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Das Grab des Herrn Schefbeck

Josef Ruederer: Das Grab des Herrn Schefbeck - Kapitel 6
Quellenangabe
typenovelette
authorJosef Ruederer
titleDas Grab des Herrn Schefbeck
publisherSüddeutsche Monatshefte G.m.b.H.
year1912
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081008
projectideaf73d4d
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Aber was er auch dachte und zusammenreimte, der tote Herr Schefbeck, sie machten nicht halt vor ihm, weder die Augen noch die Gedanken von Olly. Sie maßen das Grab, sie maßen das Geld, das riesige Geld, sie maßen die Entfernung vom Camposanto, vom südlichen Friedhof zu den Reihengräbern des östlichen. Niemals hatte Olly diese Stätte betreten. Und jetzt sah sie auf einmal dem Dunkel des Abends einen niederen Erdhügel mit einfachem Kreuz entsteigen, so deutlich, als hätte sie da draußen schon selber gewohnt. Während sie aber hinstarrte, hörte sie plötzlich das Gelächter der Stadt, den gellenden Entrüstungsschrei von jung und alt, von hoch und nieder. Oh, welche Affäre, welch ein Skandal! Mit den Fingern würde man auf sie weisen, mit vollen Backen würde man sie verfluchen. »Meinetwegen!«, sagte sie halblaut vor sich hin und blickte noch fester auf ihren Gatten, diesmal sogar mit dem Ausdruck eines bösen Trotzes. Ob er wollte oder nicht – er mußte heraus aus der Gruft! Denn, wenn sie es recht bedachte, dann trug er alle Schuld und hatte sie sitzen lassen im schrecklichsten Elend, gerade so, wie es die Börnerau immer behauptete; noch mehr, er hatte sie regelrecht angeschwindelt. Also, vorwärts Herr Schefbeck, zur Wanderung gerüstet! Er wollte nicht? Er berief sich auf sein Recht, auf Verbriefung, Urkunde und Magistratsräte? Da konnte geholfen werden. Nicht mit Brutalität, nein mit dem Gefühl, mit dem letzten Aufwand von Pathos, der ihrer Handlung auf drei Tage nach außen sogar noch ein schönes Mäntelchen umlegte.

»Wenn ich sage, ich kann mich nicht von ihm trennen? Wenn ich sage, ich nehme ihn mit mir nach Monte Carlo? Wenn ich sage, ich lasse ihm dorten ein Grab bauen, noch viel schöner und großartiger, als er's hier gehabt hat, dann ..., dann fallen die Esel darauf rein! Ja, so ist's am besten! Karl Borromäus, 's ist schon tief im Herbst, kühl und neblig wird's draußen, drum lös dir eine Fahrkarte ... du bist ohnehin so gern an die Riviera gegangen, so geh auch diesmal, gelt?«

Damit sprang sie in die Höhe, und in ihren Augen funkelte es wie von sprühendem Feuer. An die Börnerau direkt? Das ging nicht mehr nach der Szene. Aber für was war denn ihr ehemaliger Bräutigam da, der Herr Hofrat, der treue Freund der Frau Generalin, der Freund des Bürgermeisters, des Rechtsrats, der Freund von Gott und der Welt? Der mußte alles erledigen, der mußte die Herren dahin bringen, wohin sie verlangte. Freilich, er würde schon ungestüm werden, er würde schon fordern. Aber sie würde zurückhalten, nur versprechen würde sie, und obendrein wollte sie ihm die Ueberraschung so bitter wie möglich machen. Das war ihr letzter Trumpf. Ihn reizen, ihn kitzeln, bis sie das Geld besaß, und dann eilig davon. Wenn er aber brutal wurde, dann schrie sie um Hilfe, oder sie schoß ihn nieder. Auf, fort in das Schlafzimmer! Dort riß sie die Kleider herunter in fiebernder Hast, mit zitternden Händen, bis sie nackt in der Mitte des Zimmers stand. Dann stellte sie sich vor den Spiegel, sie reckte sich, sie lächelte sich selber zu, befriedigt von der eigenen Schönheit, gewiß ihres Sieges, den sie noch steigern, noch überbieten wollte. Darum holte sie durchbrochene, seidene Strümpfe heraus, sie warf ein Batisthemd über, das Hals und Arme freiließ, sie frisierte die Haare. Jetzt, wo alles bereit war, mit einem Satz in das weite, mächtige Bett und zurückgelehnt in die Kissen. Sie hatte es Herrn Schefbeck ja immer gesagt, daß man nichts ernst nehmen dürfe, am letzten die gute Gesellschaft. Ein paar Jahre noch, dann würde sie wiederkommen, dann würde alles vergessen sein, alle Schärfe, alle Schroffheit wieder verwandelt in alte Gemütlichkeit, – wie nach dem Fall mit dem Grellinger. Drum ohne Zaudern auf den Elfenbeinknopf gedrückt!

»Ich bin krank, sehr krank. Holen Sie sofort den Herrn Hofrat.«

Das rief sie so laut, so energisch, daß Herr Schefbeck es wieder hörte, draußen im Camposanto. Noch schlechter wurde es ihm da in seinem Sarge als ihm schon war. In letzter Verzweiflung wollte er seine verglasten Augen in die Richtung drehen, wo die Grundstücke lagen, die weiten Felder, die er der Stadt vermacht hatte. Wo blieb denn der Bürgermeister mit seiner schönen Rede, wo blieb der Schwartzkogel, der hochgelehrte Professor? War auch alles verpfändet, der Schwindel haushoch aufgetragen wie die Hypotheken und die nach Fäulnis schmeckenden Schutthaufen – zum Teufel nochmal, etwas mußte ja doch noch herauszuklopfen sein bei dem Handel, und war's auch nur so viel, daß er sein Grab behalten konnte, daß er nicht fort zu wandern brauchte ins graue Elend, in die Armut, weg über bläulich schimmernde Lederstiefel und in Stücke geschlagene Nachttöpfe. Scheußliches Bild! Herr Schefbeck wußte, das alles lagerte statt der sauberen Arbeiterhäuschen mit den grünen Fensterläden, den Springbrunnen und den modernen Bildern da draußen, dicht neben leeren Konservenbüchsen und verbuckelten Eisenkübeln. Und bei dem Gedanken hätte er sich am liebsten bekreuzigt. Verflucht der Spekulant, der Bauunternehmer, der zu dem Kaufe geraten hatte! Jetzt standen die betrogenen Teilhaber mit langen Gesichtern herum, nur einer von ihnen rührte sich und schwang einen Hammer. Einen kleinen unscheinbaren Holzhammer. So schien es wenigstens Herrn Schefbeck in seinen schrecklichen Vorstellungen, ja, er meinte deutlich dabei zu hören, daß ausgerufen wurde, wie bei einer Versteigerung.

Aber die Schläge wuchsen und wuchsen, als kämen sie vom mächtigsten Eisenwerke, plötzlich stemmte es dazwischen mit Winden und Bohrern, und auf einmal riß es den Gruftdeckel empor wie am Tage des Gerichtes. Nach beiden Seiten, mit jähem Rucke, daß es laut widerhallte in den Gewölben. Und immer weiter trieb es dahin. Es kamen acht schwarze Männer; vier trugen kleine Laternen, die anderen vier packten den Sarg und warfen ihn ohne Umstände auf einen simpeln, niederen Karren. Viel simpler noch als jenen, der Herrn Schefbeck vor zwei Wochen hinausgefahren hatte. Zum östlichen Friedhofe ging es auf ihm, die öden Sandreihen entlang zu einem schmalen, offenen Grabe. Serie sieben, Grab zweihundertdreiundzwanzig, lag das dumme Annerl; auf zweihundertvierundzwanzig zog jetzt Herr Schefbeck. Ohne Feierlichkeit, ohne Posaunenklänge, ohne Geläut, ohne Geleit. Und während die ganz gemeinen Schollen auf den feinpolierten Sarg herniederprasselten wie Infanteriesalven, hob es den neuen Ankömmling auf einmal höher und höher zum Himmel hinauf, bis es aus war mit Welt- und Erdenbewußtsein. Nur ein letzter Ton drang noch von unten als Scheidegruß von der schwindenden Vaterstadt. Der kam von den drei Tarokbrüdern, die gleichgültig an dem zugeworfenen Grabe standen, die Hände in der Tasche, die Zigarren im Munde.

»Was hab' i denn g'sagt?« fragte der Erste.

»Haben's ja glei' g'wußt« lachte der Zweite.

»Recht is eahm g'scheh'n,« nickte der Dritte.

Und in das unverfälschte Münchnerisch der ehemaligen Freunde mischte sich aus den höheren Sphären bereits wieder das tadellose Hochdeutsch der singenden Engel und Cherubime.

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