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Das goldene Zeitalter

Kenneth Grahame: Das goldene Zeitalter - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
authorKenneth Grahame
titleDas goldene Zeitalter
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1900
translatorEmmy Becher
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140423
projectidab02cee4
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Sägemehl und Sünde

An einer Seite unsres Teichs stand eine Gruppe Rhododendren, und an seinem Rand wuchsen die mannigfaltigsten Kräuter und Gräser in saftiger Ueppigkeit. Wenn man durchs Unterholz kroch und sich hart am Wasser auf den Bauch legte, so war es für einen Menschen mit gesundem, kräftigem Vorstellungsvermögen eine Kleinigkeit, im Handumdrehen ins tiefste Dickicht des tropischen Urwalds versetzt zu werden. Hoch über einem schwatzten und krächzten die Affen, Papageien schwangen sich von Busch zu Busch, fremdartige Riesenblüten standen ringsumher und ein Rascheln und Huschen unsichtbarer großer Tiere verursachte ein angenehmes Gruseln. Steckte man, eine Handbreit vom Wasser, die Nase vollends ins Gras, so waren binnen kurzem die überlieferten Größenverhältnisse rein weggewischt. Die schimmernden Seejüngferchen, die über der Oberfläche gaukelten, wurden zu phantastischen, fabelhaften Ungeheuern, die Stechfliegen, die sie umschwirrten, zu Tod verkündenden Albatrossen und der Teich selbst dehnte und reckte sich zum Binnenmeere, wo eine Kriegsflotte bequem hätte manöverieren können und aus dem jeden Augenblick der haarige Skalp der berühmten Seeschlange auftauchen konnte.

Wenn aber vertraute Klänge menschlicher Stimmen an unser Ohr schlagen, ist es weniger leicht, mit Leib und Seele im tropischen Urwald unterzutauchen, und meine Hoffnung, endlich einmal einen Tiger beim Trinken von einem Krokodil verschlingen zu sehen, wie es sich in Bilderbüchern so häufig zuträgt, war jählings vernichtet, Teich und Pflanzen wieder zum gewöhnlichen Maß zusammengeschrumpft, als sich aus nächster Nähe Charlottes Plaudermäulchen vernehmen ließ und meine vorsündflutliche Einsamkeit störte. Zwischen dem Schilfgras hervorspähend, sah ich sie am andern Ufer des Teichs auf einen sonnigen Wiesenfleck zutrippeln, wie gewöhnlich in lautem Selbstgespräch, unter jedem Arm eine Puppe eingeklemmt und die Stirne von sorgenvollen Gedanken durchfurcht. Ihre beiden Kinder an einen freundlichen Baumstrunk lehnend, setzte sie sich ihnen gegenüber mit einem Gesicht, so bekümmert und angstvoll, wie das des Reichskanzlers am Budgettag aussehen mag.

Die Opfer ihrer Mutterliebe, die ergebungsvoll vor sich hinstarrten, waren als »Herry« und »Rosa« erkennbar. Herry stammte aus dem fernen Japan; sein Haar war pechschwarz und glatt, sein einziges Gewand bestand aus schlichtem blauem Baumwollstoff und sein Ruf war unbedingt schlecht. Er hieß eigentlich Hieronymus, weil man eine Aehnlichkeit wahrnehmen wollte zwischen ihm und dem heiligen Mann, dessen Bild als Kupferstich im Treppenhaus hing. Im Grunde bildete aber eine kleine Tonsur das einzige Bindeglied zwischen dem Heiligen des Abendlandes und dem morgenländischen Sünder. Rosa dagegen war eine echte Britin, von der flächsernen Perücke an bis zu den strammen Beinen, deren Anblick sie immer rückhaltslos preisgab. Im Charakter gehörte sie zu jenen Tadellosen, die noch nicht erprobt und versucht worden sind.

Herry kam mir vom ersten Augenblick an verdächtig vor. Während er so mürrisch an seinem Baumstrunk lehnte, blitzte eine geheime Teufelei aus seinen Schlitzaugen, und da ich wußte, wozu der Strolch fähig war, hatte ich ein Vorgefühl, daß Schweres auf Charlotte warte. Ueber Rosa war ich mir nicht recht klar; sie saß bolzgerade und seltsam da, mit einem weltverlorenen Blick gleich einer Seherin zu den Baumwipfeln hinaufstarrend, und doch hatte die Sprödigkeit in ihren gespitzten Lippen etwas Gemachtes und ihre Augen zeigten einen unnatürlichen Glanz.

»Jetzt fang' ich da wieder an, wo ich aufgehört habe,« erklärte Charlotte, für die Unterbrechungen nie viel zu sagen hatten, und patschte dabei aufgeregt aufs Gras, »und ihr müßt schön aufpassen, denn 's ist ein Extravergnügen, daß ich euch noch eine Geschichte erzähle, eh' ihr ins Bett müßt. Also so war's – das weiße Kaninchen huschte den Gang hinunter und Alice hoffte, es werde wiederkommen, denn es hatte ein Fräckchen an, und ihr Flamingo flog auf einen Baum – ja so, am Flamingo sind wir ja noch gar nicht, der kommt erst später vor, da müßt ihr noch warten – und – und, ja, wo bin ich denn stehen geblieben?«

Herry verhielt sich nur so lange ruhig, bis Charlotte recht im Zug war, dann neigte er sich ruhig und langsam zu Rosa hinüber, bis sein Kopf auf ihre rundliche Schulter sank, daß sie nervös zusammenschreckte.

Charlotte packte ihn und schüttelte ihn derb.

»O Herry!« rief sie kläglich, »wenn du nicht artig zuhören willst, wie soll ich denn je meine Geschichte fertig bringen?«

Herry brachte die gekränkte Unschuld meisterhaft zum Ausdruck.

»Klagen Sie die unnatürlichen Gesetze der Schwere an, meine Gnädige,« schien er zu sagen, »aber nicht eine hilflose Puppe, die noch dazu ein Fremdling in diesem Land und eine verlassene Waise ist.«

»Jetzt geht's also weiter,« hob Charlotte von neuem an. »Schließlich ging sie also in den Garten – ach! Ich hab' eine Menge Sachen ausgelassen, aber darauf kommt's euch ja nicht an und ich erzähl's dann ein andres Mal – und alle spielten Croquet und dann kommt der Flamingo herein und jetzt schreit die Königin: ›Schlagt ihr den Kopf ab!‹«

Bei dieser Scene knickte Herry nach vorn zusammen, so daß sein Tonsürchen zwischen die Kniee zu liegen kam, Charlotte wurde aber jetzt nicht so ärgerlich. Die plötzliche tragische Wendung ihrer Geschichte war offenbar für sein armes Sägmehlherz zu angreifend gewesen. Sie richtete ihn liebevoll auf, wischte ihm das Gesicht ab, und nachdem sie es mit mehreren Stellungen versucht und er sich hartnäckig geweigert hatte, darin auszuharren, stemmte sie ihn gegen die Schulter der (scheinbar!) teilnahmlosen Rosa, mir aber gingen jetzt die Augen auf und das ganze Maß von Herrys Ruchlosigkeit wurde mir klar. Das also war's, was er mit List und Tücke hatte erreichen wollen! Der Schurke hatte Absichten, hm? Nun, ich würde ihn jedenfalls nicht mehr aus den Augen lassen!

»Wenn du auch in dem Garten gewesen wärst,« fuhr Charlotte mit mildem Vorwurf fort, »und dich so aufgeführt hättest, als die Königin schrie: ›Schlagt ihr den Kopf ab!‹ dann hätte sie dir auch gleich den Kopf abschlagen lassen, aber Alice, die war kein solcher Furchthase. Die sagte einfach: ›Vor Ihnen fürchte ich mich ganz und gar nicht, denn Sie sind ja nur ein Kartenspiel‹ – ach du liebe Zeit! Da erzähle ich euch ja schon das Ende und bin doch erst in der Mitte gewesen! Ich weiß nicht, wie das kommt, aber meine Geschichten sind immer gleich aus! Schadet nichts, ich erzähle euch eine andre.«

Herry schien sich jetzt, da er das Ziel seiner Wünsche erreicht hatte, gar nicht mehr darum zu kümmern, ob die Geschichten kurz oder lang währten. Mit einem Ausdruck von Befriedigung, der einfach blödsinnig war, schmiegte er sich an Rosas rundliche Gestalt und – ja, was war denn das? – von seinem einen Arm war nichts mehr zu sehen – sollte er ihn um Rosa geschlungen haben? Rosas blühende Gesichtsfarbe schien mir noch leuchtender geworden zu sein als sonst, ihr Haupt hing verschämt herab – entschieden hielt er sie umschlungen!

»Wenn's nicht so kurz vor dem Bettgehen wäre,« sagte Charlotte überlegend, »würde ich euch eine reizende Geschichte erzählen, wo ein Gespenst drin vorkommt. Aber da würdet ihr euch fürchten und die ganze Nacht von Gespenstern träumen. Drum erzähle ich lieber etwas von einem weißen Bären, aber wenn der Bär ›Wau!‹ macht, müßt ihr nicht schreien, wie ich früher immer, denn eigentlich ist's ein lieber Bär ...«

Da stürzte Rosa in tiefster Bewußtlosigkeit auf den Rücken! Ihre Augen waren gläsern, ihre Glieder starr und steif – was mochte Herry gethan haben? Etwas sehr Schlimmes sicher, sonst wäre sie nicht vor Entsetzen ohnmächtig geworden. Während Charlotte der jungen Dame beisprang, faßte ich den Burschen scharf ins Auge. Er machte ein Gesicht, als ob er eine Melodie pfiffe, und betrachtete sich unbefangen die Landschaft.

»Wenn ich nur Herrys Fähigkeit hätte, unschuldig dreinzusehen,« mußte ich halb neiderfüllt denken, »man würde mich nie erwischen!«

»Du allein bist schuldig, Herry,« schalt Charlotte, sobald sie das Fräulein wieder in die Reihe gebracht hatte. »Rosa ist ein Musterkind, wenn du nicht dabei bist und sie zum Bösen verleitest. Ich würde dich gleich in die Ecke stellen, nur daß der Baumstamm keine hat – wundert mich eigentlich. Hab' immer gedacht, es gebe überall Ecken. Aber mit dem Gesicht gegen die Wand sollst du sitzen – so! Jetzt kannst du den Trotzkopf machen, solang du Lust hast.«

Herry schien einen Augenblick zu schwanken zwischen der Wonne, den Märtyrer zu spielen, und den Verlockungen der heiß begehrten Schönheit an seiner Seite, dann stürzte er, von seiner Leidenschaft hingerissen, seitwärts, gerade in Rosas Schoß. Der eine Arm ragte wie in wilder Beteuerung in die Luft, sein verliebtes Gesicht drückte heißes Flehen aus, Rosa zauderte, schwankte, wurde schwach und begrub, plötzlich nachgebend, seine spindeldürre Gestalt mit der ihrigen.

Charlotte konnte viel über sich ergehen lassen, aber das war ihr zu bunt. Sie entriß den Jüngling ohne Gnade und Barmherzigkeit dieser sündigen Umschlingung, legte ihn mit dem Gesicht nach unten, quer über ihr Knie und – aber es war mir zu schmerzlich, Augenzeuge des Schimpfs zu sein, der dem ganzen überlegenen Geschlecht in Herrys hilfloser Gestalt angethan wurde! Wohl hatte ich den Kopf weggedreht, aber das klatschende Geräusch scharfer Schläge drang trotzdem beleidigend an mein Ohr. Als ich endlich wieder hinzusehen wagte, saß Herry aufrecht da wie zuerst, sein Gewand war wohl etwas zerknüllt, saß aber wieder am rechten Fleck, doch sein blasses Gesicht war wie zu Stein geworden. Da ich nur zu gut wußte, welch ein vulkanisches Feuer der Scham und Entrüstung unter dieser Eisesstarre glühte, konnte ich dem Burschen meine Teilnahme nicht versagen.

Rosas Gesicht war immer noch in ihrem Rock vergraben, ob Schamgefühl oder Mitleid mit Herry sie zu dieser Haltung veranlaßten, weiß ich nicht, der verhärtete Japaner aber hatte keinen Blick mehr für sie. Sein Herz schwoll über von Bitterkeit. Natürlichen Regungen gehorchend, hatte er sich an der Zwingfeste der Schicklichkeit den Kopf verstoßen, und jetzt lag die sonnige Welt nachtschwarz vor ihm. Sogar Charlotte ließ sich vom Anblick seiner starren Verzweiflung rühren.

»Wenn du sagen willst, daß es dir leid thut, Hieronymus,« sagte sie, ihm den Weg zur Versöhnung weisend, »so thut's mir auch leid.«

Herry drückte nur seine Schultern gegen den Baumstrunk und starrte nach der Richtung, wo sein geliebtes Heimatland, sein Japan, lag, wo lieben kein Verbrechen und die Prügelstrafe nicht eingeführt war. Warum, warum auch war er in die Fremde gegangen? Morgen wollte er sich aufmachen – nach Hause! Aber, o Jammer, dagegen türmten sich neue Hindernisse auf. Die Natur, die Herry mit allen Reizen des Leibs geschmückt und mit einem fühlenden Herzen begabt hatte – die Bewegung hatte sie ihm versagt.

Da raschelte es hinter mir im Laubwerk; scharf und kurz pustend wie eine kleine Dampfmaschine brach Rollo, der schwarze Apportierhund, durchs Gebüsch. Irgend eine freundliche Hand mußte ihm die Kette gelöst haben und er sah sich offenbar jetzt nach Spielgefährten um. Ich rief ihn freudig an und ersuchte ihn, ein Panter zu sein, er zottelte aber an mir vorbei um den Teich herum, brachte Charlotte durch seine stürmische Zärtlichkeit um ihr Gleichgewicht, packte Herry um den Leib und verschwand mit ihm auf dem Fahrweg. Charlotte lief kreischend und keuchend hinter dem schnellfüßigen Vollzieher des Strafgerichts drein, Rosa lag aufgelöst in neuer Ohnmacht, Herry reckte hilfeheischende, ach! so hilflose Arme gen Himmel, und ich bildete mir fast ein, ihn um Gnade flehen, Besserung geloben zu hören. Aber es war zu spät – der »Schwarze« hatte den Sünder geholt. Wenn auch weichmütige Seelen ihm ein paar Thränen nachweinen mochten, wer Herry wirklich gekannt hatte, mußte sich sagen – es geschah ihm recht.

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