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Das Grab des Herrn Schefbeck

Josef Ruederer: Das Grab des Herrn Schefbeck - Kapitel 5
Quellenangabe
typenovelette
authorJosef Ruederer
titleDas Grab des Herrn Schefbeck
publisherSüddeutsche Monatshefte G.m.b.H.
year1912
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Sie aber, die so klagte, stand wie festgewurzelt, minutenlang, so wie man manchmal auf der Straße steht, ratlos und hilflos, weil man nicht vorwärts und rückwärts kann vor Menschen und Wagen. Ein einziger Schritt – die Menge erdrückt einen, ein einziger Schritt – die Räder gehen einem über den Leib. Wohinaus? Wohin? Vor ihr ein Schreiben aus dem Bureau des Bürgermeisters, ein kaltes, sachliches Schreiben, dessen Ton sonderbar abstach von jenem der Leichenrede, hinter ihr mit forschendem Blick die Freundin, die ihr in diesen Tagen nicht von der Seite wich. Und dabei diese schwere Ungewißheit! Sie hob Ollys Körper abwechselnd von Fersen auf Ballen, sie stürmte auf sie ein, wie in der Stunde der Werbung. Was hatte sie dem Toten damals gesagt? Sie zöge die Männer an Drähten, und dienten sie ihr nicht mehr, dann flögen sie hinaus. Und nun war sie unfähig, auch nur die Hand zu erheben. Wie ein Kind, dem man das Kartenhaus zerschlagen hat. Kaum sah sie auf, als die Begleiterin sie endlich langsamen Schrittes durch das Zimmer führte. Sie drehte nur nervös ihr Batisttaschentuch um die schmalen Finger mit den blinkenden Nägeln, sie atmete, als stiege sie den steilsten Berg hinan, plötzlich aber schluchzte sie, ohne Willen, ohne Überlegung, ohne Halt, als ob es ihr die Brust zerrisse, als ob sie's hinausschreien wollte in alle Welt, ihrem Manne und den Toten, die sonst noch auf dem Friedhof lagen, auf den Kopf: ihr Leid, ihre Verzweiflung.

»Olly«, rief Frau von Börnerau, »hör doch auf mich, ich mein' es ja gut mit dir.« Und sie meinte es wirklich gut; sie sprach mit milder, versöhnlicher Stimme. Als Ollys unverbrüchliche Freundin. Jawohl, jetzt erst recht. Denn sie hatte es immer gewußt, sie hatte alles vorausgesehen. Längst schon diskutierte man in eingeweihten Kreisen die finanziellen Verhältnisse des Herrn Schefbeck. Nun, wo er tot war, konnte man offen reden, man konnte unter guten Freundinnen sich's eingestehen, daß er ein Protz war, der Herr Kommerzienrat, weiter nichts, ein Mensch, der sich in Kreise drängte, die ihn nicht wollten. Wie war es denn sonst möglich, daß er überhaupt um Olly anhielt, wie war es möglich, daß er sich dieses Grab kaufte, dieses überladene, häßliche Grab, mitten in der ersten Gesellschaft, wohin er nicht paßte, wohin er nicht gehörte? Am besten, Olly sähe es nie wieder, dieses Grab, sie gäbe es gleich weg, für immer, samt allen schrecklichen Erinnerungen. Dann konnte wenigstens noch was Gutes dabei herausschauen, und die materielle Lage sich bessern. Sie, die treue Jugendfreundin, wollte wenigstens alles, alles tun, was in ihrer Macht stand, und wenn Olly den höchsten Preis verlangte, heute noch sollte er auf dem Tische liegen.

Wie ein Hagelwetter ging es auf Olly hernieder, während sie mit ihrer Begleiterin im Zimmer auf und ab ging. Alle ihre Theorien, die sie Herrn Schefbeck bei der Werbung in langen Reden entwickelt hatte, stürzten auf einmal in Trümmer; eine neue, gräßliche Welt tat sich vor ihr auf, daß sie Mühe hatte, die Gedanken einzeln zu ordnen. Ja, auch sie hatte das Grab als eine Protzerei empfunden; es war ihr widerwärtig wie alles, was an Tod und Verwesung mahnte, an Sarg und an Leichentuch. Jetzt aber, wo die Börnerau so impertinent redete, wo sie mit ihr verhandelte, wie mit einer Bettlerin, wuchs es ihr in weiten Sprüngen zum vergötterten Idol. Was? Verkaufen? Wie eine Buttersemmel losschlagen? Ha, ha, so weit war man denn doch noch nicht. Da winkten andere Subsidien, da winkte vor allem das Patent, Grellingers Patent! Herrgott im Himmel, zur rechten Zeit fiel es ihr ein: die Hunderttausende, die Millionen! Und da wollte diese miserable Gesellschaft es unternehmen, sie regelrecht zu verdrängen? Ah, wenn sie sich das alles vergegenwärtigte, diese äußere Wohlanständigkeit, dieses Etepetetegetue, und dabei diese Heuchelei, diese Fäulnis – naus, naus zu der Türe sollte die Börnerau! Und wenn sie's nicht tat, dann schrie es Olly zum Fenster hinaus. Einen Faustschlag Allen in das Gesicht, so hatte es ihr Gatte gehalten, so wollte auch sie handeln. Jetzt gleich am ersten November, am Allerheiligenfeste. Da putzten die feinen Herrschaften ihre Gräber, als ob es Balltöchter wären, da wollte auch Olly 'mal zeigen, daß sie noch nicht verloren war. Aufdrehen wollte sie, wie bei einer Hochzeit, daß den umliegenden Nachbarn in den Grüften Hören und Sehen vergehen sollte, den Überlebenden aber erst recht.

Und was sie der Börnerau an jenem Tage ins Antlitz geschleudert hatte, führte sie aus. Durch den ersten Gärtner der Stadt, durch die teuersten Stoffmagazine. Ein mächtiger Baldachin aus schwarzem Krepp türmte sich über dem Haupte des Engels. Von dort zogen meterbreite Schärpen in stolzen Windungen zum Fuße des Gruftdeckels. Daraus stieg eine Insel gewaltiger Blattpflanzen empor wie ein großer, fürstlicher Wintergarten. Und über ihn fiel von oben ein Guß köstlicher, weißer Rosen, der den Boden deckte in fußhoher Schicht, während aus den mit Goldstoff umsponnenen Schalen bläulicher Weingeist flackerte. Auf und nieder ging er im leichten Herbstwinde bis zu der in Eile gemeißelten Inschrift:

Michael Karl Borromäus Schefbeck.
Kgl. Bayr. Kommerzienrat,
geb. 4. Juni 1854, gestorben 5. Oktober 1907.

So stand es zu lesen, so entsprach es den Tatsachen. Herr Schefbeck ruhte wirklich da unten. Und das Merkwürdige dabei: Wollten sie ihn im Himmel noch nicht, war der Termin zu seiner Vernehmung verschoben – er fühlte alles, was um ihn vorging. Er kannte den Betrieb, den München an diesem Tage entfaltete, er wußte: bei Firneusels standen zwei große Palmen, bei Klemperers brannten zwei Kerzen so dick wie Kanonenrohre und drüben bei Börneraus prangten graublaue Astern. Ein Jahr wie das andere die gleiche Dekoration, der gleiche Aufmarsch der Stadt. Nur dreimal verstärkt in der stolzen Ecke des Camposanto. Das summte, das schwirrte um das Grab herum in immer höheren Tönen, und je stärker es arbeitete, umso stürmischer ging's in der Brust des Herrn Schefbeck. Das war sein großer Tag, den man nur einmal genießen konnte, wie die erste Kommunion oder die Firmung. Freilich klopfte es wieder mit drohenden Schlägen in der Stirne, wenn er dachte, was ihm einen Augenblick in den Sinn gekommen war, jene schreckliche Vorstellung, die ihm entgegentrat wie ein schwerer Zahlungstermin oder die Cholera, aber der Leichtsinn behielt noch einmal die Oberhand.

Ein Gefühl grenzenloser Wurschtigkeit kam über ihn. Après moi auf französisch und auf altbairisch noch hinterher was recht Schönes gedacht! So hatte er's in früheren Jahren öfters empfunden, wenn er als Junggeselle zum Märzenbier mit Freunden auf die Oktoberfestwiese zog. Da spielten die Drehorgeln, da kreischten die Viecher, da krachten die Schüsse und da küßten die Mädel. Jetzt nur tüchtig geschwiemelt und jeden verlacht, der nicht mittun konnte. Ha, ha, da kamen sie alle daher, die verhungerten Schlucker, die zwei wüsten, alten Jungfern, die hochmütigen Klemperers. Wie sie grinsten, wie sie stierten – daß sie kein Kreuz schlugen, war alles. Und jetzt noch Frau von Börnerau dazu. Die rechnen aus mit den andern, was das gekostet hat. So laut, daß Herr Schefbeck die Zahlen hört. Ja, ja, sie bersten vor Wut, alle miteinander, auch der Justizrat, der Hofrat, sie schauen auf Olly, denn die, kein Irrtum, stand auch da oben. Ja, wahrhaftig, sie war's, sie kam wieder zu ihm, die gute, die treue, die prächtige Seele! Erst hatte Herr Schefbeck nur ein Rauschen, ein Knistern von Seide, das Knarzen eines kleinen, feinen, ledernen Damenstiefels gehört, jetzt aber glaubte er so verstohlen hinaufzublinzeln, wie als Lehrjunge, wenn vor ihm die Ladnerinnen im Geschäfte des Vaters die durchbrochenen Stufen der eisernen Wendeltreppe zum Lagerraum hinaufsprangen. Und da sah er sie wirklich stehen. In feschester Trauer, mit einem mächtigen Schleier aus Crêpe de Chine, einer weißen Krause zwischen dem Hut und dem prachtvollen Haar. Stolz und hochaufgerichtet ließ sie die Menschheit vorbeigehen. Gerade so, als wenn Gesellschaft war bei Schefbecks, in der Briennerstraße. Da ein freundlicher Blick, da ein Händedruck, da wieder ein leichtes Nicken des Hauptes. Und wie alle Menschen von ihr begeistert taten, so tat es Herr Schefbeck. Das war seine Frau! Über diesen Körper hatte er verfügt. Nicht gerade schrankenlos wie ein hochbeglückter Liebhaber – immerhin, er hatte genossen, er hatte geküßt, diesen Mund, diese Schultern, diese Arme, diese Schenkel. O, was hatte er oft für Witze gerissen, für saftige, kräftige, wenn er abends mit ihr allein war im stillen Schlafgemach, um sie zu sich herüber zu locken. Und so war's ihm auch jetzt, als müsse er wieder den Mund öffnen, als müsse er was sagen, was recht Zweideutiges, Feines, Pikantes. Dann würde sie sich herablassen zu ihm mit holdseligen Gebärden; ringsum aber würde das Feuer dreimal so stark aus den Schalen hervorprasseln, die Blumen würden den Duft noch betäubender über alle ergießen, und die Standbilder der Obergewappelten würden die Beine schwenken, daß Olly selbst ihren Spaß daran hätte. Oder nicht? Nein, sie war schlecht aufgelegt, merkte auch nicht, daß es aus der Unterwelt zu ihr sprach, sondern hielt sich auf einmal an den Grellinger. Und dem sagte sie's offen heraus, voll Verzweiflung in den Augen, als sie den Kirchhof wankenden Schrittes verließ. Neuntausend Mark, es wurde nicht mehr. Und wenn sie alle Schubladen noch einmal aufrisse, wenn sie noch hundertmal auf die Bank liefe! Neuntausend Mark, und die so gut wie verfallen. Von heute auf morgen zu leben, was dann käme, wisse der Himmel. Er glaube es immer noch nicht? Na, er werde es bald merken, wenn er noch länger so gaffe. Denn jetzt war's an ihm, zu handeln. Wo bleiben die versprochenen Millionen, wo? Jahre hatte sie gewartet; konnte er sie jetzt nicht bringen, dann war er entweder ein Trottl oder ein Lump. Was? Widersprechen wollte er? Und noch immer die schönen Redensarten von der Geduld? Damit war es vorbei. Entweder oder. Konnte er jetzt nicht wenigstens den Einsatz geben, dann warf sie ihn einfach hinaus, dann spielte sie Fangball mit ihm, wie mit allen Männern, mit allen Hunden, mit ...

»Wie schaust du aus?« schrie Grellinger auf einmal ganz entsetzt, »komm heim, ich hol' deine Mutter, ich hol' den Firneusel.«

Ihre Mutter? Nicht um die Welt! Mit der war sie fertig. Aber den Firneusel – das war vielleicht zu überlegen. Er machte ihr zwar unverschämte Anträge, er nannte sie Ollerl, wie zur Brautzeit, ja sogar Küsse hatte er schon riskiert. Trotzdem sie ihn abwies, den Süßmeier, den faden, der ihr verhaßt war, wie die ganze übrige Bagage. Aber wer weiß, wer weiß, wozu man ihn brauchen konnte? Eben weil er gar so vergafft war, der feine Herr Hofrat, der korrekte Ehemann, der sie immer seiner Freundschaft versicherte und den ganzen Tag zu der Börnerau lief, der überall die Karten mischte, in alle Haferln guckte und vielleicht eines Tages doch so wunderbar an der Nase herumzuführen war, so leicht, so fein, daß er den dicken Betrug erst merkte, wenn's lange zu spät war, wenn Olly schon über alle Berge flog, weit weg mit der letzten Habe und – mit dem jungen, ungarischen Grafen.

Jawohl, mit ihm! Mitten in der größten Bedrängnis, mitten auf der schmutzigen Straße, unter den hastenden Friedhofbesuchern war ihr das eingefallen. Sie sah den Ort vor sich, wo sie ihn kennen gelernt hatte. Sie sah die große Terrasse von Monte Carlo im vollen Mondschein liegen, hoch über dem glitzernden Meere und den exotischen Gewächsen. Ein Streifen roten Lichtes huschte darüber. Der kam aus der Türe eines weitgeöffneten Saales. Da drinnen schwebten die Paare vorüber unter den Klängen eines leichten, französischen Walzers, eines von jenen, die weder Melodie noch Rhythmus erkennen lassen, die nur einlullen in Sinnlichkeit und Sommernacht. Denn Sommer ist immer in diesem glücklichen Lande und Karneval auch; da braucht man nicht lang erst zu warten, wie in München, dem alten Philisternest, bis die Polizei am Dreikönigstag die Genehmigung gibt. Man tanzt das Jahr durch, hat man aber genug gedreht, dann geht man ein paar Schritte weiter und wirft Geldstücke auf den grünen, lautlosen Tisch, diese großen, prachtvollen Louis, wovon einer gleich hundert Franken umfaßt. Die rollen und rollen und rollen, sie mehren sich, sie wachsen zum ungeheuren, glühenden Haufen.

»Schon möglich; man muß sie nur erst haben zum Einsatz,« stieß Grellinger wütend hervor und empfahl sich.

Olly gab keine Antwort mehr, sondern lächelte nur, ganz eigentümlich, ganz versteckt. Als sie aber zuhause war im stillen Zimmer, als sie Hut und Mantel abgelegt hatte, tat sie es nicht mehr, sondern setzte sich nachdenklich aus das seidene Sofa gegenüber dem goldumrahmten Bilde des Gatten. Da sah sie hinauf, den Arm auf die Lehne, den Kopf auf die Hand gestützt, fünf bis sechs Stunden. Bis der Abend kam. Sie schaute in die Augen des Herrn Schefbeck, in diese wasserblauen, gutmütigen Augen, sie ging die spiegelglatte Glatze herunter, die gutrasierten, rundlichen Hängebacken, auf die rote Plastronkrawatte. Alle Haare des Bärtchens zählte sie da der Reihe nach. Der Herr Kunstmaler hatte keines vergessen, hatte sie glattgestrichen wie der Friseur vor der Sitzung mit den Brenneisen. Auch der Salonrock saß, als hätte ihn der Schneider eben neu aufgebügelt, tadellos wie die hellgraue Weste mit den gelben Pünktchen, wie die Uhrkette mit den mächtigen Gliedern, wie der Goldreif mit dem großen Brillanten. Riesig hatte ihn Olly immer genannt, riesig wie das Vermögen. Und riesig sagte sie auch jetzt noch. Dabei wurden ihre Blicke immer sonderbarer, ihre Gedanken immer grotesker. Sie tanzten herum, sie bohrten sich durch das Bild, so fest, so erregt, daß es weiter drang durch Leinwand und Mauern hinaus zum Camposanto.

Was war das? Der Festrausch vorüber, die Lichter am Erlöschen, über der Säulenhalle die Dämmerung des trüben Novemberabends und hinter ihr mit leisen, unmerklichen Schritten ein böses Erwachen, ein gräßlicher Kater. Sollte es möglich sein? Ihn verschachern, ihn ausgraben? Er war im Recht, auf eigenem Grund und Boden. Einen Verkaufsbrief besaß er, den der Bürgermeister unterschrieben hatte und zwei Rechtsräte dazu. Auf immer, stand da drinnen zu lesen, und wenn die Gemeinde ihr Wort brach, dann war das Gericht da. Das Landgericht und der Justizrat. Jawohl, der Herr Klemperer. Für was zahlte denn Herr Schefbeck die großen Rechnungen alle Jahre? Her mit dem Kerl! Und wehrte er sich, dann wollte sein Klient gleich selber dagegen stemmen, er wollte schreien, brüllen. Ah, sie sollten nur kommen, alle die guten Familien, sie sollten es nur versuchen, sich breit zu machen da unten: er blieb. Mochte das Weib, das elende Weib, noch so finster auf ihn herstarren mit diesen wunderschönen Augen, mochte es noch so verwegene Gedanken wälzen.

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