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Das goldene Zeitalter

Kenneth Grahame: Das goldene Zeitalter - Kapitel 8
Quellenangabe
typenarrative
authorKenneth Grahame
titleDas goldene Zeitalter
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1900
translatorEmmy Becher
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140423
projectidab02cee4
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Zarte Gefühle

Kein Mensch auf der weiten Welt hätte sich je träumen lassen, unser Bruder Eduard könnte verliebt sein, wenn er nur nicht gleich nach dem Frühstück mit übertriebener Gleichgültigkeit die Worte hingeworfen hätte: »Wer von euch Lust hat, kann meine Kaninchen füttern,« und wenn er dann nicht mit einer Unbefangenheit, die indes niemand täuschte, in der Richtung des Baumguts verschwunden wäre. Daß Throne ins Wanken kommen und Königreiche vergehen, daß Erdbeben mit der Karte von Europa Kegel spielen, das konnte ja vorkommen, unerschütterlich fest aber stand das ungeschriebene Gesetz, daß jeder von uns Jungen seine Kaninchen eigenhändig fütterte. Wir hatten also allen Grund, beunruhigt und mißtrauisch zu sein, und während wir die Salatblätter durchs Gitter schoben, hielten Harold und ich ernste Beratung über diesen bedenklichen Fall.

Man könnte einwenden, die Sache habe uns ja nichts angegangen, und persönlich lag uns auch wirklich nicht viel daran. Nur als Glieder einer Körperschaft waren wir daran beteiligt, denn jedes körperliche oder seelische Leiden, das den einzelnen traf, konnte auch für die Genossen weittragende Wirkungen und Folgen haben. Es wurde daher verabredet, daß Harold, dem man am wenigsten Verständnis für diesen Fall zutrauen und also auch nicht mißtrauen würde, den Kundschafter spielen müsse. Man prägte ihm deutlich ein, zuerst gewissenhaft Bericht zu erstatten über Appetit und Befinden unsrer Kaninchen im besonderen, dann sachte auf Kaninchen im allgemeinen überzugehen, ihre Familienverhältnisse, Lebensgewohnheiten, Tugenden und Laster zu erörtern und dabei, was gar nicht schwierig war, auf das weibliche Geschlecht überhaupt abzuschwenken, seine angeborenen Gebrechen und Mängel und die Gründe hervorzuheben, weshalb man am besten thue, es – kurz und kräftig gesagt – als »Dreck« zu betrachten. Namentlich aber sollte er sich sehr diplomatisch verhalten, und dann sofort zurückkehren und uns Bericht erstatten.

Frohgemut zog Harold ab, seine Pflicht zu erfüllen, aber er blieb nur kurz aus und kehrte in einem Zustand – verstört und heulend – zurück, der seine Fähigkeiten als Diplomat in Zweifel setzte. Er hatte, wie wir allmählich erfuhren, Eduard im Baumgut getroffen, wo dieser auf und ab gegangen war mit einem stehenden Lächeln, das ihn an Seiltänzer erinnert habe, so ein Lächeln, das wie mit Stecknadeln ins Gesicht geheftet aussieht und das Artisten zweiter Güte stets zur Schau zu tragen pflegen. Harold hatte seine Sache ganz geschickt angegriffen, soweit die Kaninchen vorhielten, war dann aber in verhängnisvoller Vermengung von abstrakt und konkret mit der Bemerkung herausgerückt, da ihn Eduards schlitzohrige Kaninchendame mit den langen Hinterbeinen und der verächtlich herausgezogenen Nase immer an Sabina Larkin erinnere, eine junge Dame von neun Jahren, die Tochter eines benachbarten Pächters. Bei dieser Aeußerung hatte sich Eduard offenbar ohne jeden Grund über ihn hergeworfen und ihn aufs bösartigste mißhandelt, indem er ihm beinah' den Arm ausrenkte und ihm Rippenstöße versetzte. Harolds Rückkehr zum Kaninchenstall wurde infolgedessen von langgezogenen Klagelauten verkündigt und begleitet, und unter Schluchzen und Stöhnen stieß er bald den Wunsch aus, ein Mann zu sein und seinen von Liebe verblendeten Bruder erschlagen zu können, bald den ziemlich entgegengesetzten, nie geboren worden zu sein.

Meine Körperkraft reichte nicht aus, Eduard zum Zweikampf zu fordern, deshalb blieb mir nichts übrig, als das arme Opferlamm zu trösten, indem ich ihm gestattete, die Räder des Eselkarrens zu schmieren, einer der größten Genüsse, der vom Gärtnerburschen, weil ich bei der neuen Köchin ein gutes Wort für ihn eingelegt hatte, ausdrücklich mir zugedacht worden war. Bald war denn auch Harold ganz Seligkeit und ganz Wagenschmiere, und ich konnte eigentlich mit dem Ergebnis seiner Sendung wohl zufrieden sein, hatten wir doch einen deutlichen Fingerzeig bezüglich der Wurzel des Uebels gewonnen.

Glücklicherweise fehlte es auch nicht an der Möglichkeit, die Richtigkeit dieses Fingerzeigs zu erproben, denn es war Sonntagmorgen und schon erschallten die Kirchenglocken. Falls der Zusammenhang nicht jedem deutlich ist, füge ich hinzu, daß die freudlose Stunde des Gottesdienstes mit ihrer erzwungenen Bewegungslosigkeit und ihrem Mangel an wirklicher Beschäftigung, wo man noch obendrein vom ganzen Dorf beaufsichtigt war, einen jungen Mann am ehesten auf Liebesgedanken bringen konnte. In der Woche fehlte uns, gottlob, der Müßiggang, der auch solchen Lasters Anfang ist, in der Kirche dagegen hatte man ja wirklich nichts Besseres zu thun! Während die Litanei in endloser Länge abgesungen wurde, konnte man allenfalls den Schmutztitel des Gesangbuchs vollsudeln, welch ein Trost oder Ausweg blieb einem aber während der Predigt? Ganz naturgemäß schweifte der Blick immer wieder über die gedrängten Reihen der Gläubigen und hielt ungehemmte Heerschau über die »schönen« Glaubensschwestern. Auf diese Weise war es vor einigen Monaten schon geschehen, daß ich unterm besonderen Druck des Athanasischen Glaubensbekenntnisses, die Bäckersfrau zum Gegenstand lebenslanger Hingebung erkoren hatte. Ihre reiferen Reize hatten ein Herz besiegt, das all den hellen Sommerkleidchen zwitschernder Jugend Widerstand leistete, und daß sie schon verheiratet war, kam mir gar nie als Hemmnis für meine Gefühle in den Sinn.

Eduards Verhalten während des Morgengottesdienstes konnte also ein sicheres Beweismittel werden, und in seinem Fall bot sich sogar Gelegenheit zu einer besonderen Feuerprobe. Es traf sich nämlich, daß unser Kirchenstuhl im Querschiff stand, während die Larkins hinter uns saßen, so daß Eduard einzig und allein in dem flüchtigen Augenblick, wo man sich nach Osten zu wenden hat, seine Augen an Sabinas Reizen weiden konnte. Ich sollte nicht vergebens gehofft haben! Während das Benediktus gesungen ward, ließ er sich in seines Herzens Ungeduld verschiedene Versehen zu schulden kommen und flog dann herum, lang, ehe das: »Wie es im Anfang war und ist und sein wird« vorüber war. Damit war er überwiesen; einen vollkräftigeren Beweis hätte kein Gerichtshof verlangen können.

Die Thatsache war klar und deutlich, jetzt galt es nur noch, mit ihr fertig zu werden, und ich hatte wenigstens während dieser Predigt Gedankenstoff genug. Mein Verhalten zu der Sache war wirklich nicht unbrüderlich oder unedel. Eine platonische Neigung wie meine eigene war ja meiner Ansicht nach erlaubt, denn sie störte niemand und geriet mit nichts in Widerspruch, aber die vulkanischen Leidenschaften, die so etwa einmal im Vierteljahr meinen Bruder befielen, die konnten ernsthafte Schwierigkeiten und Geschäftsstörungen mit sich bringen. Was besonders bedenklich erschien, war der Umstand, daß nächste Woche ein Zirkus in die Nähe kommen sollte, dessen Besuch uns strengstens untersagt war – ohne Eduards Mitwirkung war an ein Uebertreten dieses Verbots gar nicht zu denken, und nun hatte ich auf dem Weg zur Kirche einen Fühler ausgestreckt und den bündigen Bescheid erhalten, daß ihm beim bloßen Gedanken an einen Clown übel werde. Weiter konnte ja die Melancholie nicht gehen!

Doch die Predigt ging zu Ende, ohne daß mir ein rettender Gedanke gekommen wäre, und so ging ich bedrückten Gemüts nach Hause mit dem dumpfen Bewußtsein, daß die Venus im Aufsteigen sei und sieghaft strahle, während Auriga, der Stern des Zirkus, erlöschend tief unten am Horizont flimmere.

Daß gerade Tante Elisa in diesem verwickelten Fall die » Dea ex machina« werden sollte, war eine sinnige Ironie des Schicksals. Die Sache vollzog sich in folgender Weise. Diese Dame hatte unter vielen andern die unliebsame Gewohnheit, am Sonntagnachmittag den benachbarten Pächtern und Taglöhnern Staatsvisiten abzustatten, wobei sie immer einen von uns als Opferlamm mitschleppte, einerseits, weil sie es nicht für passend hielt, allein zu gehen, andrerseits, weil es unsrem Seelenheil förderlich sein sollte. Vermutlich hatte mich die starke Denkarbeit des Morgens etwas geschwächt und kriegsuntüchtig gemacht, jedenfalls war ich's, der sich fangen ließ, als das Opfertier gesucht wurde, während die andern mit heiler Haut davonkamen. Unser erster Besuch galt dem Pächter Larkin, wo Höflichkeit und feiner Ton wahre Wunder verrichteten. Wir selbst benahmen uns ganz wie die Königin Elisabeth, wenn sie stolz und groß den Takt angab. In der niederen eichengetäfelten Wohnstube wurden Kuchen und Johannisbeeren aufgetischt und nach vielen Redensarten und Knicksen huldvoll von uns angenommen. Tante Elisa war die Herablassung selbst und besprach sich mit der Pächterin über die neuesten Moden, während Larkin und ich, beide in Schweiß gebadet von dieser Anstrengung, weise Bemerkungen über die Veränderlichkeit des Wetters und das Sinken der Kornpreise austauschten.

(Welcher Zuschauer und Zuhörer hätte sich dabei vorstellen können, wie wir einander vor kurzen zwei Tagen über eine Hecke befehdet hatten! Ich herausfordernd, höhnisch, triumphierend, er kirschblau vor Wut mit der Peitsche knallend, kräftige Flüche ausstoßend! Solche Wunder wirkt die Tierbändigerin Etikette.)

Sabina saß während des Besuchs sittsam beiseite, ein Buch auf den Knieen haltend und scheinbar ganz versunken in den Anblick einer farbenglühenden Darstellung des mit gespreizten Beinen jemand den Weg vertretenden Apollyon. Sie sah mich hie und da von der Seite aufmerksam an, Tante Elisas Annäherungsversuche aber wies sie mit einer eisigen Höflichkeit zurück, die mich mit ungemessener Hochachtung erfüllte.

»Es setzt mich oft in Erstaunen,« hörte ich die Tante plötzlich bemerken, »welch förmlichen Abscheu mein ältester Neffe Eduard vor kleinen Mädchen hat. Neulich hörte ich ihn zu seiner Schwester Charlotte sagen, er wünschte nur, er könnte sie um ein Paar Meerschweinchen eintauschen – natürlich hat das arme Kind geweint! Knaben sind oft recht herzlos.« (Ich sah, wie Sabina sich ganz steif aufrichtete und ihr Stumpfnäschen verächtlich in die Luft streckte, wirklich ganz wie das Kaninchen!) »Dieser Junge dagegen ...« (mir stand das Herz still! Sollte diese Person meine verliebten Blicke nach der Bäckersfrau beobachtet haben?) »Dieser Junge,« fuhr die Tante fort, »scheint etwas mehr Gemüt zu haben. Gestern nahm er sein Schwesterchen mit in den Bäckerladen und kaufte ihr für seinen einzigen Groschen Süßigkeiten – das ist doch ein hübscher Zug, nicht? Ich wollte, Eduard hätte mehr Aehnlichkeit mit ihm!«

Ich atmete wieder freier. Meine Gründe für den gerühmten Besuch im Bäckerladen brauchte ich ja nicht anzugeben! Sabinas Gesichtchen wurde milder und die hochmütige kleine Nase schrumpfte etwas zusammen. Sie warf mir einen scheuen Blick entschiedenen Wohlgefallens zu und vertiefte sich wieder in ihre Geschichte. Mir war sehr unbehaglich zu Mut und ich hatte ein Gefühl, häßlich und niedrig an Eduard zu handeln, aber was sollte ich machen? Ich war nach Gaza geraten, und die Philister hatten mich geknebelt und gebunden.

Am selben Abend noch brach das Gewitter los und der Blitz schlug ein, nachher wurde die Luft, um bei diesem Bild zu bleiben, wieder klar und heiter. Der Abendgottesdienst dauerte kürzer als sonst, denn der Vikar hatte beim Besteigen der Kanzel zwei Blätter aus seiner Predigt verloren – wir waren die einzigen, die es bemerkt hatten, auch die späterhin dadurch verursachte Lücke entging seinen arglosen Zuhörern. Seelenvergnügt über diesen Gewinn schoben wir hinaus und ich tuschelte Eduard ins Ohr, daß wir durch einen Dauerlauf nach Hause Zeit gewinnen könnten, uns der für den Sonntag beseitigten Pfeile und Bogen zu bemächtigen und mit Tante Elisas Hühnern – die ahnungslosen steuerten wohl schon ihren Stangen zu! – Indianer und Büffel zu spielen, ehe diese würdige Dame mit ihrem gemessenen Schritt heim käme. Eduard stand unschlüssig unter der Kirchenthüre; der Vorschlag war so lockend, daß er trotz seines Gemütszustands Wirkung auf ihn hatte. In diesem Augenblick kam Sabina mit zierlichen Schritten heraus, sah Eduard – und streckte die Zunge gegen ihn heraus, und zwar so herausfordernd als nur möglich, dann warf sie das Köpfchen zurück und ging in steifer Haltung ihres Wegs.

Ein Mann überwindet vieles um der Liebe willen – Armut, Tanten, Nebenbuhler, Hindernisse jeder Art, ja diese dienen nur dazu, die Flamme zu schüren. Aber persönliche Lächerlichkeit ist ein Schwerthieb, der durch Mark und Bein dringt. Eduard führte den Dauerlauf nach Hause in einem Tempo an, das ihm bei jedem Indianerstamm den Ehrennamen des raschen Pfeils eingetragen hätte, und Tante Elisas Geflügel wurde an diesem Abend von den Indianern meilenweit in der Gegend zerstreut, so daß die Lebensgeschichte einzelner Hühner bis auf den heutigen Tag Lücken aufweist. Mit wildem Kriegsgeheul verfolgte Eduard in Person den feisten Cochinchinahahn, bis der Vogel atemlos zusammenbrach, gerade unter dem Fenster, in dessen Rahmen die zur Salzsäule erstarrte Tante Elisa stand. Nach dem Abendbrot rauchte Eduard dann noch im Gebüsch verborgen einen unterwegs aufgelesenen Cigarrenstummel und erklärte einer von Ehrfurcht und Grauen ergriffenen Zuhörerschaft seinen endgültigen, unabänderlichen Entschluß, Soldat zu werden.

Die Krisis war vorüber, Eduard gerettet! ... Und doch ... sunt lacrimae rerum ... während ich den Cigarrenstummel im dunkeln Schatten des Lorbeers bald aufglühen bald verglimmen sah, schien überall aus dem Dunkel ein hochmütig zurückgeworfenes Köpfchen mit einer kecken Stumpfnase hervorzuhuschen, es wuchs und schwand dahin und tauchte wieder auf und umgaukelte mich mit halb rührendem halb vorwurfsvollem Blick, so daß die Reize der Bäckersfrau in meiner Phantasie dahinschwanden wie Schnee in der Frühlingssonne. Schließlich hatte ja Sabina doch nichts Böses gethan, weshalb sollte das arme Kind fremde Schuld büßen? Morgen wollte ich mich heimlich davonmachen und zu einer Zeit, wo ihr Vater sicher beschäftigt war, an ihrem Garten vorbeistreifen. Kam nichts dabei heraus, so schadete es ja auch nichts, doch wenn im Gegenteil ...

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