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Das Goldmacherdorf

Heinrich Zschokke: Das Goldmacherdorf - Kapitel 22
Quellenangabe
typenovelette
booktitleNovellen und Dichtungen, Sechszehnter Theil
authorHeinrich Zschokke
year1858
publisherDruck und Verlag von H. R. Sauerländer
addressAarau
titleDas Goldmacherdorf
pages1-148
created20030925
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1817
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22. Der Gemeindsstall muß ausgemistet werden.

»O Herr Jerum! O Herr Jerum!« rief der Löwenwirth und kratzte sich hinter den Ohren, so oft er daran dachte, daß Oswald nun Ortsvorsteher geworden. Doch besann er sich, und lief spornstreichs zum Oswald hin, umarmte ihn als seinen Kollegen, gratulirte von ganzem Herzen, sagte: nun wollten sie beide rechte Herzensfreunde werden und wie Brüder leben.

Elsbeth wunderte sich über die gar zu schnelle Höflichkeit des Löwenwirths, und sprach, als er fortgegangen war, zu ihrem Manne: »Oswald, Oswald, hättest du doch die Stelle nicht angenommen! Denn Brenzel ist ein falscher Mann, und er wird dir eine Grube graben und dich in die Falle bringen. Oswald, lieber Oswald, hüte dich vor dem Löwenwirth!«

Oswald küßte Elsbeths finstere Stirn und sprach: »Brenzel ist kein grimmiger Löwe; ich sehe, er ist nur ein feiger, schmeichelnder, tückischer Kater. Aber ich will ihm die Pfoten schon lähmen.«

Als nun die Vorsteher das erste Mal nebst dem Gemeindeschreiber beisammen saßen, verlangten Ulrich Stark und Oswald vor allen Dingen, die Rechnungen einzusehen und die Gemeindebücher. Aber da fand sich Alles in großer Unordnung. Vieles war gar nicht ins Protokoll eingetragen. Die Gemeinde hatte bei siebentausend Gulden Schulden. Beinahe die Hälfte war sie dem Löwenwirth schuldig, der sich fünf Prozent zinsen ließ, während er Geld zu drei und vier Prozent für sich aufgenommen hatte. Die jährlichen Gemeindssteuern waren meistens für allerlei Unkosten, Bemühungen, Augenscheine und Besichtigungen, für Reisen, Entschädigungen und dergleichen der bisherigen Gemeindsvorsteher darauf gegangen. Besondere Rechnung war darüber nicht geführt, sondern Alles nur in runden Summen ausgestellt. Eben so war es mit den Einkünften des Dorfspitals oder Armenguts gegangen. Mit den Vormundschaftsrechnungen für die Wittwen und Waisen stand es nicht besser. Aus den Waldungen hatte man im Einverständniß mit dem Förster nach Belieben Holz geschlagen und verkauft, wie es hieß, zum Besten der Gemeinde, ohne daß man jetzt wußte, wohin und wie viel. Hatte sich doch der Löwenwirth manchmal selbst gerühmt: »Mein Beil hat schon mehr Holz abgeschlagen, als der beste Hof im ganzen Lande werth ist.« – Genug, es war mit dem Gut der Gemeinde übel gehauset, übel Rechnung gehalten; hingegen sah man wohl, die Herren Vorgesetzten hatten sich dabei nicht vergessen. Es fand sich sogar, daß um den Spottpreis von tausend Gulden ein großes Stück Gemeindsland verkauft worden war, daß es die Vorsteher gekauft, das Geld noch nicht einmal bezahlt und seit fünf Jahren nicht verzinset hatten. Ferner, daß der Löwenwirth schon vor eilf Jahren, im Einverständniß mit seinen Beisitzern, viertausend Gulden Kapital aufgenommen hatte, Namens der Gemeinde; daß dafür die Gemeindswälder unterpfändlich verhaftet worden waren; daß die Gemeinde den Zins unter den übrigen Steuern hatte mitzahlen müssen, und daß das Kapital in den Händen der Vorgesetzten geblieben war.

Da ergrimmte Oswald in seinem Gemüth, und sprach: »Man hat mich nicht in den Gemeindsrath gesetzt, sondern in den Gemeindsstall, der da ist voller Unflath und Verderben. Aber wir wollen den Stall ausmisten, und sollte der Gestank auch durch das ganze Land dringen. Ihr habet, als Vorsteher, nicht das Gemeinbeste vertreten, sondern ihr habet es zertreten. Ihr Väter der Wittwen und Waisen habet eure Kinder bestohlen, und den armen Leuten verschimmeltes Brod zugeworfen, während ihr aus ihrem Gute euch Wein und Braten auftischtet. Ihr habet den, der vom Felde zwo Rüben stahl, in den harten Kerker geworfen, aber euch weiche Betten gekauft vom Gelde, das ihr der Gemeinde geraubet. Ihr Ottergezücht, die ihr immer von Gerechtigkeit redet und in Ungerechtigkeit schwelget, die ihr immer die Religion im Maule habet und den Teufel in der Brust – wahrlich, wahrlich, ihr sollt ärnten, was ihr gesäet habt: Armuth für Hochmuth, Galgenholz für Räuberstolz!«

Als dies der Löwenwirth hörte, kam großes Entsetzen über ihn, daß er im Innersten erzitterte. Er schob die Schuld auf seine ehemaligen Beisitzer, und fiel vor Oswald weinend und heulend nieder, und beschwor denselben bei Allem, was heilig ist, ihn nicht unglücklich zu machen.

Aber noch denselben Tag sendete Oswald einen Bericht an die hohe Obrigkeit, und deckte Alles auf. Und im ganzen Dorfe war großer Schrecken und allgemeine Bestürzung; denn so viel Betrug hatte Keiner den ehemaligen Vorstehern zugetraut. Viele wollten es gar nicht glauben, und schalten den Oswald einen Verleumder und Bösewicht, der sich großes Ansehen geben und unschuldige Leute ins Verderben bringen wolle. Und der Löwenwirth lief umher im Dorfe und suchte bei seinen Freunden allerlei Zeugniß, um sich gegen die schwersten Beschuldigungen sicher zu stellen. Jedoch seine besten Freunde zuckten die Achseln, und wollten sich in das Geschäft nicht mischen. Und schneller, als er vermutete, erschien eine Untersuchungskommission der Regierung. Da kam alle Schändlichkeit ans Tageslicht. Der Löwenwirth ward gefangen hinweggeführt, um vor Gericht beurtheilt zu werden. Er ward seiner Stelle entsetzt und kam ins Zuchthaus. Aus seinem Vermögen wurde Vieles von dem wieder ersetzt, um was er die Gemeinde betrogen hatte. So endete der stolze Löwenwirth; denn unrecht Gut gedeihet nicht, und Hochmuth kommt vor dem Fall.

Oswald aber wurde zum ersten Vorsteher der Gemeinde ernannt, und ihm ein Ehrenmann aus dem Dorfe zum dritten Beisitzer erwählt.

Ueber diese schrecklichen Begebenheiten hielt der Pfarrer Roderich eine schöne lehrreiche Predigt. Er sagte: »Wenn Aeltern ungerathene Kinder haben, so muß man nicht nur die Kinder, sondern auch die Aeltern wegen schlechter Zucht anklagen. Und wenn in einer Gemeinde Schande, Armuth und Laster zunehmen, so ist es ein Beweis, daß die Vorgesetzten nichts taugen, sondern Schuld an dem Unglück sind. Aber Gott sendet Jedem seinen jüngsten Tag zu.«

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