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Das Goldmacherdorf

Heinrich Zschokke: Das Goldmacherdorf - Kapitel 14
Quellenangabe
typenovelette
booktitleNovellen und Dichtungen, Sechszehnter Theil
authorHeinrich Zschokke
year1858
publisherDruck und Verlag von H. R. Sauerländer
addressAarau
titleDas Goldmacherdorf
pages1-148
created20030925
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1817
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14. Die Leute verwundern sich sehr.

»Was gibt's denn, Velten? Kaspar, was gibt's denn?« fragte der alte lahme Wächter, als er am andern Tage durchs Dorf entlang ging: »Was gibt's denn? Kommt wieder ein Prinz oder Kaiser, oder gar ein Bürgermeister aus der Stadt? Was ist denn los, daß ihr so aufputzet?« So fragte er, und man lachte.

Es fiel aber wirklich vielen Menschen auf, und war in vielen Häusern ein sonderbares Leben. Da wurden Fenster gewaschen, Fußboden gescheuert, Thüren gesäubert, Tische, Schemel und Bänke gefegt. Sogar vor den Häusern wurde Alles in Ordnung gebracht, Schutt und Unflath auf die Seite geschafft, und allem, was herum lag, ein besserer Ort gegeben. Die zweiunddreißig Hausväter wußten es wohl, sagten aber nichts. Denn sie dachten: in sieben Jahren haben wir alle Kisten und Kasten voll Geld.

Als Oswald die Geschäftigkeit der armen Leute sah, sprach er zu Elsbeth: »Ich weiß nicht, ob ich darüber traurig werden oder lachen soll. Denn siehe, was die Leute nicht aus eigenem Gefühl, nicht aus Liebe zu Weib und Kind, nicht aus Liebe zu Gott, nicht aus Noth und Ueberzeugung früher gethan haben, das thun sie jetzt aus abergläubischer Furcht und Hoffnung. Wie thöricht sind doch die Menschenkinder! – Aber sie sollen durch den Aberglauben zur Erkenntniß der Wahrheit, und durch ihre Verderbtheit zur Rechtschaffenheit eingehen.«

Die Verwunderung im Dorfe ward aber von Woche zu Woche größer. Denn die Wirthshäuser wurden fast leer. Sonntags hörte man auf der Kegelbahn weder Kegel, noch Flüche, noch Gelächter. Kartenspiel und Würfel rührte fast Keiner mehr an. Den Wirten ward im Keller das Bier sauer, weil es Keiner mehr trank. Von Wein und Branntwein hatten sie nur einen geringen Absatz. Die meisten Leute blieben daheim bei Frau und Kindern, oder gingen auf die Felder und besahen ihre wenigen Aecker und beriethen, was in der Woche daran zu machen und zu bessern sei. Die, welche vormals zu den lustigen Brüdern gehörten, thaten jetzt gar ernsthaft und altklug; die, welche sonst ein wüstes Leben führten, waren in der Kirche sehr andächtig. Die, welche sonst gern herumlagerten und müßig gingen, waren jetzt vom Morgen bis zum Abend an der Arbeit, im Taglohn oder auf ihren Feldern.

Der Adlerwirth, wenn er Sonntags seine leeren Bänke und Tische beschaute, brach vor Wehmuth fast in Thränen aus. »Sind denn die Leute alle verrückt geworden im Kopf?« schrie er. »Was für ein Kukuk ist ihnen in den Leib gefahren. Das kann so nicht gehen. Dabei kann kein Ehrenmann länger bestehen. Es muß im Dorfe andere Ordnung werden. Das ist schändliche Ordnung.«

Der Gemeindsvorsteher Brenzel sagte: »Wenn das Unwesen so fortgeht, muß ich die Wirtschaft aufgeben. Aber ich merk' es wohl, das ist ein infames Komplott gegen mich. Man will mich zu Grunde richten. Aber ehe das geschieht, soll das Dorf zu Grunde gehen. Wenn ich nur dahinter kommen könnte, wer diese Teufelei angerichtet hat.

Sogar dem Herrn Pfarrer war die Sache aufgefallen. Er rechnete nach und fand, daß die Aenderung so vieler Menschen angefangen hatte seit dem Sonntag, da er eine sehr lange Predigt über die christliche Wiedergeburt durch den Glauben gehalten hatte. Er meinte, damit habe er Alles ausgerichtet, und sagte es auch. Nun aber verfolgten ihn seit einiger Zeit die Gemeindsvorsteher, wo sie konnten, und die Wirthe spielten ihm allerlei böse Streiche hinterrücks, und gingen fast gar nicht mehr zur Kirche.

Der Adlerwirth, um sein saures Bier anzubringen, verkaufte es um halben Preis; er schwefelte seinen Wein, und machte ihn süß, und bezahlte alle Sonntage Spielleute, die mußten lustig aufspielen. Aber von den zweiunddreißig Hausvätern, ihren Söhnen und Töchtern kam Niemand.

Der Löwenwirth suchte gleichfalls seine Kunden wieder an sich zu locken, that freundlich, schenkte Manchem umsonst ein und fragte: »Warum kommst du gar nicht mehr trinken?« Sie antworteten: »Wir haben kein Geld!« – Dann rief er: »Ei, Dummheit! Ihr wisset ja, ich bin nicht so streng, und borge schon. Ihr seid mir lange gut genug.« – Aber die Leute kamen doch nicht.

Da gerieth der grimmige Löwe in Wuth und sprach: »Wenn ihr mir' s so macht, will ich euch die Faust auch zeigen. Ihr sollt an den Löwenwirth Brenzel glauben lernen!«

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