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Das Goldmacherdorf

Heinrich Zschokke: Das Goldmacherdorf - Kapitel 15
Quellenangabe
typenovelette
booktitleNovellen und Dichtungen, Sechszehnter Theil
authorHeinrich Zschokke
year1858
publisherDruck und Verlag von H. R. Sauerländer
addressAarau
titleDas Goldmacherdorf
pages1-148
created20030925
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1817
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15. Die Schuldbücher werden aufgethan. Die Sparkasse und die Garküche.

Nun schlich bald der Eine, bald der Andere von den armen Leuten, die zu dem Goldmacherbund gehörten, in das Haus des Schulmeisters, und klagte seine Noth und sprach: »Siehe, Oswald, meine Gelübde, so schwer sie sind, halte ich sie doch pünktlich. Nun ist's ein halbes Jahr, ich bete und arbeite. Nun ist's ein halbes Jahr, ich spiele, saufe und zanke nicht mehr. Mein Haus ist schön säuberlich, Weib und Kind gehen reinlich. Keiner kann über mich klagen. Aber die Ortsvorsteher plagen mich auf allerlei Weise. Ich bin dem und diesem von ihnen schuldig. Nun drohen sie, mich aus meinem Hause zu treiben, wenn ich ihnen nicht zahle, oder nicht bei ihnen trinke. Hilf mir, Oswald, sonst kann ich das Gelübde nicht halten. In sechs und einem halben Jahre habe ich Geld vollauf; strecke mir eine Summe vor, ich will sie dir dann wieder zahlen.«

Oswald antwortete: »Das vierte Gelübde heißt: Beten, arbeiten, keine Schulden mehr machen. Ich darf dir also kein Geld borgen. Aber laß sehen, wem und wieviel du schuldig bist; dann wollen wir nachdenken, wie aus der Noth kommen.«

So sprach er, nahm eine Schreibfeder und Papier, setzte sich hin und schrieb das auf, was man ihm antwortete, wenn er fragte. Er fragte aber Jeden einzeln: »Wem bist du schuldig? Wie viel und mit welchem Zins? Wofür hast du die Schuld gemacht, und hast du Unterpfand gegeben?«

Nachdem er die ganze Schuldsumme des Mannes kannte, fragte er wieder: »Womit willst Du bezahlen? Wie viel kannst du, oder können Weib und Kind in der Woche mit Taglohn verdienen? Wie viel Land und Vieh hast du? und was kannst du wohl in mittlern Jahren von dem verkaufen, was du ärntest? Wie ernährst du dich mit den Deinigen? Was brauchst du zur Nahrung in einer Woche, in einem Tag? Wie steht es mit den Kleidern und Wäsche und Geräth? Was muß angeschafft werden, und wo kann man ohne Schaden sparen?«

Das alles schrieb Oswald von Jedem sorgfältig auf. Nun kam die lüderliche Haushaltungsordnung erst recht an Tageslicht. Denn Mancher wußte nicht einmal genau, wie viel er schuldig war, und hatte nichts aufgezeichnet. Da mußte man sich erst bei den Gläubigern erkundigen. Mancher war drei, vier, fünf Zinse zu bezahlen rückständig. Da mußte man erst für diese sorgen. Mancher mußte an Gemeindsvorsteher, von denen er in der Noth Geld entliehen hatte, acht, auch zwölf vom Hundert verzinsen. Da mußte Oswald in die Stadt gehen, an drei und vier Prozent Geld aufnehmen, und gut dafür sprechen, damit die Wucherer bezahlt wurden, und nicht mehr durch Wucher einen armen Mann zu Grunde richten konnten. Mancher hatte wohl gar mehr Schulden als Vermögen. Da war schwer helfen. Doch sprach Oswald Allen Muth ein und sagte: »Sparen und arbeiten soll euch mit Gottes Hülfe schuldenfrei machen. Folget nur in allen Dingen meinem Rath!«

Nun erst sah er von diesen Leuten, wie schlecht sie gehauset hatten; und dies that den Leuten nun selbst in der Seele weh. Nun erst erfuhr Jeder, was er nach Abzug aller Schulden von seinem Vermögen, als wahres Eigentum, betrachten könne. Das war oft blutwenig, und ihnen schauderte die Haut vor Angst und Entsetzen darüber. Nun wollten Alle sparen, Alle arbeiten. Aber wie sollten sie es anfangen?

Oswald hatte unbeschreiblich viel Mühe. Aber die Mühe machte ihm Freude, weil er ein wahrer Menschenfreund war. Er machte Jedem ein Haus- und Schuldenbüchlein, worin Jeder den Zustand seines Vermögens deutlich sah. Dann ging er wieder in die Stadt, und suchte für Kinder und Erwachsene Arbeit von allerlei Art. Das gelang ihm nach und nach. Und was so mit Taglöhnen verdient wurde, das mußte wöchentlich aufgeschrieben und aufgespart werden. Einige gaben das Geld dem Oswald in Verwahrung; Andere gaben es ihm wöchentlich, um damit nach und nach ein für sie aufgenommenes Kapital abzutragen.

Als dies Mehrere thaten, und Oswald am Ende hundert und mehr Gulden beisammenliegen sah, dachte er: »Wozu soll dies Geld da todt und ohne Nutzen liegen? Wenn es jährlich Zins trüge, hülfe es den armen Leuten ohne ihre Mühe schon wieder zu einem kleine Gewinn und verminderte die Schuld.«

Also machte er sich ein Buch und schrieb hinein, was Jeder wöchentlich von seinem Verdienst in die Ersparnißkasse zurücklegte. Dann ging er in die Stadt und beredete einen rechtschaffenen Herrn, daß er monatlich das ersparte Geld, wären es auch nur zehn oder zwanzig Gulden, annehmen und auf Zins austhun wolle. Es wäre zum Besten armer, sparsamer Leute. Der Herr, welche ein reicher Kaufmann war und gern das Gute beförderte, nahm das Geld und that es an Zins, und wenn am Ende des Jahren die Zinsen einkamen, that er sie wieder als ein kleines Kapital aus, also, daß die Zinsen wieder Zinsen eintragen mußten. Oswald aber schrieb in sein Ersparnißkassenbuch zu Hause immer auf, wie viel jeder von seinen Leuten an den Zinsen Antheil habe.

Es war aber ein großes Glück, daß die Leute und ihre Kinder, da sie Arbeit bekamen, auch arbeiten konnten, und fast nie krank wurden. Das war sonst nicht so. Denn wenn sie sich ehemals am Sonntage vollgesoffen hatten, waren sie am Montag nicht zum Arbeiten aufgelegt, und hatten Kopfweh und Uebelkeit. Und weil sie sich insgesammt oft kämmten, wuschen, und gar reinlich hielten, waren sie von allen Uebeln und Krankheiten befreit, welche die natürlichen Strafen und Folgen der Unreinlichkeit sind.

Wie nun Oswald den mit ihm Verbündeten erzählte, daß er eine Ersparnißkasse errichtet habe, und daß das Geld, welche sie ihm wöchentlich zum Aufbewahren brächten, Zinsen tragen müsse, erstaunten sie gar sehr und freuten sich. Und Jeder sah im Buche nach, wie viel Geld er schon zusammengebracht habe, und wie viel Zins er am Ende des Jahres dafür zu erwarte habe. Anfangs hatten nur wenige Haushaltungen dem Oswald ihr Geld gebracht. Nun aber sagten es die Einen den Andern. Und wie Einer hörte, der Andere habe schon fünfzehn, zwanzig und dreißig Gulden und mehr zurückgelegt, wurde er mißvergnügt und wollte es auch so haben, und nahm sein weniges Geld und trug es auch zum Oswald und sprach: »Ei, Lieber, warum hast du mir nichts von der Ersparnißkasse gesagt? Lege mein Geld, das ich wöchentlich entbehren kann, auch hinein, es sei viel oder wenig. Denn wenn ich es im Hause habe, will es sich nicht vermehren, sondern es schwindet immer. Hat man es, so verbraucht man es wieder. Drum besser, aus den Augen, aus dem Sinn! Kann ich's nicht so haben bei dir, so kann ich noch lange nicht an Abzahlen meiner Schulden denken.«

So brachte nun Jeder alle Woche Etwas, das er von seinem Verdienst erübrigen konnte, und Einer bemühte sich mehr, als der Andere, in die Ersparnißkasse zu legen. Einige wurden so begierig, daß sie beinahe Weib und Kind verhungern ließen, um desto mehr Geld zusammenzuscharren.

Das verdroß den Schulmeister, und er hob an zu reden: »Es ist wohl gut, daß ihr mäßig seid, aber Weib und Kind müssen nicht hungern. Wer wohlgenährt ist, der hat auch Kraft und Muth, zu arbeiten. Freilich, manche Frau, die auch wohl im Felde arbeiten, oder sonst Geld verdienen könnte, muß jetzt zu Hause bleiben, und ihre Zeit beim Kochen verlieren. Wäre für jede Haushaltung von selbst schon Gekochtes da, so würde man kein Holz kaufen und bezahlen, oder es mit Zeitverlust im Walde zusammenlesen müssen, sondern man könnte vielleicht sogar jährlich von dem Gabenholz, das die Gemeinde gibt, an Andere verkaufen und Geld daraus lösen. Dabei wäre schön zu sparen. Aber wir müssen das auf andere Weise anfangen.«

»Ihr wisset, wir haben in theuern Zeiten elende Sparsuppen gegessen. Warum sparten wir damals, da wir nichts hatten, und nicht weit lieber jetzt, wo etwas zu sparen wäre? – Wir haben jetzt Erdäpfel, Obst und Mehl und Brod und Fleisch in wohlfeilerm Preis. Wir können jetzt mit demselben Gelde, wie in der theuern Zeit, bessere Kost haben und viel ersparen. Wenn jetzt Einer für uns Alle kocht, ersparen viele Frauen Zeit, und können auf andere Weise arbeiten und verdienen. Unter dreißig Kesseln und Häfen braucht es zwanzigmal mehr Holz an einem Tage, als unter einem einzigen Kessel für dreißig Haushaltungen. Das begreift ihr; dabei ist Gewinn. Aber wo für viele Menschen zusammen gekocht wird, ist auch an Salz und Schmalz und Zuthat und Geschirr Ersparniß. Lasset uns einen Versuch machen.«

So sprach Oswald. Viele wollten; Andere wollten nicht. Oswald ging zum Müller und beredete ihn, die Sparsuppe zu kochen, und dreimal wöchentlich Fleisch dazu, besonders zum Verkauf. Diejenigen, welche dazu einstanden, sagten, wie viel Suppe und Fleisch sie täglich begehrten; es waren ihrer zuerst siebenzehn Haushaltungen.

Nun mußte der Reihe nach jede Haushaltung, eine um die andere, wenn der Tag an sie kam, das Holz zum Kochen, und beim Kochen einen Aufwärter oder Gehülfen geben. Die Müllerin führte beim Kochen die Aufsicht. Alle Tage war Abwechslung in Suppe und Gemüse. Wer kein Geld hatte, konnte seine Portionen mit Mehl, Obst, Gemüs und Erdäpfeln zahlen. Das ward Keinem zu schwer. Nur wer Fleisch nahm, zahlte Geld dafür. – Die Frau Müllerin verstand das Kochen. Die andern Bauernweiber und Mädchen, wenn der Tag an sie kam, da sie helfen mußten, lernten viel dabei, was sie vorher nicht wußten.

So geschah, daß die zusammenstehenden Familien, wozu auch der Schulmeister und der Müller gehörten, besser und nahrhafter aßen, als andere Leute im Dorfe und doch weit wohlfeiler. Alle Tage Suppe und Gemüs dazu, dreimal wöchentlich Fleisch und Braten auf allerlei Art zugerichtet. – Wie dies die Andern sahen, daß es da keine Säutränke oder elende Sparsuppen gab, und daß es noch für kranke Personen und Genesende gesunde Nahrung nebenbei gab, traten sie auch bei, und Viele, die gar nicht zum Goldmacherbund gehörten. Denn sie merkten bald, daß da viel an Holz, Mühe und Zeit, viel an Speisezuthat erspart und Alles weit wohlfeiler gemacht werden konnte.

Es wurden für die Garküche der Müllerin endlich der Theilhaber zu viel, obgleich sie täglich mehrere Gehülfinnen erhielt. Da legte der Adlerwirth zu seinem Vortheil auch eine solche Küche an. Aber alle, die zum Goldmacherbund gehörten, blieben beim Müller. Sie hatten die verständigsten Hausväter unter sich ausgeschossen, die mußten den Ankauf der Vorräthe und deren Verwendung beaufsichtigen. Denn die Garküche sollte keinem Einzelnen zum Gewinn dienen, sondern Allen zum Vortheil gereichen.

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