nicht der bedeutendste. Das gilt wenigstens für die Architektur. Es ist das auch ein guter Trost für all die Talente, die nicht so schnell durchdringen; nur wer die stärkste Energie entwickelt, hat mal auf den so zweifelhaften Ruhm zu hoffen. Glaubst Du übrigens, daß mir diese Niederlage schadet? Ich glaub's ganz bestimmt nicht.«

Mr. Werner sah seinen alten Freund lange mit scheuer Bewunderung an und sagte dann: »Etwas Wahres steckt sicher in Deiner freundlichen Rede. Und sie war gut – wirklich gut.«

Er drückte dem Freunde die Hand.

Und gleich darauf kam ein Telegramm von den Kurian-Murian-Inseln, die an der Ostküste Arabiens liegen.

Dieses Telegramm, das nach den Fidschiinseln gesandt wurde – schon im Makartlande, auf Borneo, im Tierpark zu Nordindien, auf Ceylon gewesen war – enthielt einen neuen großen Auftrag für den Architekten.

»Da siehst Du«, rief dieser zu Mr. Werner, »wie mich das Glück verfolgt! Also: auf zu den Kurian-Murian-Inseln. Du kommst mit. Ich muß nur noch an meine Frau telegraphieren. Die wird denken, daß ich sie total vergessen habe.«

Er telegraphierte sofort ein langes Telegramm an Miß Clara, Tierpark Nordindien.

Und dann fuhren die Beiden wieder im Luftschiff davon, gaben dem Direktorium der Station für Seearchitektur auf dem Aralsee noch guten Rat für das Anbringen der Glasfenster und verabschiedeten sich.

Die schwimmende Insel wurde mit vielen farbigen Scheinwerfern, die kerzengerade zum Sternenhimmel ihr Licht emporsandten, beim Abschiede illuminiert; die farbigen Lichtkegel sahen im Luftschiff famos aus.

Das Luftschiff ließ seine Scheinwerfer unter einem Winkel von fünfundvierzig Grad zu beiden Seiten nach unten zu leuchten und fuhr gen Süden.

 

Während nun Edgars Luftschiff zu den Kurian-Murian-Inseln eilte, ging sein Telegramm nach Nordindien und von dort nach Ceylon und von Ceylon kreuz und quer dem Luftomnibus nach, der mit Miß Clara und Miß Amanda und Mr. Löwe zum Aralsee fuhr.

In der Station für Seearchitektur kam das Telegramm grade an, als Miß Clara dort erschien.

Da war die Dame sehr traurig.

Und ihre Freundin wurde sehr unwillig.

Mr. Löwe schimpfte.

Und man fuhr nach einigen Tagen zunächst nach Persien. Und da mußte man wieder liegen bleiben.

Und Miß Clara telegraphierte von Teheran zu den Kurian-Murian-Inseln. Das Telegramm blieb aber tagelang unbeantwortet, da Mr. Krug und Mr. Werner dort noch nicht anlangten; man fürchtete dort, daß ihnen ein Unglück zugestoßen sei und telegraphierte an Miß Clara, daß man ein Unglück befürchte.

 

Auf den Kurian-Murian-Inseln residierte ein reicher Chinese, der Li-Tung hieß.

Herr Li-Tung war ein sehr sonderbarer Herr. Und als Bauherrn verwünschten ihn schon verschiedene Architekten; Mr. Krug hatte sich längst an die Wunderlichkeiten der reichen Bauherren gewöhnt und glaubte, daß er auch dem wunderlichsten gewachsen sein könnte. Eines Morgens meldete er sich bei Herrn Li-Tung durch Farbensignale hoch über den Kurian-Murian-Inseln kreisend an. Herr Li-Tung signalisierte:

»Sehr angenehm, Mr. Krug, daß Sie schon da sind. Wir befürchteten, daß Ihnen ein Luftmalheur zugestoßen wäre. Muß darum sofort an Ihre Frau Gemahlin nach Teheran telegraphieren. Empfange Sie heute um Mitternacht. Kleiden Sie sich in rote Seide. Meine Diener stehen ganz zu Ihrer Verfügung. Ich bin Ihr Li-Tung. «

Mr. Werner sah seinen Freund lustig an.

»Das beginnt ja«, rief er, »ganz famos. Du, Edgar, sollst in roter Seide erscheinen. Wie erscheine ich da?«

»Das werden uns die Diener sagen!« versetzte Herr Krug, und er überblickte dabei staunend das Terrain unten. Da gab's keine Felder, keinen Wald und kein Gras. Buntes Majolika-Parkett bedeckte den Boden in Terrassen. Die Terrassen waren durch Treppen und Fahrstühle verbunden.

»Mit dem werde ich einig!« rief Mr. Krug. Und Abends soupierten die beiden Freunde ganz in roter Seide. Danach kam der Empfang.

 

Li-Tung aber hatte an Miß Clara Krug nach Teheran telegraphiert:

»Gnädigste! Gute Laune anstecken! Gemahl in den Wolken und gerettet. Kommt gleich runter. Fahren Sie nach Schiras. Dort eins meiner Luftschiffe. Kaufen Sie in Schiras auf meine Rechnung für hundert Pfund Brokatstoffe – die besten. Sie werden in Schiras erwartet von meinen Luftchauffeuren. Ich begrüße Gnädigste in vollkommener Hochachtung und bin Ihr Li-Tung.«

Er telegraphierte auch an sein Luftschiff in Schiras.

 

Um Mitternacht tanzten hundert Damen aus allen Rassen des Erdballs einen bunten Serpentintanz auf dem Majolika-Parkett des reichen Li-Tung; die Damen und ihre farbigen Schleier wurden bunt von unten beleuchtet; die Scheinwerfer kamen aus den Majolikafliesen heraus. Natürlich – diese unterirdische Beleuchtung ließ sich nur dadurch herstellen, daß einzelne Stellen des Parketts aus durchsichtigem Glase bestanden.

Der Tanz wirkte sehr bunt.

Herr Li-Tung stand von seinem Throne auf und umarmte Mr. Krug und Mr. Werner und sagte gleich:

»Meine Kurian-Murian-Inseln können gar nicht bunt genug sein.«

Mr. Krug sagte zu Allem:

»Jawohl! Jawohl! Bin ganz Ihrer Meinung.«

Und dann entwickelte Mr. Li-Tung bei farbiger Fackelbeleuchtung, während die Diener auf dem Majolika-Parkett Tee und Frühstücksgebäck servierten, seine großen Baupläne.

Die Fackeln brannten auf ziemlich hohen Mastbäumen, die man in ein paar Minuten aufgerichtet hatte.

»Sehen Sie«, sagte Mr. Li-Tung, »ich lebe hier wie der alte Kaiser von China, der ja jetzt schon vor vielen Jahrzehnten abgesetzt ist. Ich lebe hier so wie der alte Kaiser, als er noch nicht abgesetzt war. Ich bin nur ein bischen kleiner als er. Nun ja! Deshalb vertrag ich keinen Widerspruch. Und das ließen sich die andern Architekten nicht gefallen. Hoffentlich vertragen wir uns besser, Mr. Krug!«

»Das erscheint mir sehr wahrscheinlich!« sagte dieser ruhig, »jetzt aber Näheres über die Baupläne, Majestät!«

»Hoho!« rief Mr. Li-Tung, »Sie haben kein Recht, mich Majestät zu nennen, denn ich bin doch immer noch ein bischen kleiner als der alte Kaiser von China.«

Mr. Krug verbeugte sich und sagte ruhig:

»Habe leider den alten Herrn nicht gekannt. Der alte Kaiser ist ja wohl schon längst gestorben.«

»Ja!« sprach Li-Tung, »meine Pläne sind kurz diese: ich möchte Häuser haben, die an Galgen hängen. Galgenstraßen möchte ich haben. Sie fragen: warum? Ja – glauben Sie denn, ich werde mein köstliches Majolika-Parkett der Häuser wegen ruinieren? Außerdem: ich will, daß der horizontal stehende obere Galgenarm drehbar ist.«

»Geht!« sagte Mr. Krug, »man verlängert den Galgenarm nach der anderen Seite, belastet ihn und benutzt die Verlängerung als Hebelstange. Wenn die Häuser klein und ganz aus Glas sind, lassen sie sich auch zum Boden runterziehen – höher und tiefer hängen – jedenfalls immer so drehen, daß das Wohnzimmer im Schatten liegt. Eine perpetuierlich variable Architektur. Ich werde gleich Bauleute aus dem Tierpark Ostindien herkommen lassen.«

Mr. Li-Tung sah den Architekten erstaunt an, sprang auf, umarmte ihn stürmisch und rief: »Sie haben mich total verstanden. Sie halten mich nicht für verrückt. Champagner! Wir müssen gleich Brüderschaft trinken.«

Man zechte bis zum Morgengrauen.

 

Als Miß Clara ankam, fand sie eine sehr ausgelassene Gesellschaft – und lauter exotische Damen: Negerinnen, Indianerinnen, Perserinnen usw. Das Englisch, das gesprochen wurde, klang zumeist sehr unverständlich.

Miß Clara kam in Grau mit zehn Prozent Weiß.

Miß Amanda hatte auch Grau mit zehn Prozent Weiß angelegt.

Mr. Löwe ebenso.

Da sahen die Drei den Mr. Krug in grüner und blauer Seide.

Das war eine große Überraschung.

Mr. Li-Tung bat gleich die Drei, sich rasch in Seide und Brokat zu werfen.

»Widerspruch gibt's hier nicht!« rief er sehr energisch.

»Widerspruch gibt's hier nicht!« riefen Mr. Krug und Mr. Werner.

Die Situation wurde nun ganz seltsam. Mr. Löwe faßte seinen Freund Edgar an beiden Schultern und rief:

»Mensch, ich erkenne Dich nicht wieder. Mr. Stephan ist nach Europa gefahren. Bei welchem Gerichtshof soll ich ihn nun verklagen?«

»Laß mich doch damit in Ruh'!« versetzte der Edgar.

»Aber dieser Klage wegen«, rief Mr. Walter Löwe, »fahre ich Dir doch seit Monaten nach.«

»Mein Herr! Mein Herr!« rief da Li-Tung, »erst umkleiden. Widerspruch gibt's hier nicht.«

Nun kleidete sich auch Mr. Löwe um.

Und danach pokulierten alle wieder bis zum Morgengrauen.

Die Balletteusen tanzten nach der Musik von fünf alten Leierkasten.

Das fand Miß Clara gräßlich, und sie sagte gleich, daß sie an Vierzigturmorgelmusik gewöhnt sei. Li-Tung bestellte gleich eine Dreiturmorgel. Die Türme sollten durch größere Galgenhäuser ersetzt werden.

Die Leierkasten wurden fortgebracht.

Die exotischen Damen sangen jetzt zu ihren Tänzen.

Miß Clara sagte zu ihrem Edgar:

»Wie lange müssen wir noch hierbleiben?«

Und Mr. Edgar erwiderte:

»Wir müssen mit List fort.«

Aber erst nach zwei vollen Monaten, als die Architekten und Arbeiter aus Indien angekommen und auch die Musikinstrumente für die drei größeren Galgenhäuser da waren, konnte Mr. Edgar seinem Freunde Li-Tung ein Telegramm zeigen, das ihn sofort nach Babylon rief.

Li-Tung wollte mitkommen. Doch Mr. Krug sagte, daß er so bald wie möglich wiederkommen würde.

Und so fuhren Krugs mit Miß Amanda und Mr. Löwe gen Babylon.

Miß Clara erschien beim Abschied auf der Balkonterrasse des Krugschen Luftschiffes wieder in Grau mit zehn Prozent Weiß.

Mr. Li-Tungs Balletteusen tanzten.

Und die Dreiturmorgel, auf der Miß Clara öfters schon gespielt hatte, wurde von einer talentvollen Kreolin gespielt; diese spielte Ballettmusik – mit Glocken, Pauken und Posaunen.

Mr. Li-Tung wehte mit seinem bunt karrierten seidenen Taschentuch.

Und das Luftschiff flog davon.

 

»Das war anstrengend!« rief Miß Clara, als sie die Kurian-Murian-Inseln aus den Augen verloren.

»Es hat aber meiner Kasse wieder auf die Beine geholfen!« sagte Mr. Edgar.

Und Mr. Löwe meinte:

»Dann kannst Du mir wohl die Reise ersetzen.«

»Ja!« sagte Mr. Edgar.

Und es geschah.

Miß Amanda wollte nun von Grau und zehn Prozent Weiß sprechen, da sagte aber Miß Clara lebhaft:

»Liebe Amanda, ich bin doch in verschiedener Hinsicht andrer Meinung geworden. Wir wollen die Sache gar nicht weiter verfolgen. Die Kurian-Murian-Inseln bildeten ein Intermezzo in unserem Leben. Dieses Intermezzo hat uns den Magen verdorben. Sprechen wir später über die Farbengeschichte. Ich gehe jedenfalls wieder laut Kontrakt in Grau mit zehn Prozent Weiß.«

Mr. Edgar verbeugte sich lächelnd und gab seiner Gattin eine Zigarette.

Und man kam vorläufig auf die Kostümfrage nicht mehr zurück.

 

Den Mr. Werner hatte Edgar auf den Kurian-Murian-Inseln zurückgelassen – mit besonderen Verhaltungsmaßregeln. Mr. Werner sollte außerdem die Bauarbeiten »leiten«: seine Haupttätigkeit aber war diplomatischer Natur.

Kaum befand sich Krugs Luftschiff außer Sicht, so sagte zu Li-Tung der Mr. Werner in geheimer Audienz:

»Edelster Herr Li-Tung, der Sie nur ein bischen kleiner sind als der alte Kaiser von China – welche Tatsache ich niemals vergessen werde – ich erlaube mir, ganz ergebenst zu bemerken, daß das Bunte immer gut ist – sehr gut – außerordentlich gut. Indessen – es gibt verschiedene Arten von Buntigkeit – z. B. glänzende knallige Buntheit und schlaffe melancholische Buntheit. Diese beiden Buntheiten passen nicht gut zusammen. Wir aber wollen auf den Kurian-Murian-Inseln keine Art von Buntheiten ausschließen. Und deshalb muß bei der koloristischen Komposition der am Galgen hängenden Häuser auf Majolika-Parkett und Garderobe Rücksicht genommen werden. Ersteres ist da und bereits maßgebend. Die Garderobe verändert sich bei den Ballettdamen, wie Sie wissen, täglich. Darum bitte ich den Damen mitzuteilen, daß der Garderobenkonsum bis auf Weiteres gesperrt werden muß. Später hat er sich der aufgehängten Architektur anzugliedern.«

Das verstand Mr. Li-Tung nicht. Drei Stunden hindurch mußte er sich die Sache klar machen lassen. Dann sagte Mr. Li-Tung: »Man hole den Ballettmeister!«

Nun wurde dem die Sache klar gemacht, ihm bedeutet, daß später, wenn die hängende Architektur erst fertig werde, der Kostümaufwand mächtig wachsen dürfte – usw. usw. Der Ballettmeister sagte schließlich:

»Mächtig wachsen ist gut – sehr gut – außerordentlich gut! Besonders für die Kostüme der Damen, die leider nicht mehr wachsen können; die meisten sind zu alt dazu.«

Bei den hundert Ballettdamen erregte die Neuigkeit einen Sturm der Entrüstung. Doch ließen sich die Damen durch den Hinweis auf das mächtige Wachsen des Kostümkonsums schließlich zur Not beschwichtigen. Doch murrten sie im Geheimen.

Mr. Werner depeschierte an Mr. Krug das Resultat seiner ersten diplomatischen Aktion. Und die hängende Architektur machte immer größere Fortschritte.

Man freute sich über die Glashäuser, die in der Luft hingen, immer mehr.

 

Währenddem promenierten Krugs mit Miß Amanda Schmidt und Mr. Walter Löwe auf den neuen Quais von Babylon. Im alten Babylon hatte man neue Majolikadämme hergestellt.

Eine Orientgesellschaft wollte im alten Babylon die Herrlichkeit, die unter dem alten Nebukadnezar geherrscht hatte, noch mal herstellen – restaurieren.

»Eine sehr große Kateridee!« meinte Mr. Krug.

Aber die Direktoren der Orientgesellschaft widersprachen lebhaft, sie sagten:

»Die Bestrebungen der verschiedenen Menschen sind eben verschieden – die einen wollen das Alte, die andern das Neue. Außerdem haben wir im Euphrat- und Tigrislande so viel entdeckt und ausgegraben, daß wir jetzt mal eine Epoche der babylonischen Kultur rekonstruieren können.«

»Wir haben viele Beduinen überredet, hier als Krieger, Hofbeamte, Eunuchen, Tempeldiener zu figurieren.«

»Und deshalb haben wir, um den Zuzug der Fremden abzuwehren, beschlossen, alle Besucher zu veranlassen, sich babylonisch zu kleiden – im Geschmack des alten Nebukadnezar, der von sechshundertfünf bis fünfhundertzweiundsechzig vor Christus hier residierte.«

»Das heißt«, rief Mr. Löwe, »wir sollen uns auch babylonisch kleiden und frisieren lassen?«

»Freilich! Freilich!« riefen die Herren vom Direktorium der Orientgesellschaft, »die Damen können so bleiben, wie sie sind. Aber sie dürfen zur Fortbewegung nur Sänften gebrauchen. Sänftenträgerinnen stehen sofort zur Verfügung. Für die Herren stehen gekräuselte Bärte und Perücken zur Verfügung. Wir gehen europäisch, da uns das ganze Terrain gehört.«

Miß Clara lachte ganz laut.

Miß Amanda lächelte.

Die Herren verbeugten sich und Mr. Löwe meinte:

»Na, wem's nicht gefällt, der kann ja mit der Bagdadbahn nach Konstantinopel fahren. Darauf läuft es ja wohl hinaus.«

»Jedenfalls«, bemerkte Mr. Krug, »eine sehr höfliche Art, die Besucher darauf aufmerksam zu machen, daß vorläufig ihr Besuch noch als etwas störend empfunden wird. Ich aber füge mich – füge mich – wie immer.«

Als nun der Architekt und der Rechtsanwalt im babylonischen Kostüm erschienen, wollten sich die Damen in ihren Sänften halbtot lachen; Mr. Krug sagte ernsthaft:

»Nicht zu lange lachen! Sonst wird uns die Besichtigung des neuen Babylons nicht gestattet.«

»Pardon!« rief ein Herr vom Direktorium, »es heißt das alte Babylon.«

Dabei lag Krugs langes Luftschiff gar nicht weit ab auf dem blumigen Wiesenterrain.

 

Nun entwickelte sich aber das Zusammenleben in diesem neuen Altbabylon ganz anders, als man gedacht hatte; ein paar Beduinen benahmen sich kostümiert so, daß sie rasch exportiert werden mußten. Dem wohnten die Vier vom Luftschiff bei.

Mr. Edgar setzte große Glasfenster in den alten Königsbarken durch. Die eine fuhr schon mit Dreirudrern auf dem alten Euphrat herum. An den andern baute man noch. Mr. Edgar setzte auch noch bunte Ampeln an den beiden Rändern der breiten Prozessionsstraße durch. Aber mehr konnte er nicht erreichen. Die Glaser hatten hier nicht viel zu sagen. Majolika war Trumpf.

An einigen Palastwänden sollten auch große plastische Majolikagruppen angebracht werden – und sehr viele babylonische Löwen – im Geschmack Nebukadnezars frisiert – wurden aus gebrannter Tonerde hergestellt. Doch hatte das Terrain einen sehr wenig sympathischen Charakter; überall lag Angefangenes umher, die Lagerstellen der Materialien machten einen unordentlichen Eindruck, und die Herren vom Direktorium ließen sich selten blicken; von einem Tempelbau sah man nur die vier Grundsteine, in die Tönnchen mit babylonischer Schrift hineingelegt wurden.

Im kleinen Euphratrestaurant kam Mr. Löwe eines Abends zu Mr. Krug und den beiden Damen und sagte lächelnd:

»Kinder! Hier fehlt's am Gelde. Daher die Kostümscherze. Ich denke, wir machen, daß wir möglichst rasch fortkommen.«

»Dann fahr doch«, sagte Edgar, »mit der Bagdadbahn.«

»Schön«, versetzte der Rechtsanwalt, »wie aber steht's eigentlich mit Deinem Paragraphen im Ehekontrakt? Ich sah Deine Gattin schon in Brokatstoffen. Bald wird sie auch altbabylonisch kostümiert sein. Müssen wir da nicht schnell noch die Sache mit dem Grau und den zehn Prozent Weiß rechtskräftig ändern?«

»Ja«, sprach Edgar, »rechtskräftig aufheben wollen wir den Paragraphen.«

Mr. Löwe fixierte alles schriftlich, und die Beteiligten unterschrieben das Skriptum.

»So ist also«, bemerkte Miß Amanda, »die Kostümfrage erledigt.«

»Keineswegs!« sagte Miß Clara, »ich trage auch fürderhin Grau mit zehn Prozent Weiß freiwillig.«

»Aber Clara!« rief ganz entsetzt Miß Schmidt, »wenn aber Dein Gatte Dich bunt zu sehen wünscht, was dann?«

»Das geht uns nur was an!« bemerkte schnippisch Frau Krug.

Miß Amanda wollte nun auch gleich mit der Bagdadbahn nach Konstantinopel. Doch wurde ihr auseinandergesetzt, daß der Seeweg nach New-York doch bequemer sei. Da wollte sie denn vom Mittelmeer aus ein Motorschiff benutzen.

Mr. Löwe fuhr noch in derselben Nacht mit der Bagdadbahn nach Konstantinopel.

Die letzten Gläser wurden im Euphratrestaurant ohne Perücke – nur mit dem schwarzen gekräuselten Bart – getrunken. Die Damen amüsierten sich königlich bei dieser kulturhistorischen Kostümgeschichte.

 

Am nächsten Morgen telegraphierte der Edgar an den Li-Tung: »Liebster Freund! Sehe, daß Du hier in Babylon die ersten Anregungen für Deine Majolikaterrassen bekommen hast. Wenn meine Glasbauten doch auch überall so anregend wirken möchten. Jedenfalls muß ich heute zur Insel Kypern fahren, allwo große Seehafenbauten mit sehr viel Glas zur Ausführung kommen sollen. Wenn ich nicht mehr zu den Kurian-Murian-Inseln zurück kann, mußt Du mich im Lago Maggiore auf der Isola grande besuchen. Aber eine Bitte: nicht mit dem Ballett. Grüße Mr. Werner! Wir grüßen Dich Alle, und ich bin Dein getreuer Edgar Krug.«

 

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