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Das Goldmacherdorf

Heinrich Zschokke: Das Goldmacherdorf - Kapitel 6
Quellenangabe
typenovelette
booktitleNovellen und Dichtungen, Sechszehnter Theil
authorHeinrich Zschokke
year1858
publisherDruck und Verlag von H. R. Sauerländer
addressAarau
titleDas Goldmacherdorf
pages1-148
created20030925
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1817
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6. Der neuerwählte Schulmeister.

Als er am Nachmittag in das Dorf zurückkam, ließ er keinen Menschen wissen, warum er in die Hauptstadt des Landes gereiset, und wie es ihm da ergangen sei. Vielmehr stellte er sich wohlvergnügt und redete Jedermann freundlich an, selbst seinen ärgsten Feind, den Löwenwirth Brenzel, welcher im Dorfe der reichste Mann, und im Gemeinderath der Vornehmste war. Der stand breitbeinig vor der Hausthür, die Kappe schief auf dem Ohr, die Hände über den Bauch gefaltet, und schaute gar gebieterisch rechts und links.

»Guten Abend, Herr Brenzel!« rief ihm Oswald zu: »Habt Ihr schon Feierabend?«

Brenzel nickte vornehm mit dem Kopfe und sprach, ohne den Oswald anzusehen: »Ich verdiene meinen Taglohn, wenn ich mit der Hundspeitsche daheim bleibe und die Bettler von meinem Hause treibe.«

Wie Oswald diese unchristliche Rede von einem Vorsteher der Gemeinde hörte, welcher ein Vater der Armen, der Wittwen und Waisen sein sollte lief es ihm heiß und kalt über die Haut, und er verdoppelte seine Schritte, um davon zu kommen. Desto mehr erquickte ihn, da er an der Mühle vorüberging und er Elsbeth sah, die schöne Tochter des Müllers Siegfried. Sie saß auf der Bank vor dem Hause im spielenden Schatten eines jungen Kirschbaumes und nähte neue Hemden. Und sie ward feuerroth, wie sie den Oswald erblickte, reichte ihm die Hand zitternd, lächelte ihn holdselig an, und ihre Augen glänzten von Thränen.

»Warum weinest du Elsbeth?« fragte Oswald erschrocken.

Elsbeth wischte sich schnell die Augen, lächelte noch freundlicher und sagte, indem sie den Kopf schüttelte: »Heute sag' ich dir's nicht, lieber Oswald, du sollst es schon einmal erfahren.« – Sie schien ihm schöner und zärtlicher, als er sie je gesehen. Aber wie viel er auch fragen mochte, er erfuhr nicht, warum sie geweint habe.

Darauf fragte ihn Elsbeth: »Du aber bist in der Hauptstadt gewesen. Gelt, da hast du dir ein paar lustige Tage gemacht, wohl gar mit den schönen Stadtjungfern getanzt? Wie? – Oswald, du seufzest? Ei, ei, Oswald, das will mir nicht gefallen. Nun hast du Heimweh zur Stadt, und in unserm armen Dörflein ist es dir nicht mehr schön genug.«

So sprach sie, und er schlug traurig die Augen nieder, ohne zu antworten. Da trat sie näher, nahm seine Hand in die ihrige, und sagte wieder, mit einer zitternden Stimme, die man kaum hörte: »Oswald, lieber Oswald, was fehlt dir! Sage mir auch ehrlich: was quält dich?«

»Kind!« rief Oswald und schlug die Augen gen Himmel auf: »Gott weiß es, ich könnte glücklich sein, und ich bin es, und in der Welt nirgends mehr, als bei dir, denn du bist herzgut. Aber mich jammern die Menschen, denn ich kenne ihrer so viele, und die meisten sind herzschlecht. Sieh' nur an das Elend der Leute in unserm armen Goldenthal. Es würde doch so wenig kosten, sie wieder zu erretten. Aber man macht die armen Leute, Gott erbarm's, zum Vieh, und den hartherzigen Reichen ist das eben recht. Die Ortsvorsteher haben ihre Stellen nur, um ihren Hochmuth zu kitzeln, und gewaltig zu sein, und sich allerlei Vortheil zu machen. Sie betrügen die Waisen, und plündern die Wittwen, und haben kein Gefühl und kein Gewissen. So wird es im Dorfe immer schlechter, die Noth der meisten Haushaltungen immer größer, und Keiner hilft. Wir haben eine Regierung – Gott sei's geklagt! Die Herren wollen nur regieren, um zu stolziren und sich Vortheile zu machen; aber des Volkes Noth aus dem Grunde zu heilen, das hält Keiner für seine Pflicht und Schuldigkeit. Es ist bei Allen nur auf Großthuerei, Lustbarkeit und Geld abgesehen. Da wollen sie nur ihre Familien bereichern, ihren Söhnen und Vettern aufhelfen; da wäscht eine Hand die andere, da hackt ein Rabe dem andern die Augen nicht aus, und das Land wird immer elender; und das kümmert die Herren nicht. Sie lassen sich noch dazu für ihre Weisheit und große Gnade loben, so niederträchtig und schamlos sind sie.«

Elsbeth sagte: »Ach, Oswald, herzlieber Oswald, warum grämt dich doch das? Es ist ein gerechter Gott im Himmel, der wird die richten, die ihre Pflichten verachten. Du bist ja unschuldig an dem Elende des Volkes. Warum grämst du dich doch?«

Oswald sagte: »Kann mir denn wohl sein in der Hölle, wo ich die Abscheulichkeit der Teufel und die Pein der armen Seelen sehen soll? So kann mir auch nicht wohl sein auf Erden, wo ich die Schändlichkeit der Herren in den Städten, und die Schändlichkeit unserer groben, stolzen Dorfkönige sehe, die das arme Volk noch tiefer in den Koth und Staub niedertreten, statt es hervorzuziehen, wie ihre Schuldigkeit wäre. Wenn dann die Unglücklichen aus Verzweiflung zuletzt Verbrecher werden, betrügen und stehlen oder gar morden, läßt man sie recht rührend und feierlich hinrichten; oder wenn sie sich aus ihren Kindern weniger als aus ihrem Vieh machen, lacht man recht vornehm dazu. Ist das nicht ein Vorspiel der Hölle? Und sind nicht unsere meisten Goldenthaler durch ihre Armuth fast dem Vieh gleich geworden, roh, ekelhaft, grob, unreinlich, gefühllos? Und sind sie nicht durch die Laster der Armuth noch schlechter als das Vieh geworden, nämlich zänkisch, schlägerisch, verleumderisch, schadenfroh, diebisch, träg, nur aufgelegt zum Fressen und Saufen?«

Elsbeth sagte: »Der alte Schulmeister hat auch vom Saufen den Lohn davon. Vorgestern Nachts kam er betrunken vom Adlerwirth und zu nahe an den Weiher, stürzte ins Wasser und ertrank. Gestern Morgens fand man ihn. Heut ist er begraben. Zum Glück hat er nicht Weib noch Kind.«

Diese Nachricht hörte Oswald nicht ohne Bestürzung. Er fragte noch dies und das. Er schien etwas Wichtiges zu überlegen, und ging gedankenvoll nach Hause. Elsbeth begriff nicht, was ihm so plötzlich durch den Kopf geflogen war. Aber sie erfuhr es am nächsten Sonntag.

Da wurde die Gemeinde nach vollendetem Gottesdienst zusammenberufen, weil es um die Erwählung eines neuen Schulmeisters zu thun war. Oswald ging auch an die Gemeinde. Elsbeth stand in der Ferne bei den Weibern und Töchtern. Sie hatte große Angst, daß Oswald reden werde, was den Leuten mißfallen könnte, und darum ihren Vater gebeten, den Oswald, wenn er aufbrause, zu besänftigen. Auch kam der Müller Siegfried dem Oswald nicht von der Seite.

Der erste Vorsteher, Herr Brenzel, eröffnete der Gemeinde, um was es zu thun sei, und sagte: »Weil der Schulmeisterdienst erledigt und ein geringer Dienst mit vieler Mühe sei, indem die Besoldung nur aus vierzig Gulden bestehe, sei es ein Glück, daß er der Gemeinde einen wackern Mann vorschlagen könne, der das Amt annehmen wolle. Das sei der Schneider Specht, dessen Profession schlecht ginge, und der ihm mütterlicher Seits etwas verwandt wäre.

Darauf schlug der Adlerwirth Kreidemann, als zweiter Vorsteher, seinen armen Vetter, den lahmen Geiger Schluck vor, der um so eher Vorzüge verdiene, weil er, statt vierzig Gulden zu nehmen, wegen Dürftigkeit der Gemeinde mit fünfunddreißig zufrieden sein wolle.

Der Schneider Specht, als er sah, daß sich die meisten Bauern für den Geiger erklären würden, sagte demselben alle Sünd' und Schande, und erbot sich, mit dreißig Gulden zufrieden zu sein. Der Geiger ward darüber so erboset, daß er den Specht einen Dieb und Ehebrecher und meineidigen Schelm hieß, und sich für fünfundzwanzig Gulden zum Schulmeister antrug. Der Schneider erklärte, den Geiger wegen seiner Schimpfreden vor Gericht zu ziehen; aber um so geringen Lohn wolle er nicht schulmeistern.

Da sich nun weiter zu dem Dienst Niemand meldete, weil sich kein Ehrenmann zu einer Stelle hergab, die von jeher verachtet und nur von Leuten gesucht war, die sonst nichts hatten, so war die Gemeinde schon entschlossen, sie dem Schluck, als einen Nebenverdienst, zu geben. Denn dieser konnte doch nothdürftig schreiben und lesen.

Aber nun drängte sich Oswald hervor, ward blaß und roth im Gesicht und rief: »Dem Küh- und Säuhirten, der euer Vieh auf die Weide treibt, gebet ihr bessern Lohn, als dem Schulmeister, der eure Söhne und Töchter in Gottesfurcht und nützlichen Dingen unterrichten soll! Eure Kinder sind Menschen, geschaffen, ein Ebenbild Gottes zu sein, aber nicht euer Vieh. Schämet ihr euch nicht der Sünde, die Ihr thut? – Aber ich weiß gar wohl, der Gemeindsseckel ist immer leer, wenn für das Nützlichste gesorgt werden soll, und Schulgeld können die armen Leute nicht zahlen, die kaum Erdäpfel und Brod und Salz haben. So will ich denn ein Uebriges thun, und ich biete euch an, Schulmeister zu werden, und verlange gar keinen Lohn. Ich sage noch einmal, ich will Schulmeister sein, es soll weder der Gemeinde noch den Haushaltungen einen Kreuzer kosten!«

Die Leute sahen sich einander verwundert an und den Oswald. Einige wollten ihn nicht haben und sagten, er könne oder wolle die armen Seelen der Kinder vielleicht dem Teufel verkaufen. Aber die Meisten bedachten, daß kein Anderer den Dienst so wohlfeil übernähme, und lärmten und schrieen, Oswald solle Schulmeister sein. Also wurden die Stimmen abgehört und Oswald wurde zum Schulmeister erwählt.

Als dies Elsbeth hörte, wollte sie vor Scham und Bestürzung in die Erde sinken. Denn im Dorfe war, außer dem Dorfwächter und dem Säuhirten, Keiner geringer gehalten, als der Schulmeister. Sie rannte ganz außer sich zur Mühle, als wäre ihr das größte Unglück und die bitterste Schmach widerfahren. Auch der ehrliche Müller Siegfried schüttelte ärgerlich den Kopf und sagte: »Ich glaube, der Oswald ist im Kopfe verrückt.«

Jedoch Oswald blieb bei seinem Entschluß. So ward er von dem Gemeinderath nach Vorschrift der obrigkeitlichen Schulpflege in Vorschlag gebracht. Er mußte sich in der Stadt prüfen lassen, und weil er eine zierliche Hand schrieb, im Rechnen mehr verstand, als für Bauern nöthig zu sein schien, ward er förmlich bestätiget.

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