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Das Goldmacherdorf

Heinrich Zschokke: Das Goldmacherdorf - Kapitel 3
Quellenangabe
typenovelette
booktitleNovellen und Dichtungen, Sechszehnter Theil
authorHeinrich Zschokke
year1858
publisherDruck und Verlag von H. R. Sauerländer
addressAarau
titleDas Goldmacherdorf
pages1-148
created20030925
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1817
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3. Was der verständige Müller erzählt.

Als Oswald in seinem Dorfe so viel Lasten und Sünden sah, ist ihm vor Zorn das Herz geschwollen. Er ging in die Mühle, wie er allemal that, wenn er voll Unmuths war. Und wenn ihn da die holdselige Elsbeth anlächelte, verschwand sein Verdruß, wie eine Nebelwolke an der Stirn des Berges vor dem Glanz der Sonne.

Oswald sprach zum Müller: »Nein, wie sind doch die Leute so gottlos und die Hütten so voll Jammers! Das ist vor Zeiten nicht so gewesen. Da war der Fleiß auf den Feldern, die Zierlichkeit im Dorfe, die Eintracht in den Häusern und der Reichthum in den Scheuern. Da wurden die Bauern hochgeehrt von den Städtern, und man nannte sie auch wohl die Herren Goldenthaler. Nun ist Alles umgekehrt, und die Armuth sitzt neben der Bosheit unter den Dächern. Wie hat der Krieg so viel Uebels angerichtet!«

Der Müller antwortete und sprach: »Unser Dorf hat vom Kriege viel gelitten, gleichwie andere Dörfer und Städte. Es lagerten sich fremde Völker bei uns ein und verzehrten unsere Vorräthe; wir mußten den Kriegsleuten dienen und liefern, was sie wollten; wir mußten der Obrigkeit Zins und Steuern zahlen; wir hatten schlechten Verdienst, denn Handel und Wandel standen still, alles Gewerb war Verderb, und schlechte Jahre und Witterungen kamen dazu, daß das Gras auf den Feldern, das Getreide auf den Aeckern, das Obst an den Bäumen und die Traube an den Reben umkam. Aber unser Unglück stammt nicht von Krieg und Theuerung her. Denn andere Städte und Dörfer haben gelitten, wie wir, und fangen doch wieder an, heiter aufzuschauen. Aber in unserm Dörflein wird es alle Tage schlimmer. Andere Städte waren in Trübsal und Armuth untergesunken, wie wir; doch heben sie sich wieder daraus mit Gottes Hülfe hervor. Aber, dem Himmel sei's geklagt, wir gehen nun darin unter.«

»Das wolle Gott verhüten!« rief Oswald: »Woher kommt das?«

Der Müller antwortete: »Das kommt daher: die Andern strengen ihre Kräfte an und schwimmen an das Ufer; wir überlassen uns dem Spiel der Unglückswogen und unsere Rettung dem Zufall. Ja diejenigen, welche uns helfen können, ziehen uns noch tiefer in den Wasserstrudel hinein.«

»Wer sind die?«

»Ich will es dir wohl im Vertrauen unter vier Augen offenbaren!« sagte der Müller. »Wenn es mit einer Gemeinde den Krebsgang geht, so kannst du dich darauf verlassen, hat sie schlechte Obrigkeit. Und das ist bei uns der Fall. Unsere Ortsvorgesetzten sind entweder eigennützige Menschen, oder einfältige, schwache Leute. Zwei von ihnen haben eigene Wirthshäuser, und der Schwiegersohn des dritten hat auch ein Trinkhaus. Da ist es ihnen eben recht, wenn die Leute lieber bei ihnen hinterm Tisch, als bei der Arbeit sind. Wird die Gemeinde versammelt, so ist es bald in diesem, bald im andern Wirthshaus, und da muß am Ende eins getrunken werden. Haben die Durstigen kein Geld, so wird ihnen geborgt. Können sie nicht zahlen, so kauft man ihnen ein wohlgelegenes Stück Land um das andere ab, oder nimmt es für die Schuld an; oder, was die Leute haben, wird öffentlich versteigert. Dann sind die Bettler fertig. Daher kommt nach und nach alles liegende Gut in die Hand einzelner reichen Leute. Wer Geld leihen will, geht zu ihnen und bekommt um doppelten und dreifachen Zins. So werden die Bedürftigen durch unchristlichen Wucher desto schneller zu Grunde gerichtet.«

»Ei, warum borgen die, welche Geld brauchen, nicht lieber das Geld an andern Orten, oder in der Stadt bei rechtschaffenen Leuten?« rief Oswald.

»Weil man unserer Gemeinde an andern Orten keinen Kreuzer mehr anvertraut!« erwiederte der Müller. »Denn weil die Gemeindevorgesetzten bisher die Geldaufbruchscheine für Bedürftige auf die lüderlichste und leichtsinnigste Weise ausgestellt haben, sind die. welche Geld darauf liehen, hintenach darum halb oder ganz betrogen worden. So haben wir durch die Nachlässigkeit der Vorsteher allen Kredit verloren und alle Hoffnung auf fremde Hülfe. Weil uns Niemand in der Stadt mehr borgen will, so schimpfen und fluchen unsere Leute tagtäglich auf die Städter und drohen mit Mord und Brand. Widerführe einmal der Stadt ein Unglück, so würde das die größte Freude unsers Lumpengesindels sein, obgleich wir von der Stadt noch viel Verdienst und Almosen haben.«

»Das ist abscheulich!« schrie Oswald: »Aber wir haben ja noch ein ordentliches Gemeingut.«

»Ja, das Gemeingut ist auch verschuldet und wird nur von den Reichen benutzt!« antwortete der Müller: »Denn wenn die Vorgesetzten ein Geschäft abthun, einen Umgang an den Marchen und Grenzen halten, eine Holzanweisung machen, oder sonst etwas extra verrichten: so wird auf Kosten der Gemeinde geschmauset und gezecht. Damit geht das Vermögen der Gemeinde durch die Gurgel der Vorsteher. Jeden Gang wollen sie bezahlt haben. Dazu kommt, daß, weil die Reichen Kühe halten können und die Armen keine, so benutzen sie den Weidgang im Wald und auf den Almenden allein für sich, und die Armen haben keinen Nutzen und Vortheil von den Gemeindsgütern.«

»Wenn du das Alles weißt, Müller: warum sagst du das nicht der ganzen Gemeinde und öffnest ihr die Augen?« fragte Oswald zornig.

»Weil es nicht hilft!« erwiederte der Müller: »Denn da die Meisten im Dorfe bei den Reichen verschuldet sind, so thun die Reichen was sie wollen, und es darf ihnen Keiner widersprechen. Und wenn unsereins gegen Mißbräuche den Mund aufthun will, so toben und lärmen die Lumpenkerle alle, daß man seines Lebens kaum sicher ist. Das wissen die Vorgesetzten und die Reichen wohl. Die betrachten die verlumpten Leute wie ihre Hunde, welche sie nach Belieben auf jeden loslassen können, der ihnen in die Quer kommt.«

»Das ist entsetzlich!« schrie Oswald: »Wenn denn die Menschen keinen Verstand haben, so sollten sie doch ein Gewissen und Gottesfurcht haben.«

»Ja, sie sollten wohl,« sagte der Müller, »aber woher nehmen? Unser Herr Pfarrer ist ein alter Herr, der für seine Pfründe und Bequemlichkeit sorgt, immer vom Glauben predigt, von Himmel und Hölle, und seine Kirchengeschäfte verrichtet, wie ein Anderer sein Tagwerk, und hat er es gethan, sich um Anderes nicht bekümmert. Was man thun müsse, worin die christlichen Tugenden bestehen, und wie man sie erlangen und ausüben müsse – das lehrt er nicht. Er geht Jahre lang in keines Bauern Haus, als im Nothfall, wo er gerufen wird. Folglich ist er kein wahrer Rathgeber, kein wahrer Tröster, und kennt den Zustand der Familien lange nicht genau genug, um auch im häuslichen Leben auf ihre Frömmigkeit und Besserung hin zu arbeiten. Die Leute gehen aus Gewohnheit in die Kirche, der Pfarrer predigt aus Gewohnheit, und mit dem Schritt aus der Kirche bleibt es bei den gewohnten Lastern und Lüderlichkeiten. Und weil die Menschen von innen in ihrem Herzen nicht besser werden, wird es auch von außen nicht besser. Und wie die Alten, so die Jungen.«

»Was? Taugt der Schulmeister auch nichts?« fragte der Oswald.

Der Müller sagte: »Seit dein Vater gestorben ist, der ein gottesfürchtiger, verständiger Mann war, geht es mit der Schule schlecht. Die Knaben und Mädchen lernen zur Noth lesen, Schreiben und Rechnen, auch wohl ein Gebet. Aber von ihren Aeltern daheim lernen sie, was sie sehen, nämlich Lug und Trug, Schwören und Fluchen, Unzucht und Heuchelei, Raufen und Balgen, Betteln und Stehlen, Spielen und Saufen, Müßiggang und Muthwillen, Hader und Neid, Verleumden und Lästern.«

Als Oswald diese Dinge hörte, schüttelte er den Kopf und ging in seiner Seele betrübt von dannen.

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