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Das Goldmacherdorf

Heinrich Zschokke: Das Goldmacherdorf - Kapitel 17
Quellenangabe
typenovelette
booktitleNovellen und Dichtungen, Sechszehnter Theil
authorHeinrich Zschokke
year1858
publisherDruck und Verlag von H. R. Sauerländer
addressAarau
titleDas Goldmacherdorf
pages1-148
created20030925
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1817
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17. Vom Blitzstrahle im Pfarrhause und dem neuen Herrn Pfarrer.

Zu dieser Zeit war in einer Nacht ein erschreckliches Gewitter. Der ganze Himmel stand in Flammen. Der Donner rollte, daß die Häuser bebten und die Fenster klirrten. – Wenn die Bauern das ganze Jahr ruchlos blieben, so beteten sie doch allemal beim Gewitter recht laut, und bereuten ihre Sünden von ganzem Herzen so lange, bis das Wetter vorüber war. Dann lebten sie wieder wie vorhin.

Plötzlich fuhr mit entsetzlichem Krachen und Prasseln der Blitz ins Dorf. Er fiel wie ein Feuermeer auf das Pfarrhaus; doch zum Glück zündete er nicht und beschädigte Niemanden. Aber am folgenden Morgen sah man, wie der Blitz das ganze Dach zerschmettert hatte, und der alte Herr Pfarrer war vom Schrecken so hart befallen worden, daß er nach wenigen Tagen starb.

Da schimpften die Goldenthaler auf die Regierung, und sagten: »Die Regierung ist an dem ganzen Unglück Schuld. Denn hätte sie nicht verboten, beim Hochgewitter mit der Glocke zu läuten, so wäre das nicht geschehen. Sonst hat man doch das Wetter, wenn es kam, wegläuten können; jetzt ist das verboten. Die großen Herren haben keine Religion mehr im Leibe. Nun haben wir das Unglück.« – So sprachen die Goldenthaler.

Oswald aber sagte: »Wie denket ihr doch in euerm Herzen so thöricht, und sprechet mit euerm Munde so lästerlich. Die Regierung hat den Blitz nicht auf das Dach des Pfarrhauses gezogen, sondern der metallene Knopf mit der eisernen Wetterfahne hat es gethan. Denn es hat Gott in die Natur des Blitzes gelegt, immer dem Wasser oder den Metallen auf der Erde nachzugehen, besonders den metallenen Spitzen. Das hat Gott gethan, auf daß der Mensch erkenne, wie er sich vor der Gewalt des Blitzt verwahren könne. Denn sobald der Blitz Metalle findet, an denen er bis in den Erdboden dringen kann, ist er unschädlich.«

So sprach Oswald, und führte die Bauern auf das Dach des Pfarrhauses. Da sahen sie Alle in dem vergoldeten Knopf kleine eingeschmolzene Löcher, und sahen, wie der Blitz den aufrechtstehenden Nägeln der Hohl- und Eckziegel am Dache nachgelaufen war, bis unter das Dach zu einem Eisendraht, an welchem man vor der Hausthür zu klingeln pflegte, wenn man zum Herrn Pfarrer wollte. Weil nun der Blitz solch einen eisernen Weg zur Stunde gefunden, war das übrige Haus von ihm verschont worden, und ein kalter Schlag geblieben, wie die Bauern sagten. Er wäre aber, hätte er jenes leitende Eisenzeug nicht gefunden, wohl leicht ein gar heißer Schlag geworden.

Oswald sprach ferner: »Weil die Kirchthürme hohe Spitzen tragen und viel Eisenwerk im Innern, geschieht es oft, daß der Blitz sie trifft. Und weil daher schon mancher arme Mensch beim Gewitterläuten erschlagen worden ist, hat die hohe Obrigkeit das unnütze und abergläubige Läuten verboten.«

So sprach Oswald; und weil er merkte, daß sich seit der Zeit viele Leute vor dem Blitzstrahl mehr als vorher fürchteten, that es ihm leid. Und er sprach: »Angst und Schrecken beim Gewitter sind ein Unglück; das Gewitter selbst ist ein Segen des barmherzigen Gottes für die Länder, deren Lüfte er reinigen und deren Boden er befruchten will. Darum legt euern Kummer ab. Gehet hin, befestiget auf dem Giebel eures Hauses eine eiserne Spitze, eines Schuhes hoch; knüpfet daran einen eisernen Draht, nicht dicker als die Spule einer großen Schreibfeder, der muß über das Dach herab bis zur Erde gehen in eine feuchte Stelle. So habet ihr dem Blitz einen Weg gemacht, auf dem er unschädlich zur Erde fährt, wenn der Draht ein einziges Stück ist von oben bis unten, und ihr ihn sauber haltet von allem Rost und Schmutz. Ein Blitzableiter ist ein Furchtableiter, und bewahrt zugleich Haus und Dorf gegen ein mögliches Unglück und Feuersbrunst durch den Strahl.«

Also redete der Schulmeister, und setzte auf sein eigenes Haus eine Eisenspitze mit dem daran herabhängenden Draht (denn Elsbeth fürchtete sich stark bei Gewittern). Der Müller hatte dergleichen schon längst in der Stadt gesehen und that es auch. Viele Bauern folgten dem Beispiel nach, denn es kostete nicht viel und half doch zur Beruhigung.

Andere aber nahmen in ihrer Dummheit daran großes Hinderniß und sagten: »Heißt das nicht, unserm Herrgott nach den Augen stechen und ihm Gesetze vorschreiben? Kann er nicht mit seinen Blitzen treffen, wen er will? Werden die vielen Wetterstangen nicht die fruchtbringenden Gewitter verhindern und schlechte Witterung machen?«

Da antwortete der Schulmeister und sprach: »Ihr Thoren, die Wetter Gottes gehen über tausend Spitzen der Bäume des Waldes, wie über kahle Ebenen; und seine Blitze befruchten den Erdboden, sie mögen in den Wipfel der Eiche oder in Eisenstäbe, oder in See'n, Flüsse und Meere fallen. Aber der Herr gab uns Einsicht, auf daß wir uns bewahren sollen vor dem Schaden, den die herrlichste Sache am unrechten Ort stiftet. Das Feuer ist mit Licht und Wärme wohl ein herrliches Ding, aber nicht wenn das Haus brennt. Darum gab uns Gott das Wasser zum Löschen des Feuers. Brauchet ihr nun das Wasser zum Löschen des Feuers, warum traget ihr Bedenken, das Eisen zum Löschen des Blitzes zu gebrauchen? Es ist kein Uebel in der Welt, Gott hat uns dagegen ein Mittel gegeben. Aber der Mensch soll es erkennen und mit Dank empfangen. Wer nun in blinder Verstocktheit das Mittel verschmäht, ist ein Verächter von Gottes theuersten Gaben, und leidet gerechte Strafe, es sei, daß sein Haus verbrenne von der Flamme des Feuers, oder daß sein Haupt vom Blitzstrahl getroffen werde.«

Viele glaubten an diese verständige Reden. Andere aber, die Blöden und Hochmüthigen, verachteten solche Worte in ihrem Herzen, und wollten nicht zugeben, daß es der Schulmeister besser verstehe, als sie; denn sie schämten sich dumm zu sein, und wollten ihrer Unverständigkeit das Ansehen der Klugheit verleihen.

Die Stelle des verstorbenen Herrn Pfarrers blieb nicht lange unbesetzt. Der neu erwählte Herr Pfarrer Roderich, damals noch ein junger Mann von siebenundzwanzig Jahren, kam ins Dorf.

»Ei!« riefen einige Bauern: »was soll uns dieser Knabe? Wenn die Regierung keinen Glauben mehr hat, so soll sie uns doch bei unserm Glauben lassen, und einen würdigen Mann schicken, der Jahre und Erfahrung hat.« Andere sprachen: »Der Herr Pfarrer ist auch einer von der neuen Mode. Gott sei es geklagt. Wenn er predigt, spricht er so wie unsereins, und man kann wahrhaftig alles begreifen und behalten. Das taugt nichts. Er ist nicht gelehrt genug und sollte mehr lernen. Da muß man den alten Herrn Pfarrer selig in Ehren halten. Das war ein ganz anderer Mann! Der predigte so schön und gründlich gelehrt, daß ihn unsereins nur nicht verstand, und wenn er anderthalb Stunden auf der Kanzel war. Der wußte unsereins herzunehmen, wenn er von der Hölle und ewigen Pein anfing und von Buße und Glauben, und wenn er das ganze Sündenregister hersagte. Zumal im Winter, wenn es in der Kirche fror, daß man hätte Ach und Weh schreien mögen, dann machte er' s am längsten!« – Wieder Andere sagten: Ja, der alte Herr selig, das war ein Mann! Wenn er auf der Kanzel stand oder beim Altar, da war doch von seiner großen, breiten Gestalt etwas zu sehen. Der neue Herr Pfarrer ist viel zu schmal, und dünn wie ein Zwirnfaden. Ja, und wenn der alte Herr selig einmal eifern wollte, hörte man ihn weit übers Dorf hinaus richtig beim Vieh auf der Almende; und den Leuten, wenn sie aus der Kirche kamen, klangen die Ohren zwei Stunde hernach. Der hatte eine Stimme! Aber der neue Herr Pfarrer spricht so, als wäre er bei uns in der Stube.«

So urtheilten die Leute zu Goldenthal, doch auch nicht alle.

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