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Das Goldmacherdorf

Heinrich Zschokke: Das Goldmacherdorf - Kapitel 16
Quellenangabe
typenovelette
booktitleNovellen und Dichtungen, Sechszehnter Theil
authorHeinrich Zschokke
year1858
publisherDruck und Verlag von H. R. Sauerländer
addressAarau
titleDas Goldmacherdorf
pages1-148
created20030925
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1817
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16. Wie sich die Wirthshäuser im Dorfe vermindern,
und was die alten Bauern dazu sagen.

In der Küche des Adlerwirth s ging es anders zu. Er kochte Sausuppe. Davon wollte Keiner essen. So blieben seine Kunden weg, weil sie nicht ihr theures Geld dafür geben wollten. Sie traten unter einander zusammen, und wollten es machen, wie die Leute bei der Müllerin. Aber es ging nicht, weil keine Ordnung war und weil Einer den Andern betrog. Da lachte der Adlerwirth und freute sich, daß es bei Andern nicht besser ginge, als bei ihm.

Bei ihm ging es aber doch schlechter als bei Andern, weil er ein hartherziger, schlechter Mann war. Er hatte viel Geld auf böse Weise zusammengescharrt; aber unrecht Gut gedeiht nicht. Wenn in der theuern Zeit Steuern und milde Gaben für die armen Leute nach Goldenthal gekommen waren, damit man Sparsuppen kochen und austheilen könne, hatte er die Gemeindsvorsteher beredet, lieber das baare Geld an die armen Leute auszuzahlen. Dann trat er mit dem Löwenwirth zusammen, und sie verkauften den armen Leuten Mehl und Brod in ganz ungeheuerm Preise. So kam das Geld alles wieder in ihren eigenen Sack zurück. Wenn Leute im Dorfe von ihrem Heu, Vieh oder liegende Gütern aus Noth etwas öffentlich an die Steigerung bringen wollten, so trat er mit dem Löwenwirth und andern Vorstehern zusammen, und sie machten Satz mit einander, um alles wohlfeil zu bekommen. Sie boten erst kleine Summen, und legten etwas zu. Dann trat Einer nach dem Andern zurück, und bot nicht mehr, weil es zu viel und die Waare zu schlecht sei. So sagte Einer nach dem Andern. Und weil man sie für die verständigsten Männer hielt, getraute sich kein Anderer, mehr zu bieten. So bekamen sie die Sachen wohlfeil. Wenn aber doch ein Anderer klug war und mehr bieten wollte, schreckte man ihn mit Drohworten, zumal wenn ein solcher ihnen schuldig war; und sie sagten: »Hast du Geld genug für so schlechte Waare, und willst du meinen Freund überbieten: so verlange ich, du sollst mir vorher deine Schuld bezahlen.«

So machte es der Adlerwirth. Aber unrecht Gut gedeiht nicht. Er war ein stolzer und zornmüthiger Mann, und hatte beständig Händel und Prozesse vor Gericht. Sogar mit seinen Brüdern und Schwestern hatte er einen Rechtsstreit gehabt, weil er sie in der väterlichen Erbschaft durch Betrug und List bei der Theilung sehr verkürzt hatte. Viele Leute im Dorfe waren von ihm durch das Prozessiren zu Grunde gerichtet worden.

Ueberhaupt war die Streitsucht in Goldenthal eine Hauptursache von der Verarmung des Dorfs gewesen. Denn so lange die Leute noch im Wohlstand waren, wollten sie großthun; wer einen Prozeß zu führen hatte, meinte, er habe etwas Großes und Ehrenvolles, weil Jedermann mit ihm davon sprach. Dann kamen arglistige Advokaten und hetzten noch mehr auf, weil sie gern durch die Dummheit und Prozeßwuth der Bauern Verdienst hatten. Die prozeßlustigen Leute waren dann so sehr auf ihre Sache erpicht, daß sie tausendmal schworen, lieber Alles daran zu setzen, als nachzugeben. Das gefiel den Advokaten sehr wohl. Da wurden die Prozesse durch allerlei Kunst in die Länge gezogen, Jahr ein Jahr aus; da wurde replizirt, triplizirt, appellirt und den einfältigen Leuten das Geld aus dem Sack herausgeführt, bis der Handel zehnmal mehr gekostet, als er werth war. Wer dann verlor, schimpfte über Parteilichkeit der Richter und sog an den Hungerpfoten. Die Advokaten aber aßen Braten.

Seit Oswald ins Dorf gekommen, hatte er viele Leute vom Prozessiren abgehalten. Denn wenn ihn Einer um Rath befragte, richtete er es immer so ein, daß die Sache in der Güte abgethan wurde. Und er redete und sprach: »Einst fanden zween Hunde, die sich auf einem schmalen Steg über dem Wasser begegneten, ein Stück Fleisch auf dem Brücklein. Und sie geriethen in Streit, wem es gehöre. Ein dritter Hund, der das Fleisch auch gern gehabt hätte, kam dazu und sagte bald diesem, bald jenem ins Ohr: »Gib nicht nach. Es gehört dir von Rechtswegen allein!« Also fingen die Beiden an, sich zu raufen und zu beißen, bis Beide in der Balgerei hinab ins tiefe Wasser fielen. Dann ging der Dritte gemächlich zum Fleisch und fraß es, und sah zu wie die Andern schwammen. So geht es den streitführenden Parteien in Prozessen.

»Rechthaberei kostet viel Geld, und bringt Spott und Schande nach. Wer einen Prozeß anhebt, hat schon die Hälfte von dem verloren, was er gewinnen will. Boshafte Advokaten sind wie die zwei Schneiden einer Scheere; sie vereinigen sich, um das zu trennen, was man zwischen beide legt. Wenn du am Ende Alles gewinnst, hast du doch mehr verloren, als dir ersetzt werden kann: Zeit und Arbeit, wohl gar an der Gesundheit Schaden genommen durch Verdruß und Aerger, Furcht, Sorge und schlaflose Nächte.«

So sprach Oswald. Der Adlerwirth aber fragte ihn nie, sondern hatte fast alle Jahre einen neuen Prozeß. Die vielen Unkosten und Geschenke an Advokaten und Schreiber, die vielen Läufe und Gänge und Reisen brachten ihn nach und nach um das Seinige. Als er nun einen Streit gegen eine benachbarte Gemeinde verlor, den er mit derselben wegen einer alten Eiche geführt hatte, von der er behauptete, sie stände auf seinem Lande und gehöre nicht der Gemeinde, so kam er in große Noth. Denn die Eiche hatte ihn über tausend Gulden gekostet, und er wußte nicht, woher das Geld nehmen, weil er mehr auf Haus und Land schuldig war, als man glaubte. Und da er überall Geld aufnehmen wollte und nichts erhielt, geriethen die in Sorgen, denen er schon schuldig war. Und sie begehrten zurück, was sie ihm geborgt hatten. Also blieb ihm nichts übrig, als all sein Gut den Gläubigern heimzuschlagen. Er mußte Haus und Hof verkaufen. Das war die Folge seiner Prozeßsucht.

Weil er seine Felder schlecht besorgt hatte, gingen sie in mäßigen Preisen ab. Da die Leute nicht mehr häufig ins Wirthshaus gingen, weil sie entweder kein Geld hatten, oder keins versaufen wollten, brachte auch die Wirthshausgerechtigkeit nicht viel ein. Der Käufer des Hauses, als er sah, daß Niemand bei ihm einkehren und Geld verzehren wollte, stellte das Wirthen ganz ein. So blieb nur der Löwenwirth noch Meister; denn die andern Wirthe und Bier- und Weinschenken hatten gar nichts mehr zu verdienen, und die Wirtschaft schon früher aufgegeben.

Einige alte Bauern schüttelten den Kopf und sprachen: »Es ist doch böse Zeit und wir sehen wohl, unser armes Dorf geht gänzlich zu Grunde. Vorzeiten hatten drei Wirthe und noch einige Bier- und Weinschenken bei uns vollauf zu thun; jetzt ist kaum Nahrung für einen einzigen vorhanden! Wohl ist das eine Schande für unser Goldenthal, und ein Beweis, wie schlecht es bei uns steht.«

Oswald aber sprach zu ihnen und sagte: »Mit nichten, ihr guten Leute! sondern nun habe ich Hoffnung, daß es bei uns bald besser gehen werde. Ich bin viel in der Welt umhergereiset, und habe viele Dörfer gesehen. Wo die meisten Wirthshäuser waren, da habe ich immer die meiste Armuth gefunden. Und wo kein Wirthshaus war, als etwa, Reisende zu beherbergen, da sah man einen gewissen Wohlstand in den Häusern. Die Wirthe hängen nicht umsonst in ihre Schilde das Bild eines Raubthieres aus, Löwen und Adler, Bären und Falken, – die Thiere leben von Gut und Blut der Gemeinde. Sie hängen ein goldenes Kreuz aus, weil sie Gold haben wollen, und den Leuten Kreuz und Kummer dafür lassen. Sie hängen einen goldenen Engel aus, aber es ist ein böser Engel, der Rekruten wirbt für das Zucht- und Armenhaus und Gefängniß.

»Wir haben im Dorfe nur noch ein Wirthshaus, aber nur zu viel daran. Stände es nicht da, ständen die Nachbarshäuser besser. Wer am Wirthstische die Spielkarten nicht braucht, kauft sich eine Bibel und Gotteswort ins Haus. Wer nicht bei den Zechern um theures Geld Kopfweh kauft, freut sich daheim bei Weib und Kind unentgeldlich. Wer dem Wirth kein Geld zahlt, behält es im Sack. Es ist mehr Ehre, im eigenen Keller eine Flasche Wein, als im Wirthskeller ein ganzes Faß voll zu haben.«

So redete Oswald, und die alten Bauern nickten mit dem Kopf, denn sie merkten wohl, er habe nicht Unrecht. Aber der Löwenwirth wollte bersten vor Zorn, zumal, da er hörte, daß Oswald den goldenen Löwen ein Raubthier geheißen hatte. Und er würde dem Oswald gern einen Prozeß angehängt haben, wenn es möglich gewesen wäre. Aber der Schulmeister war klug, nahm sich in Acht und ging dem grimmigen Löwen überall aus dem Wege, und ließ denselben brüllen und schmähen.

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