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Das Grab des Herrn Schefbeck

Josef Ruederer: Das Grab des Herrn Schefbeck - Kapitel 4
Quellenangabe
typenovelette
authorJosef Ruederer
titleDas Grab des Herrn Schefbeck
publisherSüddeutsche Monatshefte G.m.b.H.
year1912
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Und um schnell von dem Thema hinwegzukommen, stellte sie einige recht geschäftsmäßige Fragen. Nach Vermögen und Einkünften, nach der Höhe seiner Bezüge. Denn jetzt wollte sie klar sehen. Sie war kein Kind mehr, sie war dreiunddreißig Jahre alt; nun sollte das Leben sie entschädigen für alles, was sie durchgemacht hatte. Auch ein Testament verlangte sie. Herr Schefbeck könnte ja morgen sterben – ein häßlicher Gedanke, gewiß, und sie war die erste, die ihm ein langes Leben wünschte, schon deshalb, weil er sie aus dem Elend zog. Immerhin, er war so und so viel älter; es war also möglich, und sie durfte nicht wieder auf die Mutter angewiesen sein, wie nach dem Fall mit dem Grellinger. Sicher mußte sie dastehen, und weil ihr Herr Schefbeck dazu die Hand bot, erlaubte sie ihm jetzt einen ersten, schüchternen Kuß auf die Stirne.

Der vor Seligkeit völlig Trunkene nickte in diesem Augenblicke zu allem. Er hatte für das Reale jedes Verständnis verloren, er hörte nur noch das Knistern der seidenen Juponage, er atmete nur noch das feine Heliotrop, das ihrer Robe entströmte. So faselte er das Blaue vom Himmel herunter, von Zahlen und Bildern. Aber bei aller Begeisterung war er ein scharfer Rechner; er wollte ihr ziffermäßige Sicherheit geben, beim Notar, mit Unterschrift, Siegel und Protokoll.

»Kennen Sie den berühmten Nationalökonomen, meinen Freund – ach, er besucht mich fast alle Wochen, den Professor Schwartzkogel?« fragte er mit der Miene eines Menschen, dem plötzlich ein erlösender Gedanke kommt. Dieser bedeutende Mann legte Herrn Schefbeck seit Jahren mit beispielloser Ausdauer nahe, die Mittel für eine segensreiche Einrichtung aufzubringen, die er einmal auf einer seiner umfassenden Studienreisen in Norddeutschland kennen gelernt hatte: für großartige Arbeiterwohnungen. Hübsche, behagliche Häuschen sollten sich auf einem weiten Felde erstrecken, aber nicht militärisch ausgerichtet, eins neben dem andern, nicht kasernenmäßig aus roten Ziegeln erbaut, sondern jedes eine Sache, ein kleines Wunder für sich, jedes im Biedermeierstil mit hohem Dache, mit Springbrunnen und Garten. Und die Innenräume sollten mit Bildern geziert werden, mit Reproduktionen bester, moderner Meister, mit Blumen auf Fenster- und Erkergesimsen, mit einem nach Entwürfen angesehener Künstler gearbeiteten Klavier oder Harmonium, auf daß die Psyche des Mannes mit der schwieligen Faust nach getaner Arbeit, sowie des Sonntags Erholung und innere Sammlung finden könne für neue Mühen und Kämpfe.

Ein Projekt von unerhörter Bedeutung nach der sozialen wie nach der künstlerischen Seite, in jedem Falle würdig der mächtig aufstrebenden Stadt. Wollte der Witwer trotz eifrigstem Zureden des Herrn Professors erst nicht recht heran – der werdende Ehemann nahm es jetzt umso heftiger auf. Beste Grundstücke im Werte von Millionen, die ihm gerade noch zur günstigen Zeit einer seiner Freunde beim Tarockspiel verkauft hatte, wollte er umgehend der Stadt vermachen, und die wieder sollte nach Errichtung der ganzen Anlage als Entschädigung dafür eine dreieinhalbpronzentige Rente aus dem höchst respektablen Restbetrag seiner Gattin auf Lebensdauer alljährlich auszahlen.

Die ewige Verkettung des eigenen Namens mit einer so außerordentlichen Sache, die Rückeroberung des einst verlorenen Ansehens, sowie die dauernde Versorgung der schönsten Witwe zugleich – ob das seiner künftigen Gattin fürs Erste genüge? Ob sie glaube, damit durchzukommen, wo doch außerdem noch ein Barvermögen da war? Auch noch das Patent, von dem sie ja selber sprach? Ei freilich, sie mußte es ja glauben: Geld wie Heu und der Himmel voller Baßgeigen! Aber wäre es auch nicht so gewesen, Herr Schefbeck hätte doch genickt und immer wieder genickt zu Allem, was sie sagte. Denn jetzt, jetzt kam der größte Moment, den er niemals zu hoffen gewagt hatte: sie gab ihm die zarte Liebkosung mit freundlichem Lächeln zurück. Ach, welch eine unerhörte, unvergeßliche Stunde!

»Ollerl«, hatte er damals geflüstert, rot wie ein Puter, vom Halskragen bis zum Ende der riesigen Glatze.

»Ollerl«, meinte er auch heute wieder zu flüstern draußen auf dem Paradebette, wo er aufgebahrt lag, in derselben Toilette wie in der Stunde der Werbung, im Frack, steifen Hemd und weißer Binde. Denn er fühlte auf einmal, seine Frau kam, sie kam zu ihm. Nach allen Richtungen hatte das Telephon gespielt, der Hofrat war herbeigeholt worden, die Frau von Börnerau hatte man die Treppe heruntergehetzt, und der Justizrat Klemperer wollte auch nicht zurückbleiben. Ein Schreien, ein Hin- und Herrennen, ein Stürzen und Toben. Dann endlich ins Automobil, Frau von Börnerau und Olly. Ein Rasen durch die Stadt und jetzt, jetzt waren sie da, alle beide in der Leichenhalle. Frau von Börnerau in mattem Hellgrau, Frau Olly in schnell zusammengesuchter Trauer. Die erste diskret im Hintergrunde, zwischen den Blattpflanzen und Kerzen, die zweite beim Sarg, das feine Batisttuch krampfhaft um die Finger geschlungen. Immer näher und näher kam Frau Schefbeck, jetzt stand sie dicht bei dem Gatten, und da, nein es war keine Täuschung, da hielt sie das Tuch an die Augen und weinte, weinte wirkliche, bittere Tränen.

Herr Michael Karl Borromäus Schefbeck war vom Augenblick seines Hingangs an ununterbrochen von widersprechenden Gefühlen gepeitscht worden; jetzt aber steigerten sich alle diese Empfindungen zu ungeheurer Höhe. Ein namenloser Kummer über den Abschied – war es doch das letztemal, daß sie sich sahen – eine namenlose Freude über Ollys Tränen – hatte er ihr doch solch tiefen Schmerz nimmermehr zugetraut – eine heillose Angst – fragte er sich doch im selben Augenblicke, ob dieser Jammer, diese Hilflosigkeit auch ihm galt. Wie? Wenn sie's wirklich schon wußte? Wenn sie heulte, weil's nur noch so viel und nicht mehr war? Eine entsetzliche Spannung, wie im letzten Augenblicke vor der Verkündigung eines Urteils. Und da, da kam es. Die Stimme ließ alles erraten. Frau Schefbeck war sich noch nicht im klaren; sie liebte ihn immer noch. »Karl«, sagte sie zärtlich.

Den Michel hatte sie nie leiden mögen, schon vom ersten Tag der Verlobung an nicht.

»Karl«, wiederholte sie und rang die schönen Hände. Dann richtete sie sich hoch auf. Mit einem gewissen Trotz, einer inneren Klarheit, einem sicheren Lebenswillen. Ja, sie war keine Heuchlerin , sie hatte sich diese Stunde ausgemalt an so manchen stillen Abenden, wenn Herr Schefbeck in seiner Kneipe saß oder Kegel spielte. Ohne sie etwa herbeizusehnen – bei Gott nicht, sowas fand sie brutal, unanständig, das wollte sie überhaupt garnicht erwägen. Und doch, im dämmerigen, halben Bewußtsein müden, jahrelangen Hinbrütens hatte sie's immer wieder leise angeschlagen, dasselbe Thema: daß sie mit Schefbeck wohl nimmer ihr Leben beschließen werde, daß sie noch etwas darüber hoffe von riesigem Glanze, von riesigen Taten, von riesigen Zeiten.

Und damit hatte sie's ausgesprochen. Riesig. Das war das entscheidende Wort, das Olly beständig im Munde führte. Riesig war immer alles gewesen, was in ihren Bannkreis trat. Riesig die eigene Schönheit, riesig das letzte Amusement, riesig die Zahl ihrer Verehrer. Ein Rest von der überschwenglichen Sprache, die im Hause ihrer Mutter regierte. Dort himmelte man nur in den höchsten Tönen, man himmelte, man sah durch ein Vergrößerungsglas. Jeden Rechtspraktikanten als Amtsrichter, jeden Fähnrich als Leutnant, jeden Freiherrn als Grafen, jeden Grafen als Fürsten; Orden, Titel und sonstige Ehrenzeichen in der vierten Dimension. Und das Geld in der fünften. Vor allem das Geld des Herrn Schefbeck. Das war der Stolz, das war der Balsam, die Entschädigung für die Mesalliance mit dem Wurstfabrikanten, das war die riesige Hoffnung und nun die riesige Erfüllung! Olly war frei, sie war reich, sie war jung, na, ja, wenigstens so ziemlich; jedenfalls konnte sie leben, sie konnte genießen. Und das versöhnte sie mit allem, was sie in der Ehe darunter gelitten hatte, daß ihr Gatte am liebsten in Hemdärmeln zu essen pflegte, daß er dabei die Ellenbogen auf den Tisch legte, daß er's nicht anders tat, als in einem Zimmer mit ihr zu schlafen. Eine friedliche Stimmung kam über sie, ein großes Verstehen, ein unsagbares Mitleid, das ihr warme Tränen entlockte.

»Er war ein edler Charakter«, sagte sie zu ihrer Begleiterin, »für seine Mitmenschen hat er gesorgt und für mich am besten.«

Dann ging sie von dannen. Dem einsam zurückbleibenden Herrn Schefbeck aber wurde es noch schwüler in seinem Verschlage zu mute als zuerst. Hätte Olly geschrien, hätte sie getobt, gekratzt oder gebissen, wie manchmal, wenn sie in der Ehe ihre besonderen Launen aufmarschieren ließ und Herrn Schefbeck einen Proleten nannte, dann wäre ein für allemal Klarheit gewesen, während diese ausgeglichene Gemütsruhe die finsteren Gedanken ihres Gatten weiter hinausführte zu den einsamen Feldern, die der Stadt verschrieben waren, damit aus ihrem Erlöse die Arbeiterhäuschen erstünden – zum Ruhme des edelmütigen Stifters, zum Ruhme des weitblickenden Nationalökonomen. Öde und verlassen ruhten sie, diese Spekulationsobjekte; nichts lag auf ihnen außer grauen Massen von Schutthaufen. Darauf zerbrochene Waschschüsseln, durchlöcherte Kochtöpfe, zerrissene Stiefel, deren Leder schon ins Bläuliche spielte, sowie, dem Auge freilich nicht sichtbar, dem Bewußtsein des Kontrahenten aber umso greifbarer, riesige Hypothekenforderungen mit großen, alljährlichen Zinsen. Denn die Entwicklung der Stadt war trotz der schönen Versprechungen, die der Tarockbruder Herrn Schefbeck gemacht hatte, gerade nach der entgegengesetzten Richtung erfolgt, als man damals erwarten konnte. Ob die Gemeinde solch zweifelhafte Erbschaft annehmen, ob sie im Ernste so dumm sein würde?

Die Anwort auf diese bange Frage sollte achtundvierzig Stunden später von keinem geringeren als vom Bürgermeister selber erteilt werden; am offenen Grabe, an der Spitze des Leichenkonduktes. Dort stand der joviale, immer liebenswürdige Herr, umgeben vom städtischen Ehrengeleite, von Flambeauträgern und der Geistlichkeit, dicht über dem jetzt fest verschlossenen Sarge, und redete bewegliche Worte. Von hohem Bürgersinn, von leuchtendem Vorbild, von Liebe zur Heimat. Ihm aber riß ein Anderer das Wort aus dem Munde, der im schwarzen Zylinder ungeduldig daneben gewartet hatte, der Professor Schwartzkogel. Der nannte den Verstorbenen im besten Sinne des Wortes sozial. Dann hielt er einen Vortrag über Volkswirtschaft, er sprach zu seinen Studenten, die er mit an das Grab befohlen hatte wie im Seminar, wenn er, wie jedesmal zu Beginn des Semesters, seine Arbeiterhäuser empfahl, und schloß damit, daß er in gutgewähltem Bilde diesen Traum seiner Jugend aus der Asche dieses Grabes ersteigen ließ. Im selben Augenblick setzte der städtische Gesangschor mit ergreifenden Tönen ein. »Über den Sternen ist Ruh«, so hallte es in die Gruft hinab als Schluß der imposanten Trauerkundgebung.

Herr Schefbeck hatte in seinem abwechslungsreichen Leben vieles für möglich gehalten – dieses Leichenbegängnis überstieg seine kühnsten Erwartungen. Hätte er noch tiefer in die Erde sinken können, als er schon lag, er würde es getan haben, teils aus Freude, weil ihm soviel Ehren erwiesen wurden, teils aus Scham, weil sie in der Tat so gänzlich unverdient waren. Was besaß er denn noch außer den lumpigen Barmitteln? Als ehemaliger Kaufmann und Fabrikant, als treubesorgter Gatte nahm er in Gedanken auch das letzte Inventar auf, von der Haustüre an bis zur hintersten Mädchenkammer: Ein Eßzimmer mit einer altdeutschen Einrichtung, die schon vor 30 Jahren gefertigt war, ein paar Boulemöbel im Boudoir seiner Frau, eine Standuhr in Rokoko in seinem Studio, wie er sein Arbeitszimmer zu nennen pflegte, ein Nymphenburger Porzellanservice, ein Ölbild von Bodenhausen, das ein Märchen, eines von Kiesel, das eine Odaliske, eines von Grützner, das betrunkene Mönche darstellte. Mit den Vorhängen, der Wäsche und mit allem, was sonst noch herumlagerte, machte es höchstens zweitausend Mark. Dazu noch der Weinkeller, der allerdings erst zur Hälfte bezahlt, der neue Züst, von dem kaum ein Drittel gedeckt war, – und dafür sang, blies und redete die Leichengesellschaft da oben mit vollen Backen! Nun denn, wenns ihr genug war, wenn sie dafür Olly die festgesetzte Rente auszahlte, – ihm konnte es recht sein. Ein Grundstück besaß er ja doch, auf dem keine Hypothek lag, das war solider als die andern, schuttbedeckten da draußen, das war eine unveräußerliche Immobile, deren Wert gar nicht hoch genug eingeschätzt werden konnte: das Grab. Und da glaubte er sich immer breiter zu machen, mit dem sicheren Gefühl, daß er nie vertrieben werden konnte, auch wenns die Börnerau gedroht hatte, auch wenn sie wieder zum Bürgermeister lief, auch wenn sie ...

Plötzlich hielt er ein in seinen Gedanken, die er ausgesponnen hatte, er wußte selber nicht mehr wie lange. Das war das Tolle und doch zugleich wieder das Begreifliche in seiner jetzigen schier unglaublichen Situation, daß er jedes Gefühl für Raum und Zeit allmählich verlor. Droben die Trauergesellschaft hatte sich verzogen; der erhebende Gesang war in alle Winde verweht, man hörte nur, wie dann und wann ein Besucher des Camposanto über die mächtigen Platten der Gruft hinwegstolperte, daß es tief unten widerhallte wie das Echo eines Schusses in den Bergen. Herr Schefbeck sann schärfer nach. Tage, ja Wochen mußten vergangen sein, und doch hatte er noch immer nicht den einen Satz ausgesprochen, in den sich die Frau von Börnerau auf einmal geschlichen hatte wie ein Seidenwurm, unhörbar, unheimlich, daß ihm die wenigen Haare, die er noch hatte, zu Berge zu stehen schienen. Wie war das gekommen? Richtig, jetzt wußte er's ! Aus weiter Ferne war ein Ton heruntergedrungen, ein heller, seltsamer Ton. Doch der kam keineswegs von seiner Feindin, nein, der war von Olly. Nicht der tobende war's, den er sich erst gewünscht hatte, als sie ihm auf immer Lebewohl sagte, nein, es war so ein ganz besonderer, merkwürdiger Klang. Herr Schefbeck kannte ihn nur zu gut. Und liebte ihn gar nicht. Mit ihm könne man Tote erwecken, so hatte er einmal gesagt, und war zum Zimmer hinausgelaufen, als sie's wieder 'mal hören ließ, dies gellende, minutenwährende Aaaah, das sie immer ausstieß, wenn sie nicht gleich bekam, was sie verlangte. Und diese schrille Dissonanz bohrte sich immer tiefer, immer unbarmherziger in die einsame Gruft, um so grausamer, als Herr Schefbeck sich diesmal nicht die Ohren zuhalten konnte, sondern geduldig zuhören mußte, harrend der Dinge, die da noch kommen sollten.

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