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Das Goldmacherdorf

Heinrich Zschokke: Das Goldmacherdorf - Kapitel 30
Quellenangabe
typenovelette
booktitleNovellen und Dichtungen, Sechszehnter Theil
authorHeinrich Zschokke
year1858
publisherDruck und Verlag von H. R. Sauerländer
addressAarau
titleDas Goldmacherdorf
pages1-148
created20030925
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1817
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30. Wie es im Goldmacherdorf aussah.

Wohl war Goldenthal nun ein rechtes goldenes Thal. Da lag es mitten in den fruchtbarsten Gärten, wie vergraben in den vollen Obstbäumen, umringt von Wiesen und goldenen Saatfeldern, wie mitten im Paradiese. Die Feldwege zwischen den Aeckern waren wie Gartenwege sauber und eben, die Landstraßen auf beiden Seiten mit Obstbäumen besetzt, so weit der Gemeindsbezirk ging.

Und trat man ins Dorf, so glaubte man in kein Dorf zu treten, sondern in einen stattlichen Marktflecken. Denn die Häuser waren, wenn auch nicht alle groß, doch alle schön und wohl unterhalten von oben bis unten: die Fenster glänzend und hell; die Thüren und Gesimse stets gewaschen oder frisch angestrichen, die Dächer fast alle mit Ziegeln gedeckt, denn durch ein Gemeindsgesetz waren die Strohdächer wegen Feuersgefahr verboten. Und wurde ein neues Dach gedeckt, mußten es Ziegel sein. Auf mancher First sah man Blitzableiter, fast vor allen Fenstern Blumen; neben den Häusern kleine Gärten, zierlich geordnet und daneben wohlgeschirmte Bienenkörbe.

Die Leute grüßten Jeden so freundlich auf der Straße, und neckten einander im Vorbeigehen scherzend. Man sah es ihnen wohl an, daß sie unter einander gut lebten und mit ihrem Zustande vergnügt waren. Das konnte nicht anders sein. Sogar in der Woche bei Feld- und Gartenarbeit gingen Alle, zwar schlicht und einfach, aber doch reinlich gekleidet: man sah keine beschmierten, keine zerrissenen Gewänder. Es gab braune, von der Sonne verbrannte Gesichter, aber keine kothigen, mit struppigen Buschhaaren; und die Kraft und Gesundheit lachte Allen aus den Augen. Die jungen Bursche in andern Dörfern sahen am liebsten nach den Goldenthaler Mädchen; denn sie waren nicht nur wundernett und hübsch, sondern auch häuslich, geschickt und wirthlich. Mancher reiche Bauerssohn in andern Dörfern holte sich ein Mädchen aus dem Goldmacherdorf; wenn es auch nicht viel Geld hatte, hatte es doch viele Tugenden. Und ging ein junger Mann aus Goldenthal auf die Heirath aus, so konnte er unter den Töchtern des Landes wählen. Man schlug einem Goldenthaler nie leicht die Tochter ab, wenn sie auch mehr Vermögen hatte; denn man wußte, es war gar wohl angelegt. Das vermehrte den Wohlstand der Gemeinde nicht wenig.

Daß man keine Bettler und Müßiggänger in Goldenthal sah, verstand sich. Aber man erblickte auch nicht einmal dem Anschein nach arme Leute. Denn sogar die Spittler hatten ihr sattes Essen und Trinken und ordentliches Gewand. Und trat man ins kleinste, ärmste Bauernhaus, so meinte man beinahe, es sei etwas recht Vornehmes darin. Die Fußböden waren so reinlich und gefegt, die Bänke, Stühle, Tische so ohne Flecken und Fehl, Fenster und Spiegel so hell – kurz, es war nicht wie in den Sauhütten mancher Bauern in andern Dorfschaften. Man bekam rechte Lust, da zu wohnen unter den Biederleuten.

Während der Sommermonate, vom Frühjahr bis zum Herbst, war es an den Sonntagen bei schönem Wetter ein fröhliches Leben zu Goldenthal. Da wimmelte es von Besuchen aus der Stadt. Das große, neu ausgestattete Wirthshaus, welches – wer hätte es glauben sollen? – einer von den zweiunddreißig armen Genossen des Goldmacherbundes durch Erb und Kauf an sich gebracht hatte, war angefüllt mit städtischen Familien, die Erfrischungen nahmen. Andere Familien kehrten in die Wohnungen ihnen bekannter Bauern ein: saßen da in den Gärten bei Milch, Obst, Honig und andern Näschereien des Dorfes; oder lagerten sich plaudernd und spielend auf grünen Rasenplätzen, oder saßen auf den saubern Bänken vor den Häusern im Schatten weit vorragender Dächer, und sahen die auf- und abwandelnden bunten Reihen der Spaziergänger; oder traten auf den Platz unter die Linde, wo die Jugend des Dorfes zuweilen tanzte beim heitern Gesang der Andern. Man kann leicht denken, die Herren und Frauenzimmer aus der Stadt waren für das Vergnügen, welches sie in Goldenthal genossen, nicht undankbar, und die von den gefälligen Landleuten angebrachten Bequemlichkeiten und Verschönerungen ihrer Häuser und Gärten trugen guten Zins. Selbst im Winter fehlte es nicht an Besuchen. Da wurden aus der Stadt Schlittenparthien nach Goldenthal gemacht. Wo konnte man's besser haben?

Die Leute in andern Dörfern sahen und hörten das und wunderten sich fast zu Tode, warum das bei ihnen nicht auch so sei? Sie meinten in vollem Ernst, die Goldenthaler hätten geheime Künste. Statt aber sich nach diesen Künsten recht zu erkundigen, blieben sie ruhig auf ihrem alten Mist sitzen, und blieben, wie sie waren. Sie zeigten nur Neid und Mißgunst, wenn sie von Goldenthal sprachen, und spotteten und nannten es das Goldmacherdorf. Aber dieser Uebername war kein Uebelname.

Auch machten sich die Goldenthaler nicht viel daraus. Denn wohin sie kamen, waren sie werthgehalten und geschätzt. Sie fuhren in ihrer guten Weise fort und waren dabei des Lebens froh. Hatten sie die ganze Woche gearbeitet, war jeder Sonntag ein rechter Ruhetag. Ins Wirthshaus freilich gingen die Goldenthaler nicht. Sie hatten ihren Labetrunk daheim. Aber auch im Winter tanzten da des Abends die jungen Leute bei guter Musik. Einige Männer und Knaben waren durch den Schulmeister Johannas Heiter im Spiel der Geigen und Flöten angeleitet worden. Sie hatten es ziemlich weit gebracht. Oft führten auch die jungen Sänger und Sängerinnen große Singstücke auf, wie man dergleichen kaum in der Stadt hörte. Die alten Männer und Frauen kamen familienweise des Abends zu einander; da bewirtheten sie sich mit einfacher Kost, und hatten ihre muntern Gespräche. Von besoffenen Leuten, von Raufereien, von Prozessen, von Ausschweifungen anderer Art hörte man gar nicht. Denn mit dem Wohlstande und der bessern Erziehung, die aus der Schule stammte, hatte sich ein gewisses Ehrgefühl und eine Liebe zu anständigen Sitten unter den Bauern ausgebildet, wovon man sonst nicht leicht in andern Dörfern Aehnliches gewahr ward. Man kannte und unterschied sie schon beim ersten Anblick in der Stadt von Landleuten aus andern Gegenden. Sie waren in ihrer Tracht höchst einfach und säuberlich, in ihrer Rede sanft und bescheiden, in ihrem Benehmen offen und gutherzig. Sie trugen zwar keine feine Kleider, aber dafür war ihr Betragen fein.

Man muß wohl nicht glauben, daß dies höfliche, ehrbare und löbliche Wesen eine reine Frucht der Erziehung oder des allgemeinen Wohlstandes allein gewesen; es war auch eine Wirkung der Gemeindegesetze. Denn wie einige Bauern reicher geworden waren, hatte es gar nicht an solchen gefehlt, die wieder über die Schnur hieben und aus der Art zu schlagen drohten. Da wollten Einige hochmüthig werden, putzten ihre Töchter ungebührlich, kleideten sich in kostbares Tuch recht städtisch, und thaten in allen Dingen groß. Einige andere nahmen die Spielkarten wieder vor oder die Weinflaschen im Wirthshaus. Das erweckte aber großes Aergerniß bei den meisten rechtschaffenen Leuten, und sie sprachen: »Fängt man es so wieder an, werden wir bald wieder den Krebsgang gehen!« Und es war allgemeiner Unwille gegen diejenigen, welche von der einfachen, löblichen Weise abwichen; und man begehrte, die Ortsvorgesetzten sollten besser über die Bewahrung der guten Sitten im Dorfe wachen.

Dieser Vorwurf, welchen man den Ortsvorstehern machte, erfüllte den Oswald gar nicht mit Verdruß, sondern mit wahrer Freude. So kam ein strenges Gemeindsgesetz zu Stande; darin war aller Aufwand in den Kleidern verboten und jedem Alter seine Tracht vorgeschrieben, und auf Kartenspiel und alles Spiel um Geld und Geldeswerth, auf das Laster der Trunkenheit, auf Schimpfreden, Lästerungen, Balgereien und andere Schändlichkeiten waren von der Gemeinde einmüthig harte Strafen gesetzt. So kam es, daß sich Keiner überhob und übernahm; daß, wenn irgend Einer auch einmal Lust hatte, zu thun, was weder ehrbarlich noch recht war, die Furcht vor Scham, Schande und Bestrafung ihn wieder zurückschreckte.

Alle Jahre wurde das Sittengesetz vor der ganzen Gemeinde vorgelesen. Da mußten Alt und Jung, Männer, Weiber und Kinder es anhören. Fand man Zusätze nöthig, wurden sie gemacht. Und wenn das Sittengesetz vorgelesen war, mußte der erste Vorsteher jedesmal fragen: »Wollet ihr dies Gesetz halten, welches die Grundlage unsers Wohlstandes, unserer Eintracht und Ehre ist?« – Und Alt und Jung antwortete mit lauter Stimme deutlich ein allgemeines Ja.

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