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Das Goldmacherdorf

Heinrich Zschokke: Das Goldmacherdorf - Kapitel 4
Quellenangabe
typenovelette
booktitleNovellen und Dichtungen, Sechszehnter Theil
authorHeinrich Zschokke
year1858
publisherDruck und Verlag von H. R. Sauerländer
addressAarau
titleDas Goldmacherdorf
pages1-148
created20030925
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1817
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4. Wie der Oswald erschrecklich thut, und es ihm nicht hilft.

An einem Sonntage nach der Predigt wurde die ganze Gemeinde versammelt; denn es war guter Rath theuer, woher Geld nehmen, weil im Lande eine außerordentliche Steuer ausgeschrieben, und noch dazu der Gemeinde eine Schuld aufgekündet war, die bisher nicht gehörig verzinset worden. Und das ganze Dorf kam nach alter Uebung unter der großen Linde auf dem Platz zusammen. Die Vorsteher waren im Kreise der Bürgerschaft, und außer dem Kreise standen die Weiber, Töchter und Kinder, zu hören, was vorgehe.

Oswald war auch dahin gegangen, und hatte sich vorgenommen, seinen Mitbürgern über ihren traurigen Zustand die Augen zu öffnen. Daher, als die Vorgesetzten ihre Anträge gemacht und ihre Reden geendet hatten, stieg Oswald auf einen Stein, der mitten auf dem Wege lag. Da ward er von Jedermann gesehen. Also hub er an zu reden:

»Liebe Mitbürger! Ich bin vorzeiten als ein Knabe von euch gegangen in den Krieg, und bin als Mann wieder zurückgekommen. Aber wie ich in unser Dorf kam, habe ich es kaum wieder gekannt, und mir ist in Wehmuth das Herz gebrochen, als ich sah, wie alles verändert worden ist. Denn vorzeiten hieß unser Dorf mit Recht Goldenthal, weil es ein goldenes Thal war, worin Gottes reicher Segen wohnte, mehr denn anderswo. Es waren bei uns die meisten Leute wohlhabend, nur wenige arm, und Bettler gar keine. Damals pflegte man uns, wegen unsers Wohlstandes, auch noch im ganzen Lande die Herren Goldenthaler zubeißen. Denn wir gingen nicht in zerrissenen Kleidern, wie Bettler, sondern stattlich einher, in sauberm doch einfachem Gewande; und hatten nicht nur im Hause zur Nothdurft, sondern auch einen Gulden darüber hinaus. Damals hatte die Gemeinde keine Schulden zu verzinsen, sondern sie bezog sogar von andern Orten Zinsen für ausgeliehene Kapitalien, die wir erspart hatten. Damals war alles Land wohlgedüngt und angebaut, denn Jeder hatte seine Kuh und sein Roß im Stall, und auch wohl Geißln und Schaafe oder ein Paar Schweine daneben. Damals glich unser Dorf schon von außen einem zierlichen Marktflecken. Die Häuser standen schön und nett, von innen wie von außen, daß sich kein Herr aus der Stadt hätte schämen dürfen, darin zu wohnen. Haus- und Küchengeräte verkündeten, man sei wohl versorgt, und die Fenster glänzten wie Spiegel. Wenige Leute hatten Schulden, und wer sie hatte, dem war nicht bange, wie er sie zahlen müsse. Damals bekam ein Goldenthaler ohne Handschrift und Unterpfand aus der Stadt auf sein ehrliches Wort hundert und mehr Gulden geborgt. Damals war für Goldenthal noch eine goldene Zeit.«

Wie Oswald so redete, nickten ihm Alle freundlichen Beifall, und Einige sagten: »Der Oswald hat wohl Recht!«

Er aber redete weiter und sprach: »Nun ist es nicht mehr so. Man sollte unser Dorf nicht mehr Goldenthal nennen, sondern Koth- und Dreck-, Dornen- und Distelthal. Von unsern Aeckern ist meistens der Segen verschwunden; denn die Einen von uns haben zu viel Land, die Andern gar keines; die Uebrigen können es nicht in Ordnung anbauen und benutzen. Die Bettelei ist von Vielen nicht mehr für Schmach gehalten, sondern für einen ordentlichen Beruf und Erwerb angesehen. Die meisten Haushaltungen sind verschuldet, und eine um die andere sieht den Tag vor, da ihr Alles versteigert und sie ausgetrieben werden muß. Die Schuldboten verlassen unser Dorf nie. Mit den benachbarten Orten haben wir Zank und Prozeß, und unter uns selber Feindschaft und Parteien. Wir haben noch den alten Hochmuth, aber nicht mehr das alte Geld; auf den Straßen Koth und in den Häusern Unflath und Gestank, den meisten Unflath aber im Herzen. Denn hier versteht sich fast Jedermann besser aufs Saufen, als aufs Arbeiten; besser aufs Borgen, als aufs Bezahlen; besser aufs Prellen und Stehlen, als aufs Geben; besser auf Hinterlist, als auf Wahrheit. Wenn das so fortgeht, müssen wir in Elend und Schande Alle untergehen. Schon haben wir zu Stadt und Land keinen Kredit mehr, und wenn man Jemand einen Lump heißen will, so sagt man: er ist ein Goldenthaler!«

Bei diesen Worten des Oswald erhob sich ein großes Gemurmel und Dräuen im Volk, und jeder sah den Oswald mit finstern Blicken an; also, daß des Müllers Elsbeth in große Furcht gerieth. Denn sie stand auf einer Bank am Hause und verwandte kein Auge vom Oswald, der ihr von Herzen lieb war.

Oswald ließ sich jedoch von dem Gemurre und Gesurre nicht schrecken, sondern fuhr also fort:

»Liebe Mitbürger, wenn noch ein Tropfen redlichen und frommen Bluts in euern Adern wallt, so schlaget Hand in Hand und sprechet: es soll und muß anders werden! Woher kommt unser Verderben? Dahinten her kommt es, aus den Wirthshäusern! Da sind eure Ländereien in die Wein- und Bierfässer gefallen, und eure Kühe von den Spielkarten erschlagen. Da habt ihr das Sparen verlernt und das Arbeiten vergessen. Armuth macht Diebsmuth, und Müßiggang ist des Teufels Ruhebank. Das Geld eurer Väter ist verzehrt, und ihre Sonntagsröcke traget ihr mit Löchern in den Aermeln. Habet ihr ein paar Kreuzer im Sack, trinket ihr lustig, und Weib und Kind daheim hungern. Was soll daraus werden? – Ich frage die Vorgesetzten! Wo ist das Vermögen der Gemeinde, und wie habt ihr hausgehalten mit der Hinterlassenschaft unserer Vorfahren? Warum leget ihr keine treue Rechnung ab, und gebet nicht aufrichtigen Rath, wie zu helfen sei? Warum schmauset ihr lieber auf Gemeindsunkosten, statt der Gemeinde Gut zu sparen? Warum verschließet ihr nicht die Wirthshäuser, und öffnet dafür Abzugsgraben für das Wasser im versumpften Gemeindswald oder bessert unsere halsbrechenden Dorfwege ans? Warum machet ihr's den Leuten so leicht, wenn sie Geld borgen wollen, und machet es ihnen so schwer, wenn sie sich vor dem Bettelstab retten möchten?«

Wie Oswald so redete, schrien einige der Vorgesetzten: »Schweig, du Landstreicher und Taugenichts, oder wir schicken dich bei Wasser und Brod in den Thurm, achtundvierzig Stunden lang!« – Und die ganze Gemeinde brüllte: »Schweig! Schweig!«

Aber Oswald erwiderte: »Ihr habet Macht, mich in den Thurm zu werfen; aber ich habe Macht, euch vor die hohe Landesregierung zu rufen. Wenn ich da eure Wirtschaft aufdecke, wird euch übler zu Muth sein, als mir bei Wasser und Brod ist. Ihr alle aber, Mitbürger, beweiset mir, daß ich falsch rede, oder lästere. Fraget eure Gewissen, ob das Gemeindegut vermehrt oder verheert ist? Fraget eure Gewissen, ob ihr reicher oder ärmer geworden seid; ob Treu und Glauben noch unter uns gelten; ob Gottesfurcht und Menschenliebe unter uns herrschen, oder hartherziger Eigennutz, Wucher, Lüderlichkeit, Hinterlist, Tücke, Meineid und falsches Wesen? Und wenn euer Gewissen keine Zunge hat, so schauet eure zerfallenen Häuser und Ställe, eure verwilderten Felder und Gärten, eure leeren Geldbeutel und Truhen, eure zerrissenen Kleider und Hemden an; die sind meine Zeugen wider euch. Schauet eure armen verwahrlosten Kinder an, sie sind meine Zeugen wider euch. Ihr habet mehr Sorgfalt für eure Kühe, Säue und Ziegen, als für eure Kinder; und Kühe, Säue und Ziegen sind euch nicht so lieb, als euch Schwelgerei und Spiel, Fraß und Sauf sind.«

Oswald wollte noch mehr sagen; aber sie stießen ihn mit mörderischem Gebrüll vom Stein, und ließen ihn nicht mehr reden. Einige wollten die Hand an ihn legen; aber er ergriff sie mit gewaltiger Faust und schleuderte sie gegen die Andern, daß sie mit den Köpfen zusammenschlugen. Er nahm einen gewaltigen Stecken, und drohte den Ersten zu Boden zu schlagen, der sich ihm nähern würde. Das Geschrei gegen ihn ward immer lauter und wilder. Einige hoben Steine auf. Oswald ging beherzt mit geschwungenem Prügel gegen den dicken Haufen, und mitten durch denselben nach Hause. Er wusch sich, verband seine verwundete Stirn und war ruhig.

Da kam, blaß wie der Tod, mit verweinten Augen Elsbeth und fragte: »Oswald, wie geht's dir?« Und sie konnte vor Wehmuth nichts mehr sagen, und er tröstete sie und drückte sie gerührt an sein Herz.

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