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Das graue Tuch und zehn Prozent Weiß

Paul Scheerbart: Das graue Tuch und zehn Prozent Weiß - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Kaiser von Utopia
authorPaul Scheerbart
firstpub1914
year1988
publisherSuhrkamp Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-518-38065-6
titleDas graue Tuch und zehn Prozent Weiß
pages107-206
created20050518
sendergerd.bouillon
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Herr Krug hatte drei von den zwölf Transportdampfern, die vor den Fidschiinseln lagen, mit Glasmaterial, Eisen und Eisenbetonplatten nach dem Süden zum Makartlande gesandt.

Nun kam von dem einen dieser Transportdampfer folgendes Telegramm an Herrn Krug:

»Hier war kolossaler Schneesturm. Mit großer Mühe hier im Hafen angelangt. Das Eis in Bewegung. Sehr viele Seehunde und Seelöwen hier. Der zweite Dampfer ist soeben am Horizont gesichtet. Vom dritten fehlt leider jede Nachricht. Der Schneesturm setzt von neuem ein. Wir raten zur Umkehr. Kolonie nicht zu sehen.«

Zwei Stunden nach Empfang dieses Telegramms befand sich Herr Krug mit seinem Ballon ebenfalls mitten im Schneesturm.

Das war nun für Frau Clara ein großes Erlebnis; der Herr Edgar hatte Ähnliches schon öfters erlebt, erklärte aber, daß dieser Schneesturm gradezu fürchterlich sei, er zeigte seiner Frau die Schneekratzer in heftigster Tätigkeit; immer wieder fuhren die Kratzer über die Ballonhülle und lösten den Schnee los.

Alle Kajüten wurden geheizt.

Herr Krug wollte umkehren.

Doch daran durfte man gar nicht denken; der Sturm trieb den Ballon direkt dem Makartlande zu.

Und in zehn Stunden kamen sie ans Ziel ihrer Reise; so schnell waren sie nicht einmal in dem Orkan, von dem sie über den Samoainseln gepackt wurden, dahingerast.

Überm Makartlande jedoch galt es, den Lufthafen zu entdecken, Herr Krug telegraphierte also an den Transportdampfer – er sollte sich »hörbar« machen – oben sei momentan nichts zu sehen.

Und da hörten die Leute im Luftschiffe plötzlich ein paar Schüsse durch die Polarnacht dröhnen. Und danach sah man Feuersignale und Scheinwerfer. Und der Dampfer wurde entdeckt.

Der Steuermann des Herrn Krug meinte, daß sie sehr leicht zum Südpol gekommen wären, wenn der Dampfer nicht signalisiert hätte.

Die Landungsmanöver gestalteten sich aber außerordentlich schwierig. Vom Dampfer ließen sich die Luftleute mit vielen Umständen herunterziehen. Doch die Kolonie blieb bei dem anhaltenden Sturm immer noch unsichtbar.

Frau Clara kam zitternd vor Kälte aus dem Korbe des Luftschiffes in die Kajüte des Transportdampfers, allwo sie gleich mit heißem Grog empfangen wurde. Da die Seeleute stark rauchten, steckte sich Frau Clara auch eine leichte Zigarre an – und trank Grog – drei Glas – wie ein alter Seebär.

Herr Edgar wunderte sich nicht wenig, als er auch in die Kajüte kam, daß sich seine Frau so gut in jede Situation zu schicken wußte. Die Verankerung des Luftschiffes erwies sich leider bald als total unmöglich. Man mußte das Gas ausströmen lassen. Dabei kam die Gondelkajüte so tief in den Schnee, daß das ganze Luftschiff ebenso unsichtbar wurde – wie die Kolonie.

 

Die Seeleute wunderten sich, daß bei dem Knallen des Orkans noch die Kanonenschüsse zu hören gewesen waren. Das wurde jedoch verständlich durch die Windrichtung und durch die Nähe des Ballons.

Frau Clara hielt sich fortwährend die Ohren zu; die Sturmtöne waren in der Dampferkajüte immer noch zu hören.

Und dann brach die Sturmmusik mit einem Ruck ab.

Und man hörte nur noch das Meer rauschen. Das Rauschen dröhnte sehr heftig. Es wurde aber doch als Erlösung empfunden; die Orkanlaute oben in der Luft sind viel stärker.

 

Danach ward es Morgen.

Die Sonne stand ganz dunkelrot über dem Horizont, Und im Meere tummelten sich unzählige Seehunde und Seelöwen.

Frau Clara sah davon nichts, denn sie schlief. Und Herr Edgar war sehr froh, daß sie schlief. Nun galt es, den Ballon wieder vom Schnee zu erlösen und die Kolonie aufzufinden. Das Erstere nahm einen vollen Monat in Anspruch, das Letztere gelang nach vierundzwanzig Stunden.

Die Sonne stand noch am Horizont, während Herr Krug mit seiner Frau in einem Automobilschlitten zur Kolonie fuhr. Viele Sterne leuchteten am dunkelblauen Himmel. Die Luft war ganz ruhig.

Leute von der Kolonie führten das Automobil – auf einer sehr gefährlichen Straße.

Doch kam man nach verschiedenen kleinen Unfällen schließlich in der Kolonie an, wo alle Bequemlichkeiten zur Verfügung standen, um das junge Ehepaar wieder lebensfähig zu machen.

»Es war eine kleine Südpolarexpedition, obgleich wir noch vom Südpol ein paar hundert Kilometer entfernt sind!«

Also sprach der Herr Edgar.

Frau Clara sagte lachend:

»Na – wenn das blos eine kleine Expedition gewesen ist, so muß ich für die Weiterfahrt danken. Ich werde froh sein, wenn ich wieder in den Tropen bin.«

»Halt!« rief da ihr Gatte, »da kennst Du die Malerkolonie im Makartlande noch nicht. Vielleicht gefällt es Dir hier besser, als Du denkst. Außerdem wird die Reparatur unseres Luftschiffes noch einige Zeit in Anspruch nehmen.

 

Der Frau Clara gefiel's in dieser Malerkolonie. Ihr Gatte war in den ersten Wochen immer draußen, um das Luftschiff in die Ballonhalle zu bringen.

So blieb Frau Clara nach langer Zeit mal wieder nur unter Damen. Diese gaben sich die größte Mühe, der Frau des berühmten Architekten gefällig zu sein.

Herr Krug zeigte sich zumeist schlechter Laune; das Luftschiff hatte ganz erhebliche Schäden davongetragen – und das dritte Transportschiff war verschollen und blieb verschollen. Zehn Familien wohnten in der Kolonie.

Zwanzig malende Damen waren da und zehn malende Familienväter. Zehn der Damen waren unverheiratete Töchter.

Nun wollte man für den Herrn Krug nebst Gattin ein großes Fest arrangieren – im gut geheizten Kajütensalon, in dem die Wände aus schwarzem Holz bestanden. Die Damen erschienen in den farbenprächtigsten Toiletten. Nur Frau Krug kam im grauen Kleide mit zehn Prozent Weiß.

Herr Krug lächelte und sagte:

»Die Damen sehen, daß meine Frau graues Tuch trägt mit zehn Prozent Weiß. Sie repräsentiert das Einfache und will der Glasarchitektur gegenüber zurücktreten. Wohl eine Überraschung für die Damen.«

Es war tatsächlich eine sehr große Überraschung für die ganze Kolonie.

Man behauptete, daß der Kajütensalon ja keine Glasarchitektur zeige – und daß Herr Krug die Farben doch so liebe.

Herr Krug sah seine roten, stellenweise überpflasterten Hände an, dachte an sein Luftschiff und sagte:

»Daß Sie sich hier ohne Glasarchitektur behelfen – das ist ja grade mein größter Schmerz.«

Nun erklärte man, daß die Heizungsanlagen nicht gut funktionierten. Und da ging die ganze Festesfreude zu Grunde, denn Herr Krug begab sich gleich mit den Malern hinaus und ließ sich alles erklären und ordnete große Reparaturen an und wollte dann den später eingebauten Kajütensalon mit seinen Holzwänden wieder forthaben.

Und man kam ihm auch in dieser Hinsicht durchaus entgegen, als es sich herausstellte, daß die Heizvorrichtungen nach Erledigung der Reparaturen sehr gut funktionierten.

Hiernach kam das graue Kleid der Frau Clara wieder zur Wirkung, denn der große Klubsaal der Kolonie, in dem eben der Kajütensalon hineingebaut war, ließ seine prächtigen Wandglasfarben so hell leuchten, wie's der Architekt gewünscht hatte.

Die Damen der Kolonie erschienen alle in anspruchslosen Kleidern, und jetzt verlief das Fest in größter Behaglichkeit. Frau Krug spielte auf einem Harmonium, und vier Damen gaben ein großes Streichkonzert zum Besten. Man trank den heißen Grog und Chartreuse, Benediktiner und Champagner. Auch Bier war da – aus Melbourne.

 

An Miß Amanda telegraphierte Frau Clara nach einigen Wochen Folgendes:

»Liebe Amanda! Die Katastrophe ist glücklicherweise noch nicht da. Doch eins muß ich sagen: mir tut der Kontrakt weh. Die Damen hier fragen mich natürlich nicht, warum ich immer Grau mit zehn Prozent Weiß trage. Die eine der älteren Frauen, die mich bedienen, ist eine sehr geschickte Schneiderin und macht mein Kostüm trotz des Paragraphen immer wieder anders. Entzückend ist es, wie die Frau die zehn Prozent Weiß immer wieder in andrer Form bringt. Ich trage jetzt sehr viel Pelz. Eine der Malerinnen fragte aber nach dem Emailkleide. Ja – ich verstehe nicht: in den amerikanischen Zeitungen muß ja ein haarsträubender Unsinn gedruckt worden sein. Telegraphiere mir doch mal darüber. Ich sage natürlich vom Ehekontrakt kein Wort. Ich schäme mich eigentlich, daß mein Leben an solchen Kontrakt gebunden ist. Doch die Polarnächte sind wundervoll. Und der Schnee ist blendend schön; wir müssen immer Holzstäbchen vor den Augen haben, wenn wir hinausgehen. Wozu hier der Edgar noch die Glasarchitektur haben will, mögen die Götter wissen; ich weiß es nicht. Indessen – richtig! – er sagte neulich, daß er durchsichtiges Glas verbauen möchte, um eigentümliche Wirkungen mit beleuchteten Eisblumen herzustellen. Die Blumen vermißt man hier sehr. Es gibt nur ein paar Tulpen und ein paar Töpfe mit Schneeglöckchen. Diese sind Edgars Lieblingsblumen. Nun telegraphiere bald. Es wird zum Abendtee geläutet. Ich bin Deine alte Clara.«

Beim Abendtee setzte Herr Edgar den Malern auseinander, daß er ihnen Veranden mit durchsichtigen Fenstern bauen wollte.

Und das geschah denn auch in den nächsten Tagen.

Auch das dritte Transportschiff kam dann an, das zweite war schon bald nach dem ersten angelangt.

Herr Krug blieb neun Monate auf dem Makartlande und interessierte sich für die Polarmalerei außerordentlich.

 

Herr Krug gab den Bauleuten seine Pläne für die Erweiterung der Kolonie und ließ zunächst eine Lichtturmstraße bis zur Ballonhalle und bis zum Hafen bauen. Die einzelnen Lichttürme hatten Obeliskenform und ließen sich vom Schneesturm nicht verdunkeln und verschütten. – Oben leuchteten bewegliche farbige Scheinwerfer.

Miß Amanda telegraphierte von den amerikanischen Zeitungen alles, was sie wußte.

Frau Clara fand in Käte Bändel eine Freundin, der sie alles offenbarte.

Käte Bändel war nicht verheiratet und beschloß, mit Frau Clara mitzukommen.

Diese nahm das Anerbieten mit großer Freude an.

Als nach dreiviertel Jahren Abschied gefeiert wurde, da beklagte Frau Clara sehr lebhaft, daß sie schon wieder fort müßte.

Und ihr Gatte sagte triumphierend:

»Siehst Du? das habe ich Dir ja gleich gesagt.«

Der Käte Bändel war auch ganz traurig zu Mute, sie wäre am liebsten auf dem Makartlande geblieben, wollte aber ihre neue Freundin um keinen Preis allein lassen.

Frau Clara ahnte nicht, daß Fräulein Bändel ihr ein großes Opfer brachte.

Man sah im Pelz noch die vielen Seehunde und Seelöwen. Dann fuhr man im Schlitten durch die Lichtturmstraße zur Ballonhalle, allwo alles einstieg und dreimal hoch in den Lüften das Makartland umkreiste.

Dann wurden die Kolonisten wieder ausgesetzt. Man trank noch stehend ein heißes Glas Grog – und das Luftschiff fuhr nach Norden – den Tropen zu.

 

Und bald lag unter dem Luftschiff des Herrn Krug der australiatische Kontinent.

Man sah von den Ballons der Gondelkajüte die riesigen Eukalyptuswälder.

Herr Krug mußte so tief wie möglich fahren, da die Damen das Land ganz genau sehen wollten.

Und sie sahen dann auch viele Känguruhs. Käte Bändel machte viele landschaftliche Skizzen und erzählte immer wieder von den Herrlichkeiten der Kolonie auf dem Makartlande.

»Sie haben uns ja«, sagte sie zu Herrn Krug, »sehr übel genommen, daß wir eine schwarze Holzkiste in unsern Klubsalon hineinbauten. Nun ja – meinetwegen kann man's ja eine Kiste nennen. Wir nannten die Kiste unsern Kajütensalon und haben dort sehr behagliche Stunden verlebt – wenn's draußen kalt war und der Orkan tobte. Wie haben wir da die Wärme geschätzt in dem kleinen Raum. Und die schwarzen Holzwände hielten so fein den Sturmlärm ab. Ich kann mir ja denken, daß Sie, Herr Krug, als Architekt immer für das beste und herrlichste Baumaterial – eben für das Glas – sein werden. Doch fürchte ich, daß sich die Sehnsucht nach dem Holz im Polargebiet nicht überwinden läßt.«

»Warum?« fragte Herr Krug.

»Nun«, erwiderte Fräulein Bändel, »ich sagte ja schon: der Sturm ist nicht so heftig zu hören – und man hat das Gefühl der Behaglichkeit. Aber – Sie bauen dafür lieber ein paar Dutzend Wände und Eisenbetonplatten und sagen, daß sich's im Glaspavillon noch behaglicher wohnen läßt als im Kajütensalon aus Holz. Gewiß glaube ich, daß die Holzkiste nur eine Gewohnheitskiste ist. Ja! Ja! Wär's aber nicht sehr freundlich von Ihnen, wenn Sie im Polargebiet ein bischen nachgiebiger wären? Die Herren Maler tun ja schon alles, was Sie haben wollen; sie sind gutmütig – die Maler. Ich fürchte nur, die Herren holen gelegentlich ihre alte Holzkiste wieder vor – oder bauen sie wo anders ein. Sie kommen ja nicht so bald wieder zurück zum farbenprächtigen Makartlande. Liebe Clara, Du hast das Prächtigste bei uns unten noch nicht erlebt; das Meer war immer sehr stark bewegt. Es kommt aber vor, daß es ganz ruhig ist und dann eine Eisfläche zeigt. Und die Eisfläche bei der Mitternachtssonne, wenn sie dicht überm Horizont steht! Und dann im Vollmondschein! Das ist, verzeihen Sie, Herr Krug, noch herrlicher als alle Glasarchitektur. Das ist eigentlich vorbildlich für die Glasarchitektur. Die glatte Eisfläche – die ist ja so wie die glatte Glasfläche. Schade, daß Sie beide das nicht gesehen haben. Sie hätten doch länger im Makartlande verweilen müssen.«

Herr Krug wollte noch mehr wissen von der glatten schneefreien Eisfläche.

Und Fräulein Bändel erzählte so lebhaft, daß Herr Krug plötzlich ganz begeistert aufsprang und dann dem Steward zurief:

»Schnell zwei Flaschen Champagner – roten Champagner – vom besten!«

 

Währenddem saß Herr Rechtsanwalt Löwe in seinem Wolkenkratzerhotel zu New-York und empfing einen Herrn Stephan, der sich als Filmfabrikant vorstellte.

»Wollte«, sagte Mr. Stephan, »nur anfragen wegen Heirat des Mr. Krug. Sie waren dabei, als Ehekontrakt aufgesetzt wurde. Weiß schon Alles. Miß Krug soll immer schwarze Garderobe tragen. Miß Amanda Schmidt war auch dabei. Nun will ich farbige Films von Turm zu Babel machen lassen – und da das Souper aufnehmen, bei dem der Kontrakt fixiert wurde. Sehr interessant! Sensation für die Europäer! Biete Ihnen, wenn Sie mitmachen, zehntausend Dollars; Miß Schmidt kann ebensoviel bekommen. Mr. Krug nebst Gattin wird durch Schauspielerin und Schauspieler dargestellt.«

»Ist ja ein«, rief Mr. Löwe, »ganz närrischer Einfall. Übrigens mit der schwarzen Farbe stimmt das nicht.«

»Gut«, sagte Mr. Stephan, »so nehmen wir Grau. Kommt ja nicht so genau darauf an. Die Europäer haben jedenfalls ihre Sensation. Und sie lernen dabei auch die Glasarchitektur von Chikago kennen. Dieses Hauptsache! Die Ausstellungsdirektion steuert etwas zur Sache bei. Ist ja Riesenreklame.«

»Dann«, versetzte Herr Löwe, »müssen Sie das Honorar verdoppeln.«

»Mehr als zwölftausend Dollars«, rief der Geschäftsmann, »kann ich aber nicht geben. Beim besten Willen: es geht nicht.«

»Dann geben Sie«, sprach der Rechtsanwalt ernst, »fünfzehntausend Dollars.«

»Dreizehntausend«, rief der Fabrikant.

»Dreizehn«, sagte Herr Löwe, »ist eine böse Zahl. Sagen Sie vierzehn!«

Mr. Stephan höhnte über den Aberglauben, und sie einigten sich auf dreizehntausendfünfhundert Dollars.

»Doch«, fügte Herr Löwe hinzu, »fragen Sie erst bei Miß Amanda Schmidt an. Sie hat die Entscheidung. Wenn sie nicht will, kann aus dem Geschäft nichts werden.«

»Fahre«, sagte Mr. Stephan, mit dem Hute in der Hand, »sofort nach Chikago und werde alles arrangieren.«

Und es wurde alles arrangiert – nachdem mehrere Depeschen zwischen Miß Amanda und Mr. Löwe gewechselt waren.

Noch am selbigen Tage kam alles zu Stande. Und einen Monat später gingen die Films in alle Welt.

 

Als das Luftschiff des Herrn Krug den australiatischen Kontinent nicht mehr unter sich hatte und bereits über der Insel Java dahinschwebte, begann der Architekt seinen beiden Damen vom Kinibalobad auf Borneo zu erzählen.

»Die Damen glauben ja gar nicht«, sagte er heftig, »wie viele unerfüllbare Wünsche einem Architekten vorgetragen werden; es ist wahrlich nicht leicht, mit reichen Herren umzugehen; man weiß immer nicht, ob die Herren Bauherren nur Geschäfte machen oder nur Vergnügen haben wollen – oder ob sie geneigt sind, für ästhetische Interessen sich einzusetzen. Ich habe immer die Empfindung gehabt, daß die meisten Bauherren gar nicht wußten, was sie eigentlich wollten. Der Architekt muß ihnen erst ein paar Ideen aufsuggerieren. Das ist nicht immer leicht – besonders dann nicht, wenn man's mit einer Gesellschaft zu tun hat, in der die führenden Köpfe nicht gleich als solche erkenntlich sind. Wenn aber mal ein reicher Bauherr eine eigene Idee hat, dann ist es sicher eine so abenteuerliche unausführbare Idee, daß man einen heillosen Respekt vor den Gedankenflügen der reichen Herren bekommt. Entschuldigen Sie gütigst, daß ich so umständlich bei der Einleitung verweile. Aber sie ist für die Geschichte des Kinibalobades nicht zu umgehen. Schon vor fünf Jahren fing die Geschichte an. Damals sollte der ganze Berg Kinibalo, der auf der Nordspitze von Borneo liegt und viertausendeinhundertzehn Meter hoch ist, zu einer Pyramide umgeformt werden. Sie lachen! Ja – Sie haben es leicht, zu lachen. Ich aber mußte damals dem reichen Bauherrn die Sache ausreden; ich ging natürlich auf die sogenannte Idee zunächst ein. Er wollte ein Gegenstück zu den ägyptischen Pyramiden haben. Dort, sagte er öfters, sind die Pyramiden des Todes, hier soll die Riesenpyramide des Lebens hinkommen. Also, erwiderte ich, es soll ein Weltbad werden, und es sollen die Badegäste auf dem Berge wohnen. Ja! Ja! meinte er lachend und bestellte gleich den ältesten Rheinwein. Und dann haben wir tagelang über die Sache debattiert. Und schließlich wurde aus der anfänglich ganz verrückt klingenden Idee doch etwas Vernünftiges. Der Berg blieb Berg, wurde nicht in eine Pyramide umgewandelt. Dagegen entstanden in allen Höhen des Berges entzückende Kolonieen und Restaurants. Der Kinibalo liegt ja dicht überm Äquator. Darum war es nur natürlich, daß die Badegäste mehr oben auf dem Berge angesiedelt wurden. Und das geschah denn auch. Nun ist die ganze Spitze des Berges bewohnbar gemacht. Natürlich – die Anlage wird noch nach zwanzig Jahren nicht ganz fertig sein. Aber – das schadet ja nichts. Was bis jetzt da ist, kann sich schon sehen lassen. Und – das Kinibalobad ist heute bereits ein Modebad. Ich höre soeben, daß fünfzehntausend Badegäste momentan da sind – trotz der sehr erheblichen Preise. Das Wichtigste war, die Gepäck- und Personenbeförderung von unten nach oben und von oben nach unten zu regeln. Ich schlug natürlich Zahnradbahnen vor. Aber – da widersetzte sich der reiche Bauherr und erklärte, daß die Zahnradbahnen in das ästhetische Gesamtbild, in dem so viel Glas verwertet sei, nicht hineinpassen. Und da hat man nun Hebelbahnen gebaut. Das ist ein ganz besonderer Scherz. Wir werden oben auf dem Berge landen. Ich komme wahrscheinlich, wie mein Steuermann sagt, in der Nacht an. Sie werden, meine Damen, staunen – über das Kinibalobad. Ich achtundvierzig Stunden dürften wir dort sein.«

Die Damen waren nun sehr neugierig.

Und sie freuten sich auf das berühmte Kinibalobad wie die Kinder.

 

Über der großen Insel Borneo setzten sich am nächsten Tage ein paar Dutzend rosafarbene Flamingos auf die Gondelkajüte, und die Tiere kamen auch hinunter auf die Balkons und wurden dort gefüttert.

Einzelne der Tiere flogen bald wieder fort, aber drei Flamingos blieben – wie die Haustiere da. Sie wurden von den Damen und Herrn Krug so splendid gefüttert, daß sie nicht mehr fortflogen.

Bald darauf sahen die Luftschiffer den Berg Kinibalo. Viele Scheinwerfer umzuckten die Spitze des Berges. Herr Krug meldete sich durch Scheinwerfersignale an – und dann umkreiste das Luftschiff den Berg, und dabei sahen die Damen des Herrn Krug, daß auf dem Berge an die hundert Luftschiffe und Aeroplanfahrzeuge lagerten. Die gaben alle mit Scheinwerfern Begrüßungssignale, so daß sich die Landung oben sehr feierlich gestaltete.

Jetzt begann gleich für die Damen ein großes brillantes Gesellschaftsleben. Herr Krug ließ seine Damen, als er Mr. Webster sah, der Obhut dieses Herrn und widmete sich sofort den Direktoren der Badegesellschaft.

Mr. Webster zeigte den Damen alle Sehenswürdigkeiten – besonders die Hebelbahnen. Diese beförderten Personen und Gepäck durch fünfhundert Meter lange Hebelarme in ein paar Minuten hinunter und hinauf. Das ging sehr schnell und immer im großen Bogen durch die Luft.

 

Da nun die Damen tagelang sich selbst überlassen blieben, überredete Fräulein Bändel eines Abends die Frau Clara, bei einem Lampionfeste auf einer zweitausend Meter hoch gelegenen Seeterrasse doch mal statt zehn Prozent Weiß – zehn Prozent Schottisch (ganz bunt karierte Seide) zu tragen. Frau Clara willigte ein und tat, was Fräulein Bändel wollte.

Und so erschienen Beide in dem großen Berglokal.

Herr Krug kam grade hinzu.

Und – seine Miene zeigte eine solche Empörung, daß Frau Clara errötend sagte:

»Verzeih!«

»Nein!« rief er wild.

»Es geschah auf meine Veranlassung!« rief Fräulein Käte Bändel.

»Dann«, sagte Herr Krug kühl, »empfehle ich Ihnen, mit dem nächsten Luftschiff – es fährt morgen früh eins ab – zurück zum Makartlande zu fahren.«

»Ich fahre!« sagte Fräulein Bändel.

Frau Clara ließ sich ihren Mantel anhelfen und begleitete Fräulein Bändel.

Herr Krug fuhr mit der Hebelbahn zum Strande und nahm – mitten in der Nacht – in den Fluten des Ozeans ein lauwarmes Bad; die Bäder unten waren durch Drahtnetze sorgsam gegen Haifische geschützt.

Herr Krug glaubte, seine Frau würde Fräulein Bändel begleiten – bis ins Makartland; Fräulein Bändel aber fuhr allein zum Makartlande zurück.

Und Frau Clara erschien wieder in Grau mit zehn Prozent Weiß, so, als wenn gar nichts geschehen sei.

Herr Krug war kühl aber höflich, und er kam auf die zehn Prozent Schottisch nicht mehr zurück.

Frau Clara telegraphierte an Miß Amanda: »Du glaubst nicht, was ich erlebt habe. Das war geradezu entsetzlich. Edgar kann ein Gesicht machen! Das kann einem Tierbändiger Angst machen! Ich legte zehn Prozent Schottisch an. Und da kam Edgars Gesicht. Miß Bändel hat mich sofort verlassen. Jetzt tun wir so, als wäre gar nichts vorgefallen. Ich aber fürchte, daß ich eine derartige Tyrannei nicht mehr lange aushalte. Clara.«

Und Amanda telegraphierte:

»Ich hätte diese Tyrannei nicht eine einzige Stunde ausgehalten. Amanda. Telegraphiere sobald Dir wieder etwas passiert.«

 

Eines Abends traf das junge Ehepaar in einem der beliebtesten Bergrestaurants wieder mit Mr. Webster zusammen. Es war das Lokal zum weißen Elefanten. Der Gastwirt, ein sehr gesprächiger Herr, erzählte vom Tode eines guten alten Freundes, der viele ganz zahme Flamingos besessen hatte, die leider verschwunden seien. Da erzählte nun Mr. Krug von den Flamingos, die auf sein Luftschiff kamen. Und es war bald klar, daß diese Flamingos dem alten verstorbenen Herrn gehört hatten. Mr. Krug schenkte die drei Vögel dem Gastwirt zum weißen Elefanten. Die Tiere wurden gleich herbeigebracht und erregten überall das größte Aufsehen. Erben hatte der verstorbene alte Herr nicht, und so ging die Besitzübernahme ohne weitere Formalitäten vor sich.

Frau Krug wollte etwas sagen.

Aber ihr Gatte schnitt ihr rasch das Wort ab, indem er sagte:

»Hiermit geht wieder eine peinliche Erinnerung rasch in den dunkelsten Hintergrund.«

Mr. Webster hörte das, mißverstand es und sagte:

»Jawohl, den Hintergrund dieses Lokals müssen wir noch besichtigen. Das ist ja hier eine große Sehenswürdigkeit.«

Man sah noch, wie die Sonne farbenprächtig im dunkelblauen Meere unterging und begab sich danach in den vielgepriesenen Hintergrund – in einem großen Hallensaal, in dem die Wände natürlich aus Glas bestanden. Aber – hier war das Glas schüssel- und schalenartig, so daß die Wand von jedem Punkte aus anders wirkte. Von den Schalen, deren tiefere Teile in die Wand hineingingen, waren viele opalisierend – und andre mit Tiffanywolken – auch solche aus buntem Eisglas waren da – und Filigranglas zeigte sich an den Rändern. Da die Schalen von hinten immer wieder anders erleuchtet wurden, gab das oft einen hinreißenden Effekt.

Und Herr Krug bat seine Frau, immer wieder in andrer Stellung vor den Glaswänden zu stehen. Und er erklärte dabei das graue Tuch vor der Glaswand für das beste Kostüm. Und andre Damen, die grade zugegen waren, gaben dem Architekten Recht. Und der Frau Clara wurde die Sache bald peinlich; sie wollte hinaus und behauptete, Kopfweh zu haben.

Da fuhren alle mit der Hebelbahn zur Spitze des Kinibalo.

 

Und auf der Spitze des Kinibalo sah man den großartigen Sternenhimmel. Alle Sterne leuchteten ganz klar auf dem dunklen Himmelsgrunde.

Und die Sterne spiegelten sich in den Fluten des Ozeans, der wie eine große Schüssel sich nach allen Seiten aufreckte.

Ein paar Aeroplane fuhren mit Scheinwerfern durch den Nachthimmel.

Es war sehr still oben auf dem Berge; von der Meeresbrandung hörte man nicht einen Ton.

Frau Clara fröstelte, und ihr Gatte hing ihr ein großes Tuch um und ließ ihr ein Glas Grog bringen.

Die Herren tranken ebenfalls Grog auf Frau Claras Wohl.

Man saß bis Mitternacht oben in dem großen Spitzenlokal.

Nur bunte Laternen leuchteten da oben und die Sterne des Himmels.

Der Mond ließ sich nicht sehen.

Meteore zogen in Parabelbahnen durch den Sternenhimmel.

Am Horizonte strahlte die Venus.

 

Am nächsten Tage fuhren Krugs nach Japan, allwo sie in ein ganz apartes Glasreich kamen, das in einem kleinen Bergwerke lag. Da hier eine sehr angenehme Temperatur herrschte, gingen alle Damen – besonders die kleinen Japanerinnen – in den luftigsten Kostümen, die natürlich sehr sehr bunt aufleuchteten und Herrn Krug gar nicht gefielen, da sie die Buntheit der Wände übertönten.

Herr Krug wollte auch hier die Bedeutung des grauen Tuchs seiner Gattin preisen – kam aber schön an. Besonders widersetzten sich die kleinen Japanerinnen.

Die Marquise Fi-Boh sagte:

»Mein edler Herr! Ihre Bemerkungen über die Kontrastwirkungen mögen ja wohl in dem ziemlich zurückgebliebenen Europa einen gewissen Eindruck gemacht haben. Was macht da nicht Eindruck? Aber wahr ist an Ihrer Ästhetik nicht eine Silbe, mein edler Herr! Ihre bunte Architektur ist entzückend wie ein Sonnenaufgang im stillen Ozean. Das Kostüm Ihrer Gattin – verzeihen Sie meine Offenheit, gnädige Frau! – ist abscheulich wie ein altes Gespensterlaken. Mir tut Ihre Gattin in der Seele leid, mein edler Herr! Gestatten Sie, daß wir Ihre Gattin umkleiden?«

»Nein!« rief Herr Edgar wild.

Und er faßte Frau Clara am Arm und wollte mit ihr fort.

»Welche Ungezogenheit!« rief die kleine Marquise Fi-Boh.

Und da mußte Frau Clara plötzlich lachen, und alle Damen lachten mit, daß es schauerlich durch die stillen Glasräume hallte.

Jetzt erklärte Mr. Krug mit jämmerlicher Miene, daß er jetzt Kopfweh habe, und er bat, ihn zu entlassen.

Und er ging mit seiner Gattin schweigend zum nächsten Fahrstuhl.

 

Der Architekt erledigte nun alles, was er hier noch anzuordnen hatte, in großer Hast, sandte dann Abschiedskarten an die Damen und Herren der Gesellschaft und fuhr im Luftschiff rasch bei Nacht und Nebel davon, so daß man Frau Clara Krug in Japan nicht zum zweiten Male im grauen Tuch mit zehn Prozent Weiß erblicken konnte.

Das Luftschiff fuhr nach Nordindien, wo Mr. Krug die architektonischen Anlagen in einem großen Tierpark zur Ausführung brachte.

 

Frau Clara telegraphierte an Miß Amanda von Schanghai aus:

»Amanda! Jetzt wird die Sache amüsant. In Japan hat man mich einfach ausgelacht. Mein Gatte ist mit mir bei Nacht und Nebel davongefahren. Was man alles erlebt, wenn man graues Tuch mit zehn Prozent Weiß trägt! Es ist kaum zu glauben! Ich bin jetzt sehr gespannt, wie's weitergeht. Telegraphiere nicht! Warte, bis ich Dir Weiteres mitgeteilt habe. Die japanische Marquise Fi-Boh hielt eine Rede an Edgar. Einfach himmlisch! Das Nähere später! Jetzt geht's nach Indien. Ich bin ganz vergnügt und wie stets Deine alte Clara.«

Dieses Telegramm erregte natürlich in Chikago bei Miß Amanda große Neugierde, sie teilte den Inhalt des Telegramms sofort dem Rechtsanwalt Walter Löwe mit, der noch immer in Geschäftsangelegenheiten in New-York weilte und die ganze Tuchgeschichte beinahe vergessen hatte.

 

Zwanzig Meilen südwestlich von Schanghai bemerkte Frau Clara auf ihrem Gondelbalkon, daß in nicht allzu großer Entfernung ein Aeroplan fast senkrecht vom Himmel herunterfiel, sie rief:

»Edgar! Edgar!«

Dieser kam, sah das Luftvehikel, stürmte nach hinten zum Steuermann und setzte dort eine Maschine in Bewegung; er wirkte durch drahtlos dirigierte Wellen auf die Steuervorrichtung des Aeroplans, und es gelang, das Fahrzeug kurz vor der Berührung mit dem Erdboden seitwärts abzulenken und ganz korrekt landen zu lassen.

Frau Clara war durch dieses Manöver so aufgeregt worden, daß sie einen kleinen Weinkrampf bekam.

Mit Farbensignalen sprach man nun vom Luftschiff zu dem geretteten Aeroplan.

Und von hier kam – auch durch Farbensignale – folgende Antwort:

»Hier Mr. Burns vom Tierpark in Nordindien. Besten Dank für die Lebensrettung. Ich muß einen kleinen Ohnmachtsanfall gehabt haben.«

Mr. Burns wurde mit seinem Apparat zum Luftschiff emporgezogen.

 

Im Tierpark, der am Fuße des Himalayagebirges lag, stellte Mr. Burns dem Architekten und seiner Gattin gleich seine ganzen Wohnräumlichkeiten zur Verfügung.

Mr. Burns hatte die zahmen Tiere unter sich – besonders die Ziegen und die Büffelherden – er war ein Feind aller wilden Tiere und wollte Mr. Krug überreden, doch ein paar kräftige Worte gegen das Auffüttern der Tiger, Löwen und Leoparden zu sagen.

Auch Miß Clara Krug sollte nach dieser Richtung hin tätig sein.

Mr. Krug versprach, alles Mögliche zu tun, bemerkte aber gleichzeitig, daß die Tierparkgesellschaft nicht veranlaßt werden könnte, den ganzen Plan der großen Anlagen so rasch zu verändern; nur allmählich wäre hier, meinte er, etwas zu erzielen.

Und Miß Clara sagte, daß sie überhaupt nichts zu sagen habe – und in allen Dingen ganz von ihrem Ehemann abhängig sei. Dieses aber kam mit einem merkwürdigen Zucken der Mundwinkel heraus. Und der Architekt sah seine Frau mit hochgezogenen Augenbrauen an und wußte nicht, ob diese Unterwürfigkeitserklärung nur ein großer Hohn oder ein Phrasengewäsch sei.

Edgar sagte nur leise:

»Zehn Prozent Schottisch!«

Mr. Burns verstand das natürlich nicht, doch glaubte er, daß sein Lebensretter auch ein Feind der wilden Tiere sei – und das genügte dem Ziegen- und Rinderfreund.

Die Anlagen des Tierparks waren aber so umfangreich, daß sie sich nicht einmal von der Gondel des Luftschiffes aus ganz und gar überblicken ließen; man hatte viele Gebirgsschluchten für die Tiere hergerichtet.

Dieses Schluchtenterrain wirkte an vielen Punkten nicht sehr übersichtlich. Der Architekt hatte zunächst nur die Terrains für bestimmte Tiersorten durch hohe Mauern abzugrenzen. Die standen nun sämtlich da – und kamen dem Mr. Krug alle zusammen herzlich primitiv vor, da sie zumeist Backsteinbauten waren, die dem Glasarchitekten natürlich widerstrebten.

Aber – auf allen Mauern fuhren elektrische Wagen. Und die Fahrstühle führten auch die Bahnwagen hinauf und hinab. Und die Mauern zeigten viele Loggien, von denen aus die Tiere sehr bequem beobachtet werden konnten. Die sogenannte Löwengrube wurde von den Besuchern des Tierparks ganz besonders bevorzugt; auf einem sehr großen Terrain brüllten da über hundert Löwen herum. Das war ein sehr großes Gebrülle.

An Lichttürmen und großen Laternen war kein Mangel, Herrn Krug imponierte die ganze Geschichte sehr wenig.

»Mehr Glas!« sagte er öfters.

Und dann pries er den Blick zu den schneebedeckten Bergriesen empor.

»Das ganze Gebirge«, meinte er zu Mr. Burns, »möchte ich bebauen. Das wäre noch eine Aufgabe. Leider ist unsre Zeit für eine wahrhaft kühne Architektur noch immer nicht reif.«

Mr. Burns sah den Architekten ganz scheu von der Seite an. Und er mied darauf seinen Lebensretter, den er einfach für verrückt hielt. Miß Clara bemerkte das und lächelte.

Nun gab es aber einen großen Platz in dem Terrain, den man wohl einen Vergnügungsplatz nennen konnte – denn da gab es Wettrennen von Pferden und Giraffen, Elefanten und Maultieren usw. Auch kinematographische Theater gab's da.

Und ein Mr. Stephan aus Chikago stellte sich dem Mr. Krug vor und bat ihn, doch mit seiner Gattin in sein Kino zu kommen.

Und da gab's zu sehen:

»Die Hochzeit des berühmten Architekten.«

Mr. Edgar und Miß Clara sahen mit immer größeren Augen, wie sie dort auf dem Turm zu Babel den Ehekontrakt unterzeichneten. Die Stimme des Grammophons tönte sehr energisch, als die Theater-Clara sagte:

»Ich bin bereit, mein ganzes Leben hindurch graues Tuch zu tragen. Ich geh' auf alles ein, denn ich liebe die Glasarchitektur so sehr, daß ich ihr mit buntem Kostüm niemals Konkurrenz machen möchte.«

So ging's weiter auf der kleinen Bühne. Miß Amanda Schmidt und Mr. Walter Löwe sprachen auch. Und die ganze Vorstellung dauerte eine kleine halbe Stunde. Man hörte das Knallen der Champagnerpfropfen, sah den Ampeltanz und die prächtigen bunten Glaswände, die den Turm zu Babel herrlich umrahmten. Mr. Stephan rieb sich vergnügt die Hände. Das Ehepaar rückte mit den Stühlen hin und her.

Herr Edgar stand schließlich auf und wollte mit kurzer Verbeugung Mr. Stephan verabschieden. Das gelang ihm aber nicht, denn Miß Clara rief nach Schluß der Vorstellung:

»Herr Stephan, Sie haben ja zehn Prozent Weiß vergessen. Ist denn Miß Amanda auch durch eine Schauspielerin dargestellt worden? Das muß eine ganz vortreffliche Schauspielerin gewesen sein.«

Mr. Stephan sagte, etwas blöde dreinblickend:

»Ja! Ja! Vortreffliche Schauspielerin! Hat eklig viel Honorar gekostet. Die Geschichte ist ja besonders für die Europäer gefilmt. Die sind ja so für die Sensationsehen – und besonders für die Sensationshochzeiten. Von den zehn Prozent Weiß habe ich niemals etwas gehört. Schade! Schade! Bitte Sie sehr, nichts davon verlauten zu lassen.«

»Und«, bemerkte nun finster der Edgar, »Mr. Löwe haben Sie auch durch einen Schauspieler darstellen lassen?«

»Ja! Ja!« rief wieder der Mr. Stephan.

»Dann muß ich Sie«, fuhr Mr. Krug fort, »nur darauf aufmerksam machen, daß ich Mr. Löwe sofort telegraphieren werde. Es ist doch merkwürdig, daß die Geschichte ohne mein Vorwissen in die Öffentlichkeit gezerrt worden ist. Sie sprechen von den Europäern. Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß ich auch ein Europäer bin; ich bin in Europa geboren und wohne dort.«

»Du wohnst«, rief nun Frau Clara, »in Europa? Das ist mir ja ganz was Neues! Wo denn da? Bei unsrer Hochzeit ging, Mr. Stephan, tatsächlich alles so eilig, daß ich mich noch gar nicht danach erkundigt habe, wo mein Gatte eigentlich wohnt. Und wir sind bald ein Jahr verheiratet.«

»Liebe Clara«, versetzte Mr. Edgar sehr förmlich, »ich wohne auf der Isola Grande im Lago Maggiore – vis à vis Brissago. In dem alten langen See, den die alten Römer den Verbano nannten. Das hättest Du längst von mir erfahren können. Jetzt müssen wir aber zu Mr. Burns. Wir haben ihm versprochen, unser Frühstück mit ihm zusammen einzunehmen. Leider ist er ein sehr wunderlicher Herr, so daß ich mir nicht erlauben darf, Sie, Mr. Stephan, mitzubringen. Sie entschuldigen uns wohl. Besten Dank für das theatralische Schauspiel.«

Mr. Stephan dienerte noch viel und sagte zerstreut zehn bis zwanzig Mal:

»Hat mich sehr gefreut! Hat mich sehr gefreut.«

Und dann fuhren Krugs davon.

Auf der Mauerbahn, die neben der Löwengrube dahinsauste, brüllte Mr. Edgar plötzlich viel lauter als alle Löwen und schrie:

»Donnerwetter! Der Teufel schlag rein.«

Miß Clara schrak zusammen.

Sie frühstückten dann schweigend allein. Von Mr. Burns sprachen sie nicht mehr.

 

Aber jetzt wurde das Telegraphenamt in Bewegung gesetzt.

Mr. Edgar Krug telegraphierte an Mr. Löwe, New-York:

»Soeben die Filmgeschichte gesehen. Das ist ja haarsträubend. Ich bitte Dich als Rechtsanwalt, mir zu sagen, was ich dagegen machen kann. Hole der Kuckuck den infamen Ruhm. Muß man sich Derartiges gefallen lassen? Oder – kann man nach unsern heutigen Gesetzen etwas dagegen machen? Du bist ja durch einen Schauspieler brillant wiedergegeben. Bist Du heute auch schon so berühmt, daß Dich Schauspieler genau imitieren können? Dann muß ich Dich lebhaft bedauern. Hier im Tierpark Nordindien. Sehr viele wilde Tiere hier. Ich bin bald auch ein wildes Tier. Dein alter Freund Edgar.«

Dieses Telegramm wirkte auf Mr. Löwe sehr lustig, er sprach gleich telephonisch mit Miß Amanda Schmidt in Chikago und sagte ihr unter Anderem:

»Wenn Edgar tatsächlich nicht bemerkt, daß wir selber bei der Filmgeschichte mittätig waren, so wollen wir die Sache verschweigen.«

Damit erklärte sich Miß Amanda vollkommen einverstanden; sie erhielt gleich von Miß Clara auch ein Telegramm – das lautete so: »Amanda! Welch ein Skandal! Nie heirate ich wieder einen berühmten Mann. Ich danke bestens für alle berühmten Männer. Sie können mir gestohlen bleiben. Man wird ja in frechster Weise kompromittiert. Und die zehn Prozent Weiß hat der Mr. Stephan einfach weggelassen. Ich sehe wie eine Nachteule aus. Kennst Du die Schauspielerin, die Dich dargestellt hat, näher? Mit solchen Personen, die andre nur kompromittieren, geht man doch nicht um. Das Beste wäre: Du kämst hierher in den Tierpark. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Am liebsten möchte ich die Scheidung einleiten. Durch Berühmtheiten wird man ja blamiert – in infamster Weise. Ich bin es müde, mich dem Gelächter der ganzen Welt auszusetzen. Jetzt habe ich genug von dem grauen Tuch. Komm, so rasch du kannst. Deine arme Clara.«

Kurzum: Diese beiden Telegramme bewirkten, daß Miß Amanda und Mr. Löwe sofort die Reise nach Indien antraten – auch in einem Luftschiff.

 

Kaum waren Krugs aus dem Telegraphenamt herausgekommen, so trafen sie Mr. Burns, der sie schmerzlich beim Frühstück vermißt hatte. Und neben Mr. Burns stand Mr. Webster vom Erholungsheim auf den Fidschiinseln.

Mr. Webster wollte wieder nach London zurück. Und er hatte sich schon alle Sehenswürdigkeiten angesehen – auch die »Hochzeitsgeschichte eines berühmten Architekten«. Und er gratulierte dem Ehepaar zu dem kleinen Scherz.

»Was ist denn da«, sagte Mr. Krug, »zu gratulieren? Ich habe meinen Rechtsanwalt mit der Angelegenheit bekannt gemacht. Er kommt her.«

»Ja«, versetzte Mr. Webster, »von juristischen Dingen verstehe ich nichts. Ich gehe grundsätzlich allen Rechtsanwälten einfach aus dem Wege. Na – so schnell kann er ja noch nicht hier sein. Ich schlage jedenfalls eine kleine Ballonfahrt zu den Bergen empor vor. Miß Burns will uns begleiten. Dann sind wir fünf. Einverstanden?«

Man war's, und bald schwebten die Fünf in einem besonderen lenkbaren Luftschiff zu den Bergen empor – sie schwebten über grausigen Tälern und über Bergen mit ewigem Schnee. Und sie umkreisten den großen Gaurisankar, den höchsten Berg der Erde. Und Mr. Krug wurde sehr gesprächig dabei.

Er sagte mit Heftigkeit:

»Es ist doch empörend, daß man diese einsame grandiose Gebirgswelt noch immer nicht bewohnbar gemacht hat. Bei dem heutigen Stande der Luftschiffahrt kann man das Baumaterial sehr leicht mit Luftschiffen heraufbringen. Auch die Hebelbahnen auf Borneo können hier als Transporteure benutzt werden. Es ist doch zu traurig, daß die Menschen immer noch nicht von der höheren Baulust gepackt worden sind. Es gibt auf der Erde noch soviel unbenutztes Bauterrain.«

Mr. Burns kraute sich wieder hinter den Ohren und sah seine Frau bedeutungsvoll an.

Und dann bewunderten alle Fünf mit Opernguckern die gewaltige Gletscherherrlichkeit. Und sie waren noch oben, als die Sonne unterging. Um Mitternacht landeten sie wieder unten im Tierpark Nordindien.

 

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