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Das Goldmacherdorf

Heinrich Zschokke: Das Goldmacherdorf - Kapitel 18
Quellenangabe
typenovelette
booktitleNovellen und Dichtungen, Sechszehnter Theil
authorHeinrich Zschokke
year1858
publisherDruck und Verlag von H. R. Sauerländer
addressAarau
titleDas Goldmacherdorf
pages1-148
created20030925
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1817
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18. Noch etwas von dem neuen Pfarrer.

Es gab auch Leute im Dorfe, die sahen wohl, daß der Pfarrer Roderich ein recht frommer, würdiger und gelehrter Mann war, ungeachtet seiner Jugend, ein Mann nach dem Herzen Gottes. Ja, wenn man ihn lange beobachtete, ward einem zu Muthe, als wäre er mehr als ein gewöhnlicher Mensch, und von wahrhaft himmlischer Abkunft. Denn er war leutselig und doch voll Ernstes; er war demüthig, und flößte doch in seiner Demuth große Ehrfurcht ein. Er schalt nie, er zürnte nie, und war immerdar voll Sanftmuth und Geduld; und wenn er tadelte, hörte man nur die Stimme der Liebe, die den Verirrten zurechtwies.

Als er in Goldenthal angekommen war, besuchte er alle Familien im Dorfe und machte sich mit allen bekannt. Nachher verging kein Tag, daß er nicht bald in dieses, bald in jenes Haus ging. Er verstand da die rechte Kunst, Vertrauen zu erwecken. Immer wußte er guten Rath zu geben, immer die Bekümmertem zu trösten, das Herz der Frechen zu bewegen und zwischen Streitenden Versöhnung zu stiften. Gleichwie Christus der Herr, ward auch er bei armen Leuten gesehen, oder bei denen, die im schlechtesten Ruf standen und wegen der Ruchlosigkeit ihres Herzens bekannt waren.

Und wenn er Sonntags auf die Kanzel trat und redete, war es ein wunderbares Wesen. Denn Jeder glaubte, der Herr Pfarrer rede und predige nur zu ihm allein. Jeder hörte gleichsam da die Geschichte seines eigenen Herzens, das Geheimniß seiner eigenen Fehler, und die wahren Ursachen, wie man zu denselben gekommen und von Gott abgefallen sei, und die Art und Weise, wie man wieder zum himmlischen Vater zurückkehren müsse. Und dabei wies er immer auf Jesum Christum und die Heiligen Gottes, als die Vorbilder des Wandels zu Gott. Das erweckte dann in jedem Zuhörer großes Nachdenken, weil Jeglicher meinte, es sei nur von ihm die Rede. Und man vergaß die Jugend des Lehrers, und seine zarte Gestalt, und die Mildigkeit seiner Stimme. Denn seine Worte waren Himmelsworte, die da an das Herz drangen mit Süßigkeit und Entsetzen.

Als der Herr Pfarrer zum ersten Male die Schule des Dorfes besuchte, um ihre Einrichtung kennen zu lernen, machte die Reinlichkeit, Stille und Ordnung der Kinder, wie sie kamen, ihm große Freude. Wie nun aber Oswald auf die Knie fiel und die ganze Schule niedersank zum Gebet, rührte ihn der schöne Anblick der betenden Jugend. Und er kniete und beugte sich vor Gott, und die hellen Thränen flossen bei Oswalds Gebet von seinen Augen. Und er blieb liegen, als Oswald geendet hatte, und streckte die gefalteten Hände zum Himmel und sprach: »Mein Vater im Himmel, höre auch mein Gebet und Seufzen! Bleibe mit deiner Gnade gegenwärtig diesen unschuldsvollen Kindern, daß sie sich nie von dir verlieren; bleibe, bis es bei ihnen Abend wird, und du sie aus der Welt voll Prüfungen hinwegrufst an dein Vaterherz. Dann, o dann, Barmherziger! vergib um Jesu willen auch mir meine Sünden, daß ich knien darf mit diesen verklärten Engeln um deinen Thron, und drüben keiner fehle von uns. Und segne den Lehrer dieser frommen Jugend, segne sein Wort und Werk, daß er mächtig bleibe durch deine Macht, dein Reich herrlich zu erweitern!«

So sprach er; dann stand er auf und sagte zu den Kindern: »Liebe Kindlein, betet fleißig für diesen euern Lehrer, daß ihn Gott euch erhalte; denn wahrlich, dieser Mann ist euer Vater, und ohne ihn wäret ihr trostlose, verlassene arme Waisen!« – Dies und anderes Schöne redete er; und die Knaben und Mägdlein schluchzten laut, und hatten nun den Schulmeister noch viel lieber, als sonst, denn sie bedachten, er könne ihnen einst sterben. Und viele falteten die Hände, und sahen still und stumm mit betenden Augen durch die fallenden Thränen gen Himmel!

Und als endlich die Morgenschule vollendet war, ging der Herr Pfarrer zum Schulmeister und umarmte ihn vor allen Kindern und drückte ihn an sein Herz und sprach: »O du frommer und gerechter Mann, du säest Saaten, die dir herrlich in der Ewigkeit aufblühen; lehre mich deinem Beispiele nachfolgen, denn du hast vieles gethan und ich noch so wenig. Und wenn ich je den Muth verlieren sollte, will ich herkommen und mich zu den Kindern setzen, und will werden wie sie, hoffend, glaubend, liebend, und mich durch den Anblick deines Beispiels und deiner Beharrlichkeit stärken.«

Das war ein rechter Feiertag für alle Kinder im Dorfe gewesen. Sie hatten zwar den Oswald und die Elsbeth schon vorher gern gehabt von Herzen. Nun sie aber gesehen hatten, wie große Ehrfurcht selbst der Herr Pfarrer ihren Lehrern bewies, betrachteten sie Oswalden und Elsbethen recht wie höhere Wesen, und in ihre Liebe mischte sich eine wunderbare Hochachtung.

Pfarrer Roderich war kein halbes Jahr im Dorfe, so war er schon der rechte Hausfreund und Rathgeber der meisten Familien. Von ihm kam allezeit die beste Meinung, der beste Trost. Die Mühseligen und Beladenen fanden bei ihm Erquickung. In den Hütten sprach er als ein irdischer Freund. Sonntags aber ward den Leuten immer zu Muth, als sei der liebe, heilige Mann gestorben, und er rede in der Kirche als ein Verklärter, der aus den Himmeln gekommen oben herab, und wolle sie nachziehe in das Ewiglich Schöne.

Und er that den Armen viel Gutes; man wußte es nur kaum, so bescheiden that er das Gute. Und wo Kranke waren, fehlte er nicht. Er hatte in seinem Hause eine kleine Apotheke von einfachen Hausmitteln. Daraus half er oft. Er las gern die Schriften der Aerzte, und wußte vieles zu heilen, ohne große Kunst. So ward er nicht nur ein geistlicher, sondern auch ein leiblicher Arzt der Seinen. Das brachte ihm großes Vertrauen und vielen Gehorsam. Also that er, wie Christus der Herr und seine Jünger, und heilete die Kranken und predigte das Reich Gottes.

Und so geschah, daß er die unwissenden Leute von allerlei abergläubigen, sympathetischen und oft grundschädlichen Mitteln in Krankheiten abgewöhnte. Sie liefen nicht mehr zu den Kapuzinern um geweihte Zettel, nicht mehr zu den Henkern, Scharfrichtern, Wasserbeschauern und Quacksalbern. Denn er forderte für seine Mühe und Arznei kein Geld, und half doch besser, als zwei Pfuscher. Wenn aber eine Krankheit zu wichtig und schwer ward, mußten die Leute sogleich auf seinen Rath zu einem erfahrenen und gelehrten Doktor in die Stadt senden. Anfänglich sträubten sich zwar viele dagegen und hatten mehr Zutrauen zu einem alten Weibe oder einem verschmitzten Harngucker, als zu einem rechtschaffenen Mann, der die Arzneikunst gründlich erlernt hatte; oder sie liefen von einem Doktor zum andern, wenn die Arznei von dem einen nicht jählings half, und gebrauchten allerlei Mittel durch einander, daß das Uebel immer schlimmer werden mußte. Der Herr Pfarrer aber wußte die Leute bald auf andern Sinn zu bringen, denn er mußte es wohl besser verstehen, da er selber im Heilen Erfahrung hatte. Das brachte ihm Vertrauen und Gehorsam.

Er wußte auch sonst noch viele Dinge, die man bei ihm nicht vermuthete. Er war ein geschickter Bienenvater, und wußte die Bienen aufs beste zu pflegen, vor Unfall zu hüten und ihnen gesunde Nahrung zu bereiten, wenn es daran fehlen wollte. Er hatte seine Bienenstöcke aber nicht lange bei sich, sondern verschenkte sie an die ärmsten Haushaltungen, und lehrte diese, wie sie die nützlichen Thiere besorgen mußten. Nur behielt er sich vor, wenn es neue Schwärme gab, sie aufzufangen und denen zu geben, die noch keine besaßen, bis fast alle Familien mit Bienen versehen waren. Und weil er die Sache meisterlich verstand, gedieh sie bei Allen. Da ward viel Honig und Wachs zur Stadt getragen und schönes Geld dafür heimgenommen. Und mit der Zeit ist Goldenthal im ganzen Lande berühmt geworden durch seinen Bienenstand, also daß aus entlegenen Orten die Käufer kamen, und den Preis des Wachses und Honigs im Dorfe steigerten, weil jeder den Goldenthaler Honig pries. Und sie hatten Heerden, für die sie kein Land und Futter gebrauchten, sondern die auf ihren zarten Flügeln über Felder und Wälder schwärmten und ihren Besitzern Gold ins Haus trugen.

Und wie der Herr Pfarrer diese und andere löbliche Einrichtungen in den Häusern machte, so machte er auch dergleichen in der Kirche. Hier aber hielt es fast schwer, besonders bei den alten Leuten, die sehr hartnäckig am Alten hingen. Wenn die Gemeinde in der Kirche sang, war es ein gewaltiges Durcheinanderschreien, ohne Lieblichkeit und Wohllaut. Jeder schrie aus Leibeskräften um die Wette mit dem Nachbar, als sollten die Fenster springen und die Gewölbe des Tempels zerbersten. Die Leute wurden dabei zuweilen von der Anstrengung kirschbraun im Gesicht.

Schon Oswald hatte gegen dieses andachtlose Zetergeschrei viel geredet; aber er redete in den Wind und hatte das Ansehen nicht. Darum ließ er die ältern Leute gehen, und hielt es mit den jüngern und Kindern. Die lehrte er feinen, lieblichen Gesang, vierstimmig, daß es recht erbaulich und rührend anzuhören war. Die Bauern und ihre Weiber hörten recht gern zu; doch sie meinten, das sei wohl gut in der Schule, aber nicht in der Kirche, und ließen es beim alten Geschrei bewenden.

Da griff es der Herr Pfarrer anders an. Ob er gleich die alten Lieder in Ehren hielt, theilte er doch, als Anhang zu den alten Liedern, in den Haushaltungen ein kleines Büchlein mit; das enthielt allerlei schöne Gebete in Versen für solche Fälle, die in den alten Liedern fehlen mochten. Und dies Büchlein war dasselbe, was die Kinder schon längst in der Schule gehabt und gesungen hatten. Das war den Alten schon recht, denn es kostete sie nichts.

Nachdem manche Woche und mancher Monat vergangen war, hielt eines Sonntags der Herr Pfarrer eine bewegliche Predigt über den Nutzen der Feierlichkeit beim öffentlichen Gottesdienst. Und er sprach von König Davids heiligem Harfenspiel und vom Halleluja der Engel am Throne Gottes. Und jeder Bauer verspürte, daß er bisher nicht mit gehöriger Andacht gesungen habe, wie die Engel Gottes singen. Dann sagte der Herr Pfarrer zuletzt: »Der Heiland hat gesprochen: lasset die Kindlein zu mir kommen, und wehret ihnen nicht. Also wollen wir auch unsern Söhnen und Töchtern nicht wehren, zum Heiland zu kommen. Und alle Sonntage sollen sie zuerst, ehe wir singen, einen Satz aus dem Anhang singen zu unserer Herzenserweckung; künftigen Sonntag das erste Mal.«

So sprach er. Und am nächsten Sonntage war die Kirche gedrängt voll; und an den schwarzen Tafeln der Kirchthüren stand erst ein Vers aus dem Anhang, dann ein altes Lied angezeichnet. Die Leute hatten von selbst das Anhangbüchlein mitgebracht. Und es scholl der Gesang der Jugend wie sanfter Engelgesang durch die Kirchengewölbe. Es wurden viele Leuten vor Rührung die Augen feucht, die Herzen warm. Manche von den Alten sumseten leise und heimlich das schöne Lied nach. Dann ward von der ganzen Gemeinde das alte Lied gesungen. Der Herr Pfarrer sprach aber zuvor: »Ihr Männer, lieben Brüder, und ihr christlichen Frauen, vergesset nicht, daß unser Gott allgegenwärtig ist, und er euch höret, ob ihr gleich vor ihm sanft singet, wie Harfen Davids.« So sprach er. Die Gemeinde sang, und so sanft, daß man die schönen vierstimmigen Töne der jungen Leute hell und deutlich dazwischen hörte. Das klang wunderlieblich. Und wenn ein altes Weib einmal allzulaut hineinkreischte, stieß sie der Nachbar, sie solle die Andacht nicht stören.

So ging es manchen Sonntag. Und jeden Sonntag mischten mehrere von den Alten ihre Stimmen zu dem Gesang der Jugend, denn er gefiel ihnen wohl. Zuletzt sang die gesammte Gemeinde leise mit, sogar der Herr Pfarrer. Oft geschah daß man bloß aus dem Anhang singen mußte.

Wenn Fremde aus der Stadt oder aus benachbarten Dörfern einmal von Ungefähr in die Goldenthaler Kirche kamen und dem Gottesdienste beiwohnten, ward ihnen wundersam zu Muth. Und sie waren andächtiger hier, als anderswo. Und im ganzen Lande redeten sie davon.

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