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Das Goldmacherdorf

Heinrich Zschokke: Das Goldmacherdorf - Kapitel 12
Quellenangabe
typenovelette
booktitleNovellen und Dichtungen, Sechszehnter Theil
authorHeinrich Zschokke
year1858
publisherDruck und Verlag von H. R. Sauerländer
addressAarau
titleDas Goldmacherdorf
pages1-148
created20030925
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1817
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12. Wie der Löwenwirth auf die Nase fällt, und was sich weiter begeben hat.

Oswald mochte es anstellen wie er wollte, man legte ihm alles übel aus. Wenn er die Kinder lehrte, daß es keine Gespenster gäbe, sondern daß das nur Einbildung furchtsamer und abergläubiger Leute wäre: so sagte man im Dorfe, er glaube weder einen Gott noch einen Teufel. Oder wenn er den Kindern in der Schule die giftigen Pflanzen in den Feldern und Wäldern zeigte, damit sie solche kennen und sich vor dem Genuß der Beeren und Wurzeln hüten lernten: so sagte man im Dorfe, er wolle die Kinder Giftmischerei lehren. Besonders lauerte ihm der Löwenwirth Brenzel auf, und sammelte sorgfältig alle bösen Reden über Oswald.

Als er endlich genug wußte, sprach er: »Ich weiß genug, um ihm den Hals zu brechen. Er muß vor Gericht, und seine eigene Schwiegermutter, die Müllerin, soll wider ihn zeugen und vor Gericht bekennen, was sie von ihm weiß. Als Vorsteher ist es meine Pflicht, zu reden. Ich kann das nicht länger dulden, ohne verantwortlich zu werden.«

Also machte er sich eines Sonntags auf und legte seine Staatskleider an, setzte den dreieckigen Hut recht majestätisch auf, nahm das spanische Rohr mit dem silbernen Knopf, und ging mit breiten Schritten zum Dorf hinaus nach der Stadt. Er sagte aber keinem Menschen ein Wort davon, daß er im Sinn habe, dem Oswald bei der hohen Obrigkeit böses Spiel zu machen. Denn er fürchtete, wenn der Hexenmeister Wind davon bekäme, der könne ihm Schaden zufügen, ehe er noch zur Stadt gelangt wäre.

Und wie er auf der Landstraße allein ging, sprach er im Eifer laut mit sich selber, als wenn er schon vor einem Herrn Rathsherrn stände; und er lief dabei immer schneller, und fuhr im Zorn bald mit der rechten, bald mit der linken Hand in der Luft herum, wie ein Pfarrer auf der Kanzel. Bei diesem Eifer kam im Laufen der lange Stock zwischen die Beine, also daß er stolperte, und über den Stock auf den Erdboden fiel. Der Hut flog weit hinweg, die Nase schlug sich platt, und seine Beine stiegen hoch aufwärts, als wolle er gar auf den Kopf stehen. Er stand ächzend und fluchend auf, und nahm seinen Hut aus dem Staube. An seiner Stirn aber schwoll eine Beule, als wollte ein Horn heranwachsen, und seine blutende Nase war blau, wie eine dicke Pflaume. »Das hat mir gewiß der Oswald angethan!« dachte er, und fürchtete sich, weiter zu gehen, damit ihm nichts Schlimmeres begegne.

Indem er noch mit dem Schnupftuch das Blut von der Nase wischte, kam die Straße daher in vollem Galopp ein Herr zu Pferde, Hut und Rock mit goldenen Tressen besetzt. Der hielt vor dem Löwenwirth still und fragte hastig: »Wohnt dort im Dorfe ein gewisser Herr Oswald, und ist er zu Hause?«

Der Löwenwirth sprach: »Ja, warum denn?«

Der Fremde rief: »Der Erbprinz will ihn besuchen.« So sprach der Fremde und jagte davon nach Goldenthal.

Der Löwenwirth sperrte vor Verwunderung Maul und Nase auf und sagte: »Wa – wa – was? Der Erbprinz? Ein Prinz zu dem Oswald?« Wie er dies sagte, fuhr im Galopp ein prächtiger Wagen mit sechs Pferden daher, schöne Bediente vorn und hinten auf. Darin saß ein junger Herr im blauen Oberrock, der hatte auf der Brust einen silbernen Stern. Der Wagen fuhr vorbei nach Goldenthal.

»Der Blitz und der Hagel!« schrie Brenzel: »Der Prinz will gewiß bei mir einkehren. Ich bin nicht zu Hause, und nun fährt er zum Adler!« Brenzel lief, was er konnte, ins Dorf zurück. Da gerieth ihm abermals im vollen Sprung der lange Stock zwischen die langen Beine, daß er wiederum zu Boden fiel, wie ein Baum. Alle Rippen krachten ihm im Leibe, und seine Staatskleider waren gräßlich gesalbt. Er hinkte fluchend und langsam zum Dorfe. Da er vor seinem Hause keinen Wagen sah, ward er voll Gift und Galle, denn er dachte, der Prinz sei beim Adlerwirth Kreidemann eingekehrt. Er hinkte also weiter, aber er sah auch keinen Wagen beim Adler. So ging er in sein Haus zurück, und keine Seele war darin. Er legte andere Kleider an und wusch sein Gesicht, und erschrak, wie er sich mit der faustdicken Nase und gehörnten Stirn im Spiegel erblickte, wiewohl man im Spiegel wegen des Fliegenkothes nicht viel sah. Nun wetterte er, wie ein grimmiger Löwe, auf seine Leute, die alle davon gelaufen waren. Da kam die Magd ganz odemlos und rief: »Herr, beim Schulmeister ist ein lebendiger Kaiser angekommen, oder wohl gar ein König! Das ganze Dorf ist vor Schulmeisters Haus zusammengelaufen.«

Brenzel wußte nicht, was thun; ging endlich aber doch hinauf vor Schulmeisters Haus zu den Leuten. Nach einer halben Stunde kam der Erbprinz aus der Hausthür, und hatte Oswalden an der einen und Elsbethen an der andern Hand, und war gar freundlich mit ihnen. Und wie er in den Wagen gestiegen war, reichte er ihnen Beiden noch einmal die Hand zum Abschiede, und dann fuhr er im sausenden Galopp davon, Reiter voraus. Alle Bauern hatten die Hüte ab und vor Erstaunen das Maul auf.

Nun war's im ganzen Dorfe ausgemacht, der Schulmeister könne mehr als Brod essen. Der Prinz komme zu keinem Dorfschulmeister, bloß um ihn zu besuchen, und sei um nichts und wieder nichts so freundlich mit ihm gewesen. Große Herren brauchen viel Geld, und dazu brauchen sie Schatzgräber und Goldmacher und desgleichen. Große Herren seien nicht immer die frömmsten, das wisse man wohl, und machen sich nichts daraus, wenn sie schlimm aus der Welt gehen, sobald sie nur gut in der Welt leben können.

Diese und andere Reden gingen von der Zeit an im Dorfe, und vielen verlumpten und verarmten Bauern im Kopfe herum. Und Viele wurden vertraulicher und sprachen Einer zum Andern: »Wüßte ich nur, wie es anfangen, ich machte mir nichts daraus. Ich verschriebe mich heute noch dem Teufel, wenn's sein müßte, und wäre ich nur meine Schulden los und hätte Geld genug und vollauf. Ich wollte es ganz anders machen, wie der Schulmeister. Der Schulmeister ist ein dummer Teufel, daß er hier wohnt und lebt, wie unsereins. Ich führe, wie der Erbprinz, mit sechs Pferden, Bedienten und Sternen, und hätte die Küche voll Braten, den Keller voll Wein. Ja, noch heute gäb' ich meine arme Seele drum.«

Solche ruchlose Reden führten die Leute ohne Scheu. Reichthum verdirbt das Herz; aber die Armuth verdirbt es nicht weniger. Und wenn Armuth und Dummheit und böse Lüste beisammen sind, ist des Teufels Kleeblatt fertig. So ist es in manche Dorfe, und so war es leider auch in Goldenthal.

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