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Das Goldmacherdorf

Heinrich Zschokke: Das Goldmacherdorf - Kapitel 25
Quellenangabe
typenovelette
booktitleNovellen und Dichtungen, Sechszehnter Theil
authorHeinrich Zschokke
year1858
publisherDruck und Verlag von H. R. Sauerländer
addressAarau
titleDas Goldmacherdorf
pages1-148
created20030925
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1817
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25. Es geht immer besser.

Die wohldenkenden und verständigen Männer im Dorfe schüttelten den Kopf und sagten: »Das Ding mit den Holzsparen setzen wir bei dieser hartnäckigen Gemeinde nie durch.« Oswald aber lachte und antwortete: »Nur Geduld! Gutes Ding will seine Zeit haben. Die Leute müssen das Ding erst besprechen, beschlafen und sattsam verdauen. Goldenthal ward nicht in einem Tage gebaut. Unsere Bauern, wenn ihnen ein nützlicher Vorschlag gemacht wird, der ihnen neu ist, sind wie die Kinder, wenn sie einen unbekannten Mann erblicken. Die laufen erst schreiend und erschrocken davon; nachher schauen sie ihn aus der Ferne an; dann kommen sie wieder einen halben Schritt näher, wenn sie merken, daß er nicht beißt; endlich spielen sie mit ihm und werden gute Freunde.«

So redete Oswald. Unterdessen ward zur Erbauung des Waschhauses und der Backöfen Anstalt gemacht. Man fällte Holz, brach Steine, führte Leimen und Kalk und Ziegel herbei, Alles durch gemeines Werk. Die Haushaltungen, welche einen Back- und Dörrofen gemeinschaftlich haben wollten, traten zusammen, beredeten die Reihenfolge im Gebrauch des Ofens, und bestimmten den sichersten und bequemsten Platz. Oswald ließ einen sehr verständigen Maurermeister kommen, der die besten Vortheile bei Feuerherden und Oefen anzubringen wußte. Er selbst besuchte verschiedene Dörfer, um dasige Einrichtungen kennen zu lernen und das Beste davon für Goldenthal zu benutzen. Gegen den Herbst waren das Waschhaus und die Oefen schon aufgerichtet und zum großem Vergnügen der Goldenthaler in vollem Gebrauch. Jetzt spürten die Haushaltungen in der That, daß dabei viel Holz erübrigt werde und größere Sicherheit vor Feuersbrunst sei.

Aber Eins folgt aus dem Andern. Manche Leute kamen nun von selbst auf den Gedanken, die unfläthigen großen Stubenöfen wären nicht mehr so nothwendig wie ehemals; man könnte kleinere haben, die weniger Holz fräßen. Oswald und der Herr Pfarrer hatten solche kleine Stubenöfen, welche sogar auch zum Kochen bequem eingerichtet waren, in ihren Stuben. In der Stadt sah man fast überall dergleichen. Der ehemalige Löwenwirth Brenzel hatte sich auch schon solche angeschaut, damit es bei ihm städtischer aussehe. Es war Gewinn dabei. Man konnte das ersparte Holz verkaufen und Geld daraus machen. Keinem kamen die Worte Oswalds wieder aus dem Sinn: Holz verbrennen heißt Geld verbrennen! Man scheute nur die Unkosten für das Umsetzen und Abändern der Oefen.

Doch verschiedene von den zweiunddreißig heimlichen Genossen des Goldmacherbundes, auf welche Oswald noch immer durch sein Ansehen großen Einfluß hatte, ließen auf sein Zureden ihre Oefen schon im Herbst verändern, besonders da er einigen der Unbemitteltsten dazu etwas Geld vorschoß. Ein geschickter Mann aus der Stadt richtete Alles höchst vorteilhaft und einfach ein. Nun hätte man sehen sollen, wie die Nachbarn und Nachbarinnen aus allen Winkeln des Dorfes kamen, die neuen Stubenöfen, als wahre Wunderthiere, zu beschauen. Alle lachten darüber, Alle spotteten und tadelten. Hintennach, da der kalte Winter mit Eis, Sturm und Schneeflocken ins Dorf einzog, verwunderten sie sich, daß die kleinen, von den Wänden freistehenden Oefen doch so warme Stuben machen konnten. Als aber im Frühjahre viele von den Besitzern dieser Oefen Holz verkauften, kam den Uebrigen die Sache sehr annehmlich vor. Die alten, ungeheuern Oefen verloren ihre alten Vertheidiger, und zuletzt wollte Jedermann in der Stube ein kleines Wunderthier haben. Viele, welche die Einrichtung bei den Andern gesehen hatten, bauten sich sehr kunstvoll die Oefen selbst auf, und sogar noch mit kleinen Verbesserungen, die allgemeinen Beifall hatten. – Im Frühjahr ging der Weibel herum von Haus zu Haus und sagte: Geld her; der Zins von der Gemeindsschuld soll bezahlt werden, darum bezahlet den Zins vom Pachtlande, das ihr von der Gemeinde habet!

Das war ein böses Geschäft, so mit einmal zwei Gulden und darüber für nichts und wieder nichts wegzugeben. Einige sagten: »Hole der Kukuk die Gemeindsschulden!« Andere liefen zu Oswald und sagten: »Herr Vorsteher, warum redet Ihr nicht mehr von Euerm Vorschlag, die Gemeindsschulden mit Holz aus dem Wald für immer abzuthun? Fangt doch wieder an!«

Das war's, was Oswald erwartete. Und als die Gemeinde zusammen berufen war, sagte er: »Die ganze Bürgerschaft ist darin einig, wie ich von allen Seiten vernehme, die Schuld abzustoßen. Keiner will jährlich ein Klafter Holz weniger empfangen. Nun denn, so macht es mit einem halben Klafter jährlich ab. Das wird bei den neuen Einrichtungen Keiner so stark vermissen, als ein ganzes. Nehmet ihr also jährlich, statt drei, nur zwei und ein halbes Klafter. so lange, bis wir wieder Holz im Walde genug haben, so ist die Schuld in zwei, drei Jahren vernichtet.«

Der Vorschlag erregte zwar auch Murren, aber er ging durch. Und als ihn die hohe Landesregierung nicht nur billigte, sondern auch belobte, ward nahe und fern der Holzschlag angekündigt. Es kamen viele Käufer von nahe und fern zur Steigerung. Man schlug in Gegenwart und unter Anweisung des Oberförsters das älteste Bauholz, auch an vielen Orten junges an, wo es zu dicht stand, verkaufte aber daran zwei Jahre lang, um die Preise nicht zu niedrig zu halten, und in zwei Jahren waren sechstausend Gulden gelöset, so daß die Gemeindsschuld nicht nur bezahlt, sondern auch ein schöner Geldüberschuß für Nothfälle der Gemeinde an Zins gethan werden konnte.

Nun aber folgte Oswald auch dem Willen des Oberförsters und der Regierung. Nämlich um den Wald, als das beste Stück vom Gemeindsvermögen, recht ordentlich bewirtschaften zu können, ließ man einen Feldmesser kommen. Der vermaß alle Waldungen und brachte sie in Karten. Der Oberförster ging durch die Gehölze, und nachdem er sie besichtigt hatte, theilte er sie in Portionen oder Schläge, und schrieb dazu, welchen Schlag man in jedem Jahre abholzen könne. Und so war dabei für dreißig und für hundert Jahre Vorsorge gethan. Der Oberförster machte den Ortsvorgesetzten eine schriftliche Lehre und Anweisung dazu, was sie alle Jahre beim Abholzen und beim Anpflanzen neuer Schläge zu beobachten hätten. Und die Vorgesetzten machten der Gemeinde eine neue Waldordnung, darin, als in einem Gesetz fürs Dorf, geschrieben war, was künftig bei Fällung des Holzes, bei Austheilung der Gaben, bei Anweisung notwendigen Bauholzes in der Gemeinde, bei Freveln, bei Ernennung der Bannwarte oder Waldvögte u. s. w. zu beobachten sei, damit Alles recht unparteiisch und gemeinnützlich vor sich gehe.

Diese Einrichtungen waren ganz vortrefflich. Und wenn es einmal an einen Schlag im Walde kam, der zu wenig Holz gab, ward das Fehlende aus dem Ueberschuß eines andern ersetzt. Der Bannwart empfing bessern Gehalt, damit er den Lumpen und Holzdieben Tag und Nacht fleißiger nachgehen könne. Alle zwei Jahre wurden die Marken und Grenzen der Wälder und Aecker und Wiesen von den Vorgesetzten, Feldhütern, Bannwarten, Güterbesitzern u. s. w., von alten Männern und jungen Knaben umgangen, besichtigt und berichtigt. Das verhütete vielen Grenzstreit, viele Prozesse, die sonst aus Verwahrlosung der Marken entstanden waren.

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