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Das Goldmacherdorf

Heinrich Zschokke: Das Goldmacherdorf - Kapitel 8
Quellenangabe
typenovelette
booktitleNovellen und Dichtungen, Sechszehnter Theil
authorHeinrich Zschokke
year1858
publisherDruck und Verlag von H. R. Sauerländer
addressAarau
titleDas Goldmacherdorf
pages1-148
created20030925
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1817
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8. Was ferner in der Schule vorgeht.

Es ging aber ein Geschrei im Dorfe, der Oswald verführe die Kinder, und bringe ihnen eine neue Religion bei, und die Kinder können nichts bei ihm lernen. Denn es sei erschrecklich anzusehen, wie die Kinder alltäglich daran treiben, um in die Schule zu kommen, da doch sonst die Jugend nicht gern mit dem Schulgehen zu thun hat; das sei wider die Natur. Desgleichen sei es den ganzen Tag in dem Schulhause todtenstill, wie in einer Kirche, wo man sonst Lärmen und Geschrei der Lernenden weit hinaus über das Dorf seit Menschengedenken gehört habe; selbst in den Singstunden töne es nur wie Bienengesumse. Ferner vernehme man, daß beim Gebet ärgerliche Neuerungen vorfallen, und daß die Kinder zur Hexerei angeleitet würden, wozu sie schon die verdächtigsten Zeichen malen lernten.

Diese und andere Reden gelangten endlich selbst vor die Ohren des Herrn Pfarrers und der hochobrigkeitlichen Schulräthe in der Stadt. Und weil in der That Niemand wußte und begriff, was der Oswald treibe, ward zur Untersuchung und Abhülfe der Beschweren eine Kommission abgeordnet, die aus zwei Herren von der Stadt und dem Herrn Pfarrer bestand. Diese traten eines Morgens unerwartet, ehe die Schule angefangen war, zum Oswald und sagten, was ihr Auftrag sei, und er solle in ihrer Gegenwart lehren, wie er gewöhnlich thue.

Da nun die Kinder einzeln ankamen, war auch in armen und zerrissenen Kleidern Sauberkeit und Ordnung lieblich zu schauen, und wie alle erst zum Schulmeister gingen, ihm die Hand küßten, dann sich still zu ihren Sitzen begaben, wo sie fröhlich mit einander flüsterten und auf die Fremden schauten. Es waren der Kinder in allem fünfundfünzig; die Knaben saßen auf der einen, die Mägdlein auf der andern Seite.

Nachdem sie Alle versammelt waren, sprach Oswald mit lauter Stimme: »Ihr lieben Kindlein, lasset uns vor allen Dingen erst vor dem allgegenwärtigen lieben Gott, unserm Vater, uns demüthigen, und ihm unsere Gedanken und Bitten ehrfurchtsvoll vortragen.« Und wie er dies sprach, falteten alle fünfundfünzig Kinder ihre Händlein und sanken auf die Knie, still vor sich zur Erde schauend. Auch Oswald kniete nieder; und der Herr Pfarrer und die Rathsherren aus der Stadt, da sie alles sich demüthigen sahen vor dem Ewigen, folgten dem Beispiel Aller und knieten auch. Dann las der Schulmeister ein schönes, rührendes Gebet, welches vor ihm auf dem Stuhle lag. Es war so verständlich abgefaßt, daß es auch dem Verstande des kleinen sechsjährigen Kindes begreiflich war. Das bewegte das Herz eines der Rathsherren so tief, daß ihm die Augen voller Thränen wurden.

Dann standen Alle auf, und die Aeltesten der Schule, indem sie auf eine mit Noten und Worten beschriebene schwarze Tafel sahen, sangen mit sanfter Stimme vierstimmig ein schönes Morgenlied. Die Kleinen sumseten den Gesang für sich ganz leise nach. Darauf lasen die bessern Leser aus einem Buche, abwechselnd einen frommen Vers; jede Zeile aber ward von der ganzen Schule mit halblauter Stimme nachgesprochen, dann das Buch geschlossen, und erst von der Schule, dann wieder von einzelnen Kindern, die Oswald aufrief, der fromme Vers auswendig hergesagt.

Nach diesem wandten sich die Kinder in vier Haufen nach vier verschiedenen Seiten vor eben so viele schwarze Tafeln, auf welchen theils lateinische, theils deutsche Buchstaben, theils Sylben, theils ganze Zeilen in großer Vorschrift geschrieben zu sehen waren. Alle schrieben und malten auf Rechentafeln mit Dinte und Feder die Vorschriften nach. Oswald ging von Kind zu Kind, belobte das eine, belehrte das andere, ließ das dritte Feder und Griffel besser halten, und dergleichen mehr.

Nach einer Stunde theilten sich die Kinder wieder in vier Haufen, und man sah statt eines Schulmeisters vier Schulmeister. Denn die, welche am besten lesen konnten, stellten auf den schwarzen Tafeln gedruckte lateinische oder deutsche Buchstabe einzeln oder in Sylben oder ganzen Sätzen auf, wie Oswald es angab. Die Buchstaben waren auf Pappe geklebt, beweglich und einzeln. Dann sah Oswald nach, ob Alles recht gemacht sei; und jeder der kleinen Schulmeister ließ seinen Haufen die Buchstaben, die Sylben, die Wörter und Sätze sprechen mit halblauter Stimme. Keiner störte den Andern. Oswalds Auge und Ohr war bei Allen, und mit leiser Stimme half er bald links, bald rechts nach.

Und abermals nach einer Stunde verteilten sich die Haufen, und statt der Buchstaben kamen Zahlen und Rechenexempel auf die schwarzen Tafeln, und neue Lehrmeister und Lehrmeisterinnen dazu; und die Einen sprachen Zahlen zusammen, die Andern addirten, die Dritten subtrahirten, die Vierten sagten das Einmaleins, und so weiter. Den besten Rechnern gab Oswald geschriebene Exempel, die rechneten für sich. Am Ende sagte Jeder an, was er herausgebracht. Oswald sah in einem Büchlein nach, worin die gelösten Aufgaben standen, und sagte auf der Stelle, ob recht oder falsch.

Gar bewundernswürdig war die Stille, die Ordnung, die Lernbegierde Aller. So etwas hatten die Rathsherren und der Pfarrer in ihrem Leben noch nicht gesehen.

Als nun so der Morgen vollbracht war, begaben sich die Kinder, den Schulmeister und die Fremden grüßend, still hinweg. Draußen aber war frohes Gelächter und lauter Jubel der Kleinen.

Und Nachmittags sah man in der Schule die Kinder wieder vor den schwarzen Tafeln. Da zeichneten sie künstliche Figuren von geraden und krummen Linien auf ihren Rechentafeln und Papieren, einige sogar schon Umrisse von Blumen und wunderbaren Gefäßen. Dies gethan, lasen die besten Leser aus einem Buche lustige und lehrreiche Geschichten und Gespräche vor. Da hätte man die Freude der Kinder sehen sollen über alles das, was sie hörten. Dann befahl Oswald denen, die am besten schreiben konnten, die angehörte Geschichte aufzuschreiben und ihm morgen zu bringen, doch keine Fehler gegen die Rechtschreibung zu begehen. Zuletzt nannte Oswald öffentlich mit Lobspruch die Namen derer, die an diesem Tage ihre Sache am besten gethan. Und weil derselben sechs waren, machte er Allen die Freude, ihnen noch eine Stunde lang etwas Schönes zu erzählen. Und er erzählte ihnen eine ganz erschreckliche Geschichte von einem Manne, der in der strengsten Winterkälte auf der Landstraße schläfrig geworden und erfroren sei, daß man ihn todt in ein Dorf gebracht; und wie unwissende Bauern ihn haben sogleich in eine warme Stube legen und aufthauen wollen. Aber ein geschickter Arzt sei gekommen, habe den Erfrorenen entkleidet und bis an die Nase in Schnee vergraben, nachher sogar in eiskaltes Wasser gelegt, daß um die Gliedmaßen dünnes Eis geworden; dann habe er den Leib in kalte Betten in ein ungeheiztes Zimmer gebracht, mit Wollentüchern stark gerieben, bis der Todtgeglaubte wieder zum Leben gekommen wäre. Wie das zugegangen, erklärte Oswald Alles.

So war der Schultag zu Ende.

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