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Das Grab des Herrn Schefbeck

Josef Ruederer: Das Grab des Herrn Schefbeck - Kapitel 2
Quellenangabe
typenovelette
authorJosef Ruederer
titleDas Grab des Herrn Schefbeck
publisherSüddeutsche Monatshefte G.m.b.H.
year1912
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Der Herr Michael Karl Borromäus Schefbeck war gerade dreiundfünfzig Jahre, vier Monate und einen Tag alt, als ihn an einem schönen Oktobernachmittag ein Schlaganfall aus diesem Leben abrief. Mitten in voller Kraft und bei segensreicher Tätigkeit ereilte es ihn. Im Kaffeehaus, in Gesellschaft seiner drei besten Freunde, beim Tarock. Er hatte eine Zigarre im Munde, das schönste Herzsolo in der Hand, da plötzlich sah er, wie seine Spielgenossen leichenblaß wurden, wie sie ihn anstarrten, und wie sie die Karten wegwarfen. Er wollte noch schimpfen, weil ihn das schöne Spiel reute, da fiel ihm die Zigarre aus dem Munde, er wollte noch die Aß trumpfen, da machte er eine Bewegung nach rückwärts, er wollte sich noch dagegen stemmen, da fiel er unter den Tisch.

»Au weh! Sakra! Den hat's!« So tönte es aufgeregt an sein Ohr. Und in das unverfälschte Münchnerisch der Freunde und Kaffeehausbesucher mischte sich aus den höheren Sphären das tadellose Hochdeutsch der singenden Engel und Cherubime.

Herumgeschleudert zwischen uferlosem Schrecken und schweißtreibender Angst, glaubte Herr Schefbeck jeden Augenblick sein Urteil zu vernehmen. Er sah sein ungeheures Schuldbuch aufgeschlagen, alles sauber notiert, jede Lüge, jede Völlerei, jede Unkeuschheit, vom ersten Tage bis heute. Doch auch von unten, tief aus der Erde, kamen sonderbare Geräusche. Der eben Entschlafene meinte in angemessenen Zwischenpausen das Fegefeuer prasseln zu hören, ja, einmal war's ihm sogar, als schlüge der Teufel mit einem Schürhakl vielsagend auf die eisernen Bratkessel der Hölle. Dazwischen, und das war das Tollste, hörte er dann wieder die Stimmen der Gäste, des Wirtes und der eilig herbeigeholten Mannschaft der Sanitätskolonne. Er merkte deutlich, wie man künstliche Atmungsversuche mit ihm anstellte, wie man ihn zur Ader ließ, und wie man ihn, als schließlich auch noch ein Arzt im Namen der Wissenschaft mit Achselzucken den sicheren Tod konstatiert hatte, in den höchst simplen Leichenwagen für Unglücksfälle lud.

Ein ganz verrückter Zustand. Und doch nicht mehr so neu. Herr Schefbeck hatte früher manchmal recht lebhaft geträumt. Vom Tode, vom Nimmererwachen, vom Starrkrampf und Lebendig-begraben-werden. Trotzdem hatte er dabei alles beobachtet, was um ihn vorging. Jetzt war er mit seinen Empfindungen genau so festgelegt und so gebunden, nur gab es diesmal nicht das große, befreiende Erwachen aus dem drückenden Schlafe, nicht den tiefen, erquickenden Atemzug, der am Morgen alles Blendwerk von dannen scheucht. Diesmal war er tot, wirklich tot. Und die liebe Menschheit hielt ihm vom Kaffeehaus weg über den Bürgersteig die herrlichste Leichenrede.

An der Spitze die drei Tarockbrüder mit erschütterten Mienen.

»Was wird sei' Frau sag'n?« flüsterte der eine.

»Die tröst' sich scho' wieder,« sagte der andere.

»Hat sich so wie so scho' manchmal tröst',« meinte der dritte.

Und sie nickten alle drei mit den Köpfen, ja, es war Herrn Schefbeck in seinem Verschlage, als lachten sie dabei so laut, wie es der feierliche Ernst solch tragischer Situation und die angesammelte Menschenmenge erlaubte.

Darüber empfand er eine fürchterliche Wut. Er hatte niemals Philosophie studiert, aber so viel Erkenntnistheoretiker war er doch, daß er sich fragte, was dieses Erdenleben wert sei. Kaum war er kalt, da warfen die Leute, die sich immer seine Freunde genannt hatten, den ersten Stein auf seine wehrlose Gattin. Mit Grund? Nimmermehr. Zwar hatte Herr Schefbeck im Laufe seiner fünfjährigen Ehe so manchen Verdacht gehegt; eifersüchtig war er schon öfter gewesen, sogar erst vor kurzem. Auf einen ungarischen Grafen, einen bildsauberen Burschen. Aber da war nichts dahinter. Der junge Mensch verkehrte bei ihm, allerdings. Er war auch mit ihm und Frau Schefbeck einen Winter in Monte Carlo gewesen, in Monte Carlo, wohin Herr Schefbeck immer so gerne ging. Hatte sie Beide spielen gelehrt und in München auf zwei bis drei Bal parés begleitet. Aber es verkehrten doch auch andere Herrschaften im Hause, es machten doch auch dritte Frau Olly den Hof. Hohe Adlige aus Rumänien und Serbien. Ja, auch Münchner, erbeingesessene, erste Münchner Herren aus tadellosen Familien.

Herr Schefbeck zählte sie der Reihe nach auf, während der Wagen im langsamen Tempo dahinrollte. Ueber den Marienplatz weg, die Kaufinger-, die Neuhauserstraße, dann über den Karlsplatz, die Sonnenstraße geradewegs zum alten, südlichen Friedhof, zur Säulenhalle des sogenannten Camposanto. Dort lag neben vielen Anderen in Ehren und Würden der Senatspräsident und Reichsrat Dr. Ritter von Firneusel. Unter einem großen Marmorbaldachin lag er, den der König eigens gestiftet hatte. Denn der Verstorbene war sein Erzieher gewesen; er galt als einer der ersten Männer des Landes, als großer Jurist, als großer Verwaltungsbeamter. Und sein Sohn, der Hofrat Dr. Firneusel, war langjähriger Hausarzt bei Herrn Schefbeck. Staatskonkurs: Note Eins, Schwiegersohn eines Universitätsprofessors, alle drei Wochen zur Königlichen Tafel gezogen, jeden Spätsommer im Allerhöchsten Jagdgefolge. Der ging bei ihm aus und ein, der machte Frau Olly so anmutige Komplimente, so recht zuckersüße, münchnerische, daß Herr Schefbeck seine helle Freude dran hatte. Leider konnte man ihn nie dazu bewegen, seine Frau mitzubringen. Aber das hatte seinen besonderen, wohlberechtigten Grund. Der Herr Hofrat war nämlich selber einmal mit Frau Schefbeck verlobt gewesen als junger, unbedeutender Doktor. Zwei bis drei Jahre, ohne Aussicht auf die materielle Möglichkeit einer Verehelichung, ohne Aussicht auf spätere Praxis.

Ging man nun in Gedanken ein paar Gräber noch weiter, vom alten Firneusel weg, dann ruhte im selben Rechteck der gleichen Säulenhalle der Präsident des Städtischen Spitals, der Obermedizinalrat Dr. Ritter von Klemperer. Der Genius des Todes senkte, in Bronze gegossen, einen ungeheuren Kranz über die Marmorgruft hernieder, die zwei Kandelaber flankierten. Das alles hatte die Gemeindeverwaltung gespendet. Denn der Verstorbene war einer der größten Wohltäter der Menschheit, ein Kinderfreund, wie man ihn selten findet. Und sein Enkel, der Justizrat Klemperer, war der Anwalt des Herrn Schefbeck, wie der Firneusel der Doktor war. Schlich ebenfalls um Frau Olly herum, wenn er sich auch noch intensiver an den raffinierten Weinkeller des Hauses hielt. Mit einer Frau gab es da keine Etikettenfragen. Der Herr Justizrat hatte die seine vor Jahren verloren, und auf seine beiden Schwestern, diese alten, verhutzelten Jungfern, die den ganzen Tag in der Kirche herumrutschten, die Gebetbücher in der Hand, die Gummizugstiefel an den Füßen, verzichtete Herr Schefbeck von vornherein.

Schmerzlich aber hatte er immer den Gatten der Frau von Börnerau vermißt, den Generalleutnant und Divisionskommandeur, Exzellenz Freiherrn Karl von Börnerau. Sie, die Generalin, verkehrte bei ihm, das heißt, bei Frau Olly, ihrer Institutsfreundin, nicht bei Herrn Schefbeck, wie sie ausdrücklich betonte. Diese sehr resolute Dame mit der Stimme eines Korporals und dem Schnurrbart eines achtzehnjährigen Studenten, sehr stolz, sehr von oben herab und doch ohne Vorurteile, ließ sich nieder, wo es ihr paßte. Wohnte außerdem seit undenklichen Jahren im Hause des Herrn Schefbeck. Also auch Jugendbeziehungen, mit denen man gelegentlich renommieren konnte, wie bei Firneusel, nur mit dem Unterschiede: der brachte seine Frau, sie ihren Mann nicht mit. Und das Komische, die ganze Geschichte kam heraus wie verabredet zwischen guten Freunden; auch mit dem Fernbleiben der Schwestern des Klemperer. Feste Verbindung seit Jahren, dicke, ergiebige Freundschaft nach innen und außen. Freilich, die Familiengruft der Frau von Börnerau lag nicht im Camposanto selbst, inmitten der guten Bekannten, sondern im offenen Viereck unter freiem Himmel. Auf Rufweite zu erreichen, mit dem schönen Obelisken auch leicht zu erspähen, aber halt doch nicht drinnen, wo die anderen paradierten, wo auch Reichsgrafen, Prälaten, Minister ihre Namen blinken ließen und daneben – Herr Schefbeck.

Jawohl, Herr Schefbeck. Auch er hatte sein Grab dort errichtet. Zu einer Zeit, wo er noch gar nicht ans Sterben dachte, wo er aussah, so frisch, so blühend, wie auf dem Ölgemälde, das im Zimmer der Gattin hing, dicht vor dem seidenen Sofa, in voller Lebensgröße im schwarzen Salonrock, in grauer Weste, mit der breiten, goldenen Uhrkette. Die wasserblauen, gutmütigen Augen lächelten freundlich, die Backen hingen herab, und spiegelglatt glänzte der rundliche Schädel mit der Glatze. Das alles trat plastisch und deutlich hervor. Am deutlichsten der Mund, dieser breite, aufnahmefähige Münchner Mund mit der wulstigen Oberlippe und dem abgezupften Schnurrbärtchen. Er wollte ihn öffnen, den Mund, er wollte reden, denn er fühlte deutlich, daß er bald in dem Leichenwagen, bald in dem Bilde war, daß seine Phantasie herumeilte, vom Friedhof zu seiner Wohnung, daß ihm alles allgegenwärtig schien, was da, was dort passierte, und doch riß es ihn dann immer wieder zu seiner Grabstätte.

Die war weit und breit berühmt ob ihrer Schönheit. Eine ungeheure schwarze Marmorplatte, eingelassen in eines der Felder, gab die Rückwand ab. Darauf ein Engel mit weitentfalteten Flügeln. Oben verkündeten große, goldene Lettern, daß das die Ruhestätte der Familie Schefbeck; unter ihm, wo die wuchtige Granitplatte sich schwer in den Boden senkte, prangte, umgeben von zwei mächtigen Schalen, in noch größeren Buchstaben, dicht über dem schmiedeeisernen Weihwasserkessel das eine vielsagende Wort: »Excelsior«.

Was das hieß, wußte der stolze Bauherr heute noch nicht. Er hatte die gutklingende Inschrift ein paar Felder weiter entdeckt auf dem Grab eines Bürgermeisters von München, der vor hundert oder noch mehr sagenhaften Jahren sein Leben für die Entwicklung der Stadt verbraucht haben sollte. Und weil sie ihm gefiel, übernahm er sie ohne allzugroße Gewissensbisse. Auch der Engel war eine getreue Nachbildung, richtiger noch eine Vergrößerung. Er stammte von der Gruft eines jener hochverdienten Männer, die Bayern achtzehnhundertsechsundsechzig zum Kriege geraten hatten. So blieb eigentlich nur noch der Weihwasserkessel mit den Schalen. Doch auch die waren fremden Ideen entlehnt. Die Schalen dem ersten Direktor der Staatsbank, während der Weihwasserkessel vom Grabe eines großen katholischen Gelehrten stammte.

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