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Das Goldmacherdorf

Heinrich Zschokke: Das Goldmacherdorf - Kapitel 9
Quellenangabe
typenovelette
booktitleNovellen und Dichtungen, Sechszehnter Theil
authorHeinrich Zschokke
year1858
publisherDruck und Verlag von H. R. Sauerländer
addressAarau
titleDas Goldmacherdorf
pages1-148
created20030925
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1817
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9. Von der Sonntagsschule, und dem Vorfall in der Mühle.

So und auf andere Weise unterrichtete Oswald die Schulkinder; alle Tage hatte er etwas Neues für sie. Die Rathsherren und der Herr Pfarrer gaben ihm große Lobsprüche und nannten ihn den vortrefflichsten Schulmeister im Lande. Das konnten die Bauern in Goldenthal nicht begreifen, und sprachen unter einander: »Wie will's doch der Oswald besser verstehen, als die alten Schulmeister, die wir in unserer Jugend gehabt? Aber er kann allerlei Blendwerk machen, und hat es selbst dem Pfarrer und den Rathsherren angethan. Ganz richtig ist es mit ihm nicht!«

Im Sommer war zu Goldenthal nie Schule gehalten worden; denn die größern Kinder mußten den Aeltern in Feld- und Hausgeschäften helfen. Aber Oswald nahm auch im Sommer die Kleinern zu sich, und unterrichtete sie einige Stunden, und gab ihnen bei sich zu spielen, oder kleine Geschäfte in seinem Garten und Feld, wohin sie ihn begleiteten und Steinchen aus dem Acker trugen, Unkraut jäteten und dergleichen. Als das die andern Kinder sahen, baten sie Oswald beweglich, sie nicht zu vergessen, und er nahm sie, wenn Feierabend war, auch noch zu sich und setzte den Unterricht mit ihnen fort. An Sonn- und Festtagen ging er mit ihnen sogar spazieren in Feld und Wald; zeigte ihnen die giftigen Kräuter und erzählte gräuelhafte Geschichten davon; oder er erzählte ihnen vom Leben und der Haushaltung der Thiere, der zahmen und wilden; von den Quellen, Strömen und Meeren; von den Bergen und Höhlen; von den Ländern und Menschen auf Erden; von den Sternen, und wie weit sie von uns entfernt wären und wie groß. Das hatte er Alles gesehen und in Büchern gelesen.

Als das die großen erwachsenen Bursche im Dorfe sahen, bekamen einige Lust, Sonntags ebenfalls bei Oswald zu sein. Und er erlaubte es ihnen, denn ihre große Unwissenheit jammerte ihn. Und er lehrte sie noch allerlei, und gab ihnen auf, was sie in müßigen Stunden der Woche zu Hause lesen, rechnen und schreiben mußten. Das ging er dann Sonntags mit ihnen durch. So ward es eine wahre Sonntagsschule. Und es kamen immer mehr junge Leute dazu. Wer aber nicht sehr reinlich einherging, wer die Wirthshäuser besuchte, wer Karten spielte, wer jemals schwor und fluchte oder einen Raufhandel hatte, den stieß er von sich. Er war ihr Schiedsrichter, und that doch immer, als wäre er Ihresgleichen. Sie halfen ihm dankbar auch in der Woche gern bei der Feldarbeit, ohne daß er es forderte.

Die jungen Leute aber, welche es mit Oswald hielten, wurden von ihren Kameraden im Dorfe ausgelacht und verspottet; man hängte ihnen Uebelnamen an, hieß sie Schulmeister und Gelehrte, und spielte ihnen allerlei Possen. Und die Gemeindsvorsteher sahen es gern, wenn man den Oswald und seine Freunde verfolgte; denn sie fürchteten, er wolle sich Anhang machen, um einst an ihre Stelle gewählt zu werden. Darum sagten sie ihm alles ersinnliche Böse nach, und wiegelten bei jeder Gelegenheit die Bauern und deren Weiber gegen ihn auf. – Oswald kam daher auch zu Niemanden; nur regelmäßig besuchte er die Mühle, wo er allezeit willkommen war.

Wie er aber eines Tages in die Mühle kam, fand er die lieben Leute darin alle mit verstörten Gesichtern. Der alte Siegfried war still und nachdenkend, die Müllerin kalt und verdrießlich, im Hause umherfahrend und die Thüren hinter sich zuwerfend; Elsbeth hatte rothgeweinte Augen.

Sobald Oswald mit Elsbeth allein war, sprach er: »Welche Unglück ist hier geschehen, und welcher böse Geist ist in dieses Haus des Friedens eingezogen? Ihr Alle seid wie verwandelt. Sage mir, Elsbeth, was ist vorgegangen.«

Elsbeth antwortete mit zitternder Stimme: »Gott sei's geklagt, Oswald, ich muß es dir sagen. Ja es muß heraus. Ich bin recht unglücklich.« So sprach sie, und konnte vor Weinen und Schluchzen nicht weiter sprechen.

Nachdem er sie beruhigt hatte, sagte sie: »Nun ist's ein Jahr, Oswald, da fandest du mich mit verweinten Augen und fragtest mich, und ich sagte dir's nicht. Damals war der Löwenwirth Brenzel zu uns gekommen, und hatte bei meinem Vater und meiner Mutter um mich angehalten für seinen Sohn, der schon eine Mühle im Dorfe Altenstein hat. Und Vater und Mutter hatten nichts dagegen, denn der Löwenwirth ist der reichste Mann im Dorf, und erster Vorsteher der Gemeinde, der uns viel schaden und nützen kann; und mein Vater will keinen Schwiegersohn, als einen Müller. Ich aber sagte, ich sei noch jung, und wolle noch ein Jahr warten, und blieb dabei, und sie richteten bei mir nichts aus. – Nun ist das Jahr vorbei, und auf den Tag kam der Löwenwirth mit seinem Sohne wieder. Sie haben bei uns gespeiset, und Vater und Mutter hatten mit dem Löwenwirth schon alles in Richtigkeit gebracht, und die Verlobung sollte heute geschehen. Aber ich habe gesagt, ich wollte mich nie verheiraten und bin dabei geblieben. Denn der junge Brenzel ist ein wüster Gesell, gleichwie sein Vater ein harter und wüster Mann ist. Nun ist im Hause Unglück und Herzeleid.«

Als Oswald dies hörte, ward er sehr unruhig. Er ging im Zimmer schweigend auf und ab. Er selber hatte sich im Stillen Hoffnung gemacht, daß Elsbeth einmal seine Frau werden müsse. Dann trat er mit hastigen Schritten zu ihr und sagte: »Elsbeth, liebe Elsbeth, du willst dich niemals verheirathen? So will auch ich ohne Weib bleiben mein Lebenlang, denn ich hätte kein anderes gewählt, als dich. Und ich habe dich allezeit mehr geliebt als mich selber, und hoffte immer, du würdest mir noch recht gut werden. –

Da sank Elsbeth weinend an die Brust Oswald und sprach mit gebrochener Stimme: »Ach Oswald, Gott weiß es, du bist mir allzulieb geworden, mehr denn recht ist. Aber mein Vater ist reich, und will einen reichen Sohn haben, und ändert seinen strengen Sinn nicht. Du aber bist nur ein geringer Schulmeister, und kannst noch lange keine Frau ernähren.«

Da schloß Oswald die gute, weinende Elsbeth in seine Arme, und drückte den ersten Kuß auf ihre Lippen und sagte: »Nun bist du meine Braut und Verlobte, und keine Macht auf Erden soll dich wieder von mir nehmen. Fürchte dich nicht, du Holdselige, denn nun gehörst du mir an.«

Und er ging hinaus, den alten Siegfried und die Mutter zu suchen. Und Elsbeth hörte sie alle sehr laut und heftig mit einander reden, aber verstand nichts. Und sie zitterte vor großer Angst, und wußte in ihrer Noth keinen Rath. Da fiel sie an der Fensterbank auf ihre Knie, und faltete ihre Hände und betete inbrünstig mit thränenvollen Augen zum Himmel, während die Andern stritten. Und als es ihr leichter ums Herz ward und sie aufstand, sah sie draußen den Oswald, begleitet vom Vater und der Mutter, von der Mühle weg ins Dorf gehen.

Das vermehrte die Furcht und Angst über die Maßen. Keiner in der Mühle wußte, wohin die Aeltern mit dem Oswald gegangen. Sie wußte aber wohl, Oswald war hitzig und aufbrausend, und konnte gegen die Aeltern gefehlt haben und mit ihnen vor den Richter gegangen sein, und das war der Löwenwirth! In übergroßem Kummer betete sie viel für Oswald und sich.

Es war zehn Uhr Nachts, da hörte sie draußen Geräusch. Es kamen Vater und Mutter mit Oswald. Und Siegfried nahm seine Tochter und sprach: »Elsbeth, du hast also den Oswald lieb?« Sie antwortete und sprach: »Kann ich dafür? Ihr hattet ihn ja auch lieb.« Da legten die Aeltern die Hände Oswalds und Elsbeths in einander und segneten die Beiden als ihre Kinder. Elsbeth war ganz erschrocken, und wußte nicht, ob sie träume.

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