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Das Goldmacherdorf

Heinrich Zschokke: Das Goldmacherdorf - Kapitel 20
Quellenangabe
typenovelette
booktitleNovellen und Dichtungen, Sechszehnter Theil
authorHeinrich Zschokke
year1858
publisherDruck und Verlag von H. R. Sauerländer
addressAarau
titleDas Goldmacherdorf
pages1-148
created20030925
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1817
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20. Was man von den Goldenthalern im Lande redet.

In der Stadt und in den umliegenden Dörfern gab es über die Goldenthaler mancherlei Gespräch. Diese Leute hatten bisher immer Lumpen geheißen, waren als Saufbrüder bekannt, als lüderliche Vögel, als Schuldenmacher, denen man keinen Heller anvertrauen mochte. Nun war es gar sonderbar, daß es bei ihnen im Dorfe gar nicht aussah, wie bei armen Leuten. Ihre Häuser waren sauber und reinlich; eben so Alles in schönster Ordnung auf der Gasse, hinter den Häusern und in den Gärten. Es war bei ihnen artiger, als in den reichsten Dörfern. Man sah im Sommer die Männer, Weiber und Kinder schon früh Morgens auf den Feldern. Da trugen und streuten die Einen den Dünger. Andere jäteten Unkraut aus. Immer hatten diese Leute etwas zu thun. Und es war eine Lust, sie arbeiten zu sehen. Es ging ihnen alles gar geläufig von der Hand. Brauchte man in der Stadt Taglöhner, so fragte man am liebsten nach Goldenthalern. Gingen die Bürgerfrauen zum Einkaufe auf den Markt, so gingen sie am liebsten zu den Goldenthalerinnen. Denn diese waren immer sehr nett, in frischen weißen Hemden, und reinlichen Kleidern und saubern Händen, daß sie rechte Lust machten, von ihrem Gemüs, ihrem Gespinnst und andern Waaren zu kaufen.

Die Goldenthaler waren arm, das wußte man wohl. Aber sie verzinsten jedesmal ihre Schulden richtig auf den Tag. Und was gar außerordentlich war, sie hatten in der Stadt kleine Geldsummen an Zins ausgethan. Das brachte den Leuten Kredit und Glauben. Wenn der Pfarrer Roderich und der Schulmeister Oswald für einen Goldenthaler gutsprachen, lieh man lieber einem solchen, als einem aus andern Gemeinden. Und man lieh das Kapital lieber um einen sehr mäßigen Zins aus, weil man vorher wußte, daß es sicher stehe und richtig verzinset werde. Das schaffte den Goldenthalern gar ansehnliche Vortheile. Denn sie kündigten ihre Kapitalien ab, wo sie große Zinsen zu bezahlen hatten, und nahmen da Geld auf, wo sie es in niedrigerem Zins erhielten.

Man urtheilte allerlei über das Dorf. Man sagte wohl, es sei da ein braver Pfarrer, ein sehr verständiger Schulmeister. Allein Vielen war doch die Sache ein Räthsel. Denn ein Pfarrer und Schulmeister können doch auch nicht Alles; und jeder Pfarrer im Lande glaubte so klug zu sein, oder auch noch klüger, als die Beiden in Goldenthal waren. Das machte viel Kopfbrechens. Die Bauern in der Gegend sagten geradezu, das Ding gehe nicht mit rechten Dingen zu. Man hatte etwas vom Oswald gehört, und er könne Gold machen. und lehre es in seinem Dorfe Den und Diesen. Und man neckte und höhnte die Goldenthaler damit, sie könnten Gold machen.

In der That war es auffallend, daß die Goldenthaler Dinge zu Markte brachten, man wußte nicht, woher sie Alles hatten. Ihr Gemüse, ihr Obst, ihr Flachs, ihr Hanf, ihr Getreide, Alles war gut. Die Kinder handelten sogar mit den schönsten Blumen und brachten solche in die Stadt. Honigwaben, ausgelassenen Honig und Wachs hatten sie mehr, als weit umher alle übrigen Dörfer zusammen. Man wußte sehr gut, sie besaßen keine ansehnliche Viehheerden, viele Haushaltungen hatten etwa jede ein Paar Kühe und ein Paar Ziegen. Demungeachtet brachten arme Leute, die bloß eine Kuh hatten, zentnerschwere Käse und große Ballen der reinsten Butter zum Verkauf. Es war ganz unbegreiflich, wie eine Kuh so viele Butter und Käse liefern konnte. Ebenso hatten die Goldenthaler jederzeit im Herbst die feinsten Obstsorten, schmackhafte Aepfel und Birnen, wie Niemand anders. Woher kam das so plötzlich in wenigen Jahren?

Die Goldenthaler mußten oft selbst bei sich lachen, wenn man ihr Dorf im Scherz das Goldmacherdorf nannte. Denn der Oswald verstand sich auf die Obstbäume, und wo er in den Gärten der vornehmen Herren in der Stadt gute, feine Obstarten wußte, ging er und bat um Zweige. Dann hatte er seine jungen Leute an der Hand, die von ihm das Pfropfen, Zweien und Aeugeln gelernt hatten. Recht wie ein Gärtner gingen sie damit um. Sie hatten wirklich besondere Messer dazu. Nun wollte der Nachbar links und der Nachbar rechts in seinem Garten und auf seinem Felde bessere Frucht vom Baum. Da ward nun okulirt und gepropft nach Herzenslust. Manche Bauern hatten sich junge Wildlinge aus den Wäldern geholt und veredelt. Andere hatten aus Samen Bäume gezogen und Baumschulen angelegt. Jeder wollte es besser machen und besser haben, als der Andere. Im Eifer wurde die Sache oft von Manchem übertrieben.

Nun konnte man sich's in der Stadt wohl erklären, wie die Goldenthaler von Jahr zu Jahr immer schöneres und immer mehr Obst hatten, woraus sie bei gutem Jahrgang so viel Geld lösten. Das war kein Hexenstreich. Aber keine große Viehheerden haben, und doch viel Käse und Butter machen, das war allerdings ein Kunststück!

Das Kunststück hatte Oswald aber, während seines Kriegslebens, irgendwo in einem Dorfe gesehen und gelernt, und mit sich nach Goldenthal gebracht. Es war gar artig. Die Leute wollten anfangs gar nicht daran; hintennach aber wußten sie ihm großen Dank. Er machte es nämlich so:

Er ging herum mit seinen Verbündeten, die Kühe hatten, und sagte: »Ihr habet von euern Kühen schlechten Nutzen. Man muß von einer Kuh jährlich wenigstens fünfzig bis hundert Gulden baares Geld lösen. Wollet ihr mit mir einstehen, so will ich's machen. Werbet dazu noch Andere an, die Kühe haben. Es gehören wenigstens vierzig bis fünfzig Kühe zusammen; dann geht's.«

Als nun die vierzig bis fünfzig Kühe gefunden waren, sagte er: »Nun geht's!« Er kannte einen geschickten, rechtschaffenen Senn, der das Butter- und Käsemachen als ein Meister verstand. Dem versprach er zweihundert Gulden Jahrlohn; dafür mußte sich derselbe aber Kerzenlicht, Tücher und Waschlumpen selbst anschaffen, so zum Käsemachen und Reinhalten der Gefäße und der Waare nöthig waren. Geschirr und Salz schaffte Oswald auf Rechnung der Teilnehmer an, von denen drei redliche Männer zu Aufsehern bei dem neuen Gewerbe ernannt wurden für das erste Jahr.

Im ehemaligen Wirthshause zum Adler war der beste Platz zum Käsemachen; ein guter kalter Milchkeller, ein großer Keller in dem geräumigen Waschhaus. Der Eigenthümer gab den Platz her, denn er hatte fünf Kühe, und wollte die Probe mitmachen und sehen, was dabei herauskomme. – Nun mußte Holz auf Unkosten Aller herbeigeschafft werden. Es kam. Dann bestimmte Oswald einen Tag, da mußten Alle, die zur neuen Käserei gehörten, ihre Kuhmilch in äußerst sauber gewaschenen Gefäßen bringen. War das Gefäß nicht sauber, nahm der Senn die Milch gar nicht an; das war Gesetz. Nachher machte man aber das Gesetz noch schärfer.

Der Senn maß die Milch, und schrieb unter eines Jeden Namen auf, wie viel derselbe gebracht habe. Jeder konnte es für sich auch aufzeichnen. So brachte jede Haushaltung alle Tage Morgens und Abends die Milch ihrer Kühe. Von fremden Kühen aber durfte man bei schwerer Strafe keine Milch bringen.

Die gesammte Milch eines Tages goß der Senn in der Milchkammer zusammen, und bereitete daraus Butter und Käse. Das gab schöne, frische, große Ballen; zudem noch Käsewasser, im Sommer ein gesundes, kühlendes Getränk.

Nun war die Frage: Wem gehört die schöne Menge Butter und Käse von jedem Tage? Denn alle Tage war eine solche Parthie von der Milch aller Kühe der Beigetretenen fertig. Es hätte sie gern Jeder gehabt, um in die Stadt damit zu laufen.

Das richtete man folgendermaßen ein: Alles, was die zusammengebrachte Milch eines einzigen Tages an Butter, Käse u. s. w. abtrug, ward auch nur einem einzigen Theilhaber mit einem Male gegeben, und zwar demjenigen, dem man die meiste Menge Milch in der Käserei schuldig geworden war. – In den ersten paar Tagen freilich bekamen die Ersten weit mehr an Käse und Butter, als sie Milch gebracht hatten: denn sie bekamen ja das, was aus der Milch von allen Theilhabern gemacht war. Allein nun wurden sie für so viel, als sie zu viel bekommen hatten, den Uebrigen schuldig, und was sie schuldig geworden waren, ward ihnen von Tag zu Tag an der Milch abgezogen, die sie brachten. Das ging so lange, bis sie alle Schuld abgethan und an Milch wieder mehr zu gut hatten, als die Uebrigen. Dann bekamen sie wieder die an einem Tage bereitete Waare. Unterdessen hatte aber auch der, welcher nur eine einzige Kuh besaß, und alle Tage nur ein paar Maas Milch bringen konnte, nach und nach mehr zusammengebracht, als Jeder von den Uebrigen, wie man das wohl im Milchbuche aufgeschrieben fand. Und nun empfing er die Frucht des Tages, bei anderthalb Zentner Butter und Käse mit einem Male.

Die Butter konnte Jeder den Tag gleich mit sich nehmen, da sie fertig war; Buttermilch, Käsewasser gehörten ihm auch. Den Käse aber ließ man so lange im Keller, bis er gehörig fest und gut war. Allemal an dem Tage, da Einer das Recht hatte, die aus der Milch bereitete Waare zu beziehen, mußte er dem Senn bei der Arbeit helfen und ihm handlangen, und saubere Handtücher, Linnen, und was nöthig war, herbeischaffen.

Zuerst war den Goldenthalern das ganze Wesen bedenklich, und es meinte Jeglicher, er komme zu kurz dabei. Wenn Einer aber seine Menge Käse und Butter empfing. und nun nachrechnet, wie viel Milch er gegeben: so war er hocherfreut. Und es fand sich am Ende des ersten Jahres schon, daß auf diese Weise der mittlere Ertrag und Gewinn von einer Kuh über 166 Gulden jährlich stieg, und zwar nach Abzug aller Unkosten. Das war doch ein schöner Zins!

Nun begriff man auch bald, woher das komme. Denn je frischer die Milch und je mehr, je besser wird die Waare daraus. So was konnte eine einzelne Familie für sich allein beim Aufsammeln ihrer Milch nicht leisten. – Ferner: sonst war in den Haushaltungen manche Maas Milch verschlampt und verzehrt – jetzt in den Milchkeller der Käserei an Zins gelegt. Sonst verlor mau viel Zeit, oder hatte keine Zeit, selber Käse zu machen; jetzt ging das von selbst. Sonst kostete es Jedem mehr Holz zum Kochen; jetzt war es ein großes Holzersparniß.

Einige Goldenthaler versuchten anfangs zwar mit ihrer Milch Betrügereien; aber man machte bald so strenge Gesetze, daß es Keinem mehr in Sinn kam, zu betrügen, er hätte denn um alle seine gebrachte Milch bestraft und aus der Gesellschaft gestoßen sein wollen.

Die Einrichtung aber brachte noch einen Vortheil, an den vorher kein Mensch gedacht hatte. Nämlich, weil Jeder gern viel Milch gebracht hätte, um bald viel Käse und Butter davon zu haben, besorgte Jeder sein Vieh besser, als ehemals; baute künstliche Grasarten an, die viel Milch erzeugen; suchte sich eine größere Kuh zu verschaffen, statt der schlechten kleinen, oder stellte zwei Kühe in den Stall, wo er vorher nur eine hatte. Und weil Jedem daran gelegen war, daß man keine Milch von einer kranken oder kalbenden Kuh bekomme, hatten die drei erwählten Aufseher Macht und Recht, zu jeder Zeit in die Ställe zu gehen, und die Pflicht, alle halbe Jahre darin Umgang zu halten. So ward über die Gesundheit alles Viehes wachsames Auge gehalten.

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