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Das goldene Zeitalter

Kenneth Grahame: Das goldene Zeitalter - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
authorKenneth Grahame
titleDas goldene Zeitalter
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1900
translatorEmmy Becher
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140423
projectidab02cee4
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Ein weißgewaschener Onkel

In unserm kleinen Leben bildete immer der Tag ein Ereignis, an dem ein neuer Onkel aus der Stadt kommen sollte, um seinen Charakter und seine Geistesfähigkeiten von uns prüfen zu lassen – ein Reisezweck, dessen sich die guten Leutchen allerdings ganz und gar nicht bewußt waren. Frühere Onkel waren auf die Wage gelegt und – Gott sei's geklagt! – jämmerlich leicht befunden worden. Da war zum Beispiel ein Onkel Thomas, der gründlich Fiasko gemacht hatte. Nicht, daß er von Natur ein Bösewicht gewesen wäre, oder daß sein Benehmen ihn für anständige Gesellschaft unmöglich gemacht hätte, aber er schien von dem tief eingewurzelten Vorurteil besessen zu sein, daß Kinder einzig und allein dazu geboren werden, um die Zielscheibe für sinnlose Spässe der Erwachsenen abzugeben – wenigstens beutete das wiehernde Gelächter der Alten darauf hin, daß seine Reden witzig sein sollten. Wir wollten nicht ungerecht sein und dem Examinanten ehrliches Spiel gönnen, deshalb steckten wir zwischen Frühstück und Unterrichtsstunde im Geräteschuppen unsre Köpfe zusammen und gingen seine Redensarten der Reihe nach gelassen, eingehend, vorurteilslos durch. Es kam aber nichts dabei heraus, keiner von uns war im stande, auch nur einen Funken Witz darin zu entdecken, und da Onkel Thomas für gar nichts andres gelten konnte und wollte, als für einen Witzbold, so bedeutete der Ausspruch »humorlos« naturgemäß sein Todesurteil. Es that uns selbst leid, aber wir mußten ihn für einen hoffnungslosen Schwindler erklären.

Ein Onkel Georg, der jüngste von den Onkeln, kam uns zuerst entschieden vielversprechend vor. Er ließ sich willig und heiter in Haus und Hof herumführen, jeder einzelnen Kuh vorstellen und reichte dem Schwein kameradschaftlich seine Rechte, ja er machte sogar einige Andeutungen, daß eines Tags ganz unversehens rotäugige Himalayakaninchen aus London eintreffen könnten. Schon überlegten wir, ob in diesem fruchtbaren Boden beiläufig hingeworfene Bemerkungen über Meerschweinchen und Frettchen wohl Wurzel schlagen, Knospen und Früchte tragen würden, als unser »Fräulein« auf dem Schauplatz erschien. Wie gründlich und wie unvorteilhaft Onkel Georg sich dabei veränderte, spottet jeder Beschreibung. Seine Teilnahme für ein vernünftiges Gespräch war versiegt wie der Quell in der Wüste! Fräulein Smedley war angeblich nur erschienen, um Selina zu ihrem täglichen Spaziergang abzuholen, aber ich kann beschwören, daß Selina sich den ganzen Morgen mit dem Kutscherjungen und mir herumtrieb, während Fräulein Smedley, wenn überhaupt, sicher mit keinem andern Menschen spazieren ging als mit Onkel Georg.

So verwerflich er sich auch betragen hatte, auch ihm widerfuhr keine unüberlegte Verdammung. Sein Fehltritt wurde nach allen Seiten erwogen und beleuchtet, aber wir gelangten nur zu der schmerzlichen Ueberzeugung, daß dieser Onkel an angeborener »Minderwertigkeit« leiden müsse und an einem betrüblichen Hang zu niederer Gesellschaft. Wir, die wir Fräulein Smedley aus täglichem Umgang so genau kannten wie unser Lesebuch, wir waren doch wahrhaftig in der Lage, festzustellen, daß sie gar keine Reize, keinerlei Anziehungskraft hatte, überhaupt keine Eigenart außer Heftigkeit und Uebelwollen. Allerdings konnte sie Geburts- und Todesjahre aller englischen Könige am Schnürchen aufsagen, aber was sollte das einem Onkel frommen, der als Offizier über alle Bedürfnisse nach Schulweisheit erhaben war? Wir dagegen hatten ihm alle unsre Bogen und Pfeile zu uneingeschränkter Verfügung gestellt, und ein Soldat hätte doch wirklich nicht schwanken dürfen, was er vorzog. Nein – Onkel Georg war in Ungnade gefallen und mußte einstimmig verurteilt werden. Das gänzliche Ausbleiben der rotäugigen Himalayakaninchen gab späterhin Grund, auf alle Zeiten den Stab über ihn zu brechen. Onkel waren daher augenblicklich stark im Wert gesunken und ein wenig begehrter »toter« Artikel, immerhin kam man überein, einem jüngst aus Indien zurückgekehrten Onkel Wilhelm ebenfalls Gelegenheit zu freier Entfaltung zu geben. Dabei mochten uns auch romanhafte Möglichkeiten vorschweben, die so leicht zu verkörpern sind in einem Menschen, der das märchenhafte Morgenland betreten hatte.

Selina hatte mir – solch ein Mädchen ist sie nämlich – just im Flur einen kräftigen Puff ans Schienbein versetzt, und ich rieb gerade die beleidigte Stelle mit der einen Hand, ohne mir noch ganz klar darüber zu sein, daß die andre von dem zu besichtigenden Onkel bereits herzhaft geschüttelt wurde. Ein untersetzter, rotköpfiger, ältlicher Herr, der unverkennbar Nerven hatte, streckte jedem von uns die breite Tatze hin und fragte dann mit noch stärker gerötetem Gesicht und einem entschieden mißlungenen Anstrich von Herzlichkeit: »Na, Kinder, wie geht's? Freut euch wohl, daß ich da bin?«

Da wir in diesem ersten Stadium unsrer Bekanntschaft wirklich noch kein Urteil über ihn und unsre Gefühle haben konnten, begnügten wir uns, untereinander stumme Blicke auszutauschen, was nicht gerade zur Hebung der verlegenen Spannung beitrug. Während seines ganzen Aufenthalts hielt diese übrigens vor; die Wolke zerstreute sich nicht ein einziges Mal. Als wir später diesen Zustand erörterten, rückte einer von uns mit der Vermutung heraus, dieser Onkel müsse zu irgend welcher Zeit irgend ein ungeheuerliches Verbrechen begangen haben. Ich für mein Teil konnte nicht daran glauben, daß der Mann schuldbewußt sei, wenn er auch entschieden nicht glücklich war, denn ich ertappte ihn einigemal dabei, daß er uns mit offenbarem Wohlwollen ansah, wenn er dann auch freilich rot wurde und den Kopf abwandte, sobald er sich beobachtet wußte.

Als schließlich diese düstere Wolke unserm Gesichtskreis entschwunden war, hielten wir im Kartoffelkeller ein Schiedsgericht ab, bei dem nur Harold fehlte, weil ihm befohlen worden war, den Anverwandten nach der Bahn zu begleiten. Die öffentliche Meinung lautete einmütig dahin, daß der Mann als Onkel unannehmbar und unbrauchbar sei. Selina erklärte ihn sogar schlankweg für ein Ungeheuer, weil er uns nicht einmal einen halben Feiertag verschafft habe, und dagegen war wirklich kaum etwas einzuwenden. Schon waren wir nahe daran, zur Abstimmung über den Angeklagten zu schreiten, als Harold auf der Bildfläche erschien. Sein erhitztes Gesicht, die runden Augen und ein geheimnisvolles Grinsen bereiteten auf wichtige Enthüllungen vor, eine ganze Weile lang aber stand er stumm in unserm Kreis, dann zog er ganz langsam die Hand aus der Hosentasche und ließ uns auf ihrer nicht allzu reinlichen Fläche eins – zwei – drei – vier Halbkronenstücke sehen! Den Atem anhaltend, starrten wir in stummem Staunen wie verzaubert auf den unerhörten Reichtum – einen solchen Haufen Geld hatte keiner von uns je im Leben beisammen gesehen!

Jetzt erst schritt Harold zur Erläuterung.

»Ich hab' also den alten Kunden zur Bahn gebracht,« begann er, »und unterwegs hab' ich ihm alles erzählt von der Stationsmeistersfamilie, und wie ich den Portier unser Hausmädchen habe küssen sehen und was für ein netter Mensch er ist und gar nicht so aufgeblasen wie sonst Beamte, und noch mehr, wovon ich denken konnte, es werde ihn freuen. Er schien aber gar nicht recht acht zu geben, zog nur so aus und paffte seine Cigarre, und einmal war mir's – gewiß weiß ich's nicht, aber mir kam's so vor – als ob ich ihn vor sich hinbrummen hörte: ›Gott sei Dank, das wäre überstanden!‹ Und als wir dann zum Bahnhof kamen, blieb er mit einem Ruck stehen, schob mir das in die Hand, ganz hastig, als ob er Angst vor mir hätte, und sagte: ›Paß auf, Jüngelchen! Das ist für dich und die andern Rangen. Kauft euch, was ihr mögt, macht euch einen guten Tag, nur sagt ums Himmels willen den Alten nichts davon! So, nun brauch deine Beine und mach, daß du heimkommst ...‹ und ich spornstreichs davon, was ich laufen konnte.«

Feierliche Stille herrschte in der Versammlung, bis die kleine Charlotte zuerst wieder Worte fand.

»Ich hab's gar nicht gewußt,« bemerkte sie mit schwärmerischem Blick, »daß es so gute Menschen gibt! Hoffentlich stirbt der Onkel heute nacht, damit er gleich in den Himmel kommt.«

Die bußfertige Selina aber brach in Heulen und Zähneknirschen aus und konnte sich gar nicht darüber beruhigen, daß sie in ihrer Heftigkeit diesen Cherub von einem Anverwandten ein Ungeheuer genannt hatte!

»Ich will euch sagen, was zu geschehen hat,« erklärte Eduard, der führende Geist unter uns, die Sachlage wie immer überschauend und beherrschend. »Wir wollen das gefleckte Schwein nach ihm taufen, das einzige, wißt ihr, das noch keinen Namen hat – daran wird man sehen, daß es uns leid thut, ihn verkannt zu haben!«

»Ja, aber ... ich ... ich hab's heute früh schon getauft,« gestand Harold schuldbewußt, »nach dem Vikar hab' ich's getauft ... Es thut mir jetzt sehr leid, aber er kam gestern abend herüber und kegelte mit mir, als ihr alle schon ins Bett geschickt worden wart, und – und da war mir's, als ob ich ihm irgend etwas zuliebe thun müßte!«

»Das zählt ja gar nicht,« entgegnete Eduard, rasch besonnen, »weil wir nicht alle dabei waren. Ohne Taufzeugen gilt's gar nicht! Diese Taufe wird einfach widerrufen, und das Schwein heißt Onkel Wilhelm. Dem Vikar können wir beim nächsten Wurf eine Ehre anthun.«

Da dieser Antrag ungeteilte Zustimmung fand, schritt das hohe Haus sofort zur Ausführung seines Beschlusses.

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